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Von seinem trunksüchtigen Vater verprügelt und von der Dorfjugend schikaniert, kann der heranwachsende Ahren sein Glück kaum fassen, als er bei der alljährlichen Eignungsprüfung von Falk dem Waldläufer als Lehrling auserwählt wird. Bei ihm lernt er das Bogenschießen und den Kampf gegen Dunkelwesen, bis am Tag der Frühlingszeremonie etwas Unerwartetes geschieht: Als Ahren den Götterstein berührt, beginnt dieser zum ersten Mal überhaupt zu leuchten. Kurze Zeit später taucht ein mürrischer Magier auf und treibt Falk und Ahren zur Eile an, denn etwas Böses ist dabei, zu erwachen. Gemeinsam mit seinen ungleichen Gefährten begibt sich der junge Waldläufer auf eine gefahrvolle Reise zum Immergrün, dem Reich der Elfen, um deren Hilfe zu erbitten. Doch die Zeit ist knapp, denn ER, DER ZWINGT, hat es auf Ahren abgesehen und ER setzt alles daran, ihn zu vernichten.
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Torsten Weitze
AHREN
Der 13. Paladin
Band I
Geneigte Leser:Wenn ihr meine Bücher mögt, sprecht darüber und teilt meine Links.
Es gibt nichts Schöneres für eine Geschichte,als zum ersten Mal erlebt zu werden…
Impressum
© Torsten Weitze, Krefeld, 2017Bild: Petra Rudolf / www.dracoliche.deLektorat/Korrektorat: Janina Klinck | www.lectoreena.de
Torsten Weitze c/o LAUSCH medien
Bramfelder Str. 102a
22305 Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
www.tweitze.de | Facebook: t.weitze | Instagram: torsten_weitze
Inhalt
768 Jahre zuvor
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Epilog
768 Jahre zuvor
Langsam schälten sich die Gestalten aus der senkrecht emporragenden Rauchsäule, die zunehmend dichter wurde. Obwohl unterschiedlich in Gestalt und Rasse war ihnen allen derselbe Gesichtsausdruck gemein, der irgendwo zwischen Erschöpfung, Zufriedenheit und Ratlosigkeit schwankte. Sie kletterten die letzten Schritte den Rand des soeben entstandenen Kraters empor und drehten sich um. Wortlos starrten sie eine Weile die gut tausend Schritt durchmessende Rauchsäule empor, die sich gleichmäßig und dicht, wie eine schwarze Wand, vor ihnen erhob und das Wesen in ihrem Inneren vor den Blicken der Schöpfung verbarg.
Eine der Gestalten fragte müde, ohne den Blick abzuwenden: »Wird es reichen?«
»Es muss genügen«, kam die Antwort von einem der anderen. »Mehr können wir nicht erreichen, solange einer fehlt.«
Eine kurze Pause setzte ein, bis die Stimme weitersprach: »Wenn alles nach Plan verläuft, ist es ja nur für eine kurze Weile.«
Nach und nach drehte sich die zerlumpte Gruppe um und ließ die Rauchsäule hinter sich, die, dem Wind und der Zeit trotzend, wie ein mahnender schwarzer Finger geradewegs in den Himmel ragte.
1. Kapitel
Ahren wurde durch das plötzlich einsetzende Quaken eines Ogerfrosches geweckt.
Er schreckte hoch und blickte benommen auf die gut einen Unterarm messende Kreatur hinab, die ihn so unsanft geweckt hatte.
Stirnrunzelnd verscheuchte er den Störenfried mit einem Handwedeln und der Frosch brachte sich mit einem gewaltigen Satz in den Fluss vor dem schlaftrunkenen Jungen in Sicherheit.
»Blöder Frosch«, murrte Ahren vor sich hin und griff nach seiner Angel.
Erst jetzt fiel ihm die fehlende Intensität der Farben in seiner Umgebung auf, wie sie nur die Dämmerung hervorrief.
»Die drei mit mir!«, entfuhr es dem nun hellwachen Jungen, der plötzlich realisierte, dass er den ganzen Nachmittag verschlafen hatte. Ein genauerer Blick auf seine Angel sagte ihm, dass zwischendurch ein recht großer Brocken angebissen haben musste, denn die Schnur war gerissen. Seufzend überlegte er, was für ein Prachtbursche das gewesen sein musste und wie er nur das Zerren der Angelschnur hatte verschlafen können.
Er kannte die Antwort, als er sich umblickte.
Hier, in der Biegung des Flusses, war er vor dem Wind geschützt, fernab aller anderen Dorfbewohner und ihrer Tätigkeiten. Die Weiden hingen tief über dem vier Schritt breiten Fluss und spendeten Schutz vor der Sonne, ohne jedoch so viel von ihr zu verdecken, dass es kühl wurde. Der träge dahinfließende Bach plätscherte über einige Steine, die aus dem Wasser ragten und lullte jeden ein, der sich als guter Zuhörer erwies. Das weiche, grasige Ufer, von dem sich Ahren nun erhob, hatte sein Übriges getan und so hatte die idyllische Umgebung ihm geholfen, sich fortzuträumen.
Doch nun hatte den Jungen ein unsanftes Erwachen eingeholt. Denn als er so dastand und sich umsah, bemerkte er, dass seine Köderkiste mit den seltenen und begehrten Göttertagsfliegen umgekippt auf dem Boden lag. Man verwendete diese Fliegen, um die ebenso wählerischen wie schmackhaften Blauschwarmfische zu fangen, die auf dem Marktplatz einen stattlichen Preis erzielten. Allein Meister Cossith nahm ihm jedes Mal, wenn er welche gefangen hatte, mindestens einen ab und bezahlte ihn dafür mit einem großen Laib Käse, den er so vortrefflich herzustellen verstand.
Als Ahren sich bückte, um nach den Fliegen zu sehen, erkannte er mit Schrecken Nage- und Kratzspuren am Holzkasten. Marder hatten sich an seinen Ködern gütlich getan! Leider hatten diese Mistviecher eine ebenso große Schwäche für die Göttertagsfliegen wie die Blauschwarmfische. Ihren Namen verdankten die Insekten der Tatsache, dass sie nur am Göttertag schlüpften und des Nachts starben. Nur wenn man sie am Tag fing und so wegsperrte, dass sie kein Mondlicht sahen, überlebten sie bis zum nächsten Göttertag. Wenn sie nicht vorher als Köder für Blauschwarmfische dienten.
Verzweifelt erkannte Ahren, dass sein gesamter Vorrat an Fliegen fort war, und das, obwohl er noch drei Tage mit ihnen hätte fischen können. Mit einem Wutschnauben warf er die nun unbrauchbare Kiste in den Fluss und schulterte seine Angel. Als er nach seinem Eimer mit dem Tagesfang griff, überkam ihn eine Mutlosigkeit, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Auch die gefangenen Fische waren geraubt! Mit einem eisigen Klumpen im Magen dachte er daran, was sein Vater sagen würde, wenn er ohne Fische, ohne Fliegen und mit einer zerrissenen Angelschnur nach Hause käme. Ahrens Hinterteil schmerzte schon beim bloßen Gedanken daran. Mit hängenden Schultern machte er sich auf den Heimweg, der ihm auf einmal furchtbar lang erschien.
Er schlug sich durch einen dichten Busch und kam auf dem kleinen Feldweg heraus, der im Dorf Tiefstein, in dem er lebte, begann und sich durch den Ostwald wand. Dabei handelte es sich um einen kleinen, dichten Wald, welcher sich, einem grünen Band gleich, am Fluss entlangschlängelte. Während es keine Mühe bereitete, innerhalb einer guten Stunde vom Ufer des Flusses die Westseite des Waldes zu erreichen, benötigte man nach Auskunft von Falk, dem Waldläufer des Dorfes, beinahe zwei bis drei Tagesmärsche, um ihn den Fluss entlang zu durchqueren.
Mit dem Gefühl drohenden Unheils über seinem Kopf, das seines Vaters Zorn für den dreizehnjährigen Jungen darstellte, kam es ihm so vor, als hätte der Wald sich ausgedehnt. Aus einer Stunde wurde eine kleine Ewigkeit, die er nun zwischen den Bäumen entlang- und auf eine ausgewachsene Tracht Prügel zuschritt. Die Dämmerung hielt im Hochsommer lange an und begleitete ihn auf seinem Rückweg. So trat Ahren zwischen den Bäumen hervor, bevor es dunkel wurde, und hielt am Dorfrand inne.
Tiefstein schmiegte sich an den Rand des Waldes und streckte sich, gleich einer Imitation des Ostwalds, um mehr als das Zehnfache in die Länge denn in die Breite. Jedes Haus stand höchstens einen Bogenschuss vom Wald entfernt, denn die Bewohner hatten schnell festgestellt, dass die Bäume Schutz vor dem kalten Wind boten, der im Winter über die Hügel der Ostlande strich. Einige wenige hatten versucht, ihre Holzhäuser weiter entfernt aufzubauen – mit wenig Erfolg. Im besten Falle bedeutete dies, dass man im Winter doppelt so viel Holz zum Heizen benötigte und im schlimmsten Falle holte sich ein Familienmitglied den Blauen Tod.
Die Heilerin des Dorfes, die alte Vera, sagte, der Winterwind wolle dann nicht mehr aus der Lunge des Kranken weichen. Und wirklich, in jedem keuchenden Atemzug, der über die bläulichen Lippen der Opfer strich, konnte man das Heulen des Winterwindes wiedererkennen. So war auch Ahrens Mutter gestorben, kurz nach seiner Geburt. Noch zu sehr geschwächt hatte ihr Körper keine Widerstandskraft aufbringen können, um dem Blauen Tod die Stirn zu bieten.
Keines der Windhäuser, wie sie von den restlichen Bewohnern genannt wurden, war länger als einen Winter genutzt worden. Jede einzelne Familie hatte im nächsten Frühjahr das Haus aufgegeben und stattdessen im Schutz des Waldrandes ein neues erbaut.
So sah das Dörfchen nun wie eine Miniaturausgabe des schützenden Waldes aus: Wie eine hölzerne Perlenschnur reihten sich die Häuser am Waldesrand auf, nicht mehr als vier oder fünf nebeneinander. Nur die Tatsache, dass der Boden hier fruchtbar war und jedes Jahr eine gute Ernte bescherte, hatte das Dorf Tiefstein auf seine zweihundert Anwohner anwachsen lassen.
Alles wirkte still, es war längst Zeit zum Abendessen, und eigentlich hätte es heute zuhause Blauschwarmfisch gegeben, wäre die Natur Ahren gegenüber nicht erst so großzügig mit ihrem Frieden gewesen, nur um dann einen hohen Preis dafür zu fordern.
Mit einem Seufzen schritt der Junge zur Hütte seines Vaters und blieb stehen. Die gedrungene Bauweise, in der sein Vater das neue Zuhause damals erschaffen hatte, erinnerte an einen knorrigen, abgestorbenen Baumstumpf und verlieh dem gesamten Erscheinungsbild eine hässliche und triste Note.
Die Fenster waren klein und das Holz fast schwarz. Die Hütte war so stark mit Teer bestrichen worden, dass sie im Zwielicht eher einer verdorrten Wurzel glich, die sich durch den Erdboden gebohrt hatte, als dass man es als Heim hätte bezeichnen wollen.
Die Dorfbewohner pflegten zu sagen, dass Edrik, Ahrens Vater, nach dem Tod seiner Frau all seinen Schmerz und seinen Kummer in den Bau dieses Hauses gesteckt hatte – obwohl Ahren mittlerweile klar war, dass sein Vater damals nur versucht hatte, ein absolut winddichtes Haus zu bauen. Dies war ihm auch gelungen und Ahren war sich sicher, dass dieses Haus das wärmste im ganzen Dorf war.
Aber insgeheim musste er den anderen Bewohnern recht geben. Denn trotz seiner jungen Jahre wusste Ahren bereits, dass es mehr als eine Art von Kälte gab, unter der ein Mensch leiden konnte, und vor der diese schwarz-braune Holzfeste keine Zuflucht gewährte. Innerlich fröstelnd riss sich Ahren von dem vertrauten Anblick los und öffnete die Tür.
Der nächste Tag fand Ahren in denkbar schlechter Stimmung vor. Sein Vater hatte wie erwartet reagiert und von seinem Gürtel Gebrauch gemacht. Seitdem war an Sitzen kaum noch zu denken gewesen und Ahren hatte sich fortgestohlen, bevor seinem Vater eine noch schlimmere Strafarbeit einfiel, als ihn Holzhacken zu schicken.
Wenigstens konnte man das im Stehen tun.
So ging er zügigen Schrittes auf den Wald zu, um einen der markierten Bäume von seinen Ästen zu befreien.
Falk, der Waldläufer, jagte nicht nur die Tiere des Waldes, sondern erkannte auch die Bäume, die gefällt werden durften, ohne dem Wald zu schaden. Entgegen der Gewohnheiten anderer Dörfer, konnten die Bewohner von Tiefstein nicht wahllos Holz schlagen. Zu wichtig war der Schutz des Waldes und so gingen die Holzfäller oft tief in den Wald hinein, um dort die Bäume zu fällen, an denen Falk sein Zeichen gesetzt hatte. Letzte Woche hatte er eine kleine Gruppe von Bäumen markiert und Ahren begab sich nun dorthin.
Noch bevor er in Sichtweite der Baumgruppe kam, nahm er die lauten Stimmen von Holken und seinen Freunden wahr. Holken war der Sohn des örtlichen Schmieds und damit natürlich auch der kräftigste Junge im Dorf. Seufzend musste Ahren erkennen, dass dieser Tag eher schlechter als besser zu werden drohte. Er selbst war zwar nicht schmächtig für sein Alter, hatte aber den Muskelbergen des Raufbolds nichts entgegenzusetzen. Und aus irgendeinem Grund war Holken stets der Meinung, dass er Ahren diesen Umstand jedes Mal aufs Neue klarmachen müsste. Dies führte selbstverständlich dazu, dass die anderen Jugendlichen aus Holkens Gefolge in Ahren so etwas wie Freiwild sahen. Er ging dem großen Jungen meistens so gut er konnte aus dem Weg, aber heute würde das wohl nicht gelingen.
Die nächsten markierten Bäume, von denen er wusste, waren eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt, und Ahren musste das Holz, das er schlug, ja auch noch zurück zur Hütte bringen, so dass der diesen Weg vier- bis fünfmal laufen müsste, jedes Mal schwer mit Holz beladen.
Wenn er sich seine Arbeit also nicht verdoppeln wollte, würde er sich ebenfalls bei der vor ihm liegenden Baumgruppe bedienen müssen. Gerade als er sich in Blickweite der Jungen begeben wollte, vernahm Ahren von links eine vertraute Stimme aus dem Unterholz.
»Psst, Ahren, hier drüben!«, flüsterte sie.
»Likis!« Ahren hätte beinahe vor Erleichterung aufgeschrien, konnte sich aber im letzten Moment in ein halblautes Ausatmen retten. Trotzdem zuckte er, aus Angst die anderen Jungen hätten ihn doch gehört, zusammen und machte zwei schnelle Schritte nach links hinter das Gebüsch, wo sein bester und eigentlich auch einziger Freund wartete.
Likis sah aus wie immer. Ein halbes Lächeln in seinem schmalen Gesicht und ein freches Funkeln in den blauen Augen, die unter seinen schwarzen Haaren hervorblitzen. Dazu verdreckte Kleidung, die vor einigen Tagen sicherlich noch intakt und sauber gewesen war, die jetzt jedoch hier und da ein paar Risse zierte. Kein Wams dieser Welt konnte mit Likis’ Neigung zum Schleichen und Verstecken mithalten. Ahren selbst war von eher schlankem Wuchs und mit seinen nussbraunen Haaren und grünen Augen ein typischer Mittländer. Aber gegen Likis wirkte jeder muskulös. Und langsam. Denn wenn Likis eines war, dann schnell.
»Ich hatte gehofft, du würdest heute hierherkommen. Ich sitze schon eine halbe Stunde in diesem Busch und überlege, wie ich an Feuerholz komme, ohne dass mir morgen der Rücken so weh tut, dass ich nicht stehen kann«, sagte Likis in leisem Ton.
»Woher wusstest du, dass ich heute herkommen würde?«, gab Ahren überrascht zurück.
Als Likis nur verschmitzt lächelte, wurde Ahren ganz rot.
Natürlich, sein Vater war ja nicht gerade leise gewesen, als er gestern Abend seine Meinung zu den Fehlern seines Sohnes kundgetan hatte. Und da Likis’ Familie direkte Nachbarn waren, hatte man dort bestimmt alles mitbekommen.
»Mach dir nichts draus, jeder hat mal einen schlechten Tag, auch wenn du mir nachher unbedingt erzählen musst, wie man die Fische, die Fliegen und die Angel an einem Tag verlieren kann, ohne von Räubern überfallen worden zu sein«, kicherte Likis.
»Nur die Angelschnur, nicht die ganze Angel!«, verteidigte sich Ahren, was seinem Gegenüber aber nur sein übliches halbes Lächeln abrang.
Manchmal hasste Ahren ihn für diese Grimasse. Es schien, als würde sein schmächtiger Freund jeder Situation mit diesem schiefgezogenen Mundwinkel begegnen, egal wie ernst oder unangenehm es wurde. Einmal hatte es Likis mit seinen Streichen so weit getrieben, dass der Büttel ernsthaft erwogen hatte, ihn vor den Stadtrat zu schleifen. Dies war eine der schlimmsten Demütigungen, die einem Menschen in einer so kleinen Gemeinschaft wie Tiefstein passieren konnte.
Likis hatte einfach nur dieses halbe Lächeln aufgesetzt und angefangen, auf den Büttel einzureden.
Eine Stunde später konnte er gehen.
Die alte Mara hatte alles beobachtet und zu Ahren gesagt: »Der Junge hat eine Gabe, das hat er. In zehn Jahren sitzt er entweder im Stadtrat oder er wurde verbannt.«
Dabei hatte sie gütig den Kopf geschüttelt und Likis hinterhergesehen, während dieser davongelaufen war.
»So, so, nur die Angelschnur. Na, dann ist es ja halb so schlimm. Das kann ja jedem passieren«, zog der schmächtige Junge ihn wegen seines gestrigen Missgeschicks auf.
»Ist ja gut, ist ja gut, später erzähl ich dir alles«, gab Ahren nach, da er genau wusste, dass sein Freund ohne dieses Zugeständnis sowieso keine Ruhe geben würde.
Neugier war ein Wort, das man in Gegenwart von Likis neu definieren musste.
Vielleicht, dachte Ahren, war sein Freund deswegen ein so guter Schleicher und Redner. Was der Kaufmannssohn nicht durch seine Überredungskünste erfahren konnte, erfuhr er durch Verstohlenheit. Dabei nutzte er das erworbene Wissen nie zu seinem Vorteil. Er spielte Streiche, ja, aber Schaden fügte er niemandem zu, der ihn nicht in die Enge trieb. Vielleicht kommt er ja auch deswegen mit so vielen Dingen davon, dachte Ahren so bei sich. Laut sagte er stattdessen: »Aber erst mal brauche ich Brennholz und am besten, ohne Holken in die Finger zu geraten. Zweimal Prügel an zwei Tagen ist dann doch zu viel.« Schmerzverzerrt rieb er sich das Hinterteil.
»Genau das dachte ich nämlich auch, als ich den Hammerkopf hier gesehen habe«, meinte Likis. Hammerkopf war ein Spitzname, den er sich für den angehenden Schmiedelehrling ausgedacht hatte, da er der festen Meinung war, dass der große Schläger gar keinen Hammer für sein Handwerk brauchen würde, sondern ebenso gut seinen Kopf dazu gebrauchen könnte, weil der sowieso zu nichts anderem taugte.
Dass Holken wirklich einen etwas eckigen Kopf besaß, gab der Beleidigung nur den besonderen Schliff, mit dem Likis seine Worte gerne wählte, um das Ziel seines Spottes so richtig wütend zu machen.
Nicht dass er dafür jemals zur Rechenschaft gezogen wurde. Likis war klein und schmächtig, aber neben seinen Qualitäten als Leisetreter war er auch der beste Sprinter des Dorfes und ein Künstler darin, sich die Umgebung zunutze zu machen. Bis seine Häscher ihn eingeholt hatten, wurde er schon von mehreren wohlwollenden Dorfbewohnern beschützt, denen er glaubhaft versichern konnte, dass es ganz sicher nicht seine Schuld gewesen sei, dass ihn gerade ein ganzer Schwarm Jungen verfolgte.
Das war auch ganz gut so, denn Ahren befürchtete insgeheim, dass Holken den kleineren Jungen in der Mitte entzweibrechen würde, wenn er ihn je zu fassen bekäme.
Aber genau aus diesen Gründen schätzte Ahren seinen Freund. Sein bissiger Humor und sein schneller Verstand sowie seine flinken Füße, die ihn vor den Auswirkungen der beiden erstgenannten Eigenschaften schützten, waren eine Kombination all der Dinge, die Ahren nicht besaß. Seine Hände und Füße waren ihm irgendwie immer im Weg, und auch wenn er sich nicht für dumm hielt, so hatte er doch nie den Mut und die Geistesgegenwart, um im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden.
Nun grinste Likis ihn an und formulierte seinen Plan, wie man am schnellsten an das Brennholz kommen konnte, ohne selbst die schwere Arbeit erledigen zu müssen oder den anderen Jungen dabei in die Hände zu fallen.
»Es ist eigentlich ganz einfach«, raunte er. »Ich locke sie von der Lichtung fort und du schnappst dir das Brennholz. Der Hammerkopf ist so wild darauf, mich in die Finger zu kriegen, dass er sofort hinter mir herrennt, wenn er mich sieht. Die anderen Idioten werden ihm folgen, aus Angst, seinen Zorn zu spüren zu bekommen, wenn sie ihm nicht helfen und ich deswegen entwische.«
»Ja, das klingt prima. Dann los«, stimmte Ahren begeistert zu.
Der Gedanke, nicht mehrere Stunden mit Holzfällen verbringen zu müssen, sondern den anderen ihren schwer erarbeiteten Lohn abzujagen, gefiel Ahren so gut, dass er ohne weiter darüber nachzudenken, einwilligte. Zu tief traf ihn sein gestriges Missgeschick und die Aussicht, die Welt im Allgemeinen und die Dorfjungen im Besonderen auszutricksen, kam ihm in seiner momentanen Gemütsverfassung wie ausgleichende Gerechtigkeit vor.
»Gut, geh da drüben in Stellung und schnapp dir das Holz, wenn alle weg sind. Bring es am besten zur Zuflucht, das ist nicht so weit und du kannst dich dort gut verstecken.«
Die Zuflucht war ein Baumhaus, das die beiden Jungen letzten Sommer gebaut hatten. Nur Falk wusste davon, da die zwei ihn nach einem geeigneten Baum gefragt hatten, weil sie hatten sichergehen wollen, dass er nicht eines schönen Tages ihr Baumhaus zum Abholzen freigab.
»Gut, mache ich. Aber sei bloß vorsichtig, dass dich keiner erwischt.«
»Haben sie doch noch nie«, kicherte Likis und verschwand zwischen den Bäumen.
»Genau deswegen mache ich mir ja Sorgen«, murmelte Ahren und starrte auf die Stelle, wo er seinen Freund zuletzt gesehen hatte. Irgendwann würde das Glück nicht mehr auf der Seite des gewitzten Jungen sein und dann konnte es böse ausgehen. Schon kam ihm Likis’ Plan nicht mehr wie eine so gute Idee vor. Aber sein flinker Freund war bereits fort und Ahren kroch mit einem mulmigen Gefühl im Bauch in das dichte Unterholz.
Vorsichtig schob er sich in die angegebene Position und musste wieder einmal Likis’ geschultes Auge für solche Dinge bewundern. Von hier aus hatte er einen soliden Überblick über die fragliche Baumgruppe und auf die fünf Jugendlichen, die sich dort abrackerten, ohne selbst gesehen zu werden. Wenn er nicht mit hastigen Bewegungen auf sich aufmerksam machte, konnte er hier eine ganze Weile unbemerkt liegenbleiben.
Nachdenklich betrachtete er die Szene, die sich ihm bot.
Holken dominierte natürlich das Bild, mit Muskelpaketen, die unter seiner verschwitzen Haut auf und ab wanderten, wenn er mit wuchtigen Axtschlägen die dicksten Äste bearbeitete. Abfällig schnaubend stellte Ahren fest, dass der Angeber sein Hemd ausgezogen hatte, um besser bewundert werden zu können. Diesen Gefallen taten ihm die vier anderen Jungen zur Genüge. Außerdem war Holken der älteste auf der Lichtung, weshalb die anderen ohnehin zu ihm aufsahen. Ahren wurde beinahe übel vor Neid, als er sie bei ihren Scherzen beobachtete. Liebend gern wäre er Teil ihrer Gemeinschaft gewesen, anstatt durch einen dummen Scherz des Schicksals als Prügelknabe auserkoren worden zu sein. Vielleicht konnte er Holken deswegen nicht leiden.
Bevor er diese Erkenntnis genauer prüfen konnte, flitzte auch schon Likis auf die Lichtung, griff sich ein paar dünne Äste vom recht großen Haufen, den die fünf bereits geschlagen hatten, und krähte ein fröhliches: »Danke, ihr Schnecken!«, um unter den verdutzten Blicken der anderen wieder im Unterholz zu verschwinden. Ahren konnte nur mühsam ein Lachen unterdrücken und presste sich fest auf den Boden, um jetzt ja nicht entdeckt zu werden.
»Jetzt ist er dran, schnappt ihn euch!«, schrie Holken mit hochrotem Kopf und jagte zusammen mit den anderen hinter dem Holzdieb her.
Das war ja fast zu einfach, dachte Ahren, als er sich auf die Lichtung schlich, nachdem er der Meute einige Sekunden Zeit gegeben hatte, sich zu entfernen.
Mit klopfendem Herzen und feuchten Händen, aber auch einem wundervollen Hochgefühl im Bauch, machte Ahren einige schnelle Schritte auf die Lichtung zu und schnappte sich eine riesige Ladung Brennholz. Schnell schaufelte er so viel Holz auf seine Arme, bis er unter dem Gewicht fast zusammenbrach, und stolperte ins Dickicht, ständig die Angst im Nacken, einen zornigen Ruf zu hören oder eine harte Faust im Rücken zu spüren.
Erleichert stellte er fest, dass beides ausblieb, und nach einem kurzen Trab erreichte er die Zuflucht.
Keuchend verstaute er das Holz in einem nahegelegenen Gebüsch und starrte zum einzigen Ort hinauf, an dem er sich in seinen jungen Jahren je wirklich wohl gefühlt hatte. Stolz durchflutete ihn, wie immer, wenn er die Holzkonstruktion betrachtete, die gut versteckt und mit Zweigen gespickt in fünf Schritt Höhe in einem dichtbelaubten Baum verborgen lag.
Im Grunde genommen bestand die Zuflucht nur aus einem drei mal drei Schritt breiten Holzkasten, der sich in die Krone des Baumes schmiegte und nur bei sehr genauem Hinsehen zu erkennen war. Der Baum an sich war zehn Schritt hoch, mit ausladenden Ästen, und trug das zusätzliche Gewicht mühelos, selbst bei stürmischem Wetter.
Falk hatte ihnen bei einigen Knoten geholfen und den Flaschenzug ausgeliehen, mit dem die Jungen das Holz in die Baumkrone geschafft hatten, aber ansonsten hatten die beiden es ganz allein gebaut. Ahren hätte nie gedacht, dass der Waldläufer ihnen so ausgiebig zur Seite stehen würde, aber er schien ihren Wunsch nach einem versteckten Ort gut nachvollziehen zu können und hatte mit viel Geduld und guten Ratschlägen in regelmäßigen Abständen ihren Fortschritt kommentiert.
Stirnrunzelnd erinnerte sich Ahren an die Knoten, die Falk gemacht hatte, um die Hauptbalken miteinander zu verbinden. Obwohl sowohl Ahren als auch Likis angestrengt zugesehen hatten, konnte keiner von ihnen sagen, wie genau diese Knoten zu knüpfen waren, und eine eingehende Inspektion der entsprechenden Stellen, nachdem Falk fertig gewesen war, hatte sie auch nicht schlauer gemacht. Es schien fast, als hätten die Knoten nur ein Ende, aber das lag bestimmt nur an der geschickten Knüpfung.
Als Ahren den alten Mann einmal danach gefragt hatte, war ein schmales, aber warmes Lächeln auf dem ledrigen Gesicht des Waldläufers erschienen und er hatte nur gesagt: »Jedes Handwerk hat seine Geheimnisse und dieses gehört zu den meinen.«
Nun wollte der Junge gerade in den Baum hinaufklettern – da sie auf eine Leiter absichtlich verzichtet hatten, um die Tarnung der Zuflucht nicht zu gefährden – als ihm ein wagemutiger Gedanke kam. Warum sollte er sich nicht noch einmal auf den Weg zur Lichtung machen. Die Chancen standen gut, dass er dort noch einmal dieselbe Menge Holz mitgehen lassen konnte. Dann hätten die beiden Freunde eine beachtliche Menge Holz vorzuzeigen und die anderen würden komplett leer ausgehen.
Wenn er es wagen wollte, dann musste er sich beeilen! Ohne zu zögern, machte er sich auf den Weg zurück. Nach kurzer Zeit war der Holzstapel wieder in Sichtweite, ein kurzer Blick zeigte ihm, dass niemand zu sehen war. Mit einem triumphierenden Grinsen hob Ahren das restliche Holz auf, als auf einmal mit wütendem Gebrüll Holken auf die Lichtung sprang.
»Du! Ich hätte wissen müssen, dass du mit dem kleinen Wiesel unter einer Decke steckst. Jetzt bekommst du eins aufs Maul, dass du dich jeden Tag deines Lebens im Spiegel daran erinnern wirst!«
Wie erstarrt stand Ahren da, während es in seinem Kopf raste. Holken musste Likis aufgelauert haben, in der Hoffnung, den flinken Jungen zu überraschen, falls der nochmal wiederkam. Für einen Muskelprotz wie ihn eine überraschend subtile Taktik, aber Likis war viel zu schlau, um auf so etwas hereinzufallen.
Im Gegensatz zu mir, dachte Ahren trocken, während er das Holz in Richtung Widersacher schleuderte und auf dem Absatz herumwirbelte.
Der Abstand zwischen den beiden betrug vielleicht drei Schritt und Ahren schlug das Herz bis zum Hals. Während er so schnell ihn seine Beine trugen Richtung Zuflucht rannte, hörte er links und rechts hinter sich weitere zornige Rufe und Blätterrascheln. Anscheinend waren die anderen ihm jetzt auch auf den Fersen. Das konnte schlimm ins Auge gehen! Ahren sprintete vor Angst durch den Wald, die Luft zum Atmen wurde ihm knapp. Die Wurzeln der Bäume waren tückisch. Ein falscher Tritt könnte ihn zu Fall bringen – und damit würden die Schmerzen erst beginnen. Mehrere Minuten rannte er ziellos durch den Wald und versuchte, den Blickkontakt zu seinen Häschern zu unterbrechen.
Er hatte vielleicht nicht Likis’ angeborene Talente, aber er hatte von seinem Freund gelernt.
Tiefhängende Zweige peitschten ihm über die Unterarme, die er schützend vor sein Gesicht hielt, sein Atem begann in seiner Brust zu brennen. Die Rufe seiner Verfolger blieben dicht hinter ihm und dem Jungen war klar, dass er besser nicht langsamer werden sollte, obwohl bereits die ersten schwarzen Punkte vor seinen Augen aufflackerten. Hektisch suchte Ahren nach einem Versteck oder nach einem Hinweis, wo er sich befand.
Vor sich sah er eine umgestürzte Eiche, deren kahle Krone sich in zwei gesunden Bäumen verfangen hatte und eine Art knorrige Rampe bildete. Mit einem freudigen Aufschrei begann er die raue Rinde der Eiche halb rennend, halb kletternd emporzusteigen, bis er zwischen den Blättern der anderen Bäume angelangt war und sich nun durch die Krone des rechten Baumes kämpfte. Die anderen machten sich ebenfalls an den Aufstieg und riefen Drohungen, glaubten sie ihn doch auf dem Baum in der Falle.
Ahren jedoch hatte den Ort wiedererkannt, da er mit Likis häufiger hier gewesen war. Wenn man nicht gerade von einem wütenden Mob gejagt wurde, konnte man in den Baumkronen hervorragend herumklettern. Die zusätzlichen Äste der umgestürzten Eiche boten zahllose Möglichkeiten, sich festzuhalten. Kurz gesagt: Ein hervorragender Spielplatz.
Ahren kletterte hastig immer höher in die Baumkrone hinein und wechselte dabei auf die andere Seite des Baumes, wobei er sich aufgrund seiner Hast und der beginnenden Erschöpfung mehrere Schürfwunden an den Händen, Ellbogen und Knien zuzog. Seine ganze Hoffnung setzte er nun darauf, dass keiner der anderen diesen Ort kannte, denn es gab hier eine Besonderheit: Ein kleiner Teich befand sich in Reichweite des rechten Baumes, wenn man von einem ganz bestimmten Ast absprang.
Eigentlich war es völlig ungefährlich, die Distanz war nicht groß. Aber Ahren war müde, seine Beine zitterten und außerdem bekam er kaum noch Luft. Er schob sich auf den breiten Ast, der ihnen immer als Absprung diente, und hielt kurz inne, um auf das dunkle, trübe Wasser des Teichs hinunterzublicken, der mindestens zehn Schritt unter ihm lag.
Ein schneller Schulterblick sagte ihm, dass die anderen mit verkniffenen und zornerfüllten Gesichtern langsam die Eiche hinaufkletterten und dabei suchend die Köpfe drehten. Wie es aussah, hatten sie ihn zwischen den Blättern aus den Augen verloren. Das war seine Chance.
Ahren atmete noch einmal tief ein und aus, dann füllte er seine Lungen mit so viel Luft wie er nur konnte und stieß sich ab. Seine müden Beine protestierten und sein Sprung war unsauber. Er legte sich in der Luft schief, so dass er quer auf das Wasser prallte. Seine linke Körperhälfte glühte wie Feuer, die Schürfwunden und kleinen Schnitte, die er sich auf seiner Flucht zugezogen hatte, brannten und die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst. Er strampelte mehr, als dass er schwamm, bis er endlich die Oberfläche durchstieß. Schwer atmend warf er einen Blick in den Baum und blickte dann zum Ufer hinüber, das von einem niedrigen Schilfrand umgeben war.
Die anderen hatten sein Verschwinden offenbar noch nicht bemerkt. Mit ein wenig Glück konnte er zwischen den Bäumen verschwinden, bevor ihn jemand sah. Leise schwamm er ans Ufer und zog sich gerade an Land, als er hinter sich einen überraschten Aufschrei hörte.
Ahren stolperte los – er war einfach zu erschöpft, um schneller zu laufen – und schaffte es immerhin, seinen Vorsprung so weit auszubauen, dass ihn seine Verfolger nicht mehr sehen konnten. Anscheinend wollte keiner seiner Häscher die Abkürzung durch den Teich nehmen und somit mussten sie erst wieder hinunterklettern. Jetzt wo er sich in Sicherheit wähnte, schlug er den Weg zur Zuflucht ein und betete, dass die Dorfjungen der Jagd bald müde wurden. Erleichtert stellte er fest, dass anscheinend auch ihre Kräfte erschöpft waren, denn ihre wütenden Rufe in einiger Entfernung sagten ihm, dass sein Vorsprung erhalten blieb. Keuchend berührte Ahren nach einem kurzen Trab den rettenden Stamm. Wenn das Baumhaus auch nur hundert Schritt weiter entfernt gewesen wäre, er hätte es wohl nicht rechtzeitig erreicht. Mit letzter Kraft zog er sich in die schützende Behausung hoch, legte sich flach auf den Boden und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Seine Beine fühlten sich taub an, und er war sich sicher, dass er vorerst keinen Schritt mehr würde tun können.
Als der Lärm seiner Verfolger näher kam, drehte er sich mit einem unterdrückten Ächzen auf den Bauch und lugte durch ein Astloch. Nach und nach rannten drei der wütenden Jungen unter seinem Versteck hindurch, und nach einigen Sekunden hörte er verwirrte und zornige Rufe, als sie bemerkten, dass ihre Beute entwischt war.
»Hier irgendwo muss er sein!«, rief Holken und blieb knappe sechs Schritt von der Zuflucht entfernt stehen. »Er muss sich versteckt haben, sucht ihn!«
Innerlich fluchend beobachtete Ahren, wie die Jungen anfingen, hinter Gebüschen und in den Bäumen nach ihm Ausschau zu halten. Was hatte er nur angerichtet? Nun würden sie auch noch ihr Baumhaus entdecken! Ahren schloss die Augen und hielt den Atem an, in der Hoffnung, dass ihre Tarnung die suchenden Jungen täuschen würde.
»Da, da liegt das Feuerholz. Er muss ganz in der Nähe sein«, schrie einer.
Tiefe Verzweiflung überkam Ahren, und er sah, wie Holken zuerst zu dem Holzhaufen herüberstarrte und dann begann, alles genau abzusuchen. Die anderen folgten seinem Beispiel und Ahren schalt sich im Stillen dafür, dass er den Holzstapel nicht weiter abseits abgelegt oder zumindest besser versteckt hatte.
Verängstigt beobachtete er das Treiben unter sich. Selbst wenn die Jungen aufgeben sollten, erschien es ihm eine gute Idee, hier oben zu bleiben, bis sich die Meute beruhigt hatte. Er hatte immer noch die Drohung im Ohr, die Holken auf der Lichtung ausgestoßen hatte, und legte keinen Wert darauf, ein paar Zähne zu verlieren, weil er ihm auf dem Heimweg in die Arme lief.
Nach einer Weile ging Sven zu Holken hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Alleine war der Sohn des Müllers zwar keine Gefahr und eher still und schüchtern, aber er hatte die Angewohnheit, erst richtig zuzulangen, wenn sein Opfer keine Gegenwehr mehr leisten konnte. Zu so etwas ließ sich Holken nicht hinreißen, aber dem dicklichen Sven waren die ungeschriebenen Gesetze der Dorfjugend egal. Man munkelte, dass sogar der Dorfrat schon einmal über diese Unart des Müllersohns gesprochen hatte.
Als er die Kälte in den Augen des Müllersohns erblickte, bekam der Junge im Baumhaus eine Gänsehaut. Ein Grinsen legte sich indessen auf das grobkantige Gesicht Holkens, als dieser dem Vorschlag seines Kumpans lauschte.
»Hört mal her, wir gehen zurück. Sven hat eine Idee, wo wir den kleinen Schleicherfreund von Ahren finden könnten. Dann soll der halt büßen.«
Damit sammelten sie das gestohlene Brennholz wieder ein und verschwanden im Wald in Richtung Abholzstelle.
Furcht durchzuckte Ahren, als er hörte, was die Jungs da unten nun vorhatten. Was sollte er tun? Einerseits wollte er seinen Freund nicht im Stich lassen, andererseits fand er einfach nicht den Mut, hinunter zu klettern und sich der Dorfjugend auszuliefern. Zu weit waren die Erwachsenen entfernt und zu sehr hatte er Holken verärgert. Außerdem kannte er Sven und seine kalten Augen. Von ihm kamen immer die grausamsten Ideen. Und er konnte sehr gut beobachten. Wenn einer der Jungen die Verstecke Likis’ aufzuspüren vermochte, dann er. Eine kurze Weile saß Ahren wie gebannt da und überdachte fieberhaft seine Möglichkeiten, hin- und hergerissen zwischen Selbstschutz und Loyalität. Immer wieder blitzte vor seinem inneren Auge die Szene auf, wie Likis in einem seiner Verstecke von der aufgebrachten Bande entdeckt wurde. Entsetzt malte Ahren sich aus, was Sven mit Likis anstellen würde, wenn er ungehemmt seine finstere Seite an ihm ausleben konnte. Plötzlich hatte er mehr Angst vor dem Müllersohn als vor allen anderen Jungen zusammen.
»Du kannst jetzt herunterkommen, sie sind weg«, ertönte auf einmal eine tiefe, brummende Stimme unter dem Baum. Ahren traute seinen Ohren nicht: Falk!
Erleichterung durchströmte ihn wie eine Welle, als er über die Kante des Baumhauses nach unten lugte und das wettergegerbte Gesicht des Waldläufers erkannte, der lässig an der Rinde lehnte und zu ihm hochblickte. Er hatte sein Herannahen nicht bemerkt, niemand im Dorf hörte Falk, wenn dieser es nicht wollte.
Wie immer in Wildlederkleidung gehüllt, den langen Bogen über der Schulter und das Jagdmesser am Gürtel, war er eine eindrucksvolle Erscheinung, zumal Waffen jedweder Art in dem kleinen Dörfchen eher selten waren. Die hochgewachsene, breitschultrige Gestalt des Waldläufers, mit seinen kurzgeschorenen grauen Haaren und dem Vollbart, tat ihr übriges.
Nachdem einige Herzschläge vergangen waren, in denen Ahren sich nicht zu regen wagte und er Falk einfach nur anstarrte, ertönte es schließlich von unten: »Jetzt komm schon runter, es gibt hier auch Leute, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.«
Mit rotem Kopf kletterte Ahren ächzend vom Baum und schaute mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Beklommenheit zu dem Waldläufer auf. Wie viel hatte er wohl mitbekommen?
Dieser musterte Ahren mit ernstem Gesicht und prüfendem Blick.
»Und? Alles in Ordnung bei dir?«
Als Ahren nickte, verfinsterte sich die Miene seines Gegenübers merklich. »Was haben die denn von dir gewollt? Das sah nicht nach den üblichen Hänseleien aus. Holken mag zwar ein Raufbold sein, aber heute waren sie richtig wütend.«
»Nun, also, eigentlich war es ja ganz harmlos. Likis und ich haben ihnen nur ein wenig Feuerholz geklaut, das ist alles«, versuchte Ahren sich zu verteidigen.
»Feuerholz? Geklaut? Ich hör wohl nicht recht! Ihr wart zu faul, euch selber welches zu schlagen, und habt die anderen um die Früchte ihrer Arbeit gebracht? Kein Wunder, dass die euch ans Leder wollen!« Kopfschüttelnd schaute Falk mit ernstem Blick auf ihn herab. »Auch wenn sie häufiger mal Ärger machen, wenigstens haben sie ihre Arbeit erledigt und Fleiß gezeigt, zwei Dinge, die man von dir wohl nicht sagen kann, oder?«
Während seiner kleinen Rede war Falk immer lauter geworden und Ahrens Kopf immer dunkler. Mit vor Reue brüchiger Stimme kam nur noch ein simples: »Es tut mir leid«, über seine Lippen. Falk war immer freundlich zu ihm gewesen und die Tatsache, dass er wütend wegen etwas war, das Ahren getan hatte, lastete schwer auf ihm. Dass der Waldhüter mit seiner Zusammenfassung der Ereignisse recht hatte, machte es nur noch schwerer.
»Was meinst du, wie leid es dir erst tut, wenn bekannt wird, dass du andere deine Arbeit machen lässt und dich vor deinen Pflichten drückst? Nächste Woche ist die Lehrlingsprüfung. Welcher Meister wird dich dann als Lehrling auswählen?« Ahren zuckte zusammen und der alte Mann fuhr fort: »Und nebenbei waren das da gerade die Söhne vom Müller, dem Schmied, der Fischerin, der Schneiderin und vom Färber. Das sind schon mal fünf Meister, die dich auf keinen Fall mehr nehmen werden. Likis wird bei seinem Vater als Lehrling anfangen und muss sich darüber keine Gedanken machen, aber du ...«
Falk beendete den Satz nicht, aber Ahren konnte sich den Rest denken. Sein Vater hatte die meisten Sympathien innerhalb des Dorfes mit seiner Trunksucht verspielt, und da er selbst nur als Arbeiter auf Trells Hof angestellt war, konnte er Ahren nicht ausbilden. Nicht dass der Junge das gewollt hätte. Außerdem unterstützte Trell, der hagere Großgrundbesitzer, dem die meisten Kühe im Dorf gehörten, keine Lehrlinge und bezahlte all seine Arbeiter gleich schlecht. Und Likis’ Vater, der einzige Kaufmann des Dorfes, konnte beim besten Willen keine zwei Lehrlinge gebrauchen. Also war Ahren auf das Wohlwollen eines der Meister im Dorf angewiesen, um sein Handwerk zu erlernen. Wenn nun bekannt wurde, was er getan hatte, auch wenn es eher als Streich gedacht war, so konnte das durchaus dazu führen, dass ihn jeder Meister ablehnte.
»Meister Falk, ich ...«, begann er, aber der große Mann schnitt ihm mit einer knappen Geste das Wort ab.
»Schon gut, ich werde nichts sagen. Die anderen werden die Geschichte schon zur Genüge herumerzählen, aber es sind nur Jungs. Wenn du Glück hast, bleibt es bei ein paar schiefen Blicken. Ich kenne deinen Vater. Du wirst es auch so schon schwer genug haben. Aber wenn das noch einmal passiert, dann werde ich höchstpersönlich diesen Baum dort markieren und ihn anschließend fällen, ist das klar?« Falks stechende graue Augen glichen in diesem Moment klirrenden Gebirgsseen und Ahren wurde noch schwerer ums Herz.
»Ist gut«, schluckte Ahren. »Ich danke Euch für Euer Verständnis.«
»Oh, verstanden habe ich dein Verhalten nicht, aber wenn ich dich jetzt dem Rat melden würde, könntest du nicht mehr aus deinem Fehler lernen, nicht wahr?«, brummte der Waldläufer. »Und bedenke Folgendes«, sagte er, während er die schmutzige Gestalt des Jungen musterte. »Für zwei Arme Feuerholz hast du dir überall Schürfwunden, Schnitte und wahrscheinlich auch einen gehörigen Muskelkater eingehandelt. Außerdem ist deine Kleidung zerrissen, es wird dich mindestens zwei Stunden kosten, sie auszubessern. Von einem Haufen Ärger mit den anderen Jungs ganz zu schweigen. Wenn du einfach dein eigenes Holz gehackt hättest, wäre es wahrscheinlich beim Muskelkater geblieben.«
Verdutzt starrte Ahren den älteren Mann an. Nach dieser nüchternen Analyse seiner Tat bemerkte der Junge, wie dumm und unsinnig sein Streich gewesen war.
»Ich werde dann mal besser mein eigenes Feuerholz schlagen gehen«, versuchte sich Ahren aus dem Gespräch zu lösen. Noch mehr von Falks ungeschminkten Wahrheiten und er würde in Tränen ausbrechen. Und das letzte Mal war schon Jahre her. Wenigstens das hatte ihn sein Vater gelehrt. Tränen halfen nicht. Außerdem, auch wenn er dankbar für den Schutz des Waldläufers war, hatte er nun einen anstrengenden Tag des Holzhackens vor sich und musste sich sputen, wollte er bis zum Abend fertig sein.
Nochmal will ich nicht mit Vaters Gürtel Bekanntschaft machen, dachte er bei sich.
»Das ist die richtige Einstellung«, nickte Falk, nun wieder beschwichtigt. »Vergiss die heutige Lektion nicht, ich will nicht umsonst die Fährte eines stattlichen Bocks verloren haben.«
Der Waldläufer drehte sich um und machte Anstalten, im Unterholz zu verschwinden. Doch dann zögerte er und drehte sich schließlich noch einmal zu dem eingeschüchterten Jungen um.
»Allerdings wundert es mich, dass die Jungen dich so weit durch den Wald gejagt haben und nun auch noch deinen Freund suchen. Es erscheint mir ein wenig … drastisch. Zumal sie ja ihr Holz wiederhaben«, fuhr er fort.
Ahren verstand, was der Waldläufer meinte. Auch wenn der Sohn des Schmieds der unangefochtene König der Dorfjugend war und ein ausgemachter Raufbold dazu, blieb es stets bei ein paar Hieben und damit hatte es sich dann. Ein derartiger Aufwand war nicht seine Art. »Das war Sven. Er hat Holken angestachelt«, antwortete Ahren, als er sich daran erinnerte, wann die Situation eskaliert war.
»Nun, das erklärt es wohl. So sehr ich es verabscheue, mich einzumischen, ich werde mal mit seinem Vater reden müssen«, grübelte Falk. Ohne ein weiteres Abschiedswort drehte er sich wieder um und verschwand im Dickicht. Dank seiner grün-braunen Kleidung war er nach wenigen Schritten kaum noch zu erkennen.
Stille senkte sich über die Lichtung und zurück blieb ein nachdenklicher, niedergeschlagener Junge, der einen Haufen Arbeit vor sich hatte.
Den restlichen Tag verbrachte Ahren mit Holzhacken und damit, das Holz zur Hütte seines Vaters zu schleppen. Sein ganzer Körper tat ihm weh, die Schnitte brannten wie Feuer, wenn der Schweiß hineinlief, und er war so müde, dass er kaum geradeaus gehen konnte.
Während der Arbeit grübelte er über die Geschehnisse des Morgens und den Waldläufer nach, um sich von seinem Elend abzulenken und durchzuhalten.
Falk war nicht dafür bekannt, sich in die Angelegenheiten des Dorfes einzumischen. Er lebte schon im Ostwald, so lange Ahren zurückdenken konnte, auch wenn keiner viel über ihn wusste, außer dass er ein Zugezogener war. Was in einem Dörfchen wie Tiefstein bedeutete, dass man noch nicht in dritter Generation hier lebte. Der Waldläufer wohnte abseits im Wald, blieb gerne für sich und lebte nach der Devise: leben und leben lassen.
Kaum einer im Dorf nahm Notiz von ihm, nur vor vier Jahren war sein Name einmal in aller Munde gewesen. Eine Stelle im fünfköpfigen Dorfrat war freigeworden und man hatte ihm den Platz angeboten, nachdem er die besonders große Nebelkatze namens Graufang getötet hatte, die zur Bedrohung für das Dorf geworden war. Als der Waldläufer ablehnte, war die Verblüffung groß gewesen, konnte sich doch niemand daran erinnern, dass diese Ehre jemals ausgeschlagen worden war. Seitdem ließ man den stillen Mann seiner Arbeit nachgehen und respektierte seine abgeschiedene Lebensweise. Er galt als streng und ernst, so dass Ahren es doppelt schätzte, was Falk heute für ihn getan hatte.
Schnaufend ließ Ahren einen schweren Ast auf den Holzstapel hinter dem Haus fallen und ging ein weiteres Mal in den Wald. Er hatte einen Baum fernab der morgendlichen Lichtung ausgewählt und der Weg war dadurch doppelt so weit. Die Sonne stand schon tief, aber zwei weitere Äste musste er noch herbeischaffen. Klein hacken konnte er sie dann morgen.
Seine Gedanken wanderten zur Lehrlingsprüfung, die in der nächsten Woche stattfinden würde. Da es für ihn wirklich nicht gut aussah, hatte er das Thema so lange verdrängt, wie es ihm möglich gewesen war. Jedes Jahr wurde unter den Dreizehnjährigen des Dorfes eine Art Prüfung abgehalten. Auf diese Weise wurde die Eignung für einen der Berufe ermittelt, deren Meister gerade einen Lehrling suchten oder die ein echtes Talent fördern wollten.
Lehrling zu sein, hatte viele Vorteile. Man bekam ein kleines Handgeld, durfte Alkohol zu sich nehmen, zum Tanz gehen, und man erlernte natürlich die Grundlagen, mit denen man sich später einen Namen machen und als Geselle oder sogar als Meister arbeiten konnte. Außerdem gehörte man dann zu den Lehrlingen und nicht mehr zur Dorfjugend. Damit wäre Ahren fünf seiner Widersacher erst einmal los. Niemand legte sich mit einem Lehrling an – aus Respekt vor dem Meister.
Noch war nicht bekannt, welche Meister bei Hüter Jegral, dem Priester des Dorfes, die Suche nach einem Schützling angekündigt hatten.
Da Likis ebenfalls dreizehn war, würde er mit Ahren zusammen zur Prüfung gehen, aber es stand ohnehin schon fest, dass sein eigener Vater, der Kaufmann Velem, ihn bei sich aufnehmen würde.
Auch Holken würde nächste Woche mit auf dem Dorfplatz stehen, aber es galt als ebenso sicher, dass sein Vater keine Suche anmelden und ihn während des Rituals als Lehrling einfordern würde.
Auch wenn eine Einforderung als verpönt galt, da man damit die Eignungsprüfung des Kandidaten umging, hatte es sich in der Vergangenheit als sicheres Mittel erwiesen, den Sohn oder die Tochter im eigenen Handwerk unterrichten zu können, ohne die Gefahr, dass ein anderer Prüfling dem eigenen Sprössling die Lehrstelle streitig machen konnte.
Likis’ Vater jedoch glaubte daran, dass sein Sohn sich die Stelle verdienen musste, und da er Traditionalist war, hielt er ganz offiziell eine Suche ab. Was ihn allerdings nicht daran gehindert hatte, Likis bestmöglich auf die Prüfung vorzubereiten.
Damit blieben nur noch Rufus und Ahren als echte Prüflinge über, von den Mädchen war dieses Jahr keines dran. Ahren konnte also nur hoffen, dass mindestens zwei weitere Meister eine Suche anmelden würden. Auch wenn nicht sicher war, dass ein Meister, der eine Suche anmeldete, auch einen der Lehrlinge auswählte, so war die Wahrscheinlichkeit doch recht hoch – wenn man sich nicht als hoffnungsloser Fall für die entsprechende Profession entpuppte.
Wer leer ausging, musste sich auf einem der Höfe oder in einem der Betriebe als einfacher Arbeiter anstellen lassen. Und von dort gab es meistens keinen Weg mehr, um an eine der begehrten Lehrlingsstellen zu gelangen. Dafür war Tiefstein einfach zu klein.
Einige der Unzufriedenen zogen aus, um in der Fremde einen Platz für sich zu finden, aber die meisten kehrten doch bald wieder zurück, da es in den anderen Dörfern nicht besser war. Einige gingen in die großen Städte, zum Beispiel nach Dreiflüsse, aber von denen hörte man nie wieder etwas. Eine letzte Möglichkeit bot die Armee, aber die Werber waren dafür bekannt, einen miesen Sold zu zahlen. In Hjalgar gab es zudem kein traditionelles stehendes Heer, dafür war das Land zu klein und von mächtigen Reichen eingeschlossen. Niemand wollte daher als Soldat enden, und wer einmal die heruntergekommenen Grenzstationen und die gelangweilten Gesichter der wenigen Soldaten mit ihren glanzlosen Augen gesehen hatte, wusste genau, woher das Sprichwort: »Nutzlos wie ein Soldat in Hjalgar«, kam. Dass noch niemand das kleine Land im Osten der Mittlande eingenommen hatte, lag an dessen einzigartiger Lage. Es bildete eine Pufferzone zwischen drei Reichen der Mittlande, und keiner der Nachbarn traute sich, dort einzufallen, weil dies sofort einen Krieg mit den beiden anderen Nachbarstaaten Hjalgars bedeutet hätte. Niemand wollte dieses Gebiet in den Händen des anderen wissen und daher blieb Hjalgar in den letzten dreihundert Jahren einer der sichersten Flecken auf dem ganzen Kontinent, auch weil es keine Armee besaß und somit keine Bedrohung darstellte.
In Gedanken versunken brachte Ahren den letzten schweren Ast zur Hütte und betrachtete zufrieden den ansehnlichen Stapel Feuerholz. Dann ging er hinein, um das Abendessen anzurichten, damit die Laune seines Vaters nicht noch mehr sank.
Die nächsten Tage vergingen wie im Fluge. Likis hatte sich vor Lachen ausgeschüttet, als sein Freund ihm von seinem kleinen Abenteuer mit Holken und seiner Bande erzählt hatte. Als Ahren seine Sorge um Likis gestand, winkte dieser nur ab. Der flinke Junge hatte natürlich alle Zeit der Welt gehabt, um seinen Anteil von der Lichtung sicher zur Kaufmannshütte zu bringen, und er hatte den Rest des Tages in einem seiner abgeschiedenen Verstecke am Fluss verbracht und gehofft, dass Ahren noch erscheinen würde. Anscheinend konnte Sven dem quirligen Jungen weder Angst machen, noch ihm das Wasser reichen.
Die beiden Freunde vergnügten sich im Dorf mit allerlei Albernheiten, wohl wissend, dass die unbeschwerte Zeit der Kindheit ein für alle Mal vorbei sein würde, wenn sie erst die Lehrlingsprüfung hinter sich gebracht hätten. Die Kinder des Dorfes wurden nur zu wenigen Arbeiten herangezogen und bekamen für diese meist den ganzen Tag Zeit. Wer also schnell erledigte, was ihm aufgetragen wurde, hatte dadurch viel Zeit zum Spielen.
Doch das würde sich ab nächster Woche grundlegend ändern. Likis war aufgeregt und seine Augen glänzten, wenn er von seiner zukünftigen Lehre im Kaufmannsladen sprach, während Ahren über seine ungewisse Zukunft nachsann.
Eines Nachmittags gingen die zwei in ein Gespräch vertieft den Hauptweg zum Dorfplatz entlang, als Likis auf einmal unauffällig Ahrens Schulter berührte und ihm mit einem Augenzwinkern und einer kleinen Kopfbewegung zu verstehen gab, sich unauffällig umzusehen. Ahren folgte mit betont beiläufigem Blick der Richtungsangabe des schmächtigen Jungen und erkannte schnell, worauf sein Freund aufmerksam geworden war.
In einem der vielen Gemüsegärten, die sich an der Seite fast jeden Hauses in Tiefstein wiederfanden, ragte ein charakteristisch muskulöser Rücken deutlich sichtbar über den Rand des groben Lattenzauns, der den Garten umgab. Anscheinend versuchte Holken, ihnen aufzulauern.
»Also, Verstecken gehört definitiv nicht zu seinen Stärken«, raunte Likis leise. Dann fügte er laut hinzu: »Bin ich froh, dass ich nicht in Holkens Haut stecke. Sein Vater sucht schon eine Weile nach ihm. Schimpft ihn einen faulen Hund und ist richtig zornig. Das gibt eine ordentliche Tracht Prügel, wenn der Hammerkopf sich nicht bald blicken lässt.
Mit einem unterdrückten Kichern lehnten sich die beiden gut sichtbar, aber in sicherem Abstand zu Holkens Versteck, an eine Hüttenwand und taten so, als unterhielten sie sich leise. In Wirklichkeit beobachteten sie jedoch mit hämischer Freude, wie sich der Raufbold in seinem Versteck wand und immer nervöser wurde. Schließlich sprang der große Junge auf und lief mit angsterfülltem Gesicht Richtung Schmiede, während sich die beiden Freunde krümmten vor Lachen und davoneilten, bevor Holken erkennen konnte, dass er mal wieder auf Likis reingefallen war. Holken versuchte danach nicht wieder, ihnen aufzulauern.
Zwei Tage vor der Prüfung lagen Ahren und Likis am Fluss, die Angeln im Wasser.
Das Wetter passte zu Ahrens Stimmung. Dunkle Wolken zogen über den Himmel, nur durchbrochen von kurzen Momenten, in denen die Sonne durchkam.
»Likis?«
»Ja?«
»Ist mittlerweile eigentlich bekannt, wer alles eine Suche angemeldet hat?«, fragte Ahren hoffungsvoll und ängstlich zugleich.
»Vater hat dem Hüter heute seine Suche verkündet. Dabei hat er nachgefragt, wer noch beim Priester war. Ich hatte ihn darum gebeten.« Likis blinzelte seinem Freund verschmitzt zu, dann fuhr er fort: »Meister Pragur und Meisterin Dohlmen waren da. Jegral glaubt nicht, dass noch jemand kommt.«
Meisterin Dohlmen war die Schusterin des Ortes. Auch wenn Ahren gegen Schuhe als solche nichts einzuwenden hatte und die Meisterin einen guten Ruf genoss, war er sich der Tatsache bewusst, dass Rufus schon sehr schlecht im Nähen sein musste, damit die Wahl nicht zu dessen Gunsten ausfiel. Dafür war Ahren in diesen Dingen zu ungeschickt mit den Fingern.
Außerdem war Ahren nun klar, welchen Meister er beeindrucken wollte. Pragur war nämlich der Büttel des Dorfes. Und Büttel, ja, ein Büttel zu sein, war etwas, mit dem Ahren gut leben konnte. Jeder respektierte einen, man bekam eine Rüstung aus gehärtetem Leder, ein Kurzschwert und einen Knüppel, an denen man ausgebildet wurde, und nur der Dorfrat konnte das Urteil eines Büttels aufheben. Die Büttel sorgten für Ordnung und vertrieben Banditen und ähnliches Gesindel. In Hjalgar war ein Büttel ein Held. Oder zumindest das, was in Hjalgar einem Helden am nächsten kam.
Während Ahren am Ufer lag, stellte er sich immer wieder vor, wie er Rufus bei der Lehrlingsprüfung zum Büttel übertrumpfen und am Ende von Pragur erwählt werden würde.
Pragur war einer der wenigen Menschen in Tiefstein, die Ahren sehr gut leiden konnten, da er oft gebeten wurde, nach dem Rechten zu sehen, wenn Ahrens Vater wieder mal laut wurde. Bei diesen Gelegenheiten war der Gesetzeshüter stets freundlich und mitfühlend zu dem Jungen gewesen. Vielleicht konnte er sich, wenn er erst einmal Büttelanwärter war, sogar gegen seinen Vater zur Wehr setzen. Dieser Gedanke versetzte Ahren in Hochstimmung.
Likis stupste ihm in die Seite. »Und? Was denkst du? Schuster oder Büttel?«
»Hmm, Büttel wäre schon toll«, sagte Ahren. »Alles, was ich tun muss, ist, Rufus in Pragurs Prüfung zu schlagen. Er ist nicht besonders stark oder schnell, das sollte ich doch schaffen können.«
»Oh ja, du als Büttel, dann könntest du immer ein Auge auf unseren Laden haben. Und dein Vater müsste auch netter zu dir sein.«
Zusammen begannen die zwei Freunde Luftschlösser zu spinnen, und als die Sonne am Mittag den Kampf gegen die Wolken gewann, waren sie in Gedanken schon Mitglieder des Stadtrats und führten Tiefstein in eine glorreiche Zukunft.
Am Vorabend zur Sommersonnenwende, dem traditionellen Tag der Lehrlingsprüfung, war Ahren so aufgeregt, dass er beim Abendessen kaum stillsitzen konnte. Immer wieder hatte er in Gedanken seine triumphale Erwählung zum Büttel durchgespielt und sich selbst davon überzeugt, dass er allein die richtige Wahl war, dass Pragur ihm wohlgesonnen wäre, dass …
Sein Vater Edrik, dunkle Ringe unter den Augen und nicht mehr ganz nüchtern, brummte: »Hör auf, so zu zappeln, Junge. Morgen ist endlich der Tag gekommen, von dem an du deinen Beitrag zu unserem Auskommen leisten wirst. Ich hab schon mit Trell gesprochen, du kannst für eine halbe Krone die Woche auf seinem Hof arbeiten und mir zur Hand gehen. Gute Neuigkeiten, was?«
Ahren wurde ganz kalt, alle Bilder vom morgigen Tag verschwammen vor seinen Augen. »A...ber, die Prüfung morgen ...«, begann er.
»Ja, was ist damit?«, fuhr sein Vater ihm dazwischen. »Glaubst du, dich nimmt jemand, bei allem, was du ständig falsch machst? Als Angler taugst du nichts, deine Schultern sind nicht breit genug für schwere Arbeiten und ständig bist du mit deinen Gedanken woanders. Sei bloß dankbar, dass ich dich ohne viel Aufhebens auf Trells Hof unterbringe, dann kannst du dir morgen wenigstens die Erniedrigung ersparen, dass dich keiner wählt.«
Die nüchterne Art, mit der sein Vater all seine Hoffnungen zunichtemachte und ihn gleichzeitig zu einer Arbeit an seiner Seite verdammte, noch dazu schlecht bezahlt, stürzte ihn in tiefe Verzweiflung.
Der Gedanke, die nächsten Jahre Tag und Nacht bei seinem Vater verbringen zu müssen, entsetzte ihn und machte ihn wagemutiger als sonst.
»Und was ist mit der Stelle als Büttel?«, wagte er einzuwerfen.
»Du denkst wohl, du bist was Besseres als ich! Erst verschaff ich dir eine Stelle und das ist der Dank? Die Arbeit ist gut genug für mich, also ist sie auch gut genug für dich. Du kommst morgen mit zum Hof und beginnst deine neue Arbeit, hast du mich verstanden?« Der lauernde Unterton in der Stimme seines Vaters machte Ahren klar, dass er nur auf ein Widerwort wartete, um auszuholen. Aber Ahren scherte sich nicht darum, nicht dieses Mal, nicht mit diesen entsetzlichen Bildern im Kopf, die ihn selbst zeigten, gebrochen, mit einem Krug neben seinem Vater sitzend, während beide mit verbitterten Mienen in kaltem Schweigen in diesem dunklen Haus auf den nächsten Tag voll monotoner Arbeit warteten. Ahren war der Panik nahe.
»Ich werde morgen auf dem Festplatz an der Prüfung teilnehmen und ich werde Büttel werden und dann kannst du dir jemand anderen suchen, an dem du dich austoben kannst!«
Kaum waren die Worte ausgesprochen, zuckte Ahren heftig zurück. Am Blick seines Vaters erkannte er, dass er zu weit – viel zu weit – gegangen war.
»Austoben?«, schrie er. »Ich zeige dir, was es heißt, sich auszutoben!« Mit einem Krachen warf er den Tisch um und schnappte sich seinen Gürtel.
Wenn er mich jetzt erwischt, dachte der Junge entsetzt, kann ich morgen nicht mal mehr gehen, geschweige denn die Prüfung meistern und werde den Rest meines Lebens hier verbringen.
Mit schreckgeweiteten Augen stürzte er zur Tür und schob den schweren Riegel beiseite, den sein Vater abends immer vorlegte. Normalerweise hatte Ahren immer Schwierigkeiten, den schweren Riegel beiseite zu schieben, doch jetzt hatte eine heiße, wilde Panik vollständig von ihm Besitz ergriffen und der Riegel glitt mit dem ersten Anlauf aus den Angeln. Fieberhaft versuchte, er den trunkenen Fingern seines Vaters auszuweichen und gleichzeitig die Tür zu öffnen. Die ganze Hütte kam ihm auf einmal noch dunkler und bedrohlicher vor. Der Teer, der die Fugen ausfüllte, schien sich auszudehnen und ihn in dem Haus einschließen zu wollen.
Gerade hatte er die Tür weit genug geöffnet, um hinauszuschlüpfen, als sich die Hand seines Vaters um seinen Arm legte und ihn zurück ins Haus zog. Mit einem triumphierenden Aufschrei riss der betrunkene Mann den Arm mit dem Gürtel in der Hand nach hinten, um seinen Sohn zu bestrafen.
Er schaut nicht mal mehr, wohin er mich schlägt!, erkannte Ahren entsetzt, als ihm klar wurde, dass der Lederriemen sein Gesicht treffen würde. Schnell riss er den Arm hoch und mit einem lauten Klatschen traf der Lederriemen seine linke Hand. Ahren spürte, wie etwas knirschte und eine feuerrote Glut sein Handgelenk hinaufschoss. Als sein Vater ein zweites Mal ausholte, rutschte dieser auf einem der Teller aus, die mit dem Tisch zu Boden gegangen waren, und stürzte zu Boden.
Den Dreien sei Dank!, pries Ahren in Gedanken sein Glück und rappelte sich auf, um wie der Blitz im Wald zu verschwinden. Verfolgt von den wüsten Beschimpfungen seines Vaters brach er durchs Unterholz, ritzte sich an unzähligen Stellen die Haut auf und lief zum einzig sicheren Ort, der ihm einfiel: seinem Baumhaus, seiner Zuflucht. Immer leiser wurden die Rufe seines Erzeugers, nur der letzte gequält lallende Aufschrei sollte Ahren für immer im Gedächtnis bleiben: »Du bist schuld! Deinetwegen ist sie tot!«
Die ganze Nacht lang hallte dieser Ausruf in Ahrens Ohren nach, während er zusammengerollt, die verletzte Hand an seine Brust gepresst, in seinem Baumhaus lag und hemmungslos um eine Mutter weinte, die er nie gekannt, an deren Tod er aber unfreiwillig Anteil gehabt hatte.
Der Tag der Sommersonnenwende begann mit einem strahlenden Morgen, der förmlich zu Festivitäten einlud. Jeder, der etwas auf sich hielt, beging diesen Tag gemeinsam mit den anderen Dorfbewohnern auf dem Dorfplatz, wo der Wirt des Dorfes Bier ausschenkte und die Frau des Müllers ihre berühmten Küchlein anbot, die so gut waren, dass man munkelte, der Müller habe sie nur wegen dieser Köstlichkeiten geheiratet. Wer dann die stattliche Leibesfülle des Müllers und die wenig ansprechende Erscheinung seiner Frau betrachtete, konnte nicht umhin, diesem Gerücht Glauben zu schenken.
Dominiert wurde das kreisrunde Zentrum der Dorfgemeinschaft von einer riesigen Eiche, deren ausladende Äste Schutz und Schatten spendeten. Eine Seite des Platzes grenzte direkt an den Wald, die gegenüberliegende wurde vom breiten Lagerhaus Tiefsteins dominiert, wo die gemeinschaftlichen Vorräte des Dorfes untergebracht waren und das bei schlechtem Wetter als Ausweichort für Feste wie dieses fungierte. Die beiden übrigen Seiten des Dorfplatzes wurden von den wichtigsten Gebäuden der Gemeinschaft gesäumt: Hier fand man die Schänke, die Schmiede, den Krämerladen, das Rathaus und natürlich die Kapelle des Dorfes, das einzige Gebäude der Stadt, welches über ein Fundament aus weißem Stein verfügte.
Alle Häuser, die den Dorfplatz säumten, waren in der Früh mit Stoffgirlanden verziert worden, die bunt im Wind flatterten. Das Rathaus des Dorfes erhob sich als einziges zweistöckiges Gebäude an der Nordseite des Platzes und verlieh dem Rund aus festgestampftem Lehm den Anschein einer gewissen Erhabenheit.
Am Tag der Lehrlinge wurde viel gelacht, die Geschichten der eigenen Prüfungen erzählt und die verschiedenen Vorzüge der Jugendlichen verglichen. Manch einer schloss sogar Wetten auf den einen oder anderen Ausgang des heutigen Tages ab, auch wenn der Dorfrat dies offiziell untersagt hatte. Alle hatten ihre besten Gewänder angelegt, mit denen man sonst nur Göttertags in die kleine Kapelle strömte, um der Andacht Hüter Jegrals zu lauschen.
Dieser stand nun im vollen Ornat auf dem festlich geschmückten Platz, unterhielt sich kurz mit den Mitgliedern des Dorfrates und schritt dann zur Mitte des Platzes.
Dort waren drei lange Stangen in den Boden gerammt worden, an deren Ende sich, hölzernen Fahnen gleich, die Gildenzeichen der jeweiligen Zunft befanden. Auf der ersten Stange befand sich ein Rad mit zwölf Speichen, als Symbol für die zwölf Handelsstädte, die auf dem gesamten Kontinent verteilt waren und den Kaufmannsrat der Gilde stellten.
Die zweite zeigte einen ledernen Jagdstiefel mit Sporen vor einem stilisierten Wappen. Diese Art Schuhe wurden nur vom Adel getragen und nur ein Schuster der Gilde durfte ein solches Paar herstellen.
Und zu guter Letzt das Kurzschwert vor dem geschlossenen Stadttor, das Zeichen der Büttel, das für Schutz und Ordnung gleichermaßen stand.
Der Priester drehte sich um und sprach die Eröffnungsformel: »Möge er, der formt, seine lenkende Hand über diese Lehrlingsprüfung halten und allen zeigen, zu was für Menschen er die jungen Mitglieder dieses Dorfes hat werden lassen. Möge die innere Form, die er ihnen gegeben hat, eine Bereicherung für unsere Gemeinschaft darstellen, und möge sie am heutigen Tag ans Licht bringen, welcher Berufung jeder von ihnen folgen soll.«
Seine Tunika, aus Glimmerseide gewebt, schillerte in allen Regenbogenfarben und verlieh dem hageren, kahlköpfigen Mann mit den freundlichen Augen den Eindruck, als würde er sich in ständiger Bewegung befinden. Selbst kleinste Veränderungen der Körperhaltung liefen wie Wellen über den Ornat und jedes Mal veränderten sich auch die Farben ein klein wenig. Gebannt vom Form- und Farbenspiel der Robe verhielten sich selbst die kleinsten Kinder beim Anblick der traditionellen Kleidung des Priesters recht still. »Mögen die Jünglinge nun vortreten, um der Zukunft dieses Dorfes eine Form zu geben.«
Die drei anwesenden Knaben traten vor, alle in ihren besten Gewändern, und wie um die Worte des Priesters zu unterstreichen, glichen sie sich in Erscheinung und Gebaren kaum, so als wollte der Gott der Formen allen zeigen, wie unterschiedlich der Mensch doch sein konnte.
Nur von Ahren fehlte jeder Spur.
Likis war in Festtagskleidung gehüllt, die die Farben der Kaufmanngilde – gelb auf blau – zeigte. Klein und schmächtig stand er da und blickte sich besorgt um. Dass sein Freund nicht auftauchte, konnte nichts Gutes bedeuten, und natürlich hatte er das Gebrüll des gestrigen Abends mitangehört und machte sich nun große Sorgen um ihn.
Neben Likis stand Holken, dessen große, bullige Gestalt in einem viel zu kleinen Gewand steckte, welches er mit sichtlichem Unbehagen trug.
