ADHS kontrovers - Gerhild Drüe - E-Book

ADHS kontrovers E-Book

Gerhild Drüe

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Beschreibung

Eltern suchen oft jahrelang vergeblich Hilfe für ihr lernschwaches und verhaltensauffälliges Kind. Immer häufiger wird die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) gestellt und medikamentös behandelt. Kritiker warnen vor der medikamentösen Therapie und sehen die Ursachen für ADHS vorrangig in ungünstigen Umwelteinflüssen. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als Pädagogin und aus der Selbsthilfearbeit geht die Autorin den Gründen für diese oft tiefenpsychologisch motivierte Kritik nach. Sie stellt die Ursachen und Folgen der ADHS in einen Zusammenhang mit der Diskussion um erzieherische, schulische und gesellschaftliche Probleme. Mit zahlreichen authentischen Beispielen werden die großen Probleme ADHS-betroffener Familien dargestellt. Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Soziologen und Juristen sowie Laien finden in diesem Buch wertvolle Informationen, die sie bisherige Annahmen vielleicht hinterfragen lassen.

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Seitenzahl: 533

Veröffentlichungsjahr: 2006

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Eltern suchen oft jahrelang vergeblich Hilfe für ihr lernschwaches und verhaltensauffälliges Kind. Immer häufiger wird die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) gestellt und medikamentös behandelt. Kritiker warnen vor der medikamentösen Therapie und sehen die Ursachen für ADHS vorrangig in ungünstigen Umwelteinflüssen. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als Pädagogin und aus der Selbsthilfearbeit geht die Autorin den Gründen für diese oft tiefenpsychologisch motivierte Kritik nach. Sie stellt die Ursachen und Folgen der ADHS in einen Zusammenhang mit der Diskussion um erzieherische, schulische und gesellschaftliche Probleme. Mit zahlreichen authentischen Beispielen werden die großen Probleme ADHS-betroffener Familien dargestellt. Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Soziologen und Juristen sowie Laien finden in diesem Buch wertvolle Informationen, die sie bisherige Annahmen vielleicht hinterfragen lassen.

Gerhild Drüe war Hauptschullehrerin und ist Mitglied im 'ADHS-Forum Osnabrück'. Sie berät in der Selbsthilfe Eltern von Kindern mit ADHS.

Gerhild Drüe

ADHS kontrovers

Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikrofilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen oder sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

1. Auflage 2007 Alle Rechte vorbehalten © 2007 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN: 978-3-17-019086-3

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-022815-3

epub:

978-3-17-028046-5

mobi:

978-3-17-028047-2

Inhaltsverzeichnis

GeleitwortCordula Neuhaus

Vorwort und ein Bekenntnis

1 Zumutungen

1.1 Wechselwirkungen

1.2 Wer glaubt schon einer Mutter...

1.2.1 … ihr Umfeld?

1.2.2 … der Vater?

1.2.3 … die Profis?

Kinderarztpraxis

Kindertagesstätte

Frühförderung

Schule

Psychologische Beratung

1.3 Drei Beispiele

1.3.1 Eine Mutter berichtet: Benny und Christina

1.3.2 Eine Mutter berichtet: Jens

1.3.3 Eine Mutter berichtet: Nick

1.4 Und was passiert den Kindern?

1.5 Sprüche statt Diagnosen – typische Irrwege

2 Zur „Sache“ ADHS

2.1 Was ist die ADHS nicht?

2.2 Was ist ADHS? (ein kurzer Überblick)

2.2.1 Das Positive – nicht selten zu viel davon

2.2.2 Vieles ist klar, manches ist bewiesen, zu vieles ist noch unklar

2.2.3 Unruhe und Zappeln – nur ein Stein im Mosaik (ADHS + Komorbidität)

2.2.4 Von immerwährender „Pubertät“

2.3 Mädchen „von der Rolle“

2.3.1 Eine Mutter berichtet

2.3.2 „Chaosprinzessin“ und verträumter Knabe

2.4 Mit zwei Gesichtern

2.5 Grenzen der Erziehung

2.5.1 Ein Vater berichtet

2.5.2 Wenn man alles veröffentlichen dürfte …

2.6 Wie viele Menschen haben ADHS?

2.6.1 Gab es früher ADHS?

2.6.2 Gibt es heute mehr ADHS?

2.7 IQ und EQ

2.8 Des Menschen Wille …

3 Steine im Weg

3.1 Erziehungsratgeber allerorten

3.2 Von Sigmund Freud zu einer tiefenpsychologisch denkenden Gesellschaft

3.2.1 Von Henne und Ei und von Teufelskreisen

3.2.2 Anlage-Umwelt-Diskussionen

3.2.3 Mütter im „magischen Auge“

3.2.4 „Weil“ – das Zauberwort der „Psycho-Logik“

3.2.5 Notfalls: self-fulfilling-prophecy

3.2.6 Vom Vorbild lernen – wenn man kann

3.2.7 Aggression, Gewalt und Theorien mit Beständigkeit

3.3 Immer wieder: „Motherhunting“

3.4 Wurzeln eines Dilemmas

3.4.1 Exkurs in fragwürdige Wissenschaft

3.4.2 Schatten unseliger Vergangenheit

3.5 Von der Unumkehrbarkeit einer Überzeugung – Wie viel Beweis ist nötig?

3.5.1 Im Weltbild gefangen

3.5.2 Klüfte

4 Knackpunkt MPH (z. B. Ritalin®)

4.1 Eine Mutter berichtet

4.2 (K)ein Kuriosum – eine Therapiemöglichkeit bewirkt die Leugnung einer Krankheit

4.3 MPH – Droge, Wundermittel, Medikament?

4.4 Bedenken

4.5 Verdächtigungen

4.6 Verharmlosungen

4.7 Einmal gedruckt – für immer in der Welt

4.7.1 Medien und die Ausgewogenheit

4.7.2 Sprachjongleure

4.8 Unklare Motive

4.9 „Medikamente nein!“ – doch was bleibt stattdessen?

4.9.1 Vorbeugen – der ganz heiße Tipp

4.9.2 Neue Erkenntnisse – bittere Einsichten

5 Sackgassen

5.1 Über verlorene Kinder

5.2 Vier Beispiele

Beispiel 1

Beispiel 2

Beispiel 3

Beispiel 4

5.3 Auf schmalem Grat

Eine Mutter berichtet

6 Im Brennglas Schule

6.1 Schlüsselpositionen

6.1.1 Eine Mutter berichtet

6.1.2 Wissenslücken

6.1.3 Eine Erzieherin berichtet

6.1.4 Wenn der Schein trügt

6.1.5 Elternsprechtag – Elternstresstag

6.2 ADHS und die Schulpädagogik

6.2.1 Schulversagen – damals wie heute?

6.2.2 Ein Beispiel aus der Schulpolitik

6.2.3 Erziehungsziele auf dem Prüfstand

Selbstständigkeit

Mündigkeit

Kritikfähigkeit

6.2.4 Ein gutes Fundament braucht Zeit

6.2.5 Gescheit gescheitert

6.2.6 Zum Beispiel: Legasthenie/Dyskalkulie

6.2.7 Urteile

Zum Beispiel: Zensuren

Zum Beispiel: Zeugnisse

Zum Beispiel: Schulverweis

6.3 Meinungsmarkt der Fachleute/Lehrerverbände

6.4 Lichtblicke

6.4.1 „Jutta“ in der humanen Schule

6.4.2 Wer ADHS kennt, kann sie auch erkennen

6.5 Von der Erkenntnis zur Praxis

6.5.1 Über Hausaufgaben

6.5.2 Hausaufgaben – ein Lehrer-Eltern-Projekt

6.6 Und was kommt nach der Schulzeit?

7 Wünsche

Hilfreiche (Internet-)Adressen

Literatur

Geleitwort

Das mutige Buch von Frau Drüe setzt sich aus Elternsicht und aus der Erfahrung in der langjährigen Hilfearbeit mit dem gerade in jüngster Zeit eskalierenden Dilemma auseinander, dass zwar in der seriösen internationalen wissenschaftlichen Forschung immer besser belegbar wird, dass ADHS eben mehr ist als ein „deskriptives klinisches Konstrukt“, eine „Modediagnose“ o. Ä., die Akzeptanz des Störungsbildes jedoch vielerorts noch immer nicht gegeben ist.

„Kompetenznetzwerke“ und „Qualitätszirkel“ sind angedacht und werden von Fachleuten regional mit z. T. qualitativ sehr großen Unterschieden durchgeführt. Nach wie vor und leider derzeit sogar vermehrt müssen Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher aber auch heute noch qualvolle ärztliche und psychotherapeutische diagnostisch-abschließende Gespräche, „runde Tische“, „Hilfeplangespräche“, „Beratungsstunden“ sowie Unterredungen mit Lehrern aushalten. Mit „klinischen (Schnell-)Diagnosen“, manchmal mit Einschätzung nur durch den „klinischen Blick“, wissen „Fachleute“ immer wieder, dass die markanten Symptome aus „unsicheren Bindungen“, „frühen Traumatisierungen“ und natürlich vor allem aus Erziehungsfehlern (gar „Vernachlässigung“ durch elterliches Desinteresse) resultieren.

In der eigenen täglichen Praxiserfahrung im Umgang mit solchen Familien seit 25 Jahren und im Gespräch mit ärztlichen und psychotherapeutischen Kollegen/innen, die denselben Behandlungsschwerpunkt haben, muss immer wieder erschüttert festgestellt werden, welche Odysseen Betroffene mit ADHS auch heute noch durchlaufen müssen.

In den Selbsthilfegruppen wird die Besorgnis groß, dass zunehmend die Versicherungsgesellschaften (u. a. private Kranken-, Lebens-, aber auch Berufsunfähigkeitsversicherungen) ADHS als Ausschlusskriterium betrachten. Alarmierend wirkt jedoch vor allem, dass mancherorts Eltern von schwierigen Kindern von der Schule oder vom Jugendamt sofort eine vollstationäre Behandlung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie empfohlen wird, wo dann nach Wochen oder Monaten die beste Fortsetzung in einer ebenfalls stationären Jugendhilfeeinrichtung als indiziert erscheint.

Durch ein Modernisierungsgesetz der Jugendhilfe wird der Zugang zu effektiven, wesentlich weniger belastenden und viel kostengünstigeren ambulanten Maßnahmen seit Sommer 2005 indes erschwert oder z. T. verhindert.Es ist kein unrealistisches Horrorszenario, das Gerhild Drüe in ihrem kritischen Werk engagiert darlegt, sondern schlicht Alltagsrealität: In noch viel zu vielen Beratungsstellen wird interpretiert, bewertet, aber zielführende Hilfestellung bleibt aus. Sozialarbeiter, Familienhelfer, aber auch viele Psychotherapeuten lassen ADHS „außen vor“ oder sind empört, dass erfahrene Diagnostiker oder Behandler nicht „eine andere Sichtweise“ akzeptieren können.

Leider erfahren Kinder und Jugendliche mit ADHS nach wie vor nicht nur häufig regelrecht traumatisierende Bloßstellung und Bestrafung im Kindergarten, der Schule und im sozialen Umfeld, sondern auch Ausgrenzung mit dann oft nicht nur wenig nutzbringender, sondern z. T. auch schädlicher Fehlbehandlung.

Für die Offenlegung solcher Abläufe, das Benennen der Missstände erhält man ganz sicher nicht von allen breite Anerkennung – wie dies u. a. die Reaktionen auf Judith Harris hervorragend analysierendes und gut mit Datenmaterial belegtes Buch „Ist Erziehung sinnlos? Die Ohnmacht der Eltern“ 2000 zeigten.

Dem Werk von Gerhild Drüe wünsche ich weite Verbreitung in der großen Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere „Skeptiker“ nachdenklich wird, der eine oder andere Berater angeregt wird, mehr „zuzuhören“, sich eingehender mit ADHS zu beschäftigen, und nicht zuletzt Eltern den Mut finden, auch bei Fachleuten kritisch zu hinterfragen und/oder sich bei z. T. überraschend schnellen Bewertungen oder gar „Schuldzuweisungen“ abzugrenzen.

Esslingen, im Herbst 2006

Cordula Neuhaus

Vorwort und ein Bekenntnis

„Könnten Sie das einmal aufschreiben?“, entfuhr es mir spontan, als eine Mutter mit ihren Erzählungen aus ihrem Familienleben fertig war. Das Treffen der Selbsthilfegruppe hatte länger gedauert als geplant, weil auch die anderen Frauen und der einzige Mann in der Runde den Grund für ihre Teilnahme darlegen wollten. Doch die Erzählung dieser Mutter erschien wohl allen, obwohl selber von zu Hause allerhand gewohnt, wie purer Horror. Am Morgen danach fasste ich den Entschluss zur Veröffentlichung der vielfältigen Erfahrungen aus der Perspektive von Müttern bzw. Eltern.

„Mir glaubt keiner, was ich mit unserem Kind durchmache. Ich kann nicht mehr!“ – Diesen Satz höre ich von Müttern in ähnlich lautender Form immer wieder. In den Anrufen vieler verzweifelter, mir unbekannter Mütter, denen manchmal die Stimme versagt, weil sie ihre Tränen kaum mehr zurückhalten können, in den freimütigen Schilderungen von Eltern, die erstmals den Weg in die Selbsthilfegruppe gefunden haben, treten jahrelange schmerzliche Erfahrungen mit Problemen zu Tage, die wohl nur mit elterlicher Liebe und täglich neu erfundener Hoffnung zu ertragen sind.

„Die Auswirkungen einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) kann man sich nicht vorstellen – man muss sie erleben!“(Aussage einer Ärztin und betroffenen Mutter)

Wenn man ein allem Anschein nach gesundes Kind mit viel Zuwendung und Geduld „richtig“ erzieht und fördert, nicht verwöhnt oder vernachlässigt, ihm Grenzen setzt und so weiter, dann müsste dieses Kind sich ähnlich wie seine Altersgenossen entwickeln, so dachte auch ich. Meine Arbeit in der Hauptschule hatte dieser Weltsicht zwar einige Trübungen verpasst, jedoch waren ja im Zweifel meist eine ungünstige Sozialisation, mangelnde Erziehung oder Belastungen wie Scheidung, Geschäftshaushalt, Fernsehkonsum, Konsum überhaupt oder Schulfrust als Ursache für Verhaltensauffälligkeiten auszumachen.

Ob wir professionell mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ob wir mit oder ohne Kinder leben – wir glauben zu wissen, wie man Kinder zu erziehen hat. Wir fühlen uns deshalb auch berechtigt, wenn wir ein auffälliges Verhalten bei Kindern beobachten, daraus Rückschlüsse auf die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu ziehen: Wir erlauben uns ein Urteil – ein Vorurteil. Doch wohl erst das hautnahe Erleben, das persönliche Betroffensein durch die ständige und intensive Beziehung zu einem jungen oder erwachsenen Kind mit ADHS, nur das Durchleben aller möglichen und unmöglichen Situationen lässt uns begreifen, dass es auch ganz anders sein kann als wir vorher gedacht haben.

ADHS zerrüttet Familien, lässt Schulversagen, Süchte, manchmal sogar Verwahrlosung, Kindesverwahrlosung, Kriminalität und sogar Selbsttötung folgen. ADHS wirkt in alle Bereiche der Gesellschaft hinein, angefangen von der Privatheit der Familie bis in die höchsten Gefilde von Politik, Wirtschaft und Kultur. ADHS ist keine Modediagnose, keine Kinderkrankheit, keine Fernsehfolge und keine Ausrede für erziehungsschwache Mütter und Väter. Die ADHS wirkt widersprüchlich und ist schwer zu begreifen. Sie kann durchaus auch helfen, auf der Karriereleiter erfolgreich zu sein.

Gesellschaftliche Missstände werden oft als Grund für Verhaltensauffälligkeiten beklagt; sie sind ihrerseits aber nicht selten durch ADHS verursacht. Deshalb ist es so wichtig für unsere Gesellschaft, ADHS in ihren verschiedenen Ausprägungen und in ihren Auswirkungen zu begreifen. Schuldzuweisungen an Eltern, besonders an die Mütter, wirken umso schmerzlicher, je schwerer ein Kind von der ADHS und ihren Begleiterkrankungen betroffen ist. Deshalb liegt der Schwerpunkt dieses Buches auch verstärkt auf dieser Gruppe der ADHS-Betroffenen. Es geht oft um viel mehr als „nur“ Unaufmerksamkeit und Zappeln. Manchen Lesern1 mögen die dunklen Seiten im Zusammenhang mit ADHS zu stark betont erscheinen – jedoch: die ADHS ist keine vorübergehende „Kinderkrankheit“ und erst recht nicht harmlos.

In diesem Buch finden mündliche wie auch ausführliche, speziell zur Veröffentlichung gedachte schriftliche Berichte und in der Telefonberatung geschilderte Situationen von Eltern ihren Niederschlag. Um die Anonymität der Familien zu wahren, sind die Namen erfunden. Die Berichte sind authentisch und stilistisch kaum verändert – sie dramatisierend aufzupolieren gab es keine Notwendigkeit.

Die in manchen Kapiteln vorherrschende Betonung der Mütter von Kindern mit der ADHS entspringt der Beobachtung, dass in der Regel die Mütter die größte Last im Zusammenleben mit dem erkrankten Kind tragen und auf der Suche nach Hilfe die Aktiveren sind, dass sie oft ohne wesentliches Zutun der Väter oder sogar gegen deren Willen Hilfe suchen – und sie zu ihrem Glück immer häufiger finden.

Sollte ein Leser Anregungen zur Verbesserung haben, würde ich mich über eine Rückmeldung sehr freuen.

Dieses Buch widme ich den Müttern und Vätern, die sich aus liebevoller Fürsorge für ihr Kind mit unerkannter Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) auf den Weg gemacht hatten, um Hilfe für ihr Kind zu suchen, aber statt diese Hilfe zu finden, häufig mit vielen Vorurteilen konfrontiert wurden.

Dank schulde ich den vielen Eltern, die mir am Telefon und in den Treffen der Selbsthilfegruppe ihre Erfahrungen mitgeteilt haben. Sie haben mir das große Spektrum der ADHS-Betroffenheit veranschaulicht und meinen Blickwinkel auf die Problematik erweitert

Mein ganz besonderer Dank gilt den Eltern, die trotz aller täglichen Mühen „ihre Geschichte“ aufgeschrieben oder erzählt haben mit dem Ziel, sie in diese Veröffentlichung einfließen zu lassen.

Für viele gute Gespräche und für die konstruktiv-kritische Durchsicht des Manuskripts danke ich Britta, Karin und insbesondere meinem Mann Ulrich.

Nicht zuletzt danke ich dem Kohlhammer-Verlag, der mir die Veröffentlichung meines Manuskripts ermöglicht hat, namentlich Herrn Dr. Ruprecht Poensgen und Frau Alina Piasny für die angenehme Zusammenarbeit.

1 Im Hinblick auf eine bessere Lesbarkeit wird im Folgenden zumeist die männliche Form verwendet. Es werden jedoch grundsätzlich Personen beiderlei Geschlechts angesprochen.

1 Zumutungen

1.1 Wechselwirkungen

„Erziehung ist nicht kinderleicht“ – wie selbstverständlich wissen wir darum, und wir meinen damit die alltäglichen Probleme, die mit dem Alter der Kinder und Jugendlichen einem Wandel unterworfen sind und die Eltern auch schon hin und wieder zur Verzweiflung bringen oder in Wut versetzen können. Wer indes annimmt, dass Kinder mit einer ausgeprägten Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) lediglich etwas mehr Nervenstärke auf Elternseite benötigen als Kinder ohne ADHS oder eine andere schwerwiegende chronische Erkrankung oder Behinderung, der (oder die) verkennt die Vehemenz, oft Dramatik, mit der sich der Alltag in vielen von einer ADHS geprägten Familien ereignet. Wie verheerend sich die ADHS-Problematik mit entsprechenden Begleitstörungen ohne adäquate Therapie für die Betroffenen selbst und für ihre Familie auswirken kann, das wissen jene, die es erleben.

Speziell zu betrachten sind hochproblematische Familiensituationen aufgrund starker und komorbider ADHS-Betroffenheit beider Eltern, was Thema der entsprechenden Fachdisziplinen werden muss.

Wie noch auszuführen sein wird, zeichnet sich die Störung dadurch aus, dass es ein überaus großes Spektrum an Verhaltensweisen der Betroffenen gibt, die jeweils ein ganz individuelles Charakterbild eines Menschen zeichnen, was leicht zu der Annahme führen kann, dass dieses Kind und jener Jugendliche nicht unter demselben Grundproblem leiden können. Die verträumte und die hyperaktive Form der ADHS seien hier nur beispielsweise als Gegenpole genannt, wie auch die Ausprägung eine leichte und eine sehr schwere sein kann und die komorbiden Störungen (Begleiterkrankungen) viele oder wenige, starke oder schwächere sein können. Dass auch eine niedrige oder besonders hohe Intelligenz im Verbund mit der ADHS Probleme besonderer Art hervorrufen kann, ist bekannt. Insbesondere eine (schwere) oppositionelle Störung des Sozialverhaltens mit (starker) Neigung zur Aggression bei kleinen und großen ADHS-Kindern, die vielleicht schlimmste Ausprägung der Aufmerksamkeitsstörung, kann das Familienleben in einen Abgrund ziehen.

Der Blickwinkel aus Elternsicht zeigt, dass die Ausprägung der ADHS-Betroffenheit des Kindes bzw. der familiäre Leidensdruck die Schwere der seelischen Verletzungen bedingen kann. Dies sind nicht nur die Verletzungen, die Eltern durch ihr Kind erfahren und Kinder durch ihre Eltern, sondern auch Kränkungen aus professionellem, aber ADHS-unkundigem Mund. Was die Verletzungen der Eltern betrifft, scheint ein großes Ungleichgewicht zwischen Vätern und Müttern durchaus üblich zu sein: Nicht nur das Kind teilt in Richtung Mutter kräftiger aus, sondern auch die Kränkungen, die bei falschen Diagnosen auf die Mutter abzielen, sind geradezu sprichwörtlich, wie die vielen Berichte von Müttern in der Selbsthilfegruppe immer wieder belegen.

Dabei mag es eine größere Verwundbarkeit der Mütter sein, eine größere Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, oder eine größere Bereitschaft, sich beschuldigt zu fühlen oder eine Schuld bei sich selbst anzunehmen – Mithilfe von Studien könnte man dies vielleicht herausfinden. Deutlich ist, dass der Leidensdruck einer Familie meist von den Müttern in aktive Suche nach Hilfe umgesetzt wird, was sich in den regelmäßigen Treffen der Selbsthilfegruppen widerspiegelt. Dementsprechend arbeiten in der Selbsthilfe meist Frauen aktiv mit. Diesem Ungleichgewicht liegt vermutlich auch die Berufstätigkeit der Väter zu Grunde, was deren Passivität ein wenig entschuldigen mag.

Die Eltern schwer betroffener ADHS-Kinder sind physisch wie psychisch in einer Weise belastet, die von außen kaum realistisch eingeschätzt werden kann, denn das Zuhause bildet in erster Linie den Rahmen für die vielen unschönen, teilweise haarsträubenden Szenen, die vor über 150 Jahren der Nervenarzt Heinrich Hoffmann in seinem „Struwwelpeter“ in Verse und Bilder gefasst hat.

„Es hört nie auf!“, bemerkt, durchaus ohne Resignation, eine kompetente und engagierte Pflegemutter von vier Kindern, alle mit sehr verschieden ausgeprägter ADHS, weil nach einem Problem, dessen Lösung noch nicht in Sicht ist, sich schon das nächste ereignet.

Insbesondere das hyperaktive Kind, der hyperaktive Jugendliche mit ADHS und einer Störung des Sozialverhaltens verlangt täglich mehr, als eine „gute“ Mutter, ein „guter“ Vater leisten kann, was auch immer man unter „guten“ Eltern verstehen mag. Manches ADHS-Kind „verdirbt“ sich ohne Absicht seine Eltern, die doch in einer gewissen Harmonie mit ihrem Kind leben möchten, sich aber täglich zu Reaktionen gezwungen sehen, die sie eigentlich ablehnen. Manche liebesfähigen und eigentlich starken Eltern, die Jahre mit ihrem schwer betroffenen Kind zusammenleben, das mit zunehmendem Alter immer härter und verschlossener wird, wissen vielleicht irgendwann nicht mehr, ob sie ihr Kind überhaupt noch wirklich lieben können. Für Außenstehende müsste es vollkommen unverständlich sein, wenn Eltern diesen Gedanken aussprechen würden.

„Ich habe Angst vor meinem 18-jährigen Sohn“, gesteht eine Mutter ihrer Schwester, „aber ich versuche, ihn das nicht merken zu lassen“. Sie will eigentlich nicht mehr mit dem jungen Mann zusammenleben, aber sie weiß, dass er alleine völlig unfähig ist, sein Leben zu organisieren.

„Wenn mein Sohn nicht seine Medikamente bekäme, dann hätte ich heute wahrscheinlich Angst vor ihm“, sagt die Mutter eines oppositionellen Jugendlichen, der zu verbaler Aggression und zu Wutausbrüchen neigt. Sie sagt, dass sie, seitdem er 14 war, eine immer größer werdende Distanz zu ihm verspüre. Dem Psychologen, der anscheinend ergebnislos jahrelang eine Verhaltenstherapie bei dem Jungen durchführte, schrieb sie anfänglich in den Fragebogen darüber, was sie sich von der Therapie erhoffe: „dass die Liebe nicht verloren geht“. Heute berichtet sie von ihrem Gefühl, dass ihre Mutterliebe vielleicht doch schon am Schwinden ist. Ihre Mühen am großen Kind sind eher zur Erfüllung ihrer Pflicht als Mutter geworden, und sie sieht wie ihr Partner mit großer Sorge in die Zukunft des Sohnes.

Eltern, die ihr Kind bereits ans Gefängnis verloren haben, fühlen sich zerrissen zwischen Liebe und tiefster Enttäuschung – Hass? Sie wissen es vielleicht selber nicht. Eine schwere Ausprägung der ADHS beim Kind belastet die Eltern-Kind-Beziehung und die Paarbeziehung schwer. Sie formt die Erwartungshaltung und Verhaltensweisen der Eltern, die wiederum das Kind belasten. Es entsteht eine Kommunikation, die anders ist als in anderen Familien. Enttäuschung ergreift Besitz von Eltern, die sich einmal so sehnlichst ein Kind gewünscht haben …

Besonders nichtberufstätige Mütter, entsprechend Väter, in noch größerem Maß allein erziehende Mütter mit einem ADHS-Kind, sind in Gefahr zu vereinsamen. Sie können seltener als andere Eltern berufstätig sein oder persönlichen Interessen nachgehen, weil das stärker betroffene Kind auch später noch den ganzen Tag ein hohes Maß an Zuwendung, Aufmerksamkeit und Kontrolle braucht, so wie andere Kinder mit ein, zwei oder fünf Jahren – denn es ist stets mit allerlei Unfug zu rechnen. Kontakte zu anderen Eltern, die sie über Kindergarten oder Grundschule kennen lernen, bleiben flüchtig. Nach einem ersten oder zweiten Besuch hat nicht nur das fremde Kind genug von den Regelverletzungen des ADHS-Kindes, auch dessen Eltern finden zu wenig Positives an dem Treffen, um es wiederholen zu wollen. Die Interessen besonders der Mütter von Kindern mit ADHS liegen brach, sodass ihnen auch die notwendigen Erholungsphasen für Leib und Seele fehlen.

Gemeinsamen Einladungen folgt über viele Jahre, wie bei Eltern kleiner Kinder, oft nur ein Elternteil, denn sie haben niemanden auf Dauer, der auf ihr Kind aufpasst – nach kurzer Zeit stellen Babysitter fest, dass sie dieses Kind nicht zur Ruhe bekommen. Auch sie sind bald überfordert. Nicht selten meiden Nachbarn und Freunde bald den ehemals gewohnten Kontakt, denn der kleine und bald der große Störenfried wird doch zunehmend lästig und unangenehm, insbesondere wenn die Störung des Sozialverhaltens frühzeitig zu erkennen ist. Vielleicht fühlt man sich nun auch unangenehm berührt durch das Erziehungsverhalten der Mutter oder des Vaters, mit dem etwas unfreundlich wirkenden, nicht mehr so liebevoll klingenden, häufig ermahnenden Ton dem Kind gegenüber.

Die mütterlichen Kraftreserven sind nach wenigen Jahren, je nach der Art und der Schwere der Betroffenheit des Kindes und je nach der Konstitution der Mutter erschöpft. Sie fragt sich schon lange: Was habe ich nur falsch gemacht? Bluthochdruck oder eine reaktive Erschöpfungsdepression, nach außen vielleicht noch mit antrainiertem Lächeln kaschiert, folgt bei vielen, die, sich mühsam von einem Tag zum nächsten hangelnd, hoffen: Vielleicht kommt bald der Verstand bei diesem Kind, und dann wird es besser … Diese totale Überforderung und in deren Folge auch Aggression münden in einen fatalen Teufelskreis: Gerade dieses Kind, das so besonders feste Grenzen, ständiges Kümmern, Kontrollieren, erneutes Nachsetzen und auch Nachsicht braucht, dazu viel, viel Geduld und Zuwendung, Lob und freundliche Bestätigung, es saugt die Energien der Mutter aus und sorgt so womöglich dafür, dass ihre bisher intensive Erziehungsarbeit schwächer wird und es vielleicht zu einer gewissen Resignation kommt, insbesondere wenn sie selbst ADHS-betroffen ist. Eine Verstärkung der Symptomatik ist dann beim ADHS-Kind unausweichlich, und es verbreitet immer mehr Chaos. Das Kind will endlos Aufmerksamkeit, aber es bekommt immer „zu wenig“, mit der Zeit vielleicht sogar immer weniger, insbesondere dann, wenn mehrere (ADHS-)Kinder und ein ADHS-Partner die Mutter überbeanspruchen.

Deutlich wird oft, dass Beziehungsprobleme in der Familie mit einem schwerer betroffenen ADHS-Kind Sekundärfolgen der ADHS sind, die dann symptomverstärkend auf das Kind zurückwirken: Freudlosigkeit, häufiger Streit und Unfrieden mit der typischen Aggressionsspirale, nicht selten Trennung, besonders bei selbst betroffenen Eltern.

Eltern greifen vielleicht irgendwann zu Erziehungsmethoden, die sie eigentlich ablehnen: Sie schreien ihr Kind an, sie zerren und schütteln es, damit es doch endlich reagiere und gehorche, sie schlagen es sogar, vielleicht erst nur ein Klaps, doch da das auch nicht hilft, wird vielleicht mehr daraus. Das hilft zwar auch nicht, aber die Nerven liegen blank, und Mutter und Vater schauen in Abgründe ihrer Seele, wo sie nie geahnte Aggressionen spüren. Erschrocken über sich selbst, beginnen sie sich zu schämen, nehmen sich vor, die Geduld nicht mehr zu verlieren …

Eine der schlimmsten Aussagen von Eltern ihrem Kind gegenüber ist die Androhung von Trennung oder dass sie es nicht (mehr) lieben oder dass sie es gar nicht mehr haben wollen. In schwer betroffenen Familien geschieht solches vermutlich viel zu oft. Kein Außenstehender wird verstehen und akzeptieren können, dass eine verzweifelte Mutter ihrem aggressiven Sohn sagt: „Wenn das nicht aufhört, dann musst du in ein Heim, ich halte das nicht mehr aus …“. Und sie hofft, dass diese nicht als Drohung, sondern aus Verzweiflung gemachte Aussage etwas im Kind bewegen kann.

Glücklicherweise können gemütvolle ADHS-Kinder wenigstens dafür sorgen, dass Mutter und Vater immer wieder mal ein Trostpflaster bekommen, eine spontane Entschuldigung, den leider oft vergeblichen Vorsatz, es nie wieder tun zu wollen. Die Eltern-Kind-Beziehung erfährt wieder eine kleine Stärkung, und die Eltern schöpfen Kraft für den nächsten Tag.

1.2 Wer glaubt schon einer Mutter...

1.2.1 … ihr Umfeld?

Hinweise aus der eigenen Familie und aus dem Freundeskreis sind leicht dazu angetan, die Mütter als die in der Regel erste Bezugs- und Erziehungsperson des ADHS-Kindes zu kränken. Oft reichen auch bereits vage Andeutungen, um die Mutter in eine Verteidigungsstellung zu bringen. So stößt denn auch der Hinweis einer klugen Großmutter: „Der Junge ist hyperaktiv“ bei seiner Mutter auf reflexartige Abwehr: „Der hat nur mehr Temperament“. Auch wenn die Mutter schon länger fühlt, dass wohl „irgendetwas mit dem Kind nicht stimmt“, so stellt sie sich doch erst einmal schützend vor ihr Kind, das sie nicht schlechtreden lassen will. Sie ist wie der Vater doch auch stolz auf dieses Kind, denn es besitzt ja Eigenschaften, über die sie sich freut und die zeigen, dass allerlei in ihm steckt: vielleicht die originellen Ideen, seine intelligenten Fragen, die Offenheit für Neues, die Ausgelassenheit, vielleicht sein besonders hübsches Aussehen oder sein Charme …

„Die Umwelt signalisiert den Eltern voreilig und häufig unbedacht: ‚Ihr seid erziehungsinkompetent und habt ein grässliches Kind‘“, schreibt von Voss (2002, S. 15).

Mehr als Väter ernten Mütter von Seiten der eigenen wie auch der angeheirateten Familie sehr bald offene Vorwürfe, die dazu führen können, dass sie niemanden mehr hat, mit dem sie ihre Sorgen besprechen kann. Wird deutlich gemacht, dass die Mutter das Kind „doch wohl nicht so richtig erzieht“, ist es für sie schwer, argumentativ dagegenzuhalten. Sie hat ja nichts in der Hand als ihre vielleicht schon längst gehegte Ahnung, dass da etwas Rätselhaftes, vielleicht Unfassbares ist, das sie nicht in ihr bisheriges Bild von Kindern und Kindererziehung einordnen kann.

Vielleicht äußert die Mutter Außenstehenden gegenüber ihre Ansicht, dass das unerträgliche Verhalten ihres Kindes doch wohl krankheitsbedingt sein müsse und dass sie dem Problem auf den Grund gehen möchte, dann ist dies jedoch wiederum geeignet, sie selbst weiter in Misskredit zu bringen, denn sie dichtet ihrem Kind ja nun eine Krankheit an, weil sie unfähig ist, mit ihm klarzukommen. Man konnte die Unruhe ja schon merken, als das Kind gerade auf der Welt war …

Mütter tauschen ihre Gedanken, Erfahrungen und Sorgen gerne mit anderen Müttern aus der Bekanntschaft aus oder mit den Müttern, die sich in Mutter-Kind-Gruppen regelmäßig treffen. Im Beisein „dieses“ Kindes ist der Gedankenaustausch schwierig, schon allein die Teilnahme an der Gruppe, denn ihr Kind eckt früh bei den anderen Kleinen an, ist vielleicht nicht gruppenfähig, aggressiv und furchtbar laut und verhält sich regelwidrig – es stört. Bald fühlt sich die Mutter fehl am Platze und gewinnt vor den Augen anderer Mütter nicht wie diese die gewisse Ruhe und Selbstsicherheit im Umgang mit ihrem Kind. Sie merkt bald oder sie vermutet es vielleicht nur, dass man sie als Mutter doch eher abschätzig betrachtet, zumal insgeheim innerhalb einer solchen Gruppe leicht ein Konkurrenzdenken um sich greifen kann: Mein Kind kann schon alleine sitzen, ihr Kind ist noch immer nicht trocken, wieso schläft dein Kind denn nachts immer noch nicht durch? Und so weiter. Die Mutter des ADHS-Kindes stellt sich schon lange die Frage, was da mit ihrem Kind vor sich geht, auf das sie so wenig erfolgreich einwirken kann.

Insbesondere eine Störung des kindlichen Sozialverhaltens führt dazu, dass Freunde, Nachbarn, bekannte Eltern aus Kindergarten oder Schule den Kontakt zu den Eltern dieses Kindes bald stillschweigend oder eindeutig kommentierend abbrechen. Vielleicht nehmen sie einen Kontakt gar nicht erst auf: „Wenn die so ihr Kind erziehen, dann soll unser Kind dort nicht auch noch allen Unfug lernen“.

Bei der ADHS zeigt sich nicht selten, wer die wirklichen Freunde sind. Auch wenn’s schwer fällt, das Kind zu ertragen – gute Freunde bemühen sich, den Kontakt zu den Eltern zu halten, weil sie es ihnen wert sind.

1.2.2 … der Vater?

Wenn in diesem Kapitel vorrangig von den Müttern die Rede ist, so hat das einen realen Hintergrund: die enttäuschenden Erfahrungen vieler Mütter mit ihren Ehemännern oder Lebensgefährten. Auffallend viele allein erziehende Mütter, denen der Erzeuger ihres hyperaktiven Kindes nicht lange nach dessen Geburt oder auch schon vorher die Partnerschaft aufgekündigt hat, suchen Rat am Selbsthilfetelefon und bei den professionellen Helfern. Gar nicht selten bringen Frauen, die Bücher über die ADHS gelesen haben, zur Sprache, dass ihr „Ex“ sehr gut in das Bild des erwachsenen Hyperaktiven passt.

Mütter berichten, manchmal mit Tränen in der Stimme, über ihr Kind und die Folgen: Bevor das Kind da war, führte man eine „normale“ Partnerschaft, freute sich gemeinsam auf das Kind. Und nun ist es da und quält die Eltern vielleicht mit seinem extrem häufigen und lauten Geschrei, vielleicht mehr mit seiner Unruhe und Ungeduld oder mit seiner Wut und seinem tyrannischen Verhalten.

Viele Väter, zum Glück nicht alle, sind dem häuslichen Terror anscheinend noch weniger gewachsen als die Mütter: Sie entwickeln clevere Vermeidungsstrategien. Die Bandbreite väterlicher Fluchtburgen ist groß: der Beruf, der nun mehr Zeit und Energie kostet als früher, das Hobby oder das Ehrenamt, das fast jeden Abend und an den Wochenenden bedient werden muss, der Einkauf eines Zubehörteils oder der „kurze“ Besuch, der mal eben gemacht werden muss: Der Vater braucht eben seinen Ausgleich für die Lasten, die sein Beruf mit sich bringt, und es ist verblüffend, wie sehr manche in der Lage sind, sich selbst bei Anwesenheit aus dem unangenehmen Familienleben auszuklinken. Fernseher, Computer und Internet leisten dabei gute Dienste. Es scheint bisweilen, als fehle so manchem Vater die Möglichkeit, diese belastende Andersartigkeit seines Kindes überhaupt wahrzunehmen bzw. sie richtig einzuordnen. Dass vielfach die Väter es sind, die selber von einer Hyperaktivität betroffen sind, mag nicht selten auch die Diskrepanz zwischen der Realität des Kindesverhaltens und subjektiver väterlicher Wahrnehmung erklären. So verwundert es nicht, dass der Vater irgendwann, nachdem sich seine Ehefrau oft genug über seine mangelnde Unterstützung beklagt oder „genörgelt“ hat, ihr zu verstehen gibt, dass sie „das Kind ja auch nicht richtig erzieht“. Geradezu entwürdigende Vorwürfe hören Mütter bisweilen von ihrem Partner.

Zumindest tun sich viele Väter schwer, die Entwicklungsschritte und die Verhaltensweisen ihres Kindes mit allen Auffälligkeiten besonders in den frühen Jahren, wahrzunehmen und zu schildern. Von ihren Ehefrauen erhält man, auch ohne viel Fragen zu stellen, oft eine so deutliche Darstellung der auffälligen Eigenschaften ihres Kindes, als ob sie Fachbücher über die ADHS gelesen hätten. Russel A. Barkley (2002, S. 176) meint hierzu: „Es ist an der Zeit, dass Väter und männliche Fachleute sich darüber klar werden, dass Kinder, und insbesondere Kinder mit ADHS, auf ihre Mutter anders reagieren als auf ihren Vater. Wer dies bezweifelt, sollte einmal den Vater eine Zeitlang die Hauptverantwortung für die Erziehung des Kindes übernehmen lassen. Wahrscheinlich wird sich seine Meinung über das Kind dann bald der Mutter angleichen.“

Andererseits ist vorstellbar, wie unerfreulich es für den Vater sein muss, wenn er beim Nachhausekommen als erstes das Geschrei seines geliebten Kindes und seine schimpfende Ehefrau hört. Er weiß ja nicht, was sich tagsüber schon alles abgespielt hat, er weiß auch nicht, dass die Mutter vom frühen Morgen bis jetzt ununterbrochen und ohne jede sonderpädagogische Ausbildung sonderpädagogische Arbeit geleistet hat.

Doch auch umgekehrt gibt es das Beispiel, dass ein geschiedener Vater das Sorgerecht für sein Kind erstreiten will, weil die Mutter als selbst von der ADHS Betroffene ein erzieherisches wie räumliches Chaos produziert und Argumenten gegenüber so unzugänglich ist wie ihr ADHS-Kind.

Ein paar Berichte von Vätern, teils von sehr engagierten, hyperaktiven Vätern zeigen, dass einige genauso wie ihre Partnerin tagtäglich mit dem Kind leben und versuchen, es in geordnete Bahnen zu lenken, Väter, die sich mit den Hausaufgaben herumplagen, der Mutter ein Stück Freiraum lassen, dass sie sich erholen kann, Väter, die sich an der Suche nach Hilfe beteiligen. Und es gibt eben auch ein paar Väter, die sich abends gemeinsam mit ihrer Partnerin, oder wegen der Kinderbetreuung abwechselnd, in eine Selbsthilfegruppe begeben, um Rat und Hilfe zu finden oder einzubringen und vom Gedankenaustausch zu profitieren.

1.2.3 … die Profis?

Wie ein roter Faden durchziehen die Irrwege auf der Suche nach professioneller Hilfe die Berichte der Eltern von jungen Kindern, von Jugendlichen oder von erwachsenen Kindern mit ADHS, die im Telefongespräch oder beim Treffen der Selbsthilfegruppe Rat suchen. Kostbare Jahre sind verstrichen ohne irgendeine Therapie oder nicht selten mit vielerlei ineffektiven Therapien. Seit ein paar Jahren beginnt das Fachwissen der Profis zu wachsen, doch nur wenige verfügen heute schon über fundierte Kenntnisse, um eine gute Diagnostik durchführen zu können, wenn die Mutter über ihr schwieriges Kind klagt. Noch immer bestimmt vielfach ein verständnisloses „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ die Profi-Szene.

Cordula Neuhaus (2003, S. 27) stellt fest: „Nicht nur Eltern müssen sich bei Beratungen an den unterschiedlichsten Anlaufstellen viel gefallen lassen, sondern auch Fachleute mit jahrelanger Erfahrung. Auch heute noch wird das Verhalten der Kinder oft auf die ‚Unfähigkeit‘ der Eltern zurückgeführt.“

Kinderarztpraxis

Der Kinderarzt oder die Kinderärztin ist in der Regel der erste Profi, an den sich die Mütter, selbstverständlich hin und wieder auch die Väter, sorgenvoll und hoffnungsvoll wenden. Hier erhalten sie bisher recht oft die erste Abfuhr. Eine häufig berichtete typische Vertröstungsaussage lautet: „Das wächst sich raus, haben Sie Geduld“ oder im Pubertätsalter: „Er/Sie ist jetzt in einer schwierigen Phase“, womit die Beobachtungen der Mutter eingestuft werden, als könne sie nicht zwischen alten und pubertär bedingten Problemen unterscheiden. Den Pädiatern erscheinen manchmal eher die Mütter behandlungsbedürftig, denn die wirken recht oft bekümmert, nervös und wohl auch oft erschöpft.

Die Unsicherheit dieser ratlosen Mütter fällt auf. Was liegt da näher, deren Sorgen als überfürsorgliche Mütterlichkeit abzutun. Fällt das Kind aber auffallend aus dem Rahmen gewohnter ärztlicher Wahrnehmung, etwa in motorischer oder sprachlicher Hinsicht, so werden immerhin relativ häufig Logopädie und Ergotherapie verordnet, wenn das Budget es zulässt.

Die Vorstellung mancher Kinderärzte über die Problematik scheint denn auch recht plakativ zu sein: „Er hat das Auto (im Wartezimmer) nicht kaputt gemacht, dann hat er auch kein ADS.“ Das ist nur ein Beispiel.

Das extrem stille und passive, das verträumte und nicht hyperaktive ADHS-Kind ist sowieso erst in den letzten drei Jahren mehr ins Blickfeld der Fachwelt gerückt. Insofern ist ADHS fälschlicherweise zu einer Art Synonym für Hyperaktivität geworden. Johanna Krause (2002, S. 33) spricht vom hypoaktiven Kind als „Stiefkind bei Diagnostik und Therapie“. Wie wenig die Vokabeln „hypo“ und „hypoaktiv“ überhaupt im allgemeinen Sprachschatz verankert sind, verrät der Computer, weil er bei dem Wort regelmäßig eine Fehlermeldung sendet. Selbst vielen Akademikern ist die Bedeutung dieses Wortes unklar.

Viele Kinderärzte beginnen in jüngster Zeit, sich über die ADHS fortzubilden. Dennoch bleiben ihre Vorstellungen von dem Syndrom oft vage, solange sie sich nicht die Zeit für eine intensive Beschäftigung mit der vielfältigen Problematik der ADHS nehmen.

Kindertagesstätte

Im Kindergarten stellen die Erzieherinnen mit wachem Auge die auffälligen Verhaltensweisen der Kleinen fest, und wenn sie engagiert sind, suchen sie das Gespräch mit den Eltern. Das kann durchaus ein heikles Unterfangen sein, denn nicht selten ernten sie bei Eltern Abwehr.

Die zu Recht besorgte Mutter hingegen, die ihr schwieriges Kind gut kennt, fragt beinahe ängstlich nach, wie das Kind sich denn so im Kindergarten mache. Im Gespräch wird, je nach Betroffenheit des ADHS-Kindes, vielleicht die Gruppenunfähigkeit ihres Kindes thematisiert, motorische Besonderheiten und hoffentlich auch die positiven Seiten des Kindes genannt. Und die Mutter fühlt sie wieder, die unausgesprochene Frage: „Was machen Sie denn nur mit dem Kind, dass es ‚so‘ ist?“. Vielleicht erzählt die Mutter, was sie in den vergangenen Jahren mit ihrem Kind erlebt hat, und vielleicht ahnen die Erzieherinnen, dass sie nicht genug Fachwissen haben. Vielleicht verlässt die Mutter mit Tränen in den Augen den Kindergarten, denn ihr wurde wieder gesagt, sie „müsse konsequenter sein, denn Kinder brauchen Grenzen, ihr Kind brauche halt besonders viele Grenzen, und zu viel Fernsehen sei auch nicht gut“. Obwohl viele sprachbehinderte und entwicklungsverzögerte Kinder mit und ohne ADHS von ihren Eltern nur sehr wenig Fernseherlaubnis erhalten, ist es gängige Praxis auch in Kindergärten, Auffälligkeiten erst einmal dem Fernsehkonsum anzulasten.

Frühförderung

Frühförderung, Ergotherapie und Logopädie könnte man geradezu als typische Stufen in der Therapiegeschichte vieler ADHS-Kinder bezeichnen, denn deutliche Auffälligkeiten legen diese Therapien nahe. Hier kommt die Mutter – sie ist es, die ihr Kind meistens zur Therapieeinrichtung hinbringt – vielleicht ungeschoren davon, denn das Kind verhält sich hier recht gut, gerät kaum in Wut, ist kaum aggressiv und bemüht sich sehr, Absprachen einzuhalten. Es macht ihm ja viel Spaß, und es kann sich deshalb eher angemessen verhalten. Die motorischen, sensorischen und sprachlichen Schwächen werden registriert und in der Stadt wie auf dem Land gerne mangelnder Bewegungsmöglichkeit oder übermäßigem Fernsehen zugeschrieben. Die Beziehungsebene Mutter-Kind spielt hier in der offiziellen Diagnostik eine eher untergeordnete, in der heimlichen Diagnostik vielleicht eine zentrale Rolle – je nach Ausbildung und psychologischer Weltanschauung der Frühförderer und Therapeuten.

Schule

Die Schule stellt eine hohe und oft die höchste Hürde dar, die es zu nehmen gilt. Der Hürdenlauf beginnt, wie oben beschrieben, schon lange vor der Einschulung, außerdem sind ADHS-Kinder häufig mit sechs Jahren nicht schulreif. Vielfach fällt das Kind der Lehrerin oder dem Lehrer bereits in den ersten Schulwochen auf: wie ungeschickt und verkrampft es den Bleistift hält, wie unsauber es seine Hefte führt und wie schnell es sie mit vielen Eselsohren versieht, dass es so vieles vergisst, dass es beim Umziehen zum Sport lange braucht, wie viel Zeit es immer wieder vertrödelt usw. Dann ist bald klar: Das Kind hat ein großes Problem. Oder, je nach pädagogischer Einstellung der Lehrkraft: Das Kind macht große Probleme. Oder beides.

Liegt eine Störung des Sozialverhaltens vor, dann gibt diese natürlich Anlass zu (berechtigten) Klagen der Lehrerin. Insbesondere die oppositionelle Störung des Sozialverhaltens ist eine große Herausforderung für die Lehrkraft – diese ADHSler sind nun wirklich nicht leicht, eigentlich auf Dauer gar nicht zu ertragen, vor allem wenn sie blitzschnell in einen aggressiven Ton verfallen.

Mütter, aber auch manche Väter nehmen in den Grundschuljahren in hohem Maß die Angebote zu Kontakten, Gesprächen, Elternmitarbeit und Schulveranstaltungen an. Ihr ADHS-Kind betrachten die Eltern nicht nur mit Stolz, sondern sie beäugen voll berechtigter Sorge seine Minderleistungen, besonders wenn sie wissen oder vermuten, dass ihr Kind recht intelligent ist. Das Auseinanderklaffen von Intelligenz und Schulerfolg, das an und für sich schon das Augenmerk auf einen ADHS-Verdacht lenken sollte, wird von der Grundschullehrerin bemerkt und thematisiert. Lehrerin und Mutter sind ratlos, und es wird Ursachenforschung betrieben: Die Lehrerin tippt vielleicht klischeehaft auf Fernsehkonsum, mangelnde Erziehung oder Vorkommnisse im jungen Leben des Kindes, und die Mutter hört sich mit einer gewissen Hilflosigkeit die Litanei der Mängel an. Mehr üben, mehr Zeit für das Kind haben, für mehr Ruhe bei den Hausaufgaben sorgen usw.

Warum das Kind so ängstlich, still, langsam, ungelenk und uninteressiert im Unterricht ist, fragt die Lehrerin sich und die Mutter eines nicht hyperaktiven ADHS-Kindes. Was mag in der Familie versäumt werden, dass das Kind so schlecht lernt?

So verhindert das Nichtwissen der Lehrkräfte über ADHS oft, dass sie Müttern von ADHS-Kindern die richtigen Hilfen in der Zusammenarbeit gewähren. Eine völlig überforderte Mutter (mit eigener ADHS) hat den Kontakt zur Schule vielleicht schon aufgegeben.

Manche Mutter trifft es schwer, wenn sie der Lehrkraft die ADHS-Problematik ihres Kindes zu vermitteln versucht, dabei aber auf völlige Ablehnung stößt, wenn ihre Bitten um Hilfen für ihre tägliche Hausaufgabenbetreuung kategorisch abgeblockt werden: „Ich habe auch noch andere Schüler, um die ich mich zu kümmern habe.“

Psychologische Beratung

Den schwersten Schritt im Kampf um die Zukunft ihres nicht diagnostizierten Kindes gehen Mütter, manchmal auch Väter, wenn sie nach vergeblichen Anläufen und Warten, ob das Kind sich nicht doch noch regelgemäß entwickelt, eine Kinder- und Jugendpsychiaterin, Psychologin, Psychotherapeutin, eine Psychologische Beratungsstelle oder einen Sozialpsychiatrischen Dienst aufsuchen. Wer sich durchgerungen hat, hier Hilfe zu suchen, dem oder der steht das Wasser in punkto Kind schon lange bis zum Hals, der oder die überwindet elterlichen Stolz und Selbstbewusstsein.

Aus dem Bericht einer Mutter:

„Zur Psychologischen Familienberatungsstelle sind wir mit viel Hoffnung hingegangen. Enno wurde getestet. Dabei kam heraus, dass er überdurchschnittlich begabt sei. Aber die eigentlichen Probleme (Klassenclownverhalten, Probleme mit der Motorik, schlechtes Sozialverhalten) sollten wir mit einer Ehetherapie wieder in den Griff bekommen. Das konnte doch nicht wahr sein! Von ADS war keine Rede. Der Beraterin war auch nicht aufgefallen, dass Enno sich schlecht konzentrieren konnte und seine Aufmerksamkeit schlecht aufrecht- erhalten konnte. Wir fühlten uns hier nicht gut aufgehoben.“

Obwohl den Müttern die Störungen ihres Kindes schon sehr früh auffallen und der Kinderarzt bereits früh davon informiert bzw. um Rat gefragt wird, vergehen oft Jahre bis zur richtigen Diagnose. Michael Huss und Barbara Högl (2005, S. 2) bestätigen als Ergebnis der ADHD-Profilstudie, die auf Initiative des „Bundesverbandes Arbeitskreis Überaktives Kind“ (BV AÜK) in Kooperation mit der Charité bundesweit durchgeführt wurde, dass psychotherapeutische Profis erst spät aufgesucht werden: „Die Hemmschwelle der Eltern, wegen der ADHS-typischen Symptome des Kindes einen Kinder- und Jugendpsychiater oder einen Psychologen aufzusuchen, scheint hoch zu sein. So werden fachspezifische Ärzte und Psychologen erst deutlich später, in der Regel erst bei Auftreten von ernsthafteren schulischen Problemen, konsultiert. Erst zu diesem Zeitpunkt, meist in einem Alter von sieben bis acht Jahren, akzentuiert sich die ADHS-Diagnose. Eine frühe und fruchtbare Kooperation von Kinderärzten mit Kinder- und Jugendpsychiatern und Psychologen bleibt demnach auf einzelne Fälle limitiert und findet meist im Jugendalter statt. Kostbare Zeit, in der das Kind möglicherweise von einer wirksamen Therapie profitieren könnte, geht dadurch verloren.“

Führt dieser Weg nicht zu wirklicher Hilfe – und das ist bisher noch sehr häufig der Fall, wie Huss und Högl zu den Ergebnissen der Profilstudie berichten – dann sehen manche Eltern dubiose und eher teure Angebote als Chance, die eine Heilung der ADHS durch „alternative“ Heilmethoden versprechen. Hiermit soll nicht gesagt werden, dass alternative Medizin nicht auch hilfreich und beim ADHS-Kind auch unterstützend wirken kann.

1.3 Drei Beispiele

Die nachfolgend abgedruckten Berichte von Müttern mögen helfen, das Leben mit einem ADHS-Kind besser zu verstehen.

1.3.1 Eine Mutter berichtet: Benny und Christina

„Ich bin verheiratet und habe fünf Kinder. Mein Sohn Benny wurde als erster geboren, er wird bald zwölf Jahre alt. Bei ihm merkte ich sehr schnell, dass da irgendwas nicht stimmt. Nach der Geburt kam er ins Kinderkrankenhaus, weil er zu viel Fruchtwasser geschluckt hatte. Als er vierzehn Tage alt war, durfte ich ihn nach Hause holen. Ich bemerkte sofort: Er war anders als andere Kinder. Er schrie fast ununterbrochen. Der Kinderarzt meinte, er hätte Dreimonatskoliken. Die hielten jedoch ein Jahr an. Wenn ich ihn abends ins Bettchen legte, musste ich bei ihm bleiben; ich saß am Bett und hielt seine Hand, dann konnte er schlafen. Wenn ich einschlief und meine Hand wegrutschte, war er sofort am Schreien. Ich bekam fast gar keinen Schlaf mehr. Mein Mann hat leider nie bemerkt, wie sehr ich unter dieser Belastung litt.

Nach einem Jahr hörte das Schreien dann auf. Benny war ca. drei Jahre alt, als er aus unserer Wohnung weglief. Als ich ihn nach anderthalb Stunden noch nicht gefunden hatte, rief ich die Polizei. Die kam mit sieben Autos, einem Hubschrauber und einer Hundestaffel. Nach weiteren anderthalb Stunden fanden sie ihn seelenruhig spielend auf dem Spielplatz. Danach wollte ich Benny nicht wieder loslassen.

Als Benny 18 Monate war, kam meine Tochter Christina zur Welt. Sie war von Geburt an etwas ganz Besonderes. Wenn andere Kinder morgens wach werden, schreien sie vor Hunger. Christina war stattdessen am Lachen. Die erste Flasche war recht schnell leer. Für jede weitere Flasche musste ich Christina immer wieder wach machen. Sie schaffte es nicht, die Flasche am Stück leer zu trinken. Alles in allem war sie aber ein pflegeleichtes Baby. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass Christina einmal das komplette Gegenteil sein würde.

Als sie ca. ein Jahr alt war, wurde ich mit Zwillingen schwanger. Im vierten Monat fiel ich dann aber die Treppe runter und verlor die Zwillinge. Ich habe diese Fehlgeburt nicht besonders gut verkraftet, deshalb wollte ich unbedingt wieder schwanger werden, was auch prompt geschah. Christina war knapp zwei Jahre alt, als sie sich das erste Mal mit ihrem Bruder anlegte. Ich war im Badezimmer und bohrte Löcher für einen Medikamentenschrank in die Wand, als die beiden Kinder sich mit Hammer und Zange bearbeitet haben. Überall war Blut, ich musste den Notarzt rufen. Christina musste am Kopf genäht werden, und Benny hatte eine Gehirnerschütterung.

Als ich im siebten Monat schwanger war, veränderte sich Christina plötzlich. Sie wurde aggressiv, sie schlug mit Gegenständen auf ihren Bruder ein, sie schluckte Sekundenkleber und sie schlug auch mich. Eines Tages war mir, als stände ein wildes Tier vor mir. Christina ballte die Fäuste und rannte mit voller Wucht auf mich los, sie trommelte immer wieder auf meinen Bauch. Als ich Blut bemerkte, sah ich rot: Ich habe das erste Mal die Kontrolle über mich verloren, ich habe meine Tochter geschlagen. Sie war am ganzen Körper grün und blau. An diesem Tag hätte ich die Hilfe meines Mannes gebrauchen können, aber er hatte mir wohl nicht einmal richtig zugehört. Ich verstand die Welt nicht mehr – was war mit Christina geschehen? Ist das normal, dass ein Kind sich so verändern kann? Gibt es ein böses Kind? Ich dachte, so etwas gibt es nur in Filmen.

Christina war fast drei Jahre alt, als Karina auf die Welt kam. Die Geburt meiner Tochter Karina war die reinste Hölle, es war eine Notgeburt. Sie hatte plötzlich einen Herzstillstand. Weil ich mich aufregte, blieb mein Herz auch stehen. Dank guter Ärzte sind wir beide am Leben geblieben. Mein Mann kam erst in der Klinik an, als Karina schon auf der Welt war; er wusste nicht einmal, dass ich noch um mein Leben kämpfte. Nach vierzehn Tagen konnte ich die Klinik verlassen. Zu Hause ging der Horror weiter. Christina hatte sich noch mehr verändert. Sie hörte einfach auf zu essen. Der Kinderarzt verschrieb mir Tabletten zum Appetitanregen – ohne Erfolg. Die Angst, meine Tochter könnte verhungern, ließ mich selber handeln. Ich ernährte sie unter Zwang: Ich fütterte sie, danach hielt ich ihren Mund zu, damit sie schlucken musste. Nach drei Wochen aß sie wieder. Wie die Sache mit Christinas Essen war, hat mein Mann nie begriffen. Ich glaube, er wollte es auch gar nicht begreifen. Ich stand alleine mit all meinen Sorgen. Wer konnte mir denn helfen? Überall hieß es nur, ich spinne, ich reagiere über, oder ich habe keine Ahnung von Kindererziehung.

Der Stress hörte aber nicht auf. Eines Mittags war Christina auf einmal verschwunden. Alle Kinder aus unserem Dorf halfen uns suchen, auch mehrere Erwachsene halfen mit, sie zu finden. Nicht schon wieder! Das kannte ich doch schon von Benny. Ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren. Plötzlich hörte ich ein Auto bremsen, ich rannte sofort los. Nichts, sie war nicht da. Wir riefen die Polizei, wir, das heißt, diesmal war mein Mann dabei; er musste am eigenen Leibe erfahren, was das für ein Gefühl ist, Angst zu haben um sein Kind. Als die Polizei da war, kam unsere Nachbarin mit Christina auf dem Arm an. Sie hatte sie bei einem Arzt gefunden. Ihr war Gott sei Dank nichts passiert. Christina lief noch ein paar Mal weg.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eine schwere Nickelallergie. Die war so schlimm, dass die Knochen an meinen Fingern bereits zu sehen waren. Die Schmerzen waren unerträglich, und der Arzt verschrieb mir zum Schluss Morphium, damit ich dieses grauenvolle Leben weiterführen konnte. Eines Tages, ich wollte Christina wickeln, rutschte sie mir aus den Händen und landete auf dem Boden. Wieder musste der Notarzt her. Christina hatte nur einen Schreck, sonst war sie in Ordnung, aber ich habe mir Vorwürfe gemacht.

Ich hielt das alles nicht mehr aus, ich hatte das Gefühl, ich sei an allem schuld, und ich wollte so nicht mehr weiterleben. Ich war mit unseren Problemen alleine, mein Mann hat sich aus allem rausgehalten. Ich war mit meinen Kräften am Ende, auch seelisch war alles am Ende bei mir. Wo war der Mann, den ich geheiratet hatte, mit dem ich alles Leid und allen Schmerz teilen wollte? Ist das so, muss eine Frau alle Sorgen und Ängste alleine durchstehen? Ist das die Bezeichnung für eine Ehe? Ich kaufte mir eine Flasche Weinbrand und suchte alle Schmerzmittel zusammen (unter anderem auch noch eine Flasche mit Morphium). Während ich all diese Medikamente mit Alkohol runterspülte, schrieb ich einen Abschiedsbrief für meinen Mann. Dann hatte ich noch einmal das Bedürfnis, ihn zu hören. Ich rief ihn auf seiner Arbeitsstelle an. Er merkte gleich, dass da was nicht stimmte. Er kam sofort nach Hause. Dank meines Mannes schneller Reaktion lebe ich heute noch. Dafür bin ich ihm heute von ganzem Herzen dankbar. Das war das erste Mal, dass er wirklich für mich da war.

Nachdem mein Vater gestorben ist, hat Christina Schlaftabletten geschluckt. Ich hatte abends eine Tablette genommen und die anderen vor lauter Trauer nicht ordnungsgemäß weggelegt. Ich war so oft mit den Kindern im Krankenhaus, dass die Ärzte mich schon duzten. Die Ärzte schauten mich schon so komisch an, als wenn ich die Kinder selbst jedes Mal so zurichten würde. Einmal ist mir auch gesagt worden, ich würde die Kinder sich selbst überlassen und mich nicht um sie kümmern.

Nun kam auch noch ein Umzug dazu. Ich hatte die Hoffnung, dass sich die Probleme jetzt legen würden, denn die Kinder hatten jetzt die Möglichkeit, draußen zu spielen, ohne dass ich Angst haben müsste. Wir hatten jetzt ein Haus mit einer großen Gartenfläche zum Spielen gefunden, wo genug Platz für alle war. Das brachte aber nichts. Mehr Platz – mehr Stress. Das Chaos ging weiter. Ich lief von einem Arzt zum anderen, nichts, alles ohne Erfolg.

Irgendwann, als ich mit dem vierten Kind schwanger war, bekam ich Familienhilfe durch das Jugendamt. Der Weg war lang und schwer – endlich geschafft!

Durch die Familienhelferin bekam ich wieder Selbstachtung, Selbstvertrauen, und ich kämpfte weiter. Nun klappte auch mehr mit den Kindern. Benny und Christina kamen in je eine Tagesstätte. Heute besuchen beide eine Sonderschule. Zudem bekamen beide Ergotherapie, Christina dazu Sprachtherapie. Ich musste die Kinder dafür jedes Mal fahren, aber ich habe das gerne gemacht, denn ich hatte wieder Hoffnung. Das alles war eine kleine Erleichterung für mich, denn vormittags waren sie in der Schule und danach in der Tagesstätte. Ich hatte die Kinder also nur abends. Am Wochenende war der Stress allerdings wieder da.

Nun kam meine Tochter Tanja zur Welt. Tanja war vier Wochen alt, als ich einen Blackout hatte, denn meine Mutter lag im Sterben. Ich hielt das nicht aus, habe zu viel getrunken und bin mit dem Auto gegen eine Laterne und gegen ein Haus gefahren. Der Führerschein wurde mir für zwölf Monate abgenommen, das Auto hatte Totalschaden. Eine saftige Geldstrafe kam auch noch dazu. Fünf Tage später war meine Mutter dann tot. Ich habe ihr bis zum Ableben die Hand gehalten. Ich glaube heute, es ist ein bisschen von mir mit meiner Mutter gestorben. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich etwas verloren, was mir wichtig war. Meine Kinder haben zum ersten Mal Mitleid gezeigt.

Wir waren von Sonntagmittag bis in der Nacht zum Montag im Krankenhaus. Ab und zu fuhren wir nach Hause, um nach dem Rechten zu schauen, ob unser Kindermädchen mit allem zurechtkommt. Die Kinder fragten dann immer: ‚Ist Oma jetzt tot?‘ Sie wollten mich in den Arm nehmen und Benny sagte: ‚Heute Abend, wenn es dunkel ist, gehen wir raus. Dann suchen wir nach zwei Sternen, die werden ganz hell leuchten, und die leuchten nur für uns.‘ Diesen Satz hatte ich meinen Kindern gesagt, als mein Vater gestorben ist, nach einem Stern wollten wir suchen. Die Kinder haben mir zum ersten Mal das Gefühl von Verständnis und Liebe gegeben. Ich habe mich in meinem Kummer begraben. Dieser Kummer ging auch auf meine Kinder über. Wieder wünschte ich mir meinen Mann an meine Seite, aber ich fand keinen festen Halt an ihm. Ich hatte das Gefühl, mit all meinen Problemen alleine auf dieser Welt zu sein. Musste das so sein? Heute weiß ich, es hätte anders sein müssen.

Weil die Kinder in einer Tagesstätte untergebracht waren, wurde die Familienhilfe durchs Jugendamt beendet, als Tanja ein Jahr alt war. An den Wochenenden war es manchmal sehr kritisch. Wir hatten Tiere: Hühner, Kaninchen, Katzen und einen Hund. Unsere Katze hatte Junge, die waren in großer Gefahr. Christina hatte versucht, die Jungen zu ertränken, sie sagte aber immer nur: ‚Ich war das nicht, so habe ich das Kätzchen gefunden.‘

Einmal, als die Kinder zum Bus gingen, kam bereits unterwegs ein Streit auf. Dieser wurde an der Haltestelle weitergeführt, andere Kinder beteiligten sich. Christina wurde sauer und stieg einfach in irgendeinen Bus – es war der falsche, der in die benachbarte Stadt fuhr. Die Schule rief mich und die Polizei unseres Ortes an. Als dann noch die Polizei der benachbarten Stadt anrief, war bei mir alles vorbei – ich dachte in den ersten Sekunden nur noch: Was ziehe ich an, wann und wo ist die Beerdigung? Die Polizei wollte aber nur eine genaue Beschreibung von Christina, um sie zu suchen. In der Stunde, bis sie gefunden war, rauchte ich fast zwanzig Zigaretten. Als mein Mann abends nach Hause kam, sagte ich ihm, dass ich in Zukunft keine Horrorfilme mehr anzusehen brauche, denn ich hatte den Horror live. Ich erzählte ihm, was passiert war, ich hoffte, er würde mich zum Trost in den Arm nehmen. Er tat aber so, als wäre alles nur eine Lappalie. Ich glaube, er weiß gar nicht, was Gefühle sind. Wie kann man einfach so tun, als wäre nichts geschehen? Hat mein Mann eigentlich ein Herz?

Und noch einmal wurde ich schwanger. In dieser Zeit durchlebte ich mit den anderen Kindern die Hölle. Die Ärzte halfen mir nicht, wenn ich sie wegen der Schwierigkeiten um Hilfe bat, sie meinten, es läge an der Erziehung, ich käme nicht mit den Kindern klar. Oder es hieß: ‚Arme gestresste Mutter, hast dir wohl zu viele Kinder angeschafft?‘. Ich hingegen sage, es sind nicht zu viele Kinder, sondern unwissende Ärzte. Ich ging wieder zum Jugendamt. Jetzt bekam ich zwei ambulante Hilfen: eine für Benny und eine für Christina, die mittlerweile neun Jahre alt war, und für Karina, die schon sechs war.

In dieser Schwangerschaft beschloss ich, dass das endgültig das letzte Kind sein würde. Das Kind, es heißt Wanda, kam zur Welt, und ich ließ mich sterilisieren. Unsere Ehe drohte endgültig zu scheitern, ich wollte mich scheiden lassen. Ich hatte einfach keinen Halt an meinem Mann. In dieser Zeit litten die Kinder genauso wie wir. Ich hatte all die langen Jahre jede Streiterei mit meinem Mann abends allein geführt, aber es ging die Kinder doch auch an. Ich war am Ende, ich hatte auch wieder Selbstmordgedanken. Ich stand mit einem Seil auf dem Dachboden unserer Garage. Es war zu dunkel, ich konnte den Balken nicht finden. Ich ging also wieder ins Haus zurück. Ich fragte mich selber, ob das noch normal ist, sollte ich vielleicht mal einen Arzt aufsuchen? Vielleicht bin ich es ja, die nicht normal ist. Hätte ich nicht eine so tolle Freundin gehabt, wäre ich wohl nicht mehr da. Denn sie ist jeden Tag vorbeigekommen und hat sich zu mir gesetzt, um zu reden.

Wanda war fast ein Jahr alt, als Christina endgültig durchdrehte. Sie wollte Wanda eine frische Windel machen, sie kam aber nicht klar damit und rief um Hilfe. Mein Sohn wollte helfen, als es dann geschah. Christina schmiss Wanda durchs Kinderzimmer. Ein paar Tage danach hat sie ihrem Hund einen Holztisch auf den Kopf geschmissen. Wir mussten den Hund in die Tierklinik bringen. Ich fragte mich immer wieder: Warum ist Christina so? Warum kann sie keine Regeln befolgen?

Ein Tag war besonders schwer für mich: Christina kam wie gewöhnlich aus der Schule, ihre Augen kündigten schon Stress an. Mir flog der Schulranzen ins Gesicht. Aus welchem Grund Christina so wütend war, bekam ich aus ihr nicht heraus. Ich schickte sie in ihr Zimmer, damit sie sich abregen konnte. Ich habe genau das Gegenteil erreicht: Sie nahm in kurzer Zeit ihr Zimmer auseinander. Meine Nerven lagen blank. Ich konnte nicht mehr. Da entschloss ich mich: Christina muss weg! Ich ließ Christina mithilfe von Jugendamt und Kinderarzt in eine Kinderpsychiatrie noteinweisen. Dieses war der schrecklichste Moment in meinem Leben. Ich habe versagt, ich habe meine Tochter verloren. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen.

Mein Mann und ich hatten in den ganzen Jahren so viel Streit wegen der Kinder, dass die Ehe schon sehr wackelig war. Ich hatte keine Kraft mehr, die Ehe aufrechtzuhalten. Ich dachte oft an die Hochzeit: ‚… in guten wie in schlechten Zeiten‘ – Was war jetzt? Wo nur noch schlechte Zeiten waren, stand ich alleine da.

In der Zeit, da Christina in der Klinik war, kehrte Ruhe und Frieden bei uns ein. Ich hatte Zeit, wieder Kraft zu sammeln. In unserer Ehe ging es auch wieder ein bisschen besser.

Nach sieben Wochen holte ich Christina aus der Klinik. Die Art und Weise, wie man in der Klinik mit ihr umging, gefiel mir nicht, und eine Besserung war an Christina auch nicht zu bemerken. Es war kaum etwas mit ihr gemacht worden, man überließ sie viel sich selbst. Als Ergebnis kam heraus: ‚Es könnte sein, dass sie eventuell hyperaktiv ist‘.

Es dauerte nicht mehr lange, bis der Haussegen wieder schief hing. Mit meinen Nerven ging es wieder bergab. Dann kam der erlösende Anruf: Meine Bekannte nannte mir einen Arzt, der sich mit solchen Kindern auskannte. Ich hatte zwar keine Hoffnung mehr, aber ich versuchte es. Eine Stunde hat das Gespräch mit dem Arzt gedauert. Das Ergebnis: ADS, bei Christina mit starker Hyperaktivität, bei Benny mit leichter Hyperaktivität.

Benny und Christina bekommen jetzt Medikamente. Es hat beinahe drei Wochen gedauert, bis sich eine Wirkung zeigte. Ich habe plötzlich ganz andere Kinder. Diese Kinder, die vorher alles kaputt machten, die absolut keine Regeln aufnehmen konnten, die einfach nicht zuhören wollten, die haben auf einmal Verständnis, wenn ich mal weine und traurig bin. Sie beherrschen mittlerweile ein oder zwei Regeln, und sie hören auf einmal, was ich sage. Sie begreifen vieles zwar nicht, aber sie hören zu, und das ist für mich wie ein Geschenk Gottes. Sie geben sich alle Mühe der Welt, sich zu ändern. Es treten immer wieder Probleme auf, mit denen wir zu kämpfen haben, aber wir versuchen auch immer wieder, sie zu lösen.

In all den Jahren habe ich oft darüber nachgedacht, ob es vielleicht doch an mir gelegen hat. Obwohl ich esse, nehme ich an Gewicht ab. Ich kann machen, was ich will, ich nehme einfach nicht mehr zu. Mittlerweile wiege ich nur noch 55 Kilo. Meine Ehe kippelt, und Nervosität macht sich breit. Ich hatte deswegen ein Gespräch mit dem Arzt. Das Ergebnis: Ich nehme jetzt dieselben Medikamente wie meine Kinder. Meine Nervosität geht zurück. Ich kann wieder leben.

Dadurch, dass ich jetzt ruhiger geworden bin, merke ich erst, wie schlimm mein Mann eigentlich ist. In der ganzen Verwandtschaft weiß niemand, was ich erleide, ich glaube manchmal, es hat auch keiner richtig Verständnis, wenn ich jammere. Denn es ist nun einmal so, dass man sich mit der ADS auskennen muss, um zu verstehen.

In den ganzen Jahren war ich der Kinder wegen bei vielen Ärzten und Psychologen. Wenn ich so von der Familie erzählte, sagten alle, ich erziehe eigentlich sechs Kinder. Dieser Meinung muss ich heute zustimmen. Mein Mann ist übernervös. Meine Freunde haben sich fast alle zurückgezogen. Ich dachte immer, es läge an den Kindern, doch heute weiß ich, dass die Schreierei meines Mannes mit verantwortlich dafür ist, dass unsere Freunde sich zurückgezogen haben. Ich versuche ihn zu überreden, auch zum Arzt zu gehen, denn ich glaube, dass auch er ADS hat. Seit vielen Jahren versuche ich, mit ihm zu reden, leider ergebnislos. Er redet nicht über seine Gefühle, er kann auch keine Fehler einsehen. Vielleicht hätte unser Eheleben anders ausgesehen, wenn er mit mir geredet hätte. Mit Medikamenten könnte auch ihm geholfen werden. Ich habe noch Hoffnung, denn die Liebe hält zusammen. Ich habe die Hoffnung, dass auch wir eine fantastische Familie werden können und dass sich neue Freunde für alle finden.“

Nachtrag (ca. ein Jahr später):

„Im Mai hat mein Mann sich bereit erklärt, auch zum Arzt zu gehen. Wie ich geahnt habe: Auch er hat eine ADS. Er nimmt Medikamente und fühlt sich jetzt viel wohler. Die Schreierei lässt nach, und manchmal redet er mit mir, auch über seine Gefühle und Ängste. Allmählich werden wir eine glückliche Familie.“

1.3.2 Eine Mutter berichtet: Jens

„In der 4. Klasse bemerkten wir bei unserem Sohn Verhaltensauffälligkeiten, die wir anfangs auf einen Lehrerwechsel geschoben hatten. Einige Lehrkräfte sprachen mich an, weil es große Probleme mit seinem Sozialverhalten und seinen Leistungen gab. Kurz vor Ostern eskalierte es dann. Er wurde aggressiv, hörte nicht mehr zu, fing an zu lügen, weigerte sich, Aufgaben zu erledigen, lief in der Klasse umher; kurzum: Das Chaos war da. Zu Hause lief mit ihm gar nichts mehr. Meine Nerven lagen blank. Ich hatte keinerlei Unterstützung. Mein Mann distanzierte sich immer mehr, ein Krach folgte dem anderen, und keine Hilfe war in Sicht. Jens störte dies alles nicht. Man kam durch nichts an ihn heran. Keine Strafe traf ihn sichtlich. Nach langen Gesprächen kam meistens nur ein unverschämtes Grinsen, selten von seiner Seite Tränen, dafür von meiner umso mehr.

Bei einem Gespräch mit seinen Lehrkräften wurde mir zu verstehen gegeben, dass ich bzw. die Familiensituation der Grund für sein Verhalten sei. Sie nannten Gründe wie: Er sei ein Sandwichkind, er bekomme zu wenig Zuneigung, ich als Mutter würde mich zu wenig kümmern, es liege an den Geschwistern usw. Nur ich als Mutter wusste, dass es nicht so war. Er wurde genauso behandelt wie die anderen Kinder auch. Warum zeigte er nur so ein Verhalten?