Afrika First! - Martin Schoeller - E-Book

Afrika First! E-Book

Martin Schoeller

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Beschreibung

Afrika ist der Verlierer der Globalisierung: Ein Großteil der Menschen hat weder vom Welthandel noch von der Marktwirtschaft profitiert. Unverändert leiden Hunderte Millionen unter Armut und Hunger – insbesondere südlich der Sahara. Afrika erlebt eine humanitäre Katastrophe, Tag für Tag. Die Autoren plädieren mit klaren Argumenten für einen Neustart in der Handels- und Entwicklungspolitik: Ins Zentrum muss endlich die soziale Frage rücken; Afrika braucht die soziale Marktwirtschaft. Denn nur durch faire Löhne und soziale Sicherungssysteme kommen Investitionen und Wachstum auch bei den Armen an. Steigender Wohlstand würde zu sinkenden Geburtenraten und "demografischen Dividenden" führen, was ohne Zweifel im Interesse Europas ist. Wenn es den Afrikanern nicht besser geht, wird es uns bald schlechter gehen. Zudem ist es angesichts des verschärften geopolitischen Wettbewerbs mit China und den USA wichtiger denn je, Partnerschaften zu vertiefen und einen gemeinsamen Wirtschaftsraum aufzubauen. Europa muß all die afrikanischen Länder, die Reformen im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft anschieben, entschlossener unterstützen – in Form von Entwicklungshilfe, durch Infrastruktur-Finanzierung und faire Handelsverträge. Kern dieser überzeugenden Agenda ist, über europäische Entwicklungsbanken eine Billion Euro für Infrastruktur-Programme in Reformländern zu mobilisieren. Denn das ist die entscheidende Voraussetzung, um Unternehmen zu Investitionen in Afrika zu ermutigen – und auf diese Weise eine Kettenreaktion auszulösen. Die Autoren sind überzeugt von ihrer kühnen Vision: Die Niedrigzinsen sind eine Jahrhundert-Chance, um Afrika mit dem Kapital europäischer Investoren aufzubauen – und Armut und Hunger zu besiegen.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2020

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1. Auflage 2020

© 2020 Berg & Feierabend Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Bert Hoppe

Satz: artwork-factory.com

Gesetzt aus der DIN und Minion

Covergestaltung: Peter Feierabend und Frank Behrendt

Gesetzt aus der DIN

ISBN 978-3-948272-08-1

eISBN 978-3-948272-10-4

www.bergundfeierabend.de

Martin Schoeller · Daniel Schönwitz

AFRIKA FIRST!

Die Agenda für unsere gemeinsame Zukunft

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Dr. Gerd Müller

Geleitwort Dr. Antonella Mei-Pochtler

Vorwort

Investieren statt helfen – die Gewürzroute 2.0

Teil I – die Fakten

Kapitel 1: Armut, Hunger und soziale Unsicherheit

Kapitel 2: Klimakrise, Bürgerkriege und Massenflucht

Kapitel 3: Geburtenraten und Bevölkerungswachstum

Kapitel 4: Wirtschaft, Infrastruktur und Handel

Kapitel 5: Investitionen, Seidenstraße und Schuldenberge

Teil II – die Thesen

These 1: Afrika und Europa sind eine Schicksalsgemeinschaft mit gewaltigem Potenzial

These 2: Der ungeregelte Kapitalismus hat in Afrika auf ganzer Linie versagt

These 3: Weder „freier“ noch „fairer“ Handel können die Armut besiegen

These 4: Afrika braucht die Soziale Marktwirtschaft

These 5: Mindestlöhne und Absicherungen für Arbeitslose spielen eine Schlüsselrolle

These 6: Faire Löhne und Sozialreformen senken Geburtenraten – und führen in eine Positivspirale

These 7: Sozial-ökologische Marktwirtschaft: Die Welt ist reif für „Wohlstand für alle“

Teil III – die Agenda

Europa kann Reformen fordern und fördern – und dadurch eine Initialzündung auslösen

Hebel 1: Infrastrukturfinanzierung – Lasst uns eine europäische Seidenstraße nach Afrika bauen!

Hebel 2: Entwicklungshilfe – Warum wir jetzt einen „Marshallplan Plus“ brauchen

Hebel 3: Handel – Machen wir endgültig Schluss mit „Europe First“

Ausblick: Der neue EU-Afrika-Pakt ist eine Jahrhundertchance

Anhang

Executive Summary: Unsere Thesen und Empfehlungen im Überblick

Unsere Antworten auf typische Vor- und Pauschalurteile

Literatur- und Quellenverzeichnis

Die Autoren

Vorwort Dr. Gerd Müller

Mit Reformpartnerschaften die Zukunft gestalten

Noch vor wenigen Monaten konnte man ohne jeden Zweifel sagen: Afrika ist im Aufbruch. Zu Beginn der Corona-Pandemie lagen sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften auf unserem Nachbarkontinent. Die jährliche Zuwachsrate bei der Internetnutzung lag bei über 20 Prozent. In Afrikas Böden schlummern bedeutende Mengen an Rohstoffen wie Gold, Platin oder Coltan. Und es gibt ein gewaltiges Potenzial an erneuerbaren Energien: So steht in Ouarzazate in der marokkanischen Wüste eines der modernsten Solarkraftwerke der Welt, mit deutscher Unterstützung gebaut. Darauf aufbauend werden wir mit Solarstrom in die Produktion von grünem Wasserstoff und Methanol investieren.

Welches Erbe die Covid-19-Pandemie dem afrikanischen Kontinent hinterlässt, ist genauso ungewiss wie die Situation in Europa. Klar ist aber schon jetzt: Die wirtschaftlichen Auswirkungen drohen langjährige Entwicklungserfolge zunichte zu machen. Geschlossene Grenzen, Tourismus im Stillstand, unterbrochene Handelsströme und Lieferketten bedeuten für viele Menschen in Afrika unmittelbare Existenznot. Denn soziale Sicherungssysteme sind häufig schwach oder fehlen ganz; über Rücklagen verfügt kaum jemand der zu 85 Prozent informell Beschäftigten auf dem afrikanischen Kontinent. Aus der Gesundheitskrise wird schnell eine Hungerkrise. In Niger und Südsudan beispielsweise sind Millionen von Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Umso aktueller und dringlicher ist die Forderung der beiden Autoren dieses Buches, soziale Sicherungssysteme auf- und auszubauen. Bereits vor Corona profitierten in Afrika zu wenige Menschen vom natürlichen Reichtum ihres Kontinents, von internationalem Handel oder Wirtschaftswachstum. Hinzu kommt das Bevölkerungswachstum. Es ist Chance und Herausforderung zugleich: Bis 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas verdoppeln. Allein bis 2030 müssen dort jährlich 20 Millionen neue Jobs für die junge Generation entstehen, die den Menschen ein existenzsicherndes Einkommen und eine Perspektive geben.

Um dem Bedarf der wachsenden Bevölkerung gerecht zu werden, braucht es dringend Investitionen: in Wasserversorgung, Sanitäranlagen, Schulen und Krankenhäuser wie auch in die Transportinfrastruktur. Überdies leben 600 Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung – weiterhin ohne Strom. Auch sie brauchen dringend Zugang zu sauberer Energie. Diese Herausforderungen sind groß – wir müssen sie gemeinsam angehen.

Die Zeiten der alten „Entwicklungshilfe“ sind lange vorbei. Die Afrikanische Union hat bereits 2015 eine eigene ambitionierte Entwicklungsvision beschlossen, die Agenda 2063. Auf dieser Basis haben wir die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit Afrika neu aufgestellt: weg vom Geber-Nehmer-Prinzip hin zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe, die sich an der jeweiligen Reformagenda unserer afrikanischen Partner orientiert.

Unser 2017 vorgestellter Marshallplan mit Afrika hat diesen Paradigmenwechsel eingeleitet: Deutsche staatliche Entwicklungsunterstützung wird nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt, sondern soll als Katalysator für Investitionen der Privatwirtschaft wirken – und so eine nachhaltige, inklusive und selbsttragende Wirtschaftsentwicklung in Gang setzen, von der alle profitieren.

Dafür haben wir ein neues Modell der Zusammenarbeit entwickelt: die Reformpartnerschaften. Wir fördern die Regierungen gezielt, die in ihren Ländern beim Aufbau von Rechtsstaatlichkeit und dem entschlossenen Kampf gegen Korruption vorangehen. So unterstützen wir dabei, die strukturellen Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliches Engagement zu verbessern und damit neue Arbeitsplätze und mehr Einkommen zu schaffen.

Wir haben auch Instrumente entwickelt, um Investitionen von deutschen und europäischen Firmen in afrikanische Länder attraktiver zu machen. Über den Entwicklungsinvestitionsfonds fördern wir solche verantwortungsvollen Investitionen und flankieren mit Beratung und Vernetzung.

Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt: Wir leben im globalen Dorf, alles hängt zusammen. Für eine gerechtere Globalisierung müssen wir deshalb soziale und ökologische Fragen zusammendenken: Gesundheit, Bildung, die Gleichberechtigung der Geschlechter, ökologische und soziale Standards in globalen Lieferketten, aber auch den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen. So gibt es die von allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen verabschiedete Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung vor.

Die individuellen Entwicklungspfade eines jeden Landes werden unterschiedlich aussehen. Fest steht jedoch, dass wir nur durch gemeinsame Anstrengungen von Regierungen, Wirtschaft und jedem einzelnen Mitglied der Gesellschaft vorankommen können. In Afrika wie in Deutschland.

Deshalb freue ich mich, dass wir auf engagierte und verantwortungsvolle Unternehmerinnen und Unternehmer wie Martin Schoeller zählen können, der sich mit viel Herzblut und Einsatz für unseren Nachbarkontinent stark macht. Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, sein Beispiel wird zu weiterem unternehmerischen Engagement für Afrika und für eine weltweit nachhaltige Entwicklung inspirieren!

Dr. Gerd Müller

Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Geleitwort Dr. Antonella Mei-Pochtler

Afrika First, but not alone.

Zugegeben, der eine oder andere Leser dürfte beim Anblick des Titels „Afrika First“ intuitiv an bereits bekannte Paradigmen mit isolationistischen Tendenzen in Außen- und Wirtschaftspolitik erinnert werden und dabei bereits ansetzen, entsprechende Vergleiche zu ziehen.

In diesem Fall ist die Wortwahl aber durchaus berechtigt gewählt, wenngleich der Zusammenhang grundlegend anders ist.

Der erste Schritt einer Frühform des Menschen wurde auf afrikanischem Boden getätigt, der Umgang mit Feuer sowie mit ausgefeilten Werkzeugtechniken wurden dort erlernt und andere Erdteile von Afrika aus besiedelt. Rund zwei Millionen Jahre später befinden wir uns erneut in einem Szenario, in dem der als die Wiege der Menschheit bekannte Kontinent eine wichtige – und für Europa entscheidende – Rolle in einer sich verändernden Weltordnung permanent einnehmen wird, und das zu Recht.

65 Prozent der mehr als 1,2 Milliarden Menschen umfassenden afrikanischen Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre – 40 Prozent davon sind sogar jünger als 15 Jahre. Das Durchschnittsalter beträgt auf diesem Kontinent demnach 19,5 Jahre und ist damit das niedrigste weltweit. Vergleicht man dies mit jenem in Europa, das bei rund 42,5 Jahren liegt, erhält die in der Vergangenheit verwendete und leider viel zu oft belächelte Bezeichnung „Africa: A Continent of Opportunities“ eine komplett neue Bedeutung.

Sollten sich die Prognosen nämlich bewahrheiten, so wird Afrika 2035 der Kontinent mit der weltweit größten Erwerbsbevölkerung sein – fast ein Viertel davon wird dann dort leben. Bis 2050 ist übrigens eine Verdoppelung der Einwohnerzahl Afrikas zu erwarten, und bis 2100 wird der Kontinent rund 40 Prozent der weltweiten Geburten verzeichnen, sofern keine bildungs- und wohlstandsbedingte Senkung der Geburtenrate stattfindet.

Das hat wesentliche Implikationen für die dringend erforderliche Transformation auf individueller, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene.

Vor diesem Hintergrund bedarf es keiner weiteren Erläuterung, dass die im ersten Teil der „Agenda für unsere gemeinsame Zukunft“ dargestellten Fakten nicht nur Afrika tangieren. Langfristig werden sich die Auswirkungen von Bildungsmangel, Armut, sozialer Unsicherheit, fehlenden Arbeitsplätzen, vor Ort sich ereignenden Klimakatastrophen und Hungersnöten, Kampfhandlungen, Migration, Bevölkerungswachstum, sinkendem wirtschaftlichem Wachstum und Schuldenbergen keinesfalls mehr auf den Kontinent beschränken lassen – ganz im Gegenteil, die Effekte wären weltweit zu spüren! Diese Risiken zu ignorieren, hieße, zu verkennen, dass Afrika ein elementarer und fest inkorporierter Bestandteil unserer heutigen vernetzten Welt ist.

Österreich hat in seiner bewährten Rolle als Ort des Dialogs und Brückenbauer während seiner EU-Ratspräsidentschaft 2018 das hochrangige Forum Afrika-Europa zum Thema Taking Cooperation to the Digital Age ausgetragen, das darauf abzielte, eine neue und wirksame Form der uternehmerischen Zusammmenarbeit auf Augenhöhe zu propagieren. Dass das klassische Modell der Entwicklungshilfe ausgedient hat, ist nicht nur zahlreichen Ökonomen bewusst, es ist auch für die Menschen auf der Straße deutlich zu erkennen. Während des Forums haben sich mehr als 50 offizielle Delegationen von Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union sowie der EU mit fast 1.000 Innovatoren und Start-ups aus Afrika und Europa sowie mit etablierten Unternehmen vernetzt, um gemeinsam über Themen zu Wohlstand und Wachstum zu diskutieren. Allen Teilnehmern war bewusst, dass viele der großen Herausforderungen unserer Zeit nur mit Vision, Technologie und Unternehmertum gelöst werden können. Digitalisierung kann dabei nicht genug Bedeutung beigemessen werden – ob Landwirtschaft, Gesundheit oder Mobilität, die wirksamsten Konzepte sind „digital first“.

Unternehmertum gehört in Afrika zur Normalität. Laut der African Development Bank weist Afrika den höchsten Wert weltweit auf; rund 22 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung starten ein Unternehmen – übrigens mit einer der höchsten Frauenquoten weltweit. Wenn Not erfinderisch macht, kann auch zu viel Not paralysieren: Damit Afrika sein großes Potenzial aber voll ausnutzen kann, bedarf es weiterer Voraussetzungen wie die Resilienz vis-à-vis humanitärer, wirtschaftlicher, aber auch gesundheitlicher Krisen. Solche Voraussetzungen haben die Europäer über die letzten 150 Jahre für den eigenen Kontinent geschaffen – in großen Schüben und in vielen kleinen, praktischen Schritten. Man denke beispielsweise an den in Deutschland und auch in Österreich erfolgreich etablierten dualen Bildungsweg, um allseits benötigte Fachkräfte auszubilden. Diese Erfahrung gilt es zu teilen – nicht zuletzt, um auch gut ausgebildete Afrikanerinnen und Afrikaner in den jeweiligen Heimatländern zu halten bzw. um sie nach ihrer Ausbildung außerhalb Afrikas wieder zurückzugewinnen. Unternehmerische Bildungsprojekte, wie die von Sebastian Thruns Online Akademie Udacity, die gemeinsam mit Ägypten durchgeführt wird und die ein breites Programmiertraining für jedermann anbietet, gehen in die richtige Richtung. Wichtig ist auch die weitere Stärkung der Rolle der Frau – hier kann man gerade von den skandinavischen Ländern viel lernen. Das World Economic Forum prognostiziert, dass rund 15 bis 20 Millionen „zunehmend ausgebildete“ junge Afrikanerinnen und Afrikaner jedes Jahr über die nächsten drei Jahrzehnte auf den Arbeitsmarkt drängen werden. Die Schaffung von qualitativen Arbeitsplätzen ist daher fundamental, um die demografische Dividende des Kontinents größtmöglich hebeln zu können.

Die Europäische Union und Österreich können und müssen sich als Katalysatoren im Großen und im Kleinen einbringen, als Partner auf Augenhöhe für die notwendige Transformation in diesen wichtigen Bereichen, um intelligente unternehmerische Lösungen gemeinsam zu entwickeln und deren Potenzial auf die Straße zu bringen. Oder in die Luft – so hat das disruptiv innovative US-Unternehmen Zipline gerade in Afrika sein Geschäft gestartet und so weit entwickelt, dass es nun in anderen Teilen der Welt zum Einsatz kommt. „Vital – On-Demand Delivery for the World“ ist ihre Mission, dafür haben sie die primäre Blutplasmaversorgung über Drohnenzustellung etabliert. Eine geniale, kostengünstige Infrastrukturlösung, um die Zustellung lebensrettender Produkte in ländlichen Gebieten zum genau benötigten Zeitpunkt, an exakt benötigte Stelle, auf sichere und zuverlässige Weise und über Landesgrenzen hinweg zu garantieren. In Ruanda pilotiert, in Ghana skaliert und nun auch in den USA eingesetzt – ein Beispiel für „Afrika First, but not Alone“.

Nun dürfen die Europäer ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. So hat das österreichische Unternehmen Helioz – Future Economy mit seinem Kernprodukt WADI – einem unscheinbaren Gerät, das mithilfe von Sonnenkraft Wasser desinfiziert – eine innovative und zugängliche Lösung entwickelt, die für jene 660 Millionen Menschen weltweit relevant ist, denen noch der Zugang zu sauberem Wasser fehlt. Derzeit sterben jeden Tag 2.000 Kinder weltweit an Krankheiten, die durch verunreinigtes Wasser hervorgerufen werden. Auch hier ist „Afrika First, but not Alone“.

Die Liste inspirierender Beispiele – alleine aus Österreich im Bereich Energie mit der Firma Andritz oder Gesundheit mit der Firma Vamed – ist lang, aber noch nicht lang genug. Denn gerade jetzt brauchen wir die Kombination von mutigen Disruptoren und innovativen Spezialisten, um in Afrika und für Afrika unternehmerische Lösungen im Infrastruktur-, Gesundheits-, Energie-, Mobilitäts- und Landwirtschaftsbereich zu entwickeln. Daher kommt dieses Buch genau zur richtigen Zeit, von den richtigen Vordenkern und konkreten unternehmerischen Umsetzern, wie Martin Schoeller und Team verfasst. Am Ende des Tages sind es aber die Afrikanerinnen und Afrikaner, die selbstbestimmt das Heft in die Hand nehmen werden müssen. In den Worten des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2009: „Africa’s Future is up to Africans“ – und das heißt „Afrika First, but not Alone“.

Dr. Antonella Mei-Pochtler

Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers Leiterin Strategiestabs ThinkAustria

Vorwort

Frieden, Freiheit und Wohlstand durch Soziale Marktwirtschaft – die Initialzündung für einen europäisch-afrikanischen Wirtschaftsraum

Die neue Afrikapolitik von Bundesminister Gerd Müller ist ein großer Fortschritt: Wir gehen weg vom Gießkannenprinzip – und hin zu Partnerschaften auf Augenhöhe mit ausgewählten, reformwilligen Staaten. Das schafft Anreize zur Rechtsstaatlichkeit und zugleich attraktivere Bedingungen für die Privatwirtschaft.

Das reicht allerdings noch nicht. In diesem Buch empfehlen wir, Reformstaaten darüber hinaus entschlossen bei Investitionen in die Infrastruktur zu unterstützen. Mit innovativen Finanzierungskonzepten und Garantien ist dies möglich, ohne Steuern zu erhöhen und bestehende Staatshaushalte über Gebühr zu belasten. Und wenn wir Reformen im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft zur Bedingung für diese Unterstützung machen, legen wir die Basis, um Armut effektiv zu bekämpfen und breiten Wohlstand zu schaffen.

Im Zentrum der Agenda, die wir in diesem Buch zur Diskussion stellen, stehen deshalb Infrastrukturinvestitionen in Afrika. Die vorgeschlagene Initiative wäre eine Initialzündung – und kein Aderlass für Europa. Denn ein Aufschwung in Afrika würde auch hier Millionen Jobs schaffen, die nach der Corona-Krise dringender denn je gebraucht werden. Zudem kann der Kontinent so auf lange Sicht der neue Wachstumsmotor der Weltwirtschaft werden.

Und machen wir uns nichts vor: Wenn die extreme Armut auch in Zukunft den Kontinent prägt und die Bevölkerung weiter rasant wächst (nach UN-Prognosen auf 4 Milliarden Einwohner in den nächsten 60 Jahren), dann sind die Menschenrechte und der Frieden auch in Europa in Gefahr.

Andererseits hat das Rennen um Afrika begonnen, die Chinesen und Russen stecken längst ihre Claims ab. Europa darf hier nicht untätig oder halbherzig daneben stehen, wenn es weiterhin eine gestaltende Rolle in der Weltpolitik spielen möchte.

In Bezug auf Freiheit, Frieden, Menschenrechte und breit verteilten Wohlstand ist Europa die erfolgreichste Region der Welt. In den vergangenen 70 Jahren haben wir den Beweis erbracht, dass ein Gesellschaftsmodell auf Basis von Gegenseitigkeit funktioniert. Europa ist mit einem ähnlich hohen Bruttosozialprodukt wie die USA, aber deutlich niedrigeren Schulden und geringeren Defiziten die finanzstärkste Wirtschaftsmacht der Welt. Und in der Corona-Krise hat die EU ihre gemeinsame Finanz- und Handlungskraft bewiesen.

Da aktuell USA und China mit einem jeweils weniger kooperativen Ansatz um weltweiten Einfluss ringen, hat Europa mit seinem Gesellschaftsmodell auf Basis von Gegenseitigkeit fast so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Ich bin deshalb überzeugt: Wir haben die Kraft und die Ressourcen, mit einem europäisch-afrikanischen Wirtschaftsraum den größten Markt der Welt, die Wachstumsregion der Zukunft sowie breiten Wohlstand zu schaffen. Gleichzeitig würden wir auf diese Weise für neue Perspektiven sorgen, die die Flüchtlingszahlen senken.

So lange die USA „America First“ sagen, disqualifizieren sie sich für Partnerschaften, die naturgemäß auf dem Win-Win-Prinzip basieren. Damit öffnet sich jetzt ein Window of Opportunity für Frieden und Freiheit durch die Soziale Marktwirtschaft, also das European Economic Model.

Als Konsul von Togo und Familienunternehmer mit Aktivitäten in vielen Ländern in der südlichen Hemisphäre beschäftigt mich Afrika seit vielen Jahren. So arbeite ich daran, dass Togo, eines der kleinen und sehr armen Länder des Kontinents, ein Modell wird für andere Entwicklungsländer. Und auch die Frage, wie sich soziale Standards durchsetzen und ein breiter Wohlstand schaffen lassen, bewegt mich schon seit dem Anfang meines Berufslebens in Brasilien. Im Laufe meiner 40-jährigen Aktivität als Unternehmer bin ich zu dem Schluss gekommen: Nur die Soziale Marktwirtschaft kann die extreme Armut beenden.

Martin Schoeller

Pullach, im Oktober 2020

DANKSAGUNG

Zu diesem Buch haben zahlreiche Menschen aus meinem persönlichen und beruflichen Umfeld beigetragen. Sie haben mich auf interessante Entwicklungen und Veröffentlichungen hingewiesen, meine Argumente hinterfragt und mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren und die Arbeit an diesem Buch zu organisieren. Ihnen allen danke ich sehr herzlich.

Besonders bedanken möchte ich mich – auch im Namen meines Co-Autors Daniel Schönwitz – bei Martin Schaffrinna, der sich tief in Datenbanken und Statistiken eingegraben und wertvolle Zahlen, Tabellen und Grafiken zusammengestellt hat.

Mein Dank gebührt darüber hinaus zahlreichen kundigen Gesprächspartnern für spannende Ideen, wertvolle Hinweise und fundierte Einschätzungen. Dazu zählen George Soros, der frühere WTO-Präsident Pascal Lamy, der langjährige EU-Handelskommissar Karel de Gucht und ESM-Präsident Klaus Regling. Auch der langjährige Bundestagsabgeordnete und heutige BMZ-Sonderberater für Westafrika Johannes Singhammer, die Beraterin des österreichischen Bundeskanzlers Antonella Mei-Pochtler und der Außenminister von Togo, Professor Robert Dussey, haben mir sehr geholfen.

Investieren statt helfen – die Gewürzroute 2.0

Warum Afrika die Soziale Marktwirtschaft braucht, was der Fußball damit zu tun hat – und wie wir die europäische Finanzkraft für eine beispiellose Infrastrukturoffensive nutzen können

Es ist eine unfassbare humanitäre Katastrophe: Fast 300 Millionen Menschen in Afrika leiden immer wieder unter schwerem Hunger (Severe Food Insecurity), mehr als drei Millionen Kleinkinder sterben dort Jahr für Jahr, auch an den Folgen von Unterernährung. Vom fernen Europa aus betrachtet nehmen wir häufig nur die kalten Zahlen wahr, die uns nicht persönlich betreffen. Doch wir sollten uns vor Augen führen, dass sie für unzählige menschliche Tragödien stehen, die Worte nicht angemessen beschreiben können. Wir müssen deshalb den klassischen menschlichen Reflex der Verdrängung überwinden und handeln.

Von nachfolgenden Generationen werden wir uns sonst fragen lassen müssen: „Was habt ihr dagegen getan?“ Und wir werden uns nicht mit unserem Unwissen herausreden können. Denn in einer globalisierten Welt kann niemand mehr behaupten, er habe die Armut, den Hunger und deren dramatische Folgen nicht registriert. Die Zeit der Ausreden ist vorbei – zumal sich die Lage weiter zuspitzen und ihre Auswirkungen dann auch uns betreffen könnten. Wenn sich das Bevölkerungswachstum in unvermindertem Tempo fortsetzt, werden in Afrika am Ende des Jahrhunderts nicht mehr nur 1,3 Milliarden, sondern mehr als 4 Milliarden Menschen leben, und zwar zu einem großen Teil in extremer Armut. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen: Spätestens dann werden die Probleme Afrikas auch zu Problemen Europas. Schon jetzt möchten Millionen Afrikaner dem Elend daheim nach Norden entfliehen.

RIESIGE PROBLEME – UND RIESIGES POTENZIAL

Angesichts dieser Schwierigkeiten und großen Risiken gerät allerdings häufig aus dem Blick, dass der Kontinent zugleich beeindruckende Erfolgsgeschichten schreibt und gewaltige Chancen birgt. Etliche Länder wie Ghana, Ruanda und Äthiopien beweisen, dass Afrika alles andere als ein hoffnungsloser Fall ist; in einigen Regionen sinken die Armuts- und Hungerquoten deutlich.

Das sollte uns Ansporn sein, zumal wir uns vergegenwärtigen müssen: Während das Downside-Szenario pessimistisch stimmt, könnte das Upside-Potenzial nicht größer sein – auch für Europa. Denn Afrika ist ein vielversprechender Markt in einem frühen Entwicklungsstadium, der eine Kaufkraft aufweist, wie sie China vor 30 Jahren hatte. Damit bietet sich für Europa die Chance, nicht nur eine Massenflucht gen Norden zu verhindern: Gemeinsam mit Afrika können wir den größten Wirtschaftsraum der Welt schaffen – in einer Partnerschaft auf Augenhöhe.

Deshalb müssen wir handeln. Und die gute Nachricht ist: Wir können es auch. Auf der Grundlage einer intensiven Analyse des Status Quo (siehe „Teil I – die Fakten“) stellen wir in diesem Buch sieben Thesen dazu auf, warum bisherige Entwicklungskonzepte die extreme Armut nicht beseitigt haben und auf welcher Grundlage sich ein nachhaltiges und integratives Wachstum realisieren lässt (siehe „Teil II – die Thesen“). Den Abschluss bilden dann unsere Überlegungen, welche konkreten Schritte jetzt notwendig sind, um dieses Ziel zu erreichen (siehe „Teil III – die Agenda“).

Dieses Buch basiert auf intensiven Erfahrungen in Afrika und in anderen Entwicklungsländern sowie auf Recherchen und zahlreichen Gesprächen mit politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern in Afrika sowie in Europa. Es zeigt in Form eines sowohl praxisnahen als auch systematisch angelegten Programms, wie Europa eine Initialzündung für die Entwicklung Afrikas geben kann – auch um den Kontinent nicht alleine den chinesischen Interessen an Ressourcen zu überlassen.

DIE EUROPÄISCHE FRIEDENSFORMEL

Wichtig ist zunächst die Erkenntnis: Die ungeregelte Marktwirtschaft und der schrankenlose globale Handel reichen nicht aus, um die Armut zu besiegen und breiten Wohlstand zu schaffen (siehe These 2 und 3). Anders als Südamerika und Asien, wo in den letzten 30 Jahren Hunderte von Millionen Menschen zur Mittelschicht aufgeschlossen haben, war gerade die Entwicklung in den Ländern Subsahara-Afrikas aus vielerlei Gründen von Stagnation geprägt. Von der Globalisierung haben sie noch nicht profitiert.

Dass auch Kommunismus und Sozialismus für die Armutsbekämpfung keine Lösungen bieten, hat wiederum der Zusammenbruch von DDR und Sowjetunion bewiesen – und Kuba, Nordkorea sowie Venezuela beweisen es noch heute.

Der Sieger im Wettstreit der Systeme ist eindeutig die Soziale Marktwirtschaft, die zum Markenkern Europas gehört. Wir sprechen deshalb vom European Economic Model (es ist erstaunlich, dass es bislang noch keine etablierte englische Übersetzung des deutschen Begriffs gibt). Es handelt sich um ein schlüssiges Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, das erfolgreicher ist als der Kommunismus (der keine Anreize schafft) und der Turbokapitalismus (der nicht vor extremer Armut schützt).

DIE SOZIALE MARKTWIRTSCHAFT IST DER GEWINNER, ABER SIE IST NOCH NICHT IN AFRIKA ANGEKOMMEN

Das wichtigste Ziel für arme Länder lautet zunächst: Wer arbeitet, muss eine Familie ernähren können. Und wer seinen Job verliert, darf nichts ins Elend stürzen. Das ist es, was Papst Franziskus meint, wenn er von „den drei T“ spricht: Terra, Techo, Trabajo – Menschen brauchen ein Stück Land, ein Dach über dem Kopf und Arbeit.

Davon sind viele afrikanische Länder weit entfernt. Gerade Ungelernte haben oft keinen Verhandlungshebel, um einen Lohn durchzusetzen, der sie auch zum Konsumenten machen würde. Wenn ein Gut wie ungelernte Arbeit im Überfluss vorhanden ist – und das ist ohne funktionierende Sozialsysteme der Fall, weil jeder Geld zum Überleben braucht –, dann versagt der Markt und Regeln sind notwendig.

Ein entscheidender Schritt ist deshalb der Aufbau robuster sozialer Sicherungssysteme. Denn sie stärken die Verhandlungsposition von Arbeitern entscheidend, weil sie eine (wenigstens zeitweilige) Alternative zu unterbezahlter Arbeit haben. Deshalb können sie endlich höhere Löhne bzw. die Einhaltung von gesetzlichen Untergrenzen durchsetzen (siehe These 5).

FAIRE LÖHNE SIND IM INTERESSE DER WIRTSCHAFT

Es mag erstaunlich erscheinen, derlei von einem Unternehmer zu lesen. Doch der Blick auf aufstrebende Volkswirtschaften zeigt: Wenn Arbeitnehmer dank der Spielregeln der Sozialen Marktwirtschaft faire Löhne erhalten, konsumieren sie mehr, und damit steigen die Inlandsnachfrage, das Bruttoinlandsprodukt sowie die Auslastung der Produktion. Das senkt wiederum die Stückkosten, was den Lohnanstieg aus Sicht von Unternehmern kompensieren kann. Es gibt also durch den Mindestlohn und die damit steigende Produktion einen Selbstfinanzierungseffekt, da gleichzeitig die Produktivität steigt.