Agile Demokratie - Juri Schnöller - E-Book

Agile Demokratie E-Book

Juri Schnöller

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Beschreibung

Künstliche Intelligenz hat in der Öffentlichkeit einen schweren Stand. Häufig zu hören: wahlweise übernehmen die großen Datenkraken oder gleich die Maschinen selbst die Macht. Mit der Folge: Die Demokratie erodiert. Wir müssen die KI vom Kopf auf die Füße stellen und ihre Vorteile nutzen lernen, sagt der Berliner Digitalisierungs- und Politikexperte Juri Schnöller. Dabei versucht er eine konstruktiv-progressive Perspektive einzunehmen. Das Buch bietet ein breites Spektrum von Fallbeispielen aus aller Welt, die zeigen, wie KI mit wenig Ressourcen eingesetzt werden kann, um die Demokratie zu stärken. Mit konkreten, umsetzbaren Empfehlungen, absolut praxisrelevant. Von der Kommunalpolitik bis zur großen Weltbühne. Ziel, so der Autor, ist eine agile Demokratie, die Potenziale, Chancen und Tools der KI nutzt, um besser und widerstandsfähiger zu werden. Hier steht erstmals sehr konkret, wie das praktisch umsetzbar ist.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Juri Schnöller

Agile Demokratie

WIE KÜNSTLICHE INTELLIGENZ BESSERE POLITIK ERMÖGLICHT

Inhalt

Kapitel 1Vorhang auf zum ChatGPT-Battle

Kapitel 2 Kleiner Exkurs: Die Technologierevolution ist längst im Gange, aber für viele noch zu abstrakt

Kapitel 3 Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles nichts!

Kapitel 4 Partizipation: Was wollt ihr, das wir machen?

Kapitel 5Wahlen: Das Heiligste unserer Demokratie muss geschützt werden

Kapitel 6 Recht: Was den Guten nutzt, nutzt auch den Bösen

Kapitel 7 Staat: Smart, agil und preußisch im besten Sinne – wie ein Staat heute sein muss

Kapitel 8Politik: Lagerfeuermomente statt Lethargie

Kapitel 9Output: Lernen, skalieren, iterieren. Für eine agile Demokratie mit Wirkung

Projektteam

Über den Autor

Kapitel 1 Vorhang auf zum ChatGPT-Battle

Fangen wir so an: Wir fragen ChatGPT 4.0, wie sich die Demokratie in Deutschland entwickeln wird und welche Rolle die künstliche Intelligenz (ab jetzt KI) darin spielen wird – und das mal gut, mal böse.

Also:

Du entwirfst ein utopisches und ein dystopisches Szenario für die KI-Demokratie in Deutschland. Schreibe zu jedem Szenario einen imaginären Nachrichtenbeitrag und bringe darin die utopischen und dystopischen Zukunftsvorstellungen ein, wie du dir als KI diese vorstellst.

Innerhalb von Sekunden rattern die Zeilen bei ChatGPT:

Utopie

++ SPIEGEL EIL ++: »Deutschland als Vorreiter: Ein Jahrzehnt der KI-Demokratie«

Berlin, April 2037 – Ein Jahrzehnt, nachdem Deutschland die KI fest ins demokratische und gesellschaftliche Gefüge integriert hat, zeigt sich das Land von einer Seite, die sowohl ökonomisch als auch sozial Maßstäbe setzt. »Mit KI haben wir eine gesellschaftliche Transformation vollzogen«, erklärt Bundeskanzlerin Aminata Touré bei den Feierlichkeiten zum Zehn-Jahres-Jubiläum der KI-gestützten Demokratie im Bundestag. Das Vorzeigeprojekt, das sogenannte »Bürger-Feedback-System«, ermöglicht eine direkte Einflussnahme der Bevölkerung auf die Politik – was die politische Arbeit in Deutschland grundlegend verändert. Aber auch abseits der politischen Bühne verbessert der KI-Einsatz das Leben in Deutschland.

Im Gesundheitswesen haben KI-gestützte Diagnosetools und personalisierte Behandlungspläne zu einer verbesserten Früherkennung und Behandlung von Krankheiten geführt. Im Bildungswesen, einst bekannt für veraltete Lehrpläne und angestaubte Overhead-Projektoren, sorgen jetzt KI-basierte Lernplattformen für individuell angepasste Lehrpläne, die den Lernerfolg deutlich steigern. Im Umweltschutz ermöglichen KI-Systeme zur Datenanalyse präzise Prognosen und effektives Ressourcenmanagement, wodurch Nachhaltigkeitsziele sogar übertroffen werden. Im öffentlichen Verkehr reduzieren intelligente Verkehrssysteme und autonomes Fahren Staus und verbessern die Effizienz im Nahverkehr.

Diese Entwicklungen illustrieren, warum Deutschland jetzt dank intensiver Anwendung von KI eine Vorreiterrolle in den G-20-Staaten einnimmt. »Unsere Vision einer KI-gestützten Gesellschaft hat sich bewahrheitet. Technologie hat uns geholfen, Barrieren abzubauen und ein neues Kapitel des sozialen Zusammenhalts und Wohlstands zu schreiben«, so Touré in ihrem Fazit. In dieser neuen Ära zeigt Deutschland der Welt, wie Innovation und Menschlichkeit gemeinsam eine bessere, gerechtere Zukunft für alle gestalten können.

Schöne Welt.

Dystopie

Reddit Subforum via VPN-Client: »Deutschlands KI-Politik – aus Hoffnung wurde Furcht«

Berlin, Juni 2038 – In Deutschland wächst laut neuesten Echtzeitumfragen die Besorgnis über den zunehmenden Einfluss der KI auf die politischen Entscheidungsprozesse. Das »Automated Policy Making«-System (APM) von Meta, das ursprünglich zur Effizienzsteigerung in der Verwaltung eingeführt wurde, steht im Zentrum der Kritik. »Wir haben die Kontrolle über die Algorithmen abgegeben, und jetzt zahlen wir den Preis«, sagt Oppositionsführer Kevin Kühnert (SPD). Kühnert ist einer der wenigen Oppositionellen, die sich noch öffentlich äußern. Die Bürgerrechtsaktivistin Lara H. teilt eine erschütternde Geschichte: »Ich wurde letzte Woche von der Polizei angehalten, weil eine Überwachungs-KI meine Gesichtsausdrücke als ›potenziell subversiv‹ einstufte. Meine Teilnahme an einer Demonstration gegen die Regierung wurde als Beweis gegen mich verwendet. Unsere Freiheit wird Stück für Stück von der KI gefressen.«

Hintergrund ist, dass die Regierungspartei AfD bei ihrer unerwarteten Machtübernahme die KI-Technologien adaptiert hatte, die ursprünglich zur Stärkung der Demokratie gedacht waren, und sie nun als Waffe gegen eben diese umwandelt.

Prädiktive Polizeiarbeit gegen politische Aktivisten

Unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit hat die AfD prädiktive Polizeimodelle aus China eingeführt, die angeblich dazu dienen, zukünftige Verbrechen von gewalttätigen Migranten zu verhindern. Tatsächlich werden diese Modelle verwendet, um politische Aktivisten und Oppositionelle zu überwachen. »Ich wurde wegen eines Verbrechens festgenommen, das ich nie begangen habe. Die KI ›sagte‹ voraus, dass ich an einer illegalen Demonstration teilnehmen würde«, berichtet ein Opfer dieser Praxis. Während in den Straßen immer mehr Demos stattfinden, in denen Bürger ihre Souveränität zurückfordern, wirft der zunehmende Einsatz von Überwachungsdrohnen und automatisierten Polizeikräften einen Schatten über die einst lebendige deutsche Demokratie. »Wir leben in einem Überwachungsstaat, der George Orwells 1984 wie eine harmlose Utopie erscheinen lässt«, sagt ein Demonstrant, dessen Identität durch die allgegenwärtigen Kameras längst kein Geheimnis mehr ist. »Wenn wir jetzt nicht handeln, werden zukünftige Generationen in einer Welt aufwachen, in der Freiheit nur noch ein Wort in den Geschichtsbüchern ist«, sagt der knapp 50-jährige Kühnert, der schon lange als Bundestagsabgeordneter tätig ist.

Warum eine agile Demokratie?

Demokratie ist ein Sehnsuchtsort der Freiheit und gleichzeitig auch ein mühsames ständiges Ringen um Mehrheiten. Die Frage, wohin dieses Experiment im 21. Jahrhundert steuert, ist aktueller denn je.

Denn die Demokratie ist kein statisches Konstrukt, sondern ein ständiges Auskämpfen und Kompromissefinden. Was für uns in Deutschland und Europa seit vielen Jahrzehnten selbstverständlich ist, gilt in vielen Teilen der Welt indes weiter als ferne Utopie. Zahlreiche Länder erleben einen Rückgang bei den Schlüsselindikatoren demokratischer Leistung. Nach dem Demokratieindex der Economist Intelligence Unit leben aktuell nur acht Prozent der Weltbevölkerung in einer voll funktionsfähigen Demokratie, während weitere 37 Prozent in sogenannten »fehlerhaften Demokratien« leben und 55 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt nicht in demokratischen Systemen. Die wachsenden Bedrohungen der Demokratien sind der Rechtspopulismus, das zunehmende Misstrauen gegen die politische Kaste und geopolitische Verwerfungen, die die Furcht der Bürgerinnen und Bürger verstärken.

Mitten in die Vertrauenserosion der repräsentativen Demokratie bricht die technologische Revolution mit künstlicher Intelligenz mit brachialer Geschwindigkeit hinein. Spätestens seit dem Hype um generative KI und dem kometenhaften Aufstieg von ChatGPT im Herbst 2022, stellt sich unmittelbar die Frage, welche Auswirkungen diese nächste absehbare technologische Revolution auf unsere Demokratie und Gesellschaft haben wird. Yuval Noah Harari sagt, dass KI mit dem Zugang zur Sprache das »Betriebssystem der Menschheit« gehackt hat. Zumal die Fähigkeit von KI-Systemen, überzeugende Narrative und Diskurse zu schaffen, das Risiko birgt, dass sie nicht nur die öffentliche Meinung beeinflussen, sondern auch die Art und Weise, wie Politik verstanden und betrieben wird.

Die Welt zum Guten verändern

KI wird – das ist heute bereits klar – eine der Schlüsseltechnologien der Menschheitsgeschichte und damit bietet sie viele Potenziale, um sie zum Wohle der Gesellschaft zu nutzen. Und genau jetzt ist der Moment, sich den strukturellen und systemischen Fragen zu stellen, die KI aufwirft.

Wir müssen die ethischen, sozialen und politischen Dimensionen der KI verstehen und aktiv mit eigenen Ideen und Vorstellungen gestalten, bevor sie uns wortwörtlich überrollen.

Aber: Die Geschwindigkeit, mit der KI-Technologien voranschreiten, und ihre Fähigkeit, tief in das gesellschaftliche Gewebe einzudringen, machen es auch unerlässlich, jetzt zu handeln.

Eines ist klar: Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, könnten wir eine Zukunft erleben, in der Algorithmen unsere Wahrnehmung zunehmend autark formen und unsere demokratischen Werte untergraben, ohne dass wir es merken.

Dieses Buch zeigt, wie KI die Welt zum Guten verändern kann – wenn wir jetzt handeln. Es entwirft ein Szenario, wie KI als Instrument zur Förderung einer starken und resilienten Demokratie genutzt werden kann. Wir verstehen es als einen konkreten Denkanstoß für Interessierte, Entscheidungsträger und Bürger, um die wachsende Komplexität unserer Demokratie im Kontext von künstlicher Intelligenz zu verstehen und aktiv mitzugestalten.

Wir nennen es agile Demokratie.

Wie geht das? Wie wird eine Demokratie agil? Denn Demokratie, das komplexe, oft schwerfällige Schiff unserer gesellschaftlichen Ordnung, scheint auf den ersten Blick kaum kompatibel mit der Iterationsfähigkeit und Flexibilität, die Agilität verspricht. Demokratische Prozesse sind durch Checks and Balances, hohe Komplexität, intensive Debatten und den unabdingbaren Respekt vor Minderheiten gekennzeichnet – allesamt Merkmale, die Zeit und Kompromiss erfordern. Wie kann also eine solche zivilisatorische Errungenschaft »agil« sein, ohne ihre eigentliche Seele zu verlieren?

Das Prinzip des »lernenden Staats«

Agil ist, wer in der Lage ist, sich an neue Herausforderungen und sich immer schneller verändernde gesellschaftliche Bedingungen mit präzisen und evidenzbasierten Maßnahmen anzupassen.

Diese Perspektive verlangt von politischen Institutionen, sich als lernende Organisationen zu verstehen, die kontinuierlich Erfahrungen sammeln, aus Fehlern lernen und ihre Handlungslogiken verändern.

Die Bundestagsabgeordneten Thomas Heilmann und Nadine Schön haben 2020 in ihrem Buch Neustaat das Konzept des »lernenden Staats« skizziert. Ein »lernender Staat« initiiert tiefgreifende Änderungen in Staat und Verwaltung, die weit über isolierte Einzelmaßnahmen hinausgehen. Eine solche Herangehensweise ermöglicht es idealerweise dem Staat, sein Handeln fortwährend und in regelmäßigen Zyklen zu überprüfen, erfolgreiche Maßnahmen beizubehalten und ineffektive Strukturen anzupassen. Dabei schaut der Staat nicht nur zurück, sondern auch voraus, um sich schneller auf Veränderungen vorbereiten zu können. Und ein »lernender Staat« bildet sozusagen das Fundament für die agile Demokratie.

Die agile Demokratie ist, per Definition, die transformative Evolution demokratischer Prozesse durch den Einsatz intelligenter Technologien, die es ermöglichen, Entscheidungen schneller, transparenter und intelligenter zu treffen. Sie nutzt die Macht der KI, um bürokratische Trägheit zu überwinden und die Teilhabe der Bürger am politischen Diskurs zu intensivieren, wodurch eine kontinuierliche und dynamische Anpassung an gesellschaftliche Bedürfnisse und Herausforderungen ermöglicht wird. KI wird somit zum Beschleuniger politischer Teilhabe, ohne dass der deliberative Charakter der Demokratie verloren geht. In diesem Sinne agiert der Ansatz von agiler Demokratie als Katalysator für ein politisches System, das nicht nur reagiert, sondern proaktiv lernt, sich entwickelt und somit das Vertrauen der Gesellschaft in ihre Institutionen dauerhaft stärkt.

Wir müssen es schon selbst richten

Dass die KI jegliche politische und gesellschaftliche Herausforderung lösen könnte, ist jedoch eine gefährliche Illusion. Sie übersieht die Komplexität menschlichen Handelns, die Nuancen politischer Entscheidungen und die Unvorhersehbarkeit gesellschaftlicher Entwicklungen. Die KI ist perfekt, um große Datenmengen zu analysieren und Muster zu erkennen, aber die Werte, Prioritäten und Ziele, die unsere politischen Entscheidungen leiten, müssen von uns, den Bürgern und Entscheidungsträgern, festgelegt werden. Wir können uns da nicht aus der Verantwortung ziehen, wir müssen es schon selbst richten.

KI ist ein wichtiges Werkzeug, das, wenn es klug eingesetzt wird, die Agilität unserer Demokratie signifikant steigern kann. Sie kann Prozesse optimieren, Transparenz schaffen und die Teilhabe der Bürger am politischen Diskurs vertiefen.

Die agile Demokratie betrachten wir nicht als theoretisches Konzept aus dem Elfenbeinturm – sondern als konkrete Anleitung, um das Vertrauen in das politische System mit KI wiederherzustellen.

Die agile Demokratie ist der Auftakt – nicht das Ende. KI ist der Katalysator für eine Demokratie, die lernt, sich anpasst und stetig verbessert.

Vor allem ist das alles kein utopischer Traum. Es ist eine machbare Realität – vorausgesetzt, wir wählen bei KI auch einen Weg der ethischen Verantwortung und des klaren Bekenntnisses zum Allgemeinwohl. Das braucht Zeit, Ressourcen, Geld, Personal. Deshalb ist dieses Buch auch ein Aufruf, in Diskussionen, Forschung und Anwendung das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen neu zu beleben und unsere Gesellschaft robust zu machen und für die Zukunft gut zu rüsten. Es geht nicht darum, ob eine bessere Demokratie möglich ist. Es geht darum, wie wir sie gemeinsam gestalten.

Erfinden wir die Demokratie mit KI neu – oder wir laufen Gefahr, dass sie langsam sterben wird.

Wir können es uns nicht mehr leisten, passive Beobachter in einer Welt zu sein, die zunehmend von KI bestimmt wird. Im Zentrum unserer Untersuchung steht die Herausforderung, die Potenziale der KI für eine lebendige und robuste Demokratie zu nutzen, ohne dabei grundlegende demokratische Werte und Prinzipien zu gefährden. Wie können wir sicherstellen, dass KI-basierte Systeme und Algorithmen nicht nur effizient, sondern auch fair, ethisch und im Einklang mit den demokratischen Idealen des Grundgesetzes sind?

Das Operating Model der agilen Demokratie

Input, Umsetzung und Output – warum ist uns dieser spezifische Dreiklang in diesem Buch als Vorgehensweise und Leitfaden so wichtig? Weil er die Struktur einer agilen Demokratie nicht nur abbildet, sondern auch aktiv mit konkreten Ideen und Maßnahmen fördert. Input, Umsetzung und Output sind die Grundpfeiler, auf denen die Interaktion zwischen Bürgern und Staat ruht. Sie sind die tragenden Säulen, die eine dynamische, anpassungsfähige und effektive Demokratie definieren – eine Demokratie, die bereit ist, auf die rapiden Veränderungen unserer Zeit zu reagieren.

Input steht für die Grundlage jeder lebendigen Demokratie: die vielfältigen Stimmen, Meinungen und Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger. Die Leitfrage hier lautet: Wie können wir mithilfe von KI mehr politische Teilhabe und Bildung fördern und somit bessere Ideen für die Demokratie generieren? Das betrifft insbesondere die Themen Bildung, Partizipation und demokratische Wahlen.

Umsetzung: Die »Verarbeitung« innerhalb des agilen Demokratiemodells ist das zentrale Scharnier, um Daten in strukturierte, durchführbare politische Maßnahmen zu transformieren. Dieser Prozess ist entscheidend für die Vitalität und Effektivität der Demokratie und ruht auf den drei Säulen Justiz, Staat und Politik.

Der Output ist schließlich das Endprodukt dieses Prozesses. Es ist das, was in der Öffentlichkeit als politisches Handeln sichtbar wird. Ein effektiver Output ist das direkte Spiegelbild der Bedürfnisse und Wünsche der Bürger, realisiert durch zeitnahe und eine qualitativ hochwertige Umsetzung. Diese Maßnahmen sind es, die den Alltag der Menschen unmittelbar berühren und verbessern und damit den wahren Wert und die Relevanz des demokratischen Systems beweisen. Deshalb geht es im letzten Teil um die Handlungsfelder: um eine lernende agile Demokratie, um eine konkrete Roadmap zur Implementierung, darum, wie Organisationen ihren KI-Reifegrad verbessern, und selbstverständlich um unsere Rolle als Bürger in der KI-basierten agilen Demokratie.

Bevor wir jetzt in medias res gehen, wollen wir noch eine kurze Bestandsaufnahme zur KI vornehmen. Wir haben diesbezüglich Janina Mütze von Civey gebeten, in einer bevölkerungsrepräsentativen Studie zu untersuchen, wie die Bürgerinnen und Bürger zur KI im Hier und Jetzt stehen.

Here are the results!

Kapitel 2  Kleiner Exkurs: Die Technologierevolution ist längst im Gange, aber für viele noch zu abstrakt

Im Ergebnis zeigt unsere Studie: Je konkreter der Nutzen, desto größer ist die Offenheit in der Bevölkerung für KI

von Janina Mütze, Co-Gründerin und CEO Civey

Janina Mütze (Jahrgang 1990) ist Mitgründerin und Geschäftsführerin von Civey. Darüber hinaus ist sie unter anderem Mitglied des Beirats der Berliner Sparkasse. Sie engagiert sich für die Themen Transformation und Digitalisierung, gesellschaftlicher Wandel sowie Führung und Unternehmertum. Sie ist außerdem Mitglied im Beirat für Gründungen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und Kolumnistin für verschiedene Tages- und Fachmedien. Gesellschaftspolitische Entwicklungen ordnet Janina Mütze zudem regelmäßig als Expertin für Wahlanalysen und Umfragen des Fernsehsenders WELT ein.

Man muss gar nicht so weit schauen, wenn man sich eine Vorstellung darüber verschaffen möchte, wie unser Miteinander im Alltag dank künstlicher Intelligenz künftig aussehen könnte. Um genau zu sein: Es reicht ein Blick nach Hamm in Westfalen. Dort steht seit Sommer 2023 Deutschlands erste KI-Ampel. Sie gibt Radfahrern Vorrang, verlängert die Grünphasen für Fußgänger, wenn etwa nach Schulschluss ganze Horden von Schülern über die Straße wollen – oder jemand mit dem Rollator länger braucht. Und sie bevorzugt Autos aus der Richtung, in der es sich staut. Für einen möglichst reibungslosen und sicheren Verkehrsfluss lernt sie täglich dazu. Man kann aber auch nach Hamburg schauen: Dort kommen Eltern mithilfe eines KI-Sprachassistenten ohne großen Papierkram und Behördengänge kinderleicht an ihr Kindergeld und weitere Verwaltungsdienstleistungen rund um die Geburt.

Mit anderen Worten: Künstliche Intelligenz ist längst da. Ihr Potenzial für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, für die Art und Weise, wie wir zusammenleben, ist bahnbrechend – eine echte Technologierevolution eben. Dennoch zeigt sich in der Bevölkerung ein fast dystopisches Bild. Die Hälfte der Deutschen lehnt KI schlichtweg ab, noch mehr denken, wir werden langfristig die Kontrolle über künstliche Intelligenz verlieren. Zwei Drittel der Menschen in unserem Land können sich nicht vorstellen, dass KI beitragen wird, komplexe gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Es ist zwar ein bekanntes Phänomen, dass neue Technologien Skepsis in der Bevölkerung auslösen. Doch wie das 2024 erschienene Edelman Trust Barometer zeigt, ist die Ablehnung in Deutschland stärker als im weltweiten Vergleich.1 Was steckt dahinter?

Civey hat in dieser bevölkerungsrepräsentativen Studie genauer nachgefragt: Welche konkreten Sorgen stecken hinter dem Kontrollverlust, welche Risiken verbinden die Menschen in Deutschland konkret mit künstlicher Intelligenz – und sehen sie auch Chancen? Was uns besonders interessiert hat. Bleibt die Ablehnung von KI auch bestehen, wenn wir möglichst konkrete Verwendungsbeispiele abfragen, die das komplexe Thema KI greifbarer machen? Dazu haben wir Beispiele aus Politik und Verwaltung herangezogen.

Die Sorgen in der Bevölkerung kreisen neben der Beherrschbarkeit vor allem um den möglichen Missbrauch von KI. Nicht immer richtet sich die Angst gegen die künstliche Intelligenz an sich (»Kontrollverlust«, »Abhängigkeit«), sondern wird häufig mit der Frage verbunden, in wessen Händen diese zum Einsatz kommt. Absender von Fake News beispielsweise können ihre Botschaften mithilfe von KI noch einfacher, schneller, passgenauer und billiger produzieren und verbreiten. Mit über 70 Prozent wird kein Risiko häufiger genannt als »Verbreitung von Falschinformationen«. Auch Datenschutzbedenken betreffen die sachgerechte Verwendung von KI: Werden die Informationen, mit denen KI gefüttert wird, nicht ausreichend geschützt, besteht die Gefahr des Missbrauchs oder des unberechtigten Zugriffs durch Dritte.

KI-Systeme können auch verwendet werden, um große Datenmengen zu analysieren und detaillierte Profile von Einzelpersonen zu erstellen. Große Teile der Bevölkerung denken bei KI-Risiken außerdem an den Einsatz autonomer Waffen oder an Diskriminierung. Ähnlich ist es bei der hohen Verantwortung derjenigen, die KI-Algorithmen mit Daten trainieren.

Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille: die konkreten Chancen mit KI. Allen voran: Fortschritte in der Forschung, mehr Effizienz durch Automatisierung und präzisere Diagnosen im Gesundheitswesen. Jeweils mehr als vier von zehn Befragten sehen hier Potenziale. Auch den Verkehr sieht mehr als jeder Vierte als einen Bereich, der vom Einsatz von KI profitieren kann. Dass wir aber von Technologieoffenheit bis Know-how noch erheblichen Aufholbedarf haben, zeigt dieses Ergebnis: Rund drei von zehn Befragten sehen überhaupt keine Chancen durch KI – oder wissen zu wenig darüber, um die Frage beantworten zu können.

Wir haben deshalb die Einstellung zu mehreren konkreten Beispielen für den Einsatz von KI in Politik und Verwaltung abgefragt. Die Ergebnisse werfen ein anderes Licht auf die Grundhaltung der Deutschen: Verbunden mit konkreten Vorteilen für Bürgerinnen und Bürger steigt deren Offenheit gegenüber KI deutlich an – mit Zustimmungswerten von jeweils über 50 Prozent. Am deutlichsten wird dies bei unserem Szenario Naturkatastrophen: Acht von zehn Deutschen sind der Meinung, Politik und Verwaltung sollten KI nutzen, um zum Beispiel Überschwemmungen, Waldbrände oder Stürme früher zu erkennen.

Mehr als zwei Drittel der Deutschen wünschen sich darüber hinaus den Einsatz von KI, um lange Wartezeiten bei Behördengängen zu vermeiden. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung befürwortet (in absteigender Reihenfolge), dass mithilfe von KI die Effizienz in der Verwaltung erhöht wird, Dokumente und Gesetzestexte sprachlich vereinfacht und Steuergelder wirkungsvoller eingesetzt werden.

Weniger abstrakt über die KI sprechen

Aufschlussreich ist auch ein Blick auf die politischen Lager: Die Anhängerinnen und Anhänger der AfD sehen insgesamt am wenigsten Chancen in der Verwendung von KI. Unter ihnen ist die Zustimmung zu den von uns verwendeten GovTech-Beispielen am geringsten. Die Wählerinnen und Wähler der Grünen hingegen verbinden mehr Chancen mit KI als alle anderen politischen Lager und sind die stärksten Befürworter der von uns abgefragten Fälle. Grundsätzlich lässt sich festhalten: Schaut man positiver in die Zukunft, erhöhen sich die Chancen für die KI.

Ob Zukunftsmusik oder längst Realität, unsere Beispiele zeigen: Den Deutschen aufgrund ihrer Vorbehalte und Ängste eine pauschale Ablehnung von KI zu unterstellen, greift zu kurz. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Und: Wenn wir möglichst viele Menschen auf dem Weg ins Neuland mitnehmen wollen, sollten wir zunächst weniger nebulös und mehr praxisorientiert über künstliche Intelligenz sprechen. Solange die eigene Betroffenheit und der mögliche Nutzen nicht verstanden werden, herrschen ideale Bedingungen für vage Zukunftsängste. So ist schließlich mehr als jede und jeder Zweite der Meinung, dass die Bundesregierung die berufliche Aus- und Weiterbildung für den Umgang mit künstlicher Intelligenz finanziell fördern sollte. Andere Länder tun sich dafür zum Teil bereits mit der Tech-Industrie zusammen.

Eine breit angelegte Bildungsoffensive ist allerdings weder von staatlicher Seite noch in der Wirtschaft in Sicht. Selbst in Unternehmen, die mit KI arbeiten, sind Schulungen für Mitarbeitende noch kein Standard. Auf diese Weise bleibt der Begriff KI für die einen abstrakt, während andere längst daran arbeiten, mit intelligenter Technologie schneller und günstiger Medikamente zu entwickeln oder den Klimawandel aufzuhalten. Höchste Zeit für einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über den Wandel, in dem wir uns längst befinden.

© Grafiken: Civey

Anmerkung

1 Edelman Trust Barometer 2024: Germany Report, S. 14 und Global Report, S. 14.

Kapitel 3  Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles nichts!

Schon Sokrates wusste: »Bildung ist das Entfachen einer Flamme, und nicht das Füllen eines Gefäßes.« Wir brauchen eine starke Flamme in diesen Tagen – mehr denn je. Der Nukleus jeder konstruktiven Veränderung im Kontext künstlicher Intelligenz ist unser Wissen als Gesellschaft. Und zwar nicht von wenigen, sondern von so vielen wie möglich.

Eine Demokratie, die nicht nur auf dem Papier agil sein will, setzt auf das Fundament der mündigen Bürger: auf Individuen, die nicht nur bereit sind, ihre Stimme zu erheben, sondern sich auch aktiv einzumischen. Hier kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel, nicht als kalte Maschine, sondern als Katalysator, der die Türen weiter als bisher aufstößt – für jeden. Sie ist der Hebel, der den Bildungsfahrstuhl nicht nur in Gang setzt, sondern sicherstellt, dass niemand zwischen den Etagen stecken bleibt. Ganz gleich, in welchen geografischen oder sozialen Koordinaten wir uns verorten.

Die künstliche Intelligenz transformiert Schulen mit personalisierten Lerngefährten und adaptiven Lehrmaterialien, sie revolutioniert die Weiterbildung in Unternehmen durch maßgeschneiderte digitale Unterstützung und überbrückt Sprachbarrieren bei Migranten, um dem Fachkräftemangel entgegenzutreten. Am Ende des Tages steht Alexander von Humboldt 2.0: technologisch upgegraded, bereit, eine Generation von agilen Bürgern und Mitarbeitern zu befähigen. Also, fangen wir endlich an, auf den KI-Express aufzuspringen – ein Zurück gibt es sowieso nicht mehr.

Letztlich war es ein einfacher Jobwechsel, der die Bildung in Deutschland grundlegend erneuerte. Wilhelm von Humboldt, ein Adeliger aus Berlin-Tegel, arbeitete als »Preußischer Gesandter am Heiligen Stuhl in Rom«, ein eher gemütlicher Posten mit vielen Annehmlichkeiten. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts stand Preußens Monarchie unter Druck, der preußische Militärstaat hatte abgewirtschaftet, die Staatsbehörden mussten reorganisiert werden, es bestand dringender Handlungsbedarf, um den maroden Staat in eine neue Zeit zu führen. Mit der Berufung von Humboldt zum Leiter der »Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichts« sollte endlich die Bildungsmisere in Preußen beendet werden.

Agilität war gefordert. Der neue Staat brauchte gebildete Bürger, keine unwissenden Untertanen.

Humboldt schwebte im Kern ein humanistisches Bildungsideal mit einer ganzheitlichen Erziehung vor, sowohl künstlerisch-wissenschaftlich als auch kosmopolitisch-empathisch. Vor allem sollte Bildung nicht länger an eine Standeszugehörigkeit gebunden sein.

Die Devise lautete: Bildung möglichst für alle. Eine Revolution für damalige Verhältnisse. Humboldt etablierte in der Folge ein dreistufiges Unterrichtssystem, in dem Volksschule, Gymnasium und Universität die kirchlichen, privaten und städtischen Einrichtungen ablösten. Er setzte auf das »Lernen des Lernens« und darauf, dass ein autonomes Individuum sich zu einem selbstbestimmten und mündigen Bürger entwickelt.

Das klingt heute alles weit weg und doch so modern. Das humboldtsche Bildungsideal prägte Preußen, später Deutschland, und bedingte nicht zuletzt auch deutsche Geisteshöchstleistungen. Mag der eine oder die andere jetzt denken, das sei doch alles lange her. Stimmt, aber der humboldtsche Bildungsansatz ist im Kern über alle Zeiten hinweg modern geblieben. Selbst im bevorstehenden KI-Zeitalter werden wir auf ihn zurückgreifen können.

KI als Grundsanierung für unser Bildungssystem

Denn dahinter steckt ein Bildungsideal, die perfekte Vorstellung, was ein Mensch braucht, um für seinen Lebensweg bestmöglich gerüstet zu sein. Das Problem: Bildungsideale sind keine Museumsstücke, die man unangetastet in der Vitrine verstauben lässt. Sie schreien nach Evolution, nach einer Symbiose mit den Lebensrealitäten und den technologischen Sprüngen unserer Zeit. Zumal wir in Deutschland Gefahr laufen, uns an betrübliche Bildungsnachrichten zu gewöhnen: PISA-Versager, hohe Schulabbrecherquote, steigende Gewalt an Schulen, wachsende Unbildung, gravierender Lehrermangel, hohe Krankenstände, Burn-out bei Lehrkräften. Dabei könnte mit KI das Bildungssystem an den größten Baustellen grundsaniert werden. Inklusive der Vorstellung eines mündigen Bürgers in einer agilen Demokratie.

Genau hier setzt meine Vision an. Das Ziel: konkrete Gedanken zu einer grundlegenden KI-basierten Bildungsreform. Anspruch: Stärkung einer instabiler werdenden Demokratie durch die beste Bildung. Oder anders ausgedrückt: die Rückkehr Humboldts in das kommende KI-Zeitalter.

Bildung macht Zukunft: Von den Menschen mit akademischem Abschluss oder Berufsausbildung sind zwei bis drei Prozent arbeitslos, unter solchen ohne Abschluss sind es 20 Prozent. Philip Banse und Ulf Buermeyer schreiben treffend in ihrem Buch Baustellen der Nation: »Wir lösen das Wohlstandsversprechen nicht mehr ein. Ein gerechtes Bildungssystem prägt nicht nur die individuellen Lebenschancen. Es formt auch die Gesellschaft.«1

Die Zahl der »Ungebildeten« steigt. Sie bleiben vielerorts ausgegrenzt. Ein gefährlicher Nährboden für Populisten und ihre Botschaften. »Die da oben« hätten Schuld, dass die da unten nichts zu melden hätten.

Die Tristesse der Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien wie PISA oder IGLU, das schleichende Gift sinkender Qualität bei Schulabschlüssen, die alarmierenden Zahlen der Schulabbrecher – all das skizziert ein Szenario, bei dem klar wird: Unser Bildungssystem schreit förmlich nach einer tiefgreifenden, ja, einer radikalen Reform.

Im Dezember 2023 war wieder Zeit für eine trübe Bilanz. Alle drei Jahre werden die Kompetenzen von 15-jährigen Jugendlichen beim Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften abgefragt. Es ist ein Multiple-Choice-Test, er dauert zwei Stunden, weltweit nahmen 2022 rund 690 000 Schülerinnen und Schüler teil, in Deutschland waren es 6100.

Das Ergebnis aus deutscher Sicht: Knapp ein Drittel der 15-Jährigen hat in mindestens einem der drei getesteten Felder nur sehr geringe Kompetenzen. Etwa jeder sechste Jugendliche in Deutschland hat in allen drei Bereichen deutliche Defizite. Länder wie Singapur, Taiwan oder Japan haben alle zugelegt, Deutschland ist OECD-Durchschnitt.

Gretchenfrage: Warum stecken wir aktuell in dieser Bildungskrise?

Die Frage öffnet die Tür zu einer Komplexität, die charakteristisch für unsere Bildungslandschaft ist. Sie ist ein Labyrinth, konstruiert aus mangelnden Investitionen, kaum individueller Förderung, einem fast schon kafkaesken und dauerhaft zementierten Kompetenzwirrwarr zwischen Bund und Ländern, dem Fehlen eines einheitlichen, zeitgemäßen Leitbilds für unser Bildungswesen für die Gesellschaft der kommenden Jahrzehnte.

Beginnen wir mit den Investitionen – oder besser gesagt, dem eklatanten Mangel daran. Bildung in Deutschland leidet unter chronischer Unterfinanzierung, eine Situation, die durch den internationalen Vergleich gnadenlos offengelegt wird. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt und finden uns dennoch im unteren Mittelfeld von Bildungsinvestitionsrankings wieder. Dieser finanzielle Geiz ist nicht nur kurzsichtig, sondern auch ein Verrat an zukünftigen Generationen, deren Potenzial durch die Begrenzung der Ressourcen, die für ihre Ausbildung zur Verfügung stehen, künstlich eingeschränkt wird.

Die Möglichkeiten sind immens, die Chancen groß und in einem Land wie Deutschland, das von der Ressource Bildung abhängig ist, eine Notwendigkeit. Uns fehlen die glitzernden Bodenschätze, das Öl, das Gas, die seltenen Erden. Alles, was wir haben, sind die brillanten Köpfe unseres Landes. Das Land vieler Denkerinnen und Dichter. Aber investieren wir auch adäquat in diese Ressource? Die nackte Wahrheit ist: Nein. Als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt dümpeln wir im OECD-Bildungsausgabenranking 2020 auf einem beschämenden Platz 22 herum. Mit einem Anteil von 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung liegen wir unter dem OECD-Durchschnitt von 5,1 Prozent.2 Es ist an der Zeit, diesen Zustand nicht nur zu hinterfragen, sondern radikal umzukrempeln.

Es ist eine Sünde an den kommenden Generationen und ihrem Wohlstand, Bildung so fahrlässig zu behandeln.

Das Kompetenzwirrwarr zwischen Bund und Ländern trägt ebenfalls zur Misere bei. Das föderale System, so wertvoll es für die Berücksichtigung regionaler Besonderheiten sein mag, hat sich zu einem Hemmschuh für die notwendige Reformdynamik entwickelt. Jedes Bundesland kocht sein eigenes Bildungssüppchen, was zu einer zerklüfteten Landschaft von 16 verschiedenen Bildungssystemen führt. Diese Zersplitterung macht es nahezu unmöglich, einheitliche Standards zu setzen oder innovative Ansätze flächendeckend zu implementieren.

In Summe entsteht ein Bild von Deutschlands Bildungskrise, das nicht auf einfache Ursachen zurückzuführen ist, sondern auf eine komplexe Gemengelage verschiedenster Faktoren.

Es ist ein Systemversagen, das einer grundlegenden Neuordnung bedarf.

Nichtakademikerkinder haben schlechte Karten

Bildungserfolg hat mit Herkunft zu tun. Das, was schon Humboldt vermeiden wollte – Bildung solle keine Frage der Standeszugehörigkeit sein –, haben wir wieder fest zementiert. Tatsächlich kann Bildung keinen Aufstieg mehr gewährleisten. Noch immer ist der akademische Erfolg von Kindern vom Abschluss der Eltern abhängig. Akademikerkinder haben eine dreimal so große Chance auf einen Bachelorabschluss – das ist das Ergebnis einer Studie des Stifterverbands für die Wissenschaft und der Unternehmensberatung McKinsey. Und auch im Hinblick auf Abschlüsse sieht es kaum besser aus. Bei hundert Kindern von Nichtakademikern schließen nur elf das Masterstudium ab, bei Akademikerkindern liegt die Zahl bei 43.3

Hohe Unzufriedenheit wegen mangelnder Bildung

Der »Chancenmonitor 2023« des Münchner ifo Instituts unterstreicht die dramatische Ungerechtigkeit in der Bildungsverteilung: Die Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium zu besuchen, für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen mit Migrationshintergrund liegt bei 21,5 Prozent, im Vergleich zu 80,3 für Kinder aus wohlhabenden, akademischen Familien ohne Migrationshintergrund.4

Bildung ist und bleibt offenbar eine Sache der Herkunft. Und das hat nicht nur Folgen für den Lebensweg der Betroffenen, das hat auch dramatische Folgen für Demokratie und Gesellschaft. Nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung sind inzwischen nur noch 49 Prozent der Bevölkerung mit der Demokratie zufrieden, und die Unzufriedenheit ist besonders hoch bei niedrigeren Bildungsabschlüssen.5

Konkret: Je ungebildeter, desto demokratiefeindlicher. Je weniger Bildung, desto weniger Vertrauen in die Demokratie.