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Die blutjunge Protagonistin Alizee ist das AFGHANISTAN HORSEGIRL und gibt der Thematik Afghanistan ein Gesicht: Alizee nimmt als Mann (Aliz) verkleidet an dem traditionellen martialischen afghanischen Reiterkampfspiel BUSKASCHI teil; sie scheitert, flüchtet, kämpft, und trifft in der grandiosen Gebirgswelt des Hindukusch unverhofft auf ihre große Liebe, den deutschen Ingenieur Hermann "German" Karfurt, der sie zunächst nicht "erkennt". Das Paar besteht eine Reihe von Abenteuern in dem von Krieg erschütterten Land, wo Alizee/Aliz unter anderem bei einem klassischen Tierduell als Wetteinsatz riskiert und von einem wollüstigen Clanchef entführt wird, bevor die beherzte Afghanin, wieder in Männerkleidung, erneut an dem Kampfspiel teilnimmt. Kann sie das Wiederholungs-Buskaschi diesmal gewinnen? Und der ganzen Welt demonstrieren, dass Frauen längst auch in Afghanistan das genauso vermögen, was allein die Männer zu können glauben? Der Roman ist durchgehend von der ersten bis zur letzten Seite äußerst spannend und fesselnd, in unausgesetzten überraschenden Wendungen wie alles in Afghanistan, dabei sehr unterhaltsam und voll atmosphärischer Wärme.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Norbert F. Schaaf
AFGHANISTAN HORSEGIRL
Abenteuer und Liebe im Afghanistan-Krieg
Roman
IMPRESSUM:
AFGHANISTAN HORSEGIRL
Norbert F. Schaaf
Copyright 2011 Norbert F. Schaaf
published at epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-0736-1
Dieser Roman versteht sich zugleich als Hommage ansowie auch als Gegenentwurf zu Texten vonJoseph Kessel(Les Cavaliers / Die Steppenreiter),Ernest Hemingway(For Whom the Bell Tolls / Wem die Stunde schlägt)und Konstantin Simonow(Живые и мервтые / Die Lebenden und die Toten),alle unbestritten unübertreffliche Lehrmeister mit– aus heutiger Sicht – nicht nachahmenswerten,ja abschreckenden Tendenzenin Chauvinismus, Machismo und Ideologie.Freilich auch für die Tönung dieser Geschichtewird einmal die Zeit des Farbwechsels kommen – unausbleiblich.
Die Protagonistin ist emanzipiert,statt sich dem Patriarchat unterzuordnen,der Protagonist baut Brücken, statt sie zu sprengen,und beide denken frei und kritisch,statt sich in eine Ideologie zu fügen.
Inhaltsverzeichnis
1 Das Spielfeld
2 Die Seilbrücke
3 Die Höhle
4 Die Schlucht
5 Die Höhe
6 Die Hütte
7 Das Dorf
8 Der Basar
9 Die Teestube
10 Der Engpass
11 Der Rastplatz
12 Das Hochplateau
13 Die Steinbrücke
14 Die Steppe
15 Die Balkenbrücke
16 Die Piste
17 Die Stadt
18 Das Spielfeld
1 Das Spielfeld
Afghanistan ist das Land der Überraschungen – insofern war es nicht ganz so überraschend, dass es Hermann Karfurt in diesem Jahr gelang, sich frei zu machen, um zum ersten Mal das große Herbst-Buskaschi miterleben zu können, zumindest seinen Beginn, bis sein Freund und Fahrer Haschem den Pick-up repariert haben würde, mit dem sie zu einer Schlucht in einem nicht allzu weiten Gebirgstal zu fahren hatten, um eine zerstörte Drahtseilbrücke instandzusetzen.
Bei seinen drei Militäreinsätzen in Afghanistan zuvor war Hilfe für die Bevölkerung angesagt gewesen, und als es darauf ankam, konnte er sich wie die anderen Kameraden kaum selbst helfen, geschweige denn zum Beispiel einem Kind, vielleicht zehn Jahre alt, das im Hof eines Lehmhauses von einem zottelbärtigen Erwachsenen offenbar brutal vergewaltigt wurde. Hermann hatte das Kindergesicht nicht gesehen, das der Mann unter seinem Gewand mit sichtlichem Kraftaufwand an seinen Schoß drückte, nur den kleinen knienden, bebenden Kinderkörper vom gekrümmten schmächtigen Rücken bis zu den schmalen dreckigen Fußsohlen, die gekreuzte längliche Striemennarben aufwiesen. Ein scharfer Befehl seines Patrouillenführers hatte ihn jäh los und seinen Blick von der gewalttätigen Szene weggerissen. Ihre Aufgabe am Hindukusch sei nicht Einmischung in die einzelnen Belange der einheimischen Bevölkerung, sondern ihr Schutz insgesamt, dazu Aufbauhilfe und Verteidigung der Demokratie. Geschützt hatten sie sich hauptsächlich selbst, aufgebaut im Wesentlichen ihr eigenes Camp, und eine Volksherrschaft zum Verteidigen war auch nicht in Sicht. Nach seiner Abmusterung und Promotion in Deutschland war Hermann sogleich nach Afghanistan zurückgekehrt, um einer Nichtregierungsorganisation seine Kenntnisse und Fähigkeiten als Bauingenieur im Brückenbau zur Verfügung zu stellen, und er war bereits lange genug vor Ort, dass sein rötlicher Bart ihm bis aufs obere Brustbein reichte.
Nun befand er sich unverhofft inmitten einer Zuschauermenge, die fieberhaft des Beginns des traditionellen afghanischen Reiterspiels harrte, und er wähnte sich gleich auch mitten im Film „Die Steppenreiter“ nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Kessel, den er zur Einstimmung auf Land und Leute sowie den Militäreinsatz gesehen und das Buch gelesen hatte wie auch Konstantin Simonows „Die Lebenden und die Toten“ sowie Ernest Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ – allesamt Bücher und DVDs aus dem elterlichen Wohnzimmerregal.
In Hermanns Ohren erschallten plötzlich mächtig dröhnend die Langtrompeten der Reiterstaffel des Provinzgouverneurs in den frühen, klaren, sonnendurchfluteten Tag. Der kalte Fallwind von den nahen, mit ewigem Schnee gedeckten Bergen war stark abgeflaut und wehte nun leicht und stetig, kühl und erfrischend über die weite Steppenlandschaft im hohen Norden Afghanistans und die Haut von Hermanns hoch aufgekrempelten Armen. Er ließ seinen Blick schweifen über das Plateau, unweit der Provinzhauptstadt Kundus gelegen, das abgesteckt war von farbenprächtigen flatternden Fahnen und Flaggen, Wimpeln und Standarten. Das ausgedehnte Kampffeld war gleichwohl überschaubar, damit die Zuschauer jeden Winkel einsehen und nichts und niemanden aus den Augen verlieren konnten.
Nördlich sah Hermann die sich gleich hinter der Landstraße erhebende niedrige, felsige Hügelkette, den östlich sich lang hinstreckenden hohen Wall als Begrenzung der Hochebene, die südlich sich aneinanderreihende endlose Kette von Lastwagen und Autobussen, wie aus dem Film, nur ein wenig moderner in der Technik, doch ebenso bemalt mit Blumen, Vögeln und Säugetieren in schreienden Farben, und die westlich eine kleine Dorfgemeinschaft bildenden frisch gestrichenen blauen und rosafarbenen Lehmhütten. Wo Hermann auch hinschaute am langgezogenen Spielfeldrand, überall wimmelte es von Menschen, die in solchen Massen erschienen waren, dass sämtliche Ortschaften ringsum wie ausgestorben waren.
Die allermeisten waren bereits frühmorgens zu Fuß hergekommen, zum Teil viele Meilen weit, und immer noch trafen neue Wanderer ein. Müde und durstig stürmten viele sogleich in die Chaikhanas, Teestuben in größerer Zahl, eigens für diesen Tag aufgebaut, oder zu den ebenso zahlreichen Buden, errichtet von cleveren Kaufleuten, die bereits seit dem ersten Sonnenlicht Früchte aller Art verkauften wie Orangen, Weintrauben, Granatäpfel und Melonen.
Gutbetuchte riefen mit gellender Stimme einen der Batschas zu sich, ärmlich gekleidete Diener, die mit Wasserpfeifen herumeilten und für jeden betörenden Zug daraus eine kleine Bezahlung einsteckten.
Am Rande des Feldes, dem Hügel gegenüber auf der anderen Seite der Landstraße, waren fünf Zeltpavillons aufgestellt. In den beiden rechten saßen hohe afghanische Würdenträger jeweils aus der Region sowie den Nachbarprovinzen, Clanchefs und Stammesfürsten, etliche von ihnen in Kleidung und mit Schmuckwerk westlicher Art, freilich die Köpfe bedeckt mit den traditionellen Kulas, während die linken für Ausländer von Rang bestimmt waren, jeweils aus muslimischen Ländern sowie Staaten der Ungläubigen. Der mittlere Pavillon, auf einem Podest mit erhöhtem Dach, worin purpurrote Sessel standen, darunter ein hoher als Sitz des Generalgouverneurs aller Nordprovinzen, war noch unbesetzt in erwartungsvoller Leere.
Etliche Fernsehkameras waren aufgebaut, auf Brettergerüsten und Kränen, sowie zwei riesige Übertragungsleinwände zu beiden Seiten, und über ungezählte Lautsprecher ertönte von einer Kommentatorentribüne her unvermittelt eine plärrende Stimme: „Hier in der Distrikthauptstadt auf dem Gelände von Magrabi wird heute auf Geheiß unseres ehrwürdigen Generalgouverneurs das erste Herbst-Buskashi abgehalten. Derjenige unter euch auserwählten Chapandas, der den kopflosen Hammel um die beiden Fahnen in blau und gelb herum trägt und sie wieder im Zielkreis ablegt, wird die Gouverneursstandarte erhalten. Das bedeutet, dass er Meister-Chapandas von ganz Nordafghanistan diesseits des Hindukusch ist.“ Der Sprecher wiederholte seine Ansage in englischer Sprache mit starkem Akzent, und um die anwesenden Fremden näher über Grund und Art des mächtigen Spektakels aufzuklären, fuhr er in der fremden Sprache fort mit gehobener Stimme, die das Gelärm des Publikums jedoch zunächst kaum zu durchdringen vermochte. „... zu den Spielregeln“, war mit einiger Anstrengung zu vernehmen, bevor etwas Ruhe in die Zuschauerreihen einkehrte. „Ein für die Zucht ungeeigneter Hammel ist geschlachtet und sein Kopf abgeschlagen worden. Aus Rücksicht auf die Jugend einiger Mitspieler wurde heute darauf verzichtet, den Hammelkadaver zusätzlich zu beschweren durch Zustopfen mit Sand und Einschütten von Wasser. In der Mitte des Spielfeldes, genau im Zentrum des großen Kreidekreises, wurde ein Loch gegraben und der Kadaver hineingelegt. Er ist kaum auszumachen, da das Loch gerade so tief ist, dass sich das Fell auf gleicher Höhe befindet wie der Erdboden. Unweit des Loches ist ein kleiner Mittelkreis mit Kreide ausgemalt, der Hallal genannt wird, was soviel bedeutet wie `der Kreis der Gerechtigkeit´. Zu beiden Seiten des Hallals ist nahe dem Spielfeldrand jeweils ein Fahnenmast eingepflanzt. Am heutigen Tag sind drei Dutzend Reiterspieler, die Chapandas, ausgewählt, die sich rings um das Loch mit dem Kadaver versammeln. Nach dem Startsignal stürmen alle auf den enthaupteten Kadaver zu, beugen sich tief vom Pferd, um den kopflosen Hammel an einem Bein zu packen. Wer ihn zu fassen bekommt, nicht unbedingt nur ein einzelner, reitet mit ihm davon. Die anderen nehmen die Verfolgung auf, indes versucht wird, mit dem Kadaver den blauen Mast im Osten zu erreichen und zu umrunden. Ist dies gelungen, muss der Hammelkadaver über das gesamte Feld zum gelben Mast im Westen getragen werden und um ihn herum bis zurück zum Hallal, wo er abzulegen ist. Sieger ist derjenige, dessen Hand den enthaupteten Hammel auf den weißen Mittelkreis wirft. Doch bis zum endlichen Sieg werden Kämpfe zu sehen sein, zähes Gerangel, ungestüme Hetzjagden, rüde Angriffe, erbitterte Verfolgungen in wildem, verbissenem Getümmel. Dabei erlaubt sind Schläge jedweder Art, mit der Peitsche, dem Ellbogen, der Faust oder der flachen Hand. Irgendwann, von Stunde zu Stunde, von Hand zu Hand, von Sattel zu Sattel, wird der Kadaver dem Ziel näher gebracht, sind erst die beiden Masten umritten. Endlich hält ihn ein Spieler gepackt, galoppiert, den letzten Rivalen ausweichend oder ihn zu Boden werfend, mit dem Kadaver in der Hand bis zu dem weißen Kreidemal und schleudert, was von dem Hammel noch übriggeblieben ist, auf den ...“
Vieltausendfache Schreie erstickten seine Worte: „Hallal, Hallal!“ brüllte die Menge, „Hallal, Hallal!“ Und die Hallal-Rufe wollten gar nicht verstummen, zigtausend Mal als Echo zurückgeworfen von Wänden und Felsen. Als die Rufe endlich verebbten, fügte der TV-Kommentator abschließend hinzu: „Man wünscht unendlich viel Freude am Spiel des großen Dschingis-Khan.“
Die Menge klatschte begeistert Beifall, die Gäste in den Pavillons dezent und gönnerhaft.
Nur ganz allmählich flaute der Applaus ab. In gebannter Faszination starrte die afghanische Bevölkerung unentwegt zur Tribüne mit den ausländischen Fremdlingen hinüber. Nur galt ihr begieriges Augenmerk keineswegs den auswärtigen und teils hochdekorierten Politikern, Militärs, Topmanagern, Botschaftern oder Konsuln, sondern ausschließlich deren Damenbegleitung. Nirgends sonst in der Menschenmenge war ein einziges weibliches Wesen auszumachen, weil weder diesseits noch jenseits des Hindukusch nach Sittsamkeit und Brauch eine Frau an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen durfte. Nicht einmal die Präsidentengattin – wie früher die Königin – wäre bei einem Buskashi zugelassen worden.
Eine Bewegung aus den Augenwinkeln erregte Hermanns Aufmerksamkeit: Der Beginn des Schauspiels rückte wohl in greifbare Nähe, da zwei Gardefeldwebel an den Ehrentribünen vorbeischritten, die hinter sich her den kopflosen Kadaver eines fetten Hammels zogen. Gemessenen Gleichschrittes marschierten sie auf das Spielfeld und legten ihre animalische Fracht nahe dem mit Kreide ausgemalten `Kreis der Gerechtigkeit´ ab in das vorbereitete Loch.
Unvermittelt wieder trompeteten – lauter und feierlicher – die länglichen Blechblasinstrumente. Eine Wagenkolonne hielt auf der Straße hinter den Pavillons. Hermann vernahm Waffenklirren und Hackenzusammenschlagen, die Menschenmassen jubelten. Kadhir Shah, der Generalgouverneur aller Nordprovinzen, betrat, eskortiert von großem Gefolge, mit zeremoniellen, wohlgesetzten Schritten den mittleren Pavillon. Zugleich erklang das scharfe Kommando zum Beginn der feierlichen Parade, die das Buskashi einleitete.
Von Süden her näherte sich den Ehrentribünen eine Reiterstaffel mit fünf Trompetern voran, gefolgt – auf prachtvollem Araberhengst – von einem noch jungen Obristen, einem Verwandten des Provinzgouverneurs, dem die Leitung des Kampfspiels anvertraut war. Dahinter ritten, Seite an Seite, in festliche Chapans aus grüner Seide mit schmalen weißen Streifen gehüllt, die Spielführer aus den verschiedenen Regionen, die stolz ihre jeweilige Buskashi-Mannschaft anführten. Abschließend erschienen, in einer Reihe und breiter Phalanx, auf den prachtvollsten Pferden ihrer Provinzen, die kampfbereiten Chapandas, sechs mal sechs an Zahl.
Die Reiterkämpfer trugen keine Chapans, sondern unterschiedliche BuskashiGewänder, je nach ihrer Herkunftsregion, eigens angefertigt für dieses festliche HerbstBuskashi. Die Kameras schwenkten langsam über die Reihe der Reiter auf ihren Rössern und schließlich in Großaufnahme von Kopf zu Kopf, von Gesicht zu Gesicht, von Augenpaar zu Augenpaar, das leuchtete vor Ehrgeiz und Ruhmsucht, ein Champion des Buskashi zu werden und damit eine bekannte Größe, ja ein Held in der Region und in ganz Nordafghanistan. Staunendes Raunen und verzückte Bewunderungsrufe ertönten bei jedem Gesicht, das auf den Großbildleinwänden erschien, besonders freilich bei einem grimmigen, tief zerfurchten sowie einem ganz jungen mit glatter Haut und schwarzem Flaum über dem schön geschwungenen Mund, dem Grübchenkinn und den leicht rosigen Wangen, denen beide spezieller Applaus zuteilwurde.
Letzterer, ein ganz junger Mensch, der Hermann sofort besonders beeindruckte, ritt mit entschlossener Miene ganz am Schluss seiner Mannschaft – wohl der Jugendlichkeit wegen und nicht aus Mangel an Fähigkeit und Tapferkeit. Wurde doch niemals ein Unwürdiger und Unerprobter in die Reiterreihen der Buskashi-Spieler aufgenommen. Gleichwohl der junge Mensch, in ebensolcher Kleidung wie die anderen, in enger Gemeinschaft mit ihnen ritt, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, weit von ihnen entfernt zu sein. Ihre zur Schau gestellte einfältige Eitelkeit bereitete ihm nur pure Abscheu. Ihnen genügte es wohl zu paradieren wie dressierte Bergaffen, den Ruhm zu teilen mit fünfunddreißig anderen. Und wären wir nur zu zweit, überlegte der junge Mensch, so wäre doch einer zuviel. Wie ich sie zutiefst verachte in meinem innersten Gemüt, diese Herrenreiter, die mich gleichwohl nötigen, besser zu sein als sie, wesentlich besser. So sinnierte der junge Mensch, indessen Kadhir Shah stehend und mit einer Hand an seiner Persianer-Kula die Reiterschar grüßte.
Vor dem Generalgouverneur lag auf der Balustrade die Ehrenstandarte, die der Sieger dieses Buskashi aus seiner hoheitsvollen Hand würde empfangen dürfen und mitnehmen für ein volles Jahr in seine Heimatregion.
Sie ist mein, dachte der junge Mensch auf seinem zähen, temperamentvollen Pferd, mein, mein und nur mein. Diese Trophäe, die erste, die je von einem Menschen wie mir in die Steppe hinaus getragen werden würde ...
Er blickte auf zu einer der Großbildleinwände, die jene Standarte zeigte, danach in langsamem Schwenk die Reihe der Chapandas und schließlich das erwartungsheischende Publikum: Reihe um Reihe schauten unter Turbanen Mützen, Kappen und Kulas, hingebreitet wie ein unendlicher Teppichläufer, die Gesichter hervor, aus deren Zügen ihre unterschiedliche Herkunft abzulesen war: Ebenen, Gebirge, Täler, Wüsten, Steppen, Einwanderungen und Eroberungen, und darunter ein männliches Gesicht mit westlichen Zügen, ausnehmend hellen rotblonden Haarlocken und rötlichen Bartstoppeln sowie auffallend blassen, wasserblauen Augäpfeln – ein Fremder und Ungläubiger, doch immerhin nicht in Uniform.
Der Generalgouverneur hob die flache Hand, um Ruhe zu gebieten, und schaute würdig nach rechts und links. Allmählich kehrte Stille ein. „Ich erkläre das Buskashi für eröffnet“, verkündete Kadhir Shah feierlich in das hingehaltene Mikrofon und in das Schweigen der Menge, darin sensationsgierige, wettlüsterne, ungeduldige Erwartung lag. „Möge der Beste gewinnen. So Allah will.“
Kadhir Shah nahm Platz. Das Buskashi nahm seinen Lauf.
Das Signal zum Aufstellungnehmen ertönte aus den Trompeten. Im Schritt führten die sechsunddreißig Reiter ihre Pferde, mit ernsthaften Mienen und schweigsam, auf das Loch mit dem Hammelkadaver zu und nahmen im Kreis ringsherum Aufstellung. Die meisten Pferde standen ruhig, nur einzelne tänzelten ein wenig nervös, während man auf das Startsignal wartete. Ein Feldwebel pflanzte die Standarte auf dem Spielfeld vor den Tribünen auf und salutierte, bevor er wieder den Kampfplatz zu den Tribünen hin im Paradeschritt verließ.
Als das Startsignal mit scharfem Trompetenstoß erschallte, rührte sich zunächst keiner. Mit einem Mal aber hoben sich wie in einer einzigen Bewegung sechsunddreißig Peitschen, und unter wildem Kampfgeschrei ihrer Reiter stürmten die Pferde vorwärts. Im Bruchteil einer Sekunde war aus dem festlich geordneten Trupp ein ungestümer, durcheinanderwirbelnder Haufen aus Pferden und Reitern geworden. Schreie und Flüche wurden ausgestoßen, Peitschenschläge knallten hernieder, wieder und wieder. Pferde bäumten sich steil empor, mit den Vorderhufen die Luft schlagend, und fielen wieder zu Boden. Chapandas, an die Flanken ihrer Reittiere geklammert und mit nur einem Fuß im Steigbügel, tasteten, die Köpfe im wirbelnden Staub, mit rauen Händen und derben Fingernägeln auf dem steinigen Erdboden nach dem Hammelkadaver, um ihn auszugraben und zu packen, an einem Bein, am Schwanz, wild entschlossen, ihn an sich zu reißen. Kaum aber war es einem geglückt, da griffen bereits andere, genauso kraftvolle, Gier erfüllte Hände nach dem kopflosen Aas, während unablässig derbe, kraftvoll geführte Peitschenschläge auf sie einprasselten.
Ein einziges Reiterpaar, das Tier mit aufmerksamen Augen und Ohren, der Mensch mit jugendlichem, konzentriertem Gesicht, hielt sich außerhalb des Getümmels. Die Kerle hier sind noch närrischer als bei uns, dachte der junge Mensch, derweil seine kühlen Augen den Kampf stoisch verfolgten. Hier wie dort hieß dieses erbitterte Gerangel, lediglich ganz vergebens seine Kraft zu vergeuden. Hier wie dort wurde derjenige, dem es endlich gelang, mit dem Aas davonzureiten, sogleich von den anderen verfolgt und schnellstens eingeholt und mit heftigen Peitschenhieben bedacht. Dabei wissen sie es ebenso gut wie ich, dachte der junge Mensch noch und ließ kopfschüttelnd sein Pferd noch ein Stück zurückweichen. Es war eines dieser speziell gezüchteten Buskashi-Pferde, die die seltensten und gegensätzlichsten Befähigungen auf sich vereinigten, Temperament und Geduld, äußerste Schnelligkeit und ungeheure Körperkraft, die Kühnheit des Wolfes und das Geschick des dressierten Hundes, ohne die sie sonst niemals vom scharfen Galopp in den Stand, von Verfolgung in Flucht, vom listigen Ausbruch zu offenem Kampf überzugehen vermochten, und das bei dem leisesten Wink von Oberschenkel, Zügel oder Sporen.
Der junge Mensch beobachtete die sich abkämpfenden, aufeinander einschlagenden Reiter, allesamt vom selben trügerischen Rausch besessen. Nein, ich habe mich nicht getäuscht, dachte er weiter bei sich, alle sind sie unwissende Hohlköpfe. Schon waren ihre festlichen Gewänder besudelt von Schweiß und Schaum, von Staub und Blut. Und ihre vom Lehm der Erde beschmutzten und von Peitschenhieben gezeichneten Gesichter drückten nichts weiter aus als den Trieb primitiver Wildheit.
Sie spielen, um zu spielen, dachte der junge Mensch mit den weichen Zügen weiter, ich spiele, um zu gewinnen.
Mit einer jähen Bewegung musste er sein Pferd, ein fahlgelb-hellbrauner Schecke, zurückhalten, das ungestüm vorwärts drängte. Der nicht besonders große, noch junge, freilich feurige Hengst schüttelte Kopf und Mähne. Der junge Mensch tätschelte den Pferdehals. „Du willst auch gerne spielen“, sagte er halblaut vor sich hin. „Aber noch nicht. Du musst lernen, dich zurückzuhalten. Für den einzigen, für den letzten Sieg. Ich weiß ja, dass es nicht leicht ist, ich weiß es. Nein, leicht ist es gewiss nicht ...“ Und er erinnerte sich unvermittelt daran, wie er als sehr junger Mensch sich vorgenommen hatte, alle Reiter an Ungestüm und Leidenschaft zu übertreffen, einen Turban auf dem Kopf und irgendwann die Kappe der Chapandas. Und er hatte seine Lektion, vom Vater und vom Onkel, den Unwissenden, den Ahnungslosen, sehr gründlich gelernt: „Wem Allah die Stärke der Schultern und Arme versagt hat, der muss seinen Verstand benutzen und schulen.“ In den Ohren klang ihm noch Vaters gönnerische, hämische Stimme, die noch anfügte: „Du armer Schwächling, du! Sieh dir meinen Körper an. Nun, und deiner? Was bildest du dir ein, auf meine Art und Weise Buskashi reiten zu können?“
Es war eine entsetzliche, eine schmähliche Demütigung. Und doch eine heilsame, eine lehrreiche Lektion. „Es war wesentlich leichter“, sagte der junge Mensch, ohne sich bewusst zu sein, ob er zu sich selbst, zu seinem Pferd oder zum Vater sprach, „als sich peitschen, treten und zertrampeln zu lassen – wie diese dort ...“ Und der junge Mensch erinnerte sich an das Gelächter und die Verachtung, die ihm entgegengebracht wurden, anfangs – als er den Chapan, den traditionellen, schafwollgefütterten, vom Hals bis Fuß reichenden Kaftan der nördlichen Steppenreiter, übergezogen hatte – wenn er sich weigerte, wie die anderen inmitten der Herde zu spielen. Aber er hatte es ignoriert und sich darüber hinweggesetzt, hatte Muskeln und Lungen geschont und auf den günstigen Moment gelauert wie ein Falke. Und schließlich war der junge Mensch, als einsamer Reiter, frisch und gelassen, dicht am Ziel und auf einem noch unverbrauchten, kräftigen Pferd, zum Angriff übergegangen und davongestürmt und hatte gewonnen, eins ums andere Mal gewonnen, dann immer und überall, bei den Buskashis seiner Region. Hohngelächter und Beschimpfungen waren längst schon verstummt.
Heute wollen sie gar nicht mehr aufhören, fuhr es dem jungen Mensch durch den Kopf, mit zusammengekniffenen Augen das Kampfgetümmel betrachtend, der Blick des Generalgouverneurs macht sie noch wilder als gewöhnlich. Gleichzeitig ging ihm durch den Sinn: Ruht aber der Blick des Großgouverneurs nicht auch auf mir? Und sieht er nicht auch, wie ich hier abseits stehe, ein feiger, von der Meute verschreckter Hund? In der Region und den benachbarten Provinzen weiß eigentlich jeder, wer ich bin, und niemand würde sich einer Täuschung hingeben. Vor dem Großgouverneur jedoch, vor den vielen fremden Würdenträgern – wer bin ich für sie? Nur ein feiger Hund, nichts sonst.
Und heute war er nur als Ersatzspieler für einen ausgefallenen Kämpfer in die Auswahl der Reiter gekommen, seiner früheren Verdienste und seiner Bekanntheit als provinzieller Erfolgsspieler wegen, aber nicht zuletzt wegen seiner beharrlichen, willensstarken, siegesgewissen schönen Augen.
Seine Faust, feingliedrig und sehnig, umklammerte den Griff seiner Peitsche. Eine kleine Bewegung nur und er würde im dichtesten Kampfgetümmel verschwinden. Er nahm die Peitsche in den Mund, seine Zähne gruben sich in die rohgegerbten Peitschenriemen. O nein, bei Allah – sein Name sei gepriesen –, dachte er, ich werde mich nicht von irgendeinem falschen Ehrgeiz verführen lassen. Ich werde dieses Spiel so wie immer und auf meine spezielle Art und Weise spielen. Und wenn ich in den Kreis der Gerechtigkeit die Trophäe werfe, um die sich jetzt diese Schafsgesichter zerreißen, und den Schrei des Sieges „Hallal!“ ausstoße, so werden auch die Fremdlinge und die Honoratioren erkennen, wie und wer ich wirklich bin. Doch Halt – war es das Unterbewusstsein, das ihn jetzt unberührt von seinen Gedanken antrieb? Er nötigte sein Pferd zum Zurückweichen und beugte sich, derweil ihm die Knie zitterten, an den Hals des Pferdes gepresst, weit vor, und seine kalten, zusammengekniffenen Augen verfolgten den schwarzen haarigen Fleck, der von Hand zu Hand, von Pferd zu Pferd wanderte.
Jäh und unvermittelt erschallte sein einsamer Kampfschrei, schneidend und scharf und langgezogen wie der des jagenden Steppenwolfes, als der junge Mensch, angetrieben von Peitsche und Sporen, sich in das Gewühl stürzte. Keiner der Chapandas war auf diese Attacke von hinten gefasst gewesen. Das Reiterpaar durchbrach wie ein Geschoss die Reihen der Kämpfenden, ließ sich mit äußerster Geschicklichkeit gen Boden fallen, und fand sich unvermittelt, genau nach seiner Berechnung, um eine Armeslänge von dem Hammelkadaver entfernt. Das Aas wie im Flug packend, nur einen Stiefel im Steigbügel, in linker Hand die Zügel, die Peitsche verbissen zwischen den Zähnen, riss er es an sich. Er zügelte sein Pferd, dass es sich aufbäumte und mit den Vorderhufen die Luft schlug, ehe es pfeilgeschwind umkehrte, und das Reiterpaar entschwand durch dieselbe, noch nicht völlig geschlossene Bresche.
Sogleich aber vernahm er hinter sich das wilde Getrappel und wüste Geschrei seiner Verfolger. Ihm war bewusst, dass sie ihn trotz der Schnelligkeit seines jungen Hengstes rasch einholen würden. Selbst wenn er noch vor ihnen den ersten Mast erreichte, würden andere versuchen, ihm auf dem kürzesten Weg entgegenzureiten und sich ihm, weit vor dem zweiten Mast, in den Weg stellen.
Wozu sich also dann in einem im Vorhinein verlorenen, sinnlosen Rennen aufreiben? Das wäre neben der Aussichtslosigkeit zudem noch äußerst töricht. Hatte er sich nicht vor aller Augen ausgezeichnet? Das musste genügen. Nun galt es, langsamer zu werden, sich nach kurzem Scheingefecht das Hammelaas abnehmen zu lassen, um die nächste günstige Gelegenheit abzuwarten.
Nichts anderes forderte das Gesetz des Kampfes. Aber ein anderes, ein älteres Feuer als bloßer Siegeswille, brannte jetzt im Gemüt des jungen Menschen. Jahrelang hatte er versucht, jenes Feuer zu bezwingen und es zu ersticken, um nun, unendlich erleichtert, jählings Geduld und Warterei, Vorsicht und Berechnung abzuwerfen, um nur noch Muskeln und Nerven, Leidenschaft und Zähigkeit, Schnelligkeit und Wildheit zu sein.
Renn, mein Pferd, renn! Renn wie Wind und Sturm – wir sind die schnellsten, wir sind die stärksten.
In schärfstem Galopp preschte der junge Mensch mit seinem Ross voran auf die blaue Fahne zu, den Kadaver an einem Hinterlauf fest gepackt, als er sich unversehens von einem Rivalen eingeholt sah, der mit brutalen Peitschenschlägen auf ihn einschlug, bevor er das Hammelaas an einem Vorderlauf ergriff. Die Rivalen ritten eine Zeit lang nebeneinander her, die Peitschen zwischen den Zähnen, den Kadaver jeweils mit der Hand gepackt, dem Kadaver kräftig die Hammelbeine langziehend. Mit einem kraftvollen Peitschenschlag veranlasste der junge Mensch seinen Rivalen, den Kadaver fahren zu lassen, und den Gegenangriff wehrte er ab, indem er seinem Gegner den Kadaver dermaßen um die Ohren und vor die Brust schlug, dass der Angreifer rücklings vom Pferd und mit dem Hinterteil auf den harten Boden stürzte.
Der Sieger dieses Zweikampfs entkam weiteren Verfolgern, indem er in vollem Galopp auf die Zuschauer neben den Ehrentribünen zu ritt, die in wilder Panik nach hinten auseinanderstoben. Das übrige Publikum raste und tobte und feuerte an voller Begeisterung und verfolgte das wilde Reiterpaar mit fanatischen Augen, als es zurück aufs Spielfeld in östliche Richtung galoppierte.
Da näherte sich von hinten zur rechten Seite ein weiterer Reiter mit flatterhaft gewickeltem Turban und peitschte auf den jungen Menschen ein, wobei der gegnerische Kämpfer das Hammelaas an einem Vorderbein zu packen suchte. Der junge Mensch, darauf bedacht, nicht im Gesicht getroffen zu werden, wehrte den Gegner ab, indem er mit dem Balg auf den anderen einschlug, der sich, auf solche Art bedrängt, zurückfallen ließ, um eine neue Attacke von der anderen Seite zu starten. Als sich der Reiterrivale mit seinem Pferd auf die linke Seite des jungen Menschen, der tief auf den Pferdehals gebeugt dahinritt, herangeschoben hatte, griff die rechte Hand des Turbanträgers über den gegnerischen Sattel, um den Hammelkadaver zu ergreifen. Doch er glitt ab, und statt des Hammelbeines erwischte er das Gewand des tief über den Pferdehals gebeugten jungen Menschen unterhalb der Kehle, das sogleich samt Unterkleid von oben nach unten einriss und die entblößte Haut bis unter den Bauchnabel freigab. Vor Schreck und Scham ließ der junge Mensch den Kadaver los und versetzte dem ungeheuer verblüfften Gegner einen harten Peitschenschlag ins Gesicht mitten zwischen die Augen. Die Verblüffung des Reiters war so groß, dass er den Schlag unvorbereitet einsteckte und ihm schwindelig wurde. Ein zweiter heftiger Schlag aufs Handgelenk ließ ihn die Zügel fahren lassen. Er stürzte, seine Peitsche noch zwischen den Zähnen, blieb mit einem Bein im Steigbügel hängen und schlug mehrmals mit dem Kopf auf dem von der Hitze fest gebackenen Erdboden auf. Das Pferd brach vor Schreck in einem scharfen Bogen zur Seite aus, wobei sich der Fuß des Reiters aus dem Steigbügel löste und seinen Körper zu Boden stürzen ließ. Er überschlug sich mehrmals und wurde dabei an der Stirn von den Vorderhufen des rivalisierenden Pferdes getroffen, das sich dabei selbst verletzte, vorn einknickte und seinen jungen Reiter über den Hals nach vorne abwarf. Indes sich der gestürzte gegnerische Reiter noch ein weiteres Mal überschlug, bevor er reglos mit gebrochenem Hals liegen blieb. Ein Krankentransporter deutscher Bauart, gekennzeichnet mit grünen Halbmonden, fuhr unter Blinklicht herbei, um den verunglückten Kämpfer aufzunehmen.
Unterdessen führte der junge Mensch sein jetzt stark humpelndes Pferd, das er mit einem schrillen Pfiff herbeigerufen hatte, mit der linken Hand sein zerrissenes Gewand unter dem gesenkten Kopf zusammenhaltend, am herabhängenden Zügel abseits der Tribünen durch die Reihen des Publikums in scharfem Trab vom Kampfplatz, unter vielen mitleidigen, aber mehr noch höhnischen Schmährufen und hämischen Kommentaren der Mitkämpfer und der Zuschauer, für die in Vielzahl der junge Mensch, wie er selbst meinte, durch sein zunächst sich zurücknehmendes Verhalten und schließlich durch das schmähliche Fahrenlassen des Hammelkadavers seine Ehre eingebüßt hatte.
Gleichwohl empfand der junge Mensch sein frühes Scheitern in dem Buskashi sehr viel weniger demütigend, als von einem Rivalen in seiner kompromittierenden Nacktheit erkannt worden zu sein. Die Augen fast blind von Tränen der Wut, des Versagens und mehr noch des Gefühls der Entehrung, zogen die traurigen Gestalten von Mensch und Pferd nebeneinander gen Südosten, um sich im unwegsamen Gebirge zu verkriechen.
2 Die Seilbrücke
Der rotblonde Mann unter den Zuschauern, vorhin noch kurz auf den Großbildleinwänden zu sehen, mittleren Alters mit westeuropäischen Zügen und einer Gesichtshaut so voller Sommersprossen, dass sein Teint wie leicht gebräunt wirkte, blickte dem jungen, gebeugten Reiter mit seinem verletzten Pferd neben sich gedankenvoll aus seinen hellblauen Augen nach; er hatte ihn die ganze Zeit, auch auf der Großbildleinwand, beobachtet. Besonders fiel ihm außer der Jugend des forschen Chapandas dessen auffällig graziler Gang auf, so völlig verschieden von dem der anderen Männer, die aufgrund der hohen Absätze ihrer Stiefel stets ein wenig plump und unbeholfen ihre besonders viril wirken sollenden Schritte setzten. Noch bevor nun das Buskashi in seine spannendste Phase ging, vernahm der Rotblonde einen Ruf, der ihm selbst galt: „German.“ Er schaute sich um, und obwohl er den Rufer nirgends gewahrte, folgte er, unwillig und widerstrebend, dem Ruf und drängte sich durch die Reihen der enthusiastisch schreienden und wild gestikulierenden Zuschauer, die ihn kaum beachteten, aber froh waren über den guten freiwerdenden Aussichtsplatz. Der Mann stieg in einen bereitstehenden Geländewagen, der die beiden Männer in eine abgelegene Gegend bringen sollte, um zunächst eine größtenteils zerstörte Hängebrücke instandzusetzen und womöglich noch nach Bedarf die eine oder andere Brunnenbohrung und kleinere Sprengungen von Felsbarrieren vorzunehmen.
Der Fahrer, ein junger Einheimischer mit lose herabhängenden Turbanenden, steuerte den Pick-up japanischer Herkunft, so schnell es die reichlichen Schlaglöcher zuließen, über die schlechte, mit einer dicken Staubschicht bedeckten Asphaltstraße, die nach wenigen Kilometern in eine enge Schotterpiste überging, die sich steil ins Gebirge hochschlängelte neben einem Flussbett, das in dieser Jahreszeit nur ein kleines Rinnsal schäumenden Gletscherwassers führte. In Regenzeiten war die Piste ein einziger Schlammfluss und kein Fahrzeug konnte sie passieren außer vielleicht Allradgeländewagen.
Zumeist war dieser Weg friedlich und verlassen, nur spärlich benutzt von Menschen der Region, Bauern, Handwerkern, Händlern und Hirten. Zwei Mal im Jahr aber wurde sie belebt, wenn im Frühling die Karawanen der Herdennomaden auszogen und im Herbst wieder heimkehrten, wie jetzt, da ihnen die ersten Rückkehrer entgegenkamen.
Die Ladefläche des kleinen Trucks war voll ausgelastet mit Stahlseilrollen und Metallgestängen in rucksackartigen Tragevorrichtungen sowie Werkzeugen wie Brechstange und Holzkeile hinter einer voluminösen, aufklappbaren Kiste hinter der Doppelkabine. Der Rotblonde schien sogleich nach Fahrtbeginn in Schlaf verfallen zu sein, den auch das Rumpeln der Räder über die wellige, raue Piste nicht zu stören vermochte. Erst das scharfe Einlenken in die erste enge Serpentine veranlasste den Mann, die Augen blinzelnd zu öffnen, und nötigte ihn, sich an den Haltegriff unter der Handschuhfachklappe zu klammern. Manchmal geriet der Wagen ins Schlingern, besonders beim Überholen von arg überladenen Lastwagen und schwankenden Kamelkarawanen. Hier begannen die „unknown territories“, wie die fremdländischen Militärs die unerforschten, von Drogenbaronen und Waffenschiebern kontrollierten ruralen Gebiete nannten. Der Aufenthalt in ihnen war stets gefährlich, selbst wenn eine gewisse Sicherheit von dem jeweiligen Stammesfürst oder Clanchef, der gleichzeitig die Geschäfte mit Drogen oder Waffen betrieb, erkauft werden konnte.
Schweigend fuhren die Männer in endlosen Windungen hinauf bis auf die erste Passhöhe, wo der Fahrer anhielt und ausstieg, um hinter einem Felsen sein Wasser abzuschlagen. Der Blick des Beifahrers schweifte über diese seltsame Örtlichkeit, die wie verloren auf einem Rücken dieses gewaltigen Bergmassivs im Herzen von Mittelasien lag. In der Ferne war der Salang-Pass zu ahnen mit seinen gewaltigen Menschenströmen, denen dieser schmale Weg zur ewigen Bettstatt geworden war: Züge der Eroberer, Heere der Religionen ...
Unter ihnen breitete sich die pittoreske Berglandschaft des nördlichen Hindukusch aus, für die die Wageninsassen nun kaum mehr einen Blick hatten. Man fuhr weiter, die Passstraße hinunter, die schmaler, steiler und gefährlicher in engeren Kurven zu Tal abfiel, als sie hinaufgeführt hatte. Auf der Fahrerseite ragten spitze Felsen empor und überhängende Klippen heraus, auf der anderen gähnte der unabsehbare Abgrund. Herabgestürzte Felsmassen mit zum Teil riesigen Gesteinsbrocken verengten oder versperrten den Weg. Der Chauffeur musste mehrmals anhalten, bei laufendem Motor, während der Beifahrer im Schweiße seines Angesichts die steinigen Hindernisse aus dem Weg räumte, manche mit der Brechstange. Karawanenführer und Maultiertreiber, Hirten und Vieh hatten es ebenso wenig leicht in der eisigkalten Temperatur und der dünnen, schneidenden Luft dieser Höhe, doch war ihr Weg weniger gefährlich, da sie wie eine Kette Ameisen dicht an der Felswand entlang dahinzogen.
Völlig anderes galt für den Geländewagen: Die Wegstrecke war bisweilen derart schmal, dass sie seine gesamte Breite einnahm und die Räder manchmal sogar über die Kante des ausgebröckelten, unbefestigten Randes am Abgrund hinausragte. Der Fahrer musste jede kleinste ungeschickte Bewegung vermeiden, durfte sich nicht den kürzesten Augenblick der Unaufmerksamkeit leisten. Hochkonzentriert lenkte er den Pick-up um tiefe Schlaglöcher und dicke Felsbrocken, möglichst dicht an den Felsen längs, und vermied den Blick in den Abgrund auf der anderen Seite.
Das Fahrzeug schlich so langsam vorwärts, dass der Beifahrer die Gebirgskette und die weißen Gipfel des Hindukusch – unmerklich fast – vorüberziehen sah. Die Felswände waren grau in grau mit ihren Spitzen und Graten, ein bleiernes Grau der Urzeit und der Trostlosigkeit. Der riesige Berg schien vollständig bedeckt von feinkörniger Friedhofsasche, jeder Felsvorsprung, jede enge Spalte, bis hoch empor zu den Eisbahnen des Himmels, die den Horizont bildeten.
Keiner der Männer empfand jedoch Angst oder Traurigkeit. Mit innerem Auge sah jeder jenseits dieser abgestorbenen Mondlandschaft verlockende Täler und lärmerfüllte Ortschaften, brennendheiße Wüsten und unendliche Steppen: Ihr Afghanistan mit all seinen Provinzen, seinen Straßen, Wegen und Pfaden, die aus dem Inneren zu den Grenzen führten, der iranischen, turkmenischen, usbekischen, tadschikischen, tibetanischen und pakistanischen.
Plötzlich gerieten die Linien der Bergkämme und der Wolkengebilde am Himmel ins Wanken. Der Wagen war beim Befahren der Gesteinsböschung mit zwei Rädern in Schräglage geraten, wobei der Fahrer den Motor abwürgte. Während das Gefährt langsam zurückzurollen begann, versuchte der Chauffeur vergeblich, den Motor neu zu starten. Schon ragte ein Hinterrad über den gähnenden Abgrund und rutschte noch ein wenig weiter, als die heiße Bremse voll griff. Der Beifahrer stieg rasch aus und sicherte ein Vorderrad mit einem Holzkeil. Nach mehreren Startversuchen sprang der Motor endlich wieder an und zog den Jeep dank des Allradantriebs wieder auf die Piste. „Allah sei gepriesen!“ stöhnte der Fahrer, während der hereinkletternde Beifahrer lächelnd aufatmete.
Stumm erreichten sie eine kleine Senke, wo sie sich auf einer Fotolandkarte orientierten und nach kurzer Beratung in einen steinigen Nebenweg einbogen, auf dem es sofort wieder steil bergan ging. Von jetzt an kamen sie kaum schneller voran als ein Wanderer. Der miserable Straßenzustand nötigte die nun nur noch vereinzelt auftauchenden Fußgänger, Maultiere, Kamele und Fahrzeuge zu gleichem Tempo. Bei einer halbverfallenen Chaikhana – eine Teestube eingezwängt in einen engen Taleinschnitt – gelang es ihnen, die Rastsuchenden zu überholen, und bei jetzt freier Strecke vermochten sie doch nicht an Fahrt zu gewinnen.
Unvermittelt wurden sie von einigen verwegenen Gestalten auf der Piste angehalten. Die Männer waren sämtlich mit Gewehren bewaffnet und trugen schwere Patronengürtel über der Brust. Der Beifahrer erschrak innerlich, während der Fahrer routinemäßig das Seitenfenster herunterkurbelte, grüßte und dem Anführer mit ein paar Worten ein Dokument in einer Plastikhülle hinhielt. Nach kurzer Prüfung wurden sie wortlos durchgewunken.
Nach wenigen Kilometern in geraumer Zeit langten sie an einer Passenge an, die ob ihrer Schmalheit keine Weiterfahrt mehr erlaubte. Nachdem der Wagen zwischen einem Felsen und einem Panzerwrack aus Sowjetzeiten abgestellt und gesichert war, luden sich die Männer die Gepäckstücke von der Ladefläche, eine Stahlseilrolle und zusammengegurtete Metallstangen im Tragegestell sowie aus der Klappbox je einen Rucksack mit C4-Sprengstoff, Akkus und Trinkflaschen sowie Bohrmaschine, Werkzeug, Sprengkapseln und Proviant plus obenauf je einen Thermoschlafsack, auf Rücken und Brust, gerade soviel als sie zu schleppen vermochten. Nach wenigen hundert Metern Anstieg lief ihnen bereits der Schweiß in Strömen aus den Poren.
An diesem Tag machten die Bergwanderer die Erfahrung, wie unerbittlich und grausam der Hindukusch für den sein kann, der nicht in diesem Hochgebirge heimisch ist.
Steine rutschten plötzlich unter den Füßen weg auf einem so schmalen Pfad, der kaum breit genug war für eine Bergziege, geschweige denn für einen kräftigen Mann mit reichlich Gepäck auf dem Rücken und vor der Brust. Abgrundtiefe Schluchten gähnten urplötzlich hinter einer Wegbiegung auf einem nie ebenen, geraden, sicheren Saumpfad. Keinerlei Weite öffnete sich dem Blick, da man entweder die steile Felswand sah oder den gähnenden Abgrund. Bei dem kleinsten Fehler, dem geringsten Stolpern, einer einzigen falschen Bewegung, dem winzigsten unsicheren Schritt drohte unweigerlich der Tod zuzupacken.
Keine geringe Furcht ergriff sehr bald die Männer und ließ sie nicht mehr los. Der Afghane, ein Mann der nordischen Steppen, musste den Weg suchen durch diese Steinwüste, sich durch Felsgänge und Spalten hindurchtasten, seinen fremdländischen Begleiter umsichtig und achtsam den bald steil ansteigenden, bald abschüssigen Saumpfad entlang führen und, sich unvermittelt in einem Höhlengang sehend, wieder zurückgehen und einen anderen Weg finden. Zudem bei jedem Schritt, den er wagte, er sich vor dem Absturz in den Abgrund in acht nehmen musste.
Schließlich war er eigentlich nur ein schlichter Hirte der Steppe, sein Gespür, seine Muskeln, seine Nerven und seine Augen waren für solche Abenteuer nicht geschaffen. Und zu alledem hatte er noch einen Fremden zu führen, vorwärts zu bitten, zurückzuhalten und zu ermutigen, dessen ferne Heimat ebenfalls ein eher flaches Land war.
Die Stunden vergingen und ihr Weg führte immer weiter durch dieses Labyrinth aus Fels und Steilwand, aus Schlucht und Abgrund.
Von irgendwoher ertönte ein lauter Pfiff.
„Was war das?“ fragte der Rotblonde.
„Nur ein Tier“, antwortete der Begleiter.
„In dieser Einöde?“
„Ja. Hier oben lebt das Marmot, wie der Nager hierzulande heißt, das langschwänzige Murmeltier. Es hat wirklich einen langen, fetten Schwanz. Besonders zum Ende des Sommers. Hier oben ist es nicht überall vollkommen kahl.“ Der junge Afghane redete im Plauderton, er kicherte sogar dabei, es vermochte ihm bei dem anstrengenden Bergwandern den Atem nicht zu verschlagen.
Plötzlich kamen sie zu einem so langen dunklen, engen Tunnel, dass sie dachten, er würde nie ein Ende nehmen, und in dem man unsichtbare Berggeister an den Wänden entlang huschen zu hören glaubte.
Schwer atmend bewältigten sie wieder einen jähen, schwierigen Anstieg, und der schmale Felsabsatz, den sie nicht mehr lange vor Einbruch der Dämmerung erreichten und von dem sie endlich weit unten ein Tal entdeckten, war so schmal, dass die Männer mehrmals die Augen schlossen und öffneten, um nicht schwindlig zu werden.
Keiner der Männer hatte während dieser gefahrvollen Stunden Durst oder Hunger verspürt. Jetzt aber, wieder auf halbwegs sicherem Pfad, hatten sie nur den einen Wunsch: zu trinken. Der Afghane entnahm der Seitentasche seines Rucksacks eine Wasserflasche, öffnete sie und reichte sie dem Begleiter mit aufmunterndem Blick. Dieser nahm sie mit kleinem Zögern und trank langsam, Schluck für Schluck, bevor er die halbvolle Flasche zurückreichte.
Plötzlich spürten sie den leichten, kühler gewordenen Wind. Durch die Sträucher, die Krüppelbäume und die Gräser ging ein leichtes Rauschen, das Herannahen der Nacht ankündigend. Schon stiegen Adler mit schnellem Flügelschlag bis zu den Gipfeln der Berge empor, die noch für kurze Zeit vom Abendlicht beschienen waren, bevor sie sich dann rasch verdüstern würden. Der Rotblonde verfolgte mit seinen Blicken die Greifvögel bei der Rückkehr in ihre Nester. Und er dachte daran, dass sie, sein Fahrer und er, die langen Stunden bis zur Morgendämmerung in diesem hohen Gebirge in Düsternis und Kälte verbringen mussten im Schlafsack, der allein sie vor dem eisigen Nachtwind schützen würde.
Der Rotblonde richtete seinen Blick den steilen Berghang entlang nach unten. Dunkelheit hatte sich bereits über das Tal gelegt, klare Konturen waren nicht mehr auszumachen.
„Ist das die Schlucht?“ fragte er.
„Ja.“
„Ich habe keine richtige Erinnerung mehr an sie.“
„Morgen früh, wenn es hell ist, kann man sie deutlich erkennen.“
„Ja“, bestätigte der Rotblonde. „Aber jetzt werden wir erst mal etwas essen. Wie war noch mal dein Name? Er ist mir entfallen, verzeih.“ Dass er ihm entfallen war, wurmte ihn, und es war sicher kein gutes Zeichen.
„Mein Name ist Haschem“, antwortete der junge Mann. „Ich bin Haschem Modh aus Khanabad. Komm, ich helfe dir mit der Trage.“
Der große, schlanke rotblonde Mann mit dem Sommersprossengesicht, das aussah wie sonnen- und windgegerbt, ging in die Knie, streifte die Trageriemen von den Schultern und ließ die schwere Last mit Haschems Hilfe zu Boden gleiten. Sein Hemd war nassgeschwitzt. Sie halfen sich gegenseitig beim Ablegen der Tragelasten.
„Danke“, sagte Haschem. „Und dein Name ist German, ja?“
„Hermann“, entgegnete der Rotblonde, der sich nicht wunderte, dass der andere seinen Rufnamen kannte, „Hermann Karfurt. Aus Deutschland. Also sag nur weiter German zu mir, wie alle anderen.“ Er lehnte seinen Rucksack vorsichtig an einen Felsblock und schnallte den Schlafsack ab. Der Afghane tat es ihm gleich, und die Männer rollten die Schlafsäcke aus. Sie aßen jeder noch eine Kleinigkeit von dem Proviant aus Haschems Rucksack, den er außen neben sich abgestellt hatte, bevor sie sich in die Daunen verkrochen. Die Helligkeit war mit einem Schlag von den Berggipfeln verschwunden und hatte jäher Dunkelheit Raum gegeben.
Die Männer wünschten sich guten Schlaf und eine ruhige Nacht, und keiner von beiden wunderte sich im Geringsten darüber, dass der jeweils andere kein Gebet verrichtete, ja nicht einmal daran zu denken schien.
