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Seien Sie doch mal ehrlich: Was haben Sie im letzten Jahr schon alles gelesen! Und was wissen Sie davon noch? Oder denken Sie vielleicht heute noch darüber nach? Hier aber kommt für Sie "starker Tobak" – literarisch gesehen. Deshalb vorweg eine Warnung: Dieses Buch ist zwar einerseits unterhaltsam, aber es soll Sie auch zum Nachdenken anregen. Und dabei werden vielleicht manche Ihrer bisherigen Auffassungen und Sichtweisen etwas ins Wanken geraten. Auch wenn Sie es nicht glauben wollen: Die Bibel enthält nicht die ganze Wahrheit, sondern sie wurde von der Kirche gefälscht. Schon am Anfang fehlt die Geschichte von Adams erster Ehe. Lesen Sie, was Ihnen die Kirche vorenthält: das Drama der ersten Ehe auf der Welt – die Geschichte der sexsüchtigen Lilith, die jeder gebildete Mensch unbedingt kennen sollte. Haben Sie insoweit Nachholbedarf? Warum verschweigt die Bibel so vieles: Wie kamen die Hormone in den Menschen? Durch Gott oder Luzifer? Ist Gott kein Mann sondern ein Neutrum? Wie lebten die Apostelfrauen, nachdem Jesus ihre Männer mitgenommen hatte? Wie wird Judas vom Jüngsten Gericht beurteilt: Als Verräter oder milde, weil Gott ihn als Werkzeug für seinen Heilsplan benutzt hat? Was tut ein Pfarrer, wenn er seinen Glauben verliert oder entdeckt, dass das Wunder seiner Gnadenkirche Betrug ist? Fragen über Fragen, auf die dieses Buch (k)eine Antwort gibt. Ja und schließlich lesen Sie, welche interessanten Gespräche der Herrgott und Luzifer führen.
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Peter Rogenzon
Verbotene Zone
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zur Einstimmung
1. Jesus im Vatikan
2. Bibelfortsetzung
3. Die Bibel: Hintergrundwissen
4. Hostienschändung
5. Das Wunder
3. Die Frömmlerin
7. Sündenfall
8. Der Liebe Gott und der Teufel
9. Satans Selbstgespräch
10. Die alte Tante und der Kapuziner
11. Der Teufel im Paradies
12. Der Teufel am Telefon
13. Die Seele der Frau
14. Das Jüngste Gericht
15. Am Anfang der Menschheitsgeschichte.
16. Die Hölle ist auch nicht mehr das, was sie war
17. Die Erkenntnis
18. Wenn Jesus heute gekommen wäre
19. Die Verführung des Papstes
20. Die Wette
21. Die neue Bibel
22. Engelsbotschaft
23. Die Heilige
24. Die Creme
25. Bartholomäusnacht in Berlin
26. Lilith
27. Mein Gott!
28. Die Sinnfrage
29. Neuzugang bei Luzifer
30. Der alte Kapitän
31. Das Böse
32. Aphrodisiakum
33. Luzifers Qumran-Rollen
34. Vor über 2000 Jahren...
35. Ein ver(w)irrter Engel
36. In Sachen Judas Ischariot
37. Wollust
38. Allahs Zorn
39. Kindermord
40. Der Vortrag
41. „Verhaftet Jesus!“
42. „Santo subito!“
43. Reformationstag
44. Das Wunder des Herrn S.
45. Die Erscheinung
46.Gott in der Hölle
47. Luzifers Schnapsidee
Im Jenseits
Nachwort
Impressum neobooks
Glaube nichts, weil ein Weiser es gesagt hat.Glaube nichts, weil alle es glauben.Glaube nichts, weil es geschrieben steht.Glaube nichts, weil es als heilig gilt.Glaube nichts, weil ein anderer es glaubt.Glaube nur das, was Du selbst als wahr erkannt hast
Buddha
*
Das wichtigste Zeichen auf der Welt ist das Fragezeichen.
Raymond Cartier
*
„Heiliger Zweifel!“ möchte man oft denen zurufen, die so sehr von sich und dem, was sie tun oder denken, überzeugt sind.
Der Autor
Zuerst stand es natürlich im „Osservatore Romano“, allerdings nicht so, wie es dem Ereignis angemessen gewesen wäre:
„Im Vatikan erschien am gestrigen Montag ein junger Mann, der behauptete, Jesus zu sein. Er begehrte, den Papst zu sprechen. Immerhin gelang es ihm, sich mit einem zufällig daher kommenden Kardinal zu unterhalten. Dieser nahm sich freundlicherweise des Falles an. Da der Kardinal befürchtete, dass der junge Mann geisteskrank und daher behandlungsbedürftig sei, unterhielt er sich eine halbe Stunde lang mit ihm, wobei er zu der Überzeugung kam, es handele sich um einen ‚harmlosen Irren‘. Er verabschiedete sich dann von ihm mit den Worten, es habe ihn gefreut, mit Jesus persönlich gesprochen zu haben. Daraufhin verließ der junge Mann sichtlich zufrieden wieder den Vatikan.“
Nun, so ganz stimmte dieser Zeitungsbericht nicht. Das ist, wie man weiß, nichts Ungewöhnliches. Nur ganz naive Leute glauben das, was ihnen schwarz auf weiß vorgesetzt wird. Auch beim „Osservatore Romano“ sieht man die Welt natürlich aus einem bestimmten Blickwinkel, und damit ist die Sicht auf das, was geschieht, natürlich erheblich beschränkt. In Wahrheit hatte sich nämlich folgendes zugetragen:
Der junge Mann, der im Vatikan erschienen war, war keinesfalls damit zufrieden, wie ein Irrer behandelt worden zu sein. Dabei konnte er sich nicht darüber beklagen, dass er unfreundlich empfangen worden wäre: Er hatte sich an der Pforte ordnungsgemäß angemeldet:
„Darf ich mich vorstellen? Ich bin Jesus und möchte meinen Stellvertreter auf Erden sprechen!“
Der Pförtner hatte einen Anmeldezettel zur Hand genommen und nachgefragt:
„Ist Jesus Ihr Vor- oder Nachname?“
„Ich heiße nicht nur Jesus, sondern ich bin es – der Mann für den Sie arbeiten.“
„Hm, hm“, hatte der Pförtner hinhaltend gebrummt, um zu überlegen, was zu tun sei. „Wen – sagten Sie – wollten Sie sprechen?“
„Meinen Stellvertreter!“
Am Gesicht des Pförtners war nun zweierlei abzulesen: Er hatte zwar begriffen, von wem sein Besucher sprach, wusste aber immer noch nicht recht, wie er sich verhalten sollte.
„Moment!“ sagte er gedehnt und verschwand in einem Nebenraum. Dort griff er zum Telefon und fragte einen jungen Kaplan um Rat. Der war – Gott sei Dank – äußerst hilfsbereit:
„Nur her mit dem jungen Mann, vielleicht ist er ja mit mir zufrieden.“
So war nun dieser Jesus von einem martialisch aussehenden Mitglied der Schweizer Garde in das Büro des Kaplans geleitet worden, der ihn leutselig begrüßte:
„Sie wurden mir als Jesus angemeldet. Sie wünschen?“
„Ich bin nicht nur als Jesus angemeldet, sondern bin es tatsächlich selbst und möchte den Papst sprechen.“
Der Kaplan hatte sein liebenswürdigstes Gesicht aufgesetzt, das er sich für besonders schwierige Fälle antrainiert hatte, und das hier war zweifelsohne ein solcher schwieriger Fall, nämlich ein offensichtlich Geisteskranker, wie der Kaplan sachkundig feststellte. Er säuselte daher auf das Freundlichste:
„Es freut mich, den Mann persönlich kennen zu lernen, dem ich so viele Jahre meines Lebens gewidmet habe. Ich bin sozusagen die rechte Hand des Papstes. Sie können mir also ruhig Ihr Anliegen vortragen und können sicher sein, dass ich es dem Heiligen Vater – so gut es geht sogar wortwörtlich – übermitteln werde. Er ist nämlich leider heute nicht im Hause und daher nicht zu sprechen. Da Sie Jesus sind, werden Sie dies ja wohl wissen.“
„Weil ich Jesus bin, weiß ich, dass der Papst da ist. Bringen Sie mich also zu ihm und reden Sie nicht lange darum herum.“
Der Kaplan wurde bleich und war mit seinem Latein am Ende gewesen (das er ja eigentlich wie eine Umgangssprache beherrschte). Da kam ihm ein – wie er meinte – grandioser Einfall. Er wollte diesen offensichtlich verwirrten jungen Mann seinem Vorgesetzten vorstellen; vielleicht würde sein Besucher ja damit zufrieden sein und den Kardinal womöglich sogar für den Papst selber halten.
Der Kaplan näherte sich in devoter Haltung, sozusagen verbeugt gehend, dem prächtigen Portal zum Büro seines Vorgesetzten, das von zwei barbusigen Engeln bewacht wurde und so gewaltig war, dass der Überlieferung nach ein gekrönter Besucher mit seinem Pferd hindurch geritten sein soll. Die wertvollen goldgeränderten Facetten der Türfüllung machten jedem Besucher klar: Dahinter befand sich jemand, demgegenüber man sich klein vorkommen musste.
Der Kaplan sagte zu Jesus:
„Ich werde Sie jetzt bei Seiner Eminenz anmelden.“
Er klopfte vorsichtig an die Tür, und es ertönte ein kurzes „Herein!“
Der Kaplan bedeutete Jesus mit einer kurzen Handbewegung, dass er warten möge, und verschwand schnell im anderen Zimmer. Er bereitete seinen Vorgesetzten auf seinen Besucher vor und fand, es wäre doch ein gutes Werk, diesen jungen Mann kurz zu empfangen.
Der Kardinal hatte ein offenes Ohr für „gute Werke“, denn er war in seiner Jugend einmal Pfadfinder gewesen und daher darauf gedrillt worden, jeden Tag etwas Gutes zu tun, und sei es auch nur etwas ganz Kleines. Er hatte dann allerdings gefunden, dass es gar nicht so einfach war, nach diesem Grundsatz zu leben, denn wenn man den ganzen Tag im Büro saß und arbeitete, musste man schon die Arbeit selbst als etwas Gutes ansehen, um nach den Grundregeln der Pfadfinder seine Pflicht getan zu haben.
Der Kardinal nahm also freudig die Gelegenheit wahr, auf so einfache Weise wieder einmal einen Pluspunkt in seiner imaginären Liste der guten Werke verbuchen zu können, und ging ins Büro seines Kaplans hinaus. Er schüttelte dem Besucher freundlich die Hand und sagte:
„Ach, setzen wir uns doch in mein Zimmer!“
Nachdem sie beide dort an einem kleinen goldenen Barocktisch in roten damastbezogenen Sesseln Platz genommen hatten, ergriff der Kardinal das Wort:
„Wer, sagten Sie noch gleich, sind Sie?“
„Ich sagte, dass ich Jesus bin und den Papst sprechen möchte.“
„Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wollen Sie sagen, dass Sie der Jesus sind?“
„Ja, der bin ich.“
„Entschuldigen Sie bitte, dass mein Begriffsvermögen etwas beschränkt ist. In der Bibel steht doch ganz klar, dass der Menschensohn in Herrlichkeit wieder kommen wird, aber doch nicht einfach so wie Sie.“
Der Kardinal fand es gut, sein Gegenüber in eine kurze theologische Debatte zu verwickeln, um ihn dann wieder nach Hause schicken zu können. Doch sein Gesprächspartner antwortete lapidar:
„Wir haben es uns da oben eben anders überlegt!“
„Nun, für mich waren die göttlichen Ratschlüsse immer etwas Unumstößliches, denn Gott ist vollkommen, und was er beschließt, ist von seiner umfassenden Weisheit getragen. Da kann es doch nicht sein, dass er es sich mal so und dann wieder anders überlegt.“
„Deswegen bin ich ja hier, um diesen Irrtum auszuräumen: Mein Vater ist anpassungsfähig. Die Bibel ist voll von Beispielen. Nehmen Sie beispielsweise die Sintflut. In seinem Zorn hat mein Vater die gesamten Lebewesen bis auf diejenigen in der Arche ertränkt. Hinterher hat es doch bereut und gesagt, er werde so etwas nie wieder tun, obwohl gerade Zeiten wie diese...“
„Ja, ja, die Zeiten sind schlimm, auch für die Kirche.“
„... weil sich die Kirche nicht anpasst. Die Kirche unterscheidet zu wenig zwischen unabänderlichen Geboten und solchen, die nur in die Zeit meines früheren Lebens gedacht waren. Das wollte ich mit meinem Stellvertreter besprechen, und darum muss ich ihn unbedingt treffen.“
„Leider ist Seine Heiligkeit, wie Sie als Jesus ja wohl wissen, alt und kränklich. Heute fühlt er sich unpässlich und hat alle Termine abgesagt. Es geht also leider nicht, dass Sie ihn besuchen können. Bitte haben Sie dafür Verständnis.“
„Ihr Kaplan sagte, der Papst sei nicht im Hause, und Sie behaupten, er sei krank. So können Sie mich nicht abwimmeln. Entweder lassen Sie mich jetzt zu meinem Stellvertreter oder...“
Der Kardinal erschrak und bekam Angst vor dem jungen Mann. Er drückte unauffällig auf einen Alarmknopf unter dem Tisch und schaute zur Tür, wo zwei Mann der Schweizer Garde erschienen. Als er dann wieder seinen Blick auf den Sessel gegenüber richtete, war dieser Platz leer. Der Kardinal fragte seinen Kaplan im Vorzimmer:
„Ist der junge Mann schon gegangen?“
„Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Ich dachte, er sitzt noch bei Ihnen.
„Das ist aber sehr merkwürdig“, fand der Kardinal und zog sich in sein Büro zurück.
Am nächsten Tag traf der Kardinal zufällig mit dem Papst zusammen, wobei dieser plötzlich ohne jeden Zusammenhang bemerkte:
„Stellen Sie sich vor, wenn mir jetzt auf einmal Jesus erscheinen würde. Wie sollte ich wissen, dass er es ist. Und dann könnte ich ja keinem etwas davon sagen, denn sonst hieße es hier im Vatikan sicherlich: ‚Der alte Mann spinnt!‘Und man würde über mich tuscheln, dass ich meine Heiligsprechung vorbereite. Sie wissen ja, wie die Leute hier sind.“
„Wie kommen Sie jetzt auf so etwas?“ fragte der Kardinal.
„Ach, nur so!“ antwortete der Papst.
Als der Herrgott vom Himmel auf die Menschheit herabblickte, fand er keinen Gefallen an ihr. Eigentlich müsste er eine zweite Sintflut über das Menschengeschlecht hereinbrechen lassen, fand er, aber dann erinnerte er sich daran, dass er seinen Zorn im Zaume halten wollte – so hatte er es damals versprochen. Eine neue Sintflut war auch nicht nötig, weil der Herrgott sah, dass die Menschen dabei waren, sich selbst zu vernichten. Und eines Tages war es dann so weit: In einem Labor in den USA waren neue Viren als biologische Waffe gezüchtet worden. Durch eine kleine Unachtsamkeit entwichen einige dieser Viren aus dem Sicherheitsbereich. Sie vermehrten sich ungeheuer und breiteten sich über die ganze Welt aus. Kein einziger Mensch überlebte.
Der Herrgott vermisste die Menschen, die seine Hauptbeschäftigung gewesen waren. Und so entschloss er sich zu einem Neubeginn. Weil er mit den Menschen keine gute Erfahrungen gemacht hatte, sah er sich unter den anderen Lebewesen um. Da fielen ihm die Ameisen auf, die ein bescheidenes, arbeitsames Leben führten. Und so beschloss er, diese Tiere an Stelle der Menschen als seine Lieblingsgeschöpfe besonders heraus zu heben: Er hauchte ihnen eine Seele ein und schuf für sie ein kleines Paradies, in welches er wiederum ein winziges „Bäumchen der Erkenntnis“ pflanzte. Genauso wie damals bei Adam und Eva verbot er den Ameisen ausdrücklich, Früchte von diesem Baum zu essen.
Natürlich war es wieder ein weibliches Wesen, wenn freilich auch nur ein kleines Tierchen, das neugierig darauf war, welche Erfahrungen ihr der Genuss dieser Früchte bringen würde. Und so schlüpfte das Ameisenweibchen heimlich durch ein winziges Loch, das unverschämterweise von einem Wurm hinein gebohrt worden war, in das Innere einer Frucht und begann zu fressen.
Wir ahnen natürlich, dass es Luzifer war, der hier in Gestalt eines Wurmes sein Unwesen getrieben hatte. Und wir sind auch nicht überrascht darüber, wie es weiter ging: Eine zweite Ameise männlichen Geschlechts war dem Weibchen gefolgt und ließ sich ebenfalls das Fruchtfleisch schmecken. Alles, was nun geschah, war, dass die Frucht faulte und mit einem lauten „Platsch“ zu Boden fiel. Dadurch wurde der Herrgott auf diesen Frevel aufmerksam.
„Strafe muss sein!“ sprach er und ließ die Ameisen von einem Engel mit flammendem Schwert aus dem Paradies vertreiben. Dann sah er zu seinem Sohn Jesus hinüber und sagte:
„Ich glaube, jetzt geht alles wieder von vorne an.“
„Nein“, antwortete Jesus, der an seine Kreuzigung dachte, „nicht schon wieder! Diesmal musst du ihnen schon so vergeben.“
Während wir im Alten Testament öfter einmal einen Blick in das Leben droben im Himmel werfen dürfen, ist das im Neuen Testament anders: Wir erfahren relativ wenig über das, was sich vor der Geburt Jesu im Himmel abgespielt hat. Wie mag das wohl gewesen sein? Die wenigsten denken darüber nach und wenn sie es doch tun, hat jeder so seine eigenen Vorstellungen: Manche davon mögen vielleicht etwas blasphemisch klingen, aber so etwas kann schon vorkommen, wenn man von der Bibel im Stich gelassen wird und seiner Phantasie freien Lauf lässt:
Gottvater saß auf einer weißen Wolke im obersten Bereich des Himmels. Die Wolke begann langsam, sich grau zu färben – ein Zeichen dafür, dass sich da oben etwas zusammenbraute. Gottvater beugte sich vor, rief einen Engel aus der Botenabteilung herbei und sagte:
„Hol’ mir mal bitte meinen Sohn hierher!“
Der Botenengel schwirrte davon in den entferntesten Winkel des Himmels, wo Jesus im Kreise von allerliebsten Engeln zarten Harfenklängen lauschte.
„Dein Vater will dich sprechen“, posaunte der Botenengel in dieses idyllische Beisammensein.
„Muss es gleich sein?“ fragte Jesus, für den diese Unterbrechung des Konzerts wie ein entsetzlicher Misston klang.
„Sonst hätte er mich ja wohl nicht hergeschickt“, erwiderte der Botenengel etwas schnippisch.
Jesus verließ also mit einem wehmütigen Blick auf die Engelsschar seinen Himmelswinkel und erschien bei seinem Vater. Dieser kam gleich zur Sache:
„Ich muss mit dir reden, Sohn: Schau mal hinunter!“
Er schob eine größere Regenwolke zur Seite, und beide blickten auf die Erde hinab.
„Wieso?“ fragte Jesus. „Es ist doch alles wie immer.“
„Das ist es ja eben: Lauter dreiste Sünder. Du glaubst gar nicht, wie ich mich über diese Unverschämtheit aufregen muss.“
„Da kann ich dich nun wieder gar nicht verstehen: Du hast die Menschen doch so gemacht – als Sünder.“
„Das schon!“ erwiderte Gottvater. „Aber ich habe versucht, sie zu erziehen. Erst habe ich sie aus dem Paradies vertrieben. Dann habe ich die ganze Menschheit bis auf Noah mit der Sintflut ertränkt und gehofft, nun würde alles besser. Aber leider ist alles wieder so wie vorher.“
„Dann mach's doch wieder so wie damals: Spül' alles weg! So könntest du deine Schöpfung mit völlig fehlerfreien Menschen erneuern.“
„Nein!“ sagte Gottvater entschieden. „Das kommt nicht in Frage. Damals habe ich versprochen, dass sich so etwas nicht wiederholen wird. Man muss sich nun einfach mal etwas anderes einfallen lassen, so haben der Heilige Geist und ich es jedenfalls entschieden.“
„Na dann bin ich ja schon überstimmt. Warum also hast du mich dann noch rufen lassen?“
„Weil wir dich für unseren Plan brauchen!“
„Und wie soll der aussehen?“ fragte Jesus.
„Also wir schicken dich auf die Erde.“
„Soll ich gleich gehen?“
„Immer langsam, mein Sohn! Du wirst erst einmal in Bethlehem als Kind von einer Jungfrau geboren.“
„Ist euch da nichts Besseres eingefallen? Jungfrauengeburten hat es in dem Teil der Welt ja schon früher gegeben und zwar sehr oft.“
„Ja, das nutzen wir aus. Die Menschen wissen schon, dass eine solche Geburt ein Zeichen für etwas ganz Besonderes ist.“
„Und wie soll’s dann weiter gehen?“ erkundigte sich Jesus, der langsam begann, Schlimmes zu befürchten.
Deshalb entschloss sich Gottvater, gleich mit der ganzen Wahrheit herauszurücken:
„Du wirst rund 30 Jahre unter den Menschen leben und ein bisschen Reklame für uns machen. Dann wirst du gekreuzigt, auf dass mit deinem Blut die Sünden der Menschheit getilgt werden.“
Jesus glaubte, nicht recht gehört zu haben:
„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“
„Doch, es ist wahr!“
„Und warum vergibst den Menschen nicht einfach so?“ wollte Jesus wissen.
„Weil der Heilige Geist und ich beschlossen haben, mit deinem Tod ein Zeichen zu setzen. Wir wollen den Menschen zeigen, dass ich mein Liebstes, also meinen Sohn, für sie opfere.“
„Auf der Erde würdest du für so eine Idee eingesperrt.“
„Aber bei uns gelten eben andere Maßstäbe. Das werden die Menschen verstehen.“
„Das kann ich nicht glauben. Außerdem möchte ich doch Zweifel am Nutzen des Unternehmens anmelden. Die Menschen werden auch dann noch weiter sündigen wie bisher. Das kann ich dir jetzt schon prophezeien. Sogar deine Elitetruppe, die Jesuiten, wird ihre Zöglinge missbrauchen.“
„Der Heilige Geist, der uns drei leitet, hat alles geprüft und für gut befunden – und so wird es geschehen.“
Und tatsächlich: So geschah das Unfassbare.
In unserer Zeit gibt es keine Wunder mehr. Ganz anders war es früher: Alle alten Wallfahrtskirchen gehen auf solche übernatürlichen Ereignisse zurück, wobei auffällt, dass sich diese oft gleichen. So gibt es viele Gotteshäuser, die an Flüssen oder Seen liegen und die ihre Gründung angeblich der Tatsache verdanken, dass ein Marienbild oder eine Statue der Gottesmutter von Fischen ans Ufer gebracht worden sein soll. Die Menschen glauben diese Geschichten auch heute immer noch, obwohl sie skeptisch wären, wenn in unserer nüchternen Zeit jemand behaupten würde, er sei am Rande eines Sees gestanden und plötzlich hätten ihm Fische ein Marienbild vor die Füße gelegt; man würde ihn wohl zum Psychiater schicken.
Wenn man die Wunder katalogisiert, also sozusagen in bestimmte Arten unterteilt, nehmen die Hostienschändungen einen breiten Raum ein. Die katholische Kirche möchte allerdings heute mit diesen Ereignissen am liebsten nichts mehr zu tun haben und hat daher deren Spuren weitgehend getilgt. Dennoch sollen sie nicht in Vergessenheit geraten. In einer alten Chronik wird beschrieben, wie es zum Bau einer der berühmtesten Wallfahrtskirchen kam. Und diese dramatischen Ereignisse von damals seien hier festgehalten:
Vor rund einem halben Jahrhundert lebte Ritter Kuno von Hartzenstein auf seiner Burg nahe einer großen Stadt. Er entstammte einem alteingesessenen Adelsgeschlecht und hatte seinen Besitz von den Vorfahren geerbt. Seine umfangreichen Ländereien warfen normalerweise Gewinn ab. Aber dann brachen schwere Zeiten an: Missernten und kriegsbedingte Plünderungen brachten ihn in Bedrängnis. Als dann seine beiden Töchter heiratsfähig wurden und er sie mit einer standesgemäßen Mitgift ausstatten musste, hatten seine Geldmittel nicht mehr ausgereicht. Er hatte ein Darlehen aufnehmen müssen. In der damaligen Zeit war es so, dass die Kirche ihren Gläubigen verboten hatte, Geld gegen Zins zu verleihen. Weil normalerweise aber niemand sein Geld einem anderen zur Verfügung stellt, wenn er nichts dafür bekommt, nutzten die Juden diese Situation aus. Für sie galt ja das Zinsverbot nicht, und so waren die Bankgeschäfte fest in ihrer Hand.
Auch Ritter Kuno hatte sein Darlehen von einem alten Juden erhalten, der den Gerüchten nach der reichste Mann in der Stadt sein sollte. Man sah ihm das aber nicht an, denn er verstand es, seinen Reichtum zu verschleiern, indem er bescheiden wohnte und nur in einem alten verschlissenen Kaftan aus dem Hause ging. Ritter Kuno, der viel Wert auf das Äußere legte, graute davor dass, dass dieser unappetitliche Mann nun bei ihm erscheinen würde, denn das Darlehen war fällig.
Auf den Tag genau – es war gerade Gründonnerstag – kam also der Jude zur Burg. Am Tor glänzte ihm ein bronzener Löwenkopf bedrohlich entgegen, der einen großen Metallring im Maul hielt. Der alte Mann ließ sich davon nicht abschrecken. Er ergriff den Ring und hämmerte damit dreimal energisch gegen das Portal, um auch wirklich in der weitläufigen Burg gehört zu werden. Das dröhnende Klopfen drang bis oben in das höchste Turmzimmer, in dem Ritter Kuno saß. Am liebsten hätte er gar nicht geöffnet. Aber jemand von seinem Personal hatte dem Juden schon Einlass gewährt und ihn zum Ritter geführt. Dieser hatte nun eigentlich erwartet, dass sein unangenehmer Besucher sofort zur Sache gekommen wäre. Zur großen Überraschung des Ritters fing der aber an zu jammern: Es gehe ihm schlecht; er habe seine Darlehen zu billig hergegeben und viel teurer refinanzieren müssen, als er gedacht habe; Kriege in verschiedenen Ländern seien die Ursache dafür, dass man für Geld immer mehr bezahlen müsse.
„Alles gelogen!“ dachte der Ritter und der Widerwillen, den er gegenüber dem Juden empfand, verwandelte sich in blanken Hass, denn er ahnte, was da kommen würde: entweder Rückzahlung oder Zinserhöhung! Der Ritter hatte nur einen Teil des fälligen Betrages für die Rückzahlung zur Verfügung, aber den wollte der Jude nicht annehmen. Er beharrte darauf:
„Der gesamte Betrag ist heute fällig – entweder alles oder nichts!“
Der Ritter verlegte sich aufs Bitten, was ihm gerade gegenüber diesem Menschen zutiefst zuwider war. Aber der Mann blieb hart. Einen Augenblick lang dachte der Ritter daran, das Problem durch Mord zu lösen, aber er wusste, dass dies keinen Sinn hatte.
Als könne der Jude Gedanken lesen, sagte er:
„Ich habe Ihre Schuldscheine nicht dabei. Sie liegen in einer venezianischen Bank, wo ich mir das Geld geliehen habe. Wenn ich nicht zahle, verdoppelt sich dort der Zins, so dass auch ich nun von Ihnen für die Verlängerung des Darlehens einen entsprechend höheren Zinssatz verlangen muss, ohne dass ich selbst etwas daran verdiene. Schuldner, die bei Fälligkeit nicht zurückzahlen, gelten nun einmal in Bankkreisen als hohes Risiko, und ein solches Risiko muss eben mit höheren Zinsen bezahlt werden. Das sind die harten Gesetze des Bankwesens. Gegen die kann ich nichts machen – so leid es mir tut.“
Der Ritter erbleichte. Er hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet, aber die Forderung des Juden übertraf noch seine düstersten Ahnungen. Er konnte sich ausrechnen, wann seine ganzen Besitztümer dem Juden zufallen würden. Dementsprechend gierig leuchteten dessen Augen, wie der Ritter wahrzunehmen glaubte. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als eine vom Juden schon vorbereitete Schuldurkunde mit dem doppelten Zinssatz zu unterzeichnen. Dabei wäre ihm noch beinahe vor lauter Zorn ein Fehler unterlaufen. Im letzten Moment setzte er bei der Unterschrift noch den Satz hinzu, dass diese Urkunde keine neue Schuld begründe, sondern nur einen Zahlungsaufschub dokumentiere.
„Ach ja! Gut, dass Sie das tun“, meinte der Jude. „Ich habe das vielleicht ein wenig unglücklich formuliert, aber Sie hätten sich auf mich verlassen können: Ich bin ein ehrlicher Mensch und hätte das Geld niemals doppelt verlangt. Sie kennen mich ja. Ich war immer zu Ihren Diensten, und Sie sind gut damit gefahren.“
„Du falscher Hund!“ dachte der Ritter, lächelte säuerlich-freundlich und versicherte, dass er im nächsten Jahr mit Sicherheit alles zurückzahlen würde. Beide wussten, dass dies aussichtslos war.
Der Ritter hatte eine unruhige Nacht. Alle möglichen Gedanken schossen ihm durch den Kopf: Wie sollte er jemals das Darlehen tilgen? Oder gab es einen Weg, das Problem anders zu lösen? Vielleicht konnte er den Juden ja nachts überfallen und ihm eine Quittung abpressen? Aber wie sollte man das anstellen? Der Mann war übervorsichtig und ging bei Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Man müsste ihn also unter einem Vorwand aus dem Haus locken. Während er so hin und her überlegte, kam sein Kutscher und sagte:
„Herr, es ist Zeit, zur Karfreitagsandacht in die Kirche zu fahren.“
In der Kirche verlas der Pfarrer die Leidensgeschichte nach Matthäus. Obwohl dort sehr drastisch das Martyrium Christi beschrieben wird, war dies dem Geistlichen anscheinend nicht deutlich genug. Er hielt eine kurze Predigt, in welcher er nochmals die Grausamkeit eines Todes am Kreuz drastisch ausmalte und die Darstellung mit den neuesten medizinischen Erkenntnissen über diese Hinrichtungsart ergänzte. Zwei Frauen waren davon so betroffen, dass sie ohnmächtig wurden und aus dem Gotteshaus getragen werden mussten.
Nun kam der Pfarrer auf den Kern seines Anliegens:
„Und wer hat unserem Herrn und Gott all dies angetan? Die Juden waren es, die unseren Heiland so grausam dahin geschlachtet haben. Und dann haben sie noch geschrien: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘Aber was sehen wir? Die dreiste Brut dieser Verbrecher haust unangefochten in unserer Stadt und wird auch noch dadurch reich, dass sich keiner von ihnen um das göttliche Zinsverbot schert. ‚Mein Gott, mein Gott‘, kann ich da nur rufen: ‚Wie lange willst du das noch mit ansehen?‘“
„Gut gepredigt! Recht hat er!“ dachte der Ritter bei sich und im selben Moment kam ihm eine – wie er fand – geniale Idee, die er als göttliche Eingebung ansah, weil sie ihm zum einen in der Kirche gekommen war und zum anderen just in dem Moment, als der Pfarrer fragte, wie lange Gott noch zuschauen wolle. Der Ritter spürte deutlich in seinem tiefsten Inneren: Er war persönlich von seinem Schöpfer aufgefordert worden, den Frevel der Juden zu beenden. Und er wusste auch schon, wie seine gottgewollte Belohnung aussehen würde: Sein Darlehen würde sich dabei erledigen.
Als der Ritter an Ostern während der Messe zur Kommunion ging, tat er vorher so, als müsse er husten. Dabei trocknete er sich heimlich die Zunge mit dem Taschentuch ab und als der Priester ihm die Hostie in den Mund legte, hustete er ein zweites Mal, wobei er die Oblate verstohlen heraus nahm und in seiner Tasche verschwinden ließ.
Dann wartete er ab. Er hatte nämlich schon einen Plan.
Seine Tante, eine gottesfürchtige Frau, lag im Sterben. Die Familie hatte sich im Zimmer versammelt, um ihr in ihrer letzten Stunde beizustehen. Auch der Ritter war herbeigeeilt. Seine Tante war zeitweise bewusstlos und zeitweise murmelte sie etwas vor sich hin, was keiner verstand. So war es auch, als ein Kapuzinermönch kam und ihr die letzte Ölung spendete, die inzwischen Krankensalbung genannt wird. Dabei begann die alte Frau immer wieder, zusammenhanglose Worte zu flüstern, und der Mönch sagte:
„Frau von Hartzenstein, ich kann Sie nicht verstehen! Reden Sie doch bitte lauter und deutlicher!“
Aber die Frau brachte nur noch unartikulierte Laute heraus. Da trat der Ritter vor, beugte sich mit dem Ohr zu seiner Tante herunter und sprach laut und deutlich:
„Liebe Tante, wir haben uns immer gut verstanden, deshalb verstehe ich dich auch jetzt. Vertraue es mir an, was du zu sagen hast!“
Der Ritter legte sein Ohr fast auf den Mund seiner Tante, während diese nun wieder Worte vor sich hin wisperte, die nur er hören konnte. Dann richtete er sich plötzlich so auf, als ob ihm der Schreck in alle Glieder gefahren sei.
Alles redete wild durcheinander:
„Was ist?“ „Was hat sie gesagt?“
Der Ritter machte zunächst eine Kunstpause, um dadurch die Spannung zu erhöhen. Dann eröffnete er den versammelten Personen:
„Es ist etwas Furchtbares geschehen!“
Alles starrte ihn an. Dann fuhr er fort:
„Die Juden haben unseren Herrn ein zweites Mal gekreuzigt und zwar haben sie ihn an die große alte Eiche am Thingplatz genagelt. Das hat Gott meiner Tante offenbart und beschlossen, dass niemand aus dieser Stadt in den Himmel gelangen kann, bevor nicht diese Tat gesühnt ist. Meine Tante soll dies euch allen in Gottes Namen verkünden, bevor sie vor das Jüngste Gericht berufen wird.“
Vielleicht verstand die alte sterbende Frau noch diese Worte; jedenfalls regte sich offenbar furchtbar darüber auf, dass sie in ihrer letzten Stunde im Mittelpunkt dieses Dramas stand, das obendrein nur vorgespiegelt war: Sie versuchte mit weit aufgerissenen Augen, sich aufzusetzen, um zu protestieren. Aber das war zu viel für sie. Sie tat noch einen letzten tiefen Atemzug und verschied.
Im selben Augenblick stürzte alles aus dem Zimmer. Die kleine Schar brach zu der erwähnten Eiche auf, an der tatsächlich eine blutverschmierte Hostie angenagelt war. Der Leser weiß natürlich, was es mit dieser Hostie auf sich hat, aber das dumme Volk wusste es nicht. Man eilte in die Stadt zurück. Der Ritter übernahm die Regie. Er teilte die Leute ein, wer wen zu benachrichtigen hatte:
„Alle sollen sofort zum Rathausplatz kommen.“
Erst ging man zum Grafen, dann zu den Klöstern und schließlich sagte es ein Bürger dem anderen. Nach kurzer Zeit war der Rathausplatz voll von Menschen.
Der alte Prior der Dominikaner trat nach vorn und fühlte sich berufen, diese Massen anzusprechen. Er sagte nur:
„Kommt alle mit! Wir wollen sehen, was geschehen ist!“
Er hatte ein großes Kreuz mitgebracht, das normalerweise bei der Fronleichnamsprozession voran getragen wird, und ging mit dem hoch erhobenen Gekreuzigten an der Spitze des Zuges. Das Volk folgte ihm in schweigender Spannung. Schließlich wurden Gebete gesprochen und Lieder gesungen, die der alte Prior angestimmt hatte.
Als man den Wald erreicht hatte und man sich der Eiche näherte, gab es kein Halten mehr. Der ordentliche Zug löste sich auf. Jeder wollte der erste sein, der das Unerhörte in Augenschein nahm. Auch der Prior lehnte das mitgeführte Kreuz an einen Baum und lief mit. An der Eiche angekommen stellte er sich schützend neben die angenagelte Hostie und sprach:
„Herr und Gott, Jesus Christus! Was hat man dir angetan? Wir wollen zur Sühne an dieser Stelle eine Wallfahrtskirche errichten. Sie soll die schönste des Landes werden. Und wir werden alljährlich eine Bußwallfahrt hierher unternehmen. Dies geloben wir alle!“
Der Prior hob die Hände wie zum Dirigieren und fuhr fort:
„Und jetzt alle: Ja, wir geloben es!“
Das Volk fiel wie mit einer Stimme in diese Eidesformel mit ein oder besser gesagt schrie geradezu die vorgesprochenen Worte nach.
Der Ritter trat vor, stellte sich ebenfalls neben die Eiche und rief aus:
„Diejenigen, die das getan haben, sollen nicht ungeschoren davon kommen. Sie haben, als sie Jesus gekreuzigt haben, gerufen: ‚Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‘Was aber ist geschehen? Sie leben bei uns wie die Maden im Speck und bereichern sich durch Missachtung des göttlichen Zinsverbots. Nehmt ihnen zur Strafe alles weg, was sie auf sündhafte Weise zusammen gerafft haben und mit diesem Geld wollen wir die Kirche zur Sühne ihrer Verbrechen bauen. Und dann lasst das wahr werden, was sie selbst bei der Kreuzigung unseres Heilands geschrien haben.“
Das Volk klatschte Beifall und johlte Zustimmung. Als der Ritter den Ort des Geschehens verließ, folgte ihm die Masse, diesmal nicht betend, sondern grölend. Man sang gemeinsam ein Spottlied auf die Juden, das damals jeder kannte, wenn es auch nur hinter der vorgehaltenen Hand weiter gegeben oder bei gehobener Stimmung im Wirtshaus gesungen wurde. Beim Refrain überschlugen sich fast die Stimmen:
„Ihr liegt schon bald in eurem Blut,
Da habt ihr’s warm, das tut euch gut.“
Auch der Prior, der mit dem Prozessionskreuz hinterdrein ging, summte leise mit und wusste: Jetzt bricht Gottes Strafgericht verdientermaßen über die Juden herein.
Und so geschah es auch, als der wütende Mob zum Judenghetto stürmte. Man drang in die Häuser ein und nahm den Bewohnern alles, was wertvoll oder brauchbar war. Auch der Ritter erschien im Haus seines Gläubigers und verlangte die Schuldurkunde.
„Sie ist nicht hier. Sie liegt in Venedig auf der Bank. Das habe ich Euch doch schon gesagt!“ erwiderte der Mann.
„Du lügst und wirst dafür deine Strafe erhalten“, schrie der Ritter. Er zog sein Schwert. Aber als der Jude vor ihm auf die Knie fiel und um Gnade wimmerte, steckte der Ritter seine Waffe wieder in die Scheide und sagte:
„An einem Lumpen wie dir will ich mein Schwert nicht schmutzig machen.“
Er verließ schleunigst das Ghetto, denn er wusste schon, was geschehen würde: Man hatte das Judenviertel an mehreren Stellen angezündet und dann die Tore verriegelt.
Bald schlugen die Flammen hoch in den Himmel, und so konnte auch Gott nicht verborgen bleiben, dass man seine „zweite Kreuzigung“ gesühnt hatte: Kein Jude war übrig geblieben.
Am nächsten Sonntag in der Stadtpfarrkirche wusste der Priester genau, was er zu sagen hatte: Der Ausbruch des Feuers war für ihn das erwartete göttliche Strafgericht, mit dem die Juden für ihren Frevel gebüßt hatten.
Hier endet die Überlieferung der Ereignisse, und das Schicksal des Ritters und seiner Nachkommen verliert sich im Nebel der Geschichte.
Die Wallfahrtskirche aber, die damals zur Sühne errichtet worden war, überdauerte die Jahrhunderte und Jahr für Jahr pilgerten die Gläubigen zu diesem Gnadenort, um das Gelübde ihrer Vorfahren zu erfüllen. Und sie betrachteten dabei die vielen Bilder, auf denen die Hostienschändung und das folgende göttliche Strafgericht dargestellt waren.
Erst vor wenigen Jahren nahmen Kunstbeflissene, die die Kirche besichtigten, Anstoß an den Bildern. Und tatsächlich geschah etwas, was man nur ganz selten miterleben kann: Die Kirche zeigte 50 Jahre nach dem Holocaust, den sie durch ihren Antisemitismus mit verschuldet hatte, ein Einsehen und ließ die Bilder so übermalen, dass der Hostienfrevel nun nicht mehr den Juden, sondern ganz allgemein Übeltätern zur Last gelegt wurde.
Ob einmal eine Kirche errichtet wird zur Sühne für all das, was man den Juden angetan hat?
