Love & Grace - Emilia Cole - E-Book

Love & Grace E-Book

Emilia Cole

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Beschreibung

[ Age Gap, Forbidden Love, Best Friends Father, Morally Grey ]

Eine zerrüttete Ehe. Zwei einsame Seelen. Drei gebrochene Herzen.


Emily hat noch nie eine Beziehung geführt, war noch nie verliebt und neben ihrer erfolgreichen Schwester ohnehin unsichtbar für die meisten Männer. Obwohl sie sich nach außen unabhängig gibt, sehnt sie sich nach einem Mann, bei dem sie sich fallenlassen und ganz sie selbst sein kann.

Als ihr ehemaliger Nachbar Andrew immer häufiger an ihrem Arbeitsplatz auftaucht, lässt er ihr Herz gegen alle Vernunft höherschlagen.

Alles wäre perfekt, gäbe es da nicht zwei Probleme:
Er ist der Stiefvater ihrer besten Freundin und verheiratet.

*** Love & Grace bleibt ein abgeschlossener Einzelband. Grace & Cornflowers ist eine Fortsetzung, für alle, die herausfinden möchten, wie es mit Emily und Andrew weitergeht ***

Content Note beachten
Empfohlen ab 16 Jahren
Standalone, kein Cliffhanger

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Inhalt

Impressum

Content Note

Playlist

Prolog

Teil 1

Am Anfang steht die Idee

Auscot und Andrew

Schnupperstunde

Pusteblume

Alles okay bei uns

Risse in der Fassade

Brightfield

Nur ein Essen

Ja.

Was denkst du?

Chaos im Kopf

Chaos im Herzen

Teil 2

Neue Realität

Liebe gegen Schmerz

Fahrt ins Ungewisse

Du, ich, wir

Wie man jemanden liebt

Farblose Töne

Auf Dornen gebettet

Weil du mich berührst

Stimme der Vernunft

Danke für nichts

Sackgasse

Böses Erwachen

Teil 3

Wahrheiten und neue Wege

Die Suche nach der Antwort

Läuterung

Reminiszenz

Die Farbe von Liebe

Das Ende

Teil 4

Alles auf null

Grace & Wildflowers

Exekution

Ich halte dich. Immer

Am Ende wir

Nachwort

Leseprobe

Hide & Fall

Impressum

© 2025 Rinoa Verlag

Kolpingstraße 31, 47608 Geldern

c/o Emilia Cole

ISBN: 978-3-910653-35-1

rinoaverlag.de

emilia-cole.de

Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Content Note

Alles, was geschieht, ist grundsätzlich ein neutrales Ereignis, bis wir dem eine Bewertung geben.

Obwohl es bereits aus dem Klappentext hervorgeht, möchte ich darauf hinweisen, dass ich in Love & Grace das Thema Untreue resultierend aus schwerwiegenden Eheproblemen behandle.

„Weil wir zu viel Zeit damit verbringen, uns bei Fehlverhalten zu empören, anstatt zu verstehen.“ - Unbekannt

Anmerkung der Redaktion:

Wer Hide & Fall gelesen hat, wird im zweiten Teil des Buchs eine leichte zeitliche Verschiebung feststellen. Mehr dazu im Nachwort.

Playlist

AURORA – Little Boy In The Grass

Ruth B. – Dandelions (slowed + reverb)

Alphaville – Forever Young

Yoav, Emily Browning – Where Is My Mind?

Phil Collins – Another Day In Paradise

The Alan Parsons Project – Don’t Answer Me

Tears For Fears – Everybody Wants To Rule The World

adore – did i tell you that i miss you

Djo – End of Beginning

Syzz – Gimme Gimme Gimme

VØIDGLiTCH – Bloody Mary

M83, Susanne Sundfør – Oblivion

The Irrepressibles – In This Shirt

Coyotes – Home

Ólafur Arnolds – Beth’s Theme

Ludwig van Beethoven – Piano Sonata No.14 in C-Sharp Minor

Was, wenn es falsch ist?

Aber was, wenn es aus dem richtigen Grund passiert?

Weil wir falsche Dinge manchmal aus den richtigen Gründen tun müssen.

Für dich, wenn du glaubst,

niemals Fehler machen zu dürfen.

Prolog

Ich habe mich immer gefragt, wie es ist, mich zu verlieben. Ich habe mir ausgemalt, wie ich mit meinem Auserwählten nach den Sternen greife. Ich habe davon geträumt, gemeinsam mit ihm glücklich zu sein. Einfach so, nur er und ich, wie wir uns lieben.

Dann würden wir gemeinsam im Regen tanzen, ohne dass Musik läuft. Er würde meine Seele wärmen, wenn die Welt mich mit klirrender Kälte umgibt. Er würde mich lieben, ohne Wenn und Aber.

Ich habe gedacht, mich zu verlieben würde mein Herz erleichtern und nicht auseinanderreißen.

Aber meine Realität ist eine andere.

Sie ist bitter.

Sie ist schmerzhaft.

Weil ich mich in den Stiefvater meiner besten Freundin verliebt habe.

Teil 1

Am Anfang steht die Idee

Heute war einer dieser Tage.

Einer der Tage, an denen man wusste, dass alles schiefgehen würde, schon wenn man aufwachte. Richtig bewusst wurde es mir, als ich mit der Hüfte gegen etwas knallte.

Die Palette rutschte von meinem Arm.

Erde auf meinen Klamotten.

Überall an meinen Händen.

Erde auf dem gesamten Boden.

Bevor ich reagieren konnte, rutschte ich aus. Mit einem Stöhnen landete ich auf den Fliesen mitten in der feuchten Blumenerde.

Schmerz schoss durch mein Steißbein.

»Verdammte Scheiße«, hauchte ich, drehte mich etwas auf die Seite und drückte die Hand an meinen Hintern. »Gottverdammt!«

Aus dem Verkaufsraum hörte ich das Luftschnappen von Mom.

»Entschuldige!«, legte ich laut hinterher und rappelte mich ein wenig auf, wobei das Pochen in meinem Hintern zunahm. Ich griff die ersten Töpfe, die mir heruntergefallen waren, und stellte sie auf den schmalen Wagen.

Als ich mich etwas beruhigt hatte und der Schmerz nachließ, klopfte ich die Erde von meiner Jeans. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

Mom verabschiedete die Kunden, wenige Sekunden später ertönte das typische warme Klingeln über der Ladentür. Schritte näherten sich, ich sah Schuhe im Augenwinkel und stellte einen weiteren Topf auf den kleinen Rollwagen.

Der erdige Geruch, vermischt mit dezenter Feuchtigkeit, waberte durch den Raum.

»Mom, ich weiß, das sind die Chrysanthemen für die Hochzeit übermorgen. Es tut mir leid, ich hatte die neuen Topfpflanzen in der Hand und den Wagen nicht im Blick, weil der sonst nicht hier steht.«

Sie hockte sich zu mir und griff das Kehrblech, um die Erde aufzunehmen, wobei wir uns einen knappen Blick zuwarfen. Mom lächelte zerknirscht. »Hast du dir wehgetan?«

»Ein bisschen. Aber geht wieder.«

Sie nickte und ich stellte weitere Töpfe auf den Wagen.

»Haben die Kunden mein Fluchen gehört?«, fragte ich.

»Vermutlich nicht, es war Mrs. Cornwall, du weißt doch, sie ist auch nicht mehr die jüngste.« Mom zwinkerte.

»Mom«, sagte ich mit einem leisen Lachen, wobei ich mich aufraffte und den vollgepackten Wagen ein wenig an die Seite schob. Dabei fuhr ein weiterer kleiner Stich durch meine Wirbelsäule.

Sie kippte die Erde in einen der Abfallbehälter. »Sie ist eine gute Kundin, hat aber ein elendes Klatschmaul. Wir müssen die Töpfe nachfüllen.« Mom zog einen Sack Blumenerde unter dem Tisch hervor.

»Also wirklich.«

Mom hatte offensichtlich gute Laune, weil wir für eine große Gesellschaft die Blumendekoration vorbereiten durften. Deswegen stand auch der halbe Laden voller Blumen für die Gestecke, normalerweise waren wir für eine solche Auslastung überhaupt nicht ausgerüstet.

Die Türklingel ertönte erneut und ich schenkte Mom ein Lächeln. »Ich gehe.«

Sie nickte und wandte sich den beschädigten Chrysanthemen zu, während ich zum Durchgang lief, der den Verkaufsraum mit den Lagerräumen und Büro verband. Dabei klopfte ich mir den Rest Erde so gut es ging von der Seite und dem Hintern. Es sah aus, als hätte ich stundenlang im Dreck getollt. »Fantastisch«, grummelte ich.

In der Tür zum Laden blieb ich stehen. Hektisch strich ich die Arbeitsschürze mit den kleinen Blumenstickereien glatt. Außerdem schlug ich noch einmal fest auf die dreckigen Stellen, aber es war sinnlos.

»Andrew … hey.« Meine Stimme kratzte. Herrgott.

Ich räusperte mich.

Er schlenderte durch den Laden, die Hände in den Hosentaschen, und musterte die Gestecke, die ich heute Morgen gemacht hatte.

Für einen kleinen Moment hob er den Blick zu mir und lächelte. »Emily, immer schön, dich zu sehen.«

Herrlich, sein Lächeln.

Erneut strich ich die Schürze glatt und ging hinter den Verkaufstresen.

Andrew war korrekt im Auftritt, geradlinig und durchaus einschüchternd, aber auf eine angenehme Art. Er trug eine schwarze Cargohose, dazu ein beigefarbenes Hemd, somit kam er nicht von der Arbeit.

Wieso ich das wusste? Weil ich ihn seit sechzehn Jahren kannte, weil ich früher dauernd bei seiner Stieftochter Sofia übernachtet hatte, und weil ich von meinem Zimmer aus in ihren Vorgarten hatte schauen können.

»Suchst du Blumen für Eva?« Ich schob die abgeschnittenen Blumenstängel und die Gartenschere neben der Kasse beiseite, um mich am Tisch abzustützen.

»Die letzten sind längst hinüber.« Er rieb sich übers Kinn. Das sanfte Kratzen seines Zweitagebarts drang selbst durch die Hintergrundmusik zu mir. »Ich sollte wohl häufiger vorbeischauen. Kannst du mir etwas empfehlen?«

Er war vor knapp zwei Wochen das letzte Mal hier gewesen, um seiner Frau Blumen zu kaufen.

Ich beneidete seine Frau.

»Ähm … da finden wir sicher etwas.« Ich trat hinter dem kleinen Tresen hervor, um an Andrew vorbeizugehen. Ich ließ den Blick über die Schnittblumen gleiten, die vor einer Regalwand auf dem Boden verteilt waren. »Es ist immer gut, frische Blumen im Haus zu haben«, sagte ich abwesend und griff zwei verschiedene Blumenarten, außerdem passendes Grün.

»Bei dir stehen also immer frische Blumen?«

Ich sah mich kurz um und richtete mich langsam auf. »Nur manchmal, ich sollte mich wohl an meinen eigenen Rat halten.« Ich hielt meine Auswahl hoch. »Die hier blühen ein wenig länger, als die vom letzten Mal.« Vorsichtig zog ich eine der orangefarbenen Blüten heraus und reichte sie ihm.

Zögerlich griff er danach und schaute sie sich ganz in Ruhe an. »Welche gefallen dir?«

»Mir?« Etwas überfordert sah ich in seine Augen.

Er hob seine Brauen auffordernd, sodass ich begriff, dass er das tatsächlich gefragt hatte.

Meine liebsten Blumen hatten wir selten hier, aber es gab noch eine andere Sorte, die ich gerne mochte. Zielsicher griff ich nach einer der Rosen von weiter hinten.

»Das ist eine Heritage-Rose. Die nutzen wir häufiger für Hochzeiten. Also für Gestecke und Bouquets.«

Vorsichtig reichte ich sie ihm und er sah sie sich erneut ganz genau an.

»Sie riecht ein wenig nach Honig und Zitrone, eine tolle Kombination.«

Andrew zögerte, doch hob die Blume an seine Nase und nickte danach. »Tatsächlich.« Mit einem weiteren herrlichen Lächeln musterte er mich. »Dann nehmen wir die.«

»Okay, gerne.« Ganz vorsichtig nahm ich sie ihm ab.

Ich stellte mir vor, wie wir uns berühren würden und wie Andrews Blick sich daraufhin in meinen bohren und wie er mich einfach packen würde und …

Diese lästigen Tagträume.

Hektisch wandte ich mich ab und hockte mich vor die Vasen mit den Pflanzen. Während ich passendes Grün zu den Rosen heraussuchte, schlenderte er weiter durch unseren Verkaufsraum.

Ich sollte nicht für ihn schwärmen, aber er machte meine Welt bunter, die Gerüche intensiver, die Luft wärmer. Seine Augen waren kornblumenblau, atemberaubend und einnehmend, seine Lachfalten ungeheuer attraktiv.

Er war unglaublich gut gealtert.

Ich wollte so gerne meine Finger durch seine sexy Frisur schieben, um seine perfekt gemachten kurzen Haare durcheinanderzubringen.

Aber es würde eben genau das bleiben: Eine dumme Schwärmerei von einer noch dümmeren Mittzwanzigerin, die auf den Stiefvater ihrer besten Freundin stand.

Wie heftig mein Herz hämmerte, bemerkte ich erst, als Mom in den Laden kam.

»Andrew.« Sie klang amüsiert. »Da darf Eva schon wieder mit Blumen rechnen.«

»Ich überrasche sie heute mit einem Essen.«

Mom lachte ganz verzückt.

Eva hatte so ein Glück.

»Mein Mann sollte sich definitiv eine Scheibe bei dir abschneiden.«

Jetzt lachte Andrew und das dunkle Timbre schoss durch meine Seele wie ein Blitzschlag.

Es setzte meine Nerven unter Strom.

»Ihr betreibt einen Blumenladen, erzähl mir nicht, Mitchell kommt nie vorbei.«

»Er ist der Meinung, ich könne mir die Blumen auch selbst mitbringen. Aber er hat ja recht. Trotzdem wäre ein schönes Abendessen mit ihm mal wieder nett. Er könnte mich bekochen und mir Blumen besorgen.«

»Vielleicht rede ich mal mit ihm?«

»Hör bloß auf, er weiß doch sofort, dass ich dahinterstecke und dich auf ihn angesetzt habe.«

Als ich den Strauß zusammengestellt hatte, richtete ich mich auf und ging an den beiden vorbei hinter den Tresen.

»Emily, gib Andrew doch Rabatt.«

»Das ist nicht nötig«, widersprach er.

»Doch, ich bestehe darauf.« Sie legte die Hand an seinen Oberarm und sah ihn eindringlich an.

Andrews Blick schwenkte zu mir. »Tja, da habe ich keine Chance.«

»Niemand hat eine Chance gegen Mom«, meinte ich.

Mom lachte und winkte ab. »Bleibt es bei Samstag?«, fragte sie ihn noch.

Andrew nickte, wobei seine Aufmerksamkeit weiterhin auf mir lag. »Wir sind um sieben bei euch.«

Verlegen suchte ich mich durch die Auswahl der Schleifenbänder.

»Wundervoll. Ich bin wieder hinten.« Sie deutete hinter sich und ich senkte den Blick, weil sie mich stechend ansah. Damit verschwand sie in den hinteren Bereich des Ladens und nur noch die leise Musik umgab uns.

Ich fasste den Strauß zusammen und zog das hübsche hellrosa Schleifenband, passend zu den Heritage, aus dem kleinen Regal.

Andrew kam zur Theke.

Vorsichtig schloss ich das Seidenpapier um die Stängel, ehe ich die Schleife darumband.

»Das sind deine Lieblingsblumen?«, fragte er.

Ich zog den Roller mit dem Klebeband zu mir und schüttelte den Kopf. »Es sind auch Rosen, aber sie heißen Grace.«

»Grace also.«

»Wir haben sie nur selten hier, aber wenn, nehme ich immer welche mit.« Behutsam verschloss ich das Papier mit dem Klebestreifen. »Mein Zweitname«, murmelte ich.

»Dein zweiter Name ist Grace?«

»Wenn man eine Mutter hat, die Blumen liebt …« Beiläufig zuckte ich die Schulter. »Meine Schwester hat sogar drei Namen, Elissa mit dem Zusatz Mary Rose. Das ist ebenfalls eine Rose aus dem alten England.« Mit einem leichten Lächeln schaute ich zu ihm auf. »Du wusstest nicht, dass wir so heißen? Also wirklich.«

Sichtlich verlegen hakte er die Daumen in die Hosentaschen. »Zu meiner Verteidigung, eure Eltern nennen euch immer beim Erstnamen.«

»Das war nicht so ernst gemeint«, meinte ich leise und warf ihm ein kleines Lächeln zu. Andrew runzelte die Stirn. »Das war doof, es sollte ein Scherz sein, aber es war doof. Sorry. Mom und Dad benutzen die Namen schließlich nicht und meiner Schwester und mir reichen unsere Erstnamen aus.«

»Mir gefällt Emily Grace Summers.«

Ich hielt inne und sah vorsichtig zu ihm auf, er erwiderte meinen Blick und sein Lächeln wurde seltsam zart.

Wow.

Dieser Ausdruck brachte mich beinahe um.

»Ein schöner Name für eine schöne Frau.«

Was?

Ein schöner Name für eine schöne Frau.

Ein schöner Name für eine schöne Frau?

Ich? Meinte er mich?

Vollkommen überfordert starrte ich in seine Augen, die auf einmal so viel tiefer blicken ließen als zuvor.

Mein Puls rauschte über meinen Schläfen.

Meine Haut kribbelte. Überall.

Andrew räusperte sich und ich wandte mich hektisch ab, um irgendeinen Betrag in die Kasse einzugeben. Ich tippte planlos darauf herum.

»Ent - entschuldige.«

»Schon gut«, sagte ich abgehetzt.

»Das war unangebracht. Tut mir leid.«

Ich sah ganz vorsichtig zu ihm und er drückte die Finger kurz vor die geschlossenen Augen. »Tut mir leid, Emily.«

»Ja … nein. Schon gut. Danke, es ist lieb, dass du das sagst.« Als ich mich der Kasse wieder zuwandte, bemerkte ich, was ich für einen hohen Betrag eingegeben hatte und änderte es. »Ich gebe dir mal zwanzig Prozent.«

Bloß zum Thema zurück.

Was war das bitte gewesen?

»Ich zahle auch gerne den vollen Betrag.«

»Du hast Mom gehört«, sagte ich mit einem unechten Lächeln. Ich konnte mich kaum noch konzentrieren. »Das macht dreiundzwanzig Dollar«, flüsterte ich.

Bei der Sache bleiben.

Andrew holte sein Handy heraus und zahlte den Betrag, wonach ich ihm die Blumen hinhielt.

»Danke, Andrew. Wirklich. Ich höre so etwas selten«, sagte ich leise.

Genau genommen nie. Der einzige Mann, der so etwas zu mir sagte, war Dad. Und er musste das sagen, schließlich war er mein Vater.

Es tat unheimlich gut zu wissen, dass es überhaupt einen Menschen gab, der etwas in mir sah. Und das ausgerechnet von ihm zu hören, damit hätte ich im Leben nicht gerechnet.

»Du weißt doch, neben meiner Schwester bin ich unsichtbar.«

Er nahm den Strauß an und musterte mich fragend. »Das denkst du?«

»Na ja … ich weiß es.« Ich stützte mich auf den Tresen und zuckte mit einer Schulterseite. »Elissa hat Moms gutes Aussehen abbekommen.« Ich hingegen … hatte keine Ahnung, von wem ich meins hatte. Wieso sagte ich das überhaupt? Ich klang sicher wie ein verzweifeltes Kind.

»Hm.«

Hm? Mehr nicht?

Er wandte sich ab und ging sichtlich überfordert einen Schritt von der Theke weg. »Dann sehen wir uns sicher in paar Tagen wieder.«

Super, das war ihm ultimativ peinlich. Wieso konnte ich auch nie die Klappe halten?

»Okay, Tschau«, gab ich kratzig zurück.

Er ging zur Ladentür und wenige Sekunden später ertönte die Türglocke, ehe die Tür ins Schloss krachte.

Ich zuckte.

Mit einem Stöhnen ließ ich den Kopf in den Nacken fallen. »Was bin ich für eine dämliche Idiotin?«, murmelte ich, wobei ich mit den Händen über mein Gesicht rieb.

Ja, heute war eindeutig einer dieser Tage.

Einen Blick durch die Scheibe konnte ich trotzdem nicht unterdrücken. Andrew öffnete die Wagentür, sah aber zurück zu mir, weshalb ich mich hastig wegdrehte und ins Lager eilte. Im Durchgang knallte ich noch mit der Schulter gegen eins der Regale.

Außer Atem kam ich bei Mom an, die die letzten Chrysanthemen auf den Tisch legte. »Alles in Ordnung?« Sie hob eine ihrer dunkelblonden Augenbrauen.

»Sicher.«

»Wieso klingst du, als wärst du einen Marathon gelaufen?« Ihre Aufmerksamkeit schwenkte hinter mich.

Bemerkte sie, dass ich wegen Andrew total durch den Wind war? Wusste sie womöglich Bescheid?

Sie hatte mich vorhin schon wieder so seltsam angesehen, es war nicht das erste Mal, dass ich das Gefühl bekommen hatte, sie wüsste um meine bescheuerte Schwärmerei für ihn.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte ich mit einem Lächeln. Die Skepsis blieb auf ihren Gesichtszügen. »Soll ich ein paar Gestecke vorbereiten?« Panisch sah ich zwischen ihren Augen hin und her.

Endlich lächelte sie, auch wenn es ein klein wenig verklemmt aussah. »Es wäre schön, wenn du einmal durch den Laden fegst und danach abschließt.«

»Wir machen früher zu?«

»Deine Schwester besucht uns.«

»Natürlich.« Ich schnappte den Besen und ging in den Verkaufsraum, weil für Elissa natürlich alles stehen und liegengelassen wurde. Ich wartete auf den Tag, an dem sie ihr vor dem Haus den Roten Teppich ausrollte.

Mit einem Stöhnen ließ ich meine Tasche auf den kleinen Küchentisch vor der Durchreiche zur Küche fallen. Dann fiel ich auf den Stuhl und ließ den Oberkörper auf die Tischplatte sinken. Dabei machte sich mein Steißbein kurz bemerkbar.

Das ultimativ peinliche Gespräch mit Andrew hing mir in den Knochen. Auch der viertelstündige Spaziergang zu meinem Apartment hatte nicht dazu beigetragen, meine innere Temperatur zu regulieren.

›Ein schöner Name für eine schöne Frau.‹

Während ich ins Wohnzimmer starrte, schüttelte ich den Kopf ein wenig. »Das hat er niemals ernst gemeint.«

Ich raffte mich auf, ging in die Küche und zog mir das geöffnete Ben & Jerrys aus dem Eisfach, dazu einen Löffel aus der Schublade. Damit bewaffnet stützte ich die Ellenbogen auf die Durchreiche und aß gedankenverloren Schokoeis.

Durch das große Fenster im Wohnbereich konnte ich aus dem ersten Stock auf die Straße sehen. Jemand spazierte mit einem kleinen Hund auf der anderen Straßenseite am Haus vorbei und passierte die Laterne direkt gegenüber. Die sprang in dem Moment an.

Die Sonne senkte sich hinter der mit Wald übersäten Gebirgskette. Der Herbst in Oregon war in jedem Jahr faszinierend.

Mittlerweile trugen die Bäume im Tillamook State Forest erste bunte Blätter, was aussah, als wäre jemand mit einem Farbeimer daran vorbeigelaufen und hätte zwischendurch gekleckert.

Irgendwann vibrierte es in meiner Tasche, ich griff etwas umständlich auf den Tisch und zog das Handy heraus.

Sofia: Ich bin in New York.

Langsam ließ ich den Löffel sinken und schluckte das frostige Eis hinunter. Sofia war in New York? Das bedeutete, sie hatte mit Joshua geredet, oder hatte es zumindest vor. Der war nämlich vor wenigen Wochen dahingezogen, weil die beiden heftige Probleme gehabt hatten. Hektisch steckte ich den Löffel in die Packung, um zu tippen.

Ich: Ernsthaft?

Sofia: Joshua und ich haben geredet.

Ich: Und? Sag schon.

Sofia: Wir wollen es versuchen.

Nein!

Ich drückte das Handy vor lauter Euphorie an meine Brust. Danach ging ich sofort auf die Kontakte und rief Sofia an.

»O mein Gott«, sagte ich aufgeregt und sie lachte einmal. »Du hast es getan! Du hast es einfach durchgezogen.« Ich lehnte mich wieder an die Durchreiche. »Ich bin sooo stolz auf dich.«

»Es ist … unglaublich. Joshua ist unglaublich«, sagte sie leise und ich filterte heraus, wie viel Angst ihr das alles bereitete. Aber ich wusste auch, dass dieser Schritt der wichtigste und schwerste für sie gewesen war.

»Ich wusste, dass du das kannst. Ich wusste es einfach.«

»Danke für deine Hilfe, Emmy.«

»Immer. Ich hoffe, das weißt du. Wenn irgendetwas ist, melde dich.«

»Mache ich.«

Mit einem Grinsen drehte ich mich herum und lehnte mich rücklings an. »Und jetzt? Wühlt ihr euch durch Joshuas Bett in New York City?«

»Ein bisschen vielleicht.« Sie lachte einmal auf, es klang nach purer Erleichterung.

Sofia und Joshua waren gemeinsam aufgewachsen, umso schwerer war es für die Familie gewesen, als sie sich in der Jugend nähergekommen waren.

»Ist es nicht mitten in der Nacht bei euch?«, wollte ich wissen.

»Wir haben kurz nach elf. Es geht also noch.«

»Jetzt wundere ich mich, dass ich dich ans Telefon bekommen habe.«

»Wieso denn das … schon klar, weil wir vögeln sollten um die Uhrzeit.«

Ich grinste und sah Sofias Lächeln genau vor mir. »Wie ist es da drüben?« Immerhin war sie auf der anderen Seite des Kontinents.

»Laut. Bunt. Hell. Überfordernd.«

»Hui, klingt irgendwie nicht besonders einladend.«

»Eigentlich ist es echt schön, aber … eben viel. Dagegen ist Brightfield eine Kleinstadt.«

Brightfield – Plattenlabel – Andrews Arbeit.

Nervige Assoziationen.

Ich drehte mich wieder um und griff den Löffel, um mehr Eis zu genießen. »Andrew war heute wieder im Laden.«

Verdammt, wieso erzählte ich das?

Ich schob mir das Eis hastig in den Mund.

»Wenn du mir das nicht hin und wieder mal sagen würdest, wüsste ich gar nicht, dass er Mom dauernd Blumen kauft. Sowas erzählt sie nie. Sie mäkelt zurzeit an allem herum, was Andrew tut. Dass er ihr überhaupt noch irgendwas kauft oder sie zum Essen ausführt, ist ein Wunder.« Sie seufzte. »Ich muss noch mit ihr sprechen.«

Ihre Aussage frustrierte mich, weil Andrew mir leidtat. Er war so lieb und herzlich … Aber bei so etwas war man als Außenstehender eben nur außen vor.

Vermutlich war sie echt gut im Bett.

Das frustete mich noch mehr. Wieso dachte ich überhaupt daran?

Ich schob mir noch mehr Eis in den Mund, weshalb ich Hirnfrost bekam. Ich kniff die Augen kurz zu und drückte die Finger vor die Lider.

»Was glaubst du, sagt sie?«, nuschelte ich.

Sofia seufzte und ich konnte mir genau vorstellen, wie sie da irgendwo in einem Zimmer in New York auf dem Bett saß und überfragt über den Central Park schaute.

»Sie findet es sowieso scheiße. Die Leute reden dann ja über unserer Familie.«

Ihre Mutter war seit einem heftigen Vorfall zwischen Sofias Exfreund und Joshua vor etwa sieben Jahren gegen eine Beziehung der beiden.

Ich steckte den Löffel zurück ins Ben & Jerrys. »Es ist für viele eben befremdlich, wenn Stiefgeschwister was miteinander anfangen«, sagte ich leise. »Aber ich bin sicher, ihr bekommt das hin. Du und Joshua und auch Eva.« Und Andrew.

Gott sei Dank konnte ich mir das verkneifen.

Es wurde schlimmer, meine Schwärmerei nahm eindeutig ein ungesundes Ausmaß an.

»Was machst du heute noch?«, wollte sie wissen.

»Keine Ahnung. Hatte überlegt, zu meinen Eltern zu gehen. Elissa kommt.« Ich drehte mich herum und lehnte mich rücklings an. »Aber irgendwie habe ich auch keine Lust, die ganze Zeit dabei zuzusehen, wie sie von Mom beweihräuchert wird. Also werde ich mir wohl mein Eis schnappen und einen lahmen Abend vor dem Fernseher machen.«

»Macht sie noch immer diesen Kram?«

»Kram?« Ich lachte. »Lass sie das nicht hören.«

Sofia lachte ebenfalls und ich hörte Joshuas Stimme im Hintergrund. »Emmy? Ich muss Schluss machen.«

»Wann bist du zurück? Machen wir mal wieder was?«

»Ich denke in ein oder zwei Wochen. Joshua hat noch einen Auftrag, danach wollen wir zurückfliegen. Ich melde mich.«

»Bestell ihm liebe Grüße.«

»Mache ich.«

Wir verabschiedeten uns voneinander und ich drehte mich herum und legte das Handy auf den Tisch, wonach ich in meinen Wohnbereich sah. In den nächsten Tagen musste ich mich um meine Pflanzen kümmern, das hatte ich in den letzten Wochen echt vernachlässigt. All die kleinen Regale über den Fernseher standen voll, außerdem hatte ich einige Makramee-Ampeln vor dem Fenster sowie der Couch. Das war bei der Menge eine Aufgabe für ein gesamtes Wochenende, irgendwie hatte ich mich davor gedrückt.

Stille breitete sich um mich herum aus.

Sie war unangenehm.

Beinahe schmerzhaft.

Sofia war mit Joshua zusammen, was bedeutete, ich würde sie noch seltener sehen als ohnehin in den letzten Monaten. Die Zeit ohne sie war befremdlich, weil wir als Jugendliche praktisch jede freie Minute miteinander verbracht hatten.

Ich griff den Eisbecher und ging rüber, setzte mich auf meine große dunkelgrüne Couch mit den vielen Kissen und knipste den Fernseher ein. Der Startbildschirm des Streaminganbieters erschien.

›Ein schöner Name für eine schöne Frau.‹

Meine Güte.

Hektisch suchte ich mich durch die Filme und landete bei einem animierten Kinderfilm. Ich achtete nicht auf den Titel, startete ihn, lehnte mich in die Couch und schob mir Eis in den Mund.

In der Hoffnung, diesen verdammten Moment mit Andrew aus meinem superdummen Kopf zu bekommen.

Auscot und Andrew

Es ging mir nicht aus dem Kopf.

Auch am nächsten Tag auf der Arbeit tanzten die Worte in meinen Gedanken umher, um mich abzulenken.

Ich war schon kurz davor, mir irgendeine Dating-App auf meinem Handy zu installieren. Eigentlich wolle ich niemanden kennenlernen, aber wenn es mir half, Andrews Satz aus dem Kopf zu vertreiben, würde ich darauf zurückgreifen.

Ich war allein im Laden, Mom traf sich mit dem Hochzeitspaar wegen der Blumendekoration. Manchmal begleitete ich sie bei solchen Terminen, heute aber sollte der Laden weiterhin geöffnet bleiben. Das war Moms Art, nett auszudrücken, dass ich mich bitte um die Buchhaltung kümmern sollte. Nicht gerade ihre Lieblingsaufgabe – als würde ich mich darum reißen.

Heute kam wenig Kundschaft, weshalb ich relativ zügig vorankam. Danach wollte ich mit dem Binden der Kirchendekoration beginnen.

Irgendwann ertönte die Türglocke.

»Komme sofort!«, rief ich und trug noch schnell etwas in die Tabelle am Rechner ein, ehe ich aufstand und den Raum verließ.

Im Durchgang zum Laden blieb ich stehen.

»Andrew?«

Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Heute trug er einen Anzug, dunkelblau, dazu eine passende Krawatte und ein reinweißes Hemd, also kam er von der Arbeit.

Er war heiß in Anzügen.

Es sah erhaben aus.

Sein Blick heftete sich an mich, seine blauen Augen in perfekter Symbiose zum Anzugsstoff.

Zögerlich betrat ich den Laden.

Dieses Mal blieb ich vor der Tür stehen und ging nicht hinter den Tresen. »Was machst du hier?«

»Kundenbetreuung wird bei dir ziemlich großgeschrieben.« Er schmunzelte.

»Nein … so … meinte ich das natürlich nicht.« Verlegen lachte ich. »Es ist ungewöhnlich, dich an zwei Tagen hintereinander zu sehen. Ich bin etwas überrascht, das ist alles.«

Er zögerte, dann machte er einen kleinen Schritt auf mich zu. Das reichte, um die Luft um mich herum zu verdichten.

»Bist du allein?«

»Ähm … ja?« Alles an seinem Besuch verwirrte mich, diese Aussage verwirrte mich, er verwirrte mich. Noch mehr als sonst.

»Ich … bin hier, um mich zu entschuldigen.«

»Wofür?«

»Das gestern …«

Dass er ernsthaft hier war, um sich erneut zu entschuldigen, brachte mich noch durcheinanderer. Gab es das Wort?

Die Synapsen in meinem Kopf spielten Pingpong.

»Ich … habe eine Grenze überschritten, ich habe gestern den ganzen Abend darüber nachgedacht und fühle mich fürchterlich deswegen.«

»Oh.«

»Du bist die Tochter eines guten Freundes und das hätte ich nicht sagen sollen. Ich möchte nicht, dass du einen falschen Eindruck bekommst und …«

Keine Ahnung, ob mir das gefiel.

Es klang, als hätte er das gar nicht ernst gemeint.

Überfordert senkte ich den Blick und drückte auf meinen Fingern herum.

»Emily … Ich … ich werde mich jetzt um Kopf und Kragen reden … das bedeutet nicht …« Er seufzte schwer. »Herrgott«, hörte ich ihn leise. »Ich habe das gestern ernst gemeint, ich finde dich sehr hübsch, aber ich möchte nicht, dass sich das auf unsere Beziehung auswirkt.«

Ich presste die Lippen zusammen, um ein Lächeln zu unterdrücken. Vorsichtig schaute ich zu ihm auf, er sah mich abwartend an.

Er fand mich hübsch.

Er fand mich tatsächlich hübsch.

Ich hatte das richtig verstanden.

»Ein Moment eben«, sagte ich leise und hob einen Finger. Er musterte mich irritiert, während ich an ihm vorbeiging. Ich hockte mich vor die Schnittblumen, zog eine der pfirsichfarbenen Auscot-Rosen heraus und ging zurück zu ihm. »Für dich.«

Eine seiner Brauen hob sich.

»Also für dich … und du kannst sie Eva geben«, erklärte ich unbeholfen. Ich hielt sie ihm näher hin. »Aber du kannst sie auch selbst behalten, wenn du möchtest.« Meine Stimme wurde leiser.

Andrew machte den Eindruck, als wäre er nicht so sicher, was er davon halten sollte.

Ich nahm all meinen Mut zusammen. »Okay, sie ist für dich. Ich hoffe, du findest das nicht komisch, weil ich dir als Frau eine Rose schenke. Also generell, dass ich dir eine gebe.«

Sein rechter Mundwinkel hob sich ganz leicht.

»Also, weil du ein Mann bist, meine ich.«

Er lächelte breiter.

»Weil … danke. Es … bedeutet mir viel … dass du das sagst. Also, dass mich überhaupt mal jemand sieht.«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, du würdest neben deiner Schwester nicht auffallen, oder?«

»Doch. Deswegen war es schön, das gestern zu hören. Auch wenn es nur von dir kam.« Seine Gesichtszüge entgleisten kurz und ich lachte. »Tschuldige, das musste jetzt sein. Natürlich freue ich mich, dass es von dir kommt.«

»Verstehe, das Kompliment des alten Mannes schlägt eben nicht so ein, wie das eines jungen Kerls.«

»Du bist doch nicht alt.«

Er lachte. »Im Vergleich zu dir, eindeutig.«

»Du bist gut gealtert.«

»Ist das so?«

»Japp, eindeutig.«

Er machte einen zufriedenen Eindruck.

»Ich stelle mal eine steile These auf und behaupte, es ist einfacher, einen jungen Mann zu beeindrucken als jemanden wie dich.«

»Jemanden wie mich?«

»Erfolgreich, selbstbewusst …« Attraktiv. Das konnte ich nicht sagen. »Attraktiv.« Ich sagte es. Verdammt.

»Attraktiv?«

Ich räusperte mich verlegen. »Ist doch nur fair, wenn ich ehrlich bin, wo du es auch warst. Ausgleichende Gerechtigkeit.«

Sein Lächeln wurde eine Nuance wärmer.

Auffordernd hielt ich ihm die Rose näher hin. »Und tu doch nicht so bescheiden, als wäre dir nicht bewusst, wie attraktiv du bist.«

»Dann sind wir uns ja einig.«

Ich lachte. »Dass du attraktiv bist? Doch nicht so bescheiden, hm?«

»Wir sind uns darüber einig, uns anziehend zu finden.«

Moment, wie bitte?

Hatte er das wirklich gesagt?

Hitze krabbelte meinen Hals hinauf.

War das ein … Flirt?

Behutsam griff er nach der Blume und obwohl ich sie recht weit oben genommen hatte, damit er sich nicht an den Dornen stach, berührte er mich.

Sein Zeigefinger landete unter meinem kleinen Finger, während er meinen Blick gefangen hielt.

Wie ein sanftes Rauschen verteilte sich der Kontakt auf meiner Hand, ehe er über meinen Unterarm krabbelte, bis hin zu meiner Brust.

Das alles spielte sich innerhalb einer Millisekunde ab, aber in meinem Verstand dehnte es sich bis zur Unendlichkeit aus.

Sein Ausdruck, seine Berührung.

Ich ließ die Rose los und hielt die Hand noch einen Moment still, ehe ich sie wegzog.

Mein Herz wummerte bis zu meinem Hals und erschwerte mir das Einatmen. Ich war kurz davor, die Luft überfordert auszustoßen, bekam das aber in den Griff.

»Bis … demnächst«, sagte er leise und machte einen Schritt zurück.

»Okay.« Mehr bekam ich nicht raus.

Was war da gerade geschehen?

Er blieb vor der Tür noch einmal stehen, drehte sich etwas zurück, als wollte er etwas sagen, verließ den Laden aber doch. Die Glocke klingelte. Die Tür fiel ins Schloss.

Ich machte einen Schritt zurück, presste die Hand an die Brust und holte tief Luft, wodurch ich hustete.

»Oh, kacke«, sagte ich, warf aber noch einen letzten Blick zur Tür und entdeckte Andrew an seinem schwarzen Escalade. Er stieg ein, die Sonne spiegelte auf der Windschutzscheibe, somit konnte ich nicht ausmachen, ob er ebenfalls zu mir schaute.

Eilig wandte ich mich ab, ging in den Flur und lehnte mich gegenüber dem Regal an die kühle Betonwand.

Die Temperatur erdete mich.

Runterfahren, alles logisch analysieren.

Andrew war extra hergekommen. Um sich zu entschuldigen. Für etwas, für das er sich gestern bereits entschuldigt hatte. Dann hatte ich ihm eine Rose geschenkt?

Ich warf die Hand an die Stirn. »Gott, bin ich bescheuert.«

Und zu guter Letzt hatte er davon geredet, dass wir uns gut fanden? Sah ich das richtig? Hatte ich das richtig verstanden? Oder spielte meine Wahrnehmung mir einen Streich?

Das konnte alles nicht sein.

Er wollte nett sein, das war die einzig logische Erklärung dafür. Er war immerhin Sofias Stiefvater, er war verdammte neunundzwanzig Jahre älter als ich, ihm war bewusst, dass ich noch nie einen Freund gehabt hatte und das einfach mal brauchte. Nette Worte. Nette Gesten.

Er hatte nett sein wollen. Ganz sicher.

Zu allem Überfluss traf ich mich heute mit zwei – ich nannte sie der Einfachheit halber - Freundinnen. Wirklich befreundet waren wir nicht, ab und zu tranken wir einen Kaffee zusammen. Es war nicht so, dass ich keine Lust hatte, ja doch … irgendwie hatte ich keine Lust.

Leandra und Shannen waren damals mit Sofia und mir in ein paar Kursen gewesen, wir hatten hin und wieder Pyjamapartys zusammen gefeiert. Sie wohnten wie auch meine Eltern und die Campbells, also Andrew, Eva und Danny, in South Creek.

Wir saßen in dem kleinen Café schräg gegenüber von Moms Blumenladen, der in der nächsten Seitenstraße auf der Ecke lag. Der Geruch von gerösteten Kaffeebohnen und verschiedenem Gebäck erfüllte die Luft. Es spielte eine ABBA-Playlist. Der Parkplatz war überraschend voll, normalerweise war die Sicht auf die Hauptstraße besser.

Ich hörte ihrem Gespräch seit einer Weile nicht mehr zu, rührte in meinem Latte Macchiato und beobachtete, wie der Schaum um den Löffelstil tanzte.

»…unfassbar, hast du die Bilder gesehen?« Leandra wischte auf ihrem Handy herum und hielt es Shannen hin, die heftig nickte.

Shannen strich ihre dunkelbraunen Haare hinter die Ohren. »Er ist auch ein Zuckerstück. Aber das war er schon immer.«

Um wen es wohl ging?

Sie sahen mich beide an, weshalb ich aufhörte, in meinem Getränk zu rühren. »Was denn?«

Leandra stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und hielt mir das Handy hin. Natürlich ging es um Joshua, seine Seite war geöffnet. »Kannst du uns mehr oben ohne Bilder besorgen?«

»Ich gehe bestimmt nicht zu ihm und bitte ihn darum, sein Shirt für Fotos auszuziehen«, entgegnete ich belustigt. Ich löffelte etwas von dem Milchschaum. »Mach das doch selbst.«

»Du bist Sofias beste Freundin«, hielt sie dagegen.

»Keine Chance.«

Sie sah mich tadelnd an. »Wozu sind wir denn befreundet?«

Es sollte ein Witz sein, aber traf mich härter, als sie ahnen konnte.

»Auf seiner Seite sind doch echt genug Bilder«, meinte ich. »Du bekommst den Hals echt nicht voll.«

Sie wandte sich Shannen zu. »Das ist das Campbell-Gen.«

Die nickte. »Hm-mh. Ich gebe seinem kleinen Bruder Danny noch ein paar Jahre, dann wird er genauso sexy.«

Beide lachten.

»Danny ist fünfzehn, jetzt fahr mal etwas runter«, klinkte ich mich ein.

»Sein Vater ist aber auch heiß. Obwohl er älter ist. Oder weil er älter ist? Bei manchen Männern ist gerade das echt heiß.«

Leandra sah mich wieder an. »Kannst du uns vielleicht Vater-Sohn-oben-ohne-Bilder besorgen?«

»Das ist so ekelhaft«, sagte ich monoton.

Ich wollte über Andrews und meine Begegnung reden und würde jede Sekunde platzen. Dennoch hielt ich mich zurück, weil sie mich sicher auslachen oder mir gar nicht glauben würden.

Das Schlimmste an der Sache: Ich konnte nicht einmal mit Sofia darüber sprechen. Was sollte ich auch sagen?

Hey, Sofia, dein Stiefvater hat mich angegraben, glaube ich? Ich bin aber unsicher, weil ich seit knapp einem Jahr total in ihn verknallt bin. Vielleicht brainstormen wir ein wenig, um herauszufinden, was das zu bedeuten hat?

Ja, klar.

Das wäre eine grandiose Idee.

Leandra scrollte noch einmal durch die Bilder und sah mich währenddessen unter ihren blonden Brauen an. »Wie ist das jetzt mit Joshua und Sofia? Ist er zu haben?«

Ich nahm einen ersten kleinen Schluck und stellte die Tasse vorsichtig ab. »Du bist zu spät«, meinte ich grinsend. »Habe gestern mit Sofia telefoniert. Joshua ist vom Markt.«

Leandra seufzte enttäuscht. »Schade auch. Sonst hätte ich es noch einmal versucht.«

»Hat damals schon nicht geklappt«, entgegnete Shannen.

Leandra stieß sie an. »Ach, halt doch die Klappe.« Sie legte das Handy auf den Tisch. »Versuche ich es halt bei seinem Vater.«

»Genau, weil der nicht vergeben ist«, meinte ich.

»Vielleicht lässt er sich auf was Lockeres ein, habe gehört, die beiden haben Eheprobleme.«

»O mein Gott, hast du das echt gesagt?«, fragte ich empört, aber sie kicherte nur. »Das ist nicht witzig, die beiden haben eine schwere Zeit.«

Leandra nahm einen Schluck ihres Kaffees. »Umso besser gefällt ihm vielleicht die Vorstellung, Ruhe in den Armen einer anderen zu suchen.« Sie seufzte gedehnt. »In den Armen einer hübschen jungen Frau.« Jetzt wackelte sie mit den Augenbrauen.

»Ich hoffe, dass du das nicht ernst meinst, Le«, sagte ich dunkel.

Sie stieß Shannen an. »Sie wird direkt giftig.«

»Weil Andrew und Eva seit Jahren mit meinen Eltern befreundet sind? Weil ich die beiden mag?« Okay, ich klang echt zu giftig und es lag nicht daran, dass ich die beiden mochte.

Es lag an der Vorstellung, Leandra dabei zuzusehen, wie sie sich an Andrew ranmachte.

Ich schaffte es, meine innere Temperatur zu regeln. »Andrew ist häufig bei uns, um Blumen für Eva zu kaufen. Versuch dein Glück, es wird nicht klappen.«

Sie beugte sich etwas über den Tisch. »Meine Güte, Emily, das war ein Witz.« Sie sah Shannen an. »Da muss ich ja fast mehr Angst vor Emily als vor seiner Frau haben.« Jetzt nickte sie mir zu. »Stehst du auf ihn?«

»Was?« Ich lachte übertrieben gepresst. »Nein.«

Sie schaute durchdringend, weshalb ich mich verlegen auf mein Getränk konzentrierte. »Deine Gesichtsfarbe verrät dich, Summers.«

Diese Eigenart, meinen Nachnamen zu benutzen, nervte mich tierisch. Ebenso genervt sah ich sie an. »Zugegeben, er sieht nicht schlecht aus.«

Sie schlug auf den Tisch. Das Geschirr erzitterte und ich zuckte etwas zurück. »Ich wusste es.«

»Wo ist denn das Problem, dass ich ihn nicht schlechtaussehend finde?«, fragte ich irritiert. »Ihr findet ihn immerhin auch …« Ich deutete Gänsefüße in die Luft. »O-Ton: Sexy. Weil er alt ist.«

Sie starrte mich einfach weiter an, wobei sie ihre Braue penetrant hob.

»O mein Gott, kannst du bitte damit aufhören, Le?«

Sie warf Shannen einen knappen Blick zu. »Sie reitet sich ganz schön rein, oder?«

Shannen nickte grinsend.

Fahrig deutete ich zwischen ihnen hin und her. »Das ist Schwachsinn. Ihr redet beide Schwachsinn. Ich stehe nicht auf Andrew.«

»Wie oft hast du dir schon vorgestellt, ihn zu vögeln?«

»Le!« Was sollte denn dieses blöde in die Ecke drängen? »Ich … ich stelle mir das nicht vor.«

Shannen nahm ihre Tasse Kaffee auf. »Sie wird noch roter.«

Ich legte die Hände an meine glühenden Wangen, wobei ich mich hektisch umschaute. Niemand der anderen Gäste achtete auf uns, dennoch hatte ich auf einmal das Gefühl, unter Beobachtung, nein, unter Beschuss zu stehen.

»Du hast uns eine Sache voraus: Du hast ihn am Strand schon in sexy Badeshorts gesehen. Dann würde ich vermutlich auch feuchte Träume von ihm bekommen.«

»Was ist denn bitte los mit dir?«, gab ich empört zurück. »Das letzte Mal als ich mit den Campbells im Urlaub war, da war ich fünfzehn. Mein Gott.«

»Komm schon. Ist er sexy unter den spießigen Anzügen?«

»Le!«

Sie wandte sich wieder Shannen zu, die beiden verfielen in wilde Spekulation darüber, wie er wohl unter seinen Hemden aussah.

Ich hatte noch Fotos aus der Zeit mit ihnen am Strand, die ich mir allerdings seit mindestens einem Jahr nicht mehr angesehen hatte. Weil ich verhindern wollte, Andrew anzuschmachten, denn verflucht ja, er sah gut aus. Er hatte stets auf sich geachtet und trieb Sport.

Das war mir mit fünfzehn natürlich nie aufgefallen, da hatte ich seinen Sohn Joshua hübscher gefunden.

Aber diese ganze Familie war so grauenhaft schön, es war unnormal. Sie waren für mich der Inbegriff von Perfektion, zumindest was die Optik betraf.

Was hinter der Fassade aus kontrolliertem Auftritt und grazilem Aussehen lauerte, war eine andere Sache.

Ich hatte viel mitbekommen, aber das hatte ich Le und Shannen selbstverständlich nie erzählt. In dem kleinen Örtchen South Creek wurde ohnehin alles auseinandergerissen, was nicht der Norm entsprach. Die Nachricht von Joshua und Sofia, die als Stiefgeschwister ein Paar wurden, würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten.

Einer der Gründe, weshalb ich vor zwei Jahren in die nächstgrößere Stadt Tillamook gezogen war. Der Ort hatte deutlich mehr Einwohner, man kannte seine Nachbarn, aber sich so richtig für sie interessieren tat man doch nicht.

Schnupperstunde

Seit knapp einer Stunde waren Mom und ich in einer der Kirchen Tillamooks und bereiteten die Dekoration für die gleich anstehende Hochzeit vor. Zwischendurch kam der Pfarrer und schaute sich alles an, wobei er mit Mom sprach.

Ich kniete an der Seite einer Bank im Mittelschiff und band das nächste Blumengesteck an das Holz. Mom war vorne am Altar und bereitete passende Sträuße links und rechts davon vor.

Die doppelflügelige Kirchentür war geöffnet, weshalb Geräusche der anliegenden Straße sowie seichtes Vogelgezwitscher zu mir drangen. Das warme Licht der Morgensonne fiel durch die vielen farbigen Glasbilder der Fenster.

Heute war der Herbst gnädig, das Brautpaar würde einen wundervollen Tag verbringen, da war ich sicher.

Ich schaute zu Mom, die Blumen drapierte, und lief danach den Gang zwischen den Bänken in Gedanken ab. Ich stellte mir vor, wie ich die Kirche durch die große Tür betreten würde, mit Dad, der mich führte.

Das wollte ich auch haben.

Eine Hochzeit.

Niemand wusste das, nicht einmal Sofia. Ich tat immer so, als wäre mir das Thema egal, als würde es mich nicht berühren, aber ganz tief in meinem Herzen sehnte ich mich danach.

Nach einem Mann, mit dem ich sein konnte.

Mit dem ich meine guten und schlechten Tage verbringen konnte, der mich hielt, mir auf die Nerven ging, mich aber auch beruhigte. Eben mit allem, was dazugehörte.

Jede einzelne Grauzone.

Die zufallende Tür zum Nebenraum riss mich aus den Gedanken und ich griff nach den nächsten Blumen und rückte eine Bank weiter. Schritte ertönten, dann vernahm ich den Pfarrer, danach Mom. Wortfetzen über das Wetter und die anstehende Trauung drangen zu mir.

Mein Handy vibrierte in meiner hinteren Hosentasche, ich zog es heraus, es leuchtete durch die Bewegung auf.

Andrew hatte mir geschrieben? Langsam sank ich auf die Knie und öffnete den Chat mit ihm. Wir schrieben nicht wirklich häufig, normalerweise gratulierte er mir und ich ihm zum Geburtstag. Entsprechend war meine letzte Nachricht an ihn aus dem Juli.

Andrew: Ich habe schon wieder das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen.

Ich blinzelte und starrte auf den Chat, auf die wenigen Worte, die unter meinem letzten ›Happy Birthday, Andrew‹ und seiner Antwort ›Danke‹ standen. Dabei glitt ich seitlich von meinen Beinen und landete mit dem Hintern auf dem kühlen Steinboden.

Ich tippte, löschte die Worte, tippte wieder, löschte wieder und tippte erneut.

Ich: Wieso?

Wieso? Wie dämlich. Bevor ich das revidieren konnte, hatte ich sie abgeschickt und Andrew tippte.

Ich warf einen knappen Blick zu Mom, die wieder allein war, vor den Stufen hin und her ging und an den Vasen herumrückte.

Andrew: Ich habe dir zwei Mal gesagt, wie hübsch ich dich finde. Das sollte nicht zur Gewohnheit werden.

Ich: Schade.

Dazu sendete ich ein albernes Emoji.

»Emily«, sagte Mom laut.

»Hm?« Ich sah sie an.

»Kannst du herkommen?«

»Moment«, gab ich zurück und schaute auf den Chat. Er schrieb wieder und ich wurde unruhiger. Er hätte keinen Grund mehr, nach meinem Schade zu schreiben, aber tat es trotzdem.

Okay, ich interpretierte zu viel hier rein … aber … wieso schrieb er mir?

»Emily!«

Ich sah wieder zu Mom, dabei vibrierte es in meiner Hand. »Ja, Sekunde!«, gab ich etwas zu bissig zurück. Sofort flog mein Blick zurück auf das Handy, das sich verdunkelt hatte. Hektisch entsperrte ich es.

Andrew: Ich war mir sicher, ich hätte eine Grenze überschritten.

Ich: Hast du nicht. Mach dir keine Sorgen.

Andrew: Es erleichtert mich, dass du das schreibst.

Ich: Du weißt doch, wir finden uns sexy.

Bevor ich darüber nachgedacht hatte, was ich da schrieb, war die Nachricht unterwegs und es würde auch nichts bringen, sie zu löschen, weil er online war und sie sofort sah.

Er ging offline.

Scheiße. Was dachte ich mir nur dabei? Was tat ich hier? Was schrieb ich mit ihm? O Gott. O Gott. O Gott.

»Emily?« Mom wieder. »Was machst du denn?«

»Eine Minute.«

Komm schon. Komm wieder online. Schreib mir.

Die Punkte erschienen und ich atmete erleichtert auf.

Andrew: Jetzt sind wir schon bei sexy?

Ein ebenso albernes Emoji folgte und ich tippte hektisch.

Ich: Ja also du weißt, wie ich das meine.

Andrew: Nicht wirklich. Klär mich auf.

Mein Puls raste. Meine Finger zitterten.

Ich: Also, ich finde dich attraktiv und du mich.

Ich: Aber das bedeutet natürlich nichts.

Mein Gott. Das bedeutete nichts? So etwas schrieb man doch nur, wenn es etwas bedeutete. Ich wollte noch etwas nachsenden, um alles abzuschwächen, oder zu erklären, oder aber noch schlimmer zu machen, da ging eine weitere Nachricht ein.

Andrew: Natürlich nicht.

Andrew: Gibst du mir Bescheid, wenn ihr die Grace-Rosen mal wieder im Laden habt?

Ich: Ja, mache ich.

Der Themenwechsel enttäuschte mich, aber was hatte ich erwartet, wenn ich ihm so einen doofen Mist sendete? Ich sah an das Gemäuer der Kirchendecke und hoffte, dass ich nicht in Flammen aufging, weil ich auf heiligem Boden fragwürdige Dinge mit einem Mann schrieb, der sich das Jawort mit einer anderen Frau vor Gott gegeben hatte.

Ich war nicht besonders gläubig, aber das bescherte mir doch ein mulmiges Gefühl.

»Emily!«, schnitt Moms Stimme durch die Kirche. Sie hallte von den Wänden wider. Ich senkte den Blick und sah sie vermutlich an wie ein aufgeschrecktes Reh. »Herr im Himmel, wo bist du nur mit deinen Gedanken?« Widerwillig sperrte ich das Handy und stand auf, um zu Mom zu gehen, die mich wütend musterte. »Tu wenigstens so, als würde dich das hier interessieren.«

»Tschuldige«, murmelte ich, als ich neben ihr stand. »Also, wobei soll ich dir helfen?« Langsam schob ich das Handy zurück in meine Tasche, das wieder vibrierte.

Noch eine Nachricht.

Er hat mir noch mal geschrieben?

Mom ging die Stufen hoch und deutete auf die Blumenarrangements links. »Stehen die hier gut? Ich bin nicht sicher. Vielleicht noch etwas mehr in Richtung Wand?«

Ich wollte nachsehen.

»Ähm … etwas weiter links?«, sagte ich, obwohl ich keine Ahnung hatte und mir das gerade total egal war.

Ich musste mich beruhigen.

Das mit Andrew bedeutete nichts. Das alles bedeutete nichts.

Sie schob die klobige Vase langsam rüber, das Material kratzte unangenehm über den Steinboden.

»Nein, das ist es doch nicht«, meinte ich.

Sie trat zurück an meine Seite und schaute sich alles einen Moment an. »Du hast recht. Vorher war es besser.«

Kaum war Mom oben, zog ich das Handy aus der Tasche und entsperrte es. Es war nur eine verdammte Mail, ein blöder Newsletter von einer Firma, bei der ich etwas gekauft hatte. Ich schloss die Augen, um runterzukommen, weil ich mich wegen nichts verrücktmachte.

Um mich herum war es dunkel, ich hielt das Handy über mich und starrte auf den Chat von heute Morgen mit Andrew. Immer und immer wieder ging ich die wenigen Nachrichten durch und versuchte herauszufinden, was das zu bedeuten hatte.

Ich rückte etwas höher ans Kopfende und knuffte das Kissen dabei mit einer Hand zusammen. Dann öffnete ich den Browser, um dämliche Suchen bei Google einzugeben. Sowas wie ›Woran erkenne ich, dass er auf mich steht?‹, ›Mag er mich?‹, oder aber unmögliche Dinge wie ›Altersunterschied Beziehung‹.

Ich las Artikel von Frauen, die mit einem älteren Mann zusammen waren, wie die Beziehung war, was es für Hürden gab und ließ das Handy irgendwann neben mich fallen, wobei ich an die Decke starrte. Der Bildschirm spendete diffuses Licht.

Was zum Geier tat ich?

Wieso googelte ich das?

Ich nahm das Telefon dennoch auf und entsperrte es, um weitere Artikel zu lesen.

Machte ich das, weil ich ein bisschen einsam war?

Das musste es sein.

Klar suchte ich deswegen nach diesen Themen, weil der Mann, den ich anhimmelte, mich angemacht hatte.

Das war schließlich noch nie vorgefallen. Wir hatten normale Gespräch geführt, die man eben mit Menschen teilte, die man seit Jahren kannte.

Nicht so etwas.

Es ging nie darum, dass er mich hübsch fand.

Oder ich ihn sexy.

Er musste mich für bescheuert halten.

An einem Artikel einer New Yorkerin blieb ich hängen. Sie berichtete über das Leben mit einem Mann der satte vierundzwanzig Jahre älter war als sie. Irgendein steinreicher Hotelerbe, dem außerdem ein Label gehörte.

Andrew gehörte zwar kein Label, aber er arbeitete mit Musikern zusammen und schrieb Songs für sie. Soweit ich wusste, war er auch im Management tätig.

Jetzt fing ich schon an, Zeichen zu sehen, wo wirklich absolut und überhaupt keine waren.

Vielleicht änderte ich meine Lebensplanung spontan und schaffte mir Hunde und Katzen an, damit ich eine schrullige alte Tierlady werden konnte.

Sie erzählte davon, dass die Differenz der Jahre sich durchaus auf die Beziehung auswirken würde. Auf Pläne, die in der Zukunft lagen, auf Einstellungen, auf die Familienplanung und auch auf den Sex.

Doch ehe ich weiterlesen konnte, schob sich das kleine Benachrichtigungsfeld oben in den Bildschirm.

Sofort richtete ich mich im Kissen auf.

Er hatte geschrieben.

Er hatte wieder geschrieben.

Da ich die Nachrichten verdeckt anzeigen ließ und nur den Namen sah, konnte ich mir darauf keinen Reim machen.

Er hatte erneut geschrieben.

Ich sah an die spärlich beleuchtete Zimmerdecke, umfasste das Handy mit beiden Händen. »Was passiert hier?«, hauchte ich und es summte zwischen meinen Fingern. Der Bildschirm verdunkelte sich und ich beugte mich zum Nachtschrank und knipste das kleine Licht an. Um mich herum tat sich mein kleines Schlafzimmer auf. Es dominierten bunte, aber warme Töne, ich hatte zwei Kommoden, voller Krempel, außerdem viele kleine Regale mit Deko oder Pflanzen.

Ich entsperrte das Gerät und öffnete den Chat mit Andrew. Mein Herz bebte.

Andrew: Bist du noch wach?

Andrew: Ich habe darüber nachgedacht …

Hektisch tippte ich, wobei ich mich gefühlt fünftausend Mal verschrieb, weil ich vollkommen überfordert war. Ich kontrollierte ebenso häufig, ob ich alles richtig geschrieben hatte.

Ich: Ich bin noch wach.Worüber hast du nachgedacht?

Mein Blick glitt zu den kleinen Punkten, die erschienen. Dann verschwanden sie und er ging offline.

»Komm schon«, sagte ich ungeduldig. »Komm schon. Schreib mir.«

Es passierte nichts.

»Lass mich nicht dumm sterben. Bitte.«

Irgendwann verdunkelte es sich. Bevor ich es weglegen konnte, summte es aber und ich entsperrte es so hektisch, dass es mir beinahe aus der Hand glitt.

Andrew: Über das, was du geschrieben hast. Heute Morgen.

Ich: Was genau?

Er konnte nicht auf die Tatsache anspielen, dass ich ihn sexy fand. Gott, bitte nicht. Vielleicht wollte ich gar nicht sehen, was er davon hielt, er tippte nämlich auffällig lang.

Sicherlich hielt er mich für beknackt.

Andrew: Ich habe lang darüber nachgedacht, ob es verwerflich ist, dich hübsch zu finden. Vielleicht dachte ich, es sei meiner Frau gegenüber unfair, dich zu mögen. Aber ich glaube, es ist legitim und in Ordnung, wie es ist. Immerhin bedeutet es nichts, wie du schriebst.

Ich: Also ist es okay, wenn wir uns sexy finden? Willst du das damit sagen?

Schon während ich das abschickte, hielt ich mich selbst für wahnsinnig.

Andrew: Jemanden sexy zu finden, heißt nicht, auf etwas hinauszuwollen.

Mir wurde heiß. Mir wurde kalt.

Alles auf einmal.

Er fand mich … sexy? Oder interpretierte ich das falsch?

Ein heftiger Schauer schoss durch meinen Körper. Eine Gänsehaut kroch über meine Wirbelsäule.

Ich ließ das Handy fallen und warf die Hände vor den Mund. Hektisch griff ich nach dem Gerät, als ich mich halbwegs gefangen hatte.

Ich: Ja, du hast recht. Ich sehe das auch so.

Ich: Wieso schreibst du mir deswegen?

Ich: Weil wir sonst nie geschrieben haben. Also ich freue mich, es wundert mich einfach.

Andrew: Wenn ich das wüsste.

Er brachte mich zum Lächeln und endlich entspannte ich mich ein wenig, sodass ich zurück ins Kissen sank. Seine Antwort war dennoch wie ein kleiner Stich in mein Herz. Es gab diese Aussagen, bei denen man, aus welchem Grund auch immer, verstand, dass dem Gegenüber etwas auf der Seele lag. Und das hier gehörte für mich dazu.

Wieso hatte Andrew mir wirklich geschrieben?

Es war nicht die Tatsache, dass er über heute Morgen oder gestern reden wollte.

Es war etwas anderes.

Ich: Wie geht es dir?

Ich starrte auf meine Frage und kaute auf meinem Daumennagel, während ich wartete. Es passierte nichts und ich befürchtete schon, er würde nicht mehr antworten, da erschienen die Punkte im Chat.

Andrew: Wir haben im letzten Jahr häufig im Laden geredet. Vielleicht schreibe ich deswegen.

Andrew: Ich mag es, mich mit dir zu unterhalten, obwohl es immer nur wenige Minuten in der Woche sind.

Ich: Ich mag es auch, mit dir zu reden. Wie wäre es, wenn wir uns beim nächsten Mal länger unterhalten?

Andrew: Ja, lass uns das tun.

Andrew: Schlaf gut, Emily.

Lächelnd schaute ich auf seine Antwort, ein herrliches Flattern breitete sich in meinem Körper aus. Als würden tausende Blumen auf einmal in meiner Brust aufblühen.

Das Wummern meines Herzens nahm jede einzelne Zelle ein.

Ich legte die Hand auf meinen oberen Brustbereich, ehe ich zurückschrieb.

Ich: Gute Nacht, Andrew.

Pusteblume

Fünf Tage.

Ich wartete seit fünf Tagen auf seinen Besuch, damit wir dort weitermachen konnten, wo wir im Chat aufgehört hatten. Ich sehnte mich nach seinen Worten, nach seinem Lächeln und den leichten Blicken.

Und jeder folgende Tag, an dem sein Escalade nicht vor dem Laden parkte, war frustrierender. Ich überlegte bereits, die Campbells zu besuchen, auch wenn das ohne Sofia super seltsam wäre. Vielleicht konnte ich mir einen Grund einfallen lassen, dort reinzuschneien. Grace, ich brachte ihnen einen Strauß Grace, ein extra Service von Summer Flowers für Kundentreue. Das könnte funktionieren und würde nur ein klein wenig schräg wirken.

Heute dekorierte ich das Schaufenster für Thanksgiving, Mom und ich hatten dafür ein paar Dekoartikel besorgt. Außerdem hatte ich gestern Blumenkränze vorbereitet, die ich vorne aufhängte. Einige waren mit kleinen Truthähnen, andere mit Zylindern. Halloween war vor mehreren Tagen gewesen und wir spät dran mit der Deko. Normalerweise änderten wir das am Tag darauf bereits.

Man musste up to date sein, sagte Mom immer.

Die Kürbisse, die wir nicht ausgehöhlt hatten, ließ ich liegen und ich verteilte rot-orangene Blättergirlanden.

Jedes Mal, wenn hinter mir ein Wagen auf den Parkplatz fuhr, schaute ich mich um.

Jedes Mal wurde ich enttäuscht.

Mom stellte einen weiteren Korb mit Herbst-Dekoration hinter die Trennwand zur Ladenauslage. »Vielleicht ist da noch etwas bei, das habe ich noch im Lager gefunden.« Sie stemmte die Hände in die Taille.

Ich zog den Korb vorsichtig an der bereits aufgestellten Deko vorbei. Mom schaute sich mein Werk an, während ich sie musterte. War sie damit zufrieden? Unruhig trat ich einen kleinen Schritt zurück, wobei ich die Hände an der Schürze abwischte.

Dann lächelte sie und sah mich an. »Sehr schön.« Sie deutete auf die Wand auf der anderen Fensterseite. »Schaffst du diese Seite noch heute?«

»Klar, ich gehe direkt rüber.« Ich griff den ersten Korb und schleppte ihn an der Tür vorbei zum anderen Schaufenster.

Mom verschwand im hinteren Bereich, ich nahm nebenbei wahr, dass sie Stühle oder die kleinen Regale hin und her schob.

Nachdem ich alles rübergebracht hatte, verließ ich den Laden, um vom Bürgersteig einen groben Überblick zu bekommen. Die Hauptstraße war gut befahren, das Dröhnen der Motoren umgab mich. Hin und wieder bog ein Wagen in die Seitenstraße ein, allerdings fuhren die Meisten zu dem kleinen Metallwarenladen gegenüber. Heute war es deutlich kühler als in den letzten Tagen, der Wind pfiff an meinem Pullover vorbei und bahnte sich den Weg auf meine Haut. Somit ging ich schnell rein und bereitete die andere Seite für Thanksgiving vor.

Irgendwann hörte ich ein Türknallen und sah mich um.

Als erstes nahm ich dunkelbraune Schuhe wahr, die sich auf die Ladentür zubewegten. Ich ließ den Blick hinaufgleiten, über die schwarze Hose, den schwarzen kurzen Mantel und über das weiße Hemd unter dem ebenso dunklen Jackett.

Langsam stand ich auf und Andrew blieb vor der Tür stehen, hielt aber bereits den Griff fest.

Er trug keine Krawatte.

Die obersten Knöpfe des Hemds waren geöffnet.

Das war ungewöhnlich.

Hektisch quetschte ich mich an dem Regal neben der Tür und der Rückwand vorbei, wobei er den Laden betrat. Das sanfte Läuten kündigte Besuch an, aber Mom würde nicht nach vorne kommen, wenn sie wusste, dass ich die Kunden bediente.

»Hi«, sagte er leise.

Sofort musste ich lächeln. »Hi.« Ich schaute in seine blauen Augen. »Kommst du von der Arbeit?«

Er nickte. »Wie ist dein Tag?«

»Gerade wird er um einiges besser«, entgegnete ich ehrlich, was ihm ein wundervolles Lächeln entlockte. »Du trägst keine Krawatte. Ungewöhnlich.«

»Sie liegt im Wagen. Manchmal muss ich sie nach der Arbeit ausziehen.« Er machte einen leicht zerknirschten Ausdruck und ich fragte mich, ob sie ihm vielleicht die Luft abschnürte. Im übertragenen Sinne.

Ich schob die Hände in die Taschen meiner Boyfriend-Jeans. »Möchtest du etwas trinken?« Er zog die Brauen etwas zusammen und ich musterte die Gestecke hinter ihm. »Also … falls du Zeit hast.« Ich sah ihn wieder an. »Außer natürlich, du bist nur hier, um Blumen zu kaufen. Dann berate ich dich wie immer gerne. Von mir aus auch extra lang.«

Andrew machte einen kleinen Schritt in meine Richtung.

Das Summen zwischen uns flirrte auf meiner Haut.

»Wir müssen das leider auf’s nächste Mal verschieben, ich habe kaum Zeit. Eva und ich sind zum Essen eingeladen.«

»Okay, dann eine kleine Beratung?« Es enttäuschte mich, dass er sofort wegmusste, aber ihn überhaupt zu sehen, machte mich glücklich. »Was kann ich dir heute Gutes tun?«

Irgendwie verrutschte sein Ausdruck. Aber nicht in Fassungslosigkeit, es machte eher den Eindruck, als wollte er ernsthaft einen Spruch ablassen.

Ich lachte. »O Gott, wolltest du gerade echt irgendetwas dazu sagen?«

Andrew lachte ebenfalls. »Zum Glück konnte ich mich zurückhalten.«

»Jetzt musst du es mir leider sagen.«

»Auf gar keinen Fall.« Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen.

»Es ist also echt was schmutziges.« Ich deutete auf ihn. »Du böser, böser Junge.«

Grinsend sah er an die Decke.

»Du willst schon wieder was sagen. Nicht zu fassen.«

Er lachte und ich saugte das dunkle Timbre, das den Raum einnahm, dankbar auf. »Gut, lassen wir das lieber und gehen über zu den Blumen.«

»Welche hättest du gerne?«

Für einen Moment sah er mich an.

Um mich herum wurde es … still.

Schon verrückt, was sich durch wenige Gespräche ändern konnte, was durch wenige Worte losgetreten werden konnte. War ich zuvor immer unheimlich nervös in seiner Gegenwart gewesen, fühlte sich das Gespräch mit ihm entspannt und natürlich an.

»Welche gefallen dir?«, fragte er leise und brachte mich erneut zum Lächeln.

Mit den Händen in den Taschen drehte ich mich um und warf ihm einen kleinen Schulterblick zu. »Da finden wir etwas.« Er folgte mir an den Aufstellern vorbei zu der Wand, vor der die Schnittblumen standen und ich suchte mich mit dem Blick durch unsere heutige Auswahl. Selbstverständlich hatte ich sofort etwas ins Auge gefasst. »Rate mal, was wir heute reinbekommen haben. Sehr ungewöhnlich für Anfang November.«

Sein Ausdruck erhellte sich, er schaute über die Blumen und blieb an den Rosen weiter hinten hängen. An jeder Vase war ein kleines Schildchen, damit sich die Kunden zurechtfanden.

»Grace«, sagte er leise. Sein Ausdruck wurde tadelnd. »Du hast mir nicht Bescheid gegeben.«

»Ich wollte sie persönlich vorbeibringen«, hielt ich mit erhobenem Zeigefinger dagegen. Er runzelte die Stirn. »Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht.« Ich griff eine der wenigen pfirsichfarbenen Rosen und hielt sie ihm hin. »Wie wäre es also damit?«

Er sah zurück in meine Augen, ein Leuchten darin. »Die nehmen wir.«

»Okay«, meinte ich und hockte mich vor die Vasen, wobei ich meine Lippen zusammenpresste, weil ich grinsen musste.

Ich kombinierte die Grace mit einer farblich passenden anderen Rosenart und dekorierte alles mit leichtem Grün.

Andrew rührte sich währenddessen nicht vom Fleck, ich bemerkte seinen Blick sogar in meinem Nacken.

Wie ein zartes Flüstern.

Es war wundervoll.

Und sicher würde es eben das für mich bleiben, ein paar nette Worte, ein paar kleine Blicke – aber damit war ich zufrieden. Es war mehr, als ich mir jemals von ihm erhofft hatte.

»Ich habe dir deine Frage nicht beantwortet«, sagte er auf einmal.

Verwundert schaute ich zu ihm auf. »Was meinst du?«

»Als wir geschrieben haben.«

Ich zog eine letzte Grace aus der Vase, um sie zwischen die Rosen zu schieben und stand dabei auf.

»Du hast mich gefragt, wie es mir geht. Ich habe nicht geantwortet.«

»Das musst du nicht. Es ist okay, wenn du nicht antwortest, weil du nicht darüber reden möchtest.« Ich hielt ihm die Blumen hin. »Gut so?«

»Ich wollte dir antworten, aber … es … ist schwer.« Er lächelte verlegen und rieb über seinen Nacken. »Gefallen sie dir?«

»Ich finde sie toll«, sagte ich leise.

»Es ist schwer gerade.«

Langsam ließ ich den kleinen Strauß sinken. »Meinst du mit Eva?«

»Hm-mh.«

»Das tut mir leid.«