AGENT IMPOSSIBLE - Einsatz in Tokio - Andrew Lane - E-Book

AGENT IMPOSSIBLE - Einsatz in Tokio E-Book

Andrew Lane

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Beschreibung

Agent Without Licence – in tödlicher Gefahr

Das AR-Equipment, mit dem Kieron und Bex ihre Missionen durchführen, funktioniert plötzlich nicht mehr. Der VR-Link ist unterbrochen. Auf der Suche nach den Saboteuren fliegt Bex nach Japan, wo sich das geheime Satellitenkontrollzentrum befindet. Mit Kierons Hilfe gelingt es ihr, in das von Wachrobotern geschützte Gebäude einzudringen. Gleichzeitig entdeckt Kieron zu Hause in Newcastle, dass eine rechtsextreme Vereinigung Zugang zu einer giftigen Chemikalie hat, die per Funk aktiviert werden kann. Hunderttausende Menschen könnten auf einen Schlag sterben. Können Kieron und Bex die Welt retten – und werden sie die Mission lebend überstehen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 347




Andrew Lane

Einsatz in Tokio

Aus dem Englischen

von Tanja Ohlsen

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1. Auflage 2020

© 2020 für die deutschsprachige Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© Andrew Lane, 2020

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »AWOL 4: Last Day on Earth« bei Piccadilly Press, London, einem Imprint von Bonnier Zaffre Ltd., London, in der Verlagsgruppe Bonnier.

Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen

Lektorat: Luitgard Distel

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Shutterstock

(BestPix; Runrun2; Vadim Sadovski)

kk • Herstellung: AJ

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-22437-0V001

www.cbj-verlag.de

Dem tollen Team von Bonnier Books gewidmet, die aus meinen Worten etwas Erstaunliches geschaffen haben, auf das ich ungeheuer stolz bin: meiner Verlegerin Emma Matthewson, meinen Redakteurinnen Talya Baker und Anna Bowles; meiner Presseagentin Tina Mories; Nick Stearn und Stuart Bache für das Cover und Emily Cox und Roisin O’Shea vom Vertrieb.

Euch allen vielen Dank!

Kapitel 1

»Und? Hast du darüber nachgedacht, was du nach der Schule machen willst?«, fragte Ms Gestner.

Sie neigte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte mit aufmunterndem Lächeln das Kinn auf die verschränkten Hände. Wahrscheinlich sollte das lässig wirken, doch für Kieron fühlte es sich an, als würde sie in seine Intimsphäre eindringen. Daher schob er seinen Stuhl ein wenig zurück und hoffte, dass sie es nicht merken würde oder dass es ihr nichts ausmachte.

»Nicht wirklich«, erwiderte er zurückhaltend. Im Prinzip versuchte er, so wenig wie möglich über seine Zukunft nachzudenken. Seine Mutter hatte ihm dieselbe Frage auch schon gestellt. Ihr oder Ms Gestner zu erzählen, dass seine bevorzugte Laufbahn im Moment so aussah, dass er dem MI6 beitreten und Betreuer und technischer Support für Undercoveragenten im Einsatz werden wollte, würde allzu fantastisch klingen. Nur schien das genau das zu sein, worin er am besten war, wenn man einbezog, was im letzten Jahr alles passiert war. Aber das konnte er schlecht in seinen Lebenslauf schreiben.

»Schließlich …« Ihr Blick fiel auf das Blatt zwischen ihnen auf dem Schreibtisch. »… ich meine, deine Noten sind nicht gerade hervorragend. Ich weiß, dass du eine Zeit lang nicht in der Schule warst, und auch, dass du im Augenblick von zu Hause aus arbeitest, weil … wegen …«

Wegen so etwas wie Mobbing, dachte er bitter. Weil ich beschimpft werde, weil man mir tote Ratten ins Schließfach legt, denn: »Emos lieben totes Zeugs«.

»… Aber ich muss schon sagen, dass sich deine Leistungen stark verbessert haben, seit du nicht mehr hierherkommst.«

Liegt wohl daran, dass ich ein Hightech-Gerät habe, mit dem ich blitzschnell die Antwort auf jede Frage finde, dachte er. Die AR-Ausrüstung, die er benutzte, um Bex und Bradley zu unterstützen, die britischen Geheimagenten, die er vor einem Jahr kennengelernt hatte, erwies sich besonders beim Schreiben von Aufsätzen und Mathematiktests als hilfreich. Vielleicht war das ja streng genommen Betrug, aber eigentlich war es nicht schlimmer, als Google oder Wikipedia zu Hilfe zu nehmen, und das machte schließlich jeder. Auch wenn er mit den AR-Geräten auf verschiedene geheime Datenbanken und Informationsquellen zugreifen konnte, die dem normalen Internet vorenthalten wurden.

»Wir müssen versuchen, deine Noten weiter zu verbessern, wenn du mit deinem Leben etwas – du weißt schon – Sinnvolles anfangen willst.« Ms Gestner schüttelte den Kopf, ohne ihn aus der stützenden Halterung zu heben. Das sah komisch aus, denn ihr Kopf wackelte hin und her wie bei einem dieser Wackeldackel, die manche Leute hinten im Auto hatten. Kieron musste sich auf die Lippe beißen, um nicht laut herauszulachen.

»Und mit ›sinnvoll‹ meinen Sie nicht, im Fast-Food-Service zu arbeiten oder die Nachtschichten an der Tankstelle zu übernehmen?«, hakte er nach.

»Du hast mehr drauf als das, Kieron. Ehrlich gesagt sehe ich hier einige Kids, bei denen ich befürchte, dass das alles ist, was sie tun werden, aber du bist anders. Du könntest viel erreichen, wenn du dich nur konzentrieren und dich zusammenreißen würdest. Und dich ordentlicher anziehen würdest. Dieser Gothic-Look ist nicht gerade hilfreich.«

»Emo, nicht Gothic«, murmelte Kieron.

Ms Gestner fuhr fort, als hätte sie ihn nicht gehört. Was wahrscheinlich auch zutraf. »Hast du den Link bekommen, den ich dir geschickt habe? Den mit dem Persönlichkeitstest, der die Jobs herausfindet, die am besten zu dir passen?«

»Ja.«

»Toll. Und was ist herausgekommen?«

»Dass ich Landschaftsgärtner werden sollte.«

Sie runzelte die Stirn. »Hm. Das sagt er häufig. Ich sollte mal eine Beschwerde einreichen.« Wieder sah sie auf ihre Papiere. »Normalerweise würde ich jemanden wie dich zu einer höheren Ausbildung drängen, aber ich weiß nicht, ob das in deinem Fall das Beste wäre. Ich weiß, dass du recht … sensibel bist«, fügte sie in einem Tonfall hinzu, den sie wohl für verständnisvoll und mitfühlend hielt. »Vielleicht würdest du dich allein in einem Studentenwohnheim nicht wohlfühlen. Allerdings gibt es auch hier in Newcastle Hochschulen. Du könntest zu Hause wohnen und trotzdem täglich Vorlesungen und Seminare besuchen.« Sie wartete auf eine Reaktion, doch Kieron wusste nicht, was er sagen sollte, daher fuhr sie fort: »Vielleicht Medienwissenschaften? Oder etwas Technisches? Spieledesign? Ich weiß doch, wie sehr ihr Kids eure Spiele liebt.«

Kieron zuckte mit den Achseln. »Ehrlich gesagt habe ich mit Sam gesprochen. Wir glauben, wir könnten eine Firma für Computerreparaturen aufbauen.«

In seinem Gehirn lief gleichzeitig ein Text ab wie der auf einem Banner in den Nachrichtensendern: Ja, aber nur, wenn wir keinen Job beim MI6 kriegen – oder es wird unsere Tarnung, wenn es klappt.

»Na siehst du!«, freute sich Ms Gestner, klatschte in die Hände und lehnte sich zurück. »Du weißt ja doch, was du willst! Vielleicht werde ich eure erste Kundin. Manchmal habe ich so Upgrade-Infos auf meinem Bildschirm und keine Ahnung, was die zu bedeuten haben.« Sie sah sich um. »Ich habe irgendwo noch ein paar Infos, wie man seine eigene Firma aufbaut. Du brauchst natürlich ein Bankkonto und eine Werkstatt – vielleicht ein kleines Büro in einem Industriegebiet. Ein Logo ist ganz wichtig, und du brauchst eine Website, damit dich die Leute auch finden. Du wirst außerdem Auto fahren lernen müssen, denn du wirst die PCs wahrscheinlich abholen und wieder ausliefern müssen und gelegentlich zu den Leuten nach Hause oder ins Büro fahren. Ich suche dir ein paar Sachen zusammen und lege sie dir später in dein Postfach.«

Kieron bekam Panik. Sein Herz raste, und in seiner Brust flatterte es, als ob dort irgendetwas mit Flügeln festsaß und versuchte zu entkommen. Er hasste es, wenn ihm etwas zu schnell ging.

»Danke«, sagte er, »ich sehe es mir an. Ähm … ist sonst noch etwas?«

»Nein. Danke, dass du hereingeschaut hast.« Ms Gestner lächelte unsicher. »Darf ich dich etwas fragen, Kieron? Seit wann trägst du eine Brille? Ich kann mich nicht daran erinnern, sie schon vorher an dir gesehen zu haben. Und … ist das da etwa ein Hörgerät?«

Für einen Augenblick erstarrte Kieron. Im Prinzip brauchte er gar keine Brille und sein Hörvermögen war perfekt. Es war ihm nur in Fleisch und Blut übergegangen, die spezielle AR-Brille und den kabellosen Kopfhörer zu tragen. Er erwartete zwar nicht, jeden Augenblick angerufen zu werden, um Bex bei irgendeinem Undercover-Geheimagentenabenteuer zu helfen, er fühlte sich nur mit den Geräten stärker und selbstbewusster als ohne sie. Die Brille war eine Fassade, hinter der er sich verstecken konnte, und der Kopfhörer ließ ihn seiner Meinung nach technikversierter und wichtiger wirken. Als hätte er eine Karriere und jede Menge Geld und könnte jederzeit Anrufe erhalten. Es war, als trage er eine Maske. Er war erwachsen genug, um zu erkennen, dass das nur die letzten Ausläufer der Verkleidungsphase waren, die alle Kinder durchliefen, aber er wusste auch, dass es echt war. Die Brille und der Kopfhörer waren keine Attrappen. Sie verbanden ihn mit einer realen Welt voller Abenteuer und Aufregung – einer Welt, in der er etwas bewirken konnte.

»Das … das ist so ein Soziologieprojekt«, stammelte er. »Ich versuche herauszufinden, ob die Leute einen anders behandeln, wenn sie sehen, dass man eine offensichtliche Beeinträchtigung wie zum Beispiel schlechtes Seh- oder Hörvermögen hat.«

»Oh«, meinte sie. »Nun gut. Sag mir dann, wie es gelaufen ist.«

»Mach ich«, versprach er und drehte sich um, bevor sie noch weitere schwierige Fragen stellen konnte.

Vor der Tür zu Ms Gestners Büro wartete Sam. Im Gang war es voll – während sich Kieron mit Ms Gestner unterhalten hatte, hatte die Glocke zum Schulschluss geläutet.

»Wie lief es denn?«, erkundigte er sich.

»Wie sagen die Politiker in den Nachrichten immer so schön? Es lief ›so gut, wie es unter den gegebenen Umständen zu erwarten war‹.«

Sam nickte. »Dann wirst du also Landschaftsgärtner?«

»Nein, ehrlich gesagt habe ich ihr von unserem Plan erzählt, eine Firma für IT-Reparaturen zu starten. Sie unterstützt das voll.«

»Morgen früh bin ich dran. Wahrscheinlich werde ich den gleichen Sermon zu hören bekommen. Aber wenn sie uns tatsächlich helfen kann, sollten wir sie nicht daran hindern.«

Als Kieron den Mund aufmachte, um zu antworten, rempelte ihn jemand von hinten an. Er stolperte und wäre fast gestürzt, hätte Sam ihn nicht aufgefangen. Als er sich umdrehte, bereit zuzuschlagen, lief der Junge mit dem kurzen blonden Haar, der ihn geschubst hatte, bereits weiter den Gang entlang.

»Nehmt euch doch ein Zimmer, ihr zwei!«, rief er ihnen noch über die Schulter hinweg zu.

»Dämliche Emos«, flüsterte ein Mädchen im Vorbeigehen ihrer Freundin zu. »Ich hasse sie.«

»Das ist schon in Ordnung!«, rief Sam ihr nach. »Wir beten trotzdem zu unserem finsteren satanischen Herrn, dass er sich um eure Seelen kümmert!«

Die Mädchen rümpften nur die Nasen und gingen weiter.

»Die Dinge haben sich nicht sehr geändert, was?«, meinte Kieron, als Sam ihn wieder aufgerichtet hatte.

»O nein, im Gegenteil. Es ist eigentlich noch schlimmer geworden. Und die Lehrer haben immer noch nicht kapiert, dass die Idioten uns immer hinter ihrem Rücken mobben. Wenn wir dann darauf reagieren, machen diese Kids ein Riesentheater und tun so, als wären sie verletzt, sodass es aussieht, als hätten wir damit angefangen.«

»Wie es immer schon gewesen …«, zitierte Kieron.

Sam sah ihn verständnislos an. »Was?«

»Keine Ahnung. Hab ich irgendwo gelesen.« Seufzend fragte er: »Wo wollen wir hingehen?«

»Kaffee?«

»Du meinst wohl einen riesigen, auf Eis basierenden Drink mit einem doppelten Espresso irgendwo ganz unten, aufgefüllt mit Karamellsirup und jeder Menge Schlagsahne obendrauf?«

»Und Streuseln«, bestätigte Sam. »Willst du auch?«

»Klar.«

Sie nahmen den Bus in die Innenstadt zu dem Café, das ihr neuer Lieblingstreffpunkt geworden war. Das lag zum Teil an den Schuldgefühlen, weil sie indirekt dafür verantwortlich waren, dass vor ein paar Wochen in der Nähe eine Autobombe hochgegangen war. Zum Teil lag es aber auch daran, dass sich zwischen Kieron und Beth, einer der Baristas, die dort arbeiteten, eine Beziehung entwickelt hatte. Er war sich noch nicht sicher, welche Art von Beziehung es war, denn bislang waren sie nur zusammen in einer Buchhandlung gewesen und im Kino und hatten ein oder zwei Mal für ein paar Augenblicke Händchen gehalten – aber es war immerhin etwas.

Als sie das Café betraten, räumte Beth gerade die Tische ab, doch sie lächelte Kieron auf eine Art und Weise zu, dass er das Gefühl hatte, seine Eingeweide würden dahinschmelzen.

»Ich wünschte, mich würde auch jemand so anlächeln«, brummte Sam.

»Was ist mit dem Mädchen, mit dem du dich neulich getroffen hast?«

Sam sah zur Seite. »Es hat sich gezeigt, dass sie doch eher auf Rugbyspieler steht. Das letzte Mal, als ich versucht habe, Rugby zu spielen, bin ich mit der Fresse im Matsch gelandet und habe einen Stiefel ins Kreuz bekommen, damit ich unten bleibe. Ich wäre fast ersoffen.« Er runzelte die Stirn. »Oder erstickt. Ich weiß nicht, wie das bei Matsch ist. Könnte beides sein.«

»Vielleicht sogar beides auf einmal. Geh und besetz uns einen Tisch, ich bestelle.«

Kieron gab am Tresen die Bestellung auf, holte ihre Getränke ab und brachte sie an ihren Tisch. Sam nickte anerkennend. »Mit Streuseln. Gut.« Mit diesem langen Löffel, den es offenbar nur in Cafés gab, schaufelte er sich einen Klecks Sahne mit Streuseln in den Mund. »Das ist echt gut. Hast du Bex oder Bradley gesehen, seit wir aus Norwegen zurück sind?«

Kieron ließ sich die Worte ein paar Augenblicke durch den Kopf gehen. Seit wir aus Norwegen zurück sind. Davor war es Venedig gewesen. Und davor Amerika. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass er in so kurzer Zeit so weit reisen und so viele Abenteuer bestehen würde? Und dass er dabei so oft sein Leben riskieren würde?

Plötzlich spürte er, wie Finger über seinen Nacken strichen, und drehte sich erschrocken um. Beth ging gerade von seinem Tisch fort, ein Tablett mit Geschirr waghalsig auf einer Hand balancierend und die andere Hand verdächtig frei. Wieder lächelte er ihr zu und sie lächelte zurück.

»Sie halten die Köpfe still«, erzählte er. »Das machen sie nach einer Mission immer so. Sie tauchen ab und erholen sich. Wahrscheinlich müssen sie auch Berichte schreiben und so.«

»Bradley ist ein paarmal mit Courtney ausgegangen«, schnaubte Sam. »Nach dem, was sie Mum erzählt hat, mag sie ihn sehr. Ich hoffe nur, dass er ihr nicht wehtut. Sie hat ein Gespür dafür, sich die falschen Kerle auszusuchen.«

»Bradley ist einer von den Guten«, entgegnete Kieron bestimmt. »Und so, wie ich das sehe, hat er sie wirklich gern. Ich bin sicher, dass er nett zu ihr sein wird.«

»Wäre auch besser für ihn.«

»Ich dachte, du verstehst dich mit deinen Schwestern nicht sonderlich gut.«

»Das ist egal. Sie gehören zur Familie. Und mit unserer Familie sollte man sich lieber nicht anlegen.«

Kieron wollte seinen Freund schon mit seinen altmodischen Ansichten aufziehen, als etwas im Café seine Aufmerksamkeit erregte. Nein, nicht etwas. Jemand. Jemand, den er kannte.

»O verdammt«, stieß er hervor.

»Was ist?«, wollte Sam wissen.

Kieron sah weg und antwortete gequält: »Da ist meine Mum. Und sie ist mit einem Mann hier!«

»Wow!«, entfuhr es Sam. »Wo denn?«

»Nicht hinsehen!«, zischte Kieron aufgeregt, senkte den Kopf und drehte sich weg. »Vielleicht ist es ja ihr neuer Boss«, überlegte er hoffnungsvoll. »Ja, so muss es sein. Es ist ihr Boss, und sie sind auf einen Kaffee hergekommen, damit sie ungestört ein Mitarbeitergespräch führen können oder so.«

»Glaube ich nicht. Sie haben die Köpfe ganz dicht zusammengesteckt«, berichtete Sam. Er schien sich zu amüsieren. »Das ist sicher ein gutes Zeichen. Für sie zumindest. Für dich wohl eher schlecht. Er wirkt sehr elegant – ein wenig angegraut an den Schläfen. Und auch clever. Keine Jeans, kein T-Shirt, keine offensichtlichen Tätowierungen. Stoffhose und ein dezentes Jackett. Und gute Schuhe. Keine Turnschuhe. Er hat Klasse. Da wirst du dich ganz schön anstrengen müssen, Kumpel.«

»Hör auf!«, verlangte Kieron, rutschte auf seinem Stuhl weiter herunter und wünschte sich, er wäre tot. Oder irgendwo anders. Oder beides.

»Sie lächelt ihn an«, fuhr Sam erbarmungslos fort. »Offensichtlich gibt sie sich Mühe. Make-up und lackierte Fingernägel, wie es aussieht. Vielleicht hat sie sogar eine neue Frisur. Oh!«

»Was ist?«, fragte Kieron mit geschlossenen Augen. Eigentlich wollte er es gar nicht wissen, aber er musste. Eine dunkle Faszination ging davon aus.

»Er hat gerade seine Hand auf ihre gelegt und sie hat sie nicht weggezogen. Oder ihm eine geklebt, was mir das letzte Mal passiert ist, als ich meine Hand auf die eines Mädchens gelegt habe. Um genau zu sein, war es nicht ihre Hand, sondern ihre Taille, aber Tatsache ist, dass sie mir eine geklebt hat. Oder besser gesagt, sie hat mir das Knie in die Eier gerammt. Aber ihre Botschaft war jedenfalls eindeutig.«

»Können wir nicht einfach gehen?«, flehte Kieron.

»Nö, das hier macht viel zu viel Spaß.«

»Hat sie dich gesehen? Oder mich?«

»Nein, sie ist zu sehr damit beschäftigt, ihm in die Augen zu sehen. Er sieht ihr auch in die Augen. Das ist wahrscheinlich gut. Wäre auch seltsam, wenn sie ihm tief in die Augen sieht und er jemand anders ansehen würde.«

»Du willst mich doch nur foltern!«

»Ganz genau«, kicherte Sam und stieß plötzlich einen überraschten Laut aus. »Na, das hätte ich nicht erwartet!«

Kieron ächzte. Konnte es denn noch schlimmer werden? »Was hat er getan? Du willst mir doch nicht erzählen, dass er ihr einen Antrag macht? Ist es das? Hat er einen Ring hervorgeholt und macht ihr einen Antrag?«

»Nein, schlimmer. Deine Freundin steht an ihrem Tisch und redet mit ihnen.« Er lachte. »Das ist köstlich. Deine Freundin und deine Mum unterhalten sich, und keine weiß, wer die andere ist. Und deine Mutter hat ihren neuen Freund dabei und weiß nicht, dass du hier bist. Das ist unbezahlbar!«

Kieron wünschte sich, dass ihn die Erde verschlingen möge. Alle Höllenfeuer konnten nicht schlimmer sein als die Qualen, die er gerade durchlitt.

»Okay, sie ist weitergegangen. Sie hat wohl nur gefragt, ob sie bei ihnen am Tisch schon etwas abräumen kann.«

»Puh!«, ächzte Kieron und spürte, wie er sich entspannte.

»Ooops!«, machte Sam.

»Was ist?«

»Deine Mum hat uns gerade entdeckt.«

Kieron versuchte ein Lächeln hinzubekommen, das wahrscheinlich so starr und unecht war wie das des Jokers in Batman, und drehte sich um.

Seine Mutter und ihr – Freund? – saßen in einer Nische an der Wand. Sie versuchte offensichtlich, erfreut auszusehen, doch der Eindruck wurde dadurch getrübt, dass sie beim Anblick von Kieron und Sam ganz blass geworden war. Sam winkte ihr zu. Kierons Mum winkte zurück, aber es war eine schwache Geste.

Ihre Lippen bewegten sich. Immer noch sah sie ihn überrascht – wenn nicht gar erschrocken – an, doch ihre Worte richteten sich an ihr Gegenüber. Kieron war sich nicht sicher, aber er glaubte sie sagen zu hören: »O mein Gott, da drüben sitzt mein Sohn!« Dann verschwand ihr erschrockener Gesichtsausdruck und wich einem breiten, unechten Lächeln. Sie winkte Kieron zu sich.

»Wünsch mir Glück«, murmelte Kieron Sam zu, als er aufstand.

»Wenn du in drei Wochen nicht zurück bist, schicke ich die Kavallerie«, entgegnete Sam.

Kieron schlängelte sich mit zögernden Schritten an diversen Tischen vorbei. Auf dieses Gespräch war er nicht gerade scharf. Nicht wenn der Mann das war, was er befürchtete. Kein Angestellter oder Kollege, sondern ihr neuer Freund. Oder zumindest ein Date.

Seine Mum stand auf, als er an ihren Tisch kam, und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Kieron! Was machst du denn hier? Ich dachte, du bist in der Schule wegen dieses Berufsberatungsgespräches?«

»Damit bin ich schon fertig. Sam und ich wollten hier einen Kaffee trinken.«

»Kaffee«, seufzte sie. »Vor nicht allzu langer Zeit wolltet ihr nichts anderes als Milchshakes.«

Kieron warf einen Blick hinüber auf die beiden großen, mit Sahne und Streuseln verzierten und mit Sirup gesüßten Getränke vor Sam und meinte: »Das könnten genauso gut Milchshakes sein. Zumindest sind sie genauso süß. Aber was ist mit dir? Ich dachte, du bist bei der Arbeit. Ich meine, wenn das hier ein Arbeitstreffen ist, dann will ich nicht stören.«

Er war zwar ziemlich sicher, dass es das nicht war, aber er musste es zumindest versuchen.

»Nein, nein«, antwortete seine Mutter. »Da ich flexible Arbeitszeiten habe, habe ich mir den Nachmittag freigenommen.« Kieron sah, wie sie nervös schluckte. »Kieron, darf ich dir Tyler vorstellen?«

Kieron drehte sich zu dem Mann um, der aufstand und ihm die Hand entgegenstreckte.

»Hi«, sagte er. Seine Stimme war tief und sein Tonfall warm und freundlich. »Ich habe schon viel von dir gehört, Kieron.«

Er war größer als Kieron und hatte riesige Hände. Kieron versuchte, die Hand so fest wie möglich zu drücken, doch er hatte das Gefühl, als könnte Tyler ihm die Finger brechen, wenn er wollte.

»Was auch immer Sie gehört haben, es ist ganz sicher nicht wahr.«

Tyler lachte und setzte sich wieder. »Ehrlich gesagt ist deine Mutter ziemlich stolz auf dich. Sie erzählt nur Gutes.«

»Und …«, begann Kieron und zwang sich weiterzusprechen, »… wie habt ihr euch kennengelernt?«

Tyler sah Kierons Mum an, die immer noch stand, und überließ es ihr zu antworten.

»Wir haben uns … äh … online getroffen«, erklärte sie.

»Online?« Kieron musste ein Lachen unterdrücken. »Mum, du kannst doch kaum deine E-Mails checken, ohne dass der Laptop abstürzt.«

»Also ehrlich«, erwiderte sie eingeschnappt, »ich bin am Computer besser, als du glaubst. Doch …« Sie schluckte erneut und fuhr dann ruhiger fort: »Ich war auf einer Datingseite. Tyler hat mein Profil gesehen und mich vor ein paar Wochen kontaktiert. Er hat mich auf einen Kaffee eingeladen und ich habe Ja gesagt.«

Kieron machte schon den Mund auf, um etwas zu sagen, obwohl er sich nicht sicher war, was. Doch bevor er das herausfinden konnte, war Tyler aufgestanden und kam ihm zuvor: »Ich gehe mal zur Toilette. Bin in ein paar Minuten zurück.« Damit ging er an Kieron vorbei zu der Tür neben dem Tresen.

»Das war sehr taktvoll«, stellte Kieron fest.

»Er ist taktvoll. Und sehr nett.« Seine Mutter sah ihn verlegen an. »Ich hätte es dir erzählen sollen. Ich hätte dich vorwarnen sollen. Es ist nur … Ich wusste nicht, wie du reagieren würdest. Ich meine, ich weiß, dass du deinen Vater nicht besonders liebst, aber er ist trotzdem dein Vater, und ich will ihn nicht ersetzen oder so … Es ist nur so, dass mir plötzlich auffiel, dass ich einsam bin und gern einen Mann in meinem Leben hätte. Einen anderen Mann, meine ich. Du bist ja auch schon fast ein Mann.« Sie schloss die Augen. »Ich plappere wirres Zeug, nicht wahr?«

»Alles wunderbar.« Kieron umarmte sie kurz. »Mum, es ist dein Leben, und du kannst damit machen, was du willst. Und Tyler scheint nett zu sein. Ich hoffe, er macht dich glücklich.«

Erleichtert lächelte sie ihn an. »Danke. Das bedeutet mir viel.«

»Aber versucht, leise zu sein, wenn er dich besucht.«

Kierons Mum boxte ihn sanft gegen die Schulter. »Werd bloß nicht frech!«

»Was arbeitet Tyler denn?«

»Er ist Koch. Er ist sogar Chefkoch in einer Hotelküche in der Innenstadt. Er hat mir erzählt, dass er bei Marco Pierre White gelernt und auf mehreren großen Kreuzfahrtschiffen gearbeitet hat.« Sie klang stolz. »Anscheinend gibt es auf Kreuzfahrtschiffen Kühlräume, so groß wie dieses Lokal – nur für die Grapefruits! Stell dir das mal vor!«

»Das ist toll.« Kieron wollte gerade sagen, dass er jetzt zu seinem eigenen Tisch zurückgehen würde, als er eine warme Hand in seiner spürte. Es war nicht die seiner Mutter. Als er sich umdrehte, sah er Beth lächelnd neben sich stehen.

»Hi!«, strahlte sie. »Sie müssen Kierons Mum sein.«

»Ja«, antwortete die verwundert.

»Ich bin Beth. Kieron hat es Ihnen wahrscheinlich nicht erzählt – Sie wissen ja, wie Männer so sind. Wir sind sozusagen zusammen. Ich wollte mich nur kurz vorstellen, denn ich weiß, dass er es wohl nicht getan hätte.« Damit wandte sie sich an Kieron und küsste ihn flüchtig auf die Wange. »Ruf mich an, Süßer.« Dann lächelte sie ihn an, lächelte seine Mutter an und ging.

»Möchtest du mir irgendetwas sagen?«, fragte Kierons Mum und sah Beth erstaunt nach.

»Nein, ganz bestimmt nicht«, erwiderte Kieron und sah sich zu seinem Tisch um, wo Sam beide Daumen hochhielt. »Ich schätze, wir beide werden heute Abend ein langes Gespräch führen, was?«

»O ja.« Sie fuhr ihm durchs Haar. »Und beide mit einem Glas Wein in der Hand.«

»Kann ich nicht lieber einen Amaretto bekommen? Der schmeckt nach Marzipan.«

»Nein. Nur Wein. Und nur ein Glas.«

»Na gut. Bis später!«, verabschiedete sich Kieron. »Amüsier dich und komm nicht zu spät nach Hause!« Bevor seine Mutter etwas erwidern konnte, ging er zu seinem Tisch zurück und sah gerade noch, wie Tyler vom Klo zurückkam.

»Das war ja oberpeinlich, und zwar aus ziemlich vielen Gründen«, fand Sam, als Kieron sich wieder zu ihm setzte.

»Wir beide brauchen so bald wie möglich eine eigene Wohnung«, erklärte Kieron. »Bei mir wird es allmählich zu eng.«

»Einverstanden. Na, mit deinem Gehalt als Landschaftsgärtner kannst du dir das ja dann auch leisten.«

Kieron bemerkte, dass seine Mutter und Tyler aufgestanden waren und ihre Mäntel anzogen. Es tat ihm leid, dass sie sich seinetwegen unwohl fühlten, aber er war auch erleichtert. Das hier war sein Café, sein Territorium. Na ja, seines und Sams. Und Beths.

Das wurde langsam echt kompliziert. War das Erwachsenenleben immer so? Wenn ja, gefiel es ihm nicht sonderlich.

Seine Mutter winkte ihm noch einmal zu und er winkte zurück. Tyler nickte freundlich herüber.

»Sollen wir hierbleiben und so viel Kaffee trinken, bis wir anfangen zu zappeln, oder sollen wir quer durch die Stadt laufen und mal sehen, was in der Wohnung läuft?«, fragte Sam.

»Ich hasse es, wenn ich zu viel Koffein intus habe. Lass uns Bex und Bradley besuchen.«

Die Wohnung war nicht sehr weit entfernt. Sie lag zwar noch im Stadtzentrum von Newcastle, aber in einer ruhigen Seitenstraße. Wie die letzte Wohnung, die die beiden Agenten gemietet hatten – und die durch eine an einer Drohne angebrachte Bombe zerstört worden war –, lag auch diese in einem umgebauten Lagerhaus aus bröckelnden Ziegeln, das vor ein paar Jahrhunderten errichtet worden war. Doch die Wohnungen im Inneren waren alle modern und geräumig, mit offenen Raumlösungen, wie man es aus amerikanischen Filmen kannte.

Gerade als sie ankamen, verließ eine Frau die Wohnung. Als sie auf dem Gang an ihnen vorbeikam, lächelte sie sie kurz an.

Bex und Bradley saßen im Wohnzimmer, Bex auf dem Sofa und Bradley auf einem Sessel, als die beiden Jungen hereinkamen. Bex sprang sofort auf, und Bradley wollte es ihr gleichtun, doch sie bedeutete ihm, sitzen zu bleiben, woraufhin er erleichtert in seinen Sessel zurücksank. Die Brille und der Bluetooth-Kopfhörer, die Bex’ Teil des AR-Equipments ausmachten, lagen auf der Armlehne neben seinem Ellbogen.

Kieron nahm seine AR-Brille und den Kopfhörer ab und legte alles auf den niedrigen Tisch vor dem Sofa, dann setzte er sich mit Sam an den Esstisch.

»Na, Jungs? Wir haben euch ja eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Wie geht’s euch?«

»Ja, gut. Wer war das? Einer eurer Bosse vom MI6? Weiß sie über uns Bescheid?«, fragte Kieron besorgt.

»Das war meine Ärztin«, erklärte Bradley. »Ich weiß nicht, ob ihr euch daran erinnert, aber Bex hat dafür gesorgt, dass sie nach mir sieht. Das war, bevor wir alle nach Venedig geflogen sind. Die arme Frau versucht, mich wieder auf die Beine zu bringen, nachdem …« Er brach ab und wedelte vage mit der Hand, doch Bex ergänzte: »Nachdem er von diesen bescheuerten faschistischen Idioten von Blut und Boden zusammengeschlagen wurde.«

»Ich dachte, es würde dir wieder besser gehen.« Sam runzelte besorgt die Stirn.

»Ging es auch«, sagte Bex. »Aber nach Venedig bekam er einen Rückfall.«

»Na ja, von Männern mit Gewehren gejagt und klatschnass in einen klapprigen alten Lieferwagen geschubst zu werden und dann in einen Hubschrauber, der einen in die Arktis fliegt, kann so was schon auslösen.« Achselzuckend sah er Bex an. »Ich meine ja nur. Ich sollte der sein, der in einem klimatisierten Raum vor einem kalten Drink sitzt, während du dein Leben riskierst. So funktioniert das. Ich verlange eine Gefahrenzulage.«

»Ehrlich gesagt wäre mir jede Art von Geld im Moment ganz recht«, meinte Bex und sah Kieron und Sam an. »Die Wohnung hier ist nicht billig und für die Mission in Venedig hatten wir keinen Auftraggeber. Da wollten wir ja nur herausfinden, wer uns umbringen will.«

Bradley nickte. »Was grundsätzlich eine gute Geschäftspraxis ist. Man sollte immer versuchen, nicht umgebracht zu werden, wenn es sich machen lässt. Dann hat man die Möglichkeit, die Jobs anzunehmen, die sich einem bieten.«

»Aber es bieten sich keine«, vermutete Kieron. »Das ist das Problem, nicht wahr?«

Bex setzte sich auf die breite, gepolsterte Lehne des Sofas.

»Wir wissen nicht genau, warum, aber der MI6 schickt uns keine Arbeit mehr. Wir glauben, es liegt daran, dass der Agent, den Blut und Boden in die Organisation eingeschleust hat, versucht, uns auszuschalten. Er will uns isolieren und angreifbar machen, damit sie Maßnahmen gegen uns ergreifen können.«

»Aber ihr wisst doch, wer es ist, oder?«, fragte Sam.

»Avalon Richardson.« Bex hielt inne und biss sich auf die Lippe. »Sie ist eine MI6-Analystin mittleren Rangs. Ich habe sie ein paarmal getroffen, als Bradley und ich als freiberufliche Auftragnehmer zum ersten Mal engagiert wurden. Eine Weile war sie unsere Betreuerin, bevor sie befördert wurde. Ich hätte sie nie für eine Doppelagentin oder Verräterin gehalten. Sie kam mir immer so … normal vor. Wie eine Bibliothekarin.«

»Oh, ich bin mit einigen Bibliothekarinnen ausgegangen«, warf Bradley ein. »Du solltest sie nicht unterschätzen. Stille Wasser und so …«

»Weiter im Text«, sagte Bex schnell. »Genügend Hinweise zu sammeln, um die Verräterin, die uns tot sehen will, zu finden, ist eine Sache. Genügend Beweise zu finden, um sie zu überführen, eine ganz andere.«

Kieron runzelte die Stirn. »Aber ich dachte, die norwegische Polizei hätte ihren Namen an den MI6 weitergegeben. Reicht das nicht, um sie zu suspendieren und eine Untersuchung in die Wege zu leiten, besonders wenn ihr beide eine Beschwerde gegen sie einreicht?«

»Wahrscheinlich gibt es eine Menge Avalon Richardsons auf der Welt«, erwiderte Bradley. »Was den MI6 betrifft, könnte jede von ihnen die norwegischen Mädchen beauftragt haben. Und außerdem hat jemand die Berichte der italienischen Polizei gehackt. Der Name Avalon Richardson ist daraus verschwunden und wurde durch Rebecca Wilson ersetzt.«

Erschrocken sahen Kieron und Sam Bex an.

»Sie hat ihren eigenen Namen gegen deinen ausgetauscht?«, stieß Sam hervor. »Das ist krass. Echt krass.«

»Ich habe ihn sofort entfernt«, fuhr Bradley fort, »aber es hatte keinen Sinn, ihren Namen wieder einzusetzen. Ich bin zwar gut, aber ich hätte Spuren hinterlassen. Dann hätte es ausgesehen, als versuche jemand, Avalon Richardson hereinzulegen, und das ist das Letzte, was wir wollen.«

»Wir kommen also nicht weiter«, erklärte Bex. »Wir haben gerade darüber gesprochen, was wir als Nächstes tun sollten, als die Ärztin kam.«

»Wenn wir schon davon sprechen«, meinte Kieron, stand auf und setzte sich auch aufs Sofa. »Wie geht es dir denn?«

Bradley zuckte mit den Schultern. »Müde und zerschlagen, aber es gibt keine offensichtlichen physischen Schäden. Die Gehirnerschütterung ist abgeklungen. Das Problem ist nur …« Er sah verlegen zur Seite. »Um ehrlich zu sein, bleibt wahrscheinlich die Unfähigkeit zurück, das AR-Equipment für länger als ein paar Minuten am Stück zu benutzen. Die Ärztin ist sich nicht sicher, ob das ein neurologisches oder ein psychologisches Problem ist und ob es vorübergehend ist oder bleibend. Sie hat einen Gehirnscan vorgeschlagen, aber das müsste privat laufen, nicht über die Krankenkasse. Und das können wir uns im Moment nicht leisten.«

»Ihr habt ihr aber nicht gesagt, wozu die AR-Geräte da sind, oder?«, fragte Sam.

Bex schüttelte den Kopf. »Nein. Wir haben gesagt, dass es ein VR-Game-System ist, das wir entwickeln …«

»Ihr braucht also Arbeit, und der MI6 gibt euch keine, und selbst wenn, könntet ihr sie nicht machen«, fasste Kieron zusammen. »Da befindet ihr euch aber in einer unangenehmen Lage.«

»Wir sind für alle Vorschläge offen«, seufzte Bex. »Mit der Ausnahme, dass ihr Jungs Bradley ersetzt. Wie wir schon öfter gesagt haben, dürfen wir euer Leben nicht aufs Spiel setzen.«

Sam sah von einem zum anderen. »Uns bleibt ja immer noch die Landschaftsgärtnerei.«

Bradley machte den Mund auf, um ihm eine ironische Antwort zu geben, als ihn ein Benachrichtigungston aus seinem AR-Kopfhörer unterbrach. Er nahm sich die Brille. Sam trat vor, doch Bradley winkte ihn weg. »Für kurze Zeit geht es schon«, sagte er. »Die Kopfschmerzen kommen erst nach drei Minuten.« Er setzte die Brille auf und steckte den Kopfhörer ins Ohr. Kieron sah, wie sich seine Hände in der Luft bewegten und Menüs, Bildschirme und Knöpfe bedienten, die nur Bradley sehen konnte, weil die in der Brille versteckte Technologie sie vor seine Augen projizierte.

»Ah«, sagte er schließlich und ein paar Sekunden später: »Oh!«

»Was ist?«, wollte Bex wissen.

»Das ist eine gesicherte E-Mail vom MI6. Sie wollen, dass wir zu einem persönlichen Treffen kommen.« Er nahm die Brille ab und sah Bex mit ernstem Gesicht an. »Und die E-Mail ist von Avalon Richardson.«

Kapitel 2

Am nächsten Tag mieteten Bex und Bradley einen unauffälligen Wagen und machten sich auf den Weg zu ihrem Treffen mit Avalon Richardson. Es sollte an einem Ort zwischen Reading und London stattfinden, direkt an der Autobahn M4. Laut Google Maps war dort nur eine freie Fläche von mehreren Quadratkilometern ohne Straßen und Bebauung. Merkwürdig, dachte Bex. Sie hätte erwartet, dass das Treffen im Hauptquartier des MI6 in Vauxhall am Themseufer stattfinden würde, das durch die James-Bond-Filme, denen die MI6-Agenten mit einer Art Hassliebe gegenüberstanden, so berühmt geworden war.

»Was glaubst du, worum es bei diesem Treffen gehen wird?«, fragte Bradley während einer ihrer häufigen Pausen.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Bex achselzuckend. »Die E-Mail war ja nicht gerade ausführlich. Nach außen hin wird es wohl darum gehen, über die Arbeit zu berichten, die wir in letzter Zeit gemacht haben, und darüber zu sprechen, wie es in der nächsten Zeit weitergeht. Aber ich nehme an, Avalon wird versuchen herauszufinden, wie viel wir über sie und ihre Verbindungen zu Blut und Boden wissen.«

Bradley runzelte die Stirn. »Besteht die Möglichkeit, dass sie etwas von Kieron und Sam weiß?«

Bex überlegte einen Moment. »Ich glaube nicht«, sagte sie schließlich. »Wenn der MI6 wüsste, dass wir zwei Teenager ohne Sicherheitsfreigabe für die Geheimarbeit eingesetzt haben, hätten sie uns mit sofortiger Wirkung gefeuert. Wenn sie uns nicht wegen Verrats von Staatsgeheimnissen angeklagt hätten oder uns einfach still und leise hätten verschwinden lassen. Nein, ich glaube, was das angeht, ist alles im grünen Bereich.« Sie seufzte. »Ich glaube wirklich, dass es sich hier nur um eine Aktion handelt, bei der Avalon sich Informationen verschaffen will.«

»Es könnte ein neuer Versuch sein, uns aus dem Weg zu räumen«, meinte Bradley. »Die Bombe in unserer Wohnung hat nicht funktioniert. Vielleicht lockt sie uns deshalb zu so einem abgelegenen Ort, damit sie uns heimlich, still und leise aus dem Weg räumen kann. Wenn man bedenkt, wie abgelegen dieser Ort ist, braucht es nicht einmal still und leise zu sein.«

»Aber das glaube ich einfach nicht. Der MI6 hat es geschluckt, als wir ihnen erzählt haben, die Polizei halte ein Gasleck für die Ursache der Explosion in der Wohnung. Ich meine, das stimmt ja auch. Wenn es allerdings noch weitere Anschläge auf unser Leben gibt, werden Avalons Chefs doch misstrauisch werden, und das ist sicher das Letzte, was sie will. Wenn sie glaubt, dass wir sie tatsächlich verdächtigen, wird sie auch denken, dass wir über Informationen verfügen – und dass wir irgendwen angewiesen haben, diese weiterzugeben, für den Fall, dass wir zu Tode kommen.«

»Haben wir das?«, fragte Bradley. »Ich kann mich nicht daran erinnern. Obwohl ich die Idee eigentlich ganz gut finde.«

»Na ja, in gewisser Weise. Kieron und Sam würden es nicht auf sich beruhen lassen, wenn wir nicht zurückkommen sollten. Sie werden heimlich Avalons Chefs kontaktieren und sie verraten. Nein, je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, dass sie es nicht riskieren wird, etwas direkt zu unternehmen.«

Während der nächsten Pause, in der Nähe von Oxford, fragte Bradley: »Werden wir ihr von meinem … du weißt schon, meinem Problem … erzählen? Ich meine, wenn ich nicht arbeiten kann, werden sie uns keine Aufträge mehr geben. Aber wenn sie uns welche geben, kann ich sie nicht ausführen. Das ist, wie Kieron so schön sagte, ein Teufelskreis.«

Bex nippte an ihrem Kaffee. Sie bekam jedes Mal Panik, wenn sie darüber nachdachte, dass Bradley sich vielleicht nicht wieder vollständig erholen würde. Normalerweise wurde sie nicht schnell nervös, aber meistens, weil sie auch einen Ausweg aus schwierigen Situationen sah. Aber solange Bradley in diesem Zustand war, war alles so unsicher. Sie wollte keinen neuen Partner, doch vielleicht musste sie das in Betracht ziehen. Sie konnten nicht einfach die Plätze tauschen – sie war diejenige mit der Undercoverausbildung und der Erfahrung. Einstweilen musste sie Bradley einfach bei Laune halten. Um sich tatsächlich zu erholen, würde er all seine positive Energie brauchen. Also …

So bestimmt, wie sie es fertigbrachte, erklärte sie: »Wir werden ihnen dein Problem verschweigen. Du wirst dich hoffentlich bald erholen, und dann können wir wieder so arbeiten, wie wir es gewohnt sind. Und bis dahin …«

Als sie abbrach, vollendete er den Satz für sie: »Bis dahin setzen wir die nicht freigegebenen Teenager ein und hoffen, dass es erstens keiner merkt und dass ihnen zweitens nichts Schlimmes passiert.«

»Genau. Das ist unser Plan. Ich sage nicht, dass es ein guter Plan ist, aber es ist immerhin ein Plan.«

Bradley schwieg eine Weile, dann sagte er: »Glaubst du, das spielt sich nur in meinem Kopf ab? Dass ich die AR-Geräte nicht benutzen kann? Ich meine, die Ärztin findet kein physisches Problem. Vielleicht …« Er zögerte. »Vielleicht habe ich nur … na ja, Angst. Vielleicht lässt mich mein Kopf das AR-Gerät nicht benutzen, weil er glaubt, dass die Aufgabe zu gefährlich für mich ist. Vielleicht bin ich ausgebrannt. Das passiert bei Agenten. Gerade waren sie noch auf dem Einsatzplan des MI6, und im nächsten Moment sind sie weg, als hätte es sie nie gegeben.«

Bex schüttelte entschieden den Kopf, ein bisschen so, als wolle sie sich selbst überzeugen. »Das glaube ich nicht eine Sekunde, und wenn du nicht so besorgt wärst, würdest du das auch nicht tun. Es gibt irgendeine körperliche Ursache, und wir werden herausfinden, was es ist.«

»Und wenn es uns umbringt«, ergänzte er.

»Na, so weit müssen wir dafür hoffentlich nicht gehen.«

Das letzte Stück ihres Weges fuhren sie auf der M4. Kurz vor Reading wies sie das Navi auf Bradleys Handy an, eine Abfahrt zu nehmen, die gar nicht existierte. Als sie sich der Stelle näherten, an der sie abbiegen sollten, fragte Bradley: »Und was machen wir jetzt? Hier ist doch gar kein Schild für irgendeine Abfahrt. Wir können doch nicht einfach querfeldein fahren, oder?«

Noch bevor Bex antworten konnte, sahen sie ein Schild, das auf eine kleine Straße deutete, die von der Autobahn abging. Baustellenzufahrt, stand in roten Buchstaben darauf.

»Das heißt nur, dass da eine Baustelle ist. Da wird wohl eine neue Straße gebaut oder so«, meinte sie.

»Ja …« Bradley klang gespannt. »Aber das Schild ist staubig und schmutzig vom Regen. Das steht schon seit Jahren da.« Er deutete nach links, wo die Straße von der Autobahn wegführte. »Und sieh mal – da sind Straßenlaternen. Seit wann gibt es denn an einer Baustellenzufahrt Straßenlaternen? Normalerweise stehen da doch nur temporäre Anlagen auf Masten, die mit Generatoren betrieben werden.«

»Nun, wir werden es herausfinden.« Bex wurde langsamer und lenkte den Wagen auf die Baustellenzufahrt. Sie erwartete, dass es holperig werden würde, doch die Straße war ordentlich asphaltiert. Sie folgten der Straße über einen Erdwall, hinter dem sie von der Autobahn aus nicht mehr zu sehen waren.

Etwa eine Minute später gelangten sie an einen Checkpoint mit einer Schranke. Ein uniformierter Security-Mann bedeutete ihnen anzuhalten, während ein zweiter in der Nähe stand und sie im Auge behielt. Bex fielen die diagonalen Riemen über der Brust auf. Sie waren beide gut gebaut, muskulös, mit kurz geschorenen Haaren und blassen blauen Augen. Wahrscheinlich Angehörige der Special Forces, die den MI6 unterstützten.

»Ich wette, sie haben halb automatische Waffen auf dem Rücken«, murmelte sie, als sie langsamer wurde.

»Da wette ich nicht dagegen«, erwiderte Bradley.

Der erste Security kam näher, während sein Kollege stehen blieb, eine Hand hinter dem Rücken, um schnell die Waffe ziehen zu können, falls Bex oder Bradley auch nur die geringste verdächtige Bewegung machten.

»Haben Sie sich verfahren, Ma’am?«, fragte er Bex, nachdem sie das Fenster heruntergelassen hatte.

»Wir sind verabredet«, antwortete Bex und deutete auf die Schranke. »Irgendwo dort.«

Der Mann nickte. Er schien nicht überrascht. Offensichtlich passierte so etwas immer mal wieder. »Ihre Namen?«

»Rebecca Wilson und Bradley Marshall.«

Er musste die Liste mit den Besuchern, die erwartet wurden, auswendig gelernt haben, denn er sagte nur: »In Ordnung. Sind Sie damit einverstanden, dass wir einen Iris-Scan machen?«

»Kein Problem«, antwortete Bex.

Während der Mann ein kleines Gerät von seinem Gürtel nahm, murmelte Bradley: »Und was würde passieren, wenn wir nicht einverstanden wären?«

»Halt die Klappe!«, zischte Bex.

Der Mann hielt ein Gerät hoch, das ungefähr so groß war wie ein Smartphone, und sagte: »Bitte sehen Sie in die Linse!«

Bex tat es. Einen Moment nahm ihr ein greller Blitz die Sicht. Als er zu einem grünen Fleck und dann zu einem roten Punkt verblasste, hörte sie den Security-Mann sagen: »Identität bestätigt. Jetzt Sie, Sir.«

Es blitzte erneut auf, und er verkündete: »Auch Ihre Identität ist bestätigt. Vielen Dank. Bitte fahren Sie etwa eine Meile weiter und parken Sie dann auf dem vorgesehenen Platz. Dort wird sie jemand abholen.«

Die Schranke ging hoch und Bex fuhr langsam weiter. Im Vorbeifahren lächelte sie dem Security-Mann zu. Er lächelte nicht zurück. So wie Bex die Mitglieder der Spezialeinheiten kannte, trug er denselben desinteressierten Gesichtsausdruck, wenn er jemanden erschoss. Auch wenn es direkt an der Autobahn M4 war.

Die Straße führte in einer weiten Kurve durch das Gelände. Zu beiden Seiten wuchs das Gras fast mannshoch. Auf den Stängeln wippten die Samen wie kleine Köpfe und versperrten ihnen die Sicht auf das, was dahinter lag. Nach ein paar Minuten verbreiterte sich die Straße zu einem Parkplatz. Dort standen etwa zwanzig Autos und zwei Busse – alles relativ gewöhnliche, relativ unauffällige Automarken.