Aftermyth – Penelope und die Prüfung der Götter - Tracy Wolff - E-Book + Hörbuch

Aftermyth – Penelope und die Prüfung der Götter Hörbuch

Tracy Wolff

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Beschreibung

Manche kämpfen gegen ihr Schicksal. Penelope schreibt ihres einfach um. Penelope Weaver hat ihr ganzes Leben davon geträumt, endlich die Anaximander-Akademie zu besuchen, die magische Schule, wo die griechischen Sagen lebendig werden. Klug, praktisch und regeltreu wie sie ist, ist sie sicher: Sie gehört ins Haus der Athena. Doch als sie gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Paris an der Akademie ankommt, läuft alles schief. Statt bei Athena landet Penelope ausgerechnet bei der Göttin, die so gar nichts mit Regeln und Logik am Hut hat. Außerdem ist die ihr zugeteilte Musen-Helferin eine Katastrophe und ihre Helden-Aufgaben sind unmöglich zu lösen. Plötzlich steht ihr ganzes Leben Kopf. Wie soll Penelope ihren Weg finden, wenn selbst die Mythen sie in die Irre führen? Bestsellerautorin Tracy Wolff schreibt für eine jüngere Zielgruppe: eine mitreißende Fantasy voller Herz, Humor und Abenteuer

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Zeit:12 Std. 6 min

Veröffentlichungsjahr: 2026

Sprecher:Ann-Kathrin Hinz

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Über das Buch

Manche kämpfen gegen ihr Schicksal. Penelope schreibt ihrs einfach um.

 

Penelope Weaver hat ihr ganzes Leben davon geträumt, endlich die Anaximander-Akademie zu besuchen, die magische Schule, wo die griechischen Sagen lebendig werden. Klug, praktisch und regeltreu wie sie ist, ist sie sicher: Sie gehört ins Haus der Athena.

Doch als sie gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Paris an der Akademie ankommt, läuft alles schief. Statt bei Athena landet Penelope ausgerechnet bei der Göttin, die so gar nichts mit Regeln und Logik am Hut hat. Außerdem ist die ihr zugeteilte Musen-Helferin eine Katastrophe und ihre Helden-Aufgaben sind unmöglich zu lösen. Plötzlich steht ihr ganzes Leben Kopf.

Wie soll Penelope ihren Weg finden, wenn selbst die Mythen sie in die Irre führen?

 

Bestsellerautorin Tracy Wolff schreibt für eine jüngere Zielgruppe: eine mitreißende Fantasy voller Herz, Humor und Abenteuer

 

 

Von Tracy Wolff sind bei dtv außerdem lieferbar:

 

Die ›Katmere Academy‹-Reihe

Band 1: Crave

Band 2: Crush

Band 3: Covet

Band 4: Court

Band 5: Charm

Band 6: Cherish

Inside Katmere Academy

 

Die ›Calder Academy‹-Reihe

Band 1: Sweet Nightmare

Tracy Wolff

Aftermyth

Penelope und die Prüfung der Götter

Band 1

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Ivana Marinović

 

 

 

Für Jenn, die Schwester meines Herzens und meiner Seele

Prolog

Jeder Mensch hat ein Geheimnis.

Für manche von uns geht es bei diesem Geheimnis um etwas, das wir vor langer Zeit getan haben und wofür wir keinen Ärger bekommen wollen.

Für andere von uns ist es ein Versprechen an ein Familienmitglied oder einen Freund, dass wir sein oder ihr Geheimnis hüten werden wie unseren Augapfel.

Und für wieder andere ist es ein Traum, der Wunsch nach einer glänzenderen – einer besseren – Zukunft als der unseren.

Doch für einige wenige von uns – einige sehr, sehr wenige – geht es bei diesem Geheimnis um etwas Größeres, etwas Beängstigenderes, etwas, das tief in unserem Inneren verborgen ist und nur auf die Gelegenheit wartet, zu wachsen, zu gedeihen, zu werden.

Für einige wenige von uns ist dieses Geheimnis – diese Geschichte – wir selbst.

Doch Geheimnisse bleiben nur geheim, bis man sie ausspricht.

Und Versprechen werden nur gehalten, bis man sie bricht.

Geschichten jedoch … Geschichten können ewig währen. Sie können wieder und wieder erzählt werden. Sie können wachsen und sie können schrumpfen, sie können den gesamten Raum einnehmen und manchmal, manchmal können sie sogar entschlüpfen und verschwinden.

Hin und wieder jedoch kann eine Geschichte so viel mehr. Hin und wieder, wenn die Person, die die Geschichte erzählt, ein sehr mutiger Mensch ist, kann sie das magischste Wunder überhaupt vollbringen.

Sie kann alles verändern.

Schnappt euch also euer Popcorn und haltet eure Mützen, Socken und alles andere fest, was wegfliegen könnte. Denn dies ist eine dieser Geschichten und Penelope Weaver ist eine dieser Geschichtenerzählerinnen. Allerdings ist es nur fair, euch zu warnen: Sobald ihr diese Seite umblättert, wird nichts je wieder sein, wie es mal war.

Willkommen im Aftermyth.

1Ein Funkeln sagt mehr als tausend Worte

Ich habe das Gefühl, gleich aus der Haut zu fahren.

Es ist eine dämliche Metapher, ich weiß, aber meine Großmutter benutzt sie andauernd – meist, wenn es darum geht, wie sich die Nymphen wieder einmal aufführen, die im Wald hinter ihrem Haus leben.

Ich kann die Nymphen nicht sehen so wie sie – das ist nicht meine Gabe –, deshalb habe ich mich immer gefragt, was genau sie mit diesem Spruch meint. Ganz zu schweigen davon, wie es wohl aussehen würde, wenn ein Mensch oder eine Nymphe tatsächlich aus der Haut fahren würde. Aber jetzt kapiere ich es total. Denn egal, wie sehr ich mich bemühe, ich kann nicht still sitzen, während wir uns im guten, alten silbernen Subaru meines Vaters diese schmale, gewundene Bergstraße hochschlängeln.

Ich wippe mit dem Bein auf und ab und mein Blick sucht die ganze Zeit den hohen, dunklen Wald um uns herum ab – nach was genau, weiß ich selbst nicht. Und überhaupt scheine ich plötzlich vergessen zu haben, was ich mit meinen Händen anstellen soll. In der einen Minute reibe ich mir mit ihnen über die Oberschenkel, als müsste ich mich warm halten, um in der nächsten die Finger zu einer Reihe wuseliger, wirrer Knoten zu verschlingen.

Ich schwöre, wenn wir nicht bald ankommen, werde ich noch explodieren … oder zumindest die Finger nicht mehr entknoten können. Nicht gerade der erste Eindruck, den ich hinterlassen will, wenn ich in die Athena Hall aufgenommen werde und endlich – endlich – meine zwölf Aufgaben zugeteilt bekomme.

Ich kann kaum glauben, dass mein Zwillingsbruder Paris an einem Tag wie heute der Ruhigere von uns beiden ist – normalerweise ist nämlich er es, der sich wegen allem aufregt und ausflippt –, aber so ist es eben. Gerade benimmt er sich so, als wäre dies ein Tag wie jeder andere: die Nase über seine PlayStation Portal gehängt, sodass ihm das kastanienrote Haar tief über die Stirn hängt, und die braunen Augen fest auf irgendein Spiel gerichtet, auf das er gerade abfährt. Es ist, als würde es ihn gar nicht kümmern, dass heute der wichtigste Tag unseres Lebens ist.

Aber andererseits hinterlässt er ja auch immer einen guten ersten Eindruck. Ich bin diejenige, deren Auftritt normalerweise etwas Feinschliff braucht, diejenige, die zu laut niest, zu schnell geht und deren roter Lockenkopf immer viel zu wild und störrisch ist. Diesmal aber nicht. Dieses Mal werde ich alles richtig machen. Ich habe Monate geübt. Und was mein Haar angeht, habe ich es zum straffsten Zopf der Menschheitsgeschichte geflochten.

»Bist du denn gar kein bisschen aufgeregt?« Die Worte entkommen mir wie Luft aus einem undichten Ballon – komisch, unerwartet und, wenn ich ehrlich bin, etwas quietschig.

Tja, was soll ich sagen? Ich mag zwar die Organisiertere von uns beiden sein, aber wenn ich ausnahmsweise mal die Nerven verliere, dann so richtig.

»Ich warte mit der Aufregung, bis wir da sind«, erwidert Paris, ohne auch nur von seinem Spiel aufzuschauen. »Abgesehen davon bist du aufgedreht genug für uns beide.«

Ich will dagegenhalten, aber er hat recht. Also ignoriere ich ihn, lehne mich nach vorn und spähe wieder angestrengt durch die Windschutzscheibe. Keine Ahnung, was ich erwarte – was ich hoffe – zu sehen, aber bestimmt nicht das, was da zu sehen ist. Nämlich dieselbe alte Straße, die wir schon eine Million Male gefahren sind.

Enge Kurven.

Schmale Spuren.

Praktisch kein Verkehr.

Außerdem haufenweise riesiger Bäume. Egal, in welche Richtung man gerade schaut.

Eigentlich sieht sie aus wie jede andere Straße hier oben in den Berkshire Mountains in West-Massachusetts. Die Berge sind zwar hübsch – so richtig hübsch –, aber nicht unbedingt eine Gegend, die ich außergewöhnlich nennen würde. Und schon gar keine, wo ich eine Schule wie die Anaximander vermuten würde.

»Lehn dich zurück, Penelope«, schimpft Dad, als wir um eine besonders enge Haarnadelkurve biegen. »Es ist gefährlich, sich so zwischen den Sitzen vorzulehnen.«

Ich verdrehe die Augen, tue aber, was er sagt. Da ich die letzten zwei Jahre regelmäßig bei Streitereien zwischen ihm und Paris zusehen durfte, ist klar, dass mein Vater kein Problem damit hat, seitlich ranzufahren und mitten in der Pampa anzuhalten, nur um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen. Doch im Moment ist die einzige Aussage, die ich von ihm hören will, dass wir endlich – endlich – angekommen sind.

»Keine Sorge.« Meine Mutter wirft mir einen Blick über die Schulter zu. »Wir sind so gut wie da.«

Ich persönlich finde das ja schwer zu glauben, da wir …

»Was war das?«, entfährt es mir mit einer kribbelnden Mischung aus Nervosität und Aufregung in der Magengrube.

»Was war was?« Der perfekt getrimmte braune Schnurrbart meines Vaters wackelt ein bisschen bei den Worten.

»Da war doch ein Lichtblitz.« Ich zeige zu der großen roten Scheune links, an der wir gerade vorbeifahren. »Gleich da drüben.«

Meine Eltern wechseln einen Blick. »Das war wahrscheinlich nichts.«

Hat sich aber nicht nach nichts angefühlt. Tatsächlich …

»Da ist es schon wieder!« Dieses Mal zeige ich mit dem Finger darauf – ein regenbogenfarbenes Glitzern direkt über der Scheune.

Angesichts meines alarmierten Tonfalls hebt sogar Paris den Kopf. Aber bis die drei dort hinschauen, wohin ich zeige, sind die bunten Funken schon wieder fort.

»Das ist wahrscheinlich nur die Sonne, die sich auf dem Scheunendach reflektiert«, sagt Mom.

»Welche Sonne?«, frage ich, weil es ein echt trüber, echt grauer Tag ist.

Dunkle, unheilvolle Wolken türmen sich am Himmel, und obwohl ich noch keinen Donner gehört habe, kündigt sich der Regen mit dem dichten Nebel, der oben über die Berggipfel walzt, fast schon bedrohlich an. Je höher wir fahren, desto nebulöser und aus der Zeit gefallen sieht alles aus.

»Du weißt schon, was deine Mutter meint«, schaltet sich Dad ein. »Wenn es nicht vom Dach kommt, dann glänzt vielleicht das Metall von einem alten Traktor oder so was in der Art.«

Noch mal: Wenn es keine Sonne gibt, dann gibt es auch nichts zu glänzen. Aber ich halte den Mund – hauptsächlich, weil die Erfahrung mich gelehrt hat, dass es sich nicht lohnt, zu streiten, wenn meine Eltern erst einmal beschlossen haben, mir nicht zu glauben.

Trotzdem verrenke ich mir den Hals, um die Scheune auch noch im Blick zu behalten, nachdem wir daran vorbei sind.

Und tatsächlich, ein paar Sekunden später sehe ich wieder ein Regenbogenglitzern – dieses hier stärker als die beiden anderen zusammen –, aber bevor ich was sagen kann, macht die Straße eine Biegung nach rechts. Die Scheune samt dem mysteriösen Gefunkel verschwindet.

Mit einem Mal wird der Nebel dichter – viel dichter – und der Himmel nimmt die gleiche unheilvolle Farbe an wie die Wolken.

»Was ist los?« Zum ersten Mal schaut mein Bruder sich wirklich um. »Warum ist es um zehn Uhr morgens so dunkel?«

»Nur das Wetter«, trällert meine Mutter heiter. »Kein Grund zur Sorge.«

Diesmal sind es Paris und ich, die einen Blick wechseln, aber dann zuckt er mit den Schultern und wendet sich wieder seinem Spiel zu – sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als weiter durch die Windschutzscheibe zu spähen, in der Hoffnung, einen ersten Blick auf die Anaximander zu erhaschen.

Dreizehn qualvolle Minuten später biegt mein Vater in eine kleine – und mit kleine meine ich praktisch nichtexistente – Parkbucht am Straßenrand.

»Wartet mal. Warum halten wir an?« Meine Brust schnürt sich zusammen und meine Handflächen fangen zu schwitzen an. »Sind wir endlich da?«

2Über den Donut-Schachtelrand schauen

Noch nicht«, antwortet Dad und öffnet die Fahrertür. »Ich dachte mir nur, du und dein Bruder hättet vielleicht Lust auf was Süßes zum ersten Schultag.«

»Was Süßes?« Ich blicke auf mein Handy. »Aber wir sollen doch um zehn Uhr dreißig dort sein. Und jetzt ist zehn Uhr dreizehn. Ich glaube nicht, dass wir noch Zeit haben, um …«

»Wir haben Zeit«, unterbricht mich Mom, die ebenfalls aussteigt. »Außerdem gibt es hier die leckersten Snacks an der gesamten Ostküste.«

»Hier?« Zweifel überkommen mich, als ich durch den dichten Nebel spähe. Ich sehe nichts als Grau … und eine kleine Flamme, die in einer Laterne grob zehn Meter entfernt brennt.

Was ja gar nicht schräg ist.

Ich meine, wer braucht schon eine Taschenlampe, wenn man auch mit einem offenen Feuer durch die Gegend rennen kann? Klar, man riskiert, den kompletten Wald abzufackeln, aber vielleicht bin ich ja die Einzige, die ein Problem darin sieht …

»Komm wieder runter, Penelope.« Paris lässt seine PlayStation Portal auf den Sitz zwischen uns fallen und stürzt förmlich aus dem Wagen. »Ich bin am Verhungern.«

»Welch Überraschung«, murmle ich, stoße die Tür auf meiner Seite auf und steige … mitten in eine riesige Schlammpfütze.

Die komplett meine nagelneuen weißen Schachbrettmuster-Vans vollspritzt.

Panik durchfährt mich. Ich habe Stunden damit verbracht, mich für das perfekte Outfit für heute zu entscheiden: die perfekte hellblaue Bluse, die perfekt gebügelten weißen Shorts, bis hin zu den perfekten blauen Söckchen mit den kleinen Eulen darauf. Ich habe jedes einzelne Kleidungsstück, das ich anhabe, so ausgesucht, dass jeder, der mich trifft, sofort weiß, in welches Schülerwohnheim ich gehöre.

Doch nun sind all die Vorbereitungen hinüber, wegen irgendeines planlosen Zwischenstopps, um einen Snack zu essen, den ich gar nicht will. Wie bitte soll ich mit Schuhen, die so aussehen, Athena gegenübertreten, geschweige denn meinen neuen Klassenkameraden?

Das ist mehr als peinlich.

»Komm schon, Penelope! Beeil dich!«, dringt von weiter vorne die Stimme meiner Mutter durch den Nebel zu mir.

Ich schnappe mir ein paar Papiertücher aus dem Vorrat, den Mom im Auto aufbewahrt – Athena-Mädchen wachsen zu Athena-Frauen heran: perfekt auf jede Situation vorbereitet –, und schrubbe mir so viel Schlamm wie möglich von den Schuhen. Das Zeug ist pampig und eklig und superschwer wegzubekommen und ich bin so wütend, dass ich heulen könnte.

Was ich aber nicht tun werde. Das Einzige, was noch schlimmer wäre, als an meinem ersten Tag mit schlammverspritzten Schuhen aufzukreuzen, wäre, das mit fleckigem, tränenverschmiertem Gesicht zu tun. Das ist nämlich einer der vielen Flüche als Rotschopf: Wenn ich heule, dann mit geröteten, total verquollenen Augen – und das wird heute so was von nicht passieren.

Sobald zumindest der Schlamm weg ist, den ich runterkriege, stopfe ich die schmutzigen Papiertücher in den kleinen Mülleimer, den Mom ebenfalls im Auto hat – eine weitere ihrer perfekten Vorbereitungen –, und mache mich auf in die Richtung, in die meine Familie verschwunden ist.

Der Nebel ist jetzt so dicht, dass ich sie nicht sehen kann, aber ich höre, wie sie sich mit einem Mann mit sehr tiefer Stimme unterhalten. Als ich näher komme, scheint sich der Nebel endlich etwas zu lichten und ich erhasche einen ersten klaren Blick auf meine Familie, die an einem kleinen, hölzernen Marktbüdchen steht.

Das Büdchen ist weiß gestrichen, mit einem blauen Aluminiumdach, an dessen spitzem Giebel ein hübsch verziertes Schild mit der Aufschrift PTs Donuts hängt.

Donuts? Jetzt sagt mir bitte nicht, dass wir wegen ein paar Rastplatzdonuts riskieren, zu spät zu kommen, und das, wo meine Mutter seit Jahren glutenfrei lebt?

Irgendwer muss mir das bitte mal erklären.

Die Flamme, die ich vorhin gesehen habe, stammt tatsächlich von einer Laterne, die gefährlich nah am Rand der abgewetzten Theke des Büdchens balanciert. Direkt neben einem Schild, auf dem steht:

Donutbällchen mit Zimt: 50 Cent das Stück/12 St. für $ 5

Donuts mit Zimt: $ 1 das Stück/12 St. für $ 10

Apfelsaft mit Zimt, heiß oder kalt: $ 2 der Becher

Okay, ich will nicht lügen: Ein Becher heißer Apfelsaft klingt nicht übel, vor allem, da der Wind aufgefrischt hat – solange wir ihn nur schnell kriegen.

Ich fröstle ein bisschen, als mein Blick auf das fällt, was neben dem Schild steht … oder sollte ich besser sagen, wer? Der Typ ist extrem groß und hat eine mit roten Farbspritzern übersäte Jeans-Latzhose an, dazu schwarze Crocs mit rot-gelben Flammen darauf.

Sein langes braunes Haar – das er zu einem unordentlichen Dutt hochgeknotet hat – ist grau meliert, genauso wie sein zurechtgestutzter Ziegenbart. Was jedoch meine Aufmerksamkeit wirklich fesselt, ist die dicke Goldkette, die er um den Hals trägt.

An der Kette ist ein Anhänger befestigt, auf dem COEXIST steht, und irgendwie schaffen es sowohl der Anhänger als auch die Kette, so auszusehen, als wären sie funkelnagelneu und gleichzeitig uralt.

»Apfelsaft gefällig?«, erkundigt sich der Mann. Seine strahlend blauen Augen schneiden förmlich durch das trübe Licht, als er sie auf mich richtet.

Mein Bruder, der in der einen Hand eine kleine rosa Kuchenschachtel hält, streckt ihm mit der anderen einen leeren Becher hin. »Ich nehme auch noch einen.«

Als Paris sich vorbeugt, kommt die Pappschachtel der brennenden Laterne für mein Gefühl viel zu nahe. Ich behalte ihn argwöhnisch im Blick, aber niemand sonst scheint besorgt, also sage ich nichts. Das Letzte, was ich will, ist, dass uns das hier noch mehr Zeit kostet, als wir uns leisten können. Als ich mich wieder dem Mann zuwende, bemerke ich, dass sein Blick die ganze Zeit auf mich gerichtet bleibt, selbst als er meinem Bruder kalten Apfelsaft nachfüllt. »Was ist mit dir, Penelope? Willst du auch einen Saft?«

»Woher kennen Sie meinen Namen?«, frage ich, als ich den Becher entgegennehme, den er mir hinhält. Im Gegensatz zu dem von Paris ist er dampfend heiß und duftet nach Zimt, genau so, wie ich ihn haben wollte.

»Deine Eltern haben gerade erwähnt, dass du noch ein bisschen hinterherhinkst.« Er schaut auf meine Vans runter. »Nette Schuhe.«

Ich laufe feuerrot an. »Die waren nicht immer so schmutzig«, nuschle ich.

»Und das werden sie auch nie mehr sein.«

Keine Ahnung, was er damit meint, zumal der helle Stoff sich von allen Seiten mit der Brühe vollgesogen und die untere Hälfte der Schuhe sich in ein hässliches Kackbraun verfärbt hat.

Bevor ich fragen kann, worauf er da anspielt, nickt der Mann zu meinem Becher. »Trink aus.«

»Ich wollte warten, bis er abgekühlt ist«, erkläre ich. Aber aus reiner Höflichkeit nehme ich doch einen kleinen Schluck … und merke, dass er irgendwie, trotz des Dampfs, der immer noch daraus aufsteigt, genau die richtige Temperatur hat.

Komisch.

Trotzdem, die Zeit fliegt – mittlerweile ist es 10:22 Uhr, womit uns exakt acht Minuten bleiben, um zur Schule zu gelangen, bevor wir offiziell zu spät zu unserem ersten Tag sind. »Denkt ihr nicht, dass wir lossollten?«, frage ich meine Eltern. »Es ist beinahe …«

»Nimm doch ein Donutbällchen«, schlägt Dad mit einem breiten Lächeln vor und zeigt auf die Schachtel in Paris’ Hand.

Ich mag jetzteigentlich kein Donutbällchen – mein Magen ist viiiel zu nervös dafür –, aber wenn das bedeutet, dass wir dann schneller hier fortkommen, werde ich so viele essen, wie sie wollen, und einfach nur beten, dass ich mich nicht übergeben muss. Bloß dass ich, als ich in die Schachtel greife, feststellen muss, dass nur noch ein kleines, runzliges Bällchen übrig ist. Auf der einen Seite ist es eingedellt und nur die andere Hälfte ist mit Zimtzucker bedeckt.

Es sieht nicht gerade nach dem appetitlichsten Snack auf diesem Planeten aus, aber meine Eltern – und der komische blauäugige Mann – sehen mich gespannt an, also stecke ich das Bällchen in den Mund und mampfe drauflos. Sofort überzieht ein seltsamer Geschmack meine Zunge … wie eine viel zu überreife Frucht gemischt mit Pfeffer.

Womöglich – und mit womöglich meine ich ganz sicher – ist das das Ekligste, was ich je gegessen habe. So eklig, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, es auszuspucken, während ich mein Bestes gebe, nicht laut zu würgen.

Aber Athena-Mädchen spucken kein Essen aus, also kaue ich tapfer weiter, bis ich die widerwärtige Pampe endlich – endlich – runterschlucken kann.

»Und, hat’s dir geschmeckt?«, fragt Dad mich, während er in die nunmehr leere Schachtel greift. »Ich glaube, da gab es ein Versehen, PT«, sagt er zu dem Büdchenbesitzer, den er schon länger zu kennen scheint. »Ich habe ein halbes Dutzend bestellt.«

»Und ich habe dir ein halbes Dutzend gegeben.« PT beäugt meinen Bruder, dessen Mund mit Zimtzucker bedeckt ist. »Vielleicht solltest du Paris fragen, was mit ihnen geschehen ist.«

»Ich hatte Hunger«, sagt Paris, als Dad ihm einen verärgerten Blick zuwirft.

»Ist schon gut, Hektor«, beschwichtigt Mom ihn, während sie ihm den in Tweed gehüllten Arm reibt. »Er wusste es ja nicht.«

»Was wusste er nicht?«, frage ich und schaue zwischen meinen Eltern hin und her, während ich versuche zu kapieren, was hier vor sich geht. Ich meine, wer sollte überhaupt freiwillig eins von diesen widerlichen Dingern essen wollen?

»Du hast recht, meine Liebe.« Mein Vater bedenkt sie – und Paris – mit einem milden Lächeln, bevor er sich wieder an PT wendet. »Könnten wir noch zwei Donutbällchen haben?«

»Ich fürchte, ich bin komplett ausverkauft.« PT schüttelt bedauernd den Kopf. »Eure Familie ist ziemlich knapp dran – ihr seid die Letzten, die hier durchkommen.«

Die Letzten, die hier durchkommen?

Ein beglücktes Sirren steigt in meinem Inneren auf, als ich seine Worte sacken lasse. Vielleicht ist dieser seltsame Mann doch nicht bloß ein Donutverkäufer. Vielleicht steht er mit der Anaximander in Verbindung. Vielleicht war das Essen dieses Donutbällchens bloß ein Test und …

»Du hast keine mehr?« Moms Stimme klingt komisch, als sie fragt. »Überhaupt keine?«

PT schüttelt bedauernd den Kopf.

»Was sollen wir jetzt tun?« Dad wirkt perplex. »Wie sollen wir sie so …«

»Ich fürchte, ihr tut gar nichts«, unterbricht ihn PT ernst. »Sie werden schon allein gehen müssen.«

»Das ist unmöglich!« Zum ersten Mal heute wirkt Mom besorgt. »Das ist ihr erstes Jahr. Wir müssen mit. Wir müssen …«

»Ohne Donutbällchen geht niemand über die Brücke«, sagt PT bestimmt. »Regeln sind Regeln.«

Wollen sie ernsthaft behaupten, dass diese schrecklichen Donutbällchen so eine Art Ticket sind, um zur Schule zu gelangen? Ich darf mich wohl glücklich schätzen, dass Paris mir immerhin eins von den Dingern übrig gelassen hat, auch wenn es komplett eklig war.

»Brücke?«, fragt Paris und wischt sich mit dem Handrücken über den Mund, um etwas von dem Zimtzucker wegzubekommen. »Hier draußen gibt es doch gar keine Brücken.«

»Bist du dir da sicher?« PTs gepflegte braune Augenbrauen wandern ihm beinahe bis zum Haaransatz hoch.

»Ziemlich sicher«, erwidert mein Bruder. »Wir sind gerade erst die Straße langgefahren.«

Aber als ich mich zum Wagen umdrehe, pulsiert schon die Aufregung durch meinen Körper.

Und ja, der Nebel hat sich vollständig gelichtet, sodass ich zum ersten Mal die ganze Straße sehen kann – und die wunderschöne, überdachte Brücke, die sich nur wenige Meter vor unserem Wagen befindet.

Sieht aus, als könnten wir es doch noch rechtzeitig schaffen.

3Herumgeschlängel

Bevor ich auch nur den Gedanken fasse, mache ich schon einen Schritt nach vorn. Wie könnte ich auch nicht – jetzt, da ich weiß, dass ich bloß ein, zwei Minuten von der Anaximander entfernt bin?

Es fühlt sich an, als hätte ich mein ganzes Leben auf diesen Moment gewartet, und jetzt, wo wir so nah dran sind, kann ich es keine Sekunde länger erwarten loszuziehen.

Aber meine Eltern diskutieren immer noch mit PT, der allmählich so aussieht, als würde er sich das COEXIST-Motto, das an seiner Kette hängt, noch mal überlegen wollen. Oder zumindest klarstellen, dass es für Eltern, die sich weigern, dem üblichen Prozedere zu folgen, nicht gilt.

Und natürlich handelt es sich bei den fraglichen Eltern um meine Mom und meinen Dad. Spontan sein ist nicht unbedingt ihr Stil.

Meiner normalerweise auch nicht, aber für so etwas Wichtiges, so etwas Großes, so etwas unfassbar Cooles bin ich gern bereit, eine Ausnahme zu machen.

»Du hast doch bestimmt noch irgendwo zwei Donutbällchen übrig«, beschwört Dad ihn. »Oder auch nur eins. Wir könnten es uns teilen. Oder einen Donut. Wir könnten uns einen Donut teilen und …«

»Es tut mir leid, aber ich bin wirklich komplett leer geräumt.« PTs Dutt wackelt, als er den Kopf schüttelt. »Abgesehen davon, selbst wenn ich noch Donuts hätte, sind sie nicht das, was ihr braucht.«

»Ich weiß, aber …« Zum womöglich ersten Mal in meinem ganzen Leben sieht meine stets unerschütterliche, niemals emotionale Mutter total niedergeschlagen aus. »… es ist doch ihr erstes Jahr.«

»Wir kommen klar.« Paris beugt sich vor, um Mom die Schulter zu tätscheln, wobei die Donutschachtel zum gefühlt millionsten Mal (auch wenn es eigentlich nur das dritte ist) der Laterne etwas zu nahe kommt. Und zwar so nah, dass ich praktisch schon die angekokelte Pappe riechen kann.

Oh nein. Nicht mit mir.

Ich reiße ihm die Donutschachtel aus der Hand und werfe sie in die große schwarze Mülltonne neben dem Büdchen. Dann, ohne zu fragen, beuge ich mich vor und puste diese dämliche Laterne aus. Ist ja nicht so, als würde er sie brauchen, jetzt, wo der Nebel sich komplett verzogen hat.

Nun, da die drohende Katastrophe abgewendet ist, drehe ich mich mit meinem kompetentesten Lächeln zu meinen Eltern um. »Paris und ich können allein über die Brücke gehen. Stimmt’s, Paris?«

»Na klar«, pflichtet er mir bei.

Aber meine Eltern hören uns gar nicht zu. Sie starren mich einfach nur mit offenem Mund an, so als hätten sie mich noch nie zuvor gesehen.

Ratlos drehe ich mich zu meinem Bruder, aber der schaut genauso verwirrt drein, wie ich mich fühle.

»Es ist doch nur eine Brücke, oder? Keine große Sache?« Falls ich ein ganzes Stück unsicherer klinge als beabsichtigt, dann deswegen, weil ich es bin. Ihre Reaktion macht mich langsam nervös.

»Nur eine Brücke«, bestätigt PT, obwohl er genauso erschüttert wirkt wie meine Eltern. Er mustert mein Gesicht, so als würde er darin nach etwas suchen, auch wenn ich keinen Schimmer habe, was dieses Etwas sein könnte.

»Hast du gerade eben dieses Feuer ausgeblasen?«, fragt meine Mutter schließlich mit erstickter Stimme.

Oh, jetzt kapiere ich. Es ist ihnen peinlich, dass ich davor nicht gefragt habe. Ich schenke PT ein entschuldigendes Lächeln. »Tut mir leid, ich hätte erst fragen sollen, ob das okay ist. Es war nur so, dass Paris ihm ständig zu nah gekommen ist. Ich hatte Angst, dass er die Schachtel in Brand setzt … oder sich selbst.«

»Ist schon gut.« PT bemüht sich um ein Lächeln, aber er guckt dabei immer noch so erschüttert, dass es mehr zu einer Grimasse gerät.

In der Zwischenzeit glotzen meine Eltern mich immer noch an, als wären mir auf einmal mehr Köpfe gewachsen als Kerberos höchstpersönlich. Aber in Anbetracht dessen, dass wir dabei sind, kostbare Zeit zu verschwenden, ist das momentan mein geringstes Problem.

Die beiden müssen sich jetzt echt zusammenreißen, denn hier herumzustehen, während auf meiner Uhr – ticktack, ticktack – die Minuten verstreichen, entspricht ziemlich genau meiner Vorstellung von Folter.

»Aber es ist …«, beginnt mein Vater und seine Stimme wird ganz brüchig.

»Er sagt, es ist okay, wenn wir allein gehen«, falle ich ihm ins Wort und schaue wieder zu PT. Dieses Mal bringt er tatsächlich ein Lächeln zustande und ich fahre fort. »Es tut mir wirklich leid. Aber wir müssen los.«

Den letzten Teil richte ich an alle, denn ich habe keinerlei Zweifel, dass meine Eltern noch die ganze nächste Stunde unschlüssig hier herumstehen werden, wenn wir sie lassen. Doch da ich absolut nicht vorhabe, auch nur eine Sekunde von meinem ersten Schuljahr an der Anaximander zu verpassen, beschließe ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und marschiere auf unseren Subaru zu.

»Penelope? Wohin gehst du denn?« Die Stimme meiner Mutter rutscht bei jeder Silbe, die ihrem Mund entfleucht, etwas höher.

»Ich gehe mein Gepäck holen«, sage ich geradeheraus – jegliches Zögern meinerseits wird nur dafür sorgen, dass meine Eltern uns in den Wagen zurückscheuchen und auf direktem Weg wieder nach Hause fahren.

Und das wird nicht passieren. Nicht heute und definitiv nicht, solange ich was zu melden habe. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens – neue Schule, neue Freunde, Athena Hall, meine Aufgaben – und ich werde das keine Sekunde länger aufschieben. »Paris und ich müssen los.«

Es ist ein riskanter Zug, ich weiß – das Auto ist verriegelt und Mom und Dad gehören nicht zu der Sorte Eltern, die sich herumbugsieren lassen, wenn sie das nicht wollen. Glücklicherweise brauchen sie nur ungefähr eine Minute, um zu demselben Schluss zu gelangen wie PT und ich vor ihnen.

Dass Paris und mir die Zeit wegläuft.

Widerwillig zieht Dad den Autoschlüssel aus der Tasche, und als ich den Wagen erreiche, öffnet sich der Kofferraum bereits. Meine Erleichterung hält jedoch nicht lange an, denn ein Blick ins Innere erinnert mich daran, wie groß mein Koffer ist.

Warum nur, oh, warum habe ich geglaubt, ich müsste meinen kompletten Kleiderschrank plus mein Geburtstagsgeschenk zum Dreizehnten einpacken – alle elf Bände von Antike Mythen für jede Gelegenheit, die gekürzte Fassung.

Weil es das ist, was Athena-Mädchen tun, rufe ich mir ins Gedächtnis, als ich mir meinen vollgepackten Rucksack schnappe und über die Schulter schwinge. Wir sind ein Quell des Wissens, stets auf alles vorbereitet.

Als ich meinen Koffer nehmen will, hält Paris mich auf.

»Ich trage deinen«, sagt er, packt den Griff meines riesigen blauen Koffers und wuchtet ihn raus. »Du kannst meinen nehmen.«

Und genau das ist der Grund, warum Paris mein Lieblingsmensch ist, auch wenn er sechzig Prozent der Zeit eine echte Nervensäge sein kann. Er steht immer, wirklich immer, hinter mir.

Ich möchte schon protestieren – Athena-Mädchen tragen ihr Gepäck selbst –, aber ein schneller Blick auf die Uhr verrät mir, dass uns keine fünf Minuten mehr bis zur Eröffnungszeremonie bleiben, und es ist ausgeschlossen, dass wir es rechtzeitig dorthin schaffen, wenn ich gleichzeitig diesen Koffer schleppen muss.

Und da Athena-Mädchen in erster Linie pragmatisch sind, beschließe ich, mich breitschlagen zu lassen.

»Du bist der Beste«, sage ich, packe den Griff seines viel leichteren und viel vernünftiger dimensionierten schwarzen Koffers und hieve ihn heraus. Gott sei Dank hat Paris zu seinem Dreizehnten die PlayStation Portal bekommen, die er sich gerade vom Rücksitz schnappt und noch schnell hineinstopft.

»Ja, das bin ich«, bestätigt er mit diesem überlegenen Grinsen, bei dem ich ihm normalerweise »versehentlich« auf die Zehen treten will – wenn nicht Schlimmeres. Aber gerade tut er mir einen Riesengefallen, also hat er es sich verdient.

Es folgen ein paar schnelle – sehr schnelle – Umarmungen mit unseren immer noch ziemlich verdatterten Eltern und schon sprinten Paris und ich auf die Brücke zu.

Berichtigung: Paris sprintet auf die Brücke zu, während ich mit dem Koffer im Schlepptau eher hinter ihm hertrabe. Und wenn ich bloß noch anmerken dürfte, dass es nicht fair ist, dass er auf einmal so viel stärker geworden ist als ich? Daran werde ich dieses Jahr definitiv noch arbeiten. Ich weiß zwar nicht, was genau das beinhaltet, aber ich bin so was von bereit, es herauszufinden.

Aus der Ferne kann ich meine Mutter rufen hören: »Und dass ihr ja genug esst!«

Als ob das bei Paris je ein Problem gewesen wäre …

Aber da meldet sich eine andere Stimme und es ist nicht die meines Vaters. Sondern die von PT. »Denk dran, Penelope, die Antwort ist Feuer.«

Ich habe keinen Schimmer, was das heißen soll, und keine Zeit, ihn zu fragen, also gebe ich bloß einen kleinen Wink mit der Hand, während ich weiterlaufe. Ich weiß, Mom wünscht sich, die Sache hier wäre anders verlaufen – und mir geht es ja nicht anders –, aber es bringt nichts, sich im Nachhinein den Kopf mit Was-wäre-wenn zu zerbrechen. Nicht, wenn die Brücke – und meine Zukunft – direkt vor mir liegen. Und schon gar nicht, wenn wir keine Zeit zu verlieren haben.

Ein aufgeregtes Kribbeln macht sich in mir breit, als ich die Brücke betrete und die Umgebung um mich herum sich zu verändern beginnt.

Von Weitem sahen die Wände der Brücke aus wie schlichte Holzspaliere. Aber jetzt, aus der Nähe, erkenne ich, dass jeder einzelne der sich kreuzenden schmalen Balken die Form einer anderen geschnitzten Schlange hat. Sie sind so angeordnet, dass bei jedem X ein Schlangenkopf nach oben und der andere nach unten zeigt.

Das Ganze sieht unheimlich und irgendwie faszinierend aus und hätte ich mehr Zeit, würde ich definitiv stehen bleiben, um mir die Schnitzereien genauer anzuschauen. Aber der größere Zeiger auf meiner Armbanduhr hat sich gerade auf die Achtundzwanzig bewegt. Es ist keine Zeit mehr.

Glücklicherweise ist die Brücke nicht lang, höchstens so um die hundert Schritte.

Nur dass ich nach bestimmt mindestens zweihundert Schritten realisiere, dass ich nicht nur noch nicht auf der anderen Seite angelangt bin, sondern dass das Ende der Brücke nicht mehr zu sehen ist. Es ist einfach verschwunden, genauso wie mein Bruder.

»Paris?«, rufe ich besorgt.

»Ich bin hier vorn, Penelope«, brüllt er zurück. »Beeil dich!«

»Ich versuch’s ja!«, schreie ich, denn das tue ich wirklich. Aber nur weil der Koffer weniger schwer ist als mein eigener, heißt das deswegen noch lang nicht, dass er leicht ist.

Meine Arme zittern vor Anstrengung, mein Herz wummert unkontrolliert. Ich möchte nur kurz anhalten, um zu Atem zu kommen, aber kaum, dass ich langsamer werde, erwachen Aberhunderte Schlangen um mich herum zum Leben.

Ihre Augen glühen auf, sie fangen zu zischen an und – schlimmer noch – in alle Richtungen hin und her zu zucken. Die an der Decke über mir beginnen damit, sich zu winden und durch die Luft zu schwingen, während die auf dem Boden mit ihren ätzenden grünen Augen auf mich zugeglitten kommen.

Als eine, die wie eine Klapperschlange aussieht, mir superknapp an der Wange vorbeischießt, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Doch sobald ich anhalte, schlängelt sich eine Dreiecksnatter direkt über meine schmutzigen Vans.

Normalerweise habe ich nichts gegen Schlangen – tatsächlich habe ich sie immer gemocht. Ich habe mehrere Bio-Projekte über Schlangen gemacht und habe mich bei unserem Klassenausflug im Zoo sogar als Erste gemeldet, um die Boa constrictor anzufassen. Und da die Dreiecksnatter nicht giftig ist und mich sowieso nicht beißen zu wollen scheint, warte ich einfach ab, bis sie vorbeizieht.

Aber da kommen immer mehr Schlangen auf mich zu – Strumpfbandnattern, Pythons und eine, bei der es sich mit ziemlicher Sicherheit um eine riesige Königskobra handelt, welche hier im westlichen Massachusetts bestimmt nichts in der freien Wildbahn verloren hat. Ein, zwei Schlangen sind keine große Sache, aber zwanzig, dreißig, die sich auf mir tummeln, das ist was ganz anderes. Vor allem, wenn keine Zoowärter da sind, um sie in Schach zu halten.

Einer Korallenotter gelingt es beinahe, sich um meinen Arm zu schlingen, und mein Herzschlag legt noch eine Spur zu, weil … nein. Einfach mal nein. Giftschlangen sind so was von nicht okay.

Ganz zu schweigen davon, dass, je näher sie kommen, ihre Augen noch heller glühen.

Das hier sind keine normalen Schlangen. Ich weiß zwar nicht, was sie sind, und ich weiß auch nicht, was sie wollen, aber als sich schließlich auch noch eine Schwarze Mamba auf mich zuschiebt, beschließe ich: Es reicht.

Ich trete nach denen, die mir zu nahe gekommen sind, schüttle sie von Füßen und Knöcheln. Aber das scheint die Schlangenbrut bloß wütend zu machen. Plötzlich versuchen sie nicht mehr nur, sich um mich zu winden, sondern schnappen mit aufgesperrten Mäulern und entblößten Fangzähnen nach mir.

Alle Instinkte brüllen mir zu, Paris’ Koffer fallen zu lassen und schleunigst zum Ende der Brücke zu flitzen, die sich langsam mehr wie ein Tunnel als eine Brücke anfühlt. Aber in diesem Koffer befindet sich alles, was ihm wichtig ist: eine komplette Jahresgarderobe plus Spiele, Bücher und Schuluniformen. Völlig ausgeschlossen, dass ich ihn einfach hier auf dieser Albtraumbrücke liegen lasse.

Also halte ich ihn gut fest, während ich halb tragend, halb zerrend in Richtung Sicherheit galoppiere. Doch für jede Schlange, der ich ausweiche, kommt eine weitere, die es schafft, sich mir ums Handgelenk, um den Arm, um den Hals zu schlingen. Ich reiße sie weg, eine nach der anderen, bis mich eine rot-schwarze Kalifornische Bergkönigsnatter letztendlich doch erwischt und beißt.

Ihre gebogenen Zähne versinken in meinem Arm und ich schreie laut auf, während ich sie abschüttle. Als Antwort zischt sie mich wütend an, aber dann passiert etwas ganz Komisches. Innerhalb eines Atemzugs verwandeln sich die Viecher von fiesen, angriffslustigen Schlangen in ganz simple Holzlatten zurück.

Was zum Henker?!?!?!?!

Jetzt halte ich doch an und lasse Paris’ Koffer fallen, da mir brennende Tränen in die Augen schießen. Bergkönigsnattern mögen zwar ungiftig sein, aber das heißt nicht, dass ihre Bisse nicht höllisch wehtun.

Als ich jedoch meinen Arm betrachte, ist da fast gar kein Blut. Und der Biss sieht aus, als wäre er schon am Verheilen.

Ich habe keine Ahnung, wie das überhaupt möglich ist, doch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, höre ich Paris schreien: »Penelope! Pass auf!«

Ich blicke mich panisch um und erwarte schon, dass eine riesige Schwarze Mamba mich hinterrücks angreift. Aber da ist nichts … bis auf einmal ein knallroter Lkw direkt auf mich zugerast kommt. Eine Sekunde lang, die mir vorkommt wie eine Ewigkeit, stehe ich bloß wie angewurzelt da, bevor mein Verstand wieder einsetzt und ich mit einem Satz zur Seite springe.

Aber diese eine Sekunde fordert ihren Tribut und ich befinde mich noch mitten im Sprung, als der Lkw direkt in mich hineinknallt.

4Ein rollender Koffer findet auch mal eine Blume

Der blanke Horror jagt durch mich hindurch, direkt gefolgt von dem schrecklichen Gedanken, dass ich die Anaximander nun niemals sehen werde. All meine sorgfältigen Pläne, ein gesamter Sommer der Vorbereitungen … alles weg, aus und vorbei. Einfach so.

Heiße Tränen schießen mir in die Augen, als ich an Mom und Dad denke, an Paris. Und daran, dass sie sich hoffentlich wegen dem hier nicht die Schuld geben werden – auch wenn Paris mich ein paar Sekunden früher hätte warnen können. Andererseits, so sind Brüder nun mal …

Ich nehme einen tiefen Atemzug, versuche, die Situation abzuschätzen … und merke verblüfft, dass mit mir alles okay ist.

Ich befinde mich immer noch auf der Brücke.

Stehe mit beiden Beinen wieder auf dem Asphalt.

Der Koffer meines Bruders liegt zwar umgekippt auf der Seite, aber ansonsten scheint er absolut intakt.

Genauso wie ich.

Es ergibt überhaupt keinen Sinn, aber aus irgendeinem Grund – entgegen allen Gesetzen der Physik – hat der Lkw mich nicht wirklich erwischt. Tatsächlich hat er mich nicht mal geschrammt.

Ich blicke an mir runter, um mich zu vergewissern, dass ich nichts übersehe, aber ich habe keinen Kratzer – selbst der Schlangenbiss von gerade eben ist verschwunden.

Das ist schräg. So richtig, richtig, richtig schräg.

Aber mir geht’s gut. Mir geht’s sogar blendend und ich habe auch gar nicht vor, mein Glück infrage zu stellen. Zumindest jetzt im Moment nicht.

Stattdessen schnappe ich mir den Koffer, bevor noch ein anderer Wagen vorbeikommen und die Sache zu Ende bringen kann. Oder bevor die Schlangen wieder aufwachen und beschließen, eine Zugabe zu geben.

Dann renne ich los, so schnell ich kann. Das Ende dieser bekloppten Brücke muss doch irgendwo hier sein. Ich muss es nur erreichen.

Doch je weiter ich renne, desto länger wird die Brücke. Und länger. Und länger.

Ich folge ihr, als sie eine Biegung nach rechts macht, nur um festzustellen, dass das Brücken/Tunnel-Ding plötzlich in eine Wiese übergeht, und zwar mit den hässlichsten Blumen, die die Welt je gesehen hat. Die Blüten sind schwarz und grau, kotzgrün und babykackegelb und irgendwie riechen sie noch übler, als sie aussehen. Wie ein Stinktier, das seine komplette Ladung versprüht hat, oder verwesendes Fleisch und tagealter Abfall, den die Müllabfuhr vergessen hat.

Kaum, dass mir die Duftwolke entgegenschlägt, dreht sich mir der Magen um und ich muss darauf achten, nicht durch den Mund zu atmen, während ich mir vorsichtig den Weg über die Wiese bahne. Es klappt nicht – der Gestank ist zu heftig –, genauso wenig wie der Versuch, mich durch die Blumen zu schlängeln, ohne sie zu berühren (das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann, ist, dass der Mief an mir hängen bleibt und ich bei meiner Ankunft in der Anaximander wie eine Müllhalde stinke).

Aber egal, wie sehr ich mich bemühe, es ist unmöglich, die Blumen nicht zu streifen. Sie sind überall und jedes Mal, wenn ein Blütenblatt mich berührt, jagt ein elektrischer Schlag durch mich hindurch wie ein Blitz.

Erst gehe ich einfach weiter, aber da klatscht eine richtig dicke schwarze Blüte gegen mein Bein. Ein Brennen schießt wie Feuer durch alle meine Nervenenden und ich beschließe: Das war’s. Es muss einen besseren Weg geben, hier durchzukommen. Ich muss nur herauskriegen, wie.

Ich sehe mich um, doch da ist nichts, womit man die Blumen abschneiden oder niedermähen könnte. Eine wahnwitzige Sekunde lang überlege ich, an der Innenseite der Brücke hochzuklettern und mich an den Dachbalken entlangzuhangeln.

Aber das eine Mal, als ich letztes Jahr im Turnunterricht den Stufenbarren ausprobiert habe, bin ich direkt gestürzt und habe mir eine Gehirnerschütterung zugezogen. Damit wäre diese Idee komplett raus. Genauso wie die, seitlich am Spalier entlangzukraxeln. Das Letzte, was ich will, ist, die Schlangen wieder wütend zu machen – alles schon gehabt, das brauche ich definitiv nicht noch mal.

Außerdem würden beide Optionen – selbst wenn sie machbar wären, was sie absolut nicht sind – erfordern, dass ich Paris’ Koffer zurücklasse. Was ich nicht tun werde, zumal er meinen offenbar auch noch nicht aufgegeben hat.

Und da kommt mir der Geistesblitz: Ich kann Paris’ Koffer benutzen!

Ein kurzer Blick über die Schulter zeigt mir, dass der Koffer beim Drüberrollen sämtliches Grünzeug geplättet und dabei einen krummen, aber blumenfreien Pfad hinterlassen hat. Alles, was ich tun muss, ist, das Ding vor mir herzuschieben. Dann wird er mir vielleicht – ganz vielleicht – wie eine Dampfwalze einen Weg durch dieses schreckliche Unkraut bahnen.

Ich wuchte den Koffer vor mich und richte ihn auf. Dann packe ich mit beiden Händen den Griff und ziehe ihn so weit hoch, bis meine Ellbogen auf Höhe meiner Brust sind und nach außen zeigen. Wie das Glück es will, hat der Koffer genau die Höhe der eklig faulenden Blumen.

Dann pflüge ich drauflos. Es geht nicht besonders schnell und ist auch nicht leicht – tatsächlich habe ich bei jedem Schritt das Gefühl, mich durch ein Moor zu kämpfen –, aber es ist effektiv. Paris’ Koffer ist klobiger als meiner, sodass die Schneise, die er schneidet, gerade breit genug ist, um mich sicher über die Wiese zu bringen.

Es scheint ewig zu dauern – meine Arme protestieren, mein Rücken schmerzt und meine Hände fühlen sich an, als würden sie gleich abfallen –, aber endlich schaffe ich es, ohne weitere Verletzungen, über das Feld und zurück auf festen Boden. Kaum, dass ich den Asphalt betrete, verschwindet die Wiese hinter mir, als hätte es sie nie gegeben, und mit ihr der widerliche Gestank dieser Blumen.

Den. Göttern. Sei. Dank.

Als Allererstes lasse ich Paris’ Koffer und meinen Rucksack fallen. Dann beuge ich mich vor und strecke die verkrampften Arme und den Rücken, während ich nach meinem Bruder rufe.

Er antwortet nicht.

Ich richte mich auf und rufe noch mal, diesmal lauter, aber niemand ruft zurück. Es ist nichts zu hören, nur das Echo seines Namens, der um mich herum widerhallt.

Er muss es schon zur Schule geschafft haben. Ich weiß nicht, wie, denn ich hetze mich hier ab, so schnell ich kann, und stecke immer noch auf dieser schrecklichen Brücke fest. Vielleicht war es für ihn ja irgendwie leichter, weil er gleich mehrere von diesen Donutbällchen verputzt hat?

Memo an mich: Schlammpfütze hin oder her, nächstes Jahr musst du es vor Paris zum Donutstand schaffen. Und außerdem wirst du die ganzen Sommerferien für diesen bescheuerten Hindernisparcours trainieren.

Trotzdem, wenn mein Bruder schon von der Brücke runter ist, heißt das doch, dass ich mich mittlerweile ganz nah am Ende befinden muss. Der Gedanke beschert mir den Extra-Adrenalinschub, den ich so dringend brauche. Ich schultere meinen Rucksack, hebe Paris’ Höllenkoffer auf und renne los.

Doch kaum, dass ich das tue, biegt sich die Straße vor mir nach oben. Ich bin gezwungen, mein Tempo zu verlangsamen, während ich mich immer weiter aufwärtsschleife, höher und höher, bis es sich anfühlt, als würde ich mindestens den höchsten Gipfel des Olymp erklimmen.

Während ich klettere, wird es kalt, so kalt, dass ich fröstle. So kalt, dass mir die Zehen taub werden, die Hände anfangen zu zittern, die Zähne anfangen zu klappern, während das Eis unter meinen Sohlen knackt und knirscht. Dafür, dass wir den ersten Sonntag im September haben, ergibt das Wetter hier gar keinen Sinn.

Aber andererseits tut das nichts von alldem hier.

Ich kämpfe mich weiter, kämpfe mich höher, fest entschlossen, mich von der Kälte nicht kleinkriegen zu lassen. Aber gerade, als ich das Gefühl habe, endgültig zu erfrieren, gerade, als ich das Gefühl habe, keinen Schritt weiter zu können, geht es plötzlich bergab.

Die Kälte verschwindet und an ihrer Stelle schlägt mir eine so heftige Hitzewoge entgegen, dass ich praktisch sofort auftaue.

Erleichterung durchströmt mich und ich renne den Hügel viel schneller hinab, als ich ihn erklommen habe. Doch mit jedem Schritt wird die Hitze schlimmer, bis ich – nur Sekunden später – meine blaue Baumwollbluse komplett durchgeschwitzt habe.

Der Schweiß rinnt mir die Stirn hinab und brennt mir in den Augen. Er lässt meine Zehen in den Schuhen quietschen und mein gesamter Körper fühlt sich an, als würde er in Flammen aufgehen.

Ich kämpfe mich weiter, weil ich muss – völlig ausgeschlossen, dass ich diesen Berg noch einmal hochsteige, noch einmal dieses Blumenfeld überquere und an diesen Schlangen vorbeigehe. Und gerade, als ich doch aufgeben will, gerade, als es sich anfühlt, als sei jeder Tropfen Wasser aus meinem Körper gesickert, gerade, als ich nicht mehr weiterkann, hört die Brücke auf.

Endlich erhasche ich meinen ersten Blick auf die Anaximander und irgendwie ist es genau – und gleichzeitig kein bisschen – so, wie ich es mir vorgestellt habe.

5Aufs Kopfsteinpflaster gefallen

Mir stockt der Atem und ich spüre ein Ziehen in der Bauchgegend, als ich die Brücke verlasse und einen baumgesäumten Weg mit jahrhundertealtem Kopfsteinpflaster betrete. Ich bin nervös, so richtig nervös – vor allem jetzt, wo ich offiziell zu spät bin –, aber ich bin auch so gespannt wie noch nie in meinem Leben.

Mein Herz schlägt irre schnell und es fühlt sich an, als würden sämtliche Zellen in meinem Körper wie wild herumspringen und an der Innenseite meiner Haut abprallen.

Ich bin da. Ich bin wirklich da. Auch wenn ich nicht weiß, wo genau auf dem Campus sich dieser Wald befindet – ein Zustand, den ich schnellstmöglich beseitigen werde.

Während meine Füße den von Baumkronen überdachten Weg betreten, schaue ich mich nach dem Amphitheater um. Obwohl ich wenig über den Anaximander-Campus weiß – meine Eltern waren extrem darauf bedacht, uns die Überraschung nicht zu verderben –, weiß ich aus ihren Erzählungen über ihre Zeit hier doch, dass die Versammlung zum ersten Schultag immer in dem riesigen Amphitheater stattfindet, das sich genau im Zentrum des Schulgeländes befindet.

Aber wenn das Amphitheater wirklich so groß sein soll, wie meine Eltern – und die Broschüre – behaupten, ist es schon komisch, dass ich es von hier aus nicht mal sehen kann. Ich mache noch ein paar Schritte vorwärts und drehe mich einmal im Kreis, um sicherzugehen, dass ich nichts übersehe.

Aber nein. Weit und breit kein gigantisches rundes Bauwerk. Tatsächlich gibt es nicht mal ein Schild, um mir den Weg zu weisen, was mir ebenfalls merkwürdig vorkommt, da es nun mal der erste Schultag ist. Noch viel merkwürdiger aber ist es, dass kein Paris auf mich wartet, um sich zu vergewissern, dass ich diese furchtbare Brücke überlebt habe.

Er muss schon zur Versammlung vorausgeeilt sein, was ich, wie mir ein kurzer Blick auf mein Handy verrät, ebenfalls tun sollte, weil ich nämlich schon zehn Minuten zu spät bin. Aber wenn er schon nicht warten wollte, hätte er mir doch wenigstens schreiben können, wohin ich muss.

Nur finde ich in meinen Nachrichten nichts als ein knappes »Wir lieben dich« von Mom plus ein »Mach sie fertig« und »Puste keine Feuer mehr aus!« von Dad.

Ich schreibe Paris, um ihn zu fragen, wo er ist … und in welche Richtung ich muss. Aber meine Nachricht wird nicht versendet und erst da sehe ich, dass es inmitten all der Bäume hier draußen keinen Empfang gibt.

Fantastisch.

Ich bin spät dran, habe mich verirrt und trage schlammige Schuhe. Dieser Tag läuft kein bisschen so, wie ich mir das ausgemalt hatte.

Trotzdem, ich muss mir was überlegen. Je länger ich hier rumstehe, desto mehr verspäte ich mich.

Ich atme tief durch und drehe mich noch einmal langsam um meine Achse, um sicherzugehen, dass ich keinen Hinweis übersehen habe, der mir den Weg verrät. Aber wohin ich auch blicke, ich sehe nichts als einen Haufen gewaltiger, hoher Bäume – was schrägerweise so ziemlich genau das ist, was ich auch gesehen habe, bevor ich diese schreckliche Brücke überquert habe.

Ich weiß, dass der Campus absichtlich so erbaut wurde, dass man nie mehr als nur ein paar der Hauptgebäude auf einmal sehen kann, aber das hier ist doch absurd. Außerdem, sollte so ein Amphitheater nicht zu einem dieser Bauwerke gehören, die man immer sehen kann?

Anscheinend nicht …

Trotzdem muss dieser kopfsteingepflasterte Weg doch irgendwohin führen. Vielleicht ist er ja so etwas wie der magische gelbe Ziegelsteinweg aus dem Zauberer von Oz.

Götter, Furien und Moiren, o weh!

Gut, meine Version ist nicht ganz so schmissig wie das Original mit den Löwen, Tigern und Bären, aber da ich mich gerade mitten in einem riesigen Wald befinde, bin ich einfach nur froh, keinen Bären zu sehen – vielen Dank, aber kein Bedarf. Verspätet, verirrt und verschlammt reicht völlig. Ich verspüre definitiv nicht den Wunsch, dem auch noch panisch, kreischend und womöglich zerfleischt oder blutend hinzuzufügen.

Mit weit aufgerissenen Augen und gespitzten Ohren folge ich also weiter dem Weg durch die Bäume, der mich, wie ich nur hoffen kann, in die Zivilisation führen wird. Während ich gehe, funkelt und glitzert auf einmal die Luft um mich herum, überall sind winzig kleine bunte Lichtblitze wie die, die ich auf der Herfahrt über der Scheune habe flimmern sehen.

So viel zum Thema »bloß eine Reflexion«.

Diese Funken hier jedoch bewegen sich, leuchten mir den Weg und hüpfen bei jedem Schritt, den ich mache, ein Stückchen vor mir her. Beinahe so, als würden sie versuchen, mich dorthin zu geleiten, wo ich hinmuss.

Mein Herz schlägt heftiger, während ich das Tempo beschleunige, und meine Nervosität verpufft, als die Vorfreude wieder übernimmt. Ich muss auf dem richtigen Weg sein. Muss ich einfach. Es gibt sonst keine Erklärung für diese ganzen Glitzerfunken.

Es ist dieser Gedanke, der mich antreibt, als ich den Fünkchen um zwei weitere Kurven folge. Auch sie beschleunigen und schon bald flitze ich, so schnell es mit Paris’ Koffer eben geht, den Weg entlang.

Ich laufe, laufe und laufe … ganz sicher, dass ich das Amphitheater gleich hinter der nächsten Biegung vorfinden werde. Ganz sicher, dass ich fast schon da bin. Ganz sicher, dass …

Uff.

Schlitternd bleibe ich vor einer breiten dreizackigen Weggabelung stehen, die wie aus dem Nichts vor mir auftaucht. Ein Kopfsteinpflaster führt nach rechts, ein Kiesweg nach links und direkt vor mir liegt ein grasbewachsener steiniger Pfad, der tiefer in den Wald hineinführt.

Meine Instinkte drängen mich, den rechten Weg einzuschlagen – das Kopfsteinpflaster wird doch bestimmt zum Zentrum der Schule führen –, aber die kleinen Funken tänzeln den linken Pfad entlang.

Wenn sie hier sind, um mir den Weg zu weisen, werden sie wohl wissen, wohin es geht, oder?

Trotzdem scheint es etwas riskant, mein Schicksal einem Haufen glitzernder Dinger anzuvertrauen, die sonst keiner in meiner Familie sehen konnte. Also halte ich ein paar Sekunden inne und lausche nach dem Klang von Gelächter, Applaus oder auch nur der erhobenen Stimme einer Lehrkraft, die es rechtfertigen würden, den Fünkchen auf den Kiespfad zu folgen. Aber es ist nichts zu hören, nur das Rauschen eines Wasserfalls irgendwo in der Nähe und ein Donnergrollen in der Ferne.

Was bedeutet, dass, wenn ich mich nicht beeile, ich auch noch pitschnass zu den anderen Verfehlungen auf meiner Liste hinzufügen darf.

Als würden sie mein Zögern bemerken, kommen die Fünkchen zu mir zurückgeeilt. Sie wirbeln mehrere Male um mich herum, bevor sie wieder die linke Abzweigung in der Gabelung entlanghuschen. Offenbar wollen sie ganz unbedingt, dass ich in diese Richtung weitergehe.

Trotzdem verharre ich unschlüssig – ich kann es mir nicht leisten, die falsche Entscheidung zu treffen. Den ganzen Weg zurückzugehen, wird mich nur noch mehr Zeit kosten.

Doch da, gerade, als ich mich blindlings für eine Richtung entscheiden will, sehe ich etwa hundert Meter vor mir einen Typen zwischen den Bäumen herauslaufen.

Er ist groß, hat zotteliges Haar, und obwohl er mir den Rücken zugewandt hat und ich sein Gesicht nicht sehen kann, verrät mir sein schlanker, schlaksiger Körperbau, dass er ein Schüler ist und kein Lehrer. Aufgrund seiner Körpergröße – noch ein paar Zentimeter mehr als Paris, obwohl der diesen Sommer einen krassen Wachstumsschub hatte – überlege ich, dass er ein Oberstufler sein muss, vielleicht sogar schon in der fünften oder sechsten Jahrgangsstufe.

Er ist ganz in Schwarz gekleidet – schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, schwarze Boots. Sogar sein Haar ist schwarz, genau wie die lange Schnur, die er um das linke Handgelenk gewickelt hat.

Also definitiv ein Hades-Junge – das sind die Einzigen, die sich so anziehen.

Bei dem Gedanken durchrieselt mich ein seltsamer Schauder, eine unterbewusste Warnung, dass dieser Junge gefährlich sein könnte.

Ich ignoriere die Warnung und renne ihm über den grasbewachsenen Pfad hinterher. Die Schulordnung besagt – noch etwas, das ich von Mom und Dad weiß –, dass alle Schüler den Feierlichkeiten zum ersten Schultag beiwohnen müssen, egal, in welchem Jahrgang sie sich befinden. Was bedeutet, dass er auch auf dem Weg zum Amphitheater sein muss.

Die kleinen Funken umkreisen mich, versuchen, mich dazu zu bringen, die andere Richtung zu nehmen. Aber auch sie ignoriere ich und renne nur noch schneller. Wenn ich den Typen da einhole, werde ich nicht nur herausfinden, wo ich hinmuss, sondern vielleicht, ganz vielleicht, auch nicht allein bei der Eröffnungszeremonie einlaufen müssen.

Ein Hades-Junge ist besser als gar nichts.

Er selbst rennt nicht, ist aber schnell genug unterwegs, dass ich mit dem Koffer im Schlepptau zwei Minuten brauche, um auch nur in seine Nähe zu kommen.

»Hey!«, rufe ich laut, sobald ich mir sicher sein kann, dass ich in Hörweite bin.

Er hält nicht an, hält nicht mal inne und gibt auch sonst keinen Hinweis darauf, dass er mich gehört hat. Weswegen ich nur noch lauter rufe.

»Hey, warte! Kann ich dich was fragen?« Immer noch nichts, also lege ich einen Zahn zu. »Hallo? Kannst du mich hören?«

Endlich bleibt er stehen und dreht sich um, um mich aus Augen anzusehen, die genauso dunkel, grün und geheimnisvoll sind wie der Wald um uns herum.

Sie bescheren mir einen kleinen Schauder, genauso wie mein erster Blick in sein Gesicht.

Er ist jünger, als ich dachte – eher so vierzehn, fünfzehn, nicht siebzehn, achtzehn. Außerdem sieht er richtig gut aus, vor allem für einen Hades-Jungen.

Hohe Wangenknochen, eine absurd perfekte Nase, ein satter bronzefarbener Teint und volle Lippen, die sich gerade zu einem Grinsen verziehen, das sich irgendwo auf dem Grat zwischen belustigt und unausstehlich bewegt.

»Schwierig, dich nicht zu hören, wo du laut genug brüllst, um die gesamte Unterwelt aufzuwecken«, antwortet er trocken.

Was habe ich gesagt? Definitiv ein Hades-Junge.

»Warum hast du dann nicht geantwortet?« Er öffnet den Mund – ich tippe mal, um den nächsten bissigen Kommentar abzuladen –, also rede ich einfach schnell weiter. Niemand hier hat gerade Zeit, sich mit seiner Unterwelt-Attitüde herumzuschlagen, vor allem ich nicht. »Egal, ist auch nicht wichtig. Kann ich mit dir kommen?«

»Mit mir kommen?« Er zieht eine Augenbraue hoch. »Du weißt doch gar nicht, wohin ich gehe.«

»Zum Amphitheater, oder nicht? Zur Schulversammlung.« Ich will noch was hinterherschieben, doch ich werde abgelenkt von den Fünkchen, die gerade wieder mit voller Kraft zurück sind. Nur dass sie, anstatt um mich herumzuwirbeln, ihn umschwärmen, und das buchstäblich. Sie schwirren ihm um den Kopf herum, um die Schultern, die Hüften und die Füße, wie Motten um eine Flamme. Oder Insekten um eine dieser elektrischen Fallen.

Nicht, dass er es merken würde. Andererseits, so wie er aussieht, ist er es wahrscheinlich gewohnt, von viel mehr umschwärmt zu werden als nur von ein paar bunten Glitzerfunken.

Nicht, dass es mich juckt, wie er aussieht – nein, bei diesem Gespräch geht es ausschließlich darum, eine Wegbeschreibung zu bekommen, und nur darum, vielen Dank auch. Unter normalen Umständen geben sich Athena-Mädchen nämlich nicht mit Hades-Jungs ab … oder zumindest sagt mein Dad das immer.

»Die Versammlung hat schon vor fünfzehn Minuten angefangen«, erwidert er, während eine ganze Schar Fünkchen an der rasiermesserscharfen Kante seines Kiefers entlangtänzelt. »Und nein, das ist definitiv nicht, wo ich hinwill.«

Mein Herz rutscht mir irgendwo in die Knöchelgegend runter. »Aber alle müssen hin. So ist die Regel.«

»Nur, wenn die Regel für dich gilt«, entgegnet er. Sein Grinsen wird noch breiter, als er hinter mich zeigt. »Siehst du den riesigen Baum da? Den mit dem abgebrochenen Ast? Wenn du den Weg links davon nimmst, führt er dich direkt hin.«

Ich drehe mich um, um zu sehen, von welchem Baum er redet – immerhin sind wir hier mitten im Wald. Es gibt haufenweise Bäume. »Der neben dem großen Baumstumpf? Ich sehe keinen …«

Als ich mich zu ihm umdrehe, breche ich mitten im Satz ab. Denn er ist nicht mehr da.

6Das kommt mir alles altgriechisch vor

Ich blinzle ein paarmal, nur für den Fall, dass ich halluziniere. Menschen können nicht einfach so verschwinden, oder? Selbst auf dem Gelände einer Schule, die den Göttern gewidmet ist, müssen die Leute doch ganz normal davonspazieren wie alle anderen auch.

Alle bis auf diesen Hades-Jungen, wie es scheint. Denn er ist fort. Ich meine damit fort fort. So wie: verschwunden-fort. Dabei habe ich absolut keinen Schimmer, wohin er gegangen ist und wie er das angestellt hat.

Ein Teil von mir will noch einen Moment dableiben und nach ihm suchen – es muss hier draußen einen Erdkeller oder eine Geheimtür oder so was geben, denn es ist ausgeschlossen, dass er sich einfach so in Luft aufgelöst hat.

Aber dafür habe ich absolut keine Zeit, nicht, nachdem ich durch diesen kleinen Umweg noch später dran bin als zuvor. Anstatt also nach dem viel zu süß geratenen Hades-Jungen zu suchen, drehe ich mich wieder um und rase auf den Baum zu, den er mir gezeigt hat. Die Funken sind jetzt wieder an meiner Seite – offenbar war ihre Schwärmerei für den Typen nur von kurzer Dauer. Ein paar Sekunden lang kreisen sie mir um die Taille und die Stirn, bevor sie an mir vorbei zu dem Kiesweg flitzen, zu dem sie mich vorhin schon überreden wollten.

Beinahe folge ich ihnen – den zugewucherten, mit Steinen übersäten Trampelpfad einen Weg zu nennen, war ziemlich wohlmeinend vom Hades-Jungen. Aber sein wundersames Verschwinden beweist, dass er viel mehr über diesen Ort weiß als ich, also beschließe ich, ihm zu vertrauen.

Wahrscheinlich ist es keine gute Entscheidung, aber ich habe keine Zeit mehr zu verschwenden. Ich hechte über den Pfad und renne durch einen noch dichter bewachsenen Teil des Waldes. Mit jedem Schritt, den ich mache, wird es finsterer, mit jedem Fuß, den ich weiter auf diesen notdürftigen Pfad setze, sperrt das dichte Blattwerk die Sonne noch ein bisschen mehr aus.

Je düsterer es wird, desto nervöser werde ich. Dass die Funken um mich herum jetzt so wild herumhüpfen, als wären sie noch näher am Ausflippen als ich, hilft mir auch nicht gerade weiter.

Tränen des Frusts brennen mir in den Augen, aber ich weigere mich, ihnen freien Lauf zu lassen. Stattdessen blinzle ich sie weg und zwinge mich, immer weiterzugehen. Und weiter. Und weiter. Gerade, als ich aufgeben und kehrtmachen will, platze ich aus der Dunkelheit hinaus und mitten hinein in das, was das Zentrum des Campus sein muss.

Den Göttern sei Dank.

Überall um mich herum befinden sich riesige Gebäude mit Schildern davor, die ihre superwichtig klingenden Namen herausposaunen: der Parthenon, die Halle der Legenden, die Stoa. Die marmornen Fassaden glänzen weiß in dem blendenden Sonnenlicht und wüsste ich es nicht besser, würde ich meinen, direkt ins Antike Griechenland spaziert zu sein. Oder zumindest in etwas, das in etwa so aussieht, wie ich mir das Antike Griechenland vorstelle, basierend auf allem, was ich die letzten Jahre zur Vorbereitung für meine Ankunft hier darüber gelernt habe.

Die Gebäude wurden in einer quadratischen Formation errichtet – je zwei auf jeder Seite des Quadrats, bis auf die Stoa, die allein eine ganze Seite des gewaltigen Platzes einnimmt – und alle sind von Säulen gesäumt. So, so, so viele Säulen.

Dorische Säulen. Ionische Säulen. Korinthische Säulen. Jede von ihnen noch ein bisschen verschnörkelter als die vorherige.

Manche von ihnen sind kahl, andere werden von Efeu und Kletterrosen umrankt, die sich bis hoch zu den spitzen Dachgiebeln emporwinden. Die Dächer selbst sind goldgerändert – ob es bloß Farbe ist oder das echte Zeug, kann ich von hier aus nicht sagen – und werden von verschiedenen Akroterien geziert. Die kleinen steinernen Skulpturen sind auf jedem Dach anders, manche stellen Blumen dar, manche nur grafische Muster und manche sehen fast schon gruselig aus, so als könnten sie in einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort auch Gargoyles sein.

Kopfsteingepflasterte Pfade mit ordentlich getrimmten Hecken an den Seiten ziehen sich um jedes der Gebäude, führen zum jeweils nächsten und, wichtiger noch, zum Zentrum des viereckigen Platzes. Und dort, direkt in der Mitte, erhebt sich ein riesiger, runder Bau.

Den Göttern sei Dank. Endlich, endlich, habe ich das Amphitheater gefunden.

Ich eile an der riesigen, offenen Stoa mit dem spitzen Dach vorbei. In der Broschüre hieß es, dass sich die Schüler hier mit Vorliebe zum Entspannen und zum Mittagessen treffen. Ich kann auch verstehen, warum – sie sieht supercool aus.

Die Seiten der Stoa bestehen aus bestimmt einhundert korinthischen Säulen, jede davon mit schnörkeligen Rosetten und Blättern verziert. Und direkt oberhalb der schicken Säulen zieht sich – über die gesamte Länge des Dachs – eine noch schickere Zierleiste, in die verschiedene Menschenfiguren und Tiere gemeißelt sind.