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Manchmal müssen Dinge zerbrechen, damit etwas Neues entstehen kann. Alex Fünf Jahre habe ich gelitten und mich mühsam zurück ins Leben gekämpft. Jetzt soll alles besser werden. Auf einmal stehe ich erneut vor den Scherben meines Glücks. Aber da gibt es diesen Mann, der mich seit meiner Kindheit begleitet, der mich hält, wenn ich falle und mich aufbaut, sobald ich am Boden liege. Aber er sieht in mir nur seine beste Freundin. Curtis Seit fünf Jahren bin ich wie betäubt. Auch die Beziehung zu meiner Partnerin kann mich nicht aufbauen. Und ich weiß, warum. Denn da gibt es diese Frau, die bereits als Mädchen in mein Leben trat, und die alles verkörpert, was ich will. Sie ist laut und doch leise, wild und doch ruhig. Aber ich werde immer nur ihr bester Freund sein. Enthält potenziell triggernde Inhalte Own Voice Roman
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhalt
Inhalt
Impressum
Phönix
Vorwort (Triggerwarnung)
Playlist
Wiedersehen
Erster Impuls
Chaos im Kopf
Zarte Töne
Musik und Spiele
Verrat
Herzdame
Arpeggio
Brechende Wellen
Gezeitensturm
Hey, Babe
Herzbube
Regen und Wein
Signalfeuer
Neue Zeiten
Aftermath
Einsicht
Für immer …
… und niemals
Mein Dilemma
Weltschmerz
Crescendo
Alte Wunden
Forte
Singularität
Familie
Freund
Decrescendo
Desillusion
Piano
Heimat
Epilog
Potenzielle Trigger
Nachwort
Leseprobe
Impressum
© 2023 Rinoa Verlag
c/o Emilia Cole
Pater-Delp-Straße 20, 47608 Geldern
ISBN: 978-3-910653-39-9
© Covergestaltung: Coverstube
Korrektur: Wortkosmos
rinoaverlag.de
emilia-cole.de
Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Phönix
Phönix, der
Substantiv, maskulin
Nach scheinbarer Vernichtung, völligem Zusammenbruch o. Ä. in nicht mehr erwarteter Weise wieder neu zu erstehen, neu belebt wiederzukehren.
Vorwort (Triggerwarnung)
Bevor Du Aftermath liest, möchte ich Dich darauf hinweisen, dass das Buch potenziell triggernde Inhalte enthält. Hinten im E-Book findest Du die Themen, die im Roman aufgegriffen werden. Die Themen enthalten Spoiler für das gesamte Buch.
Außerdem unterscheidet sich die Charakterentwicklung beider Protagonisten von der in meinen anderen Romanen. Hier geht es vor allem rückwärts, damit es vorwärts gehen kann, was mit den psychischen Störungen einhergeht.
Jetzt wünsche ich Dir viel Spaß mit Curtis und Alex.
Playlist
The Ghost Inside – Aftermath
Darko US – Donna
blessthefall, Lights – Open Water
Devil Sold His Soul – Signal Fire
Devil Sold His Soul – An Ocean of Lights
The Ghost Inside – Phoenix Flame
Stick To Your Guns – Left You Behind
Gentle Game Lullabies – Song Of Storms(Legend of Zelda)
LANDMVRKS – Paralyzed
Casey - Darling
Coyotes – Home
Yoav, Emily Browning – Where Is My Mind?
Matthew Wilder – Break My Stride
Bob Marley & The Wailers – Three Little Birds
Dellé – Power of Love
Wiedersehen
Die letzten fünf Jahre habe ich mich gefühlt, als wäre ich in einem Fiebertraum gefangen gewesen. Und jetzt? Jetzt bin ich neu auferstanden, sofern man das überhaupt kann. Ist es möglich, aufzuerstehen? Wie ein Phönix aus der eigenen Asche, oder so etwas in der Art?
Manchmal sehe ich in meine Handflächen und fühle mich noch immer unwirklich. Meine Hände stehen einerseits für die Musik, die ich erschaffe, andererseits für das Chaos, das ich verbreitet habe. Zeitweise kamen sie mir wie eine Last vor, ich war eine Last. Für jeden, vor allem für mich.
Dann aber erinnere ich mich daran, was ich durchgestanden, und vor allem überstanden habe.
Also ja, vielleicht bin ich auferstanden.
Auch wenn meine Fans das wohl anders sehen, denn ich bin abgetaucht. Nachdem ich Ivory Dice verlassen habe, habe ich meine Social-Media-Accounts gelöscht, ich habe alle Menschen blockiert, die mir nicht gutgetan haben, und habe nur für mich gelebt.
In meiner Erinnerung tanze ich noch häufig mit Knox und Curtis über die Bühne, dort, wo ich frei bin, wo ich fliege und der alte Phönix bin. Dort, wo ich einfach nur gelebt und nicht nur existiert habe.
Schon verrückt, was ein Entzug mit den eigenen Gedanken und auch dem Körper macht. Ich fühle mich gut, obwohl ich teilweise vollkommen am Ende bin.
»Das eine geht mit dem anderen einher«, sagte einer meiner Therapeuten, und dass es oft schlimmer würde, ehe Besserung einträte.
»Bist du soweit?«
Ich sehe mich zu Marcus um, der mit den Koffern neben der geöffneten Wohnungstür steht.
Die Wohnung ist neu. Als ich die Klinik verließ, brauchte ich den berühmten Tapetenwechsel und habe mir eine hübsche Altbauwohnung in den Brooklyn Heights gekauft. Das Parkett wurde aufwendig aufgearbeitet, die Küche ist ein Traum in grauem Hochglanz und wird durch einen antiken Esstisch ergänzt.
Alles ist neu und alt.
Genau wie ich.
Automatisch fahre ich mit der Hand über meine Schlüsselbeine. Etwas fehlt.
»Einen Moment.« Ich eile durchs Wohnzimmer ins anliegende Bad und nehme die silberne Kette vorsichtig auf, die auf dem weißen Waschbecken liegt. Behutsam lege ich sie um, das kühle Metall der kleinen Musiknote trifft auf meine warme Haut und bringt mich zum Lächeln. Mit den Fingern fahre ich die Kettenglieder und auch den Anhänger nach.
Mit einem weiteren Lächeln nicke ich mir im Spiegel zu.
Ein neues Ich.
Ein neuer Abschnitt.
Ein neues Leben.
Das alles beginnt für mich, die Welt wartet auf mein neues Ich, vielleicht auch auf meine neuen Lieder. Ich werde nie mehr über ein solch großes Label veröffentlichen, wie wir es mit Ivory Dice getan haben. Nicht, weil ich die Chance nicht hätte – ich habe genug neue Angebote bekommen. Sondern, weil ich nur noch für mich komponieren und schreiben will. Ich möchte in kleinen Bars spielen und die wenigen Gäste, die mir vermutlich eh nicht zuhören, unterhalten.
Genau wie damals in Toronto, da habe ich bereits in einem kleinen Pub gespielt. Ein wenig für die Gäste aber hauptsächlich für mich.
Ich gehe zurück ins Wohnzimmer, Marcus greift nach den beiden Koffern. »Na los, die anderen warten sicher schon an der Hütte.«
Im Vorbeigehen nehme ich die Schlüssel von der Küchenanrichte und schlüpfe an Marcus vorbei durch den Türrahmen. Dabei drücke ich ihm einen schnellen Kuss auf seinen Hals. Er riecht nach Lavendelduschgel, seine Haut ist weich und doch spüre ich die kurzen Bartstoppeln an meinen Lippen.
»Baby, wir kommen deinetwegen dauernd zu spät.« Er schließt die Tür, ich nehme die Taschen, die bereits dort stehen. »Curtis wird sich beschweren.«
Mit einem Augenrollen sehe ich ihn an. »Curtis soll den Rand halten, er kommt selbst dauernd zu spät.« Zugegeben, bei unseren letzten drei Treffen war er sogar zu früh, trotzdem: Er ist ein Trödler wie ich.
Ich nehme die breite halbrunde Treppe, die ins Erdgeschoss führt, dabei warte ich nicht auf Marcus. Mit den Fingern ziehe ich die Holzleiste nach, die die untere Vertäfelung und die Tapete darüber trennt.
Die Koffer knallen zwischendurch gegen die Treppenstufen, weshalb ich mich umschaue. »Hey, du Grobian. Du weißt aber schon, dass das keine Panzer sind?«
Ich bleibe stehen und er grinst und küsst meine Stirn im Vorbeigehen. »Ich hab dich auch lieb.«
Dafür bekommt er einen Klaps gegen den Oberarm und ich lache. Gemeinsam gehen wir durch das Foyer und grüßen den süßen alten Herrn an der Rezeption des Appartementkomplexes.
»Wo hast du geparkt?«, frage ich.
»Ein paar Meter die Straße rauf, vor dem Haus war nichts mehr frei.« Mein Parkplatz ist selbstverständlich unterm Haus, man gelangt durch eine spezielle Einfahrt auf der anderen Blockseite hinein.
Ich beobachte genau, wie er meinen Basskoffer trägt, was ihm natürlich wieder auffällt. »Du weißt doch, ich hüte deinen Bass wie ein Baby.«
Marcus ist ein Engel.
Und eindeutig zu gut für diese Welt.
Zu gut für mich.
Aber das blende ich oft aus.
Er hält mir die Tür auf, obwohl er keine Hand mehr frei hat, das macht er immer, wie ein wahrer Gentleman.
Die laue Herbstluft und das Treiben der Stadt empfangen uns, als wir den Bordstein betreten. Brooklyn ist wie immer unglaublich lebendig, aber das kann ich erst aufsaugen und honorieren, seit ich zurück aus der Therapie bin. Die Bürokomplexe Manhattans ragen hinter dem Fluss und der Brücke auf. Erste bunte Blätter fallen von den wenigen Bäumen am Straßenrand und tanzen im schwachen Wind über die Gehwege und durch die Regenrinnen der Straße.
Vorhin hat es geregnet, einige Pfützen verteilen sich hier und dort, sie spiegeln den Himmel oder aber die umliegenden Gebäude. Der dezente Petrichorgeruch hängt in der Luft, Menschen schlendern an den Geschäften entlang, unterhalten sich und lachen.
»Gib schon die dämliche Tasche«, sage ich und greife an den Rucksack.
»Aber -«
»Her damit, du brichst gleich zusammen, weil du alles schleppst.« Ich ziehe sie von seiner Schulter.
Marcus’ Wagen steht knapp zehn Meter entfernt, er entriegelt ihn, während wir darauf zugehen. Der Kofferraum öffnet automatisch, wenn man den Fuß darunter hält, das ist echt praktisch. Die Klappe schwingt langsam auf und wir verladen das Gepäck.
»Meinst du, das reicht?«, murmele ich. Gestern haben wir Getränke besorgt. Curtis und Melinda wollten sich um das Essen kümmern.
Marcus lacht. »Was hast du denn vor? Allein damit kann sich eine gesamte Footballmannschaft ins Koma saufen.«
Ich seufze, weil ich eh nichts davon trinken werde. Mein Blick bleibt an der Whiskyflasche hängen. Ich habe für Curt extra einen guten Single Malt besorgt, weil ich weiß, dass er so etwas gern trinkt.
Marcus legt den Arm um meine Schulter, weshalb ich zu ihm aufsehe. »Wir können auch alles hier lassen, wenn es -«
»Nein. Das geht schon. Ich muss lernen, damit umzugehen, wenn andere trinken.« Außerdem will ich nicht erneut in so eine Situation wie bei unserem letzten Treffen geraten, eben weil ich es mit den Flaschen auf dem Tisch kaum ausgehalten habe. Zumindest möchte ich die Stimmung nicht zerstören.
Ich weiß, dass ich das schaffe.
Obwohl es bereits jetzt in meinen Fingern kribbelt.
Obwohl ich einfach irgendetwas greifen will, ein Bier oder den Whisky, um ein paar große Schlucke zu nehmen und meine Nerven zu beruhigen.
Der Dämon in mir will Befriedigung.
Ich hasse das.
Hastig befreie ich mich aus Marcus’ lockerem Griff und schließe mit dem Fuß den Kofferraum. Er weicht zurück, weil er die Klappe nicht hat kommen sehen. Mit großen Augen sieht er mich an.
»Tut mir leid«, sage ich schwach. Ohne ihn noch einmal anzuschauen, umrunde ich den Wagen und reiße die Beifahrertür auf. Er lässt meinen kleinen Ausbruch glücklicherweise stehen, denn leider hat er bereits weitaus Schlimmeres mitgemacht.
Er startet den Wagen und gibt die Adresse ins Navi ein, was ich aus dem Augenwinkel beobachte. Als er aus der Parklücke fährt, schaue ich aus dem Fenster und sehe dabei zu, wie wir New York nach und nach hinter uns lassen.
Er schaltet das Radio ein, aber wirklich wahrnehmen tue ich nichts von der Musik.
Ich denke daran, wie ich mich in den letzten vier Jahren teilweise aufgeführt habe, nicht nur Marcus gegenüber. Auch meinen Eltern, meiner Schwester Mae, meinem Ex Knox und sogar meinem besten Freund Curtis gegenüber.
Curtis hat dabei stets hinter mir gestanden.
Er hat mich nicht einmal für mein Verhalten verurteilt.
Er hat mich dauernd verteidigt.
Alles tut mir unglaublich leid, aber leider kann ich es nicht rückgängig machen. Ich kann nichts daran ändern, dass ich Knox und meiner Schwester nur das Schlechteste gewünscht habe, weil ich eifersüchtig auf ihr Glück gewesen bin. Ich kann nicht ändern, mich den Tourmitgliedern gegenüber wie eine Furie benommen zu haben und ich kann auch nicht rückgängig machen, was zwischen Curt und mir passiert ist.
Ach, Curt …
Mein Herz brennt bei jedem Gedanken an ihn.
Ich erschrecke, als sich eine Hand auf meinen Oberschenkel legt. »Deine Gedanken stehen nicht still, ich sehe es.«
Ich vermeide es, Marcus anzusehen, denn ich schäme mich für alles, was ich derzeit bin, obwohl ich bereits viel hinter mir gelassen habe.
»Rede mit mir«, sagt er sanft und senkt die Lautstärke der Musik. »Du musst dich nicht dafür schämen, Alex. Ich weiß es doch und es ist in Ordnung.«
»Ich sollte Mae anrufen, wenn wir in der Hütte sind«, entgegne ich.
Marcus seufzt, seine Art mir mitzuteilen, dass er aufgibt und nicht weiter nachfragen wird. Er gibt schnell auf, er sagt, es sei wichtig mich nicht unter Druck zu setzen.
Aber manchmal benötige ich Druck.
So funktioniere ich eben.
Doch das weiß er nicht.
Leider gibt es zu viel, das er nicht über mich weiß.
Mittlerweile fasst dichter Wald den Highway ein, kleine Gebirgsketten ragen in der Ferne auf und zwischen den Kronen der teilweise bunten Bäume blitzen die Sonnenstrahlen der Abendsonne hindurch. Im Radio läuft irgendein neuer Popsong. Ich kenne die Sängerin, aber kann nicht sagen, wie sie, geschweige denn der Track heißt.
Das frustriert mich, weil ich früher immer up to date war, was neue Musik angeht, auch wenn es nicht das Genre ist, das ich gern höre.
»Du bist seit mehreren Tagen still, was ist los?« Als ich Marcus wieder ansehe, wirft er mir einen knappen Blick zu. Seine braunen Augen tragen einen Funken Hoffnung in sich. Er hofft immer, dass ich mit ihm spreche, was ich bis dato kaum getan habe.
»Ich denke nur viel an früher«, gestehe ich. Wieso ich Marcus so wenig über mein Leben und meine Gedanken verrate, kann ich nicht sagen.
»Erzähl mir davon, Baby.« Er lächelt mich an, ehe er seine Hand zurück auf meinen Oberschenkel legt und mich sanft streichelt.
Marcus ist mein persönlicher Ritter in glänzender Rüstung, der auf einem Schimmel angeritten kam, um mich von meinem Elend zu befreien. Und ich will so gerne gerettet werden, aber egal, wie sehr ich es versuche, irgendetwas hält mich auch nach sieben Monaten Beziehung davon ab, mich vollkommen auf ihn einzulassen.
»Alex?«
»Na ja, die Dinge, die eben in Red Deer passiert sind. An meine Kindheit … meine Jugend …an …«
An den Unfall …
An die Schreie der Mitarbeiter.
An Sirenen.
An das Kratzen in meiner Lunge.
»Mein Dad sagt immer, es sei wichtig, sich an Vergangenes zu erinnern, aber man darf den Fokus auf die Gegenwart und die Zukunft nicht verlieren.«
Ich lache einmal. »Hört sich nach deinem Dad an, dem Geschäftsmann.«
»Die Vergangenheit ist wichtig, aber was gerade ist … das ist es, was wirklich zählt.« Klingt etwas wie ein Postkartenspruch, doch Marcus hat recht. Erneut schenkt er mir ein Lächeln und ich erwidere es.
Ich sehe gern in sein hübsches Gesicht, wenn er lächelt. Seine Augen leuchten, obwohl er stets diesen Anflug des Geschäftsmanns im Blick trägt, so wie sein Vater.
Er umschließt meine Finger mit seinen. »Du und ich, wir zählen. Und wir werden einen wundervollen Urlaub miteinander verbringen. Gemeinsam mit deinem besten Freund. Wir werden die Abende am Kaminfeuer oder auf der Veranda sitzen, wir werden lachen und vielleicht Spiele spielen.«
»Spiele?« Ich grinse.
»Wie wäre es mit Hangman oder Activity?«
Wieder lache ich. »Bloß nicht. Dann stürze ich mich direkt hinten von der Veranda in die kleine Schlucht, von der Curt erzählt hat.«
Marcus lacht ebenfalls, es ist rau und tief und erfüllt die Kabine seines Wagens. Er drückt meine Hand einmal, wonach er das Lenkrad wieder umschließt.
Die Sonne ist bereits hinter den Berggipfeln verschwunden, der Tag weicht der Dämmerung und der Wald wird dichter. Das Navi zeigt an, dass wir noch eine halbe Stunde Fahrt vor uns haben und mein Herz klopft mittlerweile heftig.
Curtis und ich haben uns etwa zwei Monate nicht mehr sehen können, es kam immer etwas dazwischen. Schließlich hat er mit seiner neuen Band Generation Millennial viel zu tun. Sie planen im nächsten Jahr eine Tournee und arbeiten an ihrem nächsten Album. Umso mehr freue ich mich, die zwei Wochen hier oben in den Bergen mit ihm verbringen zu können.
Ich hoffe, wir machen zusammen Musik und stelle mir vor, wie wir vier gemeinsam im Wohnzimmer sitzen und singen. Nun gut, Curt und ich singen, ich weiß, dass Marcus nicht sonderlich musikalisch ist, und bei Melinda kann ich nichts dazu sagen. Dann schlafen wir alle am Kamin ein, weil wir zuvor zu viel gegessen haben und wachen auf, weil die Vögel des Waldes uns mit ihrem Gesang wecken.
Das Ferienhaus taucht zwischen den Tannen und Laubbäumen auf. Curtis hat es vor einem halben Jahr gekauft und seitdem reden wir davon, hier Urlaub zu machen. Ich sehe es zum ersten Mal in natura und schaue den Schotterplatz ehrfürchtig hinauf. Es ist aus Holz und Stein, ein Kamin ragt auf der linken Hausseite bis übers Dach. Die Veranda verläuft über die gesamte Front. Davor runden Hecken das Hüttenfeeling ab. Es ist noch imposanter als auf den Fotos, die er mir gezeigt hat.
Die Sonne spiegelt sich im Wasser des Sees, der nur wenige Schritte entfernt von der Veranda liegt, es glitzert und funkelt. Es ist atemberaubend und wundervoll kitschig. Vor einem Jahr hätte ich über so etwas gelacht, jetzt kann ich den Anblick genießen und ihn in mich aufsaugen.
Curts RAM steht bereits in der Schotterauffahrt, die Tür zum Haus sowie die Kofferraumklappe sind geöffnet.
»Die beiden sind wohl auch gerade angekommen«, murmelt Marcus.
»Du sprichst mal wieder das Offensichtliche aus.«
Er wirft mir einen finsteren Seitenblick zu, weshalb ich lache. Meine Laune hebt sich weiter, während er neben dem RAM parkt. Noch bevor er den Motor abstellt, schnalle ich mich ab und springe auf den Schotterplatz.
Ich inhaliere den Geruch von Nadelwald und Freiheit.
Um mich herum singen die Vögel ihre Lieder.
Der sanfte Wind kitzelt meinen Nacken.
Ich liebe es.
Kaum habe ich den Wagen umrundet, kommt Melinda aus der Tür. Zuerst wirkt sie irgendwie überrascht uns hier zu sehen, dann aber lächelt sie. »Alex!«
Sie hat ihre dunkelbraunen Haare zu einem hohen Zopf gebunden und ich werde mich in den zwei Wochen wirklich zusammenreißen. Wir haben keinen guten Start gehabt, vielleicht haben wir ja hier die Chance, neu zu beginnen.
»Lin!« Ich breite die Arme aus und sie kommt die Stufen hinunter. Wir drücken uns einmal und ich sehe an ihr vorbei zur Hütte. Na ja, es ist eher ein Haus. »Ist Curt drinnen?«
Sie deutet mit dem Daumen hinter sich. »Er räumt gerade das Essen ein. Wenn du reingehst dem Flur nach links folgen, dann gelangst du in den Ess- und Wohnbereich.«
Ich drücke ihre Schulter sanft. »Super.« Als ich zur Treppe eile, fasse ich ans Geländer, drehe mich aber noch einmal um. »Hey, Marcus.«
Er läuft zwischen den Autos entlang und nickt Lin zu, die ihm knapp winkt. Dann schaut er zu mir. »Hm?«
»Bin sofort wieder da, zum Ausräumen. Aber hey, wenn du schon anfangen willst, werde ich dich natürlich nicht aufhalten.«
»Geh schon rein«, fordert er lachend. Ich werfe ihm eine Kusshand zu und er fängt meinen Luftkuss auf und drückt ihn an seine Brust. Spinner.
Ich betrete das Haus und ziehe die Schuhe im Flur aus, weil ich Curt erschrecken will. Ich schleiche durch den langen Flur und spähe am Türrahmen vorbei in den Küchen- und Wohnbereich. Es ist herrlich hier. Holz und Steinwände wechseln sich ab, die Einrichtung ist zeitlos und rustikal und Curtis rundet das perfekte Bild ab, als ich ihn in der Küche entdecke.
Er räumt Dosen in einen der Hängeschränke. Ich schleiche am Esstisch vorbei. Er hält inne und ohne ihn anzusehen, spüre ich sein Lächeln. »Lin, schleichst du dich an?«
Mist.
Wie hat er mich bemerken können?
Ich verdrehe meine Augen. »Fast«, sage ich.
Curtis stellt die Dose vor sich auf die Anrichte und dreht sich langsam zu mir. Ich grinse vermutlich ziemlich breit.
Ich mag es, dass er seine dunkelblonden Haare seit neuestem raspelkurz trägt, dazu hat er einen Dreitagebart. Und seit er deutlich mehr trainiert, sieht er irgendwie bullig aus. Ich stelle mir jetzt immer vor, dass er mich einfach so überall hintragen könnte. Das schwarze Shirt von After The Burial spannt um seine Oberarme.
Er sieht wirklich gut aus.
»Ihr seid spät«, sagt er trocken.
»Ein Zauberer kommt niemals zu spät. Ebenso wenig zu früh. Er kommt genau dann, wenn er es beabsichtigt.« Ach, ich habe es vermisst, Sätze aus Herr der Ringe zu zitieren. Das mache ich nur mit Curt, weil wir beide Tolkien lieben.
Ich eile um den Tisch auf ihn zu.
Sofort fühle ich mich heimisch in diesem fremden Haus.
Curtis breitet seine Arme aus, ich springe hinein und er macht einen Schritt zurück, wobei wir beinahe das Gleichgewicht verlieren und lachen.
So fest ich nur kann, schließe ich meine Arme um seinen Hals und er zerquetscht mir beinahe die Rippen, aber es ist mir egal. So muss es sein.
»Ich habe dich echt vermisst«, flüstere ich an seinem Ohr.
Er hält mich noch fester, ich sauge seinen Tannennadelduft in mich auf. Er erinnert mich an die Umgebung hier, als wäre Curt eine perfekte Symbiose mit ihr eingegangen.
»Ich dich auch, Alex.«
Ich mag es, dass er mich noch immer so nennt. Knox hat mich zu oft bei meinem Künstlernamen gerufen, Reagan, das habe ich nie leiden können.
Wir schauen uns an, ich mustere seine graublauen Augen ganz genau und Curtis lässt mich langsam zurück auf den Dielenboden. Einen stillen Moment stehen wir einfach da und lächeln, bis ich mich der Anrichte zuwende. »Kann ich dir helfen?«
Er greift den geöffneten Karton und zieht ihn über die Front. »Hier sind noch ein paar Konserven.«
Wir räumen einige Dinge in die Schränke. »Ich habe das Regelwerk mit«, sage ich verschwörerisch.
Curtis hält inne. »Welches?«
»Beide.«
»Das bedeutet …«
»Lass es uns tun!«
»Verdammt, ja.« Er stellt eine weitere Dose in den Hängeschrank. »Weiß Marcus Bescheid?«
»Nein, er kennt meine nerdige Seite noch nicht. Aber ich dachte, die beiden Wochen wären eine gute Gelegenheit, mal wieder reinzukommen. Vielleicht gefällt es den beiden.«
»Wir suchen schon ziemlich lang nach neuen Spielern … einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.«
Früher haben wir gemeinsam mit Cory gespielt …
Hastig greife ich nach der nächsten Dose und räume danach ein paar weitere Lebensmittel in den Kühlschrank. »Weiß Melinda Bescheid?«
»Nope.« Curtis grinst schief, während ich ihm einen Schulterblick zukommen lasse.
Ruckartig richte ich mich auf. »Ach, ich muss Marcus helfen.« Ich schlage meine Hand gegen die Stirn, denn nehme ich Curtis’ Hand und ziehe ihn hinter mir her. »Du musst ihm auch noch Hallo sagen.« Wir gehen durch den Flur.
»Habt ihr gut hergefunden?«
Ich sehe mich zu ihm um. »Danke an Mr. Navigation … Wobei wir die Einfahrt zu dem Weg hier beinahe verpasst hätten.«
»Ist alles ziemlich versteckt.«
Im Vorbeigehen greife ich nach meinen Schuhen, wir verlassen das Haus und ich lasse Curt los. »Ich mag es hier, das Haus ist toll.« Auf der Veranda bleiben wir stehen und ich drücke seinen Oberarm kurz. Seinen wirklich harten Oberarm. Das überrascht mich doch. »Gut gekauft, Curt.«
»Danke.« Er sieht einmal über die Front und reibt seinen Hinterkopf. »Ich war erst nicht sicher … aber dann dachte ich: Wieso nicht?«
Ich setze mich auf die oberste Treppenstufe und ziehe meine Schuhe an. »Manchmal muss man einfach auf seinen Bauch hören …« Mein Blick schweift zu Marcus, der hinter seinem Wagen steht und mit Melinda spricht. Allerdings gleitet er zurück zu Curtis, der zu den beiden schaut. »Oder auf sein Herz«, flüstere ich.
»Was?«, fragt Curt und sieht mich wieder an.
»Nichts. Schon gut.« Mit einem knappen Lächeln stehe ich auf und strecke mich einmal. »Hast du die Gitarre mit?«
»Nein, natürlich nicht. Ich dachte mir: Hey, zwei Wochen in einer abgelegenen Hütte, da brauche ich die bestimmt nicht.«
Ich lache und hüpfe die Stufen hinunter. Auf dem Schotterplatz salutiere ich. »Heute Abend, Sir. Keine Ausreden.« Ich deute auf ihn, während ich ein paar Schritte rückwärts gehe.
Curtis lehnt sich mit verschränkten Armen ans Geländer und schüttelt mit einem Lächeln den Kopf. Dabei gleitet meine Aufmerksamkeit zu seinen tätowierten Unterarmen. Als ich mich umdrehe, grüßen sich die Männer und ich eile zu Marcus, der gerade meinen Basskoffer aus dem Wagen zieht.
»Vielen Dank, ab hier übernehme ich.« Vorsichtig nehme ich mein Schätzchen an mich und schultere den Koffer. Marcus reicht mir noch eine der kleineren Taschen. Damit gehe ich zurück und gehe die Treppe hoch.
»Ich zeige euch das Zimmer«, sagt Curtis. Er geht vor mir in den Flur und wie von selbst gleitet meine Aufmerksamkeit seinen Rücken hinunter. Er trägt nur eine Jogginghose, weshalb sich sein Hintern beim Gehen echt gut abzeichnet.
»Was ist mit deinem Arsch passiert?«, frage ich.
Curtis bleibt im Rahmen zum Flur stehen und sieht über seine Schulter zu mir. »Ähm … was?«
Ich schaue wieder runter. »Dein Hintern. Der macht ganz schön was her.«
Er wackelt dann ernsthaft damit als wäre er eine Ente. »Ich habe überlegt, so eine Jogginghose zu kaufen, die den Hintern besonders betont.«
Wir gehen weiter und biegen nach rechts ab.
»Ich empfehle dir, das wirklich zu tun. Ich denke, dann würdest du viele Dinge umsonst bekommen. Drinks. Essen. Vielleicht mal eine Gallone Benzin.«
Hier im Flur hängen ein paar unserer alten Konzertposter. Sie sind alle gerahmt und ich finde es zuckersüß, dass Curtis das getan hat.
Er öffnet die erste Tür auf der linken Seite. »Hier ist euer Zimmer. Ihr habt auch ein eigenes Bad. Hinten links.« Er deutet in den Raum und ich werfe einen Blick hinein. Marcus’ großer Koffer steht schon neben dem Bett, Lin muss ihm das Zimmer gezeigt haben.
Es ist ebenso rustikal wie der Rest, den ich bereits gesehen habe. Ein Holzbett steht mittig an der Wand, es ist mit weißen Laken bezogen und darauf liegt eine zauberhafte Flickendecke.
Curtis hat sich echt Mühe gegeben, es kommt mir ein wenig wie in einem Hotel vor. Allerdings riecht es hier besser. Alles ist voller Tannennadelduft.
Die Fensterfront ist breit und beinahe bodentief, das liebe ich. Gegenüber steht eine Kommode, außerdem ist dort ein eingelassener Schrank. Dahinter entdecke ich die Tür zum Bad.
Ich zeige auf die Tür gegenüber im Flur. »Ist das euers?«
»Genau.«
»Hoffentlich höre ich euch nicht beim Vögeln.« Neugierig gehe ich in den großen Raum und stelle die Tasche auf die kleine Bank vor dem Bett. Meinen Basskoffer lehne ich vorsichtig an das Bettgestell.
»Die Türen sind dick.«
Ich sehe Curt mit extra hochgezogenen Brauen an, während ich mich umdrehe. »Muss ich dich an die Tour erinnern, in der du eine Frau nach der anderen in dein Bett gezerrt hast? Du klingst wie ein wilder Stier, wenn du rangehst, als wenn diese Papptüren, die an japanische Shojos erinnern, irgendwie geräuschunterdrückend wirken.«
»Ein Stier?« Er kräuselt die Nase, was zum Niederknien ist. »Ich bin leise wie ein schlafender Welpe.«
»Was ist denn das für ein dämlicher Vergleich?« Ich muss wieder lachen und schon jetzt genieße ich die Zeit mit ihm ungemein. Als ich ruhiger werde, schaue ich ihn einen Moment still an. »Es ist wirklich schön, dich wiederzusehen. Es ist zu lang her.«
Curtis lehnt sich in den Rahmen und schiebt die Daumen in die Hosentaschen. »Ja … das ist es.«
Seine graublauen Augen halten meinen Blick fest.
Und für diesen winzigen Moment nehme ich nichts außer Curt wahr, fühle nichts außer ihm …
Irritiert unterbreche ich den Augenkontakt und wende mich ab. »Ich werde mal das Bad inspizieren.« Dabei gehe ich durch den Raum und öffne die Tür.
Allerdings spüre ich seinen Blick weiterhin auf mir.
Was zur Hölle ist das?
Vorsichtig luge ich an der Tür vorbei zu Curtis, der mich einfach nur ansieht, er hat sich noch nicht bewegt.
Ich hebe die Brauen, was ihn aus der Starre reißt. Wortlos wendet er sich ab, verschwindet aus meinem Sichtfeld und ich bin vollkommen überfordert.
Was war das bitte?
Erster Impuls
»Baby, hast du zufällig an mein Deo gedacht?« Marcus wühlt durch seine Tasche und wirft einige Badezimmerutensilien aufs Bett.
Mit einem Augenrollen greife ich in das Seitenfach und ziehe es heraus. »Was würdest du nur ohne mich tun, hm?«
Er schenkt mir ein schiefes Lächeln, danach zieht er mich an sich und drückt mir einen Kuss auf die Schläfe. »Dann würde ich zwei Wochen lang riechen wie ein echter Mann.«
»Das bedeutet mit dem Deo riechst du nicht mehr wie ein echter Mann?«
»Dann dufte ich nach dem süßen Erzeugnis der Wirtschaft.«
»Du hast sie ja nicht mehr alle.« Amüsiert schnappe ich meinen Kulturbeutel und gehe damit rüber ins Bad. Während ich ihn auf die Holzanrichte lege, die um das Waschbecken herum verläuft, entdecke ich auch die freistehende Wanne vor der Regendusche. Die Dusche ist durch eine Glasscheibe sowie darin eingearbeitete Holzstreben vom Rest des Raums abgetrennt. Es versprüht den Charme des Regenwalds.
Das ist mir vorhin gar nicht aufgefallen. Nachdem Curtis verschwunden ist, habe ich die Tür geschlossen, ohne etwas vom Raum aufgenommen zu haben. Als Marcus das Zimmer betreten hat, habe ich ihn erst gar nicht wahrgenommen, bis er vor mir stand und vor meinem Gesicht geschnipst hat.
Ich schüttle diesen unsinnigen Mist aus meinen Gedanken, ehe ich mich in irgendetwas verzettle, das absolut unangebracht ist.
Also packe ich mein kleines Täschchen aus. Ich stelle meine Lotionen neben das runde Waschbecken und reihe die anderen Pflegeartikel auf dem Regal neben dem Spiegel auf.
»Wo ist -«
»Anderes Seitenfach!«, rufe ich und muss lachen. »Wie kannst du deinen Job überhaupt machen?«
Er ist zwar nicht der Älteste der Brüder und wird die Anwaltskanzlei seines Vaters nicht übernehmen, dennoch arbeitet er seit der Beendigung seines Wirtschaftsstudiums dort.
Marcus streckt den Kopf ins Bad. »Dafür habe ich doch meinen wundervollen Assistenten.« Er wackelt mit dem Rasierer. »Danke dir.« Er blickt sich um und bleibt einen Moment an der halboffenen Dusche hängen. Dann sieht er mich an und verzieht seine geschwungenen Lippen zu einem himmlisch teuflischen Lächeln. »Die Dusche ist ein Traum … Lust, später etwas Versautes zu machen?«
»Wir werden sehen«, entgegne ich, um ihn etwas zu ärgern. Natürlich werden wir später versaut unter der Dusche sein. Ich habe wirklich gern Sex mit Marcus, es macht Spaß und er teilt meine Vorlieben.
Für einen Moment mustert er mich und mein Lächeln scheint ihm die Antwort zu geben, die er haben wollte.
Er verschwindet wieder und ich drehe mich zur Dusche um. Gedankenverloren lasse ich meine Finger an der kleinen Pflanze entlangwandern, die auf einem der oberen Balken steht. Es ist eine Kunstblume, die finde ich grausig, aber ich verstehe schon, dass Curt hier keine echten aufstellt. Die würden nur eingehen, die armen Dinger.
Ihre dünnen Stängel mit den kleinen Blättern fallen etwa bis zu meiner Hüfte und runden das Bild der tropischen Regendusche perfekt ab.
Ich liebe es hier und bin wahnsinnig auf den Rest des Hauses gespannt. Curts Wohnung in Manhattan ist ebenso wundervoll, er hat ein Auge für Einrichtung. Er steht auf Art Deco und hat einiges im Stil der Zwanziger eingerichtet. Ich bin gerne bei ihm, es ist edel sowie heimelig, zeitlos aber auch temporär, nahbar und doch einschüchternd.
Ein perfektes Abbild von ihm.
Auf der Ablage neben dem Duschhahn stehen drei kleine Shampooflaschen, ebenfalls wie in einem Hotel. Grinsend nehme ich eine auf und entdecke einen kleinen Zettel dahinter, nach dem ich ebenso greife. Mit zwei Fingern kann ich ihn aufklappen und muss mir bei den Worten auf die Lippe beißen.
Nur für dich – eine kleine Auswahl an klitzekleinem Shampoo. Mandel, Pfirsich und Melone. Weil ich weiß, dass es in jedem Hotel das Erste ist, was du in die Hand nimmst.
Curt.
Gedankenverloren streiche ich mit dem Daumen über seine recht unleserliche Schreibschrift. Sofort muss ich an seine Songtextblöcke denken und daran, wie er immer ausflippt, weil er seine eigene Schrift meistens kaum noch entziffern kann. Knox und ich haben ihm zum Geburtstag mal ein iPad geschenkt, aber Curt hat es nicht genutzt, er schrieb weiter auf den Blöcken und regte sich weiterhin auf.
»Alex?«
»Hm?« Ich sehe mich zu Marcus um, der wieder im Türrahmen lehnt. Er hat einen Daumen in die Tasche der beigefarbenen Stoffhose gehakt, genau wie Curt und irgendwie doch ganz anders.
Hektisch klappe ich den Zettel zu und möchte ihn in meine Hosentasche schieben, da setzt sich Marcus in Bewegung. Vor mir macht er Halt und ich will ihm Curts Nachricht vorenthalten, aber im gleichen Augenblick fühle ich mich vollkommen bescheuert, weil es lediglich eine nette Geste ist. Also klappe ich ihn auf und stelle dabei das Shampoo zurück auf die Ablage. Als Marcus mir das Papier aus der Hand nimmt, gehe ich an ihm vorbei und betrete das Schlafzimmer.
Vor der Fensterfront bleibe ich stehen und balle die Hände, denn es macht mich nervös, dass er das liest. Ich starre stur auf das Stück Veranda, neben dem ein kleiner Abhang beginnt.
Im Augenwinkel sehe ich ihn in der Tür stehen. »Nur für dich«, liest er vor. »Nur für dich?«
Ich schaffe es, ihn anzusehen, er hat die Stirn in tiefe Falten gelegt.
»Ist doch nett, oder?« Klinge ich total verkrampft oder meine ich das nur?
Er hebt den Zettel etwas höher. »Nur für dich?« Jetzt wackelt er damit. »Steht er auf dich?« Marcus hat die Stimme gesenkt und wirft einen Blick zur geöffneten Zimmertür.
»Spinnst du?« Ich gehe zu ihm und reiße ihm das Stück Papier aus der Hand. »Das ist absurd und das weißt du genau. Curtis ist mit Melinda hier.«
Wenig überzeugt legt er den Kopf auf die Seite. »Ich habe mich bei unserem letzten Treffen schon gefragt, ob da von seiner Seite aus mehr ist.«
»Ähm … was?« Mein Herz klopft bei dem Gedanken peinlich schnell.
»Na ja, wie er dich immer behandelt. Das empfinde ich schon als auffällig.«
»Marcus, du siehst Gespenster. Wir sind Freunde und ich bin sicher, dass Curtis das ebenso sieht.«
»Ich mag es nicht, wie er dich ansieht.«
Ich blinzle perplex. »Was? Wie soll er mich denn bitte ansehen?«
»Na … wie ein Mann, dem gefällt, was er sieht.«
»Schwachsinn.«
»Du bist eine hübsche Frau, wieso sollte er es also nicht tun?«
»Okay, hör einfach damit auf«, sage ich schärfer.
Er kneift die Augen leicht zusammen. »Warte … stehst du etwa auf ihn?«
»Hör jetzt auf, so einen Unsinn zu reden«, fauche ich regelrecht und er zuckt überrascht zurück. Sofort hebe ich die Hände. »Tut mir leid … das ist nur ein so absurdes Gespräch …«
Er verschränkt die Arme.
»Willst du jetzt wirklich deswegen streiten?« Ich wedle leicht mit dem Papier in der Luft, wonach ich es in meine hintere Hosentasche schiebe und auf Marcus zugehe. »Es ist einfach eine nette Geste«, sage ich sanft und lege meine Hände an seine Brust.
Er löst die Arme, umschließt meinen Nacken und knetet diesen sanft. »Wann sprichst du mit Curtis?«
Sofort ziehe ich meine Hände weg und senke den Blick. »In den nächsten Tagen.«
»Wenn wir zurück sind, hast du auch nicht mehr viel Zeit dazu«, erinnert er mich.
Schon seit Wochen drücke ich mich vor dem Gespräch mit meinem besten Freund, möglicherweise ist das einer der Gründe, weshalb wir uns kaum gesehen haben. Möglicherweise schiebe ich seinen Zeitmangel auch nur vor, denn ich weiß, dass er oft mit seinen Bandkollegen ausgegangen ist. Vielleicht ist es meine Art, vor der Gewissheit wegzulaufen, dass ich ihn dann so gut wie nie mehr sehen werde.
»Ich … wollte Mae anrufen, sobald wir hier sind«, sage ich verlegen und wende mich von Marcus ab.
Der seufzt deutlich, aber ich ignoriere, dass ich ihm ein mieses Gefühl gebe, schließlich fliehe ich mal wieder vor einem wichtigen Gespräch mit ihm.
Was ich noch vor einem Jahr als normal angesehen habe, versetzt mir heutzutage kleine Stiche in meine Brust, weil ich seit der Therapie viel reflektiere. Gezwungenermaßen. Seitdem weiß ich immer häufiger, wann ich jemanden verletze und weshalb ich mich benehme, wie ich es eben tue. Und das ist schlimmer als Unwissenheit.
Mit wenigen Handgriffen habe ich meine Handtasche geschnappt und Handy rausgezogen. Damit eile ich durch den Flur und renne beinahe Melinda um.
»Huch«, stößt sie aus.
»Sorry!«, rufe ich im Vorbeigehen.
Auch Curtis kommt mir entgegen, ihn ignoriere ich ebenfalls, ich kann ihn gerade nicht einmal ansehen, und starre stur auf den dunklen Holzboden. Auf der Veranda atme ich auf und scrolle durch die Kontakte, bis ich bei Mae angelangt bin. Ich halte das Telefon ans Ohr, nehme die Treppe und gehe ein Stück, vorbei an den Autos, bis ich einen kleinen Trampelpfad erreiche, der zum See führt.
»Hey, Schwesterherz«, sagt sie.
»Marble Mae.« Ich kann ihr Grinsen regelrecht vor mir sehen, weil ich sie so nenne, wie ihr Freund Knox es immer tut. »Wir sind gut angekommen.«
»Und? Wie ist es?«
»Es ist …« Mittlerweile stehe ich am Wasser und schaue mich einmal um. Das Haus verschwindet halb hinter den Büschen und Bäumen. »Ruhig. Ich denke, wir werden eine gute Zeit haben.«
Leider bin ich schon jetzt vollkommen durcheinander und verflucht, wieso nimmt das Chaos ausgerechnet dann Besitz von mir, wenn ich Curtis nicht ausweichen kann?
Der See erstreckt sich über einige hundert Meter, am anderen Ufer ist ein Hotel. Zumindest sieht es von hier so aus. Grillen zirpen im Geäst, wenige Frösche unweit von mir quaken um die Wette.
»Knox und ich wären so gern dabei.«
»Ich weiß«, sage ich ruhig. »Es wäre auch schön, wenn ihr Zeit gehabt hättet.« Leider hat Knox mit Ivory Dice noch mehr zu tun als Curt mit den Millennials. Sie sind endlich wieder komplett und schreiben Songs für das nächste Album. Das bedeutet, dass die Band derzeit buchstäblich im Label wohnt.
Für einen Moment schaue ich mich auf dem Sandboden um und setze mich dann an eine Stelle, die frei von Ästen und Gestrüpp ist.
»Wie geht es Curtis und seiner Freundin? Wie hieß sie noch? Gott, ich vergesse ihren Namen immer.« Mae lacht verlegen.
»Melinda.« Ich muss schmunzeln. Das ist ein Phänomen, Mae vergisst nie Namen, nur ihren. »Scheint den beiden ganz gut zu gehen. Wir sind ja gerade erst da, habe noch nicht viel mit Curt gesprochen.«
»Und wie geht es dir?«
Mae und ich sehen uns jede Woche – Mae besteht darauf – und seit ich aus dem Entzug zurück bin, hört sie nicht auf, mich das zu fragen.
»Gut.« Ganz okay, wäre die Wahrheit. Manchmal geht es besser als an anderen Tagen.
»Wie geht es dir wirklich?« Auch das fragt sie jedes Mal, weil sie weiß, dass ich mich gern vor der Wahrheit drücke.
»Es geht«, gebe ich zu.
»Wann sprichst du mit Curtis?«
Ich will nicht daran denken, aber ich muss, das ist mir klar – ich muss mich damit auseinandersetzen, dass sich unsere Wege bald trennen.
Verlegen knete ich mein Knie. »Keine Ahnung. Ich habe Angst, mit ihm zu reden. Er wird wütend sein.«
»Wieso sollte er denn bitte wütend sein?«
»Ich werde ihm wehtun.«
Mae schweigt einen Moment, in dem ich einen Stein ins Wasser werfe. Er erzeugt kleine Wellen, die sich ausbreiten. Sie ziehen Kreise und erinnern mich an die Zerstörung, die sich durch meine Hände schleichend, aber dennoch kontinuierlich verbreitet hat.
»Wenn du jetzt mit ihm sprichst und ihm deine Beweggründe erklärst, wird er es verstehen. Es ist Curtis.«
Ich weiß, dass sie recht hat, Curtis ist einer der Menschen, die solche Dinge und verrückte Entscheidungen verstehen. Dennoch hält mich die hässliche Gewissheit der Trennung davon ab, ein Gespräch mit ihm zu führen, schon seit Wochen.
»Marcus fragt viel nach früher«, wechsle ich lieber das Thema. »Ich spreche noch immer nicht mit ihm.«
Im Augenwinkel nehme ich Bewegungen wahr und schaue hinüber zur Veranda. An der Ecke, die zum hinteren Bereich führt, stehen Melinda und Curt. Sie schlingt ihre Arme um seinen Hals, er legt seine Hände an ihre Taille und lässt sie höherwandern. Für einen Moment starre ich die beiden an, dann aber prügle ich mir ein, dass die Zweisamkeit ihnen gehört und mich nichts angeht.
Dennoch bemerke ich diesen winzig kleinen Pikser in meinem Herzen.
Wieso verdammt jetzt?
Ich will dieses fiese und zerfressende Gefühl von mir fernhalten, aber es klappt leider nicht.
Hastig sehe ich auf den stillen See.
»Warum das so ist, verstehe ich noch immer nicht«, murmle ich.
»Hast du das auch in der Therapie behandelt?«, hakt Mae nach.
»Nein. Irgendwie kam es mir nicht so wichtig vor … aber seit ein paar Tagen denke ich darüber nach und frage mich, warum ich ihm nichts anvertrauen möchte.«
»Du brauchst noch etwas Zeit, das ist in Ordnung.«
Ach, Mae.
Meine Schwester ist ebenfalls zu gut für diese Welt, aber auch das kann ich erst honorieren, seit ich clean bin. Sie ist ein Engel und das nicht nur im übertragenen Sinne. Zuvor habe ich sie verteufelt und war eifersüchtig auf alles, was sie erreicht hat, jetzt sehe ich, was sie tatsächlich ist.
Eine Bereicherung.
Es war schwer, zu einem guten Verhältnis zurückzufinden, aber Dutzende Gespräche und auch eine gute Portion Anstrengung haben mich meiner Schwester näher denn je gebracht.
»Marcus und ich sind über ein halbes Jahr zusammen. Sollte ich nicht langsam mit ihm sprechen?«, frage ich.
»Das bedeutet nicht, dass du gezwungen bist, ihm alles anzuvertrauen. Glaubst du, es liegt an der Beziehung zwischen Knox und dir?«
Diese dumme Geschichte mit Knox. Ich dachte wirklich, ich liebe ihn, dabei haben mir der Stress und der Druck der Musikbranche einfach einen Streich gespielt. Im Endeffekt haben wir nicht zusammengepasst, das verstehe ich nach ewigem Kampf mit meinen sturen Gedanken.
Mae und er … sind wundervoll zusammen und hätten von Anfang an ein Paar werden sollen. Allerdings ist Knox nicht der Grund, wieso ich nicht mit Marcus spreche, das ist mir bewusst.
»Vielleicht … vielleicht nicht. Keine Ahnung«, antworte ich, währenddessen reibe ich mit der Hand über mein Gesicht.
Auf einmal fühle ich ein seichtes Kribbeln in meinem Nacken. Ein wenig, als würde man mit einer Feder darüberstreichen. Verwirrt sehe ich mich um und schaue danach an den Büschen vorbei, bis ich Curts Blick begegne.
Er steht nach wie vor mit Lin auf der Veranda, doch seine Aufmerksamkeit liegt auf mir.
Sein Blick ist wie immer beruhigend … aber irgendwie … ist etwas anders. Oder meine ich das nur?
Meine Wahrnehmung hat mir in den letzten Jahren zu oft Streiche gespielt und so ganz traue ich ihr nach wie vor nicht.
Ich winke schwach, Lin schaut zu mir herüber und dreht sein Gesicht in ihre Richtung. Das Kribbeln verschwindet und ich drücke irritiert mit der freien Hand auf die Stelle.
Dass ich es spüre, wenn er mich ansieht, ist neu.
»Hallo?«
»Was?« Ach ja, Mae.
»Wo bist du denn auf einmal mit deinen Gedanken?« Sie klingt amüsiert und ich kann nicht anders und sehe erneut zur Veranda. Aber die beiden sind weg.
»Bei Curt«, sage ich leise. Sie lacht einmal. »Was gibt’s denn da zu lachen?«
»Nichts, gar nichts.«
»Mae«, sage ich streng. »Wieso lachst du darüber?«
Sie bleibt still und ich werde ungeduldiger. Gerade, als ich noch etwas sagen will, bricht sie das Schweigen. »Es ist keine gute Idee, wenn wir darüber reden.«
Langsam stehe ich auf, wobei ich mir den Sand von der Hose klopfe. Ich mache einen Schritt auf den See zu. »Was soll das bitte bedeuten?«
Ich will es wissen. Was sie auch sagen will, wenn sie schon so anfängt, muss ich es einfach wissen. Gibt es möglicherweise etwas, das Curt mir sagen muss? Hat er ebenfalls neue Pläne? Er will mit Lin zusammenziehen, hat es damit zu tun? Will sie mich möglicherweise nicht in ihrem gemeinsamen Leben haben?
Nach unseren ersten misslungenen Treffen wäre das nicht verwunderlich.
Verdammt, ich mache mich wie immer total verrückt.
»Mae«, fordere ich wieder.
»Es …« Sie macht eine weitere Pause. »Alex, wir sollten echt nicht darüber reden.«
»Komm schon, kleine Schwester. Ich vertraue dir, ich lege Wert auf deine Meinung.«
»Es geht um Curtis und dich und auch um Marcus und dich.«
Nervös gehe ich weiter zum See und bemerke erst kurz darauf, dass ich im Wasser stehe. »Shit«, nuschle ich und mache hastig einen großen Schritt zurück. Zum Glück sind nur die Sohlen meiner mintgrünen Vans nass. »Mae, kannst du jetzt bitte sagen, was diese Geheimnistuerei soll? Vor allem, was soll das denn bitte bedeuten, es geht um uns drei?«
»Kannst du dir das nicht denken?«
»Nein!«, sage ich aufgebracht, beruhige mich jedoch sofort. »Sorry … bitte, rede mit mir.«
»Okay, aber wirf mir nachher bitte nicht vor, dass du es nicht hören wolltest.«
»Versprochen.«
Sie atmet noch einmal hörbar ein und aus. »Ich glaube, du sprichst nicht mit Marcus, weil du jemand anderen liebst.«
Ähm, was? Wie bitte?
Einige Sekunden starre ich stur auf den See, dann gluckse ich und dann lache ich. »Und mit jemand anderem meinst du …?«
»Curtis.«
Wieder lache ich und schüttle dabei den Kopf. »Nein. Einfach nein. Nein.« Ich lache weiter. »Nein. Neeein. Nope. Nein. Nicht wirklich. Niemals.«
Oder?
Gott, nein.
»Alex.« Mae klingt weder amüsiert noch verärgert, ihr Tonfall ist irgendwie … bemitleidend. Deswegen werde ich ruhiger und stehe schlussendlich vollkommen starr da. »Ob das stimmt, kannst nur du beantworten, aber ich für meinen Teil glaube, dass du es tust.«
Sie hat unrecht.
Mein Herz wummert in meiner Brust.
»Das … ist nicht wahr«, flüstere ich.
»Knox denkt das auch.«
»Was?« Meine Stimme ist schrill und klingelt in meinen Ohren. »Wieso sprichst du mit ihm darüber?«
»Er hat mich darauf angesprochen, weil ihr schon früher immer aufeinander gehockt habt. Zur Zeit von Ivory Dice, sagte er«, erklärt sie und mir bleibt jedes Wort im Hals stecken. »Erinnerst du dich an den Abend, als du uns Marcus vorgestellt hast?«
»Ja …«
Mae und Knox haben Marcus, Melinda, Curt und mich zum Essen eingeladen, natürlich erinnere ich mich an den Tag. Melinda und ich haben uns wegen des Weins gestritten. Zu der Zeit war es mir nicht möglich, an einem Tisch zu sitzen, auf dem auch eine Flasche Alkohol stand. Sie hat es ignoriert, ich bin ausgeflippt und Curtis hat mich – wie immer – verteidigt. Weshalb sie noch wütender wurde.
»Knox sagte, Curtis’ Blick habe alles gesagt«, erzählt Mae.
»Moment mal, was? Curtis?«
Sie nuschelt irgendetwas, das sich wie ein Fluch anhört, und ich weiß, sie hat sich verplappert.
»Soll das bedeuten, Marcus hat recht?« In meinem Kopf entsteht ein seltsames Rauschen, meine Synapsen arbeiten auf Hochtouren und jagen den Gedankenfetzen durch meinen Kopf.
»Ich weiß nicht, was Marcus gesagt hat, also keine Ahnung.«
»Er hat mir vorhin gesagt, dass ihm nicht gefällt … wie …« Ich fahre durch meine Haare und schließe die Augen. »Gott, das ist so absurd. Er sagte, Curtis sehe mich eben so an.«
»Alex?«, ertönt es hinter mir.
Ich schreie auf und werfe vor Schreck beinahe das Handy in den See. Mit vor der Brust gepresster Hand drehe ich mich um – zu Curt. Dem Mann, dem ich gerade eigentlich nicht gegenüberstehen will.
»Ich muss los, ciao«, sage ich zu Mae und beende das Gespräch. Hastig schiebe ich das Gerät in meine hintere Hosentasche und bemerke, wie ich Curtis’ kleine Nachricht mit dem Teil zerknittere. Mist.
Er steht mir im Weg und ich sondiere die Lage, ob ich möglicherweise durch den Busch fliehen kann. Das wäre elegant und reichlich bescheuert, würde ich einen Hechtsprung durch die Brombeersträucher machen.
»Ich wollte euch den Rest vom Haus zeigen.« Er lächelt mich spitzbübisch an. »Mir wem hast du gesprochen?«
»Was hast du gehört?«, halte ich dagegen.
»Nur Dinge über Marcus und Gott.« Er hebt die Hände. »Mehr Infos brauche ich nicht, keine Sorge. Ich verstehe schon.«
»Jetzt ist es raus, Marcus ist ein Gott in Bett. Sorry, dass du es so erfahren musst.«
Anstatt ein Grinsen auf seinem Gesicht zu sehen, runzelt er die Stirn und sofort tut mir der Satz leid.
»Das glaubst du mir doch nicht etwa?«
Jetzt lächelt er wieder und mir ist bewusst, dass er etwas Bescheuertes sagen wird. »Also ist er eine Niete im Bett?«
»Curt«, sage ich lachend. »Verdreh mir nicht die Worte im Mund.«
»Ich arbeite lediglich mit den Informationen, die du mir gibst, Alexandra.«
Es schüttelt mich. »Bah, nenn mich doch bitte nicht so.«
»Kommst du? Ich will euch die Sauna und den Trainingsraum zeigen.«
»Erspar mir den Anblick von dir in der Sauna.« Das sollte witzig sein, aber kaum habe ich es ausgesprochen, merke ich, wie verletzend das war.
Jetzt sieht er mich empört an und ich will mir am liebsten selbst vor die Stirn hauen, weil ich manchmal echt die Klappe halten sollte. Er hat lange Zeit ein Problem mit seinem Körper gehabt, er war bis vor einem Jahr extrem schlank. Das hat ihm stark zugesetzt.
»Curt … sorry«, sage ich leise.
Ein schwaches Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, aber es erreicht seine Augen nicht. »Schon klar.« Er nickt.
»Curtis«, sage ich mit Nachdruck. »Es tut mir leid, ich habe nicht nachge-«
Er hebt die Hand, weshalb ich die Klappe halte. »Du denkst öfter nicht nach, ich weiß.«
Scheiße.
Ich mache einige Schritte auf ihn zu, weil ich ihn schwer getroffen habe und mein Herz brennt. Nichts liegt mir ferner, als ihn zu verletzen. »Du weißt hoffentlich, dass dein Körper dich nicht ausmacht. In meinen Augen bist du wundervoll.« Seine Miene wird weicher und ich mache noch einen Schritt auf ihn zu. »Du bist der tollste Mensch, den ich kenne.«
Jetzt grinst er. »Ach, und Marcus?« Interessiert legt er den Kopf auf die Seite und verschränkt die Arme.
»Komm schon, du weißt, wie ich das meine.«
»Nein. Erleuchte mich.«
»Du bist der tollste Mensch, den ich nicht zwischen meine Beine lasse.«
»Wie nett.« Er gluckst.
»Aber Marcus sieht natürlich besser aus … in meinen Augen.«
Verdammte Lüge.
Ich finde Curt hübscher. Marcus ist glatt und schön, er könnte locker auf diversen Model-Zeitschriften abgebildet sein, aber Curt hat Ecken und Kanten und das mochte ich schon immer. Er hat von Anfang an eine intensive Wirkung auf mich gehabt.
Curtis mustert mich weiterhin interessiert.
»Okay, um das ein für alle Mal zu klären. Heb dein Shirt hoch.«
»Wie bitte?«
»Komm schon.«
Er zögert, aber dann zieht er den schwarzen Stoff über seinen Bauch und schließlich auch Brustbereich. Der Großteil seiner Haut ist mit dunklen Tattoos bedeckt, was mir nicht neu ist. Neu ist allerdings seine breite Brust.
»Okay, wow«, stoße ich aus, weil das Shirt doch einiges versteckt hat. »Du … wow. Verdammt, was hast du angestellt in dem einen Jahr?«
Er hat kein Sixpack, dafür eine kleine Speckschicht über seinem Bauch, aber seine Brustmuskeln sind ausgeprägt und ich kann gerade nur darauf starren, wie sie in seinen Bauchbereich übergehen.
»Wow«, sage ich wieder nur, als würde meine Platte hängen. »Du, mein Guter …« Ich deute fahrig über seinen Oberkörper. »Du darfst gerne neben mir in der Sauna sitzen.«
Als ich zurück in seine Augen schaue, blitzt etwas extrem Amüsiertes darin auf. »Hey!?«, rufe ich. »Du hast mich verarscht!«
Er lacht und zieht das Shirt runter. »Wie du sagtest, ich habe mich ganz schön gemacht. Aber danke für das Kompliment.«
»Du verdammtes Arschloch, du wolltest nur hören, dass ich deinen Körper gut finde.«
Er nickt und zuckt dabei mit den Schultern und ich gehe zu ihm und boxe ihm fest gegen den Oberarm, den er lachend hält. »Wichser.« Als ich an ihm vorbeigehe, werfe ich ihm noch einen finsteren Blick zu. »Ich erdrossle dich heute im Schlaf.«
»Bedeutet das, dass du bei mir schlafen willst?«
»Nicht in eintausend Jahren.« Schnaubend gehe ich in Richtung Haus.
»Und? Ist er immer noch attraktiver?« Er lacht.
Ich zeige ihm blind den Mittelfinger und höre nur wieder sein dämliches Lachen. Dennoch kann ich mir mein eigenes nicht verkneifen.
Ich gehe die Treppe hoch und Curt erreicht mich, weshalb ich zu ihm sehe. Ich bleibe stehen und er tut es mir gleich, allerdings eine Stufe unter mir, sodass wir ungefähr auf Augenhöhe sind. »Geht es dir gut mit deinem Körper?« Meinen Tonfall halte ich ruhig.
»Ja, das tut es.«
Das freut mich. »Ich habe gerade echt Angst gehabt, dich verletzt zu haben.«
»Hin und wieder habe ich noch kleine Aussetzer.« Er deutet eine Waage mit der Hand an. »Aber normalerweise bin ich stabil, was meinen Körper betrifft.« Amüsiert zeigt er über sich. »Ich meine … komm schon, ich habe mich gemacht.«
Wieder will ich ihm für diese Macho-Art eine reinhauen, aber ich liebe ihn gerade auch dafür.
Curtis geht zurück ins Haus und ich folge ihm.
Es freut mich, dass er endlich zu sich gefunden hat, was das betrifft. Mit dreizehn haben er und Cory einen ziemlichen Schub gemacht, während Cory dazu noch in die Breite ging, wurde Curt einfach nur groß. Er wurde von den Mitschülerinnen gehänselt, daran erinnere ich mich gut.
Seine Eltern haben ihm in dem Alter natürlich verboten, Krafttraining zu machen, und weil er nur Basketball spielte, blieb er dünn.
Mit einundzwanzig war der erste Gang der ins Fitnessstudio. Er hat dabei etwas zugelegt, immerhin so viel, dass er sich traute, bei den Auftritten ohne Shirt an den Drums zu sitzen. Und jetzt, fünf Jahre später, hat er eine Wahnsinnsfigur, weil er seit einem Jahr dranbleibt. Aber auch seine Ausstrahlung hat sich geändert.
Er scheint sich wohlzufühlen und man erkennt, dass er körperlich mit sich im Reinen ist.
Was seine Seele betrifft … das ist eine ganz andere Geschichte.
Melinda und Marcus sitzen auf der Couch und unterhalten sich. Curt streckt den Kopf in den Raum. »Hey, Marcus, ich wollte Alex das Haus zeigen, möchtest du mitkommen?«
Er schaut sich um und mustert mich, ich schenke ihm ein Lächeln und einen Daumen nach oben. »Melinda hat mich gerade rumgeführt.«
»Oh, gut.« Curt wendet sich mir zu und nickt in Richtung der Schlafzimmer. »Dann bekommst du eine private Führung.«
»Wie romantisch.« Ich wackle übertrieben mit den Brauen und Curt leg einen Arm um meine Schulter und zieht mich so mit sich durch den langen Flur.
Am Ende ist ein Fenster, daneben geht eine Treppe ins Untergeschoss ab, das ist mir vorhin gar nicht aufgefallen. Unten an der Wendeltreppe geht sich ein weiterer Flur ab, das große Fenster am Treppenaufgang spendet genug Licht. Der Flur erinnert mich direkt an den Eingangsbereich zu einem Spa und ich schaue mich interessiert um. »Ist das hier so eine Art persönlicher kleiner Himmel?« Ich klatsche einmal in die Hände. »Oh, bitte sag mir, dass du hier irgendwo einen sexy Masseur versteckt hast.«
Curt schiebt die erste Tür auf.
Da steht tatsächlich eine Massageliege. »Du kleiner versauert Bengel«, nuschle ich und betrete den Raum. Auf einem niedrigen Regal stehen Klangschalen, sonst ist wenig in dem Zimmer. Allerdings klappt mir fast die Kinnlade herunter, als ich an dem Vorhang vorbeisehe. Der schmale Abhang, der von Marcus und meinem Zimmer auf Zeit abgeht, verwandelt sich hier unten in einen kleinen Wasserfall, der wenige Meter weiter in den Bachlauf führt.
Ich sehe mich zu Curt um, der irgendwie schelmisch grinst. »Das kann ich auch gern übernehmen mit dem Massieren.«
»Das solltest du wohl mit Marcus klären.«
Mit verschränkten Armen lehnt er sich in den Rahmen und verdammt, ich starre schon wieder, das muss aufhören. »Also wäre es okay, wenn ich dich massieren, solange er es erlaubt?«
»Klar«, sage ich sofort und bemerke erst danach, dass dieses Gespräch irgendwie eine falsche Richtung annimmt. Somit räuspere ich mich und verlasse den Raum schnell wieder. »Wieso hast du so was hier?«
Wir gehen den Flur weiter entlang. »War im Preis inbegriffen. Ich hätte mir vermutlich ein Spielzimmer eingerichtet.«
»So eins mit Peitschen und Analplugs?«
Er lacht. »Ja, klar.«
Natürlich meint er ein Zimmer mit Konsolen aller Art. Schon komisch, dass ich Curts Vorlieben im Bett kenne, wir haben schon häufiger darüber gesprochen. Ich weiß, dass er da recht konservativ ist und es mag, wenn es eben ganz normal abläuft. Gerade kommt es mir aber das erste Mal ziemlich schräg vor, dass ich all das weiß.
Der nächste Raum ist der Vorraum zu einer Sauna. Ein breites Fenster gewährt ebenfalls einen wundervollen Blick auf den kleinen Bachlauf. Hier sind ein Kneipbecken sowie zwei Duschen und auch eine Ruhezone. Außerdem natürlich die Sauna.
Der letzte Raum ist ein Trainingsraum. Ich gehe auf den Boxsack zu. »Wow, darf ich den mal benutzen? Ich würde gern das Gesicht von unserem alten dämlichen Manager draufkleben, um ihn so richtig zu vermöbeln.« Ich hebe die Hände und tue so, als würde ich gegen den Boxsack schlagen.
»Tu dir keinen Zwang an.«
»Super«, murmle ich.
Das werde ich auf jeden Fall in Angriff nehmen, denn Lester ist ein Arschloch. Ich konnte ich nie leiden und ich verstehe bis heute nicht, wieso uns das Label damals einen so beschissenen Manager aufgedrückt hat.
Mittlerweile hat Ivory Dice jemand anderen, aber ich kenne ihn nicht. Mae erzählte irgendetwas von einem ehemaligen Kickboxer oder so, was ich total befremdlich finde. Na ja, GR-Records wird keinen Idioten als Manager für eine derart erfolgreiche Band einsetzen.
Hier im Trainingsraum ist lediglich ein schmales Fenster, sodass es ohne Licht recht schummerig ist. Ich schlendere einmal zwischen den wenigen Geräten entlang und fahre mit den Fingern das kühle Metall einiger davon nach.
»Wie läuft es mit Melinda?«, hake ich nach.
Curtis schließt die Tür hinter sich und mit einem Mal fühlt es sich hier deutlich enger an.
»Ganz gut.«
»Ganz gut? Das klingt nicht so begeistert.« Ich spähe zwischen den Stangen des Butterflys zu ihm.
Curtis kommt weiter in den Raum und bleibt neben dem Boxsack stehen. »Sie ist süß, wir verstehen uns gut.«
»Wann wollt ihr zusammenziehen?«
Curtis zögert und ich trete an dem Gerät vorbei, weil ich das Gefühl habe, dass irgendetwas nicht stimmt. So richtig zuordnen kann ich es nicht, aber er macht den Eindruck, nicht darüber sprechen zu wollen. »Wir haben bereits die ersten Klamotten im Haus.«
»Wenn du nicht darüber re-«
»Es ist nur …«
Ich mustere ihn stumm, das wenige Licht, das durch das Fenster fällt, zeichnet seine Gesichtskonturen dennoch schwach nach.
»Was?«, hake ich ruhig nach, als er weiterhin stumm bleibt.
Er reibt über seinen Hinterkopf. »Es geht alles so schnell.«
Das kommt überraschend.
»Ihr seid seit eineinhalb Jahren zusammen.«
»Keine Ahnung … es fühlt sich so an, als würde ich einen Fehler machen.«
Ach, Curt …
»Wieso hast du das dann überhaupt in Erwägung gezogen?«
»Als wir darüber sprachen, war es anders. Da dachte ich echt, es wäre eine gute Idee. Aber seitdem sind ja wieder drei Monate vergangen und in der Zeit ist irgendetwas anders geworden.«
Ich setze mich auf den Sitz des Butterflys und schaue auf das kleine Regal mit den Hanteln gegenüber. »Ich verstehe, was du meinst. Mit Marcus fühlt es sich auch super an … aber irgendetwas …«
»Ist falsch«, beendet er meine Gedanken.
Ich umfasse die kleine Note der Kette an meinem Hals. »Ja, irgendetwas ist einfach falsch. Wie ein Fehler in der Matrix oder so. Ich hatte es anfangs auch nicht, aber nach dem zweiten Treffen von uns vieren hat sich alles verändert.«
Dieses Treffen war ungefähr so seltsam wie das erste mit Curt und Melinda. Ich kann nicht einmal festmachen, was es ist, aber da ist etwas, das in meinem Bauchraum zwickt und mich warnt. Dieses typische Bauchgefühl.
Mein Blick zu Curt zeigt, dass er nickt und mir damit offensichtlich zustimmt.
»Wirst du trotzdem mit ihr zusammenziehen?« Ist es die dumme Hoffnung, dass Curt und ich weiterhin befreundet bleiben können, weshalb ich das frage?
»Ich wollte die Zeit hier oben nutzen, um darüber nachzudenken.«
»Also läuft es mit Lin nicht so gut?«, frage ich nach und sehe ihn wieder an.
Curtis verschränkt die Arme. »Nicht so gut, wie ich es gern hätte.«
»Das tut mir echt leid.« Obwohl ich ein Problem mit seiner Freundin habe, meine ich es so, denn es tut mir weh, wenn Curt leidet. »Und es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe.«
Jetzt ist es raus.
Um ihm auszuweichen, fixiere ich erneut die Hanteln.
»Mir auch.«
Ich schüttle den Kopf und umschließe die Kette fester. »Nein, es war meine Schuld, ich habe kaum auf deine Nachrichten geantwortet und bin dir aus dem Weg gegangen.«
»Ist okay, Alex.«
Nichts ist okay.
Verdammt, es ist wirklich nicht in Ordnung für mich, ich fühle mich wahnsinnig mies deswegen und habe solche Angst, Curtis zu verlieren.
Vorsichtig schaue ich zu ihm rüber, aber er hat den Blick gesenkt und kaut auf seiner Unterlippe herum.
Als er seine Aufmerksamkeit endlich auf mich richtet, zieht ein heftiger Impuls durch meine Nervenbahnen und lässt mein Herz schneller schlagen.
»Ich will dich nicht verlieren«, flüstere ich.
Meine Stimme verliert sich beinahe in der Stille des Raums, trotzdem scheinen die Worte alles in Schwingung zu setzen.
Curtis atmet hörbar aus, doch er antwortet nicht und ich weiß, weshalb. Weil wir längst dabei sind, uns loszulassen, weil wir beide beschlossen haben, ein anderes Leben zu beginnen. Und wir wissen es, aber keiner von uns hat den Mut, es laut auszusprechen.
Vielleicht läuft es mit seiner Lin auch nur schlecht, weil er Angst vor der Veränderung hat.
Mir geht es immerhin nicht anders.
Druck entsteht auf meinem Hals, ein leichter Tränenschleier legt sich auf meine Augen und ich benötige meine gesamte Kraft, Curtis auszuweichen. Hektisch rutsche ich vom Sitz und gehe an ihm vorbei, um die Tür aufzureißen.
Mein Herz hämmert heftig, der Puls rauscht in meinen Ohren und ich muss hier weg.
Wenn ich ihn länger ansehe, wenn ich seinen graublauen Augen ausgesetzt bin, kommt einfach alles hoch, was noch immer tief in meinem Herzen sitzt und um Erlösung schreit. Und in dem Moment wird mir klar, dass das hier die letzten Wochen mit Curtis sein werden, die ich in meinem Leben habe.
