Midnight Symphony - Emilia Cole - E-Book

Midnight Symphony E-Book

Emilia Cole

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Beschreibung

Ihre Blicke sind das Solo, ihr Lachen ein Duett,
ihre Zuneigung meine Rettung.


Ich habe eine falsche Entscheidung getroffen und verlor meine Band, meine Frau und meine Musik.
Ich wollte mich aufgeben.

Doch dann war da Abbi.
Sie brachte die Musik zurück in mein Leben und tanzte mit mir zum Song meines Herzens.
Indem sie meine Symphonie wurde.



In sich abgeschlossen
Kein Cliffhanger

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Inhalt

Impressum

Chronologische Übersicht Maybe-Adagio

Playlist

[Kopfsatz]

Home sweet Home

Erster Kontakt

Zufall oder Schicksal

Lähmende Erinnerung

Thors Hammer

[Hauptsatz]

Schulbank drücken

Verlorener Junge

Horror-Hörnchen

Der frühe Vogel und der Wurm

Schlechte Zeichen

Du bist hübsch

Auf der Suche

[Durchführung]

Aussprache

Falsche Versprechen

Neue Zeiten und schlechte Ideen

Fragile Freundschaft

Grillparty

Verlorene Kämpfe

Asche im Wind

[Reprise]

Unsichtbarer Regen

Ich habe den Herd angelassen

Midnight Symphony

[Coda]

Erwachen

Ende und Anfang

Nachwort / Dank

Where Shadows Hide (Hide & Fall 1)

Fellow In Misery

 

Impressum

 

 

 

© 2024 Rinoa Verlag

c/o Emilia Cole

Kolpingstraße 31

47608 Geldern

 

ISBN 978-3-910653-23-8

 

rinoaverlag.de

emilia-cole.de

 

Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Chronologische Übersicht Maybe-Adagio

Maybe Next Time (Maybe 1)

Light Serenade (Adagio 1)

Maybe Tomorrow (Maybe 2)

Tomorrow comes Today (Maybe 3)

Nightfall Sonata (Adagio 2)

Maybe: Valentines Edition (Maybe Special)

Maybe Forever (Maybe 4)

Maybe This Day (Maybe 5)

Midnight Symphony (Adagio 3)

Maybe Always (Maybe 6)

Playlist

Wintergatan – Starmachine 2000

Wintergatan – Marble Machine

Wintergatan – Sommerfågel

Jim Guthrie – You, Me & Gravity

Jim Guthrie – The Light In Us All

Adam Young – Shackleton

The Wellerman – Wellerman

Radical Face – Welcome Home, Son

Radical Face – I’ll Be There Soon

Family Of The Year – Carry Me

Xavier Rudd – Spirit Bird

Oskar Schuster – Damascus

Maldito – Alone Made Of Ice

Solid Audioworks – All That You Are

TheFatRat, Laura Brehm – We’ll Met Again

Rhian Sheehan - Litte Sines

 

 

 

 

 

 

Für die Ruhe nach jedem Sturm.

 

 

 

 

Symphonie, die

 

 

Auf das Zusammenklingen des ganzen Orchesters hin angelegtes Instrumentalwerk [in Sonatenform] mit mehreren Sätzen.

[Kopfsatz]

Die Stille nach meinem Solo.

Home sweet Home

Gedemütigt.

Verlassen.

Gebrochen.

Vor weniger als zwei Wochen hätte ich nicht gedacht, dass ich zurückfahren würde, weil ich es in New York nicht mehr ausgehalten hatte.

Weil ich alles verloren hatte, was mir wichtig war.

Vor weniger als zwei Wochen war in meinem Leben noch alles in Ordnung gewesen.

Zumindest hatte ich fest daran geglaubt.

Dass die kleine Stimme in meinem Hinterkopf mir durchgehend zugerufen hatte, ich machte mir etwas vor, hatte ich ignoriert.

Der Fahrtwind peitschte auf meine Haut, da ich alle Fenster geöffnet hatte. Es war arschkalt, aber das benötigte ich gerade, es brachte mich immerhin etwas runter. Die Musik war aufgedreht, Tom Barber schrie und brüllte mich über den dumpfen Sound der Drums und Riffs an, in der Hoffnung, meine Gedanken zu übertönen. Leider blitzten die Bilder von ihr dauernd vor mir auf.

Mein Herz zog mich zurück nach New York, zu der Frau, die mich um den Schlaf brachte.

Mein Verstand hingegen drängte mich unermüdlich in Richtung Heimat.

Aber ich wusste, dass ich in New York nichts mehr fand.

Nachdem ich meine Frau verlassen hatte, um mit einer anderen glücklich zu werden, nachdem ich auch diese Frau verloren hatte, was blieb mir dort?

Die Umgebung wurde ländlicher und erinnerte mich daran, wo ich hergekommen war, an meine Familie, aber vor allem, wie ich großgeworden war. An gemütliche Abende bei unseren Nachbarn vor dem Kamin, wenn draußen Schneestürme gewütet hatten. Aber auch an die Tage in den Buchten mit Sonne, Schwimmen und viel Gelächter. Damals, mit meinen Schulfreunden.

Der salzige Geruch des Meeres lag nach jeder Meile intensiver in der Luft. Eine Gebirgskette reihte sich an die nächste und wurde zwischendurch von dichten Mischwäldern abgelöst.

Niemand wusste, dass ich zurückkam.

Ich hatte überstürzt alles hinter mir gelassen, eine Tasche und meine Drums gepackt und mir auch keine Gedanken darüber gemacht, wie ich meinen restlichen Kram nach Harpswell schaffen sollte.

Aber darüber konnte ich mir auch morgen den Kopf zerbrechen. Oder übermorgen. Oder in einer Woche oder zwei.

Jetzt ging es erst einmal darum, dass ich aus der Stadt verschwand, die mich erdrückte, sodass ich frische Luft schnappen konnte.

Als erste Schneeflocken auf der Windschutzscheibe landeten, ließ ich die Fenster hoch. Außerdem schaltete ich die Heizung ein, langsam war ich echt durchgefroren.

Die Berggipfel in der Ferne waren allesamt schneebedeckt, einige von ihnen verschwanden zwischen den dichten weißen Wolken, die nach und nach aufzogen.

Ein vertrauter Anblick im Winter.

Ich umfasste das Lenkrad fester, als ich auf den Highway einbog, der mich nach Harpswell brachte. Es gab einen Grund, weshalb ich lange nicht hier gewesen war.

Und obwohl die Ereignisse in New York mich erdrückten, gewann dieses andere Gefühl an Oberhand, je näher ich meiner Heimat kam.

Ich bog auf eine der Landzungen ab, um zu meinem Elternhaus zu gelangen. Dabei drosselte ich das Tempo, um alles genau aufzunehmen.

Nicht einmal zu Thanksgiving oder Weihnachten hatte ich mich aufraffen können, sie zu besuchen. Ich hatte ihnen Karten geschrieben. Verdammte Karten. Mit dämlichen lustigen Sprüchen oder einfachen Wünschen für Gesundheit oder Ähnliches. Eine Farce war das gewesen.

Die Wälder in der Umgebung wurden hin und wieder von kleinen Stores, Wohnhäusern oder dem Blick auf das Meer und vielen Fischerbooten abgelöst.

Im Endeffekt bestand Harpswell aus Buchten, Bäumen und ein paar Reperaturservices für Boote. Einer davon gehörte meinem Dad.

Ich steuerte zwischen dichter werdender Zivilisation auf die Orrs Island Bridge zu, um auf das Landstück zu gelangen, das mich über eine weitere Brücke schlussendlich zum Bailey Island brachte. Hier wurden die Wälder bereits durchsichtiger, immer wieder erhaschte ich wunderschöne Blicke auf den derzeit eisigen Ozean.

Mehr und mehr Schneeflocken bedeckten die Umgebung und formten eine stille Winterlandschaft, weshalb ich die Musik ausschaltete und die Ruhe um mich herum aufsog.

Es war … seltsam nach Hause zu fahren.

Ich hatte auch keine Ahnung, was ich Dad sagen sollte. Er hatte nie viele Fragen gestellt, aber er würde sicherlich wissen wollen, weshalb ich mich nie hatte blicken lassen.

Die spärlich befahrenen Straßen, die Briefkästen am Straßenrand zu den Hauseinfahrten und auch das alte Feuerwehrgebäude hatten mir gefehlt, wenn ich tief in mich hineinhorchte. Denn kaum konnte ich all das wieder aufnehmen, breitete sich neben dem Druck auch Wärme in meiner Brust aus.

Als ich die Bailey Island Bridge beinahe erreicht hatte, sah ich schon, dass sie gesperrt war und drosselte das Tempo.

Links neben der alten Brücke in der Bucht lagen Dutzende kleine Fischerboote, allesamt festgezurrt, damit sie nicht von der rauen See davongetragen wurden. Auch Dans Lobster & Ale House existierte noch. Durch die Flockenlandschaft erhaschte ich immer wieder Blicke auf das blaugestrichene Haus gegenüber der Bucht.

In dem mittlerweile dichten Schneefall entdeckte ich jemanden. Der Kerl in Warnweste drehte sich um, es war Chief Anderson. Er kam auf den Wagen zu, weshalb ich das Fenster herunterließ. »Sir«, sagte er.

»Hey, was ist passiert?«

Er sah zu mir hoch, immerhin war mein Chevybus nicht gerade klein. Seine blondmelierten buschigen Augenbrauen hoben sich immer weiter an. »Blackwell? Tyler Blackwell?«

Ich räusperte mich. »Sieht so aus.«

Er stützte sich mit einer Hand neben dem Rückspiegel ab. »Ich habe dich … bestimmt fünf oder sechs Jahre lang nicht mehr gesehen.«

Sechs Jahre und drei Monate.

»Dein Vater hat mir gar nicht gesagt, dass du uns besuchst.« Ein Lächeln entstand auf seinem Gesicht, es zeichnete tiefe Falten in seine Wangen und um die Lippen herum, wobei mein Blick auf den Schnäuzer fiel, den er noch immer trug. Es sah aus, als wäre er geradewegs aus einem klischeehaften Thriller in die reale Welt gebeamt worden. »Du musst natürlich durch, ich mache dir den Weg frei.«

»Danke.«

Er nickte und klopfte zweimal auf die Motorhaube, ehe er über den vorderen Brückenteil ging und die Absperrung zur Seite schob.

Langsam fuhr ich an ihn heran und er sah noch einmal zu mir hoch. »Fahr vorsichtig, es ist ziemlich glatt. Wir müssen seit etwa drei Jahren jeden Winter diese Brücke absperren.« Er seufzte hörbar. »Es wird jedes Jahr schlimmer mit dem Wetter.«

»Danke, Chief.«

»Komm mal auf einen Tee vorbei, wenn du schon in Harpswell bist, Junge.« Ich nickte und ließ das Fenster hoch, wobei er mir ein weiteres Lächeln schenkte.

Als ich weiterfuhr, sah ich im Rückspiegel, wie er die Absperrung zurück auf die rechte Straßenseite schob. Die lange Straße, die Landzunge herunter, machte mich zunehmend unruhiger.

In wenigen Minuten war ich zu Hause.

Das blau gestrichene Haus an den Klippen erschien hinter wenigen Nadelbäumen.

Alles war genau wie früher.

Mit einer Ausnahme.

Sie würde nicht mehr da sein.

Ich parkte den Wagen an der Straße und schaute aus dem Beifahrerfenster über den Vorgarten. Der Rasen war schneebedeckt, lediglich wenige Büsche und Sträucher erhoben sich ebenso weiß über der Wiese. Ein kurzer und vom Schnee befreiter Steinweg führte zu den Stufen, über die man auf die Veranda vor dem Haus gelangte.

Noch immer stand die alte Bank unter dem Küchenfenster.

Noch immer hingen vier Blumenampeln über dem Verandageländer. Allerdings waren sie leer, keine Winterblumen verschönerten den Platz zwischen den tristen Verandapfeilern.

Noch immer zogen die Möwen kreischend ihre Kreise über dem Haus und man vernahm den Wellengang hinter den Felsklippen.

Ich brauchte noch einen Augenblick, bevor ich es schaffte, mich abzuschnallen und auszusteigen. Ich schlug die Tür zu und blickte mich um, wobei mir der eisige Wind in den Nacken peitschte.

Obwohl ich beinahe erfror, brachte es mich zum Lächeln.

Ich warf einen Blick zum hellgrünen Haus der Hansons gegenüber, die einzigen Nachbarn am Ende der Landzunge. Die anderen wohnten einige hundert Schritte die Straße hinauf.

Das Windspiel unter dem Dach der Hansons hörte ich bis hierher klimpern. Das hatte bereits dort gehangen, als ich noch ein Kind gewesen war. Ich hatte es gemocht, den Klängen zu lauschen, wenn ich im Bett gelegen und das Mondlicht die Schatten der Bäume an meine Zimmerwand gemalt hatte. Während die Schatten oft wie Dämonen über meine Tapete gekrabbelt waren, hatte mich das Windspiel stets beruhigt.

Ich holte meine Tasche vom Rücksitz, schulterte sie und ging über den Rasen zur Veranda. Der Schnee knirschte angenehm unter meinen Schuhen. Auf der obersten Stufe schlug ich den Schnee mithilfe der überstehenden Holzlatten von den Sohlen und schaute durch das kleine Fenster in der Haustür.

Es war dunkel.

Ich klopfte und versuche erneut, etwas durch das Fenster zu erkennen. Das Licht im Flur ging an, automatisch wich ich zurück.

Ich umfasste den Gurt der Tasche fester.

Die Tür ging auf und ich atmete laut aus.

»Hey, Dad.«

Mein Vater war älter geworden und hatte abgenommen. Als ich gegangen war, waren seine Haare weniger grau und dünn, seine Stirn hatte weniger Falten geworfen und auch seine Krähenfüße waren beinahe unsichtbar gewesen.

Vor mir stand ein Mann, den die Zeit und die Erlebnisse gezeichnet hatten. Schließlich hatte er vor sechseinhalb Jahren seine Frau und einen Sohn verloren.

»Tyler?«, flüsterte er. Er ließ seinen Blick über mich gleiten und zog die Tür ganz auf. »Ko- Komm rein.«

Die Dielen knarrten – genau wie früher – als ich eintrat. Er schloss die Tür hinter mir, ich ließ die Tasche auf die erste Treppenstufe im Flur fallen. Es roch nach Heimat, eine Mischung aus Lavendel und Kaminfeuer.

Dad starrte mich ungläubig an, als ich mich zurückdrehte. Als wäre ich ein Geist. »Was …« Er räusperte sich. »Ich … meine …« Hastig fuhr er über sein kurzes graues Haar. »Komm erst einmal rein. Möchtest du etwas trinken?«

»Gerade nicht, danke.«

»Na gut …« Er deutete zur Küche. »Ich mache mir einen Kaffee.«

Wortlos zog ich meine Schuhe aus, während mein Vater in die Küche ging. Ich setzte mich auf die Treppe und öffnete den ersten Schuh, wobei die Kaffeemaschine brummte.

In dem schmalen Gang standen noch immer die zwei Beistelltische. Auf dem einen war noch immer diese hässliche kleine Lampe mit dem bunten Schirm. Und darüber hingen noch immer Dutzende Fotos.

Ich hielt inne, weil ich Mom entdeckte.

Es war ein Porträtbild von ihr, das hatte sie Dad mal zum Geburtstag geschenkt.

Schnell widmete ich mich meinen Schuhen und ging danach rüber ins Wohnzimmer. Zur Klippe hin war ein breites Eckfenster, davor standen die beiden dunkelgrünen Sofas. Überall auf den Schränken und Beistelltischen waren Moms Lampen verteilt.

Sie hatte es geliebt, wenn abends alle kleinen Lichter im Haus brannten. Dad hatte sich dauernd aufgeregt, alle Lichter in der Nacht per Hand ausschalten zu müssen. Mom hatte nur darüber gelacht und gemeint, er solle die kleinen Dinge mehr genießen.

Dad kam durch die Tür, die Küche und Wohnzimmer miteinander verband, in der Hand eine Tasse Kaffee. »Setz dich, Tyler.«

Immerhin war ich nicht der Einzige, der nicht so genau wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte.

Wir setzten uns jeweils auf eine Couch.

Er nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf den Tisch, auf dem die Zeitung von gestern und einige Werbeflyer der Firma lagen. »Warum bist du hier?« Er hob die Hände leicht an. »Versteh das nicht falsch, ich freue mich sehr, dich zu sehen, aber du hast nicht Bescheid gegeben, dass du uns besuchen möchtest … und na ja, sonst hätte ich vielleicht etwas vorbereitet und einen Kuchen gebacken.«

»Ich möchte euch nicht besuchen«, sagte ich schwach. Druck entstand auf meinem Hals, je länger ich meinem Vater in die braunen Augen schaute, die meinen so ähnlich waren. »Es ist alles … ein wenig aus dem Ruder gelaufen in New York.«

Er nickte.

Er nickte einfach nur und ich wusste, er würde keine Fragen stellen.

Ich stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel. »Vermutlich wisst ihr längst, was ich getan habe.« Verlegen senkte ich den Blick.

»Du meinst, dass Bea und du getrennt seid? Ja, das weiß ich natürlich.«

Natürlich. Bea war nach der Trennung zurück nach Harpswell gezogen. Jeder hier würde wissen, was ich für ein Dummkopf gewesen war.

»Es war dumm, sie zu verlassen.«

Nein, ich hatte nur Angst vor der Veränderung.

Ich fürchtete mich davor, die Sicherheit aufgegeben zu haben.

Seit einem Jahr war ich hilf- und haltlos.

Seit ich meinen sicheren Hafen verlassen und mich auf die raue See gewagt hatte.

Eine Weile war es still, dann rückte mein Vater auf der Couch vor und stützte sich ebenfalls auf die Oberschenkel. Er suchte meinen Blick, den ich zögerlich erwiderte. »Tyler, es ist in Ordnung, sich zu trennen. Du hast deine Gründe gehabt.«

»Sie hat dir gesagt, was passiert ist?«

Wieder nickte er. »Bea war einige Male hier, seit sie zurück ist. Wir haben darüber gesprochen.«

Ich seufzte und mit einem Mal wurde das Gewicht auf meinen Schultern noch durchdringender. Mit einem langen Ausatmen rieb ich über mein Gesicht. »Hat sie gesagt, dass es wegen Penny war?«

Dad schmunzelte und nahm noch einen Schluck seines Kaffees. Noch immer hatte er die dunkelgrünen Tassen hier. »Sie hat kein gutes Haar an deiner Bandkollegin und dir gelassen.«

»Ich habe Bea sehr verletzt.«

Dad lächelte nachsichtig.

»Darf ich eine Weile bleiben?«, fragte ich vorsichtig.

Er ließ die Tasse langsam sinken und sein Ausdruck wurde noch eine Spur weicher. »Natürlich. Bleib, solange du möchtest.«

»Ich hatte überlegt, zurück nach Harpswell zu ziehen.«

»Das würde mich sehr freuen. Wir haben viel nachzuholen.«

Ja, das hatten wir wohl.

Dad stellte die Tasse ab und stand auf. »Du kannst dich in deinem alten Zimmer einquartieren.« Er ging durchs Wohnzimmer und ich folgte ihm. Auf dem Weg durch den Flur griff ich meine Tasche und wir nahmen die Treppe.

Er öffnete die erste Tür, die zu meinem alten Reich führte. »Es liegen ein paar Sachen von mir auf dem Tisch und im Regal. Ich kann sie aber -«

»Dad, lass alles liegen. Ich bin froh, dass das Bett hier noch steht.«

»Gut … dann gebe ich dir ein paar Minuten. Ich bin im Arbeitszimmer, wenn du mich suchst. Etwas Buchhaltung. Du weißt ja, das macht sich leider nicht von selbst.«

»Danke«, sagte ich leise und er schloss die Tür hinter mir, wonach ich zum Bett ging und meine Tasche danebenlegte.

Auf meinem alten Tisch lagerten Akten von meinem Vater, außerdem ein Laptop. In den Regalen stand neben meinen Schulbüchern alte Belletristik.

Sonst war alles wie früher.

Das Bett mit dem ausgefransten Teppich davor und die Fotos meiner alten Schulfreunde an der Pinnwand über der Kommode. Sogar der Baseballhandschuh lag noch auf dem Regal. Ich nahm ihn an mich und ließ die Finger über das mittlerweile spröde Material wandern.

Dad hatte meinem Bruder und mir jeweils einen Handschuh geschenkt. Ich erinnerte mich gut an den Weihnachtsmorgen, an dem wir zu dritt im Schnee Würfe geübt hatten. Da war ich elf gewesen, ein Jahr später hatte ich Bea kennengelernt. Seufzend legte ich das Stück zurück an seinen Platz und setzte mich aufs Bett.

Ich ließ die Finger über die Decke gleiten, mein Herz wurde unendlich schwer, da ich viel Zeit mit Bea in meinem Zimmer verbracht hatte.

Wir hatten hier unser erstes Mal erlebt, da waren wir ein Jahr zusammen gewesen. Keine Ahnung, ob es zu früh gewesen war, schließlich waren wir beide erst vierzehn gewesen.

Allerdings wollte ich die Erinnerung nicht missen.

Wir waren mit allem überfordert gewesen und das gesamte Spektakel hatten wir mehr lachend als vor Lust stöhnend verbracht.

Ich stützte die Ellenbogen auf die Oberschenkel und drückte die Finger an meine Stirn, wobei ich die Augen schloss.

Ich hatte den Halt verloren.

Jede Konstante meines Lebens war weggebrochen.

Mein Körper war wie Blei.

Mein Geist leer.

Mein Herz gebrochen.

 

 

Ein dumpfer Knall weckte mich und ich musste mich einen Augenblick orientieren, bis ich mich daran erinnerte, wo ich überhaupt war. Schwerfällig stützte ich mich von der Matratze ab und drückte den Rücken einmal durch, weil ich quer auf der Matratze lag, ein Bein hing aus dem Bett.

Mein altes Zimmer.

Der siedende Schmerz kroch zurück in meine Knochen.

Es klopfte, weshalb ich mich weiter aufraffte und bevor ich etwas sagen konnte, ging die Tür auf.

»Sieh einer an.« Todd grinste mich an, seine hellbraunen Haare standen wild in alle Richtungen ab, in der Hand hielt er eine Stoffbeanie.

»Hey«, gab ich ziemlich leidend zurück.

Todd kam zu mir, setzte sich und schlug mir heftig auf den Rücken, sodass ich einmal hustete. »Mein kleiner Bruder ist zurückgekehrt. Hats doch nicht gebracht in New York, was? Bea war ganz schön angepisst, als sie von dir erzählt hat.« Er lachte und ich wollte einfach wieder auf den Rücken fallen und weiterschlafen.

Oder sterben.

Würde mich jemand von den Klippen ins Eiswasser werfen, würde ich mich nicht einmal beklagen, wenn ich bedachte, wie sehr mein Leben aus den Fugen geraten war.

»Dad macht Essen. Hast du Hunger auf seinen legendären Braten? Das macht er mittlerweile echt gut. Hat aber auch gedauert.« Während er davon sprach, kroch auch der Duft des Essens in meine Nase.

Ich drückte den Rücken erneut durch. »Sag ihm, ich komme gleich.«

Todd lächelte mich an, wobei er mir wieder auf die Schulter schlug. »Lass uns nicht zu lang warten. Wir haben einiges zu besprechen.« Was auch immer das bedeuten sollte. Damit verschwand er und ich hörte, wie er in sein Zimmer ging.

Er wohnte noch bei Dad.

Es war genau wie früher. Er hatte mich stets mit seinen Sprüchen genervt und war danach mit einem Türknallen verschwunden.

Aber Todd war nie einer gewesen, der Großes für sein Leben geplant hatte. Er hatte nie Interesse daran gehabt, die Welt zu sehen, geschweige denn Musik zu machen, so wie ich es seit vielen Jahren tat. Bei ihm hatte schnell festgestanden, dass er bei Dad ins Geschäft einstieg und den Laden irgendwann übernahm.

Somit raffte ich mich auf und machte zuvor einen Abstecher ins Bad. Ich suchte mir ein Handtuch aus dem Schrank und wusch mir das Gesicht, um wacher zu werden. Ein Blick in den Spiegel verriet, wie beschissen ich aussah und genauso fühlte ich mich seit einigen Tagen. Unter meinen Augen lagen dunkle Schatten.

Vor den Haken neben dem Spiegelschrank blieb ich stehen.

Weil es noch dieselben von damals waren.

Sie waren blau-weiß. Drunter standen unsere Namen.

Tyler. Todd. Mom. Dad.

Moms und meiner waren leer, weshalb ich mich kurz abwandte, ehe ich mein Handtuch an den Haken hängte, der seither meiner gewesen war. Mein Blick fiel aus dem schmalen Fenster neben der Dusche und ich schaute auf die Klippen hinterm Haus. Das Wasser peitschte gegen den Stein, der Wind wirbelte die kleinen Schneeflocken durch die Luft.

Es war trostlos und kalt.

Genau wie in meinem Herzen.

Ich konnte mich selbst kaum noch ertragen, aber ich kam nicht gegen das Stechen in meiner Brust an. Es war allgegenwärtig und raubte mir von Minute zu Minute mehr Energie.

 

 

Auf Dads Wunsch hin holte ich hinter dem Haus ein paar Holzscheite aus dem Verschlag. Der war bis obenhin vollgepackt. Unweit der Veranda war die Tür zum Schuppen, wo unter anderem die Axt lagerte, zumindest war es früher so gewesen. Todd und ich hatten Dad gerne dabei geholfen, das Holz für die anstehenden Winter zu zerkleinern. Ich füllte den Korb bis obenhin und lief über die Veranda zurück ins Haus. Die Gummistiefel streifte ich auf der Fußmatte ab und ging ins Wohnzimmer zum Kamin. Die letzten bereits verkohlten Scheite glühten gerade aus, somit bereitete ich den Ofen auf ein Neues vor und wenige Minuten später brannte das Feuer wieder und spendete sofort Wärme.

Todd hatte währenddessen mit seinem Handy auf der Couch gelungert und schaltete gerade den Fernseher ein.

»So ein Mist«, hörte ich Dad aus der Küche und warf einen Blick am Türrahmen vorbei. Er wühlte in der Gewürzschublade und warf dabei einige der kleinen Verpackungen zu Boden, also ging ich zu ihm und schaute über seine Schulter.

»Alles okay?«

Todd sagte irgendetwas im Wohnzimmer, was ich nicht genau verstand. Dabei schaltete er ein paar Programme durch, bis das Jubeln der Menge aus einem Stadion ertönte. Vermutlich Football.

»Wir haben kein Salz mehr, wie konnte ich das nur übersehen? Das ist meine Geheimzutat«, meinte Dad.

»Was für eine Geheimzutat? Es ist einfach nur verdammtes Salz«, rief Todd.

»Es ist das beste Meersalz, Todd. Es kommt aus dem Walvis Bay und Oldman bestellt es immer extra für mich!«

»Ich fahr schnell rüber zu Oldman«, sagte ich und ging durch die Küche in Richtung Flur.

»Danke, Tyler.« Er warf einen etwas argwöhnischen Blick zum Wohnzimmer. »Du weißt, ich liebe ihn, aber dein Bruder ist, was das betrifft, zu nichts zu gebrauchen.« Er hatte die Stimme gesenkt und entlockte mir sogar ein Lächeln. »Ich müsste ihn vermutlich bezahlen, damit er das für mich tut.«

»Genau«, rief Todd wieder. »Das ist Lebenszeit, die verschwende ich nicht einfach.«

»Du sitzt faul herum und surfst im Internet!« Dad wedelte mit einem Handtuch in seine Richtung. »Erzähl mir nichts von verschwendeter Lebenszeit!«

Todd lachte.

»Ich erledige das. Ist ja um die Ecke«, klinkte ich mich wieder ein. Mein Vater klopfte mir zweimal auf die Schulter. Ich ging in den Flur, setzte mich auf die Treppe und zog die Schuhe an.

»Denk dran, du musst über die Brücke. Sei bloß vorsichtig«, kam es von Dad aus der Küche. Etwas zischte, ein knapper Fluch hinterher.

»Fahr die Absperrung einfach um, wenn der Chief nicht da ist«, tönte es aus der anderen Richtung.

»Das mache ich bestimmt nicht«, gab ich irritiert zurück.

Todd lachte und ich schnappte meine Jacke vom Haken, griff nach den Schlüsseln und öffnete die Tür. »Setz deinem Bruder keine Flausen in den Kopf bei dem glatten Wetter, Thaddeus Blackwell!«, beschwerte sich Dad. »Er rast noch ins Meer! So etwas wie bei der alten Dana sollte wirklich nicht mehr pa-«

Ich schloss die Tür hinter mir.

Hier war jemand ins Meer gefahren?

Ein wenig verwirrt blieb ich stehen, rüttelte mich dann aber aus der Starre. Ich atmete durch und schloss die Jacke, als der eisige Wind die dünne Schicht meines Pullis durchströmte. Auf dem Weg zum Van sah ich zurück zum Küchenfenster und lächelte, wobei ich einen kurzen Blick auf Dad erhaschte.

Sechs Jahre war ich weg gewesen, dennoch war es, als hätte sich zwischen uns nichts geändert.

Ich hatte sie vermisst.

Ich hatte Harpswell vermisst.

Obwohl in meiner Brust ein Loch klaffte und ich mich heimatlos fühlte, tat ich es gleichzeitig nicht.

Ich war zu Hause.

Erster Kontakt

Den Weg die Landzunge hinauf zu Oldmans Laden begegnete ich erneut dem Chief. Wieder ließ ich das Fenster hinunter, mittlerweile schneite es kaum noch. Letzte kleine Flocken landeten auf der Windschutzscheibe. »Tyler.« Anderson lachte rau. »Verlässt du uns schon wieder?«

»Fahre eben zu Oldman. Dad braucht was zum Kochen.«

Er nickte bedächtig. »Das Geheimgewürz?«

»Todd sagt, es sei nur Salz.«

»Es ist das beste Salz. Damit schmecken die Gerichte wirklich besser, kein Scherz.« Er sah mich eindringlich, dennoch aber amüsiert an.

»Mein Dad scheint richtig verschrien zu sein.«

Wieder ein Lachen. »Ohne sein Gewürz gibt es keine Party. Merk dir das.«

»Ich schreib es mir hinter die Ohren.«

Er lehnte sich mit einem Unterarm an die Tür. »Im letzten Jahr hat er uns zum Grillen eingeladen. Er hat grandiose Rippchen serviert, garniert mit Anekdoten aus eurer Kindheit und mehr. Du solltest bis zum Sommer bleiben, damit du das auf keinen Fall verpasst.«

Klang, als wäre mein Dad irgendwie schrullig geworden.

»Das sollte ich mir tatsächlich überlegen. Anekdoten von meinem Vater sind an gutem Geschmack nicht zu überbieten.«

Sein Lächeln wurde weich, als würde er sagen wollen, dass ich ohnehin wieder verschwand, wie beinahe alle jungen Leute aus der Gegend. »Pax freut sich bestimmt, dich wiederzusehen, Junge.«

»Er ist noch hier?«

Anderson nickte. »Er arbeitet auch auf dem Revier.«

»Dann sollte ich das Angebot mit dem Tee wirklich annehmen.«

Er machte mir den Weg frei und winkte zum Abschied, obwohl wir uns gleich ohnehin noch einmal sehen würden. Es war Ewigkeiten her, dass ich Paxton gesehen hatte. Er war in meiner Stufe gewesen, wir hatten einige Jahre zusammen Musik gemacht. Keine Ahnung, wie wütend er darüber war, dass ich abgehauen war.

Schlussendlich hatten Bea und ich überstürzt alles zurückgelassen, als ich die Chance gewittert hatte, in New York mehr mit der Musik erreichen.

Die letzten hundert Meter bis zu Oldmans Store legte ich mit gedrosseltem Tempo zurück, da ich mir erneut alles um mich herum genau ansehen wollte.

Dabei wurde der heftige Schmerz in meiner Brust sogar ruhiger. Die Landschaft, übersät mit Schnee, schien eine Art Dämpfer über alles zu legen, was in den letzten Monaten geschehen war.

Ich parkte den Van neben einem kleinen knallroten Mitsubishi. Ungewöhnlich für die Gegend, die meisten Anwohner fuhren Pick-ups. Gerade an den glatten Tagen waren die von Vorteil. Ehe ich ausstieg, nahm ich auch den Anblick der Ladenfront genau in mich auf. Die weiß gestrichenen Balken zeigten Zeichen der Zeit, vor der Glastür standen noch immer die Blumenkübel. Gerade waren sie nicht bepflanzt, aber im Frühjahr setzte Oldmans Frau stets neue Blumen hinein. Der blaue Postkasten unter dem rechten Fenster hatte an einigen Stellen bereits Rost angesetzt.

Als Kinder und Jugendliche waren wir hier dauernd einkaufen gewesen. Klar, Mom war auch zum Store in Brunswick gefahren, um den Wocheneinkauf zu erledigen, aber immer, wenn Kleinigkeiten im Haushalt gefehlt hatten, hatten sie oder Dad uns hergeschickt. Normalerweise hatten wir uns auch etwas aus dem Leckerregal aussuchen dürfen.

Ich stieg aus und überquerte die paar Meter zum Store. Ich öffnete die Tür, die Klingel ertönte.

»…zum nächsten Mal, Mr. Oldman.«

Bevor ich reagieren konnte, rannte jemand in mich hinein, sodass ich einen Ausfallschritt machte und gegen das Glas donnerte.

Die Kleine mit den rotbraunen Haaren stolperte ebenfalls und so gerade schaffte ich es, ihren Arm zu packen, damit sie nicht an mir vorbei auf den Beton vor der Tür segelte.

»O Herr im Himmel!«, stieß sie aus.

»Nicht so stürmisch«, gab ich amüsiert zurück.

Sie schaute zu mir auf, wobei sie die Tüte neu umfasste. In dem Moment, als ich in ihre grünen Augen sah, zog ich die Schultern zurück. Der Schritt nach hinten scheiterte, ich knallte erneut gegen die Tür.

»Tut mir leid«, sagte sie leise und winkte in Richtung der Kasse. »Bis demnächst!« Damit eilte sie an mir vorbei, schloss den roten Wagen auf und verstaute die Einkäufe auf dem Rücksitz. Ehe sie sich auf den Fahrersitz setzte, schaute sie noch einmal über die Tür zu mir.

Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Züge, das mich aus der Starre riss.

Ich wandte mich ab und ging aus der Tür, die sich dadurch wieder schloss und es erneut klingelte. Auf dem kurzen Weg an den wenigen Regalen vorbei fiel mir auf, wie wenig sich in dem Raum geändert hatte. Lediglich da, wo seinerzeit der Verkaufsfächer mit den Süßigkeiten gestanden hatte, befand sich nun ein Aufsteller einer Softdrinkmarke. Wobei der Aufsteller hier überhaupt nicht hineinpasste, er brach das Bild des urigen Ladens unangenehm.

Vor der Kasse blieb ich stehen und der alte Oldman musterte mich durch seine großgerahmte Brille ganz genau. Verrückt, wie wenig auch er sich verändert hatte, noch immer trug er Hemden mit Hosenträgern. »Hallo, Jungchen …« Er wollte noch etwas sagen, aber stockte und deutete kurz darauf auf mich. »Tyler.«

»Hey, Mr. Oldman. Wie geht es Ihnen?« Ich nickte und lehnte den Arm auf die Theke, die so hoch war, dass ich sie erst mit zwölf Jahren überragt hatte.

»Tyler Blackwell. Das ist eine Überraschung.« Er nickte mit einem Lächeln, sodass sich seine Falten noch tiefer ins Gesicht gruben. »Bist du zu Besuch?«

»Ich werde wohl eine Weile bleiben.«

»Wie wundervoll. Die jungen Leute ziehen alle weg, schön zu sehen, dass jemand sich zurückbequemt.«

»In New York habe ich doch nicht gefunden, was ich gesucht habe.«

Er nickte bedeutungsschwanger. »Ja, ja … so ist das in den großen Städten als Landei. Sie verschlucken einen, wenn man nicht achtgibt.«

Wie wahr.

Alles hatte mich verschluckt, wenn ich darüber nachdachte. Nicht zuletzt meine langjährige Beziehung zu Bea, obwohl sie ewig mein Fels gewesen war.

»Was kann ich für dich tun, Tyler?«

»Würden Sie mir etwas von dem Gewürz geben?«

Er lachte erneut, es war rau und erzählte Geschichten von zu vielen Abenden am Feuer mit Zigarren und Scotch. Ich erinnerte mich gut daran, dass er früher viel gefeiert hatte. »Dein Vater und sein Geheimgewürz.«

Ich musste ebenfalls schmunzeln. »Unfassbar, dass er da so verschrien ist.«

Oldman stand von seinem Hocker auf und ging die paar Schritte zu dem kleinen Gewürzregal in der Ecke. Das dauerte seine Zeit, weil er offensichtlich Probleme mit der Hüfte oder den Beinen hatte. »Du glaubst nicht, wie viele Grillpartys er in den letzten Jahren gefeiert hat.«

»Habe es schon gehört. Scheinbar kommt niemand in Harpswell drum herum.« Meine Aufmerksamkeit zuckte zur Ladentür und ich räusperte mich. »Wer war das gerade?« Da in dem kleinen Ort wenige Menschen in meinem Alter lebten, kannte ich alle. Zumindest wenn ich von dem Stand von vor sechs Jahren ausging.

Oldman kam zurück. »Das war Abigail. So ein liebes Mädchen. Sie holt hier jeden Tag die abgelaufene Ware ab und bringt sie rüber zu dem Obdachlosenheim. Das in Brunswick. Das kennst du sicher, da arbeitet auch meine Cousine Ruthy.«

»Seit wann wohnt sie hier?«

»Ruthy? Schon immer.«

»Ich meine Abigail.«

»Ahhh … ja. Abigail.« Er gab den Preis in seine alte Kasse ein. Die Geldkassette öffnete sich mit einem Rasseln. »So ein liebes Mädchen.«

Okay … sein Kopf war augenscheinlich auch nicht mehr so gut dabei. »Seit wann wohnt Abigail hier?«

»Ach ja. Erst wenige Jahre. Sie ist mit ihrer Mutter aus Brunswick hergezogen, deswegen holt sie auch immer das Essen für die armen Leute. Sie hat bereits als Jugendliche dort ausgeholfen. Sie unterrichtet an der Schule in Harpswell.«

»Seit wann haben wir die denn hier?«

Über seine Brille schaute er zu mir. »Seit etwa drei Jahren. Der Stadtrat hat sich dafür eingesetzt, damit die Mütter der jüngeren Kinder einen kürzeren Weg haben. Viele Kinder werden dort aber nicht unterrichtet. Es gibt eine Unterstufe, eine Mittel- und eine Oberstufe. Sie mussten sonst bis in den nächsten Ort fahren, Mrs. Young hat sich darüber immer beschwert. Du erinnerst dich sicher daran.« Natürlich wusste ich das noch, Mom hatte uns stets vor der Arbeit dorthin gebracht.

Und schon war ich gefangen im typischen Kleinstadtgeflüster. Wenn ich aber ganz ehrlich zu mir war, hatte ich es vermisst, die Anwohner über unsere Nachbarn oder den Chief oder die Lady vom Supermarkt erzählen zu hören. In Harpswell interessierte man sich für seine Mitmenschen. Wenn auch auf seltsame und schräge Art und Weise, aber man tat es. In New York hingegen hatten Bea und ich erst in einer Mietwohnung gelebt und nicht einmal unsere Nachbarn richtig gekannt. Es war anonym gewesen.

Rückblickend zu anonym für mich.

Ich hatte mich nie in Klatsch und Tratsch eingemischt, dennoch war es mir lieber als ignoriert zu werden.

Manchmal war es mir vorgekommen, als wäre ich unsichtbar für New York gewesen. Aber vermutlich war ich nicht der Einzige, dem es so erging in dieser großen Stadt.

Langsam reichte er mir das Gewürz. »Macht drei Dollar.«

Ich zahlte und verabschiedete mich von Mr. Oldman, nicht, ohne ihm versprechen zu müssen, demnächst wieder einmal vorbeizukommen.

Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ich atmete die kalte Winterluft mit einem langen Zug in meine Lunge, wobei ich auf den Platz schaute, auf dem vorhin der kleine Mitsubishi geparkt hatte. Mit einem Kopfschütteln ging ich rüber zum Wagen und fuhr zurück.

 

 

Zuhause schloss ich die Tür hinter mir und streifte die Jacke langsam von den Schultern. In der Küche vernahm ich das Klappern der Töpfe, dann von Geschirr, im Wohnzimmer lief der Fernseher. Nach wie vor Football, das hatte Todd schon früher gerne geschaut. Dad rief ihm zu, er solle nach dem Kamin sehen und Holz nachlegen. Der Geruch von Kaminfeuer lag mittlerweile auch stärker in der Luft, das Knacken eines Holzscheits ertönte.

Während ich die Jacke weghängte, hielt ich inne.

Zu Hause.

Verrückt, ich war sechs Jahre nicht hier gewesen und dennoch fühlte es sich noch nach Heimat an. Vermutlich, weil ich in dem Haus und in der Umgebung großgeworden war. Weil ich hier all meine Erinnerungen gesammelt hatte.

Da war das Spielzimmer von Todd und mir im Keller, das später zu unserer Chill-Höhle umfunktioniert worden war. Die Kettcar-Fahrten im Sommer über die Wege bis hin zu den Felsklippen. Die erste Übernachtungsparty mit Marshmallows und Gruselgeschichten. Abende mit Freunden am Strand. Die erste heimliche Party im Keller. Die ersten Erfahrungen mit einem Mädchen – mit Bea. Mein erstes Mal mit ihr.

Dads Kopf erschien im Türrahmen. »Da bist du endlich, die Ente ist gleich durch. Noch dazu zieht es sich zu, in einer Stunde kann niemand mehr vor die Tür. Was hat so lang gedauert?«

Er nahm mir das Gewürz ab und ich zog meine Schuhe aus, während er in der Küche verschwand. »Habe noch kurz mit Oldman gesprochen«, rief ich, damit er mich über das Zischen und Brutzeln verstand.

Wegen seiner Bemerkung warf ich einen Blick aus dem Fenster in der Gartentür am Flurende, weil Dad recht hatte, dass es später vermutlich stürmte. Je länger man hier lebte, desto besser konnte man die Wolken einschätzen, die sich bereits am Horizont hinter den Klippen auftürmten.

Ich ging zu ihm, lehnte mich in den Türrahmen und beobachtete, wie mein Vater ganz geschäftig durch die Soße rührte und danach den Braten im Ofen checkte. »Seit wann kochst du so leidenschaftlich?«

Er warf mir einen knappen Blick zu und lächelte schwach. »Seit etwa fünf Jahren.«

Schon klar, wäre ich zwischendurch mal hier gewesen, würde ich das wissen.

Sofort kehrten die Steine in meinem Magen zurück.

Nebenan fluchte Todd.

Als Dad eine Schranktür öffnete, um den Tisch zu decken, nahm ich ihm die Teller ab. »Danke«, sagte er leise und sah mich erneut über die Schulter an, weil Todds nächster Fluch unter die Gürtellinie durch den Raum hallte. »Dieser Junge treibt mich in den Wahnsinn mit seinem losen Mundwerk. Letztens ist er eine unserer Stammkundinnen angegangen.«

»Weshalb das?«

»Sie hat sich bei mir über seine Arbeitshaltung und den Umgang mit ihr beklagt. Sie ist eine von diesen Neureichen, die hergezogen ist und hat immer sehr gutes Trinkgeld gegeben. Jetzt haben wir sie an diesen Petterson verloren. Ausgerechnet Petterson.« Dad stieß ein frustriertes Schnauben aus, wonach er murmelte und erneut durch die Soße rührte.

»Ist Petterson nicht längst in Rente?«

»Du glaubst doch selbst nicht, dass er aufhört, ehe ich ins Gras beiße. Der kann eine Möwe nicht mal mehr von einer Boje unterscheiden. Er arbeitet nur noch, um mich zu provozieren.« Dad wedelte bedeutungsschwanger mit dem Löffel.

Ich unterdrückte ein Lachen und warf einen Blick ins Wohnzimmer, wo Todd auf der Couch fläzte und dem Fernseher eine weitere Standpauke brachte.

Dad folgte meinem Blick. »Du warst schon immer der Vernünftige von euch beiden.«

Das war mir allzu bewusst.

Ich stellte die Teller auf den Tisch und zog die Besteckschublade auf. Alles war wie früher sortiert.

»Aber das liegt daran, dass Todd eben … einfacher gestrickt ist als du.«

Überrascht sah ich meinen Vater an. »Dad, also wirklich.«

Er schmunzelte und stieß mich sanft mit der Schulter an. »Du weißt doch, ich mache nur Spaß.« Er zögerte. »Gut, ein wenig nur. In jedem Scherz liegt immerhin ein Funken Wahrheit. Und ich bin sehr froh, dass du hier bist. Bei uns.« Sein Lächeln wurde weicher und steckte mich an.

Mein Herz senkte und hob sich zur gleichen Zeit, weil ich ebenso froh war, bei meiner Familie zu sein.

Meine Freunde, meine andere Familie, vermisste ich hingegen fürchterlich.

Ein Teil von mir war durch den Bruch verloren gegangen, ich hatte ihn in New York gelassen, in unserem Proberaum zwischen all dem Equipment, den Erinnerungen, den guten, aber auch anstrengenden Zeiten.

»Hey, Dad … meinst du … ich könnte mein Schlagzeug in den Keller stellen? Es liegt im Wagen und über Nacht möchte ich es nicht dort lassen. Ich habe auch noch ein paar Kartons mit Klamotten mit.«

Er drehte sich zu mir um. »Natürlich. In eurem alten Keller ist noch Platz. Alles ist wie früher, bau es ruhig auf und spiel jederzeit. Aber bitte nicht mitten in der Nacht, wenn ich in meiner Koje liege.« Er lachte einmal. »Soll ich dir nach dem Essen helfen? Ich erinnere mich, wie viel Schlepperei das ist.«

Er brachte mich zum Schmunzeln. »Etwas Hilfe wäre nicht verkehrt.«

Ich deckte den Tisch weiter, während Dad das Essen fertig zubereitete. Wenige Minuten später saßen er, Todd und ich auf den Plätzen, auf denen wir bereits vor fünfzehn Jahren gesessen hatten. Nichts hatte sich geändert, als wäre die Zeit in Harpswell stehen geblieben.

Nur Moms Platz war leer.

Obwohl die Geräusche des Footballspiels hierherdrangen, wurde das Pfeifen des Windes um das Haus hörbar. Der Abend löste den kurzen Tag ab, vor den Fenstern wirbelten dicke Flocken umher.

»Willst du den Fernseher nicht ausschalten?«, fragte Dad meinen Bruder und schnitt etwas von dem Braten ab.

»Das ist ein wichtiges Spiel. Lass mir wenigstens das akustische Erlebnis.« Todd nickte mir zu. »Und kleiner Bruder? Wie läuft es mit den Frauen?«

In der Bewegung hielt ich inne und sah einen Moment betreten auf mein Essen, ehe ich mich fing. »Keine Frauen.«

Er lachte. »Bea hat ganz schön geflucht über deine kleine Kollegin. Dachte, das wäre was Ernstes.«

»Todd«, sagte Dad.

»Nein, schon gut«, gab ich zurück an unseren Vater, ehe ich mich meinem Bruder zuwandte. »Wenn du es genau wissen willst: Meine Kollegin hat mich für einen anderen sitzen lassen. Deswegen bin ich hier und werde erst mal bleiben.«

Er machte sich über sein Essen her und sprach mit vollem Mund weiter. »Habe Fotos von ihr gesehen. Vielleicht war sie auch ne Nummer zu groß für dich.«

Dad schüttelte resigniert den Kopf.

»Ja, Todd. Du hast natürlich recht, ich denke, das wird es gewesen sein«, entgegnete ich.

Er nickte das mit einem Blick ab, der mir bedeutete, dass er meine Aussage nicht einmal hinterfragte. Wie hatte ich nur vergessen können, dass man ihn mit Ironie und Sarkasmus gar nicht erst konfrontieren musste?

Penny war zu groß für mich?

Penny hatte mich betrogen.

Sie hatte mir das Herz gebrochen.

Wenn überhaupt war ich zu groß für sie. Weil ich Werte hatte. Weil ich das mit ihr ernst gemeint hatte, während sie noch einmal nachgetreten hatte, als ich ohnehin am Boden gelegen hatte. Sie bereute ihr Verhalten, dennoch änderte es nichts an der Tatsache, dass sie mich tief getroffen hatte und ich war nicht bereit, sie weiterhin Tag für Tag zu sehen.

Da sie die Gitarristin meiner alten Band war, wäre mir das nicht erspart geblieben.

Generation Millennial und ich waren Geschichte.

Meine Brust wurde noch enger.

Mein Herz noch tauber.

 

 

Nach dem Essen hatte Dad mir geholfen, meine Drums in den Keller zu bugsieren. Der Schnee draußen hatte uns ganz schön behindert, aber nach zehn Minuten hatten wir es geschafft. Ich schraubte gerade die Snare zusammen und Dad beobachtete mich von dem alten grünen Cocktailsessel aus.

Es roch nach alten Zeitschriften und alten Möbeln hier unten, genau wie ich es in Erinnerung hatte. Es hatte mich stets an den Geruch bei unseren Großeltern erinnert.

»Oldman ist ziemlich tatterig geworden«, murmelte ich, während ich eine weitere Schraube festdrehte.

»Seine Frau ist vor einem halben Jahr gestorben. Seitdem wird es schlimmer.«

Ich ließ die Snare los und rappelte mich ein wenig auf. »Was ist passiert?«

»Sie ist vor zwei Jahren die Treppe hinunter gestürzt und hat sich die Hüfte gebrochen. Davon hat sie sich nicht mehr erholt.« Er nickte einige Male. »So ist das eben, wenn man älter wird.« Jetzt nickte er mir mit dem Kinn zu. »Erzähl, wie ist es dir in New York ergangen?«

Ich widmete mich einer der Toms. »Weißt du nicht längst alles von Bea?«

»Ich möchte es lieber von meinem Sohn hören.«

Energisch zog ich die erste Schraube fest. »Es war toll. Alles war ganz toll, Dad.« Wäre da nicht Penny gewesen.

»Das überzeugt mich nicht, aber ich lasse es so stehen.«

Obwohl es mich nervte, dass er darüber reden wollte, brachte seine Aussage mich zum Lächeln. Über die Tom hinweg schaute ich ihn an.

Und während er einfach nur da saß und mich mit dieser unerschütterlichen Ruhe im Blick ansah, gab ich mich geschlagen.

Ich legte das Werkzeug zur Seite und setzte mich auf den Schlagzeughocker, der neben dem Set stand. »Sie hat mich betrogen … sofern man das überhaupt so nennen kann. Wir waren schließlich nicht zusammen. Sie wollte nichts Festes und anfangs fand ich die Idee sogar ganz gut … immerhin ist das mit Bea so frisch gewesen. Aber auch nach all den Wochen, in denen wir uns getroffen haben, hat sie mich auf Distanz gehalten. Wegen dieses anderen Kerls.«

Dad verschränkte die Arme und nickte wieder, dabei rutschte er ein wenig ins Polster. »Das tut mir sehr leid.«

Ich schaltete den Verstärker sowie den Plattenspieler ein. Danach griff ich die Platte, die neben dem Spieler stand und drehte sie herum. Die weiße Platte der Beatles. »Vielleicht war es gut, dass es passiert ist.«

»Hin und wieder müssen schreckliche Dinge passieren, um uns einen neuen Weg aufzuzeigen«, sagte er leise.

Sein Lächeln wurde ein wenig schwächer.

Ich klappte die Hülle des Plattenspielers auf. »Gerade fühlt es sich nicht so an, als wären mir neue Wege eröffnet worden.« Vorsichtig zog ich die Platte aus der Hülle und legte sie auf den Teller.

»Du bist hier, Tyler. Allein das ist schon ein neuer Weg. Eine neue Tür, die sich geöffnet hat. Gib deinem Leben etwas Zeit, du wirst verstehen, wieso das alles geschehen ist.«

Ich hielt inne, ehe ich die Nadel auf die Platte setzte. »Und bei Mom? Hast du verstanden, wieso es passiert ist?«

»Ich habe jemanden kennengelernt.«

Meine Hand zuckte, die Nadel verrutschte und erzeugte einen verzerrten Ton durch die Boxen. »Was?« Überrumpelt schaute ich ihn an, wobei ein Track in der Mitte startete.

»Deine Mutter und ich haben darüber gesprochen, bevor sie gestorben ist. Sie sagte, ich solle die Chance ergreifen, wenn ich kann. Sie hat mich sogar ermutigt, das zu tun, weil sie wollte, dass ich weiterhin glücklich bin.« Er lächelte, wobei seine Augen regelrecht leuchteten.

Dad … war überhaupt nicht gebrochen. Hatte ich mein eigenes Dilemma lediglich auf ihn projiziert? Es war mir vorgekommen, als läge Moms Verlust noch immer tonnenschwer auf seinen Schultern, aber er schien das längst verarbeitet zu haben. Er hatte weitergelebt.

Weshalb auch nicht?

Im Endeffekt blieb uns nichts anderes übrig, als mit dem zu arbeiten, was wir erlebten, wenn wir nicht in unseren eigenen Gedanken untergehen wollten.

Wäre er gebrochen, hätte er kaum dutzende Grillpartys veranstaltet … oder?

»Du … wow.«

»Ist es in Ordnung für dich?«

»Das ist keine Entscheidung, die du von deinen Söhnen abhängig machen solltest.«

»Aber es erleichtert die Situation, wenn es für alle okay ist.« Sichtlich verlegen rieb er über den Nacken.

Ich hob die Nadel vom Vinyl und setzte sie an den Anfang der Platte und Back in the U.S.S.R startete.

»Kenne ich sie?«

Er schüttelte den Kopf. »Sie wohnt etwas weiter weg, wir sehen uns auch leider nicht so häufig, wie ich das gerne hätte.« Weil er nichts mehr sagte, hob ich meine Brauen an und er stieß ein etwas verlegenes Lachen aus. »Sie hat eine kleine Tochter.«

»Kleine Tochter? Wie alt ist sie denn?«

»Nein, nein, das kam jetzt etwas falsch rüber.« Wieder ein Lachen und ich konnte es nicht fassen, aber Dad war total verlegen. »Sie ist vierundzwanzig.«

»Die Tochter oder …«

Jetzt hob er die Hände und lachte lauter. »Herrje, ich manövriere mich gerade in verrückte Geschichten hinein. Martha ist Mitte fünfzig, ihre Tochter ist vierundzwanzig.« Er schlug die Hände auf die Oberschenkel, woraufhin er mit einem leidigen Stöhnen aus dem Sessel aufstand. Ich beobachtete das amüsiert. »Ich mache mich mal vom Acker und lasse dich in Ruhe arbeiten.« Er ging rüber zur Treppe, hielt aber auf der ersten Stufe inne. »Ich freue mich wirklich, dass du zurück bist.«

»Ja … ich mich auch, Dad«, gab ich leise zurück.

Zufall oder Schicksal

Ich schlief schlecht, weil meine Gedanken mich quälten und den folgenden Tag verbrachte ich hauptsächlich damit, die alten Platten im Keller durchzugehen und zu sortieren. Ich hatte versucht, ein wenig am Schlagzeug zu üben, aber jeder Versuch, irgendetwas auf die Beine zu stellen, hatte in einem rhythmischen Desaster geendet. Also ließ ich es vorerst bleiben. Dad hatte mir gesagt, ich könne zur Werkstatt kommen und helfen, aber ich wollte derzeit allein sein.

Vielleicht benötigte ich es, mich in Selbstmitleid zu suhlen und mich beschissen zu fühlen.

Bea hatte immer gemeint, es sei wichtig, die Gefühle zuzulassen, vor allem die schmerzhaften, nur so konnte man sie gehenlassen und war schlussendlich frei.

Während ich im Keller saß und meine Coke trank, fragte ich mich unweigerlich, wie es ihr ging. Es war bereits über ein Jahr vergangen seit der Trennung.

Ob sie wieder vergeben war?

Und wenn ja, würde es mich stören?

Vermutlich war es seltsam, sie mit einem anderen zu sehen, schließlich hatten wir den Großteil unseres Lebens miteinander verbracht. Andererseits freute ich mich natürlich für sie, wenn sie wieder glücklich war.

Als ich damit fertig war, die Platten zu sortieren, setzte ich mich auf den alten Cocktailsessel vor der Plattenwand und zog mein Handy raus.

Eine Weile schaute ich auf das dunkle Display, dann schaltete ich es ein. Weil ich zu viele Nachrichten und Anrufe von meinen ehemaligen Bandkollegen bekommen hatte, hatte ich es während der Fahrt von New York nach Harpswell ausgeschaltet. Um den Kopf frei zu bekommen, nicht, weil ich sie ausschließen wollte.

Ich hatte lediglich kurz mit Kit gesprochen, um ihr zu erklären, dass ich alles mit unserem Vorgesetzten geklärt hatte, was den Bandausstieg betraf und dass sie sich um nichts mehr kümmern mussten.

Zuerst checkte ich die Anrufe und Mailboxnachrichten. Das waren ein paar. Danach ging ich auf die Nachrichtenapp und starrte auf die Chats meiner Freunde, bei denen Nachrichten eingegangen waren.

Vor einem Chat hatte ich besondere Angst.

Keith. Drei Nachrichten.

Kit. Sieben Nachrichten.

Lion. Neun Nachrichten.

Asher. Drei Nachrichten.

Jake. Eine Nachricht.

Shawn. Vier Nachrichten.

Und Penny. Von Penny hatte ich zwei.

Ich zögerte, doch öffnete ihren Verlauf und brauchte meine gesamte Kraft, das durchzustehen.

 

Penny: Ich weiß überhaupt nicht, was ich schreiben soll. Aber das kannst du nicht tun. Bitte geh nicht. Bitte bleib bei uns. Bei Generation Millennial. Bei mir.

Penny: Du bist jetzt seit vierundzwanzig Stunden weg. Es tut mir so leid, dass das alles passiert ist. Ich wollte dir nie wehtun. Bitte glaub mir das. Aber ich verstehe, wenn du mich nicht wiedersehen willst.

 

Ich atmete zitternd aus und drückte die Hand an meine Brust, in der es brannte und stach. Hektisch legte ich das Handy auf den kleinen Tisch neben dem Sessel und sank ins Polster, wobei ich die Augen schloss.

Ich schaffte es nicht, mir die anderen Nachrichten anzusehen, sie würden mein Herz nur weiter versengen. Und es tat mir unendlich leid, meine Freunde zu ignorieren, aber ich brauchte die Zeit und den Raum.

Somit schaltete ich mein Handy wieder aus und ließ es in meiner Hosentasche verschwinden.

Danach lehnte ich mich zurück und sah an die vertäfelte Holzdecke.

Langsam driftete ich ab und ließ zu, dass ich davontrieb und meinen Erinnerungen nachhing.

Ich dachte an die ersten gemeinsamen Proben und Auftritte mit Generation Millennial. Daran, dass Penny und ich von Anfang an angeeckt waren. Aber auch daran, wie wir gemeinsam gelacht hatten. Wie Kit und Keith zusammensaßen und neue Texte geschrieben hatten.

Daran, wie viel Kraft sie mir gegeben hatten.

Wie wir uns gegenseitig aufgebaut hatten.

Wie sie mir eine Familie geworden waren.

Wie wir gemeinsam gewachsen waren.

Ich dachte an unsere ersten Erfolge und was es für uns bedeutet hatte, einen Vertrag bei GR-Records zu bekommen. Ein Meilenstein für uns.

Ich dachte an die Melodien, die wir gemeinsam erzeugt hatten. Als Einheit. An Töne, die mich stets in der Brust gekitzelt hatten, die mir Auftrieb verliehen hatten.

Die meine Heimat geworden waren.

Und jetzt hatte ich das alles verloren.

Ich hatte meine zweite Familie zurückgelassen.

Jeder Ton in mir war verstummt.

 

 

Irgendwann hörte ich die Haustür und auch das Klimpern eines Schlüssels, gefolgt von einem Husten. Dad war zurück.

»Bin zurück!«, rief er die Treppe herunter. »Besondere Wünsche zum Essen?«

Schwerfällig raffte ich mich auf und ging nach oben, wo ich Dad schon in der Küche fand, er band sich gerade sie Schürze um.

»Keine besonderen Wünsche. Wie war dein Tag?« Ich lehnte mich in den Türrahmen.

Er öffnete eine Schublade und zog einen Topf hervor. »Heute stand nur Buchhaltung an. Also war es recht entspannt. Der letzte Kahn für diese Woche würde gestern abgeholt, Todd ist noch geblieben, um im Abstellraum ein wenig Ordnung zu schaffen.

---ENDE DER LESEPROBE---