Affenhitze - Volker Klüpfel - E-Book
BESTSELLER

Affenhitze E-Book

Volker Klüpfel

0,0
19,99 €

oder
Beschreibung

Kluftinger kommt ins Schwitzen

Zefix ... was für eine Hitze! Eigentlich viel zu schwül, um vor die Tür zu gehen. Aber Kluftinger hat keine Wahl:  Er muss in der Tongrube ermitteln, in der Professor Brunner vor einiger Zeit das berühmte Skelett des Urzeitaffen "Udo" ausgegraben hat.  Nun wurde Brunner verscharrt unter einem Schaufelbagger gefunden. Der Wissenschaftler, der mit seinem Fund beweisen wollte, dass die Wiege der Menschheit im Allgäu liegt, hatte viele Feinde. Kluftinger hat deshalb gleich mehrere Verdächtige im Visier, darunter die Mitglieder einer obskuren Sekte. Aber auch privat muss sich der Kommissar um ein Observationsobjekt kümmern: Die Tagesmutter seiner kleinen Enkelin verfolgt höchst seltsame Erziehungsansätze. Grund genug, ihr genauer auf die Finger zu schauen und Flugstunden mit Doktor Langhammer und seiner neuen High-Tech-Drohne auf sich zu nehmen. Doch der Probeflug gerät gefährlich aus dem Ruder ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Affenhitze

Die Autoren

Altusried hat einen prominenten Sohn: Kommissar Kluftinger. Volker Klüpfel, Jahrgang 1971, kommt wenigstens aus dem gleichen Ort. Nach dem Abitur zog es ihn in die weite Welt – nach Franken: In Bamberg studierte er Politikwissenschaft und Geschichte. Danach arbeitete er bei einer Zeitung in den USA und stellte beim Bayerischen Rundfunk fest, dass ihm doch eher das Schreiben liegt. Seine letzte Station vor dem Dasein als Schriftsteller war die Feuilletonredaktion der Augsburger Allgemeinen. Die knappe Freizeit verbringt er am liebsten mit seiner Familie, mit der er im Allgäu lebt. Sollte noch etwas Zeit übrig sein, treibt er Sport, fotografiert und spielt Theater. Auf der gleichen Bühne wie Kommissar Kluftinger.

Michael Kobr, geboren 1973 in Kempten im Allgäu, studierte in Erlangen ziemlich viele Fächer, aber nur zwei bis zum Schluss: Germanistik und Romanistik. Nach dem Staatsexamen arbeitete er als Realschullehrer. Momentan aber hat er schweren Herzens dem Klassenzimmer den Rücken gekehrt – die Schüler werden’s ihm danken –, um sich dem Schreiben, den ausgedehnten Lesetouren und natürlich seiner Familie widmen zu können. Kobr wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Unterallgäu – und in einem kleinen Häuschen mitten in den Bergen, wo die Kobrs im Winter häufig auf der Skipiste, im Sommer auf Rad- und Bergtouren unterwegs sind. Wenn nicht gerade mal wieder eine gemeinsame Reise ansteht ...

Das Buch

Eine drückende Hitzewelle macht Kluftinger und seinem Team zu schaffen, als sie in der Pforzener Tongrube ermitteln. Dort sorgten die Knochen des Menschenaffen »Udo« vor Kurzem für eine Sensation: Das Allgäu könnte die Wiege der Menschheit sein. Doch nun wurde der Entdecker des Skeletts ermordet aufgefunden. Kluftinger und sein Team haben einen Verdacht: War ein Streit unter Wissenschaftlern Auslöser für den Tod des Professors? Oder wollte sich eine ehemalige Geliebte rächen? Und welche Rolle spielt die ominöse Sekte, die in der Nähe der Tongrube Naturseminare anbietet? Je tiefer der Kommissar gräbt, desto mehr Geheimnisse tun sich auf – und das bei diesen Temperaturen!Dabei steht Kluftinger auch daheim schon der Schweiß auf der Stirn: Seine Frau Erika organisiert einen Flohmarkt zugunsten des Altusrieder Flüchtlingsheims, bei dem natürlich auch der Gatte helfen will. Doch woher Verkaufsgegenstände nehmen, wenn einem die eigenen Habseligkeiten lieb und teuer sind? Vielleicht können die viel gelobten sozialen Medien Kluftingers Problem lösen? Kurzerhand eröffnet er ein Facebook-Konto – mit weitreichenden Folgen.

Volker Klüpfel und Michael Kobr

Affenhitze

Kluftingers neuer Fall

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

© 2022 by Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAlle Rechte vorbehaltenAutorenfotos: © Hans ScherhauferUmschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®, München (Messlatte, Spaten, Tropfen); © Sonya Kate Wilson / Gettyimages (Tongrube);© Stevica Mrdja / EyeEm / Gettyimages (Skelett)E-Book powerded by pepyrusISBN 978-3-8437-2659-7

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Die Autoren / Das Buch

Titelseite

Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

Dank

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

1

1

Die Klinge des Messers spiegelte das gleißende Sonnenlicht. Er betrachtete sie ein paar Sekunden. Noch war sie blank, makellos. Doch das würde nicht lange so bleiben, wenn er sein Werk erst einmal begonnen hatte. Bestimmt setzte er sie an. Mühelos glitt sie durch die verschiedenen Schichten, bahnte sich ihren Weg fast von allein. Bis sie auf etwas Hartes traf, einen undurchdringlichen Widerstand: Knochen. Er zog das Messer heraus. Nun war es nicht mehr sauber, zeigte keine Lichtreflexe mehr. Es war zwar klein, aber unheimlich scharf und wendig, lag gut in der Hand. Das war wichtig. Metzger benutzten es gerne, sie nannten es Ausbeinmesser und trennten damit den Knochen vom umliegenden Gewebe. Auch er beherrschte sein Handwerk. Kein Zittern, kein Zögern. Nun war bereits das Gelenk am Ende des langen knöchernen Gebildes zu erkennen.

»Kommst du zurecht?«

Der Mann zuckte zusammen. Er hatte die Frau nicht kommen gehört.

Sie beugte sich über ihn, kniff die Augen zusammen und erschrak. »Oh, ziemlich großes Teil, soll ich dir helfen?«

Der Mann schüttelte den Kopf. Er wollte sein Werk allein vollenden. »Ich muss nur noch hier hinten … ich krieg das schon hin«, versicherte er, wobei man seine Schweizer Herkunft deutlich heraushören konnte.

Die Frau blieb trotzdem stehen, verfolgte jede Bewegung des Mannes argwöhnisch. Er schien sich dessen bewusst, ruckte unruhig hin und her. Nach ein paar Minuten lehnte er sich zurück und hauchte ein »geschafft«. »Könnte was sein, oder, Hildegard?«

Die Frau beugte sich so weit vor, dass ihr die grauen Locken in die Stirn fielen. »Meinst du, Eberhard?«

Sie schien skeptisch, doch der Mann war sich sicher. »Bringen wir’s zu ihr«, sagte er und erhob sich.

Er rieb sich die Knie, die vom langen Sitzen ganz steif waren, und atmete tief ein. Die Luft war schwül. Innerlich verfluchte er diese drückende Hitze, die ihm seine Arbeit unnötig schwer machte. Dann griff er sich den Knochen und stapfte neben Hildegard durch den Matsch, bis er das Zelt fast erreicht hatte, das mitten in dieser Schlammlandschaft aufgebaut worden war. »Frau Doktor Lanz, würden Sie mal schauen?«, rief Eberhard schon von Weitem. »Ich hab hier was ziemlich Großes.« Stolz übergab er der Frau den Knochen.

Die blickte erst das Fundstück, dann den Mann an, mit dem sie gerade noch gesprochen hatte. »Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, die Arbeit ruft.«

»Freilich, machen Sie nur«, erwiderte der und blickte ebenfalls gespannt auf den Fund.

Nun wurde offenbar auch Eberhard bewusst, dass er die beiden gerade unterbrochen hatte. »Verzeihung, Herr Kommissär«, sagte er schnell, »ich hoffe, ich hab Sie nicht bei etwas Wichtigem gestört. Aber möglicherweise haben wir es hier wieder mit dem Knochen eines Menschenaffen zu tun.«

Doktor Theresa Lanz, die Paläontologin der Universität Tübingen, mit der sich Kluftinger eben noch unterhalten hatte, schob sich die Lesebrille auf die Nase, die an einer Kette um ihren Hals baumelte. Sie betrachtete das verdreckte Stück in ihren Händen genau, bevor sie sagte: »Sorry, Eberhard, aber da muss ich dich enttäuschen. Ein Hominide ist das nicht. Aber immerhin ist dir ein fast vollständiger Oberschenkelknochen einer Säbelzahnkatze, genauer Pseudaelurus quadridentatus, ins Netz gegangen. Ein Jungtier, kurz vor der Geschlechtsreife. Hier, nimm dir eine Nummer mit. Toller Fund, wirklich. Bleib neugierig.«

Mit stolzgeschwellter Brust ging der Mann zu einem der Tapeziertische im Inneren des Zelts und griff sich einen Plastikbeutel, in den er sorgfältig seinen Knochen gleiten ließ. Dann nahm er sich ein Plastikkärtchen mit einer Nummer darauf und ging.

»Respekt, Frau Doktor«, kommentierte Kommissar Kluftinger, der die Szene interessiert verfolgt hatte. Er deutete auf die Tüte, die ihn an die Asservatenbeutel seines Kollegen Willi Renn von der Spurensicherung erinnerte. »Dass Sie nicht auch noch Geschlecht und Fellfarbe von dem Säbeldings bestimmt haben, ist alles.«

»Wer sagt Ihnen, dass ich das nicht auch könnte, Herr Kluftinger?«, erwiderte die Wissenschaftlerin grinsend und ging zu dem Tisch, wo sie den Beutel in einer der Metzgerkisten aus rotem Plastik verstaute. »Und wenn ich auch noch die Augenfarbe angeben würde, woher wollen Sie wissen, dass das überhaupt stimmt?«

Er verstand nicht, was sie meinte.

Mit versonnenem Blick schaute sie über die Ausgrabungsstätte. »Wissen Sie, viele der Leute, die uns helfen, die versteinerten Knochen auszugraben, sind Laien. Die machen das aus Spaß an der Freud. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr dankbar, dass es diese Bürgergrabungen hier gibt. Eine tolle Idee von meinem Chef, Professor Brunner.«

Kluftinger war gespannt auf das Aber, das nun kommen würde.

»Aber man muss die Leute eben auch bei Laune halten. Was sie da genau ausgegraben haben, sehen wir sowieso erst im Winter, wenn wir die Sachen im Institut untersuchen. Wir haben das Glück, dass die Grube viele Funde birgt, das ist sehr motivierend.«

Der Kommissar nickte. Nun ließ auch er den Blick über das weitläufige Gelände schweifen. Hammerschmiede hieß es, es gehörte zum Ort Pforzen. Von beidem hatte er vor einigen Monaten zum ersten Mal gehört. Dabei musste er schon oft hier vorbeigefahren sein, denn Kaufbeuren, die Stadt, in der sein Sohn mit Frau und Enkelin lebte, war gleich um die Ecke. Kluftinger atmete tief ein und lächelte. Nach einer Regenperiode, die eine gefühlte Ewigkeit gedauert und im ganzen Allgäu die Pegel der Bäche und Flüsse bedenklich hatte steigen lassen, schien jetzt endlich wieder die Sonne aus einem makellos blauen Himmel. Mehr noch: Mit einem Schlag war es brütend heiß geworden. So heiß, dass die Ersten schon wieder über die hohen Temperaturen schimpften – dieselben, die sich noch vor wenigen Tagen über das Sauwetter beschwert hatten, vermutete der Kommissar. Aber der heutige Sonntag war der erste schöne Tag seit Langem, und den wollte er genießen, zumal es ein ganz besonderer war: Ein großes Ereignis stand auf dem Programm. Deswegen war er hier. Und er bereute es nicht, am Wochenende Dienst zu haben, auch wenn das bedeutete, dass seine Frau währenddessen allein zu Markus und Yumiko gefahren war.

Die Zeitungsartikel der letzten Wochen über die Grube hatte er regelrecht verschlungen: Forscher aus Tübingen hatten hier tief in der Erde eine urzeitliche Sensation entdeckt – siebenunddreißig Knochen, die von dem weltweit ältesten aufrecht gehenden Menschenaffen stammen sollen, einer neu entdeckten Art. Das eigentlich Besondere daran aber war, dass der Affe hier, mitten im Allgäu, vor elf Millionen Jahren gelebt haben soll. Damit wären die Fundstücke doppelt so alt wie der bis dahin älteste Nachweis für den aufrechten Gang bei menschenähnlichen Affen. Kluftinger verspürte einen gewissen Stolz bei dem Gedanken, dass die Urahnen des Menschen ausgerechnet hier im Allgäu das Gehen gelernt hatten. So war es in der Zeitung – sicher ein wenig vereinfacht – gefeiert worden. Udo, so der volkstümliche Name für das Tier, dessen Überreste sie geborgen hatten, war in kürzester Zeit zum Lokalhelden avanciert. Und sein Namensgeber, Professor Udo Brunner, mit ihm.

Kluftingers Anwesenheit hatte allerdings weniger mit seinem neu geweckten Interesse für die Urzeit zu tun, sondern dienstliche Gründe, auch wenn hier das Angenehme mit dem Nützlichen zusammentraf: Anlässlich eines Festakts vor Ort sollten im Beisein des bayerischen Ministerpräsidenten höchstpersönlich einige Schaukästen auf dem Gelände enthüllt werden, um der wissenschaftlichen Bedeutung der Knochenfunde Rechnung zu tragen. Ein Besuch des Landesvaters bedeutete natürlich höchste Sicherheitsstufe. Kluftingers Abteilung hatte der Staatskanzlei ein eigens ausgearbeitetes Sicherheitskonzept vorlegen müssen, das er nun persönlich überwachte. Denn ein solch hoher Besuch erforderte auch die Anwesenheit hoher Amtsträger der Polizei. Und da Kluftinger nach dem Weggang von Birte Dombrowski noch immer Interims-Polizeipräsident war, war er heute sozusagen in doppelter Funktion gefragt.

Auf einer Ebene etwas über den Arbeitern stand ein Bagger mit dem Werbetransparent der örtlichen Ziegelei, die in der Grube Ton abbaute. »Swoboda – aufrechte Qualität, affenstarker Preis«, las der Kommissar halblaut.

Zum Eingang der Grube fiel das Gelände steil ab. Ganz unten war noch ein weiterer, viel größerer Bagger. In diesem Bereich wurde der Ton abgebaut, wie Kluftinger heute Morgen erfahren hatte. Daneben sah er Richard Maier und die neue Kollegin Luzia Beer, die ihm zuwinkten. Er bedeutete ihnen, zu ihm nach oben zu kommen.

Er selbst stand vor einem gut zehn Meter langen Pavillon aus Zeltplanen, der als Kommandozentrale der Wissenschaftler diente. Hier, auf einem kleinen Plateau oberhalb der restlichen Grube, in der der Ton abgebaut wurde, lagerten sie ihre Gerätschaften, kartierten, präparierten und konservierten ihre Funde. Obwohl Frau Lanz ihm eben noch versichert hatte, sie habe für den Besuch extra aufgeräumt, wirkte alles darin auf sympathische Weise chaotisch.

»Man macht in dieser Erdschicht hier circa ein halbes bis ein Dutzend Funde pro Tag. Das hält unsere Helferinnen bei der Stange.« Kluftinger bemerkte, dass Doktor Lanz zwischen Helfer und innen eine kurze Pause gemacht hatte, eine Sprechweise, die, wie er gelernt hatte, genderkorrekt hieß, für ihn aber wie ein Schluckauf klang. Die Wissenschaftlerin, die er auf Ende vierzig schätzte, wirkte bodenständig: Sie trug eine grobe Latzhose und eine Funktionsjacke, ihre Füße steckten in schlammigen Gummistiefeln, obwohl es heute trocken und sehr warm war. Doch der Boden war von den Regenfällen der vergangenen Tage noch stark aufgeweicht. Die aschblonden Haare der Frau waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, das Gesicht war ungeschminkt. Auf den ersten Blick hätte man sie auch für die Fahrerin des Baggers halten können. Selbst ihr Zigarettenkonsum, der ihre Stimme rau und ein wenig kratzig klingen ließ, passte zu diesem Bild.

»Ah ja, ein Dutzend also? Das ist viel, oder?«

»Das hat Rekordniveau. Weltweit.«

»Frau Doktor Lanz, wo können wir denn unseren Sektempfang aufbauen?«

Der Kommissar drehte sich um. Eine Mitarbeiterin der Gemeinde stand mit dem Bürgermeister von Pforzen, einem Mittfünfziger mit Schnurrbart und dem unvermeidlichen Trachtensakko, hinter ihnen.

Frau Lanz seufzte genervt. »Von mir aus bei Ihren verhüllten Schaukästen drüben. Aber das ist jetzt wirklich nicht meine ­Sache.«

Die zwei standen etwas ratlos herum, und Kluftinger überlegte schon, ob er ihnen ein bisschen unter die Arme greifen sollte, denn sie wirkten mit der Situation reichlich überfordert. Doch inzwischen hatten ihn seine Kollegen Luzia Beer und Richard Maier erreicht. Maier machte ebenfalls einen ziemlich aufgeregten Eindruck.

»Chef, nur auf ein Wort.« Wie immer, wenn er nervös war, klang seine Stimme hoch und blechern, und er bemühte sich angesichts des offiziellen Umfelds statt seines württembergischen Singsangs zwanghaft um etwas mehr Hochdeutsch.

Der Kommissar ließ ihn und Luzia Beer kurz verschnaufen, dann sagte er grinsend: »Wollt ihr auch einen Sektempfang geben?«

Maier ging gar nicht auf seine Bemerkung ein. »Es geht um die Kommunikation im Funkverkehr, nachher, wenn der MP anwesend sein wird.«

»Der wer?«, fragte Kluftinger.

»Der Herr Ministerpräsident.«

»Aha. Und wie möchtet ihr da gern kommunizieren?«

»Also, um’s kurz zu machen«, schaltete sich nun Lucy ein, »der Richie will, dass wir einen Code verwenden, nach dem Motto die Kuh ist gelandet oder so.«

»Der Adler! Ich hab gesagt der Adler.«

Lucy schlug sich gegen die Stirn. »Stimmt. Adler, das war’s. Und dass wir alle diese verspiegelten Sonnenbrillen aufsetzen sollen …«

»… ist aus psychologischer Sicht völlig gerechtfertigt. Eine Studie besagt, dass Personenschützer, denen man ihre Gefühlsregungen nicht an den Augen ansehen kann, weitaus effektiver sind. Also: Sonnenbrillen, falls uns jemand mit Ferngläsern beobachtet. Und natürlich machen uns die Brillen viel unauffälliger.«

Maier zog eine Plastiksonnenbrille mit verspiegelten Gläsern – dem Aufdruck nach das Werbegeschenk eines lokalen Reifenhändlers – aus der Hosentasche und setzte sie sich auf die Nase.

Kluftinger hatte alle Mühe, ein Lachen zu unterdrücken. Gerade bei solchen Anlässen ging mit dem Kollegen gerne mal der Gaul durch. Ein Blick auf Luzia Beer zeigte ihm, dass auch sie die Diskrepanz zwischen Maiers Erscheinung und seinem Geheimdienst-Gehabe erheiternd fand. Überhaupt hatte sich die Kollegin nach einigen Monaten trotz ihrer forschen Art gut in sein Team eingefügt. Da verzieh er es ihr auch, dass sie wie immer, wenn sie nicht gerade eine Zigarette rauchte, schmatzend einen ihrer Nikotinkaugummis kaute.

»Jedenfalls hat der Roland Hefele gemeint, dass … na ja …« Sie stockte.

»Dass was?«, bohrte Kluftinger nach.

»Dass wir hier nicht bei den Dreharbeiten zu einer James-Bond-Parodie sind«, fuhr die Polizistin schulterzuckend fort. »Und jetzt ist der Richie sauer auf den Roland.«

Der Kommissar zuckte mit den Achseln. »Und? Gibt es sonst noch wichtige Nachrichten aus eurer Kindergartengruppe?«

Maier protestierte: »Ich muss doch sehr bitten … Also verwenden wir jetzt einen Code oder nicht? Als Interims-Präsident ist es an dir, ein salomonisches Urteil zu fällen.«

Kluftinger hatte keine Lust, vor der Wissenschaftlerin weitere Abteilungsquerelen auszutragen. »Genau, und deshalb redet an den Funkgeräten einfach jeder so, wie er will. Wie immer. Krieg ich eigentlich auch noch eins?«

Maier reichte ihm kommentarlos ein Walkie-Talkie und ein Kabel mit Headset.

Lucy erklärte grinsend: »Dann willst du dem Chef das mit der kugelsicheren Weste wahrscheinlich nicht mehr sagen, oder?«

»Ich hab doch gar nichts von einer Weste …«

»Ich zieh nicht auch noch eine Weste an, bei der Hitze, bei euch hakt’s doch!« Roland Hefele war hinter ihnen aufgetaucht. Der kleine, etwas untersetzte Kollege trug wie fast immer, wenn er im Dienst war, seine abgewetzte Wildlederjacke.

»Aber von einer Weste war ja nie die Rede«, rechtfertigte sich Maier. »Obwohl das sicher nicht ganz …«

»Gibt’s schon eine Entscheidung im Funksprachen-Streit?«, unterbrach Hefele seinen Kollegen.

»Ja, das Urteil lautet Eigenverantwortung. Und jetzt hört auf zu streiten, Kinder, gell?«

Maier guckte sauertöpfisch drein, Hefele hingegen schien die Sache deutlich besser wegzustecken: »Danke, Papa. Wobei ich immer noch nicht ganz verstehe, warum ausgerechnet wir, die für Tötungsdelikte und Brände zuständig sind, das Empfangskomitee für den MP spielen dürfen. Noch dazu am heiligen Sonntag.«

»Wolltest du etwa in den Gottesdienst? Oder eine Pfingstwallfahrt antreten?«

Hefele zuckte mit den Schultern. »Das ist trotzdem nicht unsere Aufgabe, streng genommen.«

»Aber meine, als Interims-Präsident«, erklärte Kluftinger. »Und da hab ich euch als mein Team eben gerne um mich. Inzwischen weiß ich allerdings auch nicht mehr, warum eigentlich. Nachher gibt’s als Entschädigung jedenfalls Häppchen und Schlückchen vom Bürgermeister.« Er deutete mit dem Kinn auf die Mitglieder des Organisationskomitees.

Während Kluftinger sich sein Headset ins Ohr fummelte, trudelten unten nach und nach die Mitglieder der Musikkapelle in schmucker Trachtenuniform ein. Sie balancierten auf den Brettern, die man als provisorischen Steg über den schlammigen Untergrund gelegt hatte, was vor allem den Frauen mit ihren Ballerinas einige Verrenkungen abverlangte. Dabei hielten sie sich aneinander fest, um nicht auszurutschen.

Kluftinger fragte sich, ob es die Ehrengäste unbeschadet nach oben schaffen würden.

»Sagen Sie mal, Lucy, könnten Sie vielleicht den Bürgermeister da drüben fragen, ob er eine Idee hätte, wie man hier sauber raufkommt? Wenn uns der Ministerpräsident da abschmiert … Am End’ bricht er sich noch was!«

Lucy nickte und ging.

»Herr Präsident Kluftinger, bitte kommen!«, quäkte es mit einem Mal in seinem Ohr.

»Ja, hier Präsi… also Kluftinger!«

»Du musst den Knopf hier am Kabel drücken«, zischte Maier ihm zu.

»Ah, freilich. Also, noch mal: Ja, hier meldet sich der Kluftinger?«

Richard Maier verdrehte die Augen.

»Und hier Polizeimeister Uygur. Sorry, Herr Präsident, wir haben hier massive Probleme am Einlass. Ein Teilnehmer der Bürgergrabung weigert sich strikt, ein ganzes Set von Skalpellen abzugeben. Sagt, er könne uns mit seinen exzellenten Beziehungen ziemlich Ärger machen. Unangenehmer Typ.«

Kluftinger stieß die Luft aus. »Schmeißt’s ihn raus, zefix.«

»Das wollten wir. Er besteht darauf, mit Ihnen zu sprechen. Ist angeblich Ihr Freund.«

Er hatte die provisorische Absperrung am Eingang zur Tongrube noch nicht erreicht, da hörte Kluftinger bereits das Gezeter. Obwohl ihm ein Polizei-Kleinbus die Sicht versperrte, wusste er, was ihm gleich blühen würde.

»Ich werde das nicht akzeptieren. Ich bin sogar mit einem Staatssekretär persönlich bekannt. Machen Sie sich auf was gefasst, junger Mann!«, hörte er.

Der Kommissar holte noch einmal tief Luft, dann trat er hinter der Ecke des VW-Busses hervor und ging entschlossen auf den Mann zu, der da so lautstark Widerstand leistete.

»Kluftinger, endlich! Ich musste richtiggehend betteln, dass man Sie holt! Da scheint in Ihrer Kommunikationskette was im Argen zu liegen. Stellen Sie sich vor, man will mich hier an der Ausübung meines Dienstes an der Wissenschaft hindern.«

Noch bevor er etwas sagen konnte, wandte sich einer der Polizeibeamten, die den Mann flankierten, an den Kommissar. »Herr Präsident, sorry. Ich hab Sie angefunkt. Und dieser Mann ist laut seinem Ausweis …«

»Wir kennen uns, Kollege, vielen Dank.«

»Au Mann, das tut mir leid. Ich hab das nicht geglaubt, und deshalb …«, stammelte der Beamte.

»Sie haben vorbildlich gehandelt. Keine Ausnahmen bei den Sicherheitsvorschriften«, gab Kluftinger zurück. Erst dann sagte er mit dem breitesten Lächeln, das er sich abringen konnte: »Herr Doktor Langhammer, was führt Sie denn her?« Natürlich konnte er sich denken, warum der Altusrieder Gemeindearzt ausgerechnet heute hier aufschlug.

»Ich möchte mich eben nicht nur auf meine eigene wissenschaftliche Disziplin versteifen, sondern mal wieder den Blick über den akademischen Tellerrand wagen.«

»Ach, Sie sind Wissenschaftler?«

»Als Mediziner bin ich selbstredend auch an anderen tiefgreifenden Fragestellungen interessiert: Woher kommen wir? Wohin steuern wir? Daher bin ich schon lange im Team der Bürgergrabungen engagiert – mit einigem Erfolg, darf ich wohl sagen, aber das wissen Sie sicher.«

Kluftinger hatte keine Ahnung, was er meinte, schließlich prahlte der Doktor ständig mit irgendetwas, und er hörte schon seit Langem nicht mehr hin.

»Neuer Input schadet nie, Sie verstehen? So, könnte ich nun mein Operationsbesteck haben?«

»Nein, das geht leider nicht. Regeln befolgen schadet nie, Sie verstehen.« Damit nahm Kluftinger das lederne Etui, das ihm der uniformierte Kollege gegeben hatte, noch einmal zur Hand und besah sich den Inhalt aus verschiedenen Pinzetten und einem halben Dutzend höllisch scharf wirkender Skalpelle.

Mit offenem Mund stand Martin Langhammer da.

»Sie können es sich natürlich sofort abholen, wenn der Ministerpräsident wieder weg ist.«

»Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst! Ich meine, wie lange kennen wir uns jetzt? Wie oft habe ich Ihnen schon bei Ihrer Aufklärungsarbeit beigestanden? Ich müsste eigentlich zum Kommissar honoris causa ernannt werden.«

»Humoris?«

»Honoris. Ehrenhalber! Und nun geben Sie mir mein Handwerkszeug zurück. Möglicherweise gelingt mir heute ein weiterer Fund, der zur wissenschaftlichen Sensation taugt.«

Kluftinger zuckte mit den Achseln. »Herr Langhammer, schauen Sie: Wenn ich bei Ihnen eine Ausnahme mache, bringt der Nächste Motorsäge und Machete mit.«

»Ich kann schweigen wie ein Grab. Im Dienste der Wissenschaft …«

»Messer, Gabel, Schere, Licht … Heut sind die ganzen Politiker da, Langhammer. Da geht’s um alles Mögliche, nur nicht um die Wissenschaft.«

»Na, vernehme ich da etwa unreflektierte Kritik an der politischen Führungselite unseres Landes?«, tönte eine Stimme neben ihnen. Kluftinger sah auf und erkannte in dem hochgewachsenen Mann im dunkelblauen Zweireiher den FDP-Mann, der für den Wahlkreis Ostallgäu im Bundestag saß.

»Homann, MdB.«

»Kluftinger, KPI. Wir kennen uns eigentlich, Herr Homann …«

»Richtig, jetzt erinnere ich mich«, erwiderte der Abgeordnete, stockte dann aber. »Sie sind …«

Der Kommissar ließ ihn noch ein paar Sekunden zappeln, dann antwortete er: »Genau der, ja. Herzlich willkommen.«

»Nun ja, ich … geh dann mal weiter, nicht wahr?«, erklärte der Politiker ein wenig irritiert.

»Das war doch der Homann«, jubilierte Langhammer. »Möglicherweise ergibt sich später noch die Gelegenheit zu einem kurzen persönlichen Austausch mit ihm. Sie können uns ja miteinander bekannt machen. Den Herrn Abgeordneten dürfte meine Ansicht zur schwierigen Situation der Landarztpraxen bestimmt interessieren. Nun bräuchte ich aber endlich mein Besteck …«

Kluftinger schüttelte den Kopf. »Das Zeug kommt nicht aufs Gelände. Aber warten Sie, ich hab da was.«

Er kramte in seiner Tasche und holte ein rosafarbenes Schweizer Taschenmesser hervor, das ungefähr die Größe einer Packung Kaugummis hatte. Es hatte mal einer Tüte dieser österreichischen Schoko-Nuss-Waffeln beigelegen und leistete ihm seither gute Dienste als Nagelfeile oder um Briefe zu öffnen. Die Klinge hatte die Länge einer Stecknadel und war völlig stumpf.

Empört riss Langhammer die Augen auf.

»Entweder das oder nix, Herr Doktor. Ich muss jetzt auch wirklich wieder. Habe die Ehre.«

Etwa eine halbe Stunde später hatten sich alle lokalen Honoratioren eingefunden und warteten ungeduldig auf das Eintreffen des Ehrengastes, dabei stets bemüht, interessiert zu wirken und der Presse vorab schon mal ein paar Bilder zu liefern.

Kluftinger fand sich in einer für ihn ungewohnten Lage wieder: Die Politiker defilierten förmlich bei ihm vorbei, schüttelten dem »Herrn Polizeipräsidenten« die Hand, erkundigten sich nach der aktuellen Sicherheitslage und stellten ungefragt ihre Unterstützung in allerlei polizeidienstlichen Belangen in Aussicht. Die Ostallgäuer Landrätin versprach sogar, ihm den Ministerpräsidenten persönlich vorzustellen, sobald dieser einträfe. Kluftingers immer wieder vorgetragene Beteuerungen, dass das weder nötig sei noch er den Landesvater aufhalten wolle, wurden strikt ignoriert.

Der Kommissar nutzte die erstbeste Gelegenheit, sich von der Allgäuer Politkaste zu entfernen, und stellte sich zu Lucy Beer und Roland Hefele, der durch ein Fernglas das Gelände im Blick behielt. Da die Kollegen ihren Vorgesetzten nicht weiter beachteten, ließ er einen tiefen Seufzer vernehmen.

»Alles klar, Chef? Sind Sie angespannt?«

»Schon, Fräulein Beer.«

»Wir waren doch bei Lucy, Chef. Keine Sorge, da passiert nichts heute. Wir haben das im Griff.«

Kluftinger fand es rührend, dass sie ihn beruhigen wollte. Dabei ging es ihm gar nicht um die Sicherheitsfrage, sondern darum, dass er womöglich Small Talk mit dem obersten Landesherrn halten musste. Er war sich nicht einmal sicher, wie der korrekt anzusprechen war. Reichte Ministerpräsident? Oder brauchte es den Namen dazu? Mit Doktor? Und wie würde er sich selbst vorstellen? Interims-Polizeipräsident, der wo das aber nur so lange macht, bis man wieder einen richtigen gefunden hat? »Ich soll ein paar persönliche Worte mit unserem Landesherrn wechseln.«

Sie winkte ab und kaute gelangweilt auf ihrem Kaugummi herum. »Ist doch cool!«

»Mei …«

Die Beamtin betrachtete ihn von der Seite. »Nee, oder?«

»Was denn?«

»Sie sind doch nicht etwa aufgeregt wegen so nem Wichtigtuer?«

»Was heißt da aufgeregt? Ich mein, man hat ja auch nicht jeden Tag … und ich als Interims…« Er seufzte wieder.

»Also kurz gesagt: doch.« Sie grinste breit. Dann senkte sie ihre Stimme. »Ich hab da nen todsicheren Trick: Ich stell mir die Leute, vor denen ich Bammel hab, immer splitterfasernackt vor. Hab ich bei Ihnen damals auch gemacht, als ich zum ersten Mal in der Abteilung war.« Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

Kluftinger stockte der Atem. Dann hüstelte er verlegen.

»Echt jetzt, bei mir klappt das immer. Muss bloß aufpassen, dass ich nicht loslache, vor allem bei den Herren der Schöpfung.«

Priml. Jetzt schwirrte dem Kommissar nicht mehr nur das Problem im Kopf herum, wie man mit einem Landesvater umzugehen hatte, sondern ihn beschäftigte auch noch die Frage, wie er in Luzia Beers Fantasie wohl als Nackedei aussah.

»Wo ist denn jetzt der Brunner, Leute?«, hörte er plötzlich Doktor Lanz rufen, die ihr kleines Team aus zwei Doktoranden und ein paar studentischen Hilfskräften gleich neben ihnen um sich geschart hatte. »Weiß von euch irgendjemand was?« Die Anwesenden schüttelten die Köpfe. »Hm, man ist ja durchaus gewohnt, dass er die Sache mit dem akademischen Viertel ziemlich großzügig auslegt, aber ausgerechnet heute? Ihm haben wir die ganze Show doch zu verdanken … na ja, wird schon noch eintrudeln. Also, ihr wisst, was zu tun ist, ja? Ihr führt die Leute rum, zeigt unsere schönsten Stücke und gebt einfach Auskunft.« Alle nickten. Obwohl es lauter junge Erwachsene waren, wirkten sie wie Erstklässler vor dem Schulratsbesuch. »Gut, dann fangen wir jetzt alle an zu graben, meine Damen und Herren, ja?«

Als Kluftinger an der bunt gemischten Helfertruppe vorbeikam, nahm der Doktor gerade stolz auf einer umgedrehten Bierkiste Platz, als handle es sich dabei um einen Lehrstuhl für Paläontologie. Dann begann er mit beflissener Miene, den Lehm zu durchwühlen.

Der Kommissar suchte noch nach einem passenden Kommentar, da hörte er, wie einer der Studenten mit Blick auf den Doktor einer Kommilitonin zuflüsterte: »Hast du gesehen? Doktor Superschlau ist auch wieder da. Wie er damals beinahe den Oberschenkelknochen vom Udo zertreten hat, weil er draufgelatscht ist … Was für ne Type!«

Kluftinger schloss die Augen und genoss den Moment.

»Na, wollen Sie auch mal ran an die Urzeitfunde?«, riss ihn Langhammers Stimme aus seinen Tagträumen. Er hielt dem Kommissar das Taschenmesserchen hin.

»Danke, aber jeder soll das machen, womit er sich auskennt.«

»Werden Sie denn Gelegenheit haben, ein paar Worte an den MP zu richten?«

Offenbar benutzten alle außer ihm diese Abkürzung. »Mei, könnt schon sein, dass sich das ergibt …«

»Ach ja? Na, da bin ich ja gespannt! Wirklich ein aufregender Tag heute, was?«

Der Kommissar kniff die Augen zusammen. »Sagen Sie mal, Doktor, Sie sind aber nicht wegen ihm da, oder?«

»Aber ich bitte Sie, wo denken Sie hin! Ich bin nicht ganz unwichtig für die Bürgergrabung, darf ich sagen. Man schätzt hier meine wissenschaftlich-akademische Herangehensweise.«

»Ja, hab ich grad auch schon gehört.«

»Sehen Sie? Ich habe maßgeblich mitgewirkt, am Sensationsfund.«

Der Kommissar unterdrückte ein Grinsen. »Auch das ist mir zu Ohren gekommen.«

»Ja?«

»Ihre … Forscherkollegen von der Uni haben so was gesagt.«

Langhammer tat empört: »Dabei hatte ich drum gebeten, es nicht an die große Glocke zu hängen.«

»Ach was, Ehre, wem Ehre gebührt, gell?«, gab der Kommissar zurück und lächelte in sich hinein. »Au, ich hör grad über Funk, dass der Adler in Kürze landet.«

»Ich verstehe nicht, wer …?«

»Jetzt graben Sie mal weiter, dass es ein schönes Bild gibt.« Dann hörte Kluftinger, wie Maier seinen Funkspruch mit den Worten beendete: »Die Kuh muss jetzt vom Eis.«

Darüber würden sie noch zu reden haben.

Zehn Minuten später war Kluftingers anfängliche Aufregung vorbei. Nicht zuletzt, weil er und seine Mitarbeiter gar nicht allein für die Sicherheit des Ministerpräsidenten verantwortlich waren: Der hatte nämlich noch ein Auto voller Personenschützer und einen persönlichen Referenten mitgebracht. Die Organisatoren hatten zudem einen Waldweg im oberen Bereich der Grube ausfindig gemacht, der dem Politiker und seiner Entourage den schlammigen Weg durch die Grube ersparte.

Der Landesvater bedankte sich mit professioneller Freundlichkeit bei der Blaskapelle für ihr Ständchen und nahm die Präsente der Pforzener entgegen, ohne ihnen groß Beachtung zu schenken. Anschließend wurde in sämtlichen Kombinationen für Fotos posiert, wobei der Ministerpräsident nie sein aus dem Fernsehen bekanntes Lächeln verlor. Der Referent flüsterte seinem Chef beim Abschreiten der Lokalgrößen deren Namen und Funktion zu.

»Herr Polizeipräsident, kommen Sie!«, hörte Kluftinger in diesem Moment die Landrätin rufen. »Sie müssen unseren Landesvater begrüßen.«

Bevor er reagieren konnte, streckte der Ministerpräsident ihm seine Hand entgegen. »So, der Polizeipräsident, sehr schön. Eine der wichtigsten Positionen unseres Staatswesens«, sagte er in weichem fränkischen Singsang. »Was wär unsere Exekutive ohne ihre bedeutendste Säule, die Polizei?« Dann hörte der Kommissar Fotoapparate klicken und ging wie ferngesteuert auf den Mann zu, den er nur aus den Nachrichten kannte. »Kluftinger, grüß Gott, Herr Doktor Ministerialpräsident, also … ich mein, ich bin nur der Interims-, nicht der richtige … quasi bloß … Zwischenrein-Präsident.«

»Ach so? Was ist denn mit dem richtigen passiert?«, fragte der Politiker, der in natura viel größer war, als Kluftinger gedacht hätte. Besonders beeindruckend fand er seine Adlernase.

»Wie … also … wer?«

»Der vorherige Polizeipräsident …«

»Das war doch eine Frau.«

»Ja, dann, prima. Bayern braucht weibliche Führungskräfte.«

»Unbedingt«, stammelte der Kommissar.

»Aber auch männliche. So, dann, Herr … schön, dass wir uns austauschen konnten.«

»Kluftinger.«

»Ganz genau. Hab schon viel Gutes gehört von Ihnen.«

Kluftinger stutzte. Tatsächlich? Hatte sich sein Wirken bis in die Bayerische Staatskanzlei herumgesprochen? Auf einmal durchflutete ihn eine warme Welle des Stolzes. »Von mir? Also, das kann doch nicht …«

»Na ja, also, von Ihrer Behörde eben. Ihrem … Präsidium.«

»Er meint uns alle, bedank dich«, quäkte plötzlich Maiers Stimme aus dem Knopf in seinem Ohr.

»Halt du dich da raus«, zischte Kluftinger zurück.

»Wie bitte?« Die lächelnde Miene des Ministerpräsidenten zeigte zum ersten Mal Risse.

Der Kommissar atmete tief ein. Er fühlte sich wie ein Firmling vor dem Weihbischof. Dabei war er selbst immerhin der Leiter einer Landespolizeibehörde. Da fiel ihm wieder ein, was Lucy Beer ihm geraten hatte. Er sah an der imposanten Erscheinung seines Gegenübers hinab und versuchte es einfach. Und tatsächlich: Es half, er fühlte sich deutlich weniger befangen. »Das ehrt mich, Herr Ministerpräsident, aber wissen S’, da ist ja auch meine Mannschaft im Untergrund … Hintergrund, mein ich, zurzeit haben wir sogar sechs, also nicht Sex, mein ich, nicht, was Sie denken, sondern bloß … Abteilungen. Sie haben ja auch einen ziemlich langen … Dings, was wollt ich jetzt sagen, zefix …«

Der Ministerpräsident zog die Brauen zusammen. Er schien ein wenig irritiert, ebenso wie der Referent.

Hektisch versuchte der Kommissar, die Kurve zu kriegen: »Einen langen … Anfahrtsweg gehabt. Genau. Toll, dass Sie mal im Allgäu sind.« Die Sache mit der imaginierten Nacktheit barg auch ihre Tücken.

Doch der Ministerpräsident hatte längst wieder sein professionelles Dauerlächeln aufgesetzt und spulte ein paar Allgemeinplätze ab. »Immer gern. Eine wunderbare Region. Was ganz Besonderes.«

»Herr Ministerpräsident, wir müssten dann«, drängte der Referent, während Kluftinger auf einmal ein penetrantes Klopfen auf seiner Schulter bemerkte. Er wandte den Kopf. Langhammer stand direkt neben ihm.

»Ah, Herr Ministerpräsident, welch eine Freude«, trällerte der Doktor.

Nervös blätterte der Referent in seinen Unterlagen. »Tut mir leid, den Mann habe ich nicht auf der Liste«, zischte er seinem Vorgesetzten zu.

»Kluftinger, jetzt! Stellen Sie mich vor!«, flüsterte Langhammer.

»Herrgott, Doktor, was soll denn das?«

Da wandte sich jedoch der Ministerpräsident von sich aus an den Arzt. »Ach, der Herr Doktor! Der große Finder. Herzlichen Glückwunsch. Wir werden uns gleich noch ein wenig unterhalten, aber nun gibt’s erst einmal ein Foto, gell?«

Langhammer stellte sich strahlend neben den Ministerpräsidenten, und schon klickten die Auslöser. Ein schwitzender Referent schob schließlich noch den Kommissar dazu.

Während die Fotos gemacht wurden, forderte der Ministerpräsident den Doktor auf: »Erzählen Sie doch mal von diesem interessantesten Tag in Ihrer Karriere. Haben Sie gleich gewusst, dass Sie da an was Großem dran sind?«

Langhammer, der den Irrtum entweder nicht bemerkte oder einfach ignorierte, antwortete stolz: »Nun, obzwar ich öfters das Gefühl habe, an etwas Großem dran zu sein: Der interessanteste Tag in meiner Laufbahn war wohl, als es mir gelang, einem Zimmermann, der bei einem Sturz in einen zwanzig Zentimeter langen Stahlnagel gefallen war, diesen Fremdkörper nicht nur flugs aus dem Schädel zu entfernen, aus dem er seitlich herausragte, sondern die Wunde auch noch so exzellent zu versorgen, dass der Mann bereits sechs Monate später zu einer Expedition in den Himalaja aufbrechen konnte.«

Der Politiker sah ihn verständnislos an, dann riet ihm der Referent, einfach weiterzugehen. Langhammer, der sicher gern noch weitere Episoden aus seinem Berufsalltag zum Besten gegeben hätte, schaute ihm enttäuscht hinterher.

Der Tross näherte sich nun den Schaukästen, in denen ein Menschenaffen-Skelett zu sehen war. Die in der Grube gefundenen Knochen waren farblich markiert, die Lücken mit Nachbildungen gefüllt worden. Als Frau Doktor Lanz vom Pforzener Bürgermeister erwartungsvoll nach ihrer Meinung dazu befragt wurde, erklärte sie brummend: »Na ja, an sich ganz nett gemacht, allerdings fachlich falsch, das ist ja ein Bonobo, nicht der Udo.«

Einen Moment war es still. Der Bürgermeister blickte sich peinlich berührt um, offenbar auf der Suche nach jemandem, dem er die Schuld für den Lapsus zuschieben konnte.

Doch der Ministerpräsident wischte die Bemerkung beiseite, indem er anmerkte, der durchschnittliche Besucher werde das überhaupt nicht merken. Schließlich handle es sich um wunderschöne Knochen. Und man müsse auch nicht päpstlicher sein als der Papst, das halte er bei seiner politischen Arbeit ebenso.

Erleichtert applaudierten die Umstehenden, dann wurden weitere Fotos geschossen: im Grabungszelt, bei den freiwilligen Helfern und obendrein im Führerhaus des kleinen Baggers der Firma Swoboda. Der Inhaber, Martin Swoboda, ein weißhaariger, quirliger Herr im Trachtenanzug, wurde nicht müde, sich in einer kleinen Ansprache selbst dafür zu loben, dass er den Forschern seinen Bagger zur Verfügung stelle, damit die schneller vorankämen. Er sei stolz, Teil dieses einmaligen Projektes für das Allgäu, Bayern und die gesamte Menschheit zu sein. Danach versicherte er sich bei jedem einzelnen Fotografen, dass das am Bagger angebrachte Werbebanner der Firma auf den Bildern auch gut zu lesen war.

Während sich die angemeldeten Teilnehmer der Bürgergrabung – und damit auch Langhammer – an die ihnen zugewiesenen Plätze begaben, um weiterzubuddeln, hob der Ministerpräsident, dem von seinem Referenten ein Sonnenschirm über den Kopf gehalten wurde, zu seiner von den Anwesenden mit Spannung erwarteten Rede an. Kluftinger schielte dabei von hinten verstohlen auf das Manuskript: Immer, wenn ein Wort fett gedruckt war, betonte es der Politiker besonders, und wenn auf dem Papier ein Pfeil kam, der nach unten zeigte, sprach er auf Punkt. Das Manuskript kam dem Kommissar vor wie die Notenblätter in der Musikkapelle. Die Guten unter ihnen, also die, die regelmäßig zur Probe kamen oder – für Kluftinger völlig unverständlich – gar zu Hause übten, konnten die Melodien mithilfe dieser Noten vom Blatt spielen. Und genau das tat der Ministerpräsident gerade: Er sprach vom Blatt. Alles hörte sich flüssig an, aber die Worte waren nicht die seinen, und die Satzmelodie war vorgegeben. Bestimmt hatte er das Manuskript noch nie vorher gelesen. Kluftinger war nicht etwa enttäuscht über diese Entdeckung, ganz im Gegenteil: Er fand es fantastisch, dass es Leute gab, die den schlimmsten Teil repräsentativer Aufgaben für andere übernahmen – das Redenschreiben. Und das auch noch so, dass es niemand merkte. Wenn er nur so jemanden hätte …

Eine Bewegung im Augenwinkel lenkte ihn ab. Langsam wandte er seinen Kopf in die Richtung, aus der die Störung kam – und sah Langhammer! Was zum … er schien ihm zu winken, aber im Gegensatz zu seinen sonst so ausladenden Gesten war seine Handbewegung verhalten, fast … heimlich.

»Fest steht natürlich, dass wir mit diesem einzigartigen Fund auch eine besondere Verantwortung übernehmen«, tönte der Ministerpräsident gerade.

Kluftinger bekam das jedoch nur am Rande mit. Er starrte den Doktor an, der die Aufmerksamkeit des Kommissars nun offenbar auf die Fundstelle vor sich lenken wollte, denn er deutete mit dem Kopf immer wieder auf den Haufen Erde, vor dem er saß.

Dieser Mann gierte derart nach Beachtung, dass es wehtat, seufzte Kluftinger innerlich. Da hatte sich der Doktor schon auf das Foto mit dem Landesvater geschmuggelt und gab trotzdem keine Ruhe. Was wollte er denn noch? Einen neuen Namen für den Urmenschen? Martin der Aufrechte vielleicht? Oder die Umbenennung der Tongrube in Langhammers Loch? Der Kommissar musste über seine eigenen Wortschöpfungen grinsen. Schade, dass er sie niemandem je würde erzählen können. Langhammer allerdings erwiderte sein Lächeln nicht. Stattdessen lief sein Kopf rot an.

»… nur gemeinsam können wir diese Aufgabe bewältigen, also Gemeinde, Landkreis und Freistaat zusammen«, hallte die Stimme des Ministerpräsidenten durch die Grube. »Deswegen sichere ich bereits hier und heute großzügige Unterstützung für eine museumspädagogische Auswertung der bedeutends­ten Funde auf Allgäuer Boden zu.« Applaus brandete auf, der Bürgermeister wirkte erleichtert, einzelne Bravorufe erschollen, Blitzlichter zuckten, und die anwesenden Pressevertreter notierten das Gesagte eifrig in ihre Blöcke.

Langhammer rief nun etwas, aber Kluftinger konnte ihn nicht verstehen, weil der Beifall der Umstehenden die Stimme des Doktors übertönte. Der fuhr sich fahrig über den kahlen Schädel und holte tief Luft. Da hob der Ministerpräsident die Arme wie ein Dirigent, und der Applaus verstummte augenblicklich. In diesem Augenblick brüllte Langhammer in die Stille: »Ich habe einen Menschen gefunden!«

Alle Köpfe ruckten herum und starrten den Doktor an, der in Matschhose und Gummistiefeln dastand und auf die Erde zeigte. Ein paar Sekunden war es still, keiner wagte, etwas zu sagen. Die Lokalpolitiker sahen peinlich berührt zwischen ihrem Landesherrn und dem Störer hin und her, als befürchteten sie, er könne seine finanzielle Zusage gleich wieder zurückziehen. Doch der Ministerpräsident setzte ein joviales Lächeln auf und antwortete in Langhammers Richtung: »Sehr gut, Herr Doktor. Es freut mich außerordentlich, dass Sie diesen besonderen Tag nutzen, um uns noch eine weitere wissenschaftliche Sensation zu bescheren. Hoffentlich darf ich bei der Namensgebung Pate stehen. Ich denke da an etwas wie Homo Ministerpräsidentialis. Aber vergessen Sie mir nicht das sapiens.«

Die Unsicherheit löste sich nun in erleichtertem Gelächter auf. Der Politiker, offenbar überzeugt davon, das Ganze sei ihm zu Ehren inszeniert worden, schritt vom Podium, forderte die Fotografen winkend auf, ihm zu folgen, und ging auf Langhammer zu, der weiter verzweifelt zu Kluftinger blickte.

Irgendetwas stimmte nicht, aber der Kommissar verstand noch immer nicht, was. Der Arzt stand wie versteinert da, als sich der Ministerpräsident vor ihm aufbaute und ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. »So, dann zeigen Sie uns doch mal Ihr Prachtexemplar«, forderte er ihn auf. Wie in Trance wich der Doktor zur Seite und gab den Blick auf seine Fundstelle frei.

»Der ist aber noch gut erhalten«, polterte der Politiker, dann verstummte er, und seine Augen weiteten sich.

Aus dem Dreck am Boden ragte ein Arm etwa bis zum Ellenbogen heraus. Allerdings war der nicht skelettiert und versteinert wie die anderen Fundstücke. Es war ein Arm aus Fleisch und Blut, an einem der Finger prangte ein Siegelring, und sogar die Farbe der Jacke, in der der Arm steckte, ein dunkles Grün, war unter dem Matsch gut zu erkennen.

2

Schockiert blickten alle auf den grausigen Fund, den Arm, der aus der Erde herauszuwachsen schien. Erst das Klicken einer Fotokamera löste die Erstarrung der Anwesenden, dann ging alles ganz schnell: Der Ministerpräsident machte auf dem Absatz kehrt und lief zu seiner Limousine, die eine Hälfte der Journalisten folgte ihm, die andere blieb stehen und richtete ihre Objektive auf das Körperteil im Dreck. Kluftinger hörte, wie der Politiker seinen Verfolgern zuzischte, sie sollten aufhören, ihn zu fotografieren, um dann seinem Referenten mit drohend erhobenem Zeigefinger klarzumachen, dass nicht ein einziges Foto an die Öffentlichkeit gelangen dürfe, auf dem er mit einer Leiche zu sehen sei. Dann sprang er förmlich auf den Rücksitz des schwarzen BMWs, der sofort mit dreckspritzenden Reifen losraste.

Der Dirigent der Kapelle, der nicht mitbekommen hatte, was weiter oben passiert war, rannte panisch zum Tor, wobei er seinen Musikanten mit rudernden Armen bedeutete, sich zu sammeln, um dem hohen Besuch das vereinbarte Abschiedsständchen darzubringen. Einige begannen umgehend zu spielen, immer mehr stimmten ein, bis die Limousine an ihnen vorbeirauschte, wobei sie eine Pfütze durchfuhr und sich ein Schwall schlammigen Wassers auf die Trachtengewänder ergoss.

Auch Richard Maier, der hilflos dreinblickend neben ihnen stand, bekam etwas ab. Dieser Anblick löste nun endlich Kluftingers Erstarrung. Er nahm sein Funkgerät, bellte ein »Alles absperren, sofort!« hinein und wandte sich dann den Fotografen zu, die wie besessen Fotos machten. »Aufhören, keine Bilder mehr, weg da!«, schrie er. Nur am Rande nahm er wahr, wie der Bürgermeister immer wieder »Ein Desaster! Eine Katastrophe!« rief.

Ja, das war es, da musste Kluftinger ihm beipflichten. Doch nun war etwas anderes wichtiger: Sie mussten die Lage unter Kontrolle bekommen, sonst hatten sie in kürzester Zeit einen völlig kontaminierten Tatort ohne verwertbare Spuren. Denn dass es sich um einen Tatort handelte, daran hatte er keinen Zweifel. An dem Arm würde mit Sicherheit ein ganzer Körper hängen, der sich kaum selbst im Dreck verbuddelt haben dürfte.

Jetzt hörte der Kommissar die Rufe seiner Kollegen, sah, wie die uniformierten Beamten unten die Leute daran hinderten, unkoordiniert aus der Grube zu flüchten. Wo ist eigentlich der Doktor?, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf, dann entdeckte er ihn, wie er wieder vor dem freigelegten Arm kniete und offenbar drauf und dran war, sich weiter daran zu schaffen zu machen. »Finger weg«, schrie er ihm zu, worauf der Arzt zusammenzuckte und die Plastikplane fallen ließ, die er in der Hand gehalten hatte. Anscheinend hatte er seinen Fund nur abdecken wollen, weswegen Kluftinger sein harscher Ton gleich wieder leidtat.

Inzwischen war es den Kollegen gelungen, die Leute etwas von dem Fundort abzudrängen. Endlich konnte er kurz durchatmen – und blickte sich um: Die Grube war zwar riesig, dennoch hatten es die paar Dutzend Menschen, die sich darin befanden, geschafft, ein veritables Chaos anzurichten. Wenigstens war niemand abgehauen, bis auf den Ministerpräsidenten, und sie würden die Zeugen in aller Ruhe befragen, wenn erst die anderen eingetroffen waren. Die anderen! Rasch griff Kluftinger erneut nach dem Funkgerät. »Hat schon jemand die anderen verständigt?«, fragte er hinein.

»Ja, hab ich gemacht. Die Karawane rollt an, over«, schepperte Maiers Stimme zurück.

Gut, immerhin einer, der die Übersicht behalten hatte, dachte der Kommissar selbstkritisch. Und wenn er noch so einen Schmarrn daherredete.

»Das ist der Professor«, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich. Sie gehörte Theresa Lanz.

Er hatte sie in dem Tumult aus den Augen verloren, jetzt stand sie auf einmal neben ihm. »Was ist?«, fragte er.

»Professor Brunner.«

Kluftinger blickte sich auf dem Gelände um, sah aber niemanden kommen. »Wo denn?«

»Da.« Sie streckte die Hand aus und zeigte auf den Arm, der aus dem Dreck herausragte.

»Und der Ministerpräsident hat wirklich gedacht, dass da ein toter Aff’ liegt?« Willi Renn nahm seine dicke Brille ab und rieb sich über die feuchten Augen.

»Na ja, die Versteinerung eines Menschenaffen halt. Aber das hab ich dir doch jetzt schon drei Mal erzählt«, seufzte Kluftinger. Er konnte ja verstehen, dass die Kollegen diese Geschichte erheiternd fanden, aber momentan gab es Wichtigeres zu tun.

»Ist aber immer wieder schön«, gluckste Renn. Der Erkennungsdienstler steckte in einem seiner Ganzkörperanzüge, der nur bis zur Hüfte noch seine ursprüngliche weiße Farbe erkennen ließ, von da abwärts wurden die Dreck- und Matschspritzer immer dichter und färbten das Kleidungsstück dunkelbraun. Der klein gewachsene Renn wirkte wie ein Erdmännchen, das zu lange im Schlamm gewühlt hatte. Wie den restlichen Mitarbeitern seiner Abteilung sah man ihm an, wie stark er unter seinem luftdichten Overall schwitzte.

Nun zwang sich der Kommissar dazu, endlich einen genaueren Blick auf den Toten zu werfen. Willis Leute hatten ihn mittlerweile ganz ausgegraben. Seine Kleidung – Jeans, T-Shirt und eine Windjacke – war über und über mit Schlamm bedeckt, wie auch das zur Seite gedrehte Gesicht und der Rest des Kopfes. Kluftinger war eigentlich ganz froh darum. Zu sehr brannten sich die starren Züge, die kalten Augen der Toten jedes Mal in sein Gedächtnis ein und verfolgten ihn nicht selten bis in die Nacht.

Dieser hier sah ihn nicht an, doch der Anblick reichte auch so. Es musste ein schrecklicher Tod gewesen sein, auch wenn nur wenig Blut zu sehen war. Die verrenkten Gliedmaßen reichten aus, um dem Kommissar trotz der hohen Temperaturen einen Schauer über den Rücken zu jagen. Dennoch versuchte er, genau hinzuschauen. Und sofort fiel ihm etwas auf: Der Tote trug keine Schuhe. Der rechte Fuß war nackt, den anderen bedeckte eine weiße Sportsocke.

»Habt ihr seine Schuhe gefunden?«, wollte er wissen.

»Bis jetzt nicht. Aber wenn du willst: Spaten und Hacken sind genügend da, darfst also gern suchen.«

»Danke, Willi. Jeder soll das machen, was er am besten kann.«

»Auweh, was war das noch mal bei dir, Klufti?«

»Jedenfalls nicht im Schlamm wühlen …«

Renn grinste ihn an, dann bückte er sich wieder zum Opfer und drehte es aus der Seitenlage auf den Rücken. Der Mund des Mannes war zu einem stummen Schrei aufgerissen, erstickt von dem Dreck, der ihn ausfüllte. Ein schrecklicher Anblick. »Der ist nicht nur eingebuddelt worden, nach meinem Dafürhalten ist man auch ein paar Mal schön über ihn drübergefahren. Wahrscheinlich mit dem Bagger da drüben.« Willi zeigte auf die Baumaschine, die ein wenig abseits stand.

Kluftinger schluckte den aufkommenden Ekel hinunter.

Dann durchsuchte Renn die Hosentaschen des Opfers. Ohne aufzusehen, ächzte er: »Ehrlich, Klufti, hätt ich gleich wissen können, dass dein Spezialeinsatz als Personenschützer wieder in einer Katastrophe endet.«

Der Kommissar winkte genervt ab.

»Eine Katastrophe würde ich es nun nicht gerade nennen, was mein Fund da ausgelöst hat«, tönte es hinter dem Kommissar. »Was ans Licht muss, muss ans Licht.«

»Sind Sie immer noch da, Doktor?«, bemerkte Kluftinger, schnitt eine Grimasse in Richtung Renn und drehte sich erst dann zu Langhammer um.

»Natürlich, in der Paläontologie hat man eine gewisse Verantwortung für seinen Fund. Den überlässt man nicht einfach irgendwem anders.«

»In der …« Kluftinger fehlten die Worte. Sein Blick ging zur Wissenschaftlerin Theresa Lanz, die neben ihnen stand und nervös an einer Zigarette zog. Sie zuckte nur mit den Schultern. Dann fuhr er fort: »Mag schon sein, Herr Doktor, dass das bei den Palädingsbums so ist, aber Sie haben keine Weltsensation entdeckt, sondern eine Leiche.«

»Wollen wir mal nicht beckmesserisch sein. Die meisten Dinge, die Paläontologen finden, sind tot.«

»Ja, aber an denen ist nicht mehr so viel dran wie am Professor«, erwiderte Kluftinger, doch als er seinen Worten nachhörte, fand er, dass sie etwas pietätlos klangen. Er wechselte das Thema: »Und Sie haben den Professor heute noch nicht gesehen oder gesprochen, Frau Lanz?«

»Nein. Wir alle haben uns gewundert, dass er nicht gekommen ist. Wo ihm Öffentlichkeit doch so … wichtig war.«

»Das wär auch schlecht gegangen«, erklärte Willi Renn. »Wenn ihr mich fragt, hat der Herr Professor mit ziemlicher Sicherheit das heutige Morgengrauen nicht mehr erlebt.«

Kluftinger nickte. Dann wandte er sich wieder an die Paläontologin. »Ihm war die Presse also wichtig?«

Theresa Lanz blickte ihn prüfend an. »War nicht als Kritik gedacht. Ich meine nur, es war eben ungewöhnlich, dass er bei so was zu spät kam.« Sie blickte auf die Fundstelle. »Dabei war er die ganze Zeit schon hier …«

Diese Bemerkung der Wissenschaftlerin fand Kluftinger noch unpassender als seine.

»Hatten Sie Streit mit dem Professor?«

Der Kommissar fuhr herum. Auch wenn das eine berechtigte Frage war, hätte er sie doch lieber selbst gestellt, statt sie Martin Langhammer zu überlassen. »Herr Doktor, das ist eine polizeiliche Ermittlung, kein Kinder-Detektivspiel.«

Der Arzt spitzte die Lippen. »Na, es wäre nicht der erste Fall, den wir zusammen aufklären, wie? Aber ich verstehe schon, ich werde mich mehr im Hintergrund halten und nur dann eingreifen, wenn …«

»Lucy!« Kluftinger brüllte den Namen derart gellend in die Tongrube, dass alle um ihn herum zusammenfuhren. Als die junge Kollegin bei ihm war, nahm er sie beiseite. »Lucy, können Sie mal den Langhammer übernehmen? Das ist ein schwieriger Fall, wie soll ich sagen …«

»Kein Thema, den Knaller kenn ich doch noch vom Tierfriedhof.«

Jetzt erinnerte sich Kluftinger wieder, dass ihm die Kollegin den Doktor schon einmal vom Hals geschafft hatte. Damals, am Grab seines ehemaligen Hundes Wittgenstein, hatte der Doktor auch das getan, was er am besten konnte: allen den Nerv geraubt.

Luzia Beer ging auf den Arzt zu, setzte ein interessiertes Gesicht auf und fragte ihn: »Herr Doktor, sagen Sie, wie war das, als Ihnen klar wurde, auf was Sie da mit Ihrer Spürnase gestoßen sind?«

Der Kommissar sah den beiden lächelnd hinterher, als sie sich, ins Gespräch vertieft, entfernten. Lucy wusste den Wichtigtuer zu nehmen. Maier hätte ihm nur wieder etwas von Kompetenzen und Dienstpflichten erzählt, was wahrscheinlich zur Eskalation geführt hätte. Er atmete tief durch und wandte sich dann wieder der Paläontologin zu, die etwas in ihr Handy tippte. »Wichtige Nachrichten?«, fragte er.

»Na ja, ich werde jetzt vieles organisieren müssen, damit es hier weitergehen kann.«

»Sie meinen die Grabungen?«

»Natürlich. Ich bin mir noch nicht sicher, was das alles für uns bedeuten wird, aber leichter macht es uns die Arbeit nicht gerade.«

Die Frau schien sich vor allem Sorgen um das Projekt zu machen. »Standen Sie sich nahe?«, fragte Kluftinger, auch wenn bereits ziemlich offensichtlich war, dass dem nicht so war.

»Professor Brunner und ich? Wie … also, nein, ich meine … schon, irgendwie.«

Er hatte sie verunsichert. Gut so. »Was denn nun?«

»Wir haben eng zusammengearbeitet. Aber ich hatte trotzdem meinen Bereich und er seinen.«

»Aha.«

»Ja, das ist allerdings völlig normal in der Wissenschaft.«

»Soso.«

»Brauchen Sie noch was von mir?«

Sie schien das Gespräch möglichst schnell beenden zu wollen. »Nein, im Moment nicht, aber ich habe sicher noch viele Fragen in nächster Zeit.«

»Also, ich werde natürlich sehr viel zu tun haben die kommenden Tage …«, begann sie, aber als sie sah, wie er die Brauen zusammenzog, fügte sie an: »Aber wenn Sie was brauchen, melden Sie sich natürlich jederzeit.«

Der Kommissar blickte ihr nach. Ihm kamen jetzt schon einige Fragen in den Sinn, doch das hatte noch Zeit.

»Klufti!« Willi Renn winkte ihm. Er stand neben dem Kleinbagger. »Wir müssen den sicherstellen.«

Der Kommissar nickte. »Ich sag’s dem Dings. Also, dem Inhaber.«

Martin Swoboda stand bei Richard Maier und rauchte. Kluftinger begab sich zu den beiden hinüber. »Herr Swoboda, wir müssen den Betrieb hier bis auf Weiteres ruhen lassen. Und natürlich Ihren Bagger sicherstellen«, erklärte er.

Der Angesprochene schaute ihn ungläubig an, dann pfefferte er seine Zigarette in den Schlamm. »So ein Scheiß! Ich brauch das Ding. Der eine da unten reicht mir nicht. Ist es nicht genug, dass ich wegen dem ganzen Kasperltheater sowieso schon nicht vernünftig abbauen kann? In meiner eigenen Grube? Muss man mir jetzt auch noch das Arbeitsgerät unterm Arsch wegpfänden?«

Konsterniert blickte Kluftinger den Mann an. Das klang so gar nicht nach dem Förderer von Wissenschaft und Forschung, den er gerade noch im Beisein des Ministerpräsidenten kennengelernt hatte.

Bevor Kluftinger jedoch darauf reagieren konnte, ergriff Maier das Wort: »Das bringt Ihnen gar nichts, wenn Sie hier unflätig rumschimpfen. Wir tun unsere Pflicht, und es ist Ihre als Bürger, uns dabei zu unterstützen.«

Der Kommissar wusste, dass Maier mit dieser Äußerung nur Öl ins Feuer goss, aber das war ihm in diesem Fall ganz recht, ja, er hoffte sogar, dass sein Kollege den Unternehmer damit noch mehr aus der Reserve lockte.

»Pflicht, Pflicht, ich hör immer nur Pflicht. Ich muss den Wissenschaftlern helfen, dass sie da diesen depperten Affen ausgraben können, ich muss einen Teil meiner Grube zur Verfügung stellen, damit die Menschheit mehr über ihre Scheißvergangenheit erfährt, ichmussichmussichmuss … Wissen Sie, was ich muss? Geld verdienen muss ich. Meine Leute bezahlen muss ich. Meine Familie ernähren. Das muss ich, sonst muss ich einen Scheißdreck!«

Kluftinger hatte dem imposanten Ausbruch interessiert ge­lauscht. Der Mann hatte seine Maske nicht sehr lange aufbehalten, schon jetzt war deutlich zu sehen, was er von den Ausgrabungen auf seinem Grundstück wirklich hielt. Er wollte gerade nachsetzen, da zupfte ihn jemand am Ärmel. Langhammer stand wieder bei ihm. Suchend blickte sich Kluftinger um. Als er Lucy Beer erblickte, hatte sie eine Zigarette in der Hand und hob entschuldigend die Arme.

»Ich wäre jetzt bereit, meine Aussage zu machen«, erklärte der Doktor feierlich.

»Aha. Wären Sie.«

»Ja. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um der Gerechtigkeit auch diesmal zum Durchbruch zu verhelfen.«

Die Äderchen auf Kluftingers Wangen füllten sich mit Blut. Dennoch schaffte er es, seinen aufkeimenden Zorn zu unterdrücken. Stattdessen winkte er einen der Uniformierten zu sich. »Dem Kollegen hier können Sie Ihre Aussage diktieren«, sagte er zum Doktor. Er selbst musste nun wirklich los. Bevor er ging, nahm er den Polizisten beiseite und flüsterte ihm zu: »Nehmen Sie ihn bitte ordentlich in die Mangel, der wollte vorhin ein Skalpell aufs Gelände schmuggeln.«

3

Seufzend parkte Kluftinger seinen Passat vor dem Mehrfamilienhaus am Rande der Kaufbeurer Innenstadt. Er stieg aus und blickte zu den Fenstern im zweiten Stock, hinter denen er seine Familie vermutete. Die Jahre zuvor war er nur selten in der Ostallgäuer Stadt gewesen, auch hatte er nur mit mäßigem Interesse verfolgt, was in ihr so passierte. Dass sich sein Sohn mit seiner kleinen Familie einmal ausgerechnet hier ansiedeln würde, hatte er nie auf dem Zettel gehabt. Aber Markus hatte im Rahmen seiner Diplomarbeit eine Weile am Kaufbeurer Bezirkskrankenhaus gearbeitet und war hängen geblieben. Seit ein paar Wochen pendelte er nun ins Landeskriminalamt nach München. Kluftinger blähte stolz die Brust. Sein Sohn beim LKA – wer hätte das gedacht. Es freute ihn sogar mehr als seine eigene Ernennung zum Interims-Präsidenten.

Er schloss den Wagen ab und überquerte die kleine Rasenfläche vor der Wohnanlage, wobei er den Hinweis »Grünfläche betreten verboten« geflissentlich ignorierte. Dass es solche Verbote heutzutage noch gab, wunderte ihn – auch wenn, dem Trampelpfad nach zu urteilen, der vom kleinen Parkplatz zum Haus ging, nicht nur er sich darüber hinwegsetzte. Zweimal drückte er auf den Klingelknopf und trat sich die trotz seiner vorherigen Reinigungsaktion noch immer schlammigen Schuhe ab. Oben müsste er sie sowieso ausziehen – Yumiko und Markus wollten das so. Vielleicht wegen der japanischen Herkunft seiner Schwiegertochter? Jedenfalls kam er sich reichlich dämlich vor mit diesen labbrigen Filzpantoffeln, die er dann immer aufgenötigt bekam. Fast wie im Museum oder in einem Schloss, wo man Überschuhe tragen musste, um den wertvollen Boden nicht zu beschädigen. Dabei war der überwiegende Teil der Wohnung gefliest. Und er würde wie immer versuchen, nicht daran zu denken, wer vor ihm alles seine Füße in die Schlappen hineingesteckt hatte.

Die Schuhfrage war freilich nicht der einzige Grund, warum es ihm lieber war, wenn die Kinder nach Altusried kamen. Dort war er Herr im Haus. Hatte sich alles eingerichtet, wie es ihm behagte. Konnte vom Esstisch in seinen Sessel wechseln, wann er es für richtig hielt, das Fernsehprogramm bestimmen, sich auch mal zurückziehen. Hier war alles anders, denn hier war er das, was er eigentlich gerne anderen überließ: Gast.

Der Summer ertönte. Kluftinger betrat das Treppenhaus, das mit seinem mintfarbenen Metallgeländer den Charme der Neunziger versprühte und in seinen Augen damit ziemlich modern wirkte. Oben angekommen, zog er seine Haferlschuhe aus, da öffnete sich die Tür, und Markus streckte ihm die unvermeidlichen Pantoffeln entgegen.

»Servus, Vatter! Na, hast dich mit dem Ministerpräsidenten verquatscht, hm?«

»Servus, Markus«, erwiderte der Kommissar, und sie klopften sich wie immer zur Begrüßung ungelenk gegenseitig auf die Schulter. Eine bessere Variante, einander ihre Zuneigung zu demonstrieren, hatten sie bisher nicht gefunden.

Achselzuckend sah der Kommissar auf die Uhr. »Bissle spät, ich weiß. Aber stell dir vor, was in der Tongrube …«

»Du, kein Problem, Vatter, bloß den Erdbeerkuchen, den die Mama mitgebracht hat, haben wir komplett aufgegessen. Aber wenn du willst, mach ich dir noch schnell einen Kaffee. Espresso? Oder lieber nen Cappuccino?«

»Danke, Bub, lass lieber, sonst steh ich heut Nacht wieder im Bett«, winkte Kluftinger ab. Eigentlich hätte er gegen ein Tässchen Kaffee nichts einzuwenden gehabt, wenn es nicht ausgerechnet ein Espresso aus Markus’ Wundermaschine gewesen wäre. Von seinem ersten Gehalt beim LKA hatte er sich eines dieser chromglänzenden italienischen Ungetüme nebst Mühle gekauft und experimentierte seitdem mit Mahlgrad, Wasserhärte und Röstung herum. Dadurch schmeckte der Kaffee nicht nur immer anders, sondern leider auch oft ziemlich bitter.

Der mit Kinderwagen und Babytrage vollgestellte Hausgang führte in die Küche, von der aus man zu einem kleinen Essbereich und weiter ins Wohnzimmer gelangte. Oder das, was die beiden Wohnzimmer nannten: Statt einer gemütlichen Couchgarnitur über Eck hatten sie dort nur ihre unbequemen Schlafsofas aus Studentenzeiten hingestellt, als Sofatisch dienten ein paar alte Obstkisten, über die eine Glasplatte gelegt war. Eine Schrankwand fehlte gänzlich, dafür hatte sich Markus in einer Ecke mit dem alten Gartentisch seiner Oma und einem Klappstuhl eine Arbeitsecke eingerichtet. Nicht einmal einen Fernseher hatten sie. Kluftinger hatte sich schon oft gefragt, was Markus und Yumiko wohl den ganzen Abend lang ­machten.

Die Wohnung an sich war hell und nett geschnitten, wenn man von dem winzigen Balkon absah, der erstens auf die Bahnlinie ging und zweitens so klein war, dass darauf nur einer dieser winzigen Bistrotische und zwei Stühle passten. Weil es an Durchzug fehlte, staute sich die Hitze des Tages in den Zimmern wie in einem Gewächshaus. Es war eben »nur« eine Wohnung, die jeden Monat Miete kostete. Höchste Zeit, dass sich die Kinder etwas Eigenes suchten. Vielleicht in Altusried …

»Schau, Vatter, was ich mir gestern auf dem Wertstoffhof geschossen hab«, sagte Markus und deutete den Hausgang entlang auf ein hölzernes Nachtkästchen, das nicht nur völlig zerschrammt, sondern auch noch über und über mit Aufklebern zugepflastert war.

»Für den Keller?«

»Schmarrn, das kriegt die Maxima in ihr Zimmer, ich muss nur ein bisschen drüberschleifen und -streichen.«

Kluftinger sah seinen Sohn stirnrunzelnd an. »Aber wenn ihr bald anfangt zu bauen, dann …«

»Wir bauen?«

Das Thema hatten Kluftinger und Erika schon ein paarmal angeschnitten und waren immer auf vehemente Ablehnung gestoßen. Aber wie war das doch mit dem steten Tropfen? »Ja, dann habt ihr Platz, einen Garten, eine Garage, ein oder zwei schöne Kinderzimmer …«, fabulierte er.

»Herrgott! Ich hab’s euch schon hundertmal gesagt, ich hab nicht vor, mir eines dieser ewig gleichen Einfamilienhäuschen mit Handtuchgarten und Fertigcarport in einer aufstrebenden Stadtrandgemeinde hinzustellen, okay? Ist halt einfach nicht unser Lebenstraum.«

»Könnt ja auch was renovieren. Ist doch viel sinnvoller, was Eigenes abzubezahlen, als das Geld dem Vermieter in den Rachen zu werfen.«

»Vatter, hör auf! Wir wohnen hier in unserer Wohnung. Und das bleibt auch so. Basta.«

Kluftinger hob beschwichtigend die Hände. »Soll ich mich mal umhören? Kostet ja nix.«

»Übertreib’s nicht, Vatter! Außerdem erben wir ja eh mal euer Haus«, schob sein Sohn grinsend nach. »Beziehungsweise übernehmen es, wenn ihr ins betreute Wohnen geht nach deiner Pensionierung. Ist ja nicht mehr soo lang hin.«

Kluftinger kniff die Augen zusammen. Markus hatte das in letzter Zeit schon ein paarmal gesagt. Scheinbar im Spaß, aber spekulierte er tatsächlich bereits auf sein Elternhaus? Wartete sein Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, nur darauf, dass er in einem Seniorenheim versauerte, damit …