Draussen - Volker Klüpfel - E-Book

Draussen E-Book

Volker Klüpfel

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Beschreibung

Härter und spannender als je zuvor. Der erste Thriller des Bestsellerduos. Ein Leben draußen im Wald, kein Zuhause, immer auf der Flucht: Das ist alles, was Cayenne und ihr Bruder Joshua kennen. Nur ihr Anführer Stephan weiß, warum sie hier sind und welche Gefahr ihnen droht. Er lebt mit ihnen außerhalb der Gesellschaft, drillt sie mit aller Härte und duldet keinen Kontakt zu anderen. Cayenne sehnt sich nach einem normalen Alltag als Teenager. Doch sie ahnt nicht, dass sie alles, was Stephan ihr beigebracht hat, bald brauchen wird. Denn der Kampf ums Überleben hat schon begonnen. Und plötzlich steht er vor ihr: der Mann, der sie töten will.

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DRAUSSEN

Die Autoren

Altusried hat einen prominenten Sohn: Kommissar Kluftinger. Volker Klüpfel, Jahrgang 1971, kommt wenigstens aus dem gleichen Ort. Nach dem Abitur zog es ihn in die weite Welt – nach Franken: In Bamberg studierte er Politikwissenschaft und Geschichte. Danach arbeitete er bei einer Zeitung in den USA und stellte beim Bayerischen Rundfunk fest, dass ihm doch eher das Schreiben liegt. Seine letzte Station vor dem Dasein als Schriftsteller war die Feuilletonredaktion der Augsburger Allgemeinen. Die knappe Freizeit verbringt er am liebsten mit seiner Familie, mit der er im Allgäu lebt. Sollte noch etwas Zeit übrig sein, treibt er Sport, fotografiert und spielt Theater. Auf der gleichen Bühne wie Kommissar Kluftinger.
Michael Kobr, geboren 1973 in Kempten im Allgäu, studierte in Erlangen ziemlich viele Fächer, aber nur zwei bis zum Schluss: Germanistik und Romanistik. Nach dem Staatsexamen arbeitete er als Realschullehrer. Momentan aber hat er schweren Herzens dem Klassenzimmer den Rücken gekehrt – die Schüler werden’s ihm danken –, um sich dem Schreiben, den ausgedehnten Lesetouren und natürlich seiner Familie widmen zu können. Kobr wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Unterallgäu – und in einem kleinen Häuschen mitten in den Bergen, wo die Kobrs im Winter häufig auf der Skipiste, im Sommer auf Rad- und Bergtouren unterwegs sind. Wenn nicht gerade mal wieder eine gemeinsame Reise ansteht ...

Das Buch

DU LEBST IM VERBORGENEN.BIST VORBEREITET.WARTEST AUF DIESEN EINEN TAG.DANN STEHT ER VOR DIR – DER MANN, DER DICH TÖTEN WILL.DOCH ER IST STÄRKER, ALS DU DACHTEST.

Volker Klüpfel und Michael Kobr

DRAUSSEN

Thriller

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

ISBN 978-3-8437-2118-9

© 2019 by Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinUmschlaggestaltung: zero-media.net, München THRILLER Titelabbildung: © Rekha Garton / Trevillion ImagesAutorenfotos: © Hans ScherhauferE-Book Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten

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Inhalt

Die Autoren / Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

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Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

1

Zwei Tage zuvor

»So, Thommi, jetzt beiß mal besser die Zähne zusammen.«

Der Mann auf dem Boden starrte die riesige Nadel an, die sich seinem Bein näherte. Er schien mit sich zu ringen, kniff die Augen zusammen, nur um sie sofort wieder aufzureißen. Flehend richtete sich sein Blick auf den Mann, der die Nadel in der Hand hielt: massiver Oberkörper, muskelbepackte Oberarme, die blonden Haare raspelkurz geschoren. Doch es war vor allem sein Gesicht, das ihn gleichermaßen abstoßend wie Furcht einflößend erscheinen ließ: Es war überzogen von Narbengewebe, das aussah, als läge an manchen Stellen das bloße Fleisch auf den Knochen. Die Haut war gespannt, was seine Mimik grotesk verzerrte. Auf seinen Mundwinkeln schien ein gespenstisches Dauergrinsen zu liegen.

Und dieses Grinsen gab dem Mann auf dem Boden den Rest. »Aufhören«, schrie er genau in dem Moment, als die Nadelspitze seinen Oberschenkel berührte.

Doch der andere dachte gar nicht daran. Sein vernarbtes Gesicht verzog sich noch etwas mehr. »Hab dich nicht so«, zischte er.

Nun begann Thommi zu strampeln, versuchte aufzustehen, doch der Typ über ihm presste ihm seine Pranke so fest auf die Schulter, dass ihm die Luft wegblieb.

»Verdammt, jetzt lassen Sie mich los, Sie sind ja irre.«

»Halt endlich still«, tönte es über ihm, dann bohrte sich die Nadel in Thommis Fleisch, was er mit einem schrillen Schrei quittierte.

»Siehst du, geht doch«, sagte der Typ und wollte weitermachen, da wurde er von hinten gepackt und hochgezogen.

»Herrgottnochmal, Stephan, was soll denn diese Scheiße?«

Unwillkürlich wichen die Männer, die sich um die beiden herumgruppiert hatten, zurück. Ein paar Sekunden sagte keiner etwas, nur ein Keuchen durchbrach die Stille des Waldes.

Stephan riss sich aus seiner Umklammerung und fixierte sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen, während sich Thommi vom Boden aufrappelte, die Hand auf die Einstichstelle gepresst. Die Gruppe beobachtete die beiden Kontrahenten mit leuchtenden Augen, viele erwarteten eine handfeste Auseinandersetzung.

Doch Stephan schien daran nicht interessiert. Sein Gegenüber nahm die Baseballkappe ab und wischte sich übers Gesicht: »Ich hab es dir schon tausendmal gesagt: Das hier ist nur ein Trainingscamp, nicht der Krieg. Die Leute zahlen dafür.«

Damit löste sich die Spannung. Die anderen wirkten enttäuscht darüber, dass es keine Schlägerei geben würde. Sie nahmen Thommi in ihre Mitte, klopften ihm auf die Schulter und feixten: »Na, du Weichei? Hättest dir ruhig eine hübsche Ziernaht verpassen lassen können.«

Stephan drehte sich zu ihnen um. Ein Dutzend Männer, einige mit Bauchansatz, schütterem Haar und verschwitzter Tarnkleidung. Bei manchen waren die Klamotten so neu, dass noch die Etiketten daran baumelten.

»Wofür trainiert ihr denn in eurem Camp?«, rief er ihnen zu. »Wenn ihr schon vor so einer kleinen Nadel Angst habt, was macht ihr dann, wenn es wirklich ernst wird? Wenn ihr genäht werden müsst, weil ihr sonst einfach elend verblutet? Ihr müsst endlich mal eure gut geheizten goldenen Käfige verlassen, in denen ihr gefangen seid.«

»Das hier ist aber nicht der Ernstfall«, sagte Martin, der Leiter des Camps. Er war es, der Stephans improvisierte Operation eben beendet hatte. Nicht das erste Mal, dass er hatte einschreiten müssen.

»Das stimmt allerdings«, gab Stephan verächtlich zurück. »Im Ernstfall wärt ihr längst tot.« Dann stapfte er über den blätterbedeckten Boden auf das Feuer zu, über dem ein Wasserkessel dampfte, und ließ sich auf den Baumstamm davor sinken.

Zwei Frauen, ebenfalls in Tarnkleidung, gesellten sich zu den erhitzt tuschelnden Teilnehmern. »Haben wir was verpasst? Mist, immer, wenn’s spannend wird, sind wir auf dem Klo.«

»Bei so einer Mädchenblase ist das kein Wunder«, antwortete Thommi. Dann holte er tief Luft, um sein eben durchlebtes Trauma in allen Einzelheiten zu schildern. »Ich wär grad beinahe bei lebendigem Leib aufgeschlitzt worden.«

»Oha, er kann schon wieder Märchen erzählen«, spottete einer.

Martin ging auf Thommi zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sorry noch mal. Alles okay bei dir?«

»Klar, bin ja nicht aus Zucker. Und gegen Tetanus geimpft. Aber das geht wirklich nicht. Der Typ hat doch ’ne Macke. Da musst du als Veranstalter mal ein Machtwort sprechen«, sagte er leise, darauf bedacht, dass Stephan ihn nicht hören konnte.

»Ich rede mit ihm«, stimmte Martin zu. Die Blicke der Männer folgten ihm, als er sich neben Stephan am Feuer niederließ. Er schöpfte mit einer Kelle heißes Wasser aus dem Kessel, goss damit Kaffeepulver in einer Blechtasse auf, rührte um und hielt sie Stephan hin. Doch der schüttelte den Kopf. Martin zuckte die Achseln und nahm selbst einen Schluck. Dann zog er sich die Kappe vom Kopf. Survival of the fittest stand auf dem Schild. Verächtlich schüttelte Stephan den Kopf.

Martin zog die Augenbrauen hoch: »Denkst du, das ist hier alles nur Spaß?«

»Ich nicht. Aber die …«, erwiderte Stephan und deutete mit dem Kopf in Richtung der Männer, die sich nun um Thommi drängten und die Stelle begutachteten, an der die Nadel in seine Haut eingedrungen war.

»Das ist mein Business, Stephan. Ich trag das Risiko, du kriegst deinen Lohn. Du bist gut, das weiß ich. Die Leute stehen ja auf die harte Nummer, die du abziehst, aber es gibt Grenzen. Wenn du so weitermachst, kann ich dich nicht mehr buchen. Neulich wollte uns schon einer anzeigen.«

Stephan bekam große Augen.

»Ja. Der, den du mit deiner selbst gebauten Falle kopfüber am Baum hast hängen lassen. Der Typ war Anwalt. Frag nicht, was es mich gekostet hat, den von seinem Vorhaben abzubringen.«

»Martin, dieses Arschloch war einfach …«

»Geschenkt. Aber ein für alle Mal: Noch so ein Ding, und du bist raus.«

»Ich dachte, ich soll die Leute auf den Krisenfall vorbereiten!«

»Vorbereiten? Schau dir doch mal diese Spinner an. Das sind alles verweichlichte Großstädter, die sich einmal wie in einem Actionfilm fühlen wollen. Einmal wie Rambo sein. Aber wenn du denen so kommst, meinen sie, Rambo hätte sie in den Arsch gefickt.«

»Martin, wenn das hier irgendwas bringen soll, dann …«

»Natürlich bringt das was. Kohle. Zieh deine Show ab, hüpf mit ihnen durch den Wald, bastle mit ihnen ein paar Fallen, meinetwegen fuchtle auch ein bisschen mit deinem Buschmesser rum, aber hör auf, mit den Leuten so umzuspringen, kapiert?«

»Willst du, dass ich gehe?«

»Nein, will ich nicht. Aber wenn du so weitermachst, musst du gehen.« Mit diesen Worten stand Martin auf und schüttete den Rest des Kaffees in die Glut, wo er mit einem Zischen verdampfte.

Stephan saß noch eine Weile da und sah den Rauchschwaden nach, die sich in der frischen Waldluft schnell auflösten, dann stand er abrupt auf und drehte sich um. Seine Gruppe nahm sofort Haltung an, während er mit schweren Schritten zu ihnen zurücklief. Er sah einen nach dem anderen an. Martin hatte recht: Sie waren verweichlicht, nicht wirklich bereit, ihre Komfortzone zu verlassen, auch wenn es ihm einen gewissen Respekt abnötigte, dass sie sich hier freiwillig der Natur aussetzten, die sie sonst wahrscheinlich nur von ihren perfekt gepflegten Reihenhaus-Vorgärten kannten. Wobei auch wieder ein paar dieser Verrückten dabei waren, die immer häufiger in seinen Kursen auftauchten. Typen, die jeden Moment mit dem Zusammenbrechen der Zivilisation rechneten. Prepper nannten sie sich, weil sie vorbereitet, prepared sein wollten, wie sie immer wieder betonten. Vorbereitet auf einen Krisenfall, einen Krieg, eine Naturkatastrophe. Für ihre Beweggründe hatte er ein gewisses Verständnis. Aber er war sich sicher: Trotz ihrer Überzeugung, die Einzigen zu sein, die den nahen Zusammenbruch überstehen würden, trotz ihrer Kenntnisse und der Lebensmittel, die sie in ihren Kellern horteten, waren sie für den Ernstfall in Wahrheit nicht besser gerüstet als die anderen Wohlstandsbäuche hier vor ihm. Aber er hatte versprochen, sich zusammenzureißen. Und vor allem brauchte er das Geld.

»Also, Leute, wo waren wir stehen geblieben?«

Thommi wich ein paar Schritte zurück und stellte sich hinter die restlichen Teilnehmer, die sich im Halbkreis um ihren Ausbilder scharten.

Eine der Frauen, eine sportliche Mittdreißigerin mit langen Haaren, meldete sich zu Wort. »Du wolltest uns, glaub ich, erklären, wie wir in einer Krise die Kontrolle behalten.«

Die anderen sahen sie bewundernd an. Keiner sonst wagte es, Stephan zu duzen.

Dem schien das jedoch nichts auszumachen. »Richtig. Aber vergesst das Wort Kontrolle. In einer echten Krise haben wir gar nichts unter Kontrolle außer unserer Vorbereitung – und unserem Körper, dessen Gehorsam wir in jeder Situation einfordern müssen.«

Sie nickten alle, auch wenn Stephan bezweifelte, dass sie wirklich verstanden. »Komm her.« Er winkte der Frau, die ihn angesprochen hatte. »Wie heißt du?«

Die Frau verzog das Gesicht. Sie hatten sich alle zu Beginn des Kurses vorgestellt, und offenbar war sie es nicht gewohnt, dass man ihren Namen vergaß. Sie seufzte. »Nenn mich Bine, das sagen alle.«

»Alles klar, Bine. Hau ab.«

Sie blickte ihn ungläubig an.

»Na los, lauf weg. Flieh. Renn um dein Leben.«

Noch immer stand sie mit fragender Miene da.

»Alaaaarm!«, brüllte Stephan unvermittelt.

Aus dem Stand rannte sie los, doch sie kam nicht mal zwei Schritte weit, dann wurde ihr Körper heftig herumgerissen. »Au, Scheiße, was …?«

Stephan hatte seine Hand in ihren Haaren vergraben und zerrte sie wieder zu sich. »Vorbereitung«, sagte Stephan. »Keine offenen Haare, keine Pferdeschwänze.« Dann ließ er die Frau wieder los, die sich sofort daranmachte, ihre Frisur in Ordnung zu bringen und zu einem Dutt zu binden.

»Ihr müsst die Gefahren, die auf euch lauern, erkennen, bevor sie eintreten. Orientiert euch in eurer Umgebung, macht …« Stephan brach mitten im Satz ab und hob den Kopf.

Irritiert blickten sich seine Schüler an, dann vernahmen sie ein leises Surren in der Luft, das schnell lauter wurde.

»Alarm! Gasmasken!«, schrie Stephan, und sofort stoben die Kursteilnehmer auseinander, rannten zu ihren Zelten, setzten die Masken auf und kauerten sich auf den Boden. Stephan tat es ihnen gleich, schaute nach oben, wartete, bis das Flugzeug nicht mehr zu sehen war, wartete noch ein paar Minuten, dann riss er sich die Maske wieder herunter. Die anderen folgten seinem Beispiel, einige japsten nach Luft, nachdem sie sich das Gummiteil vom Kopf gezogen hatten.

Nach einer Weile fragte ein untersetzter Mann mit schweißnassem Haar: »War das jetzt wegen der Chemtrails?«

»Was soll denn das sein, Chris?«, hakte Bine nach. »Das war halt ’ne Übung, oder?«

Stephan hob den Kopf, als wolle er sichergehen, dass das Flugzeug nicht zurückkehrte, dann sagte er: »Beides.«

»Seht ihr, hab ich’s doch gesagt!«, rief Chris triumphierend.

»Was denn?« Bine schien nicht zu verstehen.

»Chemtrails! Weißt du etwa nicht, was das ist?«

Bine und noch ein paar andere schüttelten die Köpfe.

»Dann lass dich mal aufklären, Mädchen«, erwiderte Chris und leckte sich über die Lippen. »Ist dir schon mal aufgefallen, dass Flugzeuge diese Streifen hinter sich herziehen am Himmel?«

»Ach das.« Jetzt nickte sie. »Das sind doch Kondensstreifen.«

»Genau, dabei gibt’s die gar nicht mehr.«

Bine blickte nach oben. »Klar, sieht man doch.«

»Ja, aber eigentlich müsste es sie nicht mehr geben. Flugzeuge verfügen heutzutage über Doppelmantel-Triebwerke.«

»Aha.«

»Ja, und die hinterlassen gar keine Kondensstreifen. Was du da siehst, sind Nanopartikel, die die schön in der Atmosphäre verteilen. Je höher, desto besser.«

»Und wozu?«

»Um das Wetter zu kontrollieren, uns mit Chemikalien gefügig zu machen …«

Bine wiegte skeptisch den Kopf. »Und wer sollen die sein?«

»Die Regierung, die Juden, die Freimaurer, die Moslems, vielleicht auch immer noch die Russen – alle eben, die die Macht übernehmen wollen.«

Jetzt verzog sich der Mund der Frau zu einem spöttischen Grinsen. »Klar. Wahrscheinlich auch die von der Wettervorhersage, damit sie sagen können: Seht ihr, wir haben recht gehabt.«

Jetzt wandte sich Chris an Stephan. »Sie glauben es doch auch, oder? Deswegen die Gasmaske.«

Stephan hatte keine Lust, sich an der Diskussion zu beteiligen. Was er glaubte und was nicht, ließ sich nicht in einem Satz beantworten. »Hier kann jeder glauben, was er will. Lasst uns weitermachen. Hat jemand noch Fragen zu dem, was wir heute besprochen haben?«

»Ja, ich«, meldete sich ein schmächtiger Mann. Typ Finanzbeamter, dachte Stephan. »Ich wüsste gern noch etwas.«

Die Unterwürfigkeit in seiner Stimme war in etwa so groß wie die Verachtung, die Stephan deswegen für ihn empfand. »Wie sieht es denn aus mit einer lokalen Betäubung, wenn man mal jemanden nähen muss? Gibt es da irgendwas, was man benutzen kann? Eine Wurzel, ein Gras?«

Piss einfach auf die Wunde, hätte Stephan beinahe geantwortet, und wahrscheinlich hätten die Schafe vor ihm genickt und es in ihre Survival-Notizbücher geschrieben. Die Wut stieg wieder in ihm auf. »Klar, in der Wildnis gibt es eine wunderbare lokale Betäubung. Findest du gleich neben dem Asia-Restaurant und der Massagepraxis«, blaffte er. »Wenn ihr eine Verletzung habt, die genäht werden muss, macht ihr Folgendes …« Er nahm ein olivgrünes Päckchen aus einer seiner Hosentaschen, packte eine Nadel aus, führte einen Faden durch die Öse, zog sein Shirt aus, was neben weiteren Narben auch beachtliche Muskelpakete zum Vorschein kommen ließ, und begann, eine imaginäre Wunde auf seinem Bauch zu nähen. Er verzog keine Miene, während er immer wieder durch das Fleisch stach. Die Kursteilnehmer waren entsetzt. Mit ungläubigen Blicken folgten sie seiner Hand, suchten in seinem Gesicht nach Anzeichen des Schmerzes. Einer wandte sich ab und übergab sich, doch diesmal machte sich niemand darüber lustig. Eine andächtige Stille lag über der unwirklichen Szenerie – bis Martin von hinten rief: »So, Leute, Feierabend für heute, das Barbecue ist fertig.«

Das ließ sich die Gruppe nicht zweimal sagen. Alle eilten Richtung Feuer. Stephan, der nun ganz allein dasaß, zog die Nadel aus seiner Haut und verstaute sie wieder in seinem Notfallpäckchen. »Barbecue …«, zischte er verächtlich.

»Willst du auch was?«, fragte Martin, der zu ihm herübergekommen war.

»Nein. Aber verrat mir eins: Was hilft es denen noch mal genau, wenn sie sich hier zum gemütlichen Grillen versammeln?«

»Es hilft uns, Stephan. Dir und mir. Dann haben die Leute nämlich Spaß und empfehlen uns weiter. Oder kommen vielleicht sogar wieder. Positive Erlebnisse, verstehst du?« Martin fasste in seine Hemdtasche und zog ein Bündel Geldscheine heraus. »Hier«, sagte er und hielt es Stephan hin. Dann aber besann er sich, fingerte einen Hundert-Euro-Schein heraus und steckte ihn wieder ein. »Das ist Schmerzensgeld für Thommi, damit er nicht auch noch auf die Idee kommt, einen Anwalt zu konsultieren.«

Widerspruchslos nahm Stephan das restliche Geld. »Die Leute kommen wegen mir, das weißt du.«

Martin sah ihn an und nickte. »Ja, aber irgendwann kommen sie wegen dir nicht mehr, und das weißt du auch.«

2

Der Campingplatz Waldesruh, irgendwo im brandenburgischen Niemandsland, machte seinem Namen an diesem Nachmittag alle Ehre. Verlassen lag das parzellierte Gelände am Rand des großen Forstes. Nur in wenigen der Mobilheime und Wohnwagen waren die Lichter angegangen, als es vor einer halben Stunde zu dämmern begonnen hatte. Wegen des frühen Herbstes hatten einige der Dauercamper ihre Freizeitbehausungen bereits eingemottet und winterfest gemacht. Und von den Touristen mit ihren Wohnmobilen hatte sich schon seit Wochen keiner mehr hierher verirrt. Dennoch würden für das Fest zum Saisonende noch einmal ein paar der Dauergäste für ein gemeinsames Besäufnis zusammenkommen.

Ein kühler Wind pfiff über den Platz, als Cayenne die Zigarette an den Sohlen ihrer schweren Lederstiefel ausdrückte und zurück in den alten Wohnwagen schlüpfte. Sie blickte auf die karge Einrichtung. Immerhin: Es gab Strom, Wasser, Heizung, richtige Betten, Duschen am anderen Ende des Platzes, sogar einen Fernseher. Diese Dinge, für andere Siebzehnjährige alltäglich, waren für Cayenne reiner Luxus.

»Na, was brutzelst du, Jo?«, fragte das Mädchen ihren zwei Jahre jüngeren Bruder, der in einer Pfanne über dem Camping-Gaskocher herumrührte.

»Eier mit Dosenwurst. ’ne Büchse Mais hau ich noch rein. Und ordentlich … Cayennepfeffer. Okay, Schwesterherz?« Er grinste sie herausfordernd an. Sie lächelte zurück. Ihrem kleinen Bruder konnte sie nicht wirklich böse sein, auch wenn er sie immer wieder mit ihrem Namen aufzog. Natürlich nervte Jo manchmal tierisch. Es brachte sie auf die Palme, dass er ihr Leben zwischen Survivalcamp und Campingplatz für einen großen Abenteuertrip hielt – und vor allem froh war, dass er nicht in die Schule musste. Dagegen hatte zwar auch sie grundsätzlich nichts einzuwenden, es hätte ihrem Dasein aber wenigstens etwas Normalität verliehen.

»Gleich fertig. Kannst dich schon mal hinsetzen und zwei Teller rausholen.«

»Erscheint unser Herr und Gebieter denn nicht?«, fragte das Mädchen grinsend.

»Ich glaub, wir müssen nicht auf ihn warten. Wird vielleicht später, hat er gemeint. Komm, wir essen schon mal allein.«

Sie waren so in ihre Mahlzeit vertieft, dass sie den Schatten nicht bemerkten, der sich ihrem Wohnwagen in der Dämmerung näherte. Die Gestalt duckte sich hinter die Buchenhecke, die ihre Parzelle begrenzte, und lugte vorsichtig darüber hinweg. Leichtere Beute als die zwei Halbwüchsigen im Wohnwagen konnte es für einen Überfall im Halbdunkel kaum geben: ein hell erleuchtetes Fenster, sichtbar selbst aus größter Entfernung, die Pupillen der beiden verengt vom Licht. Sie würden nur eine grauschwarze Fläche wahrnehmen, wenn sie aus dem Fenster sahen.

Aber sollte er es wirklich tun? Andererseits: Waren sie nicht selber schuld? Er langte in eine Pfütze und schmierte sich die Wangen mit Schlamm ein. Auch wenn diese beiden Kids alles andere als wachsam waren: Nichts nahm man selbst in der Dunkelheit so gut wahr wie ein menschliches Gesicht.

»Lass den Rest einfach stehen, er isst es ja auch kalt«, rief Joshua nach drinnen, dann zog er die Tür zu und zündete sich vor dem Campingwagen eine Kippe an. Er nahm gerade den ersten Zug, da wurde er von hinten heftig am Hals gepackt. Mit Wucht drückte ihm eine kräftige Hand die Luft ab, und er spürte ein Knie, das sich ihm in den Rücken bohrte. Dann wurde sein Oberkörper nach hinten gerissen. Seine Finger ließen die glimmende Zigarette fallen, bevor er zu Boden ging. Lautlos, denn zum Schreien fehlte ihm bereits die Luft.

»Keinen Mucks!«, zischte es ihm aus dem schlammverschmierten Gesicht entgegen, das nun dicht über ihm auftauchte. Der Mann löste die Umklammerung um Joshuas Hals. Mit schreckgeweiteten Augen nickte der Junge, unfähig, ein Wort zu sagen, auch wenn er wusste: Jetzt war seine Schwester dran. Er rappelte sich auf und sah schweigend zu, wie lautlos die Tür geöffnet wurde, hörte die Musik aus dem Radio scheppern, blickte auf Cayenne, die an der Spüle stand, dann auf den Schatten, der sich ihr näherte.

Da hielt sie inne. Joshua wusste, dass sie einen siebten Sinn für Gefahren hatte. Und jetzt schien sie zu merken, dass etwas nicht stimmte. Doch genau in dem Moment, als sie sich umdrehte, ging es los.

»Glaubt ihr, das hier ist ein Ferienlager?«

Cayenne starrte in Stephans dreckverschmiertes Gesicht. Er trug einen Tarnanzug.

»Tür zu!«, blaffte er Joshua an, der seiner Anweisung mit gesenktem Kopf folgte.

Dann legte er richtig los. »Dumm, leichtsinnig, disziplinlos! Warum habt ihr das Licht an? Ihr sitzt da wie auf dem Präsentierteller! Eine richtige Einladung ist das. Warum wird schon wieder geraucht? Warum ist die Tür nicht verschlossen?«

Das Mädchen sog die Luft ein, während Joshua weiter betreten zu Boden sah.

»Na, hat jemand eine Antwort für mich?«

Cayenne funkelte Stephan an. Sie hätte ihm gern die Meinung gesagt, das spürte er, aber sie schien auch zu wissen, dass er recht hatte. Er war gespannt, wie ihr innerer Kampf ausgehen würde.

»Erst hab ich noch eine Frage«, begann sie schließlich. »Was soll die Scheiße mit den dämlichen Angriffen und deiner Anschleicherei? Willst du, dass wir uns irgendwann zu Tode erschrecken? Ich hätt mir fast in die Hosen geschissen!«

»Dann hättest du vielleicht mal was daraus gelernt!«

Cayenne reckte trotzig das Kinn nach vorn. Sie forderte ihn heraus, wieder einmal, das wusste er. Aber er wollte nicht in ihre Falle tappen. Wollte ihrem Lamento, das sie gleich anstimmen würde, nicht noch mehr Anlass geben. Und eigentlich wollte er auch nicht streiten. Er hatte sich auf einen Abend mit den Kindern gefreut, hatte vom frisch verdienten Geld sogar Bier und Chips gekauft. Vielleicht hätten sie sich zusammen einen Film ansehen können. Wie sie es früher manchmal getan hatten.

»Durch diese Tests sollt ihr wachsam bleiben, das weißt du genau«, fuhr er fort und versuchte gar nicht, die Sorge, die in seiner Stimme mitschwang, zu verbergen. »Wir müssen immer auf der Hut sein, niemand darf uns entdecken. Vor allem nicht … die! Ich tu das doch nur für uns, damit nichts passiert, damit wir zusammenbleiben können.« Dann senkte er seine Stimme und hob seine Linke zu einer vagen Geste der Entschuldigung. »Ihr müsst besser aufpassen, okay?«

Joshua ging auf Stephan zu, fasste ihn zaghaft an der Schulter. »Okay. Sorry … für alles«, murmelte er. »Kommt nicht wieder vor, versprochen.«

Stephan nickte.

Doch Cayenne war noch nicht fertig. Vielleicht fachte das defensive Verhalten ihres Bruders auch erneut ihren Kampfeswillen an. »Du wolltest doch noch eine Antwort, oder?«, fragte sie. »Die kannst du haben. Sie trifft auf alle deine Fragen zu.« Das Mädchen hielt kurz inne, und Stephan bedeutete ihr mit einem Nicken, fortzufahren. »Was du gerade von draußen gesehen hast, nennt sich Leben. Nicht ganz so wie das von anderen Teenies, aber wenigstens so ähnlich.«

Stephan fühlte sich, als habe ihm jemand einen Magenschwinger versetzt. Hatten sie nicht ein gutes Leben? Sicher, ein anderes zwar als die meisten, aber sie hatten einander. Waren eine Familie. Warum kam es bloß immer wieder zu diesen sinnlosen Auseinandersetzungen? Leise antwortete er: »Ihr seid aber nicht wie andere Kids.« Er bereute sofort, dass er das gesagt hatte.

Joshua zuckte die Schultern: »Ich find’s okay. Wir sind nicht wie die anderen. Weil wir viel cooler sind. Cooler, härter und fitter!«

Stephan nickte ihm dankbar zu. »Vielleicht wird es Zeit, dass wir mal wieder draußen leben für ein paar Wochen. Im Wald.«

Entsetzt blickte Cayenne ihn an. »Bitte nicht«, presste sie heiser hervor. »Ich will nicht wieder wie ein Penner in der Wildnis hausen.«

»Aber es ist zu eurem Besten, ist das so schwer zu kapieren?«

»Immer schwerer«, antwortete sie. Tränen stiegen ihr in die Augen.

Joshua klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. »Komm, macht doch Spaß.«

Die Tränen rührten Stephan, doch er wollte es sich nicht anmerken lassen. Er musste stark sein. Für sie. »Wenn sie uns finden …«, begann er, »wir … müssen uns schützen … euch.« Nicht sehr glaubhaft. Er musste an seiner Überzeugungskraft arbeiten, sonst würde er die beiden früher oder später verlieren. Bisher waren sie ihm einfach gefolgt. Doch diese Zeiten waren vorbei. Sie waren keine Kinder mehr.

Nachdem auch Stephan gegessen hatte, saßen sie schweigend um den Tisch. Bis Joshua die Stille nicht mehr aushielt. »Er hat das alles für uns getan, Cayenne, das weißt du doch. Und jetzt hört bitte mit dem Gezanke auf, okay?«, sagte er.

»Ich will auch nicht mehr streiten«, erklärte Stephan mit gesenktem Kopf. »Wir sind doch eine … Familie.«

Cayenne spürte, wie es ihr die Kehle zuschnürte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie es wieder zu einer offenen Konfrontation hatte kommen lassen. Stephan würde sich wieder Sorgen machen, dass ihre seltsame Familienkonstruktion in sich zusammenbrechen könnte. Seine Welt, das waren sie drei. Seine einzige Welt. Doch wie lange sollte das noch so weitergehen?

Vor zwei Jahren, als sie so alt gewesen war wie Joshua jetzt, hatte sie noch genauso gedacht, nichts infrage gestellt. Auf einmal aber waren da Zweifel gewesen. Sie wollte endlich Freundinnen haben, vielleicht einen festen Freund … Niemand konnte von ihr erwarten, dass sie ewig so zusammenblieben. Sicher, sie hatten Stephan viel zu verdanken. Aber er ihnen auch. Anfangs war er es gewesen, der auf die Hilfe der Kinder angewiesen war.

Sie biss die Zähne zusammen, streckte ihre Hand aus und sah Stephan in die Augen. »Sorry, Boss. Kommt nicht wieder vor.«

»In Ordnung.« Stephan verzog sein entstelltes Gesicht zu einer Art Lächeln. »Dafür gibt es morgen doppeltes Training. Und jetzt ab in die Kojen, klar?«

3

Dies ist ein Versuch.

Vielleicht hilft es wirklich, alles aufzuschreiben. Vorgestern einen Deutschen kennengelernt. Was er erzählt hat, war wie ein Weckruf. Er hat mir geraten, Notizen zu machen. Er sagt, dass es guttut. Er wird es schon wissen. Wirkt so erfahren, obwohl er kaum älter ist als ich. Er versteht mich, hat mir einen möglichen Weg gezeigt … Deshalb will ich das mit dem Aufschreiben versuchen, auch wenn mir das nicht liegt. Es wird ja nichts anders, nichts besser dadurch. Und auch der Schmerz wird bleiben. Vielleicht gut so. Er erinnert mich. An Lena.

Lena!

Der Deutsche meint, es wäre eine gute Methode, um die eigene Vergangenheit endlich abzustreifen. Kenne nicht mal seinen richtigen Namen. Er nennt sich Georges. Mit einem neuen Namen fühlt man sich wie ein neuer Mensch, sagt er. Wenn nur die Hälfte davon wahr wäre … Ich vertraue ihm, und das tut gut. Es fühlt sich richtig an. Viel zu lange war alles falsch.

Jetzt liegt das bald hinter mir. Hoffentlich. Ich werde neu anfangen. Das Alte stirbt.

Mein Schädel ist schon kahl geschoren. Ungewohnt. Gut so.

Morgen geht es nach Aubagne. Eine Mischung aus Angst und Vorfreude raubt mir die Ruhe. Morgen lege ich auch endlich meinen alten Namen ab. Den neuen habe nicht ich gewählt, sondern der Mann, der mich heute eingestellt hat. Von nun an also: Etienne Lefèvre. Ich weiß nicht einmal, warum er gerade diesen Namen ausgesucht hat. Es gibt da ein System, hat er gesagt. Dann hat er ihn mir zugeteilt. Egal. Hauptsache anders.

Meine persönlichen Sachen habe ich schon abgegeben. Es war ganz leicht. Morgen geht es dann richtig los.

Dann bin ich dabei. Als Soldat de deuxième classe in der französischen Fremdenlegion.

4

Schon am Morgen des nächsten Tages schickte das verschärfte Training seine Vorboten. Als der schrille Ton aus Stephans Trillerpfeife Cayenne aus dem Schlaf riss, ging der erste Blick auf ihre Armbanduhr: Viertel nach fünf. Das konnte ja heiter werden. Hinter den angelaufenen Scheiben des Wohnwagens sah man nichts als tiefschwarze Nacht. Was hätte sie darum gegeben, sich in ihrem Schlafsack noch einmal umzudrehen. Doch sie wusste, dass das nicht drin war, ohne den Konflikt mit Stephan zu verschärfen. Also wand sie sich heraus, gähnte und kratzte sich an der für ein Mädchen außergewöhnlich muskulösen Schulter. Im Wagen war es kalt geworden über Nacht. Sie fröstelte, als sie ihrem Bruder, der bereits mit geöffneten Augen dalag, einen sanften Rempler versetzte. »Komm, Bruderherz, keine Müdigkeit vortäuschen. Heute wird’s hart, bringen wir’s hinter uns.«

»Stimmt, nicht dass wir noch einrosten«, erwiderte der Junge.

Cayenne lachte. Joshua mochte das Training. Wahrscheinlich fühlte er sich dann wie der Held in seinem Lieblingsfilm: eine Westentaschenausgabe von Indiana Jones.

»Morgen, ihr zwei«, tönte Stephan gut gelaunt. »Zum Frühstück gibt’s heute Haferflocken mit Wasser. Haut rein, ihr werdet Kraft brauchen. Bis zum Abend gibt’s nur Notrationen aus der Natur. Wir müssen wieder lernen, mit dem Nötigsten auszukommen. Das Leben hier auf dem Platz hat uns alle drei bequem werden lassen. Wir müssen unsere Sinne schärfen. Und zusammenstehen.«

Cayenne verkniff sich eine Replik. Sie hatte vorsichtshalber ein paar Energieriegel in ihre Notfallrucksäcke gesteckt, die wie immer gepackt neben den Betten standen. Stephan wollte das so. »Weil immer was sein kann«, wie er sagte. Weil man bereit sein müsse, von einem Moment auf den anderen abzuhauen und alles hinter sich zu lassen. Mehr als einmal hatten sie das auch schon getan. Manchmal nur zur Übung. Aber auch, wenn Stephan wieder einmal das Gefühl hatte, die nebulöse Bedrohung, die er beschwor, sei zu groß. Wehmütig dachte das Mädchen an das alte Ferienhaus in Südfrankreich, von dem sie eine Weile tatsächlich geglaubt hatte, es könnte ihre Heimat werden.

Doch Stephan hatte auch diesen Traum beendet, und sie waren hierhergekommen. Weil es sein musste, hatte er gesagt. Aber nie erklärt, warum. Sie hegte den Verdacht, dass er ihnen etwas verschwieg. Er schien auf irgendetwas zu warten, etwas zu suchen. Und sie wollte wissen, was das war.

Zwei Stunden später befanden sich die drei tief in einem Wald. Einem, wie Cayenne ihn bisher nicht kannte. Er schien älter, dichter, dunkler als anderswo. »Einer der wenigen Urwälder in Deutschland«, hatte Stephan erklärt. Das Wort übte eine düstere Faszination auf Cayenne und ihren Bruder aus, weshalb sie Respekt vor der Aufgabe hatten, die er ihnen gestellt hatte. Es galt, einen Zielpunkt auf der Karte zu erreichen, die Stephan sich beschafft hatte, als sie vor ein paar Wochen hierhergekommen waren und ihr Lager in dem alten Caravan aufgeschlagen hatten. Warum ausgerechnet hier, warum ausgerechnet in dem ziemlich in die Jahre gekommenen Wagen, wussten sie nicht. Stephan mochte solche Fragen nicht, wahrscheinlich weil sie ihm das Gefühl gaben, die beiden würden ihm nicht vertrauen. Was natürlich stimmte. Wie sollten sie auch: Er hatte Kontakt zu Menschen, die sie nicht kannten, blieb manchmal für ein, zwei Tage weg und verriet ihnen bei seiner Rückkehr nicht, wo er gewesen war. So viel zum Thema Vertrauen, dachte sich Cayenne – und nahm es gleichzeitig als Rechtfertigung für ihre eigenen kleinen Geheimnisse.

Meistens hatte seine Abwesenheit aber mit seinem Job zu tun, von dem sie letztlich alle lebten: den Survivalkursen mit den Psychos, wie sie sie nannten. Klar waren da auch ganz normale Typen darunter, aber immer wieder auch ein paar Prepper. Die meisten von ihnen – vor allem Männer – waren ziemlich krass drauf. Wahrscheinlich hatte einer von ihnen Stephan den Caravan vermittelt.

Mit einem Kompass und der Karte drückten sich Cayenne und Joshua am Waldrand entlang, bogen dann mit einem mulmigen Gefühl ins dichte Unterholz ab und stießen am vereinbarten Punkt wieder auf Stephan. Navigation hatten sie drauf, da machte ihnen keiner etwas vor, selbst im Urwald nicht. In seltenen Fällen, wenn Stephans Paranoia mal Pause machte, übernahmen sie diesen Part auch bei seinen Kursen. Dann bekamen sie sogar etwas von seinem Lohn ab. Ihm war wichtig, dass sie mit der Karte und dem Kompass umgehen konnten. »GPS können die Amis jederzeit abschalten. Den Nordpol nicht«, sagte er immer.

»Los, wieder hoch, keine Müdigkeit vorschützen«, rief Stephan gut gelaunt. Jetzt war er ganz in seinem Element. Seit gut einer Stunde rannten sie schon durch den Wald. An ihren großen Rucksäcken, in denen sich neben Schlafsack und Isomatte auch noch einige Flaschen Wasser und Seile befanden, hatten sie lange Baumstämme befestigt, die sie immer wieder die Anhöhe hochschleppen mussten. Verschärftes Üben, genau wie angekündigt. Immerhin: Stephan hatte sich selbst mit zwei Stämmen gleich die doppelte Ration verpasst.

»Das Training muss härter sein als ein möglicher Ernstfall, dann kommt der einem wie ein Spaziergang vor«, erklärte er, als sich Cayenne gefolgt von Joshua den bewaldeten Hügel hochgekämpft hatte. Das Mädchen zog die Augenbrauen nach oben. Immer dieselben Sprüche, wie sie das hasste!

Stephan holte seine »Handsäge« aus der Jackentasche, die Kette einer Motorsäge, die er mit zwei Griffen versehen hatte. »Okay, ihr macht einen der Bäume klein, dann spaltet ihr die Abschnitte«, ordnete er an. »Helft euch gegenseitig. Ich mach inzwischen unten in der Senke ein kleines Grubenfeuer. Muss ja nicht sein, dass wir entdeckt werden. Fragen?«

»Womit sollen wir die Dinger denn bitte spalten?«, wollte Cayenne wissen. »Hast du eine Axt dabei? Und Keile?«

Stephan grinste. »Natürlich habe ich eine Axt dabei. Aber die werde ich unten selber brauchen, fürs Kleinholz. Habe ich euch nicht beigebracht, mit Buchenästen Stämme zu spalten? Ohne Hammer, ohne Axt?«

Cayenne sah auf die Baumstämme. »Das dauert Stunden, ist höllisch anstrengend und dazu völlig sinnlos. Wozu diese Quälerei, wir können es ja kleiner sägen und dann …«

»Nein. Keine Diskussion mehr. Ihr braucht Training.«

»Mit meinen Armen kann ich Bäume entwurzeln.« Cayenne spannte ihren Bizeps an.

Stephan schüttelte den Kopf. »Du meinst, du bist stark genug, hm?« Er ging auf das Mädchen zu. Sie wollte nicht zurückweichen, nicht diesmal. Die Hände in die Hüften gestemmt, wartete sie. Stephan kam ihr so nahe, dass sich ihre Gesichter beinahe berührten. Cayenne erschauderte.

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Prolog

Ihr Tag hatte beschissen angefangen. Dass er noch viel schlimmer enden würde, ahnte sie nicht. Jetzt, in diesem Moment, fühlte sie sich einfach nur frei. Endlich. So wie andere Mädchen in ihrem Alter. Junge Frauen, korrigierte sie sich selbst. Sie lag zwischen den Bäumen, spürte das Moos in ihrem Rücken und richtete den Blick auf das bisschen Himmel, das durch die Wipfel zu erkennen war. Der Wald gehörte ihr. Niemand, der ihr schreiend Anweisungen erteilte, niemand, der sie zur Eile antrieb oder ihre Geduld herausforderte. Erleichtert sprang sie auf und sog die Luft in ihre Lungen, diesen archaischen Geruch nach Holz und Blättern, vermodertem Laub und feuchter Erde. Sie pfiff in die Stille, hörte den Tönen nach, die in der düsteren Tiefe des Waldes verhallten. Es war ein trauriges Lied, aber die Zeile passte so gut: Hier haben dich selbst die Deinen vergessen. Obwohl es so traurig war, musste sie laut lachen – eine Siebzehnjährige, pfeifend allein im Wald, wie das aussehen musste. Sie konnte gar nicht mehr aufhören, bis ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie wischte mit dem Ärmel über ihre feuchten Wangen.

Eine Weile lag sie einfach nur da, hörte sich selbst beim Atmen zu. Dann rappelte sie sich auf und kroch auf allen vieren zu der Quelle, die vor ihr in eine Senke floss. Sie beugte sich über das Wasser und betrachtete lächelnd ihr Spiegelbild. Die anderen mochten es nicht, wenn sie sich anschaute, deswegen genoss sie diesen Augenblick, auch wenn sie sich alles andere als schön fand: die schwarzen Haare zu lockig, die Arme zu muskulös, die Haut zu dunkel. Viel zu dunkel. Nur mit ihren Augen war sie zufrieden. Ihren Sternen, wie Mama sie immer genannt hatte …

Das Lächeln erstarb. Der Gedanke an ihre Mutter schmerzte. Jetzt würde sie wieder den ganzen Tag … Ein Knacken ließ sie aufhorchen. Sie hielt den Atem an, lauschte und sprang auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihre Beine, als sie lossprintete, aber sie ignorierte ihn. Sprang über moosüberwucherte Baumstümpfe, versuchte, möglichst wenig Lärm zu verursachen, hielt ihre Hände schützend vor den Kopf, um die Äste abzuwehren, die ihr ins Gesicht peitschten, und stoppte dann ebenso abrupt, wie sie zu laufen begonnen hatte. Höchstens fünf Meter entfernt saß ein kleines Häschen auf dem Boden. Es rannte sofort weg, doch sein Fluchtversuch endete schon nach ein paar Metern, als es unsanft herumgerissen wurde. Der rechte Hinterlauf steckte in einer kaum sichtbaren Schlinge fest, die, dem jammervollen Quieken nach zu schließen, schmerzhaft in sein Bein schnitt.

»Ganz ruhig, mein Kleiner«, versuchte sie das Tier zu beruhigen. Tatsächlich hielt es inne, starrte mit seinen Knopfaugen zu ihr hinauf, zuckte nervös mit der Nase, machte aber keine Anstalten mehr, wegzulaufen. Das Mädchen näherte sich ihm mit winzigen Schritten und folgte mit den Augen der Schlinge, die zu einem Metallbolzen führte, der im Boden steckte. Ganz nah war sie dem Tier nun, streckte behutsam ihre Hand aus und ließ es daran schnuppern. Es atmete langsamer, schien seine Angst zu verlieren. Vorsichtig hob sie den Hasen an, streichelte ihm ein paarmal sanft über das flauschige Fell, bevor sie ihm mit einem kräftigen, routinierten Griff das Genick brach. Es knackte, als würde man auf einen morschen Ast treten. Der Körper des Häschens erschlaffte.

Das Mädchen entfernte nun die Schlinge vom Hinterlauf, rollte sie sorgfältig zusammen, zog den Bolzen aus dem Boden und verstaute alles in der Seitentasche ihrer Flecktarn-Hose. Dann packte sie das tote Tier an den Löffeln, warf es sich über die Schulter und spazierte in Richtung Waldrand.

Trotz der Dämmerung konnte sie das freie Feld dahinter schon sehen, als sie erneut ein Geräusch hörte. Eines, das sie aufhorchen ließ. Sie schloss die Augen, um sich ganz auf ihr Gehör zu konzentrieren. Versuchte, alles andere auszublenden: das Vogelzwitschern, das sanfte Rauschen der Bäume. Dann hörte sie es wieder: ein Knacken, als hätte jemand einen Zweig zertreten. Näher als gerade eben. Dann wieder Stille. Keine Frage, da war jemand. Aber warum sah sie nichts? Erlaubte sich jemand einen Scherz mit ihr? Falls dem so war, würde dieser Jemand was erleben können. Genervt sog sie die Luft ein.

Sie wollte gerade weitergehen, als zehn Meter vor ihr ein Mann hinter einem Baum hervortrat. Ganz ruhig, ohne Eile. Augenblicklich war ihr klar, dass es sich nicht um einen harmlosen Spaziergänger handelte: Er trug schwere Stiefel und eine olivgrüne Armee-Hose. An seinem Gürtel hing in einem ledernen Holster ein langes Messer, sein Gesicht war mit Ruß beschmiert. Mehr konnte sie im Dämmerlicht nicht erkennen. Nur seine Augen waren gut zu sehen, sie funkelten gefährlich. Das Mädchen erschauderte, war unfähig, sich zu rühren, beobachtete mit wachsendem Entsetzen, wie der Mund des Mannes sich zu einem Grinsen verzog, das eine Reihe gelbbrauner Zähne enthüllte. Widerlich, dachte sie noch, dann stürzte er auf sie zu.

Das Mädchen spürte den kalten Wind, hörte ihr Herz schlagen, ihren Atem keuchen. Sie war vorbereitet. Nicht auf diesen Moment, nicht auf diesen Angreifer, aber darauf, dass eines Tages jemand wie er kommen würde. Nun war es so weit. Und sie würde nicht einfach dastehen und warten, dass er über sie herfiel. All die Jahre hatte sie hart trainiert, um sich verteidigen zu können, jetzt musste sie zeigen, was sie konnte. Wenn nicht, würde sie nicht lebend aus der Sache rauskommen.

Diese Gedanken schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf, als der Mann sie erreichte. Reflexartig ging sie in die Hocke, nahm den Schwung seines Angriffs auf, drehte sich zur Seite, trat mit ihren schweren Stiefeln in seinen Rücken und schlug ihm den toten Hasen gegen den Kopf. Der Mann jaulte auf, ob vor Schreck oder vor Schmerz, wusste sie nicht. Er stolperte ein paar Schritte vorwärts, fing sich dann aber wieder und drehte sich um. Schwer atmend standen sich die beiden jetzt gegenüber. Der Angreifer glotzte sie überrascht an. Auf einmal spuckte er aus. »Du dreckiges schwarzes Miststück.« Er griff an sein ledernes Holster und zog das Messer.

Eines der besten Kampfmesser, das man kriegen kann, schoss es ihr durch den Kopf. Doch sie rannte nicht weg. Etwas hatte sie irritiert. Wie er redete … Kannte sie den Kerl? Der Klang seiner Stimme weckte eine vage Erinnerung. Doch sie hatte keine Zeit, dem Gedanken nachzugehen.

Blitzschnell schätzte sie ihre Chancen ab: Der Mann war groß, wuchtig, viel stärker als sie. Schien zu wissen, wie man kämpfte. Aber war er fit genug? Schon jetzt schwitzte er so stark, dass ihm das Haar strähnig am Schädel klebte. Sie hingegen war jung, schnell und wendig. Es müsste ihr möglich sein, ihm zu entkommen. Aber sie war schon zu oft weggelaufen in ihrem Leben, damit war nun Schluss. »Leck mich, du Dreckschwein«, blaffte sie, stellte sich breitbeinig vor ihn und hob die Hände in Kampfhaltung.

Ungläubig blickte der Kerl sie an. Offenbar hatte er leichtes Spiel mit ihr erwartet, gedacht, dass sie keine nennenswerte Gegenwehr leisten würde. Ihre Kampfbereitschaft schien ihn wütend zu machen. Sehr wütend. Schnaubend hob er das Messer und rannte auf sie zu.

Es gelang ihr mit zwei harten Kicks, den Angriff abzuwehren. Zu langsam war ihr Gegner, zu vorhersehbar waren seine Bewegungen. Doch sie hielt ihn nur auf Distanz, hatte ihm noch keinen nennenswerten Treffer beigebracht. Wieder kam er auf sie zu. Sie musste ihn an der Schläfe treffen oder noch besser am Kehlkopf. Sie holte zu einem weiteren Tritt aus … doch in diesem Moment ließ er sich fallen und hebelte sie mit einem Fußtritt von den Beinen. Ihr Kopf schlug schmerzhaft auf einem Ast auf. Für einen kurzen Moment war sie benommen. Instinktiv rollte sie sich weg, gerade noch rechtzeitig, bevor der Mann sich auf sie werfen konnte. Er landete direkt neben ihr im feuchten Laub, wobei ihm sein Messer entglitt. Das Mädchen streckte das Bein aus und kickte es weg. Vielleicht hätte sie es auch ergreifen können, aber mit dem Kampfmesser war sie zu wenig routiniert und insgeheim fürchtete sie, dass sie nicht den Mut haben würde, es dem Angreifer in die Rippen zu rammen.

Da traf sie ein Faustschlag mit voller Wucht im Gesicht. Noch nie hatte sie einen derartigen Schmerz gefühlt. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wischte sich mit dem Arm übers Gesicht, um wieder klar sehen zu können, da traf sie ein Fußtritt in den Bauch, ausgeführt mit der ganzen Kraft des massigen Männerkörpers. Ihr blieb die Luft weg. Instinktiv krümmte sie sich zusammen. Sie wusste, dass sie sich aufraffen musste, aber schaffte es nicht. Kauernd spürte sie bereits den Luftzug, als der Mann ausholte, um ihr gegen den Schädel zu treten. Sie drehte sich zur Seite, presste den Kopf in den Boden, sodass der Stiefel knapp über sie hinwegging. Nun warf sich der Kerl auf sie. Bleischwer lag er auf ihr, sie roch seinen säuerlichen Atem. Der Gestank von Schweiß, Alkohol und Pisse stieg ihr in die Nase.

Panik breitete sich in ihrem Körper aus, mobilisierte ihre Kräfte, ließ sie wild strampeln. So wollte sie nicht enden. Doch jetzt richtete der Mann sich auf und kniete sich auf ihre Oberarme. Greller Schmerz durchfuhr sie, sie war sich sicher, dass ihre Knochen jeden Moment brechen würden. Dann schlug er seine Faust erneut in ihr Gesicht. Und wieder. Und wieder. Sie würde jeden Moment ohnmächtig werden, also öffnete sie den Mund und schrie. Doch was herauskam, klang eher wie der Laut eines Tieres, das in einer Falle sitzt. Der Mann hielt mit erhobener Faust inne. Für einen Moment wirkte er verunsichert.

Würde er von ihr ablassen? Ihre aufkeimende Hoffnung erstarb jäh, als er seinem Hosenbund einen weiteren Gegenstand entnahm. Sie erkannte sofort, worum es sich handelte: Es war ein Draht mit zwei hölzernen Griffstücken. Die Gewissheit, was nun kommen würde, gab ihr die Kraft zu einem letzten Aufbäumen. Suchend griff sie um sich, bekam einen Stein zu fassen und schmetterte ihn dem Mann gegen die Stirn. Sofort quoll Blut an der Stelle hervor, an der sie ihn getroffen hatte. Doch ihr Gegner schien das gar nicht zu bemerken. Mit der Präzision und der Ruhe eines Mannes, der sein Handwerk beherrscht, legte er ihr den Draht um den Hals und zog an den Griffen. Sofort blieb ihr die Luft weg. Es fühlte sich an, als wolle er ihr den Kopf vom Rumpf trennen. Verzweifelt versuchte sie, die Finger unter die Drahtschlinge zu bekommen, doch sie schaffte es nicht.

Ihre Kraft schwand, ihre Bewegungen wurden langsamer, schwächer. Sie riss die Augen auf. Die Blätter über ihr verschwammen zu einem dunklen Strudel. Als die Schwärze sie zu verschlingen drohte, hörte sie Stimmen. Stimmen, die ihr bekannt vorkamen. Ein Traum bestimmt, eine Sinnestäuschung angesichts des nahenden Todes. Das war es also. So fühlte es sich an, wenn man starb. Dann ließ sie los. Endlich keine Enge mehr, ihr Brustkorb leicht, ein letzter Schatten über ihr, der schließlich verschwand.