Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Justiz! Das ist sicherlich spannender als irgendein Durchschnittskrimi. Amüsieren Sie auch noch schließlich darüber, was ein Richter so alles im "Unruhestand" erlebt. Begleiten Sie den Richter Dr. Prell durch einige seiner Prozesse. Aufregend aber doch menschlich geht es zu in einem Verfahren gegen ein Mitglied der Maffia. Und wie kann es sein, dass Dr. Prell einen Rauschgifthändler zum Tode verurteilt hat? Außerdem lesen Sie etwas über Vaterschaftsprozesse, die schon manchmal wüste Seiten des Sexuallebens offenbaren. Und was Dr. Prell sonst noch so in seinem langen Leben erlebt hat, war häufig so, dass man ihm öfter sagte: "Das müssen Sie unbedingt aufschreiben!" Dazu ist er leider nicht mehr gekommen. Aber der Autor hat nun diese Aufgabe übernommen, denn es soll nicht in Vergessenheit geraten, was Dr. Prell zu erzählen pflegte und so entstand dieses abwechslungsreiche, amüsante Buch.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Peter Rogenzon
Adieu Justitia
Erinnerungen eines alten Richters
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Vorwort
2. Ein ganz normaler Tag
3. Vaterschaftsprozesse
4. Eheberatung
5. Der alte Pensionist
6. Der Krimiautor
7. Ein Strafprozess
8. Moslems unter sich
9. Der Weiberfeind
10. Beerdigungen
11. Eigentlich längst tot
12. Die Maus
13. An der Spitze des Fortschritts
14. Der alte Sünder
15. Das Potenzwasser
16. Altersfragen
17. Kapitulation
18. Die Mafia
19. Verdrängung
20. Auer Dult
21. Geschichten rund ums Auto
22. Der Querulant
23. Der Autodiebstahl
24. Der Staatsanwalt
25. Ein Verbrechen lohnt sich doch
26. Der schöne Busen
27. Tod eines Malers
28. Die Radikalkur
29. Zu guter Letzt
30. Aphorismen
Impressum neobooks
zur 4. Auflage
„Das musst du aufschreiben!“ sagte man mir öfter, wenn ich Geschichten aus der Justiz oder andere merkwürdige Erinnerungen erzählte. Nun, so habe ich es also getan und hoffe, dass damit eine interessante Freizeit- oder Ferienlektüre entstanden ist. Schließlich ist es ja für Laien immer spannend, einen Blick hinter die Kulissen der Justiz zu werfen.
Natürlich soll auch der Humor dabei nicht zu kurz kommen. Und so wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen. Ich bin überzeugt: den werden Sie haben.
Bad Reichenhall, im Juni 2015
Peter Rogenzon
„Ein ganz normaler Tag!“ dachte Amtsrichter Dr. Prell, als er wie immer pünktlich um 7.00 Uhr das Justizgebäude betrat. In der Eingangshalle warf er einen flüchtigen Blick auf die Statue der Justitia, eine „moderne“ Plastik, die an der Stirnseite des Raumes stand. Sie war wohl das scheußlichste Modell ihrer Art: ein flachbrüstiges Mädchen mit ausdruckslosem Gesicht und strähnigem Haar, bekleidet mit einer Art von Büßerhemd; mit der einen Hand stützte sie sich auf ein Schwert wie eine Behinderte auf ihren Stock und in ihrer anderen klumpigen Hand hielt sie eine Waage. Was dieser Figur aber noch einen besonderen Ausdruck verlieh, war die billig wirkende Goldbronze, mit der sie angestrichen war. Man hätte mindestens den Goldton nehmen müssen, mit dem seine Frau die Nüsse am Christbaum zu besprühen pflegte, hatte Dr. Prell einmal gefunden, als er sich vor Jahren ein einziges Mal gedanklich mit der Statue befasst hatte und zu dem Schluss gekommen war, sie sei vielleicht ein treffliches Sinnbild der Justiz in dieser Zeit. Aber nun pflegte er schon seit langem keine Notiz mehr von dieser Dame zu nehmen.
Dr. Prell konzentrierte sich vielmehr auf den Gang, in dem sein Dienstzimmer Nr. 209 lag. Er musste jedes Mal die vielen Türen genau abzählen und dann noch sicherheitshalber das Schild an seinem Zimmer lesen:
Zimmer Nr. 209
Amtsgerichtsrat Dr. Prell
An dieser Dienstbezeichnung erkennt der mit der Materie vertraute Leser, dass diese Geschichte schon einige Zeit zurückliegt, denn inzwischen hat eine Justizreform eine Neuerung gebracht, die wohl nur in Beamtenkreisen als eine solche empfunden wird: Aus dem guten alten „Amtsgerichtrat“ ist inzwischen ja bekanntlich ein „Richter am Amtsgericht“ geworden.
Dr. Prell betrat sein bescheidenes Dienstzimmer, das sein an der Universität tätiger Freund leicht spöttisch als „Zelle 209“ bezeichnet hatte. So etwas schmerzt normalerweise einen strebsamen Beamten, denn wie bedeutsam er ist, lässt sich an der Zahl der Quadratmeter ablesen, die ihm seine Behörde zur Verfügung stellt. Aber Dr. Prell war über solche Dinge erhaben, denn er war mit seinem Dasein als unabhängiger Richter in der nach seiner Meinung schönsten deutschen Stadt völlig zufrieden.
Er zog die Jalousie empor, öffnete das Fenster, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Dann riss er ein Blatt seines Kalenders ab und schaute, was er für diesen Tag eingetragen hatte: „Waffe kaufen!“ stand dort mit roter Schrift – von ihm selbst so geschrieben, obwohl er seit seiner Schulzeit auf rote Tinte geradezu allergisch war. Aber er hatte sich selbst sozusagen den unwiderruflichen Befehl geben wollen, dieses Mal mit dem Waffenkauf wirklich Ernst zu machen. Er hatte sich zwar schon öfter mit dem Gedanken befasst, etwas für seine Sicherheit zu tun, etwa als er mit der Mafia oder der RAF zu tun gehabt hatte, aber dann hatte er doch gefunden, dass er sozusagen ein „Soldat des Rechts“ sei und keine Angst haben dürfe. Wie sollte er denn auch mit einer Pistole einen Attentatsversuch abwehren?
Doch dieses Mal war alles anders: Vor drei Jahren hatte er einen Perser (heute würde man wohl „Iraner“ sagen) verurteilt, der Rauschgift in einem LKW einschmuggeln wollte. Das Rauschgift war in den hohlen Wänden des Laderaums versteckt gewesen und dort von den Zollbeamten entdeckt worden. Natürlich hatte der Perser bestritten, etwas vom Vorhandensein des Rauschgifts gewusst zu haben, aber er war dadurch überführt worden, dass auf der Verpackungsfolie seine Fingerabdrücke gefunden worden waren. Dennoch war der Perser nicht zu einem Geständnis bereit gewesen. Als er dann zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt wurde, war er ausfällig geworden: Er schrie Dr. Prell an:
„Das wirst du büßen, du Hurensohn! Dir schlitze ich den Bauch auf wie einer Sau!“
Dr. Prell hatte den Perser sofort aus dem Sitzungssaal entfernen lassen. Noch während der Wachtmeister den Mann zwangsweise hinaus transportierte, brüllte dieser weiter herum:
„Streich dir den Tag meiner Entlassung rot im Kalender an: Dann komme ich wieder, um mich zu rächen. Wenn ein Perser hasst, dann sieht er darin eine Lebensaufgabe, die er zu erfüllen hat.“
Dr. Prell hatte den Wortlaut der Äußerungen ins Sitzungsprotokoll aufnehmen lassen, weil er gefunden hatte, dass hierfür eine zusätzliche Strafe angebracht war (die dann auch verhängt worden ist). Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine Drohung durchaus ernst genommen, so hemmungslos bösartig war der Hass, der ihm von diesem Mann entgegengebracht worden war. Deshalb hatte Dr. Prell drei Jahre lang die bevorstehende Entlassung des Persers von einem Jahreskalender auf den nächsten übertragen und jeweils rot notiert: „Waffe kaufen“. Er hatte sich irgendwann einmal im Gefängnis erkundigt, wann der Mann entlassen würde. („Gefängnis“ nannte man damals so treffend jene Institution, die heute mit der scheußlichen Abkürzung „JVA“ bezeichnet wird.) Man hatte ihm mitgeteilt, der Strafgefangene würde praktisch bis zum letzten Tag sitzen, weil er das Bösartigste gewesen sei, was man dort je hinter Gittern verwahrt habe; anschließend werde der Mann nach Persien abgeschoben.
Dr. Prell war trotzdem beunruhigt. Auf einmal fiel ihm ein, was sein Vater, ein tief religiöser Mann, einmal zu ihm gesagt hatte:
„Die Prells stehen unter dem besonderen Schutz Gottes!“ Womit sich seine Familie diese besondere Auszeichnung verdient haben sollte, war Dr. Prell inzwischen entfallen, aber er konnte sich daran erinnern, dass ihm sein Vater eine Reihe von Beispielen aufgeführt hatte, aus denen er diesen besonderen Schutz Gottes hergeleitet hatte. Eines davon war so skurril, dass es ihm noch in Erinnerung war:
Ein Lehrer hatte seinen Vater mit den Worten beschimpft: „Nehmen Sie eine Titelgestalt von Schiller und setzen Sie Ihren Namen ohne das ‚r‘ dahinter: Dann wissen Sie, was Sie sind!“ (Ein bisschen kompliziert, aber wir befinden uns ja auch auf dem Gymnasium. Haben Sie, verehrter Leser, erkannt, wovon die Rede war? Der Tölpel (Tell-Pell) war gemeint!) Kaum waren diese bösen Worte dem Munde des Lehrers entfahren, brach er zusammen und starb unter fürchterlichen Qualen.
Aber Dr. Prell erinnerte sich nicht nur an dieses merkwürdige Beispiel, sondern auch daran, dass sein Vater nach dem letzten Krieg von früheren Angehörigen seiner Kompanie besucht worden war, wobei alle ungefähr das Gleiche berichtet hatten: Erst hätten sie insgeheim gelacht, als sie von seinem Vater gehört hätten, sie bräuchten an seiner Seite keine Angst zu haben, weil er unter dem besonderen Schutz Gottes stehe. Dann hätten sie aber immer wieder durch die merkwürdigsten Wunder die schlimmsten Situationen überlebt. So waren sie gekommen, um sich bei ihm zu bedanken.
Dr. Prell kehrte zum Ausgangspunkt seiner Gedanken zurück: Sollte er sich nun eine Waffe kaufen oder nicht? Inzwischen wandte er sich seinem Akteneinlaufsfach zu. Das war jeden Tag der spannendste Augenblick: Dr. Prell konnte Pech haben, dass der Aktenstapel die Höhe von einem Meter überschritt. Einmal hatte er sogar sein ganzes Zimmer voll von Akten vorgefunden und geglaubt, er habe sich in der Tür geirrt. Tatsächlich aber hatte man bei ihm Straftaten aus einem umfangreichen Konkursstrafverfahren angeklagt, mit denen er sich dann ein Vierteljahr lang befassen musste.
Heute aber staunte Dr. Prell nicht schlecht, als in seinem Fach nur ein Brief auf ihn wartete. Irgendwie wollte der Brief schon auf den ersten Blick überhaupt nicht zum billigen Plastikfurnier des Akteneinlaufregals passen. Das Couvert war aus Büttenpapier und doppelt so groß wie normal. Es trug ein großes Wappen und exotische Briefmarken. Adressiert war es an „Seine Exzellenz, Herrn hochwohlgeborenen Richter Dr. Prell“. Die Justizeinlaufstelle hatte vor diesem Brief offenbar einen solchen Respekt, dass sie ihn nicht wie sonst üblich geöffnet hatte. Ein Wachtmeister hatte nur ein Zettelchen mit dem Vermerk angeklammert:
„Bitte Briefmarken an mich!“
Dr. Prell öffnete den Umschlag vorsichtig, um die Marken nicht zu beschädigen, und entnahm den Brief. Die erste Seite bestand aus einem goldenen Pfau mit arabischen Schriftzeichen. Genauso waren wenige Zeilen auf der zweiten Seite geschrieben.
Dr. Prell ging mit dem Brief zu einer Angestellten, die aus Persien stammte und einen Deutschen geheiratet hatte. Er ließ sich von ihr den Brief übersetzen und war mehr als überrascht:
Auf der ersten, eng beschriebenen Seite stand:
„Der Schah von Persien, der größte Herrscher unter der Sonne, das Stammesoberhaupt aller... usw., usw.“ Hier waren alle seine Titel aufgeführt. Die eigentliche Mitteilung des Schahs bestand nur aus einem Satz auf der zweiten Seite und dieser lautete: „...beehrt sich, hochwohlgeborenen Richter Dr. Prell zu grüßen und ihm mitzuteilen, dass der dort verurteilte Delinquent sofort nach seinem Eintreffen noch auf dem Flugplatz in Teheran erschossen wurde.“
Dr. Prell, der nun sein Tagespensum erledigt hatte, gönnte sich einen herrlichen freien Tag. Und er dachte daran, was sein inzwischen verstorbener Vater wohl dazu gesagt hätte:
„Da siehst du wieder mal: Das ist der besondere Schutz Gottes.“
Richter Dr. Prell schloss die Tür zu seinem Sitzungssaal des Amtsgerichts Dornberg auf und warf nebenbei einen Blick auf seinen „Speisezettel“, wie er scherzhaft seine Aushangtafel neben der Eingangstür zu nennen pflegte, auf der genau aufgelistet war, wann welches Verfahren zum Aufruf kommen würde. „Nicht öffentlich!“ stand groß darüber in roter, von hinten beleuchteter Schrift, denn von 8.00 bis 9.00 Uhr hatte er lauter Vaterschaftsprozesse angesetzt. Er ließ immer etliche zusammen kommen, damit die Vertreterin des Jugendamts als Amtsvormund der nichtehelichen Kinder nicht wegen jedes einzelnen Verfahrens bei Gericht erscheinen musste. Heute hatte er sich besonders viel vorgenommen:
Es begann ganz schlicht mit einem Vater, der brav 16 Jahre lang für seine nichteheliche Tochter Unterhalt bezahlt hatte und sich nun auf einmal einfallen ließ, die von ihm anerkannte Vaterschaft anzufechten. Er berichtete, es habe sein Gewissen belastet, dass er dieses Kind in die Welt gesetzt habe, ohne sich darum kümmern zu können, denn er sei ja schon damals verheiratet gewesen und habe für seine Familie sorgen müssen. Er habe es nicht einmal fertig gebracht, seine nichteheliche Tochter auch nur ein einziges Mal anzuschauen.
Als er gerade mitten in seinem reuigen Bekenntnis war, ging die Tür des Sitzungssaals auf und eine bildhübsche junge Dame schaute herein.
„Dies ist eine nicht öffentliche Sitzung, wie draußen angeschlagen ist!“ bemerkte Dr. Prell.
„Darf ich nicht vielleicht doch rein? Ich bin nämlich das Streitobjekt.“
Dr. Prell musterte das junge Mädchen und wandte sich an den Vater (der es vielleicht doch nicht war):
„Schauen Sie sich das Mädel an! Jeder andere wäre froh, so eine Tochter zu haben. Und da wollen Sie die Vaterschaft bestreiten?“
Das „Streitobjekt“ errötete wegen dieser Bemerkung, was ihr recht gut stand, wie Dr. Prell fand.
Der zweifelnde Vater sagte:
„Ich möchte doch gern, dass ein Gutachten erholt wird. Das würde mein Gewissen unheimlich entlasten.“
Während Dr. Prell einen entsprechenden Beschluss erließ, flüsterten Vater und Tochter miteinander. Dann verließen sie gemeinsam den Sitzungssaal – fast wie ein Liebespaar, denn die Tochter hatte sich spontan bei ihrem neu erworbenen Vater eingehängt.
„Das ist die Stimme des Blutes!“ bemerkte Dr. Prell, der diesem eigenartigen Paar nachschaute.
Dann rief er den nächsten Fall auf: Ein schüchternes junges Mädchen trat vor, im Amtsdeutsch „Kindsmutter“ genannt.
„Da haben Sie uns anscheinend bei Ihrer letzten Vernehmung einen Bären aufgebunden“, sagte Dr. Prell, indem er die junge Frau vorwurfsvoll über die Brille hinweg ansah. „Sie haben behauptet, Sie hätten in der gesetzlichen Empfängniszeit nur mit Herrn Humberger verkehrt. Nun steht aber nach dem Gutachten fest, dass er nicht der Vater sein kann. Sie haben Glück gehabt, dass ich Sie nicht vereidigt habe, sonst wäre das ein Meineid geworden.“
„Ich habe auch schon darüber nachgedacht, wie es das gibt, Herr Richter. Meine Aussage damals war schon richtig, ich hatte wirklich in der Verhängniszeit mit keinem anderen Mann einen richtigen Verkehr.“
„Und mit wem hatten Sie dann einen unrichtigen?“ wollte Dr. Prell wissen und musste wegen des treffenden Ausdrucks „Verhängniszeit“ (statt Empfängniszeit) lächeln.
„Also da war noch der Alfred Wanner aus Martinsried. Mit dem hab’ ich im Fasching ziemlich intim g’schmust und auf einmal war ich ganz nass am Oberschenkel – ganz oben, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Dr. Prell machte ein Gesicht, also ob er von einem plötzlichen Zahnschmerz geplagt wäre, denn er war Junggeselle aus Überzeugung und hasste intime Details dieser Art. Dann sagte er:
„Ja, ja, ich verstehe schon, was los ist. Seit ich hier sitze, weiß ich, dass es Frauen gibt, die eine Männerhose nur anzuschauen brauchen, um schwanger zu werden. Also gut: dann beziehen wir also den Herrn Wanner auch noch mit in das Gutachten ein.“
Der nächste Fall lag genauso: Wieder hatte die Kindsmutter behauptet, sie habe nur mit einem mit einem gewissen Alois Wimmer Verkehr gehabt und wieder war dieser durch ein Gutachten ausgeschlossen.
Dr. Prell stellte auch diese Frau zur Rede.
„Eigentlich sind Sie schuld!“ verteidigte sie sich. „Ich habe mich einfach geschämt, Ihnen als Mann zu sagen, dass ich nicht nur mit einem Mann...“
„Und wie viele waren es dann?“ musste Dr. Prell fragen und kam sich vor wie ein indiskreter Beichtvater.
„Nur zwei – ehrlich. Ich habe den zweiten nicht angegeben, weil ich mir ganz sicher war, dass es bei dem Wimmer geschnackelt hat.“
„Das ist mir neu, dass Frauen so etwas spüren. Vielleicht kenne ich mich als Junggeselle da nicht so aus. Aber wer war denn nun der zweite Mann?“
„Das ist ja gerade das Problem. Ich weiß es auch nicht, wie der heißt. Deshalb habe ich ihn auch nicht angegeben, weil mir das so peinlich ist.“
„Sie müssen uns doch irgendwelche Anhaltspunkte geben können, die uns ermöglichen, den Mann zu ermitteln. Was hat er denn über sich erzählt?“
„Also geredet haben wir eigentlich nichts. In der Disco war es so laut. Da konnt’ man nicht reden. Und bei dem... da red’t man auch nicht...“
„Wie alt war er denn oder wie hat er ausgesehen?“ wollte nun die Vertreterin des Jugendamts wissen.
„Also vielleicht um die 40. So 1,80 groß, mittelblond, vorn eher weniger Haar...“
„Sie meinen also: so ähnlich wie der Richter?“ hakte die Vertreterin des Jugendamts nach.
„Na hören Sie mal...“, warf Dr. Prell ein.
„Genau!“ antwortete die Kindsmutter. „Ich meine, dass er genau so ähnlich ausgeschaut hat, aber eben nur ähnlich. Er ist es nicht!“
„Da bin ich aber wirklich froh. Also, wenn Sie den Mann gefunden haben, kommen Sie wieder.“
Dr. Prell verkündete ein klageabweisendes Urteil gegen Alois Wimmer und schlug den nächsten Akt auf: Wieder das Gleiche!
„Warum haben Sie mich letztes Mal angeschwindelt? Ich habe Sie doch so eindringlich belehrt, dass es sinnlos ist zu lügen, denn die Wahrheit kommt so wieso auf.“
„Ich habe nicht gelogen! Ich hatte nur vergessen, dass ich einmal stockbetrunken war und nicht weiß, was da passiert ist.“
„Nun, wenn man betrunken ist, kriegt man noch kein Kind!“
„Man hat mir erzählt, dass der wachhabende Offizier...“
„Also langsam – der Reihe nach, damit ich mitkomme. Ich bin ein bisschen begriffsstutzig müssen sie wissen. Wo waren Sie und was haben Sie getrunken? Erzählen Sie bitte ganz von vorne, damit man weiß, was passiert ist.“
„Am Heiligen Abend habe ich erst mit meinen Eltern zu Hause gefeiert. Ich musste Weihnachtslieder mitsingen und so’n Scheiß. Da hatte ich schließlich keine Lust mehr und habe meine Freundin angerufen. Der ging das Feiern auch auf den Keks, und so haben wir verabredet, ins Kasernenstüberl zu gehen. Es waren auch Soldaten da. Mit denen haben wir Glühwein getrunken. Es war recht lustig, und da habe ich vielleicht ein bisschen mehr erwischt, als mir gut tat. Die Soldaten haben uns eingeladen, die Kaserne zu besichtigen. Sie hatten nämlich eigentlich Dienst und hätten gar nicht in der Wirtschaft sein dürfen, aber an Weihnachten ging das nicht so genau. Ja, und dann sind wir in die Kaserne gezogen, wo ich auf die Idee gekommen bin auszuprobieren, wie man in einem Soldatenbett liegt und bin eingeschlafen. Hinterher hat man mir erzählt, dass der wachhabende Offizier mit mir geschlafen haben soll, aber davon weiß ich nichts.“
„Na, dann fragen wir ihn halt“, sagte Dr. Prell und griff zum Telefon. Er ließ sich bei der Bundeswehr den wachhabenden Offizier geben und fragte, wer Weihnachten Dienst gehabt habe.
„Ich“, antwortete der Mann.
„Na, dann kommen Sie mal gleich rüber. Sie werden sofort als Zeuge gebraucht.“
„Ich weiß nicht, ob das so einfach geht!“
„Sagen Sie Ihrem Vorgesetzten, dass Sie hier dringend benötigt werden und dass sonst der Richter persönlich kommt, um Sie abzuholen.“
Schon nach einer viertelstündigen Pause erschien der Offizier in Uniform aus der nahen Kaserne.
Dr. Prell belehrte ihn über seine Pflicht, wahrheitsgemäß auszusagen und fuhr dann fort:
„Kurze Frage: Hatten Sie mit dieser Frau hier“ – er deutete auf die Kindsmutter – „Geschlechtsverkehr?“
Er nannte noch die gesetzliche Empfängniszeit, also den Zeitraum, auf den sich die Frage bezog.
„Jawohl!“
Diese kurze zackige Antwort schien den Richter misstrauisch zu machen. Er hakte nach:
„Ich muss da leider etwas indiskret werden: Wie war das denn nun genau. Haben Sie zwei Ihrer Soldaten ausgeschickt, um sich jemand ins Bett zu holen?“
„Also das kam so. Wir hatten am Heiligen Abend Dienst und da war uns fad. Jemand kam auf die Idee, ob nicht vielleicht im Kasernenstüberl Frauen sitzen könnten, die auch nichts mit dem Fest anfangen konnten. Und so sind dann zwei von uns hinübergegangen und haben tatsächlich zwei Weiber angeschleppt – ich wollte sagen: zwei Damen mitgebracht. Die waren ziemlich angesäuselt. Die eine legte sich gleich ins Bett und wollte ganz offensichtlich... , und da wollte ich auch nicht nein sagen.“
„Fröhliche Weihnacht – kann man da nur sagen“, bemerkte Dr. Prell trocken. „Und die anderen haben zugeschaut?“
„Nee, die haben auch mitgemacht – einer nach dem anderen.“
„Dann müssen wir also bei dem Vaterschaftsgutachten die ganze Wachkompanie einbeziehen oder hat vielleicht einer doch Hemmungen gehabt?“
„Doch einer. Aber dann hat jemand ‚Feigling‘ gerufen und dann war der auch dabei.“
Dr. Prell konnte sich nicht verkneifen zu sagen:
„Und da gibt es Leute, die glauben, die Bundeswehr hole die Erziehung nach, die von den Eltern versäumt wurde. Übrigens noch eine Bemerkung: Die Frau war nach ihren Angaben nicht angesäuselt, wie Sie es ausgedrückt haben, sondern total betrunken. Wer einen solchen Zustand ausnutzt, macht sich einer schweren Straftat schuldig.“
Während er den Beschluss, ein Gutachten zu erholen, diktierte, verließen die Kindsmutter und der Soldat einträchtig den Sitzungssaal.
Für die nächste „Sache“, wie die Juristen zu sagen pflegen, brauchte Dr. Prell nur eine Minute: Ein junges Mannequin hatte ein Kind zur Welt gebracht und wusste nicht, wer der Vater war. Zwei Männer, die sie als ihre Partner benannt hatte waren durch ein Vaterschaftsgutachten ausgeschlossen worden. Dr. Prell fragte die junge Frau, ob sie nicht doch noch irgendwie Anhaltspunkte für die Suche nach dem wirklichen Vater beisteuern könne. Sie antwortete:
„Nein, das kann ich nicht. Ich war auf der Mailänder Modemesse. Da sind lauter schöne junge Leute, die nichts zu tun haben. Ist doch klar, was da passiert: Sie glauben es nicht, wie da rumgevögelt wird. Ich kenne die Männer gar nicht... Ich weiß nicht einmal, aus welchem Land die kamen.“
Dr. Prell dachte bei sich: Ob die Frau weiß, was auf sie zukommt, wenn sie nun ihr Kind allein aufziehen muss? Irgendwie wunderte er sich darüber, dass sie mit ihrer lockeren Moralauffassung das Kind nicht abgetrieben hatte.
Zum Abschluss kam noch ein Fall zur Verhandlung, der dem Akteninhalt nach eine Routineangelegenheit war: Ein Ehemann focht die Vaterschaft an mit der Behauptung, dass seine Frau die Ehe gebrochen habe. Die Ehefrau gab dies zu und behauptete, der Mann, mit dem sie Geschlechtsverkehr gehabt habe, sei ihr unbekannt. Natürlich musste auch hier ein Gutachten darüber erholt werden, ob der Ehemann der Vater war oder nicht.
Dr. Prell legte nun eine kleine Sitzungspause, bevor er die allgemeinen Streitigkeiten behandelte. Vor dem Saal traf er die Vertreterin des Jugendamts und fragte sie:
„Na, wie geht’s denn so?“
„Viel Arbeit!“ erwiderte diese und fuhr fort: „Wissen Sie, dass sich hinter dem letzten Fall eine tiefe menschliche Tragik verbirgt?“
„Ich glaube, dass Vaterschaftsprozesse oft Tragödien zum Hintergrund haben: Wenn ich mir die vielen Mädel so vorstelle, die sich oft dumm und leichtgläubig auf etwas einlassen, was sie allein kaum durchstehen können.“
„Um auf den letzten Fall zu kommen: Da habe ich eine tolle Geschichte gehört – unter dem Siegel der Verschwiegenheit – versteht sich. Aber Ihnen kann ich’s ja erzählen, denn Sie dürfen ja auch keine Dienstgeheimnisse ausplaudern. Sie sollen doch wissen, um was es in Ihrem Prozess geht. Wenn die Gerüchte zutreffen, wissen die beiden Eheleute genau, wer der Ehebrecher ist und wer also auch als Vater in Betracht kommt. Sie schämen sich nur, das zuzugeben.“
„Sie machen mich ja richtig gespannt. Normalerweise bin ich ja froh, wenn mir der Hintergrund meiner Prozesse erspart bleibt, denn ich bin schon mit dem Vordergrund voll ausgelastet. Aber ich bin überzeugt, dass es etwas anderes ist, wenn Sie es mir erzählen wollen.“
„Also, die Ehefrau des letzten Falles stammt aus den Philippinen. Ihr Mann hat sie auf einer Urlaubsreise kennen gelernt und nach Deutschland mitgebracht. Es hat damals eine große Hochzeit gegeben, über die sogar die Zeitungen berichtet haben, denn der Bräutigam war der Sohn des Bürgermeisters von Rockszell. Sie haben ja schon sicher von dem Mann gehört: Er ist der größte Hurenbock, der hier frei herum läuft...“
„Solche Ausdrücke bin ich ja von Ihnen gar nicht gewohnt, Frau Wahlmann“, meinte Dr. Prell lachend.
„In dem Fall treffen Sie aber genau den Kern der Sache, wie noch sehen werden: Auf der Hochzeit waren alle Beteiligten ziemlich betrunken. Irgendwann wurde die Braut entsprechend dem alten Brauch entführt – vom Vater des Bräutigams und einigen Burschen. Der Vater hat die Braut in einem Zimmer des Hotels, in dem man feierte, versteckt. Dort hat er ihr erzählt, dass nach bayrischer Sitte die erste Nacht dem Vater des Bräutigams gehört. ‚Ius primae noctis‘ hat er das genannt, und die dumme Gans von Frau hat das geglaubt und mitgemacht. Ja, und nun weiß man nicht, von wem das Kind ist. Vater und Sohn sind zerstritten und das junge Paar auch. Eine einzige Katastrophe!“
Bevor sich Dr. Prell verabschiedete, konnte er sich diese Bemerkung nicht verkneifen:
„Wenn man hört, was in Bayern so alles unter dem Begriff ‚Brauchtum‘ verstanden wird, muss man direkt Gott danken, als Preuße auf die Welt gekommen zu sein.“
Nachdem Dr. Prell das Pensionsalter erreicht hatte, hatte er keine Lust, sich zur Ruhe zu setzen. Da er sich wegen der gesetzlichen Bestimmungen nicht als Rechtsanwalt niederlassen konnte, arbeitete er als Mediator. Er half also scheidungswilligen Paaren, ihre Angelegenheiten so billig wie möglich zu regeln. Wenn nämlich erst die Anwälte solche Sachen ihre Finger bekommen, wird es teuer: Die Aufteilung des ehelichen Vermögens ist für sie insbesondere dann eine ergiebige Geldquelle, wenn es um ein Haus oder um andere größere Werte geht. Da kann ein Anwalt unter Umständen mit einer einzigen Scheidung mehr verdienen als ein normaler Arbeitnehmer in einem ganzen Jahr.
Kaum hatte Dr. Prell mit seiner neuen Tätigkeit begonnen, tat er etwas, was nur wenigen einfällt. Er dachte über den Sinn seines Handelns nach. Und er fragte sich, was mit diesen Paaren passiert sein musste, die erst total verliebt die Ehe geschlossen hatten und sich dann spinnefeind gegenüber standen. Es musste doch eine Möglichkeit geben, sozusagen das Rad des Lebens zurückzudrehen, um wieder weiter vorne anfangen zu können.
Da er psychologische Kenntnisse hatte, entwickelte er eine Methode, die als Prell’sche Retrospektiv-Visualisierung allgemeine wissenschaftliche Anerkennung fand. Wer sich für solche Probleme interessiert, kann sich in der Literatur darüber informieren. Hier sei nur kurz auf diese Thesen eingegangen. Dr. Prell hatte ein schlichtes Phänomen beobachtet: In der Wirtschaft halten die verantwortlichen Personen an Fehlentscheidungen fest, auch wenn alles dadurch nur noch schlimmer wird. Man nennt dies heute „Escalation of Commitment“. Dr. Prell stellte sich nun die Frage, warum es bei Eheleuten häufig genau umgekehrt ist: Sie wollen an einer Entscheidung, nämlich der Heirat, nicht mehr festhalten, obwohl sie ursprünglich völlig richtig war. Und so erfand Dr. Prell ein Programm, durch welches die zerstrittenen Eheleute gemeinsam den Schutt wegräumten, der ihre Liebe erstickt hatte.
Eines Tages kam ein junges Paar in das Büro von Dr. Prell, das ihm zutiefst unsympathisch war, genauer gesagt war es die Frau, die ihm geradezu als Antityp dessen erschien, was ihm normalerweise als weiblich erschien. Nicht, dass sie übel ausgesehen hätte – vom Haarschnitt abgesehen, der eher einer Soldatin angestanden hätte. Auch sonst schien sie die Mentalität einer Kämpferin zu haben. Dr. Prell schaute sie durchdringend an und murmelte etwas von völliger Überlastung: Er wisse nicht, wie er ihren Fall noch in seinem Terminkalender unterbringen könne.
„Ach bitte, nehmen Sie uns doch dran“, bat der junge Mann. „Wir haben so große Hoffnungen in Sie gesetzt.“
„Du meinst: Du hast große Hoffnungen...“, verbesserte sie ihn.
Dr. Prells Ehrgeiz war geweckt. Er dachte an „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Shakespeare: Wie war noch gleich diese Geschichte, in der eine „Kratzbürste“ in ein liebendes Wesen verwandelt wurde? Ihm wollte es nicht recht einfallen. Also musste er sich etwas anderes ausdenken. Das kostete Zeit, und so sagte er:
„Es könnte sein, dass im nächsten Monat ein Platz für Sie frei wird. Lassen Sie Ihre Telefon-Nummer hier, und ich rufe Sie dann zurück.“
Die beiden gaben ihm einen Zettel mit sechs Nummern, denn jeder hatte seinen privaten und beruflichen Anschluss sowie ein Handy.
Getrennt leben sie also, dachte Dr. Prell. Ob sie sich getrennt hatten oder niemals zusammen gezogen waren, wie es einem neuen Trend entsprach? Immer mehr Menschen waren ja nicht mehr bereit, die Freiheiten ihres Single-Daseins wegen einer Partnerschaft oder Ehe aufzugeben.
