Where Shadows Hide - Emilia Cole - E-Book

Where Shadows Hide E-Book

Emilia Cole

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Beschreibung

[Dark New Adult, Forbidden Love, Stepbrother, Forced Proximity]

Ich erinnere mich an dich und mich.
Ich erinnere mich an uns.
Wir waren wunderbar zusammen.


Joshua und Sofia.
Er und ich. Wir.
So, wie es immer gewesen ist. Seit sein Vater und meine Mutter zusammen sind, seit wir uns kennen.
Gemeinsam sind wir zu hoch geflogen und haben uns die Flügel verbrannt.

Jetzt ist Joshua zurück in meinem Leben und ich fürchte mich davor, dass wir ein zweites Mal scheitern und uns wieder verlieren. Denn die Kinder, die Hoffnung hatten, sind verschwunden.
Doch das Dunkel lichtet sich.
Die Grenzen verschwimmen unaufhörlich weiter.
Und ich sitze im Schatten der Mauer, die ich selbst errichtet habe.



Enthält potenziell triggernde Inhalte.
Dark New Adult
Komplett überarbeitete Neuauflage der Never-Reihe, die 2019 unter den Titeln [ Never Again - Never Alone - Never Apart - Never say Never ] erschienen ist.
Where Shadows Hide ist nicht in sich abgeschlossen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Inhalt

Impressum

Content Note / Vorwort

Musik

Prolog

TEIL EINS

Mein Stiefbruder

Mein Herz

Mein Kryptonit

Ich will frei sein

Eins

Zwei

Drei

Veränderte Gleichung

Diffuse Schatten

Erste Verbrennungen

Weil du mich siehst

Vier

Fünf

TEIL ZWEI

Wie man sich verliebt

Erste Welle

Unsere Realität

Sechs

Sieben

Dämonen der Vergangenheit

Zweite Welle

Veränderung

Acht

Neun

Flüsternde Blätter

Hässliche Rufe

Dritte Welle

Zehn

Elf

Zwölf

Brechende Wellen

Atemnot

Dreizehn

TEIL DREI

Herz aus Asche

Vierzehn

Fünfzehn

Wenn ich blute …

…blutest auch du.

Siebzehn

Achtzehn

Verbrannte Erde

Nachwort/Dank

Potenzielle Trigger

Impressum

© 2024 Rinoa Verlag

c/o Emilia Cole

Kolpingstraße 31

47608 Geldern

ISBN: 978-3-910653-67-2

rinoaverlag.de

emilia-cole.de

Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Content Note / Vorwort

Where Shadows Hide / And Sunlight Falls sind komplett überarbeitete Neuauflagen der Never-Reihe, die 2019 unter den Titeln [Never Again – Never Apart – Never Alone – Never say Never] erschienenen sind.

In der Hide&Fall-Dilogie gibt es einige Szenen, die eventuell triggern können. Deswegen findest Du am Ende des Buchs die Themen, die aufgegriffen werden, falls Du dich vorbereiten möchtest.

Die Themen enthalten Spoiler für das gesamte Buch.

Es handelt sich um Dark New Adult mit wenigen expliziten Szenen sowie der intensiven Auseinandersetzung mit psychischen Störungsbildern. Es geht um die Aufarbeitung von Vergangenem und es wird wehtun.

Aber es wird immer schlimmer bevor es besser wird.

Der Rinoa Verlag und Emilia wünschen Dir ein wundervolles Leseerlebnis.

Musik

Die offiziellen Lieder zu Hide & Fall

Emilia Cole - Sofia

Emilia Cole – Autumn’s Dance

Emilia Cole – Autumn’s Dance(Sad Version)

Playlist

Radical Face – We All Fall Down

Alan Parsons Project – Eye In The Sky

Alan Walker – Faded

Alan Walker – Sing Me To Sleep

Arcane Roots – Matter(Revel)

Devil Sold His Soul – Frozen

Devil Sold His Soul – An Ocean of Lights

Heart Of A Coward – Skeletal II – Arise

Casey – Darling

Family Of The Year – Hero

Annisokay – Calamity

Immunity – Sounds Like A Melody

Zedd – Beautiful Now

Two Door Cinema Club – Happy Customers

Weil es hin und wieder nötig ist, dass unsere Welt zusammenbricht.

Ich erinnere mich an ihn und mich.

An uns.

Wir waren wunderbar zusammen …

Prolog

Siebzehn Jahre zuvor …

Da war dieser Junge.

Er ärgerte seinen Sitznachbarn so lang, bis unsere Lehrerin den gemeinen Jungen neben mich setzte.

Ich hatte Angst vor ihm.

Er starrte die ganze Zeit auf mein Namensschild, drehte es irgendwann um und dabei fiel es auf den Boden. Ich traute mich nicht, es wieder aufzuheben und bekam deswegen Ärger von der Lehrerin. Außerdem sah er mich mit seinen hellen blauen Augen an, weswegen ich auf meinen Tisch guckte.

Am nächsten Morgen weinte ich zu Hause und sagte Mommy, dass ich nicht in die Schule wollte, weil ich Angst vor Joshua hatte. Aber ich musste gehen.

Wieder ärgerte er mich. Er nahm mir meine Stifte oder Hefte weg oder schrieb hinein.

Auf dem Schulhof bemerkte ich, dass Joshua mich die ganze Zeit ansah und ich spielte deswegen so weit wie möglich von ihm entfernt mit meinen Freundinnen.

Die ganze Woche über schikanierte er mich und ich weinte jeden Morgen, bevor ich in den Schulbus stieg, weil ich im Klassenzimmer nicht mehr neben ihm sitzen wollte.

Die Kinder aus der Klasse hatten Angst vor ihm, obwohl er im Unterricht ein Streber war. Aber er war auch der größte Junge von allen und noch dazu guckte er immer so finster. Meine Freundinnen hatten gesagt, er würde andauernd die Jungs aus den Stufen über uns verprügeln, weswegen ich noch mehr Angst vor ihm hatte.

Am Freitag spielte ich mit meinen Freundinnen Gummitwist. Gerade stand ich meiner Freundin gegenüber, das Band vom Gummitwist um meine Beine und auch um ihre. Eine andere Klassenkameradin sprang um das Seil herum. Dabei sah ich zu Joshua, der auf der Mauer saß.

Allein.

Er wackelte mit den Beinen und schaute zu Boden.

Auf einmal tat er mir leid.

Auch wenn er immer gemein war, aber vielleicht brauchte er auch nur einen Freund. Jemanden, der ihn zum Lachen brachte. Irgendwie sah er nämlich immer traurig aus. Wenn ich keine Freunde hätte, würde mich das ziemlich traurig machen und vielleicht wäre ich dann auch so wütend wie er.

Als wir gerade die Positionen wechseln wollten, kam ein Junge aus der Stufe über uns und klaute uns das Spielseil. Wir rannten ihm hinterher und währenddessen bemerkte ich, dass Joshua zu uns herübergelaufen kam.

Er schubste den Jungen, der das Gleichgewicht verlor und fiel, riss ihm das dünne weiße Gummi aus der Hand und wandte sich uns zu.

Dass Joshua so nett war, brachte mich zum Lächeln und ich beschloss, ihm für den Moment eine Freundin zu sein.

»Danke«, sagte ich. Das Seil rutschte aus seinen Fingern und ich machte einen Schritt auf ihn zu, schloss meine Arme um ihn. Er blieb ganz still stehen, weswegen ich ihn noch fester drückte.

Als ich ihn losließ, schaute er mich mit großen Augen an, aber blieb still. »Möchtest du mitspielen, Joshua?« Er schüttelte den Kopf und rannte zwischen den anderen Schülern davon.

In den letzten Stunden war Joshua still, schaute aber immer wieder zu mir, bis er leise fragte: »Wie spricht man deinen Namen aus?«

»Sofia«, antwortete ich leise und er starrte mich weiter an. Ich überlegte, Joshua zu meinem Geburtstag einzuladen. Der war zwar erst in vielen Wochen, aber ich wollte ihn gerne dabeihaben, damit er nicht mehr so traurig aussah.

Nach der Schule stand er an der Mauer, die den Gehweg und den Schulhof trennten. Ich winkte Joshua noch, als ich auf die Steine stieg.

»Sofia?« Er kam angelaufen, also blieb ich stehen und stellte den Fuß zurück auf die Rasenfläche.

»Wirst du abgeholt?«, fragte ich ihn, weil auf der anderen Seite ein Mann stand, der ihn die ganze Zeit anguckte. »Ich fahre mit dem Bus.«

»Sollen …«, murmelte er, sagte dann nichts mehr.

»Möchtest du mal mit zu mir kommen?«, fragte ich, weil er auf den Boden starrte und wieder so traurig aussah. »Ich habe ein Hochbett, da ist eine Rutsche dran.«

Mit seinen blauen Augen schaute er wieder zu mir und das erste Mal lächelte er mich an.

TEIL EINS

Darling, don’t you cry

It was only a bad dream

I’m not the shadow

I’m the light behind your fears

ART NOUVEAU

Mein Stiefbruder

Mein Hintern tat weh, mein Rücken auch. Meine Füße waren gefühlt dreimal so dick. Ich hätte die Kompressionsstrümpfe mitnehmen sollen.

Irgendwie hatte sich der Hinflug nach Toulouse weniger dramatisch und vor allem um einige Stunden kürzer angefühlt. Aber als ich endlich die Küste Oregons unter mir entdeckte, atmete ich auf und der Landeanflug wurde angesagt.

Danach wartete ich am Kofferband und wurde von Phildels Moonsea durch meine Kopfhörer begleitet. Dabei zupfte ich am Fetzen meiner hellen Jeans mit den wenigen kleinen Farbspritzern. Die Hose war schon alt, dennoch konnte ich mich nicht von ihr trennen.

Vielleicht gerade deswegen.

Bei manchen Dingen fiel es mir leicht sie abzulegen, andere hingegen konnte ich nicht loslassen.

Als ich meine Koffer hatte, ging ich zur Ankunftsebene. Ich entdeckte Emily, als die Türen vom Gate sich öffneten. Sie wartete dort mit einem Pappschild, mein Name stand darauf und sie hielt es hoch. Einige Blümchen waren darauf gemalt.

Es war süß und typisch Emmy.

Ich musste lächeln.

Ihre schulterlangen blonden Haare wippten auf und ab. Sie wirkte wie ein dünner Flummi. Ihr hellblauer Faltenrock lenkte meine Aufmerksamkeit auf ihre ebenso schlanken Beine.

Neben Emily stand Danny, mein jüngerer Bruder. Er trug ein aussortiertes Shirt unseres Bruders. Es war weiß und hatte einen eingerahmten Kaktusprint. Dazu hatte er eine Cap auf dem Kopf.

Auch mein Stiefvater Andrew war hier. Er hatte keinen Anzug, sondern ein legeres Poloshirt zu einer Cargohose an. Das bedeutete, er hatte den Tag frei.

Aber er nicht … für einen Moment hielt ich inne und griff an den Anhänger der Kette.

Emily blieb stehen.

Irgendjemand rempelte mich an, woraufhin ich einen Ausfallschritt machte.

Ich zog die Kopfhörer von den Ohren, wodurch der Trubel vom Flughafen ungefiltert auf mich einprasselte. Kaum hatte ich die Musik ausgeschaltet und mein Handy weggepackt, kam Emily auf mich zu und fiel mir um den Hals.

»Ahhh! Sofia!«, rief sie und brachte mein Trommelfell beinahe zum Platzen. Ich lachte und erwiderte ihre herzliche Umarmung.

Endlich war ich wieder zu Hause.

»Ich habe dich so vermisst, allerliebste Lieblingsfreundin.«

»Ich habe dich auch vermisst.«

Wir wiegten uns hin und her, dann sahen wir uns an. »Meine Füße platzen gleich, ich muss sie zu Hause erst mal hochlegen oder so.«

»Du hast nicht auf mich gehört und keine Strümpfe angezogen.« Dazu gab sie mir noch einen Klaps auf den Arm. »Du bist unbelehrbar und stur. Und übrigens: Die schrullige Alte, die hinten auf der Straße wohnt, hat jetzt eine Schrotflinte.«

Irritiert zog ich den Kopf zurück. »Im Ernst? Wie kommt sie denn daran?«

»Keine Ahnung, wer ihr das Teil freiwillig verkauft hat, sie hat letztens einen Maulwurf abgeknallt.«

»Du verarschst mich doch.«

Danny hob den Zeigefinger. »Ich hab’s gesehen. Okay, nicht wirklich, aber ich habe es gehört.«

»Verdammt«, murmelte ich und Emily nickte. »Wieso nimmt ihr das keiner weg? Die ist doch schon total tatterig gewesen, als ich vor elf Monaten geflogen bin.«

Emily zuckte nur mit den Schultern. »Es gibt noch andere Neuigkeiten. Weißt du es schon?« Sie grinste.

»Nein?« Ich sah an ihr vorbei zu Andrew, der mich ebenfalls anlächelte. »Will ich es überhaupt wissen?«

»Du willst es wissen.«

Ich begrüßte auch meinen kleinen Bruder, anschließend nahm ich Andrew in den Arm.

Wir machten uns auf den Weg zum Parkplatz und durchquerten die Ankunftshalle. Überall um mich herum eilten Menschen umher. Das strengte mich nach dem Flug wirklich an, es war tierisch laut. Zwischendurch ertönten Durchsagen, außerdem spielte jemand irgendwo an einem Klavier. Die Töne schwebten zart durch die Halle und wurden beinahe von den vielen Menschen verschluckt.

»Wieso ist Joshua nicht hier?«, fragte ich Andrew, obwohl ich mir die Frage selbst beantworten konnte.

Er schaute mich mit einem sanften Lächeln an und erinnerte mich dabei so sehr an ihn, dass es wehtat. Sein Ausdruck war ähnlich, wenngleich der Blick meines älteren Bruders schärfer war. Und das Blau von Andrews Iris war dunkler. Die Haarfarbe und seine Gesichtszüge waren beinahe identisch mit denen von Joshua.

Joshua … der Mann in meinem Leben. Er begleitete mich seit der Elementary, er war mein bester Freund.

Und mein Stiefbruder.

»Ich habe vorgestern mit ihm telefoniert und er meinte, er habe keine Zeit.« Andrew legte eine Hand auf meine Schulter und drückte sanft zu, wobei wir die Tür passierten, die uns aus dem Gebäude führte.

»Ja … das habe ich mir gedacht. Wir schreiben auch kaum noch miteinander.«

»Und? Bist du bereit, Sofia?«, hörte ich Emily hinter mir und schaute mich kurz zu ihr um.

»Wofür?« Ich kontrollierte, ob Autos kamen, bevor ich den Zebrastreifen zum anliegenden Parkplatz überquerte.

»Na, für deinen Umzug.«

Ich lachte. Kaum war ich angekommen, musste ich mich auf meine nächste Reise vorbereiten.

»Wenn du Hilfe brauchst, bin ich dein Mann«, sagte sie. »Du weißt ja, ein Anruf und ich bin zur Stelle.«

»Du warst mir auch beim Packen eine große Hilfe, bevor ich nach Frankreich geflogen bin.«

»Ich bin dafür bekannt-«

»…mich durchgehend aufzuhalten.«

Emily stieß einen empörten Laut aus und knuffte meine Schulter. »Du bist so undankbar.« Sie schaute mich gespielt vorwurfsvoll an.

Danny tauchte neben mir auf und grinste mich an. Für einen Moment studierte ich seine Gesichtszüge, die sich in den elf Monaten geändert hatten. Er wurde eben auch älter.

Wir gingen zu Andrews Cadillac, verluden meine Koffer und ich atmete durch, als ich erneut auf meinen vier Buchstaben saß. Eine weitere Stunde sitzen.

Aber immerhin war es hier ruhig.

Wir verließen Portland und während der Fahrt über den Wilson River Highway zu unserer Heimatstadt South Creek nahm ich die Farben sowie die Formen Oregons in mich auf. Dabei hielt ich einige kleine Momente in meinem Skizzenbuch fest, das nach der Reise beinahe voll war. Bei jeder Rückkehr nach Oregon fiel mir auf, wie sehr ich meine Heimat mit den weitläufigen Wäldern und auch Weinbergen vermisst hatte.

Emily saß mit mir auf der Rückbank und schaute immer wieder aus dem Fenster. Als ich mit meinen Weinbergstudien fertig war, nahm ich mein Handy und drückte auf dem Display herum, entsperrte es und tippte auf das Symbol der Nachrichtenapp.

Nach kurzem Zögern öffnete ich den Chat mit Joshua und schaute mir die letzte Nachricht an, die er mir gestern geschrieben hatte.

Joshua: Wann bist du morgen zurück, Fia?

Fia.

Ich musste lächeln.

Er war der einzige Mensch, der mich noch so nannte. Allerdings war das eine recht nichtssagende Frage, die ich mit einer ebenso nichtssagenden Aussage beantwortet hatte.

Ich: Wenn alles glattläuft um siebzehn Uhr.

Er hatte darauf nicht geantwortet. Ich war nicht sicher, ob ich ihm schreiben sollte und schob das Handy zurück in meine Tasche zwischen Emily und mir.

Auf einmal kramte Emily ihr Smartphone heraus und wischte auf dem Bildschirm herum. »Guck dir das an.« Sie drückte mir das Gerät in die Hand, auf dessen Display ein Bild von Joshua war.

Es war eine Aufnahme seines Profils, sein Ausdruck war streng, aber eine sanfte Note lag darin, wie es das meistens tat. Ich hatte ihn schon früher wahnsinnig gerne gezeichnet, vermutlich konnte ich mit seinen Bildern Dutzende Mappen füllen. Die hellblauen Augen stachen ebenso hervor wie sonst, der Fokus aber lag mehr auf der Gesamtheit seines Gesichts. Seine blonden Haare waren lang geworden und fielen ihm bis zur Schulter und er trug einen Dreitagebart.

Wow.

Darauf sah er wirklich gut aus und das Foto machte einen überraschend professionellen Eindruck. Hatte er extra ein Shooting für sein Profilbild gehabt?

Für einen Moment blieb ich an seinen geschwungenen Lippen hängen und hätte beinahe aufgeseufzt.

»Was möchtest du mir damit sagen?«

»Sieh dir die Seite bitte genau an.« Emily deutete mit ihrem Blick auf das Handy, also folgte ich ihrer Anweisung. »Fällt dir etwas auf?«

Irgendwie fiel mir nichts auf, sodass ich sie resigniert ansah. »Keine Ahnung.«

Vermutlich war ich nach dem langen Flug zu aufgebraucht und musste meine Batterie bei einem Zwölf-Stunden-Schlaf aufladen.

Sie nahm mir das Handy ab.»Du hast dich kein Stück verändert.«

»Kaum bin ich zu Hause, kann ich mir das wieder anhören. Vielleicht hätte ich mir in Frankreich ein neues Leben aufbauen sollen.« Danny lachte vorne. »Moment, gib es mir doch noch einmal zurück.«

Emily reichte mir das Handy.

Ich scrollte durch die ersten Aufnahmen, wieder nach oben.

»Warum?«, flüsterte ich und überflog die knappen Infos auf der Seite. »Ist das eine Art … Modelseite?« Auf der Seite war eine kleine Beschreibung. »Model aus Brightfield, Oregon?«

»Es hat sich einiges getan bei Joshua«, erklärte Andrew. »Eine gefragte Agentur ist auf ihn aufmerksam geworden und er war bereits bei ein paar Shootings.«

Joshua modelte?

»Warum sagt mir das niemand?«

»Ich bin davon ausgegangen, ihr hättet darüber gesprochen.«

»Nein … das haben wir nicht. Wir hatten kaum Kontakt.«

Andrew runzelte die Stirn, wie mir im Rückspiegel auffiel.

Um mein Herz herum entstand ein seichtes Brennen.

»Er hatte mit Sicherheit viel zu tun.« Andrew lächelte schwach.

Die drei begannen sich angeregt zu unterhalten, ich hingegen schaute zurück auf das Foto seiner Seite.

In der Vergangenheit hatten wir so viele Dinge besprochen. Was uns beschäftigt oder was uns bewegt hatte. Er hatte beinahe alles über mich und ich beinahe alles über ihn gewusst.

Wir hatten unsere Sorgen, Geheimnisse und Wünsche geteilt.

Aber Joshua und ich waren uns fremd geworden.

Ob er sich verändert hatte?

Was, wenn er wirklich erfolgreich werden würde?

Entfernten wir uns dann noch weiter voneinander?

Danny half mir bei meinen Koffern, als wir vor dem Haus standen. Die Vorstadtvilla unserer Eltern hatte eine weiße Fassade, dunkelgrüne Fensterläden und ein Vordach über der Haustür. Zu behaupten, es wäre ein einfaches Haus, wäre gelogen, da Andrew und meine Mom stets gut verdient hatten.

Während ich über den gepflasterten Weg durch den weitläufigen Vorgarten ging, ließ ich den Blick ein wenig schweifen. Das Haus und auch die Straßen steckten für mich voller positiver Erinnerungen. Immerhin hatte ich hier den Großteil meiner Kindheit und meine Jugend verbracht.

Allerdings … war ich nicht mehr gerne in meinem alten Kinderzimmer. Leider würde ich noch eine Woche dort aushalten müssen, ehe ich weiterzog.

Kurz sah ich über die Vorgärten und Häuser unserer Nachbarn. South Creek war eine beschauliche Stadt südlich des Jordan Lake im Tillamook State Forest. Hier war der Hund begraben, doch ich liebte den Charme, den sie versprühte.

Wir trugen die Koffer ins Haus. Im Flur atmete ich tief ein, um den vertrauten Geruch der Putzmittel auf mich wirken zu lassen.

Ich stellte meine Koffer neben die Kommode im Flur und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Über dem Esstisch hing ein Willkommen Zuhause, Sofia-Schild. Alles war geschmückt, viele meiner Freunde waren hier, um mich zu begrüßen.

Hektisch suchte ich jeden Winkel nach ihm ab.

Vergebens …

Dennoch setzte ich ein Lächeln auf.

Als erstes umarmte ich Mom. Ich war so froh, dass sie hier war. Ihre blonden, glatten Haare rochen nach ihrem vertrauten Lavendel-Shampoo. Sie trug einen engen knielangen Bleistiftrock, der mit einem Gürtel in ihrer Taille befestigt war, dazu eine leichte Bluse.

»Sofia, mein Schatz«, sagte sie und ich drückte sie noch inniger. »Wie geht es dir?« Wir ließen uns los.

»Wunderbar«, sagte ich, obwohl es mir nur wunderbar gegangen wäre, wäre ein bestimmter Mann hier. Sie strich mir mit den Fingern die langen, dunklen Wellen hinter meine Ohren. »Ich bin so froh, wieder zu Hause zu sein.«

Nachdem ich alle begrüßt hatte, sagte ich Emily Bescheid, weil ich meine Koffer nach oben bringen wollte und trug den ersten die Treppe hoch.

Auf der obersten Stufe blieb ich stehen und schaute gegen die gegenüberliegende Tür, hinter der mein Zimmer lag.

Elf Monate war ich vor den Erinnerungen geflohen.

Ein letzter Atemzug, dann ging ich die wenigen Schritte und drückte die angelehnte Tür langsam auf. Ich starrte auf den Teppich, der seit sechs Jahren vor meinem Schrank lag.

»Warst du mit ihm zusammen?« Die Stimme dröhnte in meinem Kopf.

Ich kniff die Augen kurz zu.

»Joshua, hör auf!«, schrillte das Echo meiner Vergangenheit.

Der frische Geruch holte mich zum Glück zurück, vermutlich hatte Mom das Zimmer vor meiner Rückkehr einmal grundreinigen lassen. Das Fenster war einen Spaltbreit geöffnet, wodurch mich eine sanfte Brise erfasste. Neben meinem Schrank stand die Staffelei, darauf ein abstraktes Bild eines Rehs, wie ich sie zurückgelassen hatte.

Langsam betrat ich den Raum und stellte das Gepäck neben den Schreibtisch und holte noch den kleineren Koffer und auch meine Reisetasche, die ich ebenfalls vor dem Tisch abstellte.

Eine Bewegung hinter mir zog meinen Blick an.

Emily lehnte sich in den Türrahmen. »Alles okay?«

Ich strich die Haare hektisch hinter die Ohren. »Klar.« Ich versuchte mich an einem Lächeln, wobei ich merkte, wie fürchterlich es aussehen musste.

»Du bist nicht mehr gerne hier.«

Erneut sah ich zum Teppich und seufzte.

»Willst du über die eine Woche vielleicht in mein altes Zimmer ziehen?«

»Ach, das ist nicht nötig.« Automatisch glitt mein Blick durch das Fenster zum Haus von Emilys Eltern, das auf der anderen Straßenseite stand. Von hier aus konnte ich sogar in Emilys Kinderzimmer schauen.

»Sicher?« Ich bemerkte ihren Blick auf mir und schaute mich nach einigem Zögern um.

»Ja, alles gut. Danke, Emmy.«

Für einen kleinen Moment sah sie mich noch an, dann nickte sie und wir gingen gemeinsam zurück ins Erdgeschoss. Nachdem ich mich mit einigen meiner Freunde und auch meiner Mutter unterhalten hatte, schaute ich durch die geöffnete Fensterfront in den Garten.

Die alte Kastanie stand mittig der Rasenfläche. Sie trug wenige in Gelb getauchte Blätter. Die Beete, die sich links und rechts des Rasens entlangzogen, waren gepflegt.

Hinter dem Pool stand ein kleines Poolhaus, in dem wir früher ab und zu gefeiert hatten. Meistens hatten Joshua und ich allerdings dort gesessen, Serien gesehen oder Darts oder Kicker gespielt.

Manchmal wunderte ich mich darüber, wie schnell die Zeit verging.

An anderen Tagen hingegen schien sie still zu stehen.

Mein Smartphone vibrierte auf dem Tisch. Ich schaute an Mom und Andrew vorbei, die davor standen und sich mit Granny unterhielten.

Joshua hatte mir geschrieben. Seinen Namen erkannte ich ganz genau, auch über die Entfernung hinweg.

Das plötzliche Vibrieren auf dem Tisch ließ alle Gespräche verstummen. Das Handy wanderte bei jedem Klingeln weiter über den Tisch. Alle sahen mich an, also musste ich den Anruf annehmen. Tat ich es nicht, wüssten sie, dass Joshua und ich ein Problem hatten.

Die vier Schritte zum Tisch ließen meine Beine immer schwerer werden. Als ich den Anruf annahm, hielt ich den Atem an und führte das Gerät langsam an mein Ohr.

»Fia?« Seine Stimme war tief mit einer rauchigen Note.

Eilig ging ich in die Küche, knallte die Tür hinter mir zu und lehnte mich daran. »Joshua.«

»Hi«, sagte er und ich musste lächeln.

»Hi.«

»Hi.« Er lachte. Dabei fiel eine unglaubliche Last von meinen Schultern.

»Joshua, hi.« Ich presste die Lippen kurz aufeinander. »Wie geht es dir? Was machst du? … Wieso bist du nicht hier?« Den letzten Satz flüsterte ich und starrte aus dem Küchenfenster gegenüber.

»Fia … also … Ich habe es nicht geschafft.«

»Wir sehen uns bald wieder.«

»Ich wollte nur hören, ob du den Flug gut überstanden hast.«

»Der Flug war anstrengend, aber ich lege mich heute früh hin und hole den Schlaf nach.«

»Gut … das ist gut, mach das. Ich muss weiter, ich wollte nur wissen, wie es dir geht.«

»Mir geht es gut.«

»Okay, das ist schön.«

»Joshua?«

»Ja?«

»Modeln?«

»Jaaa.«

»Warum erfahre ich heute erst davon?«

Warum hast du es mir nicht gesagt?

Er antwortete nicht.

Warum haben wir aufgehört zu reden?

Ich rieb mit der Hand über mein Gesicht.

Warum ist das alles noch immer so schwer?

»Wir reden darüber, wenn du hier bist, in Ordnung?«

»Hm-mh.«

Für einige Sekunden schwiegen wir.

»Ähm … also, bis dann. Ich habe viel Besuch und muss mich kümmern.« Ich starrte auf meine Füße und wackelte mit einem hin und her.

»Alles klar. Meld’ dich, wenn du reden willst.«

»Mache ich. Ich hab’ dich lieb.«

»Bis dann.« Mit den Worten beendete er das Gespräch und ich ließ den Kopf gegen die Tür sinken.

Ich schloss die Augen und dachte daran, wie es sich anfühlte, wenn er meine Haare hinter die Ohren strich … wenn er mich mit seinem einnehmenden Lächeln ansah … wenn er die Hände an meine Wangen legte … wenn seine Lippen mich berührten.

Hektisch drückte ich die Finger vor meine Augen und rieb über die geschlossenen Lider.

Die Zeiten waren vorbei.

Die Ära, in der wir alles teilten, war vorüber.

Ich freute mich auf das Zusammenleben mit meinem Stiefbruder. Gleichzeitig fürchtete mich davor.

Als ich die Gelegenheit bekommen hatte, hatte ich mich ohne zu zögern für die Brightfield State University entschieden.

Zuerst hatte ich in eins der Studentenwohnheime ziehen wollen, aber Joshua hatte mir vor drei Monaten geschrieben, dass der dritte Mieter in seiner WG auszog und ich hatte sein Zimmerangebot angenommen.

Allerdings wurde ich zunehmend unsicherer, was die Entscheidung betraf.

Ich griff an die Kette, die er mir vor seinem Umzug geschenkt hatte. Ein Notenschlüssel und zwei miteinander verbundene Noten hingen daran.

In einer Woche würde ich ihn wiedersehen.

In einer Woche wäre er wieder an meiner Seite.

Als mein Mitbewohner.

Mein Stiefbruder.

Ein Teil meines Herzens.

Mein Herz

Keine Ahnung, ob ich mich jemals an das Gefühl gewöhnen konnte, das ich seit sechs Jahren hatte, wenn ich in meinem Zimmer war. Es war erdrückend, kalt und doch viel zu heiß. Und dunkel, alles hier war so dunkel, obwohl es durch das bodentiefe Fenster beinahe der hellste Raum im Haus war.

Ich war in den letzten Jahren nicht umsonst vor meiner Erinnerung weggelaufen, weil alles einfacher war, als das hier ertragen zu müssen.

Wenn ich zur Tür sah, sah ich noch immer Joshua dort stehen, wie er mit siebzehn Jahren im Rahmen gelehnt und mich lächelnd angesehen hatte. Ich sah ihn an meinem Schreibtisch, vor meinem Fenster, vor dem Schrank und auf meinem Bett.

Ich sah Joshua und mich, wie wir dort gemeinsam gesessen hatten, um Filme zu schauen. Wie wir stundenlang geredet hatten, wie wir gelacht hatten.

Wie er mich geküsst hatte.

Aber ich sah auch … ihn.

Wie er mich angesehen hatte. Voller Abscheu und Hass.

Hektisch wandte ich mich dem Karton vor mir zu und nahm auch wieder die Musik wahr, die Emily vorhin leise angemacht hatte. Langsam legte ich weitere Bücher in den Karton, vor dem ich kniete. Danach drehte ich mich zu Emily, die auf dem Bett saß und mit ihrem Handy spielte.

»Was wäre, wenn ich Angst hätte?«, fragte ich zögerlich.

»Wovor denn?« Sie legte ihren Kopf ein wenig schief.

»Davor, zu ihm zu ziehen.«

Emily lehnte sich an das Kopfstück vom Bett, während ich einen weiteren Stapel Kunstliteratur in den Karton legte. »Wieso? Weil er jetzt berühmt ist?«

»Er ist nicht berühmt.« Oder? Ich griff nach weiteren Büchern.

»Aber er wird es vielleicht.« Sie grinste mich frech an.

Er hatte schon immer viele Frauen mit nach Hause gebracht, was in dem Fall vermutlich nicht besser werden würde.

Ich sollte nicht darüber nachdenken, aber je mehr ich versuchte, das zu verdrängen, desto lauter wurden die Rufe in meinem Kopf, die mich an genau die Tatsache erinnerten.

Daran, wie weh es tat.

»Wieso hast du Angst, mit ihm zusammen zu wohnen? Du kennst ihn nicht erst seit gestern.« Emily legte das Handy auf die Bettdecke.

»Es waren die letzten zwei Jahre … ich weiß auch nicht …« Ich strich mir eine Strähne hinter mein Ohr.

»Du glaubst, er will eigentlich nicht, dass du zu ihm ziehst?«

Ich nickte ihr verhalten zu. »Es fühlt sich so an.«

Sie zog ihre Knie an den Körper und schlang ihre dünnen Arme darum. »Hm …« Ihre Stirn warf Falten. »Wieso glaubst du das?«

»Er war so … distanziert.«

Oder war ich diejenige, die distanziert war?

»Vielleicht bildest du dir das ja nur ein. Er ist bestimmt froh, dich wieder zu sehen. Du weißt doch, wie wichtig du ihm bist.«

»Ja, du hast natürlich recht …« ich legte weitere Dinge in einen der Kartons.

Beim Abendessen stocherte ich in meinen Kartoffeln herum. Andrew und Mom unterhielten sich. Er arbeitete in einem Label in Portland, das Jazzkünstler unter Vertrag nahm und erzählte von einer Band, die sie begleiten wollten.

»Sofia Schatz. Schmeckt es dir nicht?«, fragte Mom.

»Doch, doch es ist lecker … es ist nur … ach, ist nicht so wichtig.« Ich pikste eine Kartoffel auf und aß sie.

Mom seufzte. »Schatz … was ist nur los mit dir? Seit du zurück bist, verhältst du dich distanziert und bist abweisend.«

Ich schob die Erbsen auf dem Teller herum. »Ich bin nur traurig, dass ich gerade erst zurück bin, nur um direkt wieder wegzugehen.« Ich wollte mir bestimmt nicht die Blöße vor meiner Mom geben, ihr zu sagen, dass ich Angst vor dem Umzug in Joshuas WG hatte.

Sie würde mit ihrer Ich habe Recht-Rede kommen und darauf hatte ich wirklich keine Lust.

»Ich halte es für eine schlechte Idee, dass du zu Joshua ziehst. Du sollst dein Studium in Ruhe absolvieren und dich nicht von Männern ablenken lassen. Jetzt fängt er auch noch mit dieser Modelei an. Als wäre sein Ego nicht schon aufgeblasen genug.«

Ohne dass ich etwas sagen musste. Wow.

Mom konnte unmöglich sein.

Ich lebte offiziell Moms Traum. Sie war mitten im Studium mit mir schwanger geworden. Ich war also der Grund, weshalb sie heute keine Designerin war, sondern nur eine kleine Helferbiene inmitten eines großen Schwarms eines angesehenen Modedesigners.

Es war nicht so, dass sie es mich spüren ließ … nun ja, sie bemühte sich zumindest.

Andrew hatte ich es zu verdanken, dass ich meinem Traum der Malerei hatte folgen können, denn Mom hatte sich etwas anderes für mich gewünscht. Immerhin war es in ihren Augen brotlose Kunst.

»Was soll das überhaupt heißen … nicht von Männern ablenken lassen?«, fragte ich sie.

»Wären es nur die anderen, würde ich mir weniger Sorgen machen.« Dabei deutete sie mit der linken Hand Anführungszeichen in die Luft. »Joshua hatte schon immer das Talent, dir den Kopf zu verdrehen.«

»Wie bitte?«, fragte ich perplex.

Emily unterdrückte offensichtlich ein Lächeln.

»Ich meine es genauso, wie ich es sage«, hängte Mom dran.

»Keine Ahnung, was das bedeuten soll.«

Emily stieß ein seltsames Grunzen aus. Dabei hob sie ihre Brauen etwas zu bestätigend.

Ich sah meine Mutter wieder an. »Ich ziehe dahin, um zu studieren, Mom.« Hektisch legte ich die Gabel ab. »Er ist außerdem … mein Bruder.«

Die Worte schmeckten fad und fühlten sich pelzig und falsch auf meiner Zunge an.

Mom lachte leise und schüttelte ihren Kopf. »Ich bin froh darüber, dass ihr in den letzten zwei Jahren so wenig miteinander zu tun hattet. Wer weiß, zu was er dich sonst wieder getrieben hätte.«

»Eva, lass es gut sein«, meinte Andrew.

Sie musterte ihn scharf und verkniff sich den nächsten Kommentar sichtlich.

Danny sah zwischen ihnen hin und her. »Mom … Joshua hat Sofia lieb, das weißt du doch. Er passt bestimmt auf sie auf.«

Danny war zuckersüß.

Ich schenkte ihm ein dankbares Lächeln und meine Mom atmete beschwichtigt aus.

Die letzten Tage vor meinem Umzug wurde ich nervöser. Ich schlief schlecht und tigerte einmal sogar nachts im Haus umher, weil ich keine Ruhe fand in meinem alten Zimmer.

Mom machte mich nicht nur einmal darauf aufmerksam, dass sie mir auch eins der nobleren Studentenzimmer spendieren würde und ich nicht zu Joshua ziehen müsste.

Ich wippte mit meinen Füßen, die ich gegen das Armaturenbrett gestemmt hatte. Einmal zu einem Lied von Lily Allen, aber vor allem, weil ich nervös war.

Emily unterhielt sich mit Clement, er war der Nachbar meiner Eltern und half mir beim Umzug. Sie sprachen über Pflanzen. Clement arbeitete gerne in seinem Garten und Emily bei ihrer Mom in einem städtischen Blumencenter als Floristin, somit hatten sie sich einiges zu erzählen.

Nach ungefähr fünfzig Minuten Fahrt verließen wir den Highway. Brightfield war eine Studentenstadt und lag am Columbia River, nördlich von Portland. Schon von weitem erkannte man das Geschäftsviertel, mit seinen hohen verglasten Bürokomplexen. Die Innenstadt dominierten alte Industriegebäude.

Im Internet hatte ich recherchiert und erfahren, dass Brightfield eine Arbeiterstadt gewesen war. Erst durch den Bau der wirtschaftlichen Fakultät waren die jungen Menschen angezogen worden. Die Uni hatte sich seitdem natürlich entwickelt und auch auf andere Ausbildungen spezialisiert. Nicht zuletzt gab es einen etwas neueren Trakt, in dem unter anderem verschiedene Kunst gelehrt wurde.

Das Ortseingangsschild sorgte dafür, dass mein Herz endgültig in die Hose rutschte.

Emily legte ihre Hand auf meine Schulter. »Geht es dir gut?«

Vermutlich war ich leichenblass. »Ich kann da nicht wohnen, Emily.«

»Mach dir keine Sorgen.«

»Und wenn das alles nicht klappt?« Ich war um die halbe Welt gereist und jetzt hatte ich Panik vor dem Zusammenleben mit meinem Stiefbruder?

Verdammt, ja, völlig zu Recht.

Das letzte Zusammenwohnen mit ihm hatte immerhin auch katastrophal geendet.

»In einer Woche wirst du darüber lachen, dass du dir deswegen solche Gedanken gemacht hast.«

Clement setzte den Blinker nach links und hielt an einer Ampel. »Wohnt ihr beide allein in der Wohnung?«

»Wir haben noch eine Mitbewohnerin.«

Er nickte. »Wie lang habt ihr euch nicht mehr gesehen? Andrew erzählte, dass ihr immer so viel um die Ohren hattet.«

So viel um die Ohren.

Wäre es nur das gewesen. Ich für meinen Teil war Joshua ziemlich aktiv ausgewichen und ich vermutete, dass er das ebenso gehandhabt hatte. Sonst hätten wir uns sicher öfter gesehen, denn wenn Joshua sich etwas in den Kopf setzte, war er absolut stur.

»Ähm … das letzte Mal vor knapp einem Jahr. Na ja, auch nur für einen Tag. Ich habe ihn hier besucht …«

Und dann nicht wiedergesehen.

Der heftige Streit saß noch immer in meinen Knochen.

»Dann freust du dich doch sicher, endlich wieder bei ihm zu sein.« Clement warf mir an Emily vorbei ein Lächeln zu. »Ich erinnere mich noch daran, wie viel ihr früher immer miteinander unternommen habt.«

»Hm. Ja«, gab ich knapp zurück.

Er runzelte die Stirn, hakte aber nicht weiter nach.

Wir fuhren wieder an und bogen in die Straße ein, die ab heute mein Neues zu Hause sein würde. Auf der rechten Seite reihte sich Altbau an Altbau. Die Innenstadt war offensichtlich nur wenige Gehminuten entfernt.

Ein Gebäude in einem hellen Ton war unser Ziel. Die Fenster zierte Stuck und die alte Holztür mit auffälligem Schnitzwerk erreichte man auf der rechten Seite.

Die gepflasterte Einfahrt bot Platz für einen großen Wagen und Clement setzte zum rückwärtsparken an. Während er in die Einfahrt fuhr, musterte ich die Rosenbüsche, die im Vorgarten standen. Zum Gehweg hin war ein ornamentverzierter Schmiedeeisenzaun.

Clement schaltete den Motor aus und trommelte mit den Händen auf das Lenkrad. »Wir sind da.« Er schaute mich auffordernd an.

Ich saß versteinert auf meinem Sitz und erschrak, als Emily über meine Beine kletterte und die Tür aufdrückte. Rosenduft, eine laue Spätsommerbrise und Motorengeräusche schlugen mir entgegen.

Nur Sekunden später spürte ich, dass Joshua hier irgendwo war.

Es war wie ein erschütternder Impuls, der sich genau wie seine Anwesenheit durch jeden Winkel meines Körpers zog.

Einatmen.

Ausatmen.

»Hi, Joshua«, sagte Emily.

»Hey.« Sein Tonfall ging mir durch Mark und Bein. Ich ballte die Hände auf der Sommerhose.

Ganz ruhig.

Clement stieg aus, schloss die Tür und unterhielt sich mit Joshua.

Das alles war lang her.

Joshua und ich konnten neu anfangen.

Alles auf null.

Ich schob meine Sonnenbrille zurecht, zupfte an meinem Top und rutschte über den Sitz aus dem Wagen. Für eine Sekunde schloss ich die Augen und atmete noch einmal durch, ehe ich zum Haus sah.

Joshua stand im Türrahmen.

Schnell wandte ich mich wieder den Rosen zu und versuchte, ruhig zu bleiben.

Mein Körper machte was er wollte.

Er und ich waren Vergangenheit.

Als ich die Sonnenbrille abnahm, zwang ich mir ein Lächeln ab. Er führte seine Hand durch seine Haare. Dieser warme und forschende Blick entstand auf seinen Zügen und seine Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln.

Unweigerlich wurden meine Gedanken darauf gelenkt, wie sie sich auf meinen anfühlten.

Mein Lächeln erstarb.

Alles an ihm war eine Sinfonie für die Augen.

Über seinen breiten Schultern spannte sein T-Shirt. Unter dem Stoff zeichnete sich sogar sein Brustbereich ab. Er hatte die Stundenzahl im Fitnessstudio offensichtlich erhöht und doch war seine Erscheinung stimmig.

Die Haare waren irgendwie wild und mit dem Bart hatte er etwas Raues und Ungezähmtes.

Seine hellen, eisblauen Augen gingen in ein leichtes Grau über und schauten ein wenig grimmig, trotzdem aber verträumt unter seinen dunkleren Brauen zu mir.

Joshua stieß sich vom Türrahmen ab und kam die Stufen herunter.

Mein Herz zog sich zusammen, ehe es wummerte.

Immer heftiger.

Was sollte ich tun? Stehen bleiben? Auf ihn zu laufen? Sollte ich ihn umarmen?

Ich stopfte die Sonnenbrille hektisch in meine Tasche und keine Sekunde später stand er vor mir.

»Hey«, sagte er und führte seine gespreizten Finger durch meine Haare.

Herrgott, wie hatte ich das vermisst.

Ich schloss automatisch die Augen, als das zarte Prickeln über meine Kopfhaut zu meinem Nacken floss.

»Hey«, entgegnete ich.

Ehe ich wusste wie mir geschah, schlang er die Arme um meinen Brustkorb und hob mich hoch. Sein markanter Geruch umgab mich und eine Flut von Erinnerungen erfüllte meine Gedanken.

Ich erinnerte mich an die guten aber auch die schlechten Zeiten.

An alles, was wir erlebt hatten.

An die Abende auf der Terrasse.

An die Abende im Poolhaus.

An die Sommer am See.

Wie ein Schwamm sog ich seine Gegenwart auf.

Am liebsten wollte ich ihn nie mehr loslassen.

Widerwillig löste ich mich von ihm und er ließ mich herunter. Ich legte die Hände an seine Arme und folgte meinen Bewegungen zu seiner Schulter mit meinem Blick.

Er war immer sportlich gewesen, als Kind hatte er Football gespielt, außerdem skatete er schon Ewigkeiten.

»Du hast zugelegt«, sagte ich. »Steht dir.«

Er lächelte. Dabei entstanden diese niedlichen senkrechten Grübchen, die unter seinem Bart nur noch schemenhaft zu erkennen waren. »Du ebenfalls.«

»Granny sagt, mein Hintern sei dick geworden.«

»Das hat sie dir gesagt?«

»Sie hat mir gesagt, ich sei weiblich geworden.«

»Granny hat immer recht.«

»Du bist ein Charmeur.«

»Mein zweiter Vorname. Willkommen zu Hause, Fia.«

Wir griffen uns jeder einen Karton und folgten Joshua in das Haus.

Die Wohnung lag im Hochparterre auf der linken Seite. Die lange Diele dort war mit wundervollen alten Holzböden ausgelegt. Hier stand eine Kommode und an der Wand hingen ein paar gerahmte Fotos. Die erste Tür links stand offen und ich warf einen Blick hinein. Bis auf die Möbel war der Raum leer.

Joshua lud den Karton dort ab.

Ich stellte den Karton daneben.

Die Wände waren in einem angenehmen Grauton gestrichen, perfekt, um die Farben meiner Ölgemälde hervorzuheben, und der Boden war aus Parkett. Das schwarze Metallbett hatte wunderschöne Ornamentverzierungen am Kopfteil. Der rustikale Schreibtisch stand neben dem Fenster, sodass er von den Strahlen der Sonne erhellt wurde.

Der Geruch alter Möbel hing in der Luft. Ich liebte den Duft und konnte mir genau vorstellen, wie er sich mit dem der Farben vermischte, wenn ich hier malte.

Wir trugen die Kartons in mein neues Reich, wobei ich jeden Winkel meines neuen Zimmers so genau wie möglich in mich aufnahm.

Nachdem ich einen weiteren Karton abgeladen hatte, schaute ich mich zu dem Raum schräg gegenüber von meinem um. Langsam ging ich zurück durch den Flur und machte im Rahmen zu der länglichen Küche halt.

Sie stand in Kontrast zum Rest der Wohnung. Die rote Anrichte zog sich über die linke Seite und in der Ecke neben dem Fenster stand ein weißer Retro-Kühlschrank. Der Boden war schwarz-weiß gefliest. Ein wenig wie ein altes Diner, das mochte ich sehr, es versprühte den Charme der siebziger. Selbst die Gläser auf dem Regal stammten aus der Zeit.

Im Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr und schaute mich zu Joshua um, der gerade mit einem weiteren Karton durch den Flur ging. Er brachte ihn in mein neues Zimmer und kam zu mir.

Mit verschränkten Armen lehnte er sich hinter mich an den Türrahmen. »Soll ich dich einmal rumführen?«

»Ich werde mich schon nicht verlaufen.« Ich schaute an ihm vorbei. Mit einem Lächeln drückte ich ihn ein wenig zur Seite, um in den Flur zu gelangen.

Die Tür am Ende war die zum Badezimmer. Ich erinnerte mich an die wundervolle offene Dusche. Rechts davon gelangte man ins Wohnzimmer und der Raum zwischen Wohnbereich und Küche war Joshuas Zimmer.

Schräg gegenüber war eine weitere Tür und ich ging darauf zu. Joshua folgte mir. An der Tür hing ein Iron Man-Poster. »Ist unsere Mitbewohnerin hier?«

»Liz ist im Urlaub. In ein paar Tagen kommt sie zurück.«

Liz, genau.

»Wie ist sie so?«, fragte ich und ging an Joshua vorbei ins Wohnzimmer. Ein Hauch seines Dufts umfing mich und ich atmete automatisch tief ein. Er erinnerte mich an gute und schlechte Tage, obwohl er das Parfum gewechselt hatte.

War ich froh darüber, dass er das getan hatte?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Von hier aus gelangte man auf den Balkon. Auch Joshuas schwarzes Klavier stand hinten an der Wand. Darüber hing eins meiner Bilder, das ich ihm zum Auszug geschenkt hatte. Es war eins von dem Steinway, der im Haus unserer Eltern stand.

Davor stand eine rotbraune Ledercouch und an der gegenüberliegenden Wand Regale. Sie waren vollgepackt mit verschiedenen Büchern.

»Nett«, riss er mich aus den Gedanken.

Ich sah mich um. »Was?«

»Liz, sie ist nett.«

»Sehr aufschlussreich.«

Joshua lachte einmal und dieser Ton schoss durch meinen Körper wie ein elektrischer Impuls. »Liz redet nicht viel über sich. Sie ist eine angenehme Mitbewohnerin und stellt wenig Fragen.«

»Ist das gerade auf deinen Frauenverschleiß bezogen?« Ich schaute neugierig zu ihm auf.

Sein Lächeln verrutschte eine Millisekunde, dann räusperte er sich. »Hm.«

»Hm? Mehr nicht?«

»Willst du wirklich darüber reden?«

Sofort griff Verunsicherung nach mir. »Du hast recht … das geht mich ja auch wirklich nichts an.« Ich wollte mich an ihm vorbeiquetschen, doch er umfasste meinen Oberarm. Unter meinen Brauen schaute ich vorsichtig zu ihm auf.

Er öffnete den Mund und ich wartete auf irgendetwas.

Ich wusste nicht einmal, was.

Vielleicht, dass er mir sagte, er würde keine Frauen mehr abschleppen.

Vielleicht aber auch, dass alles gut werden würde.

Dass ihm das alles ebenso leidtat.

Dass es wieder wie früher werden könnte, wenn wir nur fest daran glaubten.

Er wandte den Blick allerdings ab und ließ mich los. Ich benötigte einen Moment, wonach ich zurück in den Flur ging, dabei rannte ich Emily beinahe um, weil sie durch die Wohnungstür kam.

Sie stolperte. »Hey?!«

»Sorry«, stieß ich aus und griff an den Karton, der ihr beinahe aus den Händen geglitten wäre.

Meine Gedanken wirbelten wirr durcheinander. Ich hatte gehofft, dass es nach der Funkstille zwischen Joshua und mir anders wäre. Irgendeine Art dämlicher Neuanfang. Ganz ehrlich, ich wusste nicht einmal, wie ich auf die hirnrissige Idee gekommen war, das auf einmal alles zwischen uns vergessen wäre.

Über solche Dinge wuchs eben nicht einfach Gras.

Mir war klar, dass ich mit ihm darüber reden musste. Über alles. Über jedes noch so kleinste Wort, mit dem wir uns gegenseitig verletzt hatten.

Aber gerade verließ mich mehr und mehr der Mut.

Am Wagen griff ich aus Versehen einen der Bücherkartons und hievte ihn mit Mühe hoch. Unter Stöhnen erklomm ich die kleine Treppe.

Emily musterte mich mit großen Augen, als ich das blöde Ding in meinem Zimmer vor ihre Füße warf. »Sollte ich fragen?«

»Joshua, da stehen noch drei Kartons mit Büchern, würdest du die bitte hochtragen?«, rief ich.

»Aye, Lady«, gab er aus dem Flur zurück.

Emily trat an mich heran, als ich Joshua durch das Fenster auf dem Parkplatz sehen konnte. »Alles okay?«

»Ich weiß nicht, ob ich hier wohnen kann«, flüsterte ich.

Sie umfasste meine Schultern und musterte mich eindringlich. »Du kannst das. Du kennst Joshua mehr als dein halbes Leben. Mach dich nicht verrückt.«

»Ich mache mich verrückt.«

»Ja, das merkt man.« Sie ließ mich los. »Wir räumen den Wagen aus und später machen wir die Stadt unsicher. Was hältst du davon?«

»Das klingt wirklich gut. Danke.«

Sie legte die Hand an die Brust. »Dafür bin ich da.«

Joshua kam zurück und Emily nickte mir aufmunternd zu, ehe sie den Raum verließ.

»Wer hat vorher hier gewohnt?«

Er stellte den Karton neben den Schrank. »Irgendeine Studentin.«

»Hat sie keinen Namen?«

»Ich habe sie nicht oft gesehen, da sie entweder an der Uni war oder sich in ihrem Zimmer verschanzt hat. Sie war ziemlich schüchtern.« Er lehnte sich rücklings an den Tisch und verschränkte die Arme, den Blick wie immer fest auf mich geheftet. »Mary oder Marie oder vielleicht auch Fannie oder so.«

»Hm, charmant wie immer.« Ich lächelte und nach kurzem Zögern trat ich näher an ihn heran. Bei dem Blick in seine hellen Augen flackerten mehr Erinnerungen an früher in mir auf.

»Alles klar?«, fragte er.

»Ich bin endlich hier.«

Bei ihm.

Joshua richtete seine Aufmerksamkeit auf den Holzboden zu unseren Füßen. »Ich habe dich vermisst.«

Mein Herzschlag stolperte.

Dann hatte ich mir wirklich zu viele Gedanken gemacht.

»Ich hatte Sorge, du willst mich eigentlich gar nicht hier haben«, sagte ich ehrlich.

Er blickte mich an, die Brauen weit gehoben. »Wieso denn das? Ich habe dir das Zimmer doch angeboten.«

»Na ja … vor einem Jahr …«

»Denkst du oft daran?« Seine Stimme war eine Nuance tiefer geworden.

»Ja, das tue ich.« Ich sprach ebenso leise. Sein Ausdruck wurde sanfter, bis schließlich Reue, vielleicht auch Frust darin stand. »Denkst du noch darüber nach, was passiert ist … als … ich dich hier besucht habe?«

Es fiel mir schwer, das Thema anzusprechen.

Sofort floss Schmerz durch meine Adern.

»Schon gut. Lassen wir das.« Ich wandte mich von ihm ab, durchquerte mein Zimmer, um die letzten Kartons aus dem Wagen zu holen.

»Jeden Tag«, sagte er und hielt mich auf, als ich im Rahmen stand.

Ich nahm Schritte wahr und ballte meine Hände, weil ich ihn spürte. Er stand direkt hinter mir, sodass sich die Wärme seines Körpers unter meine Haut grub. »Ich denke jeden Tag daran«, flüsterte er, wobei er seine Arme um meine Schultern legte.

Joshua zog mich an sich und so sehr ich seine Nähe und die Berührungen wollte, so stark brannten sie.

»Sofia?«, wisperte er an meiner Wange.

»Ja?«

»Das hätte ich niemals zu dir sagen dürfen.«

Ich kniff die Augen zu.

Ich wollte hier weg.

Und doch wollte ich bleiben.

»Schon gut«, antwortete ich.

Nichts war gut.

Er begann leise zu singen und der Druck auf meiner Brust wurde doppelt so stark, weil ich seine Stimme wahnsinnig vermisst hatte. Er sang von fliegen und fallen und davon, dass es niemals zu spät war, die Dinge zu ändern.

»Ich liebe das Lied«, flüsterte ich, als er das Stück seiner ehemaligen Band beendet hatte.

»Ich hoffe du weißt, dass wir das schaffen.«

Vorsichtig drehte ich mich und er lockerte den Griff, bis er schlussendlich meine Schultern umschloss.

»Das Zusammenleben, meine ich. Wie früher, hm?«

Endlich konnte ich wieder lächeln.

Mein Kryptonit

Wie früher.

Ich sog seinen Duft tief in meine Lunge. Obwohl sein Parfum neu war, erinnerte es mich an Joshuas und mein Früher. Ich denke, ich war sogar froh, dass er es gewechselt hatte.

Joshuas Bett stand neben dem Fenster, er saß auf der Kante und hatte die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt.

Gegenüber stand sein Schreibtisch, darüber ein Poster der NFL. Daneben reihten sich drei seiner Gitarrenkoffer aneinander und ein großer und kleiner Verstärker. Außerdem lagerten in der Ecke Kabelrollen.

Erinnerungen an die Zeit, als er noch in der Band gespielt hatte. Eine seiner Akustikgitarren lag auf dem Tisch.

Ob er die Band vermisste?

Emily stand gerade unter der Dusche, ich war bereits frisch und halbwegs erholt vom Schleppen. Clement war seit etwa zwei Stunden weg, und das Auspacken würde ich im Laufe der nächsten Tage in Ruhe erledigen.

»Fia?«, fragte Joshua, also drehte ich mich zurück zu ihm.

»Hm?«

»Hast du nicht zugehört?«

»Doch.« Eigentlich nicht.

Er legte den Kopf ein wenig schief. »Ich denke nicht.«

Mit einem Grinsen zuckte ich die Schulten. »Sorry.« Ich machte einen weiteren Rundumblick. »Es ist nur … irgendwie schön, all das wiederzusehen. Deine Gitarren, die Platten … Vielleicht bin ich gerade etwas melancholisch.« Dabei nahm ich eine Polaroidaufnahme an mich, die zwischen einigen Lehrbüchern für Musik auf dem Schreibtisch lag.

Sofort bohrten sich die Nadeln in den Muskel unter meinen Rippen.

Auf dem Bild war eine wahnsinnig hübsche Brünette zu sehen, gemeinsam mit Joshua. Zusammen auf einem Stuhl, sie saß auf seinem Schoß und hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen, er seine um ihre Taille.

Ich drehte es zu ihm und hob meine Brauen. »Nett.«

Er stand auf und riss mir das Foto regelrecht aus den Fingern, um es in der Schublade vom Nachttisch verschwinden zu lassen. Dazu legte er noch seine flache Hand auf die Holzplatte, irgendwie als würde er vermeiden wollen, dass ich die Schublade öffnete.

»Kein Grund gleich durchzudrehen, weil alles wie immer ist«, entgegnete ich. »Wie früher, hm?«

Er zögerte, ließ den Blick dabei stur auf den Nachtschrank geheftet. »Kannst du mir bitte sagen, wo das Problem ist?«

»Kannst du mir bitte sagen, warum du mir das Bild wie ein Wildgewordener aus den Händen reißt? Ich habe gar nichts dazu gesagt.«

Da war sie.

Die Anspannung zwischen uns.

All das Ungesagte.

All die Worte, die uns voneinander trennten.

Er ließ die Luft entweichen. »Es war der Blick.«

»Welcher Blick?« Vorsichtig machte ich einen Schritt auf ihn zu.

Er rappelte sich zu voller Größe auf und schaute einmal durchs Zimmer, wobei er es offensichtlich vermied, mich anzusehen. »Es ist Abwertung.«

»Mein Blick ist abwertend?« Sicherlich tat es weh, dass er dauernd Frauen aufriss, aber ich hatte nicht damit gerechnet, es so offensichtlich zu zeigen.

Er atmete geräuschvoll aus, wobei sich ein genervter Ausdruck auf seine Züge legte. »Wieso stört es dich? Kann ich nicht machen, was ich will?«

Und noch mehr Distanz.

»Was ist denn das für eine Frage?«

»Eine berechtigte.« Zu allem Überfluss hob er die Brauen und ich konnte nicht anders und musste lachen.

Drei Stunden. Ich war gerade einmal drei Stunden hier und schon entgleisten unsere Gespräche. Hätten wir nicht erst einmal ein paar Tage Smalltalk führen können?

Aber wem machte ich etwas vor, Joshua und ich hatten nie Smalltalk geführt.

»Joshua, was erwartest du denn bitte von mir? Soll ich dir sagen, dass ich eifersüchtig bin?«

Dieses ätzende und doch überaus charmante Lächeln schlich um seine schönen Lippen herum. Das schaffte auch nur er. »Das wäre eine Option.«

Ich deutete auf den Nachtschrank. »Das da … ist ganz allein deine Sache. Vögle mit so vielen Menschen, wie du willst. Und selbst wenn ich eifersüchtig wäre, täte das überhaupt nichts zur Sache.«

»Ist es denn so?«

Ich verschränkte die Arme. »Das würde bedeuten, ich wäre mir meiner nicht sicher. Also: Nein.«

Dass die Wahrheit gar nicht weiter von meiner Antwort entfernt sein könnte, war selbst in meinen Gedanken ein vernichtendes Urteil.

Weil ich unsicher war, was Joshua betraf.

Das Früher zwischen uns hatte heftige Spuren hinterlassen, das war mir allzu bewusst.

Auf einmal machte er einen Schritt auf mich zu, die Spannung im Raum lud sich auf, die Stimmung schlug um. Er trat noch näher an mich heran. »Stört es dich, dass ich dieses Foto von ihr habe? Sei ehrlich.«

»Du bist ein penetranter und sturer Bock«, flüsterte ich.

»Stört es dich?«

»Nein.« Das klang wenig überzeugend.

»Lüge.«

Verdammt. Dass er mich auch immer durchschaute.

»Ich bin fertig«, ertönte Emilys Stimme.

Gott sei Dank.

Ich warf Joshua ein knappes Lächeln zu und ging an ihm vorbei zu Emily, deren Oberarm ich packte, um sie in mein neues Zimmer zu schleifen. Die Tür schloss ich etwas zu laut.

»Ich wollte euch nicht unterbrechen«, sagte sie.

Joshua brachte mich total durcheinander.

Nach nur drei Stunden.

Sie musterte mich vorsichtig. »Ist alles klar?«

Ich rieb einmal über meine geschlossenen Lider. »Es ist nur …« Mit einem theatralischen Seufzen sank ich auf die Matratze, die ich vorhin schon bezogen hatte.

Emily setzte sich neben mich und schaute mich mit einem weichen Lächeln an. »Du kannst das«, sagte sie erneut. Dazu nickte sie mir aufmunternd zu. »Joshua hat dich lieb, das weißt du doch. Er ist froh, dich hier zu haben.«

»Darum geht es nicht.«

»Was ist es dann?«

Würde sie das verstehen? Würde sie verstehen, was zwischen Joshua, Nico und mir vorgefallen war?

Ich hatte aufgehört mit Emily über mich zu sprechen und der Umstand tat mir unendlich leid.

Ich wollte sie nicht ausschließen.

Doch ich schaffte es nicht, meinen Schatten den Rücken zu kehren.

Den Nachmittag verbrachten Emily und ich damit, die Möbel ein wenig umzustellen und meine ersten Kartons zu leeren. Alles ganz in Ruhe natürlich. Da meine Uni-Kurse erst in knapp zwei Wochen losgingen, hatte ich noch genügend Zeit, mich hier wundervoll einzurichten.

Das Bett schoben wir mit dem Kopfteil an die linke Wand, außerdem hängte ich bereits wenige meiner liebsten Bilder auf. Einige, die ich von Kommilitonen in Frankreich geschenkt bekommen hatte, einige von mir selbst. Mein Schreibtisch fand seinen Platz direkt unter dem beinahe bodentiefen Fenster, damit ich viel Licht zum Arbeiten hatte. Die Staffelei stellte ich neben den Tisch, darauf stellte ich das abstrakte Reh-Bild.

Ich sortierte gerade die ersten Dinge auf meinem Tisch, da ging die Tür hinter mir auf.

Joshua hielt sich mit einer Hand am Rahmen fest und lehnte sich leicht in den Raum. »Ladys … ich bin unterwegs.«

Hektisch sortierte ich die alten Pinsel von links nach rechts. »Hm-mh.«

»Wo musst du denn hin?«, hakte Emily nach.

»Arbeiten. Ihr könnt gerne mitkommen.«

»Kommt auf die Arbeit an.« Sie lachte leise.

»Ist eine Cocktailbar in der Innenstadt. Also?«

»Wir wollten heute Abend sowieso die Stadt erkunden.« Weil keine Reaktion mehr kam, sah ich mich zu Emily um, die vor einem Karton kniete und mich mit gehobenen Brauen ansah. »Das Urteil der Chefin?«

Langsam ließ ich den Blick zu Joshua gleiten, der mich ebenso auffordernd musterte. »Also, Chefin?«

Warum sagte er das so affig? Okay, es war auch niedlich. Ich musste grinsen und gab mich natürlich sofort geschlagen, obwohl mein Kopf bereits jetzt dagegenhielt. »Na gut. Eine Stunde oder zwei können wir Joshua ruhig auf die Finger schauen.«

Emily sprang auf die Füße. »Wieso kellnerst du überhaupt, ich dachte, das Modeln läuft super?«

Jetzt sah ich Joshua auffordernd an, der einmal zu mir schaute. »Ich bin gern unter Leuten.«

Emily ging zu ihrem Rucksack rüber, der neben dem Schrank lag. »Außerdem ist das eine tolle Gelegenheit Frauen abzuschleppen.«

Mich traf die Aussage mehr als mir lieb war. Gott, konnte das bitte aufhören?

Joshua sah sie ausdrucklos an. »Du kannst dein Äffchen auch gerne in der WG lassen und mich allein begleiten«, sagte er an mich gerichtet.

»Äffchen?« Emily rappelte sich auf, den Rucksack zwischen den Fingern.

»Warum verbringst du Zeit mit ihr?«, fragte er mich.

»Weil sie dich durchschaut und sich von dir nichts gefallen lässt.«

Emily warf mir ein dankbares Lächeln zu, Joshua hingegen verdrehte ernsthaft die Augen und verschwand im Flur.

»Er ist so eine Zicke«, sagte sie leise zur mir.

»Beeilt euch, ich muss sofort los. Und das habe ich gehört!«

»Das solltest du auch!«

Die Innenstadt erreichte man nach wenigen Gehminuten, wenn man der Straße vor unserem Haus folgte. Alles war voller Leben, überall waren Studenten und ich liebte es. Die Gebäudekombination von alt und neu war fantastisch und kurbelte meine Kreativität sofort an. Ich hatte befürchtet, eine falsche Entscheidung mit der Uni getroffen zu haben, aber alles schrie danach, dass es perfekt war.

Vielleicht schafften Joshua und ich es wirklich, das alles hinter uns zu lassen.

Vielleicht konnten wir zu den Kindern zurückfinden, die sich so nah gewesen waren.

Ich wünschte es mir von Herzen.

Das Origin lag auf einer Straße, auf der sich mehrere Bars aneinanderreihten. Davor waren Sitzgelegenheiten, doch wir folgten Joshua ins Innere des Lokals. Durch die großen Scheiben fiel das Abendlicht in den Raum und erhellte das schlichte, aber edle Ambiente. Der offene Raum war in Beige- und Schwarztönen gehalten. Wenige abstrakte Gemälde hingen an den Wänden, alles war stilistisch.

Es spielten irgendwelche House-Tracks und das nicht nur im Hintergrund, die Musik war ziemlich laut.

Joshua hielt auf die breite Theke zu, hinter der eine blonde Frau stand und gerade die Gäste an der Bar bediente. Außerdem entdeckte ich noch zwei weitere Mitarbeiterinnen, die Getränke verteilten.

»Ich muss eben nach hinten.« Er nickte in Richtung der Theke. »Setzt euch. Bin gleich zurück.«

Wir setzten uns auf die rechte Seite, die noch frei war, und Joshua winkte seiner Kollegin. »Versorg die beiden!«, rief er und verschwand hinter der Schwingtür.

Die Blondine kam mit einem Lächeln zu uns. »Hey, ich bin Becca und offensichtlich eure persönliche Kellnerin heute. Woher kennt ihr Joshua?«

»Von früher, ergo kennen wir uns leider schon viel zu lang.« Emily lächelte und beugte sich etwas über die Theke. »Was kannst empfehlen?«

»Alles.«

Ich musste grinsen und Emily lachte einmal. »Okay, dann nehme ich einen Mochito und du?« Sie musterte mich, sah zurück zu Becca. »Sie nimmt einen Sex On The Beach. Sie ist eher die süße von uns beiden.«

»Gott, Emmy.« Ich schüttelte den Kopf über ihren Spruch, den ich echt schon zu oft gehört hatte.

Becca klopfte einmal auf die Anrichte. »Kommt sofort.«

Ich schaute mich im Laden um und beugte mich danach zu Emily. »Auffällig viele Frauen hier.«

Sie machte ebenfalls einen Rundumblick. »Stimmt.« Dann wandte sie sich wieder an Becca. »Ist das normal, dass hier Frauenüberschuss herrscht?«

Sie warf uns einen Blick beim Mixen zu. »Wenn euer netter Freund Schicht hat schon. Das hat sich schnell rumgesprochen.«

Ich wollte irgendetwas dazu sagen.

Aber was überhaupt?

Die Antwort hätte ich mir auch selbst geben können.

Alles wie früher.

»Ist eine von euch seine Freundin?«, fragte sie. »Er hat zwar nichts gesagt, aber ich frag lieber mal nach.«

Ich unterdrückte ein Lachen. »Joshua und eine Freundin? Das ist mir neu.«

Als wenn Joshua jemals eine Freundin gehabt hätte. Frauen für’s Bett, ja. Dutzende. Aber nicht eine feste Freundin hatte er gehabt.

»Ich wollte lieber mal nachfragen. Nicht, dass man mir noch auf die Finger haut, weil …« Sie deutete zur Tür, aus der Joshua heraustrat. »…ich meine … kommt schon.«

Er band sich seine langen Haare zu einem Dutt und ich war fassungslos, wie gut er selbst dabei aussah. Das hatte er doch vor dem Spiegel geübt. Er hatte sein Shirt gegen ein weißes Hemd mit einem kleinen Aufdruck des Origin auf der Brust ausgetauscht und es war eng, die oberen drei Knöpfe natürlich geöffnet.

Das Teil betonte einfach alles.

»Heiliger Jesus«, spuckte Emily neben mir aus.

Joshua ging zu Becca hinter die Theke, die uns in dem Moment unsere Drinks hinstellte. »Guten Durst. Geht auf’s Haus.«

Zögerlich griff ich danach, weil ich mich anstrengen musste, Joshua nicht anzustarren. Er ging rüber zur Kasse und gab da irgendetwas ein.

Emily wandte sich an mich und sah mich mit großen Augen an. »Was zur Hölle?«

»Ich …« …war sprachlos.

»Verdammt. Er sah ja schon immer gut aus, aber was ist mit ihm passiert im letzten Jahr? Oder ist das dieses Hemd? Oder das Wissen darum, das er kellnert?« Sie warf ihm noch einen Blick zu. »Obwohl es Joshua ist, will ich gerne …« Sie machte eine Bewegung mit den Fingern, als würde sie ihm an die Arme fassen wollen. Vielleicht auch die Brüste, keine Ahnung.

»Er geht eben … trainieren?« Ich fing mich halbwegs. »Wir sehen das wohl nicht als einzige so«, meinte ich, griff meinen Drink und nahm einen ersten Schluck.

»Er kann vermutlich allein vom Trinkgeld leben.« Sie lachte einmal auf. »Meinst du, wir dürfen ihm die Scheine in seinen Hosenbund stecken?«

Ich musste ebenfalls lachen, weshalb Joshua sich kurz zu uns umsah.

»Willst du es etwa drauf ankommen lassen?«, fragte ich.

Sofort kramte sie in der Tasche herum. »Unbedingt. Ich will wissen, wie er reagiert.« Dabei lachte sie gehässig und ich schüttelte den Kopf amüsiert.

»Ist eine von euch beiden zufällig die neue Mitbewohnerin?«, fragte Becca.

»Er hat davon erzählt?«, gab ich zurück.

Becca nickte. »Ja, er hat letztens fallenlassen, dass eine Dame bei ihm einzieht, die er schon lange kennt. Das Team ist seitdem ganz heiß darauf, besagte Dame kennenzulernen. Also?« Neugierig schaute sie zwischen uns hin und her.

Emily wedelte mit ein paar Dollarnoten vor meinem Gesicht und lachte noch einmal.

»Tja, das bin dann wohl ich.« Erneut nahm ich einen Schluck und Joshua kam zurück zu uns.

Er stützte sich neben Becca auf die Theke. »Meine herzallerliebste Stiefschwester wohnt ab heute bei mir.« Dabei schenkte er mir dieses übertrieben charmante Lächeln, das seine Wirkung jedoch nie verfehlte.

Ich lächelte extra knapp zurück.

»Wir arbeiten noch an unserem Verhältnis«, sagte er zu Becca.

Mit großen Augen sah sie zwischen uns hin und her. »Verstehe schon. Verhältnis.«

»Also so war das nicht gemeint«, mischte ich mich ein. Er machte ernsthafte eine abwägende Handgeste, weshalb ich ihn empört ansah. »Joshua?«

Der Trottel lachte nur, ehe er sich wieder Becca zuwandte. »Das ist schon ein paar Jahre vorbei.«

Wie bitte?

»Joshua?!«, rief ich entgeistert.

Emilys Blick brannte sich in meine Seite und mir schoss Hitze ins Gesicht. Ich musste knallrot sein, vor Wut und vor lauter Frust, vor Scham und noch tausend anderer Dinge.

Und als Joshua und ich uns ansahen und ich das erste Mal nach so vielen Monaten in seinem Blick untergehen konnte, setzte sich meine Zündschnur in Brand.

Diese verdammte Zündschnur, die irgendwann die Explosion erzeugte, die es in meinem Kopf benötigte, um mich Joshua quasi an den Hals zu werfen.

Da war nichts mehr zwischen uns?

In meinem Inneren war einfach alles.

Alles kehrte in dieser einen Sekunde zurück.

Er sah es mir an, ich wusste es.

»…gleich das neue Fass anschließen«, riss Becca mich langsam aus meiner Trance und ich wandte mich hastig Emily zu, die gerade den Trinkhalm zwischen die Lippen nahm. Dabei starrte sie mich noch immer an.