AGENT IMPOSSIBLE - Undercover in New Mexico - Andrew Lane - E-Book

AGENT IMPOSSIBLE - Undercover in New Mexico E-Book

Andrew Lane

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Beschreibung

Agent Without Licence – in tödlicher Gefahr

In einem Forschungsinstitut in New Mexico hat es mehrere Todesfälle gegeben. Dort werden streng geheime Waffensysteme für den MI6 entwickelt. Agentin Bex hat den Auftrag, zu recherchieren, ob jemand gegen die britischen Interessen arbeitet. Selbst kann sie das nicht tun, denn die Chefin des Sicherheitsdienstes kennt sie. So muss Bex Kieron noch einmal um Hilfe bitten und er reist an Bex‘ Stelle undercover nach Albuquerque – mit falschem Pass als junges Computergenie. Während Bex ermittelt, scheint etwas noch viel Unheilvolleres zu drohen: Kieron wird in den Nahen Osten entführt. Und nicht nur er ist in Gefahr, sondern Milliarden Menschen …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 352




Andrew Lane

Undercover in New Mexico

Aus dem Englischen

von Tanja Ohlsen

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1. Auflage 2019

© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© Andrew Lane, 2018

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »AWOL 2: Last safe moment« bei Piccadilly Press, London, einem Imprint von Bonnier Zaffre Ltd., London, in der Verlagsgruppe Bonnier.

Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen

Lektorat: Luitgard Distel

Umschlaggestaltung: semper smile, München unter Verwendung von Fotos von © Shutterstock (Theus; Runrun2, bestfoto77)

kk • Herstellung: AJ

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-22435-6V001

Printed in Germany

www.cbj-verlag.de

Dieses Buch ist Amber, Caitlin, Courtney,

Beth und Sophie gewidmet, weil das letzte

den Jungs gewidmet war …

Und mit besonderem Dank an Emma Matthewson und

Talya Baker für das hervorragende Lektorat.

Kapitel 1

»Das wird wehtun, oder?«

Kieron Mellor stellte fest, dass seine Stimme zitterte, und er hasste sich dafür. Warum kriegte er das nicht hin? Nach allem, was er in letzter Zeit durchgemacht hatte, sollte das hier doch ein Kinderspiel sein.

Immer wieder sagte er sich das, trotzdem schlug ihm das Herz bis zum Hals.

»Überhaupt nicht«, versicherte ihm der Mann in dem Tattoostudio. »Nur ein kleiner Stich. Na ja, eigentlich zwei Stiche. Du wirst sie kaum spüren.«

Über die Schulter des Mannes hinweg sah Kieron die Passanten in dem Einkaufszentrum. Das Tattoostudio war klein, kaum größer als sein Zimmer. Mit ihm, dem Mann, der vor ihm auf dem Stuhl saß, und der Frau an der Kasse war der Laden so voll, dass man sich kaum mehr umdrehen konnte. Sam – Kierons bester Freund – wartete draußen. Er lehnte am Geländer der Galerie und starrte auf das Gedränge in den Geschossen des Einkaufszentrums unter ihm.

Im Erdgeschoss wurden Kleidung, Elektronik, teure Handtaschen und Möbel verkauft. Im Untergeschoss befand sich der Restaurantbereich. Hier im Obergeschoss lagen die billigeren Läden – ein Comicshop, ein Geschäft, wo Fantasyfiguren und Engelkarten verkauft wurden, ein Herrenfriseur. Und das Tattoo- und Piercingstudio.

Der geduldige Mann vor Kieron trug ein enges T-Shirt und hatte einen gewaltigen Schnurrbart, der an den Schläfen seine Koteletten berührte. Außerdem hatte er einen ledernen Cowboyhut auf dem Kopf. Sein rechter Arm war vom Handgelenk bis zur Schulter mit blau-goldenen Schuppen tätowiert. Das Tattoo auf dem linken Arm war noch in Arbeit. Schwarze Bogen, die wohl erst nach und nach eingefärbt werden würden. Kieron fragte sich, ob der Mann sich selbst tätowierte. Ging das überhaupt? War er vielleicht in ein anderes Studio gegangen oder ließ er es sich etwa von der Frau an der Kasse stechen? Und warum war es noch nicht fertig? War ihm die blaue oder goldene Tinte ausgegangen?

»Also«, fragte der Mann nach, »ziehen wir das jetzt durch, oder was?«

Kieron versuchte seine Gedanken und sein Herzklopfen zu beruhigen. »Ja«, sagte er dann, und noch einmal lauter: »Ja!«

»Und nur, um sicherzugehen: Du bist doch sechzehn, oder? Ich muss das fragen. Wir piercen nämlich niemanden, der jünger ist.«

»Ja«, erwiderte Kieron. Er war zwar nicht sechzehn, sah aber so aus, als könnte er es sein. Nach dem Gesichtsausdruck des Mannes zu schließen, glaubte er ihm nicht, aber das spielte keine Rolle. Er hatte gefragt und Kieron hatte geantwortet.

»Zwei Snakebite-Piercings – eins auf jeder Seite, ja?«

»Ja.«

»Okay.« Der Mann wischte die Haut unter Kierons Unterlippe mit etwas ab, das aussah wie ein Feuchttuch und nach Desinfektionsmittel roch. »Ich markiere die beiden Stellen mit einem Filzstift. Das lässt sich wieder abwaschen. Ich will nur sichergehen, dass die Piercings symmetrisch sind.« Er tauschte das Tuch gegen einen Stift, neigte sich vor und tupfte damit zweimal auf die Haut, die er abgewischt hatte. »Nichts ist schlimmer als ein schiefes Piercing.« Kritisch sah er sich die Platzierungen an und meinte: »Doch, das passt.« Dann legte er den Stift auf eine Ablage neben sich und griff zu einem Instrument, das aussah wie eine kleine Klemme. Es war auch tatsächlich eine, stellte Kieron fest, als der Mann sie geschickt an seiner Lippe direkt auf einer der Markierungen festklemmte. Mit einer Hand hielt der Mann die Klemme fest und griff mit der anderen nach dem nächsten Gerät.

Kieron schloss die Augen und hielt den Atem an.

»Versuch, nicht zu zucken«, sagte der Mann. »Die Klemme an deiner Lippe hat zwei Löcher, eines auf jeder Seite. Ich werde jetzt die Nadel hindurchstechen, an der ein Stecker sitzt. Dann entferne ich die Klemme und ziehe die Nadel raus. Der Stecker bleibt drin.« Kieron spürte einen scharfen Stich und einen Zug an seiner Lippe, als die Nadel hindurchstieß. Dann merkte er, wie der Mann die Klemme abnahm. Er machte sich auf weitere Schmerzen gefasst, als die Nadel herausgezogen wurde, doch er spürte kaum etwas davon. Vielleicht war auf dem Tuch eine Art Betäubungsmittel gewesen, das jetzt wirkte. Als der Mann sich zurücklehnte und sein Werk betrachtete, machte sich ein dumpfer Schmerz bemerkbar.

»Perfekt. Alles klar? Du wirst mir doch nicht ohnmächtig, oder?«

Kieron schüttelte den Kopf. Er glaubte, Blut zu schmecken, doch er war sich nicht sicher.

»Bereit für das nächste?«

Er nickte. Wieder wurde die Klemme an seiner Lippe platziert, doch dieses Mal spürte er gar nicht, wie die Nadel eindrang, geschweige denn, wie sie wieder herausgezogen wurde. Als der Mann die Klemme auf die Ablage legte, berührte Kieron die Stecker mit der Zunge – erst den linken, dann den rechten. Beim Kontakt mit dem kalten Metall spürte er einen kleinen Schock wie von einem winzigen elektrischen Schlag. Vorsichtig bewegte er die Lippen und wackelte mit dem Kiefer. Die Stecker saßen so, dass sie nicht gegen die Zähne schlugen, wenn er die Unterlippe nicht absichtlich daran rieb.

»Fertig. In der nächsten halben Stunde nichts essen oder trinken. Komm in zwei Wochen wieder, dann ersetzen wir die Stecker durch Ringe. Alles im Preis inbegriffen. Dabei fällt mir ein – bezahlst du bitte auf dem Weg hinaus bei der reizenden Maria? Das macht dreißig Pfund.« Er stand auf und ging an Kieron vorbei zu einem kleinen Waschbecken.

Kieron war ein wenig schwindelig. Er stemmte sich hoch und ging zu Maria, die bereits erwartungsvoll die Hand ausstreckte. Das Geld, das er aus seiner Hosentasche fischte, hatte er sich mühsam von seinem Taschengeld zusammengespart. Es war eine Menge, aber dieses Piercing hatte er sich schon seit Ewigkeiten gewünscht.

Draußen war es kühler und er spürte die Schweißtropfen auf seiner Stirn.

»Wie findest du’s?«, fragte er Sam.

Sein Freund runzelte die Stirn. »Äh, was?«

»Verarsch mich nicht. Du weißt es genau.«

Sam grinste. »Klar. Sieht super aus. Besser, als ich erwartet habe. Fragt sich nur, was deine Mutter dazu sagt!«

»Die Frage ist eher, wie lange es dauert, bis es ihr überhaupt auffällt.« Kieron wusste, dass er mürrisch klang.

»Schiebt sie immer noch Überstunden?«, fragte Sam.

»Jede Schicht, die sie kriegen kann. Und das Geld, das sie mit den Überstunden verdient, investiert sie in Geschenke für mich, weil sie wegen der Überstunden ein schlechtes Gewissen hat. Wie nennt man das – ein Teufelskreis? Genau darin hängen wir fest.«

Sam nickte und betrachtete noch einmal Kierons Piercings. »Meine Schwester hat mir mal von einem Kerl erzählt, der bei ihr in der Notaufnahme aufgekreuzt ist. Er hatte auch so ein Piercing, nur dass er schon die Ringe drinhatte. Eines Abends ist er beim Essen wohl mit der Gabel drin stecken geblieben. In seiner Panik, sie wieder rauszukriegen, hat er sich die Lippe aufgerissen. Eklig.«

Beim Gedanken an Sams Schwester Courtney wurde Kieron rot. Weil er nicht wollte, dass Sam es bemerkte, versuchte er, das Thema zu wechseln. »Du bist ja nur neidisch. Schauergeschichten werden mich auch nicht abschrecken.«

»He, wenn du deinen Körper schänden willst, nur zu.«

»Zumindest schände ich meinen Körper nur äußerlich«, entgegnete Kieron gereizt. »Ich weiß, wie viele koffeinhaltige Energydrinks du im Lauf des Tages so in dich reinschüttest. Wahrscheinlich plant deine Leber gerade, den Abgang zu machen.«

Sam runzelte die Stirn. »Den Film hab ich schon mal gesehen. Oder habe ich das nur geträumt?«

Mit einem Blick über das Geländer der Galerie meinte Kieron: »Schau mal, da unten! Da haben wir vor einer Woche gesessen, als wir mitbekommen haben, wie Bradley Marshall entführt wurde.«

Sam nickte. »Stell dir vor, wenn wir an einem anderen Tisch gesessen hätten oder irgendwo anders hingegangen wären oder früher gegangen – dann wären wir nie in diese Sache hineingeraten.«

Diese Sache. Das sagte sich so leicht, aber wenn Kieron daran dachte, was in der letzten Woche alles passiert war, schwirrte ihm jetzt noch der Kopf. Noch vor einer Woche war er ein frustrierter Teenager gewesen, der die Welt an sich vorüberziehen sah und dachte, wie langweilig und fad doch alles war. Jetzt konnte er von sich behaupten, einer MI6-Agentin dabei geholfen zu haben, eine gestohlene Nuklearbombe wiederzubeschaffen und zu verhindern, dass andere im Nahen und Mittleren Osten gezündet wurden. Na ja, genau genommen konnte er gar nichts davon behaupten, denn fragliche Agentin, Rebecca Wilson – oder Bex, wie sie gern genannt wurde –, hatte ihn Geheimhaltung schwören lassen. Nur mit Sam, der das Abenteuer gemeinsam mit ihm bestanden hatte, konnte er darüber reden. »Dabei fällt mir ein«, sagte er, »Bex kommt heute in Newcastle an. Wir müssen uns mit ihr treffen.«

»Ich kann es immer noch nicht glauben, dass man von Mumbai nach Newcastle fliegen kann. Ich kann mir ja kaum vorstellen, dass man von irgendwoher nach Newcastle fliegen kann.«

»Genau genommen musste sie erst von Mumbai nach Delhi fliegen, dann nach Dubai und von da aus hierher. Sie sagt, sie will ihre Spuren verwischen, falls sie jemand suchen sollte. Hey, es gibt eine Menge Flüge nach Newcastle. Wenn du willst, kannst du von hier aus sogar nach Lappland fliegen.«

»Na, großartig. Das wäre doch was für Weihnachten. Meine Mutter hat immer noch das merkwürdige Bedürfnis, mit mir zusammen den Weihnachtsmann in einem der großen Kaufhäuser zu besuchen. Ich werde sie fragen, ob wir stattdessen nicht nach Lappland fliegen können.« Sam runzelte die Stirn. »He, hast du dir die Piercings etwa machen lassen, um Bex zu beeindrucken? Das wäre echt schräg, weil du sie ja noch nie wirklich getroffen hast. Und wenn ich mich recht erinnere, gesehen hast du sie auch noch nie.«

»Stimmt schon, aber mit der Ausrüstung, die wir gefunden haben, als Bradley entführt wurde, habe ich so ziemlich dasselbe gesehen wie sie – zumindest wenn sie ihre AR-Brille aufhatte. Ich habe mir sozusagen den Kopf mit ihr geteilt«, verteidigte sich Kieron.

»Das ist echt schräg«, fand Sam.

»Das war ganz harmlos«, protestierte Kieron. »Und nein, ich habe mich nicht piercen lassen, um sie zu beeindrucken. Das brauche ich gar nicht. Für mich ist sie eher wie eine große Schwester.«

»Das ist ja noch schräger«, erklärte Sam und verzog das Gesicht. »Ich musste mir mit Courtney das Zimmer teilen, als sie noch zu Hause gewohnt hat. Da habe ich unaussprechliche Dinge gesehen. Nie wieder.«

»Flashbacks wie aus dem Vietnamkrieg?«

»Posttraumatische Belastungsstörung«, erwiderte Sam.

»Bex wird Bradley so bald wie möglich sehen wollen«, meinte Kieron. »Ist deine Schwester zu Hause oder arbeitet sie? Sonst könnte es etwas peinlich werden.«

Sam schwieg einen Moment. Wahrscheinlich lief bei ihm – genau wie bei Kieron – im Geist die Szene ab, wie Bex’ Partner Bradley in der Wohnung seiner Schwester umgekippt und mit dem Gesicht hart auf dem Teppich gelandet war. Er hatte sich zwar schnell erholt, doch da hatten sie bereits einen Krankenwagen gerufen gehabt. Trotz seines Protests hatten sie ihn zur örtlichen Notaufnahme gebracht und ihn dort unter falschem Namen angemeldet, damit man ihn nicht identifizieren oder seine Spur später zurückverfolgen konnte. Nach einer Röntgenaufnahme seines Schädels, einem Gehirn-EEG und einem Herz-EKG hatten die Ärzte erklärt, dass sie nicht wüssten, was passiert war.

»Wahrscheinlich eine transitorische ischämische Attacke«, hatte einer von ihnen mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes behauptet, der alle Indizien abgewägt und eine schwierige Schlussfolgerung gezogen hat. Kieron hatte während der Ansprache des Arztes die AR-Brille eingeschaltet und im Netz die Info gefunden, dass eine transitorische ischämische Attacke nur abgehobenes Fachchinesisch für eine kurzzeitige mangelnde Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff war. Der Arzt beschrieb in etwa das, was passiert war, nur mit längeren, unverständlichen Wörtern. Kieron wollte schon auf einem vollständigen Schädel-CT bestehen, doch da hatte Bradley beschlossen, einfach rauszumarschieren – beziehungsweise davonzuwanken, da er Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht hatte. Kieron und Sam war nichts anderes übrig geblieben, als ihm zu folgen und dafür zu sorgen, dass er nicht vor einen Bus lief oder so.

»Courtney hat eine Zwölfstunden-Schicht«, erklärte Sam schließlich. »Wir haben die Wohnung also für uns.«

»Gut. Courtney kümmert sich zwar um Bradley, aber sie hat immer noch keine Ahnung, womit er eigentlich seinen Lebensunterhalt verdient.« Fasziniert von dem Gefühl des Fremdkörpers in seinem Mund betastete Kieron erneut mit der Zunge den rechten Stecker. Er fühlte sich riesig an – wie eine Erbse –, doch der Eindruck täuschte. Er wusste, das lag nur an der Empfindlichkeit der Zungenspitze.

»Wann landet Bex’ Flug denn?«, fragte Sam.

»Gegen fünf.« Kieron sah auf die Uhr. »Wir sollten uns auf den Weg machen.«

Sam grinste ihn an. »Was glaubst du, wie Bex die Piercings findet?«

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich sie nicht damit beeindrucken will«, erwiderte Kieron schnell.

»Sicher?«

»Ich habe sie machen lassen, weil ich es wollte! Echt jetzt!«

Aber im Grunde machte dieses Treffen Kieron nervöser, als er zugeben wollte. Sie hatten zusammen so viel in so kurzer Zeit erlebt, und das auf so intensive Art und Weise. Aber er hatte dabei nie ihr Gesicht gesehen und in vielerlei Hinsicht waren sie einander völlig fremd.

»Zuerst ein Eis-Shake, um der alten Zeiten willen?«, fragte Sam und boxte ihm gegen den Oberarm.

Kieron grinste. »Warum nicht?«

Sie holten sich ihre Shakes und verließen das Einkaufszentrum in Richtung Busbahnhof. Der Bus von Newcastle zum Flughafen brauchte eine knappe halbe Stunde.

Ein paar der anderen Fahrgäste musterten sie misstrauisch. Offenbar boten sie einen ungewöhnlichen Anblick: zwei Jungen, ein schlaksiger mit Gesichtspiercings, der andere etwas kleiner, aber genauso mager. Beide mit an den Knien zerrissenen schwarzen Jeans und weiten schwarzen Hoodies, einer mit schwarz gefärbten Haaren, die ihm ins Gesicht hingen, der andere mit genauso langen blau gefärbten Haaren. Und beide tranken ihre Shakes durch gestreifte Strohhalme. Auf jeden Fall sahen sie nicht aus wie die typischen Flugreisenden. Sie sahen aus wie das, was sie waren – Greebs –, auch wenn sie fast jeder, der sie sah, als Emos bezeichnet hätte, ohne zu ahnen, dass zwischen den beiden Richtungen gigantische Unterschiede bestanden.

»Schau mal, wie sie uns anstarren«, bemerkte Sam leise. »Alle gleich angezogen in ihren Anzügen und Krawatten und glänzenden Lederschuhen, mit teuren Rucksäcken, die noch nie einen Berg oder einen Wald gesehen haben. Als würden sie Uniformen tragen.«

»Ja«, sagte Kieron nur, amüsiert, dass Sam die Ironie nicht bemerkte. »Zum Glück sind wir ganz individuell angezogen.« Dabei dachte er bei sich, dass sie selbst Wald bislang hauptsächlich vom Busfenster aus gesehen hatten und richtige Berge meist nur im Fernsehen. Aber das sagte er nicht laut.

Am Flughafen von Newcastle folgten sie den Wegweisern zur Ankunftshalle. Kieron bemerkte, dass die Security-Leute sie eine Zeit lang musterten. Auch Sam war es aufgefallen.

»Als ob sich Terroristen so anziehen würden wie wir«, meinte er abfällig. »Wie bescheuert!«

»Die glauben wahrscheinlich eher, dass wir Drogen schmuggeln«, meinte Kieron, »oder jemanden treffen, der es tut.«

»Das ist ja wie bei den Profilern! Man kann doch nicht jemanden nur wegen seiner Kleidung verdächtigen. Ich bin entsetzt! Was ist mit meinen Menschenrechten?«

»Ja«, meinte Kieron. »Frag sie doch.« Er hielt inne und fügte dann hinzu: »Du hast nicht zufällig eine dieser Koffeinbomben an Energydrink bei dir? Nur für den Fall, dass sie dich filzen.«

»Sehr witzig. Nein.«

Vor einer Säule, an der ein Bildschirm angebracht war, blieben sie stehen und studierten die ankommenden Flüge. Der nächste Flug aus Dubai sollte pünktlich in einer halben Stunde landen. Sie ignorierten die Security-Leute, die sie von Weitem im Auge behielten, und ließen sich auf die Sitze im Ankunftsbereich fallen, um zu warten. Drüben auf der gegenüberliegenden Seite kamen die Passagiere – aus den verschiedensten Fliegern von weit entfernten Orten – aus einem Durchgang und wurden durch einen abgetrennten Bereich geleitet, bevor sie auf ihre aufgeregten Verwandten oder die uniformierten Chauffeure trafen, die auf sie warteten. Einige der Verwandten trugen Luftballons und kleine Flaggen, die Chauffeure hielten Schilder hoch, auf die sie mit Markern die Namen ihrer Fahrgäste geschrieben hatten. Die ankommenden Fluggäste mussten zuvor noch den wie eine Art kapitalistischer Hindernislauf angelegten Duty-free-Bereich überwinden, in dem Alkohol, Parfums und Zigaretten in Großpackungen angeboten wurden.

»Wer hat bloß diese Sitze entworfen?«, fragte sich Sam, der sich vergeblich bemühte, eine bequeme Stellung zu finden. »Man kann sich nicht hinlegen, weil einen die Armlehnen stören. Da wäre ich ja im TED-Unterricht in der Schule besser dran gewesen.«

»Ich glaube, genau das ist der Grund«, erwiderte Kieron. »Die wollen hier keine Leute, die schnarchend herumliegen und sabbern. Das wirkt so ungepflegt.«

»Aber hier will man doch genau das tun! Was soll man denn sonst machen, wenn man zwischen Ankunft und Weiterflug vier Stunden Zeit hat? Aufrecht sitzen, die Arme verschränken und geradeaus starren?«

Kieron sah sich um. »Ich glaube eher, dass man zum Zeitvertreib in den Läden teure Sachen kaufen soll.«

Etwa fünf Minuten, bevor Bex’ Flieger landen sollte, nahm Kieron die AR-Brille aus der Tasche und setzte sie auf. Sie sah wie eine gewöhnliche optische Brille aus. Doch die Gläser waren nicht nur ungeschliffen, sondern sie dienten auch als kleine Computerbildschirme, auf denen Informationen angezeigt wurden und die das übertrugen, was die Brille eines anderen, mit ihm verbundenen Trägers aufnahm. In diesem Fall war es Bex. Während des Fluges würde sie sie zwar nicht tragen, denn schließlich gab es Regeln für die Benutzung von elektronischen Geräten. Aber er vermutete, dass sie sie nach der Landung sofort aufsetzen würde. Und er behielt recht. Sieben Minuten später ertönte ein leises Klingeln in seinem Ohr und die Brille erwachte zum Leben. Vor seinen Augen erschien ein rechteckiger Bildschirm, so durchsichtig, dass er noch die Ankunftshalle sehen konnte. Er zeigte die Rücklehne eines Flugzeugsitzes mit einem eingebauten Bildschirm, auf dem eine grobe Weltkarte mit der Silhouette eines Flugzeugs direkt über Newcastle flimmerte. Durch den Maßstab der Karte sah es aus, als bedecke das Flugzeug fast ganz England.

In Kierons Headset erklang ein statisches Rauschen, gefolgt von einer Frauenstimme: »… soeben in Newcastle International Airport gelandet. Die Temperatur beträgt sieben Grad und die Regenwahrscheinlichkeit ist hoch.«

Das beschrieb Newcastle eigentlich ganz gut, fand Kieron.

»Wir bitten Sie, angeschnallt zu bleiben, bis die Anschnallzeichen erloschen sind. Vielen Dank, dass Sie mit uns geflogen sind, und wir hoffen, Sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen.«

»Nicht wenn ich es verhindern kann«, knurrte Bex leise.

»Schlechter Flug?«, fragte Kieron.

»Enge Sitze, geschmackloses Essen, schreiende Babys. Aber ich habe mich nett mit meiner Sitznachbarin unterhalten. Kieron?«, fragte Bex dann. »Bist du am Flughafen?«

»Ist das Bex?«, fragte Sam. »Ist sie da? Grüß sie von mir.«

»Sam lässt Sie grüßen«, richtete Kieron aus. »Ja, ich bin hier. Wir sind beide hier in der Ankunftshalle.«

»Super. Ich bin in ein paar Minuten draußen, vorausgesetzt, es gibt keine Schlange an der Passkontrolle.« Sie zögerte. »Wie geht es euch? Habt ihr euch erholt, von dem, was … an dem Ort passiert ist, wo ihr … diese Sache gemacht habt?«

Sie drückte sich vage aus, für den Fall, dass jemand mithörte, doch Kieron wusste, was sie meinte. Sie wollte wissen, ob er sich davon erholt hatte, dass er einen Stützpunkt von Neofaschisten in Brand gesteckt und einen von ihnen mit einem Stromstoß getötet hatte, bevor der ihn erschießen konnte. Das waren der Ort und die Sache, von der sie sprach.

»Ja«, antwortete er, und das war tatsächlich die Wahrheit. Er redete sich nicht ein, das alles sei nur ein böser Traum gewesen oder so. Er wusste, was passiert war, und er wusste, was er getan hatte, und er war stolz darauf. Die Erinnerung hatte kein mentales Trauma hinterlassen, soweit er das feststellen konnte. »Ja, es geht mir gut. Im Moment sogar richtig gut.«

»Und Sam?«

Sam war ebenfalls dort gewesen – er war kurzzeitig von den Faschisten-Kerlen von Blut und Boden gefangen genommen worden. »Ihm geht es auch gut. Er ist nur ein bisschen schlecht gelaunt.«

In seinem Kopfhörer vernahm Kieron die Stimme der Stewardess: »Meine Damen und Herren, Sie können jetzt …« Der Rest ihrer Worte ging in dem Lärm unter, als mehrere Hundert Menschen gleichzeitig aufstanden und die Gepäckfächer öffneten.

»… Bradley?«, hörte Kieron Bex fragen.

»Sorry, ich habe Sie nicht gehört.«

Etwas lauter, um den Lärm in der Kabine zu übertönen, wiederholte sie: »Ich habe gefragt, wie es Bradley geht.«

»Ganz gut.«

»Ganz gut?« Ihre Stimme hörte sich besorgt an.

»Kopfschmerzen, und er sieht etwas verschwommen. Oh, und natürlich die Blackouts.«

»Ich muss ihn sofort sehen.« Bex war jetzt aufgestanden und drängte sich an den anderen Passagieren vorbei, um aus dem Flugzeug zu kommen.

»Das haben wir uns schon gedacht. Wir brauchen fünfundzwanzig Minuten mit der U-Bahn in die Stadt zurück und dann fünfundvierzig mit dem Bus bis zu Sams Schwester. Wir konnten nicht den Landrover nehmen«, fügte er entschuldigend hinzu. »Wenn man Sam damit erwischt, kriegen wir einen Haufen Ärger.«

»Ich werde weder die Bahn noch den Bus nehmen«, erklärte Bex entschlossen, während sie aus dem Flugzeug in die Gangway zum Terminal trat. »Ich miete einen Wagen. Irgendetwas Unauffälliges.«

»Oh«, machte Kieron. Daran hatte er nicht gedacht. »Vielleicht hätten wir lieber keine Hin- und Rückfahrtickets kaufen sollen …«

Er ging mit Sam zu der Absperrung, an der die ankommenden Passagiere in Empfang genommen wurden. Ab und zu hörten sie begeisterte Rufe, wenn sich Menschen trafen, die sich lange nicht gesehen hatten. Ein junger Mann fiel ihm besonders auf, weil er ganz aufgeregt von einem Fuß auf den anderen hüpfte und erwartungsvoll die Gesichter aller musterte, die herauskamen. Dann trat ein asiatisches Mädchen aus dem Durchgang, sie sah den jungen Mann an, und die Zuneigung in ihren Gesichtern, als sie aufeinander zurannten, machte Kieron traurig. Würde wohl je jemand so für ihn empfinden?

»Glaubst du, sie könnte uns etwas aus dem Duty-free-Shop mitbringen?«, fragte Sam.

»Was?«

»Bex. Sie muss doch an den ganzen Schnapsflaschen vorbei. Kannst du sie fragen, ob sie uns eine Flasche Amaretto mitbringt? Wir haben doch bestimmt eine Belohnung verdient, weil wir die Welt gerettet haben, oder?«

Kieron schüttelte ungläubig den Kopf. »Von allen Dingen, die du dir wünschen könntest, willst du Amaretto?«

»Ja, warum nicht? Der schmeckt nach Marzipan. Ich mag Marzipan.«

»Ich werde sie auf keinen Fall bitten, uns Alkohol zu kaufen, aber wenn ich es tun würde, dann wäre es etwas Stilvolleres als Amaretto.« Er fragte sich, was ein freiberuflicher Agent, der für den MI6 arbeitete, wohl trinken würde. »Vielleicht einen zehn Jahre alten Single-Malt-Whisky.«

»Du könntest einen guten Whiskey doch nicht mal von dem billigen Fusel von der Tankstelle unterscheiden«, schnaubte Sam verächtlich.

Das durchscheinende Bild in Kierons AR-Brille zeigte ihm, dass Bex sich dem Durchgang von der anderen Seite her näherte, und er ging zum Ende der Absperrung, damit sie ihn sehen konnte, sobald sie in die Ankunftshalle kam. Er hatte ihr Spiegelbild schon ein paarmal in Spiegeln und Fenstern gesehen, daher würde er sie wohl erkennen.

Einige Sekunden kam es ihm vor, als würde er seltsam doppelt sehen, und er war völlig verwirrt – er sah die Gesichter der Leute, die auf ihn zukamen, müde vom Flug, aber froh, endlich gelandet zu sein, und gleichzeitig sah er in der AR-Brille ihre Hinterköpfe. Er musste sich konzentrieren, um zu erkennen, was er sah und aus welcher Perspektive. Dann wichen die Leute nach rechts und links zurück, und es entstand eine Lücke, durch die er eine junge Frau ansah, die ihn ebenfalls ansah. Er sah sich mit ihren Augen. Oder besser gesagt mit ihrer Brille.

Was er sah, erschreckte ihn – ein magerer Teenager mit Akne auf den Wangen und der Nase und mit schwarzen Haaren, deren Strähnen ihm über die Augen fielen. Hingen seine Kleider tatsächlich so an ihm herunter? Waren seine Stiefel wirklich so klobig?

Er riss sich zusammen und starrte durch das Bild das Mädchen vor ihm an. Sie war genauso groß wie er und hatte ihr braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre Augen waren auffallend grün und auf der Nase hatte sie ein paar Sommersprossen. Über die Schulter hatte sie lässig einen Rucksack geschwungen und sie zog einen kleinen Hartschalenkoffer hinter sich her. Vor ihm blieb sie stehen und um ihre Mundwinkel zuckte ein kleines Lächeln.

Kieron wollte etwas Bedeutendes, Wichtiges sagen, aber es fiel ihm einfach nichts ein. »Hi«, war einfach nicht genug. Stattdessen kramte er in der Erinnerung an ein paar fast vergessenen Literaturstunden und sagte: »Also seh ich hier die stolze Titania bei Mondlicht mir begegnen!«

Was? Er konnte nicht fassen, was er da gerade von sich gegeben hatte. Zu seinem Entsetzen sah er, wie Bex ihm einen ungläubigen Blick zuwarf. Was hatte er nur getan? Doch dann verwandelte sich ihr Unglaube in ein breites Grinsen, und sie antwortete: »Wie? Oberon, der eifersücht’ge hier? Ihr Elfen, fort!« Da er ihre Stimme bislang nur durch den Kopfhörer – begleitet von statischem Rauschen – gehört hatte, überraschte es ihn, wie voll und tief sie klang.

Kieron holte tief Luft. Er hatte es nicht vermasselt.

Sam stand stirnrunzelnd neben ihnen. »Soll das eine Art Geheimsprache sein?«

»Wir brechen nur das Eis«, erklärte Bex, nahm die Brille ab und den Kopfhörer aus dem Ohr.

Kieron hielt ihr ungelenk die Hand hin. Er wusste nicht recht, ob sie ein Händeschütteln erwartete. Doch stattdessen trat sie abrupt vor, ließ den Rucksackriemen und den Koffergriff los und umarmte ihn kurz. Warm und weich presste sich ihre Wange an die seine.

»Ich habe das Gefühl, dich zu kennen, und dann doch wieder nicht«, meinte sie, als sie zurücktrat.

»Ja, diese Fernbeziehungen …«, erwiderte Kieron. Über ihre Schulter hinweg sah er, dass sich der englische Junge und das asiatische Mädchen immer noch umarmten. »He«, meinte er und versuchte, möglichst lässig zu klingen, »haben Sie Hunger? Wollen Sie sich etwas zu essen holen?«

»Wenn ich einen Kaffee bekomme und vielleicht ein Croissant zum Mitnehmen, dann reicht mir das schon«, antwortete Bex. Sie sah Sam an, trat auf ihn zu und umarmte ihn ebenfalls kurz. »Du musst Sam sein. Vielen Dank für eure Hilfe und die Risiken, die ihr auf euch genommen habt.«

Sam zuckte mit den Achseln und sah zu Boden. »He, kein Problem.«

»Ich nehme Ihren Koffer«, bot Kieron ihr an, packte den Griff und zog ihn zu einem Kaffeestand. Ein paar Minuten später hatte Bex ihren Kaffee und ihr Croissant und sie gingen weiter zu den Autovermietungsschaltern. Es gab vier davon, alle von verschiedenen Gesellschaften, alle nebeneinander. Kieron fragte sich, warum es so viele sein mussten. Bestimmt boten sie ihre Autos alle zum gleichen Preis an – sonst wären die teureren doch pleitegegangen.

Als sie fertig war, ging Bex ihnen zum Parkhaus voraus. Kieron lief neben ihr her und fragte leise: »Falsche Papiere?«

Instinktiv sah Bex sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand nah genug war, um sie belauschen zu können, dann nickte sie. »Ich habe mehrere Identitäten. Die hier kennen meine Arbeitgeber bei SIS-TERR nicht. Ich will sie nicht unbedingt mit der Nase darauf stoßen, dass ich wieder im Lande bin. Jedenfalls nicht, bevor ich weiß, was hier los ist.«

Was hier los ist. Das war eine recht neutrale Beschreibung für die Tatsache, dass jemand im Secret-Intelligence-Service-Terrorist-Technology-Enhanced-Remote-Reinforcement-Team ein Verräter war, der mit der rechtsextremen Gruppe Blut und Boden gemeinsame Sache machte. Bex wollte offensichtlich eine Möglichkeit finden, diesen Verräter ausfindig zu machen, bevor sie SIS-TERR über ihre Rückkehr informierte. Soweit Kieron wusste, arbeitete sie momentan als freiberufliche Agentin, zusammen mit ihrem Partner Bradley Marshall. Sie waren sicherheitsdienstlich überprüft und gut ausgebildet. Offiziell gehörten sie zwar nicht zum MI6, konnten aber bei Bedarf Aufträge für den Geheimdienst übernehmen und dann praktischerweise verschwinden. Soweit Kieron es beurteilen konnte, war das eine günstige und effiziente Methode, in einer Welt zu agieren, die immer gespaltener und gefährlicher wurde.

Im Parkhaus gingen sie in den Bereich für die Mietwagen, die alle wie frisch gewaschen glänzten – wahrscheinlich waren sie es auch. Neidisch betrachtete Kieron die schlanken schwarzen Limousinen, an denen sie vorbeikamen, doch Bex blieb vor einem weißen Kia stehen.

»O nein«, rief Sam. »Kein Aston Martin! Agenten in einem vernünftigen Mittelklassewagen.«

»Steig einfach ein«, knurrte Kieron.

Als sie drinnen saßen, sagte Bex: »Okay, ihr wisst, dass ich noch nie in Newcastle war – wer von euch lotst mich?«

»Ich!«, erwiderten Kieron und Sam gleichzeitig.

Bex seufzte. »So läuft das? Kein Streit, Kinder, sagt mir einfach, wo wir hinfahren.«

»Zur Wohnung meiner Schwester«, erklärte Sam vom Rücksitz aus. »Da haben wir Bradley untergebracht.«

»Ist deine Schwester zu Hause?«

»Nein, sie arbeitet.« Er hielt kurz inne. »Sie weiß nicht, was Bradley wirklich macht. Sie glaubt, er arbeitet in der IT-Branche. Wir haben ihr erzählt, dass er Prügel gekriegt hat, als er einem Mädchen helfen wollte, das in einem Park angegriffen wurde.«

»Das ist gut. So was würde er auch wirklich tun.« Bex ließ den Wagen an und überprüfte kurz die Armaturen. »Sagtest du nicht, sie ist eine Krankenschwester?«

»Das stimmt«, antwortete Kieron. »Sie kümmert sich um Bradley und sorgt dafür, dass er keine bleibenden Schäden von dem Überfall und den … den Schlägen davonträgt.«

Er beobachtete Bex’ Gesicht bei seinen Worten. Es zeigte keine Regung, die er hätte benennen können, kein Zucken oder Stirnrunzeln. Vielleicht lag es am veränderten Lichteinfall im Auto, aber wer auch immer für die Verletzungen ihres Freundes verantwortlich war, sollte sich in Acht nehmen. Sie würde diejenigen jagen und sie würde bestimmt nicht nett zu ihnen sein.

Davon abgesehen hatte Kieron schon einen von ihnen mit einem Stromstoß ins Jenseits befördert, was ihm sicher ein paar Pluspunkte bei ihr einbrachte. Zufrieden lächelte er.

»Ich weiß zu schätzen, was deine Schwester für Bradley getan hat, aber ich muss ihn so schnell wie möglich dort wegholen«, erklärte Bex. »Als ich in Delhi und Dubai auf meine Anschlussflüge gewartet habe, habe ich ein wenig im Internet herumgesucht. Ich habe uns eine Wohnung in der Innenstadt gemietet. Die werden wir fürs Erste als Basis nutzen.« Sie warf Kieron einen Seitenblick zu. »Und mit uns meine ich Bradley und mich. Wir danken euch für das, was ihr für uns getan habt, aber ich kann euch so einem Risiko nicht länger aussetzen.«

Kieron sah sie enttäuscht an. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde. »Dürfen wir euch besuchen?«, fragte er.

Sie lächelte sanft. »Ja, das könnt ihr. Aber keine Partys, ja? Ich weiß doch, wie ihr Kids drauf seid.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit darauf zurück, das Auto aus der Parklücke und aus dem Parkhaus zu manövrieren, und fügte leise hinzu: »Es ist schließlich noch nicht so lange her, dass ich selbst ein Teenager war, obwohl es mir manchmal wie Jahrzehnte vorkommt.«

Gemeinsam lotsten Kieron und Sam Bex vom Flughafen zu dem Ende der Stadt, wo Courtney wohnte. Bex war eine gute Fahrerin – nicht zu rasant, sehr aufmerksam und in der Lage, Lücken und den wechselnden Verkehrsfluss zu ihrem Vorteil zu nutzen. Häufig sah sie in Rück- und Außenspiegel. Kieron war sich nicht sicher, ob sie das tat, weil sie eine vorsichtige Fahrerin war, oder ob sie wissen wollte, ob ihnen jemand folgte. Vielleicht ein wenig von beidem. Er vermutete, dass die Dinge, die man als Agent lernte, nach einer Weile zu einer festen Gewohnheit wurden. In ihrem Leben ging es ständig darum, nach Dingen Ausschau zu halten, die ungewöhnlich waren – Warnzeichen dafür, dass ihre Welt ganz plötzlich aus den Fugen geriet.

Es war ein wenig so, wie ein Greeb oder Emo zu sein in einer Stadt, in der man Menschen, die sich anders kleideten und benahmen als normal, nicht mochte, dachte Kieron trübsinnig. Sowohl er als auch Sam waren es gewohnt, ständig darauf zu achten, ob irgendwelche Teenager in ihrer Nähe plötzlich auf sie losgehen wollten, sie beschimpfen oder die Straße entlangjagen oder Streit mit ihnen anfangen wollten.

Schließlich parkte Bex an der Straße ein paar Hundert Meter von Courtneys Wohnung entfernt.

»Na, dann kommt«, forderte sie die Jungen auf und holte tief Luft. »Sehen wir mal, wie es ihm geht.«

Sam führte sie ins Haus und die Treppen zu der Wohnung seiner Schwester hinauf. Er nahm einen Schlüsselbund aus seiner Tasche und suchte den richtigen Schlüssel. Ungläubig starrte Kieron ihn an.

»Nur so aus Interesse«, fragte er, »an wie vielen Orten wohnst du eigentlich?«

Sam warf ihm einen finsteren Blick zu. »Nur zu Hause und hier.«

»Und wofür ist der Rest der Schlüssel?«

»Das … das sind nur so ein paar, die ich aufgegabelt habe. Nur keine Vorurteile.«

Endlich hatte er den richtigen Schlüssel gefunden, schloss auf und trat ein. Kieron und Bex folgten ihm.

»Bradley?«, rief er. »Ich bin es, Sam. Kieron und Bex sind bei mir.«

Keine Antwort.

»Bradley? Sind Sie hier?«

Immer noch nichts.

»Vielleicht ist er rausgegangen«, sagte Kieron vorsichtig.

Sam ging den kurzen Flur entlang und stieß die Tür zum Wohnzimmer auf. Kieron und Bex folgten ihm.

Die Abendsonne fiel durch die großen Fenster auf Bradleys Körper, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Holzfußboden lag.

Kapitel 2

Mit einem leisen Aufschrei drängte sich Bex an Sam und Kieron vorbei, kniete sich neben Bradley und fühlte an seinem Hals nach einem Puls. Sie spürte das Pulsieren des Blutes in der Halsschlagader unter ihren Fingern, doch es war langsam und schwach. Flatternd nannten sie das in den Arztserien im Fernsehen. Auch der Atem ging flach.

»Er lebt«, stellte sie fest. »Helft mir, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen.«

Kieron und Sam liefen zu ihr, packten Bradley an den Armen und legten ihn auf die Seite. Bex hob seine Augenlider an. Die Pupillen waren nicht erweitert und reagierten normal auf das Licht. Ein Teil von ihr – der professionelle Teil – war erleichtert, dass er nicht verletzt zu sein schien: Es war kein Blut zu sehen und auch keine blauen Flecken. Sie sah auf den Boden. Auch dort waren keine Blutspuren. Vielleicht war er einfach nur ohnmächtig geworden. Ein anderer Teil von ihr – der Teil, der ihre Freunde und ihre Familie liebte und nicht wollte, dass ihnen etwas passierte – war in Panik.

Die beiden Jungen hielten sich zurück und wussten nicht so recht, was sie tun sollten.

»Was ist denn mit ihm los?«, fragte Kieron nervös.

»Ich weiß nicht. Du hast gesagt, er sei schon mal ohnmächtig geworden? Vielleicht ist es einfach noch mal passiert. Nicht, dass das ein gutes Zeichen ist, aber als wir reingekommen sind, habe ich befürchtet, dass er überfallen worden ist oder gestürzt und dass er sich den Schädel eingeschlagen hat.« Sie sah sich in dem kleinen, ordentlichen Wohnzimmer um. Es gab ein Sofa und zwei Sessel, Beistelltischchen, einen großen Flachbildfernseher an der Wand und ein Bücherregal. Auf einem der Tische stand eine leere Tasse. »Vielleicht ist er aufgestanden, um sich einen Tee zu machen. Dann wurde ihm schwindelig, und er ist ohnmächtig geworden, bevor er sich wieder hinsetzen konnte.«

»Sollen wir einen Krankenwagen rufen?«, fragte Sam.

»Auf keinen Fall.« Sie kauerte sich neben Bradley und beugte sich zu seinem Ohr. »Bradley? Kannst du mich hören? Ich bin es, Bex.«

Seine Augenlider flatterten, und seine Lippen bewegten sich und formten Worte, die Bex nicht verstehen konnte.

Sie legte ihm die Hand auf die Stirn und fühlte seine Temperatur. Doch Fieber schien er nicht zu haben.

Schließlich schlug er die Augen ganz auf, rollte sich auf den Rücken und sah sie an. »Bex? Du bist hier?«

»Wo soll ich denn sonst sein?« Sie wuschelte ihm durch die Haare. »Ehrlich – dich kann man auch nicht ein Mal allein lassen, ohne dass du gleich in Schwierigkeiten gerätst.«

»Und du?«, fragte er und richtete sich ein wenig weiter auf. »Atomwaffen? Schießereien in Pakistan?«

Sie verzog das Gesicht. »Ja, das stand eigentlich nicht auf dem Reiseplan.« Sie reichte ihm ein Glas Wasser, das Sam aus der Küche geholt hatte. Sein Gesicht hatte wieder mehr Farbe, und er schien wieder zu Kräften zu kommen, doch sie glaubte, seine Hände leicht zittern zu sehen. Sie wandte sich zu Sam und Kieron, die sie von der Küchentür aus beobachteten. »Jungs, könnt ihr uns einen Augenblick allein lassen? Wir müssen uns unterhalten, und zwar unter vier Augen.«

Kieron nickte und schob Sam in die Küche. Ein paar Sekunden später hörte Bex das Radio. Es schien ein Mainstream-Rocksender zu sein, der offenbar Chris Reas »Road to Hell, Part 2« spielte. Noch bevor das Intro vorbei war, hörte sie Sam sagen: »O Mann, das ist doch was für alte Leute. Gibt es denn keinen Screamo- oder Dark-Wave-Sender?«

»Doch, schon«, erwiderte Kieron. »Das ist ein Digitalradio. Da gibt es so ziemlich alles. Und falls wir nichts finden, kann ich einfach mein Handy anschließen.«

Bex überließ sie ihren Sorgen und wandte sich Bradley zu. »Ganz ehrlich. Wie geht’s dir?«

Bradley zuckte die Achseln. »Manchmal denke ich, es geht mir gut, doch dann überanstrenge ich mich und kippe wieder um.« Er deutete auf den Boden, wohin er gestürzt war. Bex bemerkte, dass dort noch ein Handy und eine Brille lagen, ungefähr dort, wo sein Kopf gelegen hatte. »Ob du es glaubst oder nicht, ich habe gerade einfach nur mit Courtneys Ersatzbrille dagestanden und mir das Handy seitlich an den Kopf gehalten, um die Reflexion des Bildschirms auf den Brillengläsern zu sehen. Kieron hatte die AR-Brille mitgenommen, um mit dir in Kontakt treten zu können, aber ich wollte wissen, ob ich mich aus dieser Entfernung auf einen reflektierenden Bildschirm konzentrieren kann.« Er verzog das Gesicht. »Ich schätze, das beweist, dass ich es nicht kann. Ich weiß nicht, ob es am Licht liegt oder am Flimmern oder ob ich ein Problem damit habe, scharf zu sehen, aber nach ein paar Sekunden ist mir schwindelig geworden. Und als Nächstes weiß ich, dass ich auf dem Boden liege und du dich über mich beugst.«

»Einen Handybildschirm aus der Nähe zu betrachten, ist nicht ganz dasselbe, wie die Informationen auf der AR-Brille zu sehen«, überlegte Bex. »Das ist eine ganz andere Technologie.«

»Ich weiß, aber es ist doch ähnlich genug. Ich werde es noch einmal mit der Brille versuchen, um zu sehen, ob es anders ist, aber ich habe nicht viel Hoffnung.« Er sah zur Küche und wollte schon den Mund aufmachen, um Kieron zu rufen, doch Bex hielt den Finger an die Lippen.

»Noch nicht jetzt«, verlangte sie. »Warte, bis du dich noch ein wenig erholt hast.« Sie überlegte einen Augenblick. »Wir sollten dich gründlich durchchecken lassen. Ich weiß, dass Courtney Krankenschwester ist, aber ich bezweifle, dass sie eine Spezialistin für Neurologie ist.« Sie schnitt eine Grimasse. »Das Problem wird nur, eine Untersuchung für dich zu arrangieren, ohne dass unsere Auftraggeber mitbekommen, wo wir sind. Lass mich mal etwas darüber nachdenken.« Plötzlich fiel ihr etwas daran auf, was er zuvor gesagt hatte: »Courtneys Ersatzbrille? Das klingt, als würdest du dich hier gut auskennen. Sind Courtney und du etwa …?«

Sie erwartete, dass er es sofort leugnete, wie immer, wenn sie ihn mit einem Mädchen aufzog, das er getroffen hatte. Doch dieses Mal sah er nur zu Boden und wurde rot.

»Weißt du was?«, antwortete er leise. »Ich weiß es nicht, ich meine, wir haben nicht darüber geredet, aber manchmal, wenn ich sie ansehe und sie mich ansieht, dann ist es, als ob zwischen uns ein wortloses Gespräch stattfindet …« Seine Lippen verzogen sich zu einem leisen Lächeln. »Ja, ich glaube, ich habe Gefühle für sie, und ich hoffe, sie hat auch welche für mich. Ist das ein Problem?«

»Echt?«, meinte Bex. »Keine Ahnung. Schließlich haben wir keinen Job, bei dem wir uns häuslich niederlassen und zwei Komma vier Kinder und null Komma fünf Hunde haben könnten.«

»Haben wir nicht?« Er sah vom Boden zu ihr auf. »Ich weiß, dass wir noch nie über die Zukunft gesprochen haben. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, uns beim aufregendsten Job der Welt zu amüsieren …«

»Und unserem Land zu dienen«, warf Bex pikiert ein.

»Ja, das auch. Aber sollen wir das für immer und ewig machen? Oder bis wir auf irgendeiner Mission ins Gras beißen? Was sieht denn hier der Karriereplan vor?«

»Gute Frage.« Und eine, über die sie auf dem Rückflug selbst hatte nachdenken müssen. »Wir sind irgendwie in diese Sache geraten, ohne eine Rückzugsstrategie zu haben. Vielleicht ist es an der Zeit, mal darüber nachzudenken, wo wir stehen und wo wir hinwollen. Besonders hinsichtlich dessen, was wir kürzlich herausgefunden haben. Unsere künftige Anstellung könnte gewissermaßen ein wenig problematisch sein.«

Bradley zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nur, dass ich schon mit einer Menge Mädchen Dates hatte und ich mich immer gut amüsiert habe. Aber es ist das erste Mal, dass ich mit jemandem auf einem Sofa sitze, fernsehe und denke: ›Weißt du was? Das gefällt mir!‹«

»Du hast ihr aber nicht erzählt, was du machst, oder?«

Bradley schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Ich habe unsere Standardgeschichte erzählt. Dass ich ein freiberuflicher Fachmann für Computernetzwerke bin. Und das ist ja gar nicht so weit weg von der Wahrheit. Mit Computern kenne ich mich aus.« Er hielt inne und lächelte. »Ich habe ihr gesagt, du seist mein Boss und dass du viel ins Ausland reisen musst, um Computernetzwerke für große Firmen und die britischen Botschaften einzurichten. Und ich bin dein technischer Support hier in England.«

Bex kam ein anderer Gedanke. »Was glaubt sie, wo du wohnst?«

»Ich habe erzählt, ich hätte eine Wohnung in London, würde aber viel im Land herumreisen und in Hotels wohnen. Was der Wahrheit ja auch wieder ziemlich nahekommt.« Er grinste und sah weg. »Unser Job ist toll, aber es bleibt uns nicht viel Zeit, um andere Menschen kennenzulernen. Courtney ist die Erste, die ich treffe, bei der ich es schrecklich finde, sie anzulügen.«