Heimkehr - Torsten Weitze - E-Book

Heimkehr E-Book

Torsten Weitze

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Beschreibung

***Band 1 von "Der Prinz von Staub und Schatten", der zweiten Erzählung aus dem Epos "Die Streitenden Götter" von Erfolgsautor Torsten Weitze (Der 13. Paladin, Nebula Convicto).*** Nach einem Leben im Exil kehrt Tarikh al Sal-ka-Nar in seine Heimat, das Wüstenreich Aun-Mal, zurück. Dort, wo vor Jahrhunderten die Stadt seiner Ahnen unterging, und ein rachsüchtiges Adelshaus noch immer den Tod des letzten Sprösslings aus dem Hause al Sal-ka-Nar anstrebt, erhofft Tarikh, Antworten auf seine rätselhafte Gabe zu finden. Begleitet von seinem treuen Hengst Amnur macht Tarikh sich mit neuen Weggefährten auf, um den Thron der Sande zu erreichen. Er hofft, vom Herrscherpaar als wahrer Prinz Aun-Mals anerkannt zu werden, bevor ihn die Meuchler zur Strecke bringen, die seine Feinde schon längst auf ihn angesetzt haben … Ebenfalls erhältlich aus dem Epos "Die Streitenden Götter": Erzählung: "Sturmfels Akademie" Band 1 - Der Turm der Bettler Band 2 - Der Turm des Goldes Band 3 - Der Turm der Könige Band 4 - Der Turm des Blutes Band 5 - Der Turm des Wissens

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Seitenzahl: 825

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Torsten Weitze

Heimkehr

Der Prinz von Staub und SchattenBand I

Impressum

© Torsten Weitze, Krefeld 2025.

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage Januar 2026

Verlag: LAUSCH medien, Hamburg

Lektorat/Korrektorat: Janina Klinck / www.lectoreena.de und Tatjana Weichel / www.wortfinesse.de

Coverdesign: Guter Punkt München unter Verwendung eines Motivs von Shen Fei

Kartenillustrationen: Markus Weber, Guter Punkt München

www.tweitze.de | Facebook: t.weitze | Instagram: torsten_weitze

.

Für alle, die den Mut finden müssen, aus den Schatten ihrer Vergangenheit hervorzutreten.

Und denkt daran:

Es gibt nichts Schöneres für eine Geschichte, als zum ersten Mal erlebt zu werden …

Vorwort

Willkommen in der Welt von Deatril.

Willkommen zur zweiten Erzählung rund um Die Streitenden Götter.

All jene, die die Sturmfels-Akademie-Reihe gelesen haben, können die nachfolgenden Zeilen getrost überspringen. Doch wer mit Der Prinz von Staub und Schatten in das Epos um Die Streitenden Götter einsteigt, dem wird die folgende Sage eine Hilfe sein.

Die acht Aeth schufen von der Langen Tafel aus die Welt Deatril, und alles war gut.

Doch mit der Zeit begannen die Aeth, Nachkommen zu erschaffen, Aethrim genannt, und ihnen Teile ihrer eigenen Macht zu übergeben, in Form der Sigillen der Schöpfung. Nach und nach vergingen die Aeth, mit jedem erschaffenen Aethrim mehr ihrer Macht beraubt, bis nur noch ihre Kinder übrig waren. Schon bald erkannten die Aethrim, wie wertvoll die Sigillen waren, denn wer drei Sigillen an sich binden konnte, besaß göttliche Kräfte. Und so begannen sie einander zu bekämpfen, und das Zeitalter der Streitenden Götter ward geboren.

Der Konflikt der Sigillenträger verwüstete im Laufe von Äonen ganz Deatril. Zivilisationen stiegen auf und vergingen, Kontinente wurden von den einander bekriegenden Aethrim und Götter zerschmettert, und wann immer ein Gott fiel, fand sich ein anderer Sigillenträger, der die Macht nur allzu gern an sich riss. Sigillen wurden während der Kriege zerstört und entstanden neu, bis Malkar, der Gott der Herrschaft, des Krieges und des Feuers den Kreislauf unterbrach und die Sigillen der von ihm besiegten Götter in einer Siegelkammer wegsperrte. Nie wieder sollten neue Aethrim, geschweige denn Götter, entstehen, die Malkar seine Herrschaft streitig machten.

Einige Jahrhunderte des erzwungenen Friedens beherrschten Deatril und mit ihm Malkars Gebote, die den Stärkeren das Recht zusprachen. Doch Unmut regte sich unter den verbliebenen Göttern. Während Xul-Baar damit zufrieden war, als Herrscher in seinem nach ihm benannten Reich Xul-Baaril zu herrschen und sich dort vor Malkar zu verschanzen, fassten Wianari, die Göttin des Lebens, sowie der Unstete Gott, der eine seiner Sigillen bereits an Malkar verloren hatte, einen Plan, um Malkars Herrschaft zu beenden. Dafür verbargen sie eine junge Frau namens Niri vor seinen Blicken, verhalfen ihr, ein Studium an der renommierten Sturmfels-Akademie zu absolvieren, bedeutende Freundschaften zu schließen und über sich selbst hinauszuwachsen, bis, angezogen von ihrer seltenen Magie, eine der wenigen noch nicht in der Siegelkammer weggesperrten Sigillen zurück in die Welt Deatrils und in ihren Besitz fand. Eine neue Aethrim war erschaffen und mit ihr die Hoffnung, Niri würde gegen Malkar kämpfen, sobald dieser ihrer Existenz gewahr wurde. Mit ihrer Hilfe würden Wianari und der Unstete Gott Malkar ein für alle Mal vernichten können. Doch sie wussten nichts von einem geheimnisvollen Verbündeten Niris, dem Jungen im Zimmer, der ihr einen weisen Rat ins Ohr flüsterte, als der Zusammenstoß mit Malkar nahte. Und so verzichtete Niri darauf, gegen Malkar zu kämpfen, sondern bot sich ihm als Statthalterin auf dem Thron der Splitterlande an, um das unvermeidliche Chaos abzuwenden, das eine neuerliche Eskalation des Streits der Götter nach sich ziehen würde, sollte Malkar sterben. Fassungslos wandte sich der Unstete Gott daraufhin neuen Plänen zu, fern seiner unzuverlässigen Verbündeten, während der Junge im Zimmer mit Niri seitdem an einem verborgenen Unterfangen arbeitet, das nur Niri und eine Handvoll ihrer Gefährten kennen.

Denn die simple Wahrheit ist: Sollte der Streit der Götter nicht durch den Jungen im Zimmer und seine Verbündeten auf kontrollierte Art und Weise beendet werden, wird dieser Konflikt Deatril vollkommen vernichten.

Prolog

Der Junge im Zimmer stand vor jenem Fenster, das ihm Segen und Fluch gleichermaßen war. Er seufzte und legte eine Hand auf das kühle Bleiglas, welches aussah, als wäre es im Moment seines Zerberstens mithilfe einer filigranen Einfassung fixiert worden, die seine Oberfläche in ein komplexes Muster aus geschwungenen Linien unterteilte. Mit einer bewussten Willensanstrengung betrachtete er den nur allzu vertrauten Anblick vor sich als das, was er war: die Sigille der Zukunft – seine Sigille. Mit ihrer Hilfe starrte er fern der Fesseln der Zeit auf das, was geschehen könnte. Nur bei wenigen von tausend Möglichkeiten, die er erblickte, sah er eine Zukunft, die nicht den Untergang der gesamten Welt bezeugte. Und selbst unter dieser Handvoll möglicher Varianten der Zukunft gab es Visionen, die ein verheertes Deatril zeigten, in dem seine Bewohner ein Dasein fristeten, das mehr Überleben als Leben war.

Seine auf dem Glas ruhenden Finger wurden taub, und schnell zog er die Hand von dem Fenster fort. Die Zukunft konnte lediglich betrachtet, doch niemals berührt werden. Um sie zu formen, benötigte er jene Art von Hilfe, die ihm nun endlich zur Verfügung stand. Eine erste Verbündete saß in diesem Moment auf dem Zerschmetterten Thron und versuchte, ein Reich zu einen, im Namen eines Gottes, an dessen Ziele sie nicht wirklich glaubte – nur weil sie dem Rat gefolgt war, den der Junge im Zimmer ihr zugeflüstert hatte.

Wieder seufzte er und beschwor einen Blick auf Niris unmittelbare Zukunft hinauf. Machtkämpfe, Intrigen, ein wenig vergossenes Blut … nichts, was darauf hindeutete, dass ihr Lebensweg eine andere Richtung als die vom Jungen im Zimmer erwartete einschlug. Er gab die Kontrolle über das Bild auf, das ihm seine Sigille zeigte, und schloss die Augen. Niri würde ihm beistehen, solange es ihr möglich war, und mit ihr auch ihre Freunde, die sich in alle Himmelsrichtungen verteilt hatten, um nach dem Ende ihrer Zeit an der Sturmfels-Akademie ihren verschiedenen Zielen nachzugehen.

So sehr es den Jungen im Zimmer schmerzte, er durfte nicht weiter an Niri und ihre Gefährten denken. Ihr Schicksal würde sich vorerst auch ohne seine Hilfe entfalten. Es gab im Moment nur eine Person, der sein ungeteiltes Augenmerk galt. Und das war Tarikh al Sal-ka-Nar, der sogenannte Prinz von Staub und Schatten, der nach Aun-Mal, in die Heimat seiner Ahnen zurückkehrte, um mehr über die rätselhafte Magie zu erfahren, die ihm innewohnte.

Eine Magie, von der der Junge im Zimmer wusste, dass sie über das Schicksal ganz Deatrils entscheiden konnte.

Kapitel 1

Der kühle Wind griff beherzt nach Tarikhs Haar und löste einige Strähnen aus dem Lederband, das es im Nacken des Prinzen zusammenhielt. Mit ruhigen Bewegungen löste der Prinz seine Hände von der Reling des Flusskahns und bändigte sein Haar abermals. Amnur schnaubte. Der dicht neben Tarikh stehende Hengst schien sich über die Bemühungen seines Herrn regelrecht lustig zu machen.

Du schimpfst dich einen Prinzen, obwohl es dir misslingt, über deine Haare zu herrschen.

Der selbstironische Gedanke kam Tarikh ebenso plötzlich wie erwartbar. Zweifel waren ihm nicht fremd, vor allem nicht, seit er diese Reise angetreten hatte, die, nüchtern betrachtet, nur mit seinem sicheren Tod enden konnte. Er war ein Tölpel, ein Träumer, dass er glaubte, den endlosen Wüsten Aun-Mals die Geheimnisse über seine Magie entlocken zu können, bevor die Ok-esteks, die Todfeinde seiner Familie, ihn aufspüren und töten lassen würden.

»Und zu allem Überfluss lasse ich dafür noch meine Freunde zurück«, flüsterte Tarikh leise ins zuckende Ohr Amnurs. »Ich muss von Sinnen sein.«

Der Hengst drehte seinen Kopf und sah Tarikh neugierig an, doch als der Rah-shar bemerkte, dass sein Herr keine kleine Köstlichkeit für ihn in Händen hielt, die Amnur hätte fressen können, erlahmte das Interesse des Tieres an dem Prinzen. Es schüttelte seine rauchartige Mähne und stampfte mit den kräftigen Hufen auf. Amnur fühlte sich auf dem Wasser ebenso fehl am Platze wie Tarikh selbst.

»Eine Weile werden wir diese Art zu reisen noch erdulden müssen«, plauderte er weiter. Er deutete auf die kargen Felsufer links und rechts des kleinen Flusses, an denen sich hier und da vereinzelte Fischerhütten befanden sowie seltener eine Herberge, die den Reisenden Trank, Speis und ein bequemes Bett versprach. Weit vor dem Bug des Flusskahns erhob sich das zackige Gebirge, das Tarikh unter dem Namen Der steinerne Zaun kannte, da es die Grenze zwischen den Splitterlanden und Aun-Mal darstellte. Es bestand aus Hunderten kleinen, gut passierbaren Gebirgspässen, sodass es eine feindliche Armee ebenso wirkungslos abhalten würde wie ein gewöhnlicher Gartenzaun. Die zerklüfteten Hügel und Berge waren in dieser Form erst mit dem Tod Shalvinhurs, dem Gott der Aeldae, entstanden, nachdem dieser seine dritte Sigille im Thronsaal Aelderheyms fortgesperrt hatte und danach von Malkar besiegt worden war. Der Zauber, der die Sigille an Ort und Stelle gebunden hatte, hatte als Nebeneffekt die Hauptstadt Aelderheyms in einem Krater versinken lassen sowie Schluchten und Berge erschaffen, die den Splitterlanden ihren heutigen Namen verliehen hatten …

Ein leichtes Rumpeln ertönte plötzlich von überall her.

»Der dritte Erdstoß heute«, murmelte Tarikh und sah zur tief stehenden Nachmittagssonne hinüber. »Einer weniger als gestern, fünf weniger als noch vor zehn Tagen. Langsam beruhigt sich die Erde. Ich frage mich, wie weit sich der Krater Aelderheyms inzwischen angehoben hat.«

Amnur reagierte nicht, sondern träumte weiter von saftigem Hafer – oder was ein Rah-shar so denken mochte, der untätig auf einem Flusskahn gestrandet dastand, während sein Herr Selbstgespräche führte.

Tarikh umklammerte angespannt die Reling. Bald würde er die Splitterlande verlassen und damit alles, was er bisher kannte. Hier war er aufgewachsen, verborgen vor den Feinden seiner Familie, zumindest bis die Ereignisse an der Sturmfels-Akademie seinen Namen ans Ohr der Ok-esteks getragen hatten.

»Ich habe den Feuergott Malkar erblickt und überlebt«, wisperte Tarikh sich selbst zu. »Da werde ich doch ein paar selbstgefällige Adlige überstehen, die sämtliche Mitglieder meiner Familie seit Generationen jagen und zu töten versuchen.«

Diesmal schnaubte Tarikh. Laut ausgesprochen klang diese Logik auch nicht sinnvoller als in seinen Gedanken. Mehr als einmal hatte er sich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, einen seiner Freunde aus seiner Zeit an der Sturmfels-Akademie darum zu bitten, ihn zu begleiten, doch sie alle hatten ihre eigenen Herausforderungen zu meistern. Harduul, Tullpa und Apllut würden versuchen, eine Stadt in Tausendgrab zu errichten, die allen Wildlingclans offenstand – eine gewaltige Aufgabe, die ein ganzes Leben dauern mochte. Jonah von Lokenburg hatte sich zu den Fürsteninseln aufgemacht, um an der Seite seines Vaters zu regieren und die Narben zu heilen, die der kürzlich beendete Krieg zwischen seiner Heimat und den Malkariten hinterlassen hatte. Und Niri – tja, Niri war nun Königin eines Reichs, dessen Adel ihrer neuen Herrscherin den Tod wünschte. Nur die Furcht dieser Familien vor Malkar würde Niri weiterhin jene kleine Chance gewähren, die Splitterlande zu einen, eine Vision, an die sich die junge Herrscherin seit dem ersten Tag ihrer Regentschaft auf dem Zerschmetterten Thron klammerte.

Tarikh schüttelte den Kopf. Seine Gedanken sprangen hin und her, gefangen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Denn gewissermaßen war die Vergangenheit seine Zukunft. Einem Impuls folgend griff er in den Tuchbeutel, den er aufgrund des kostbaren Inhalts selbst hier auf dem Schiff nicht ablegte, und holte seinen Folianten der Sagen hervor. Das Original, also die ursprüngliche Geschichtensammlung über Tarikhs Ahnen und deren untergegangene Stadt Sal-ka-Nar war schon vor langer Zeit zerstört worden, aber mithilfe der findigsten Köpfe und Machtbeuger der Sturmfels-Akademie hatte Tarikh eine Nachbildung angefertigt, auch wenn das Pergament auf vielen Seiten noch weitestgehend leer war.

»Seid Ihr ein Gelehrter?«

Tarikh drehte sich nach dem Sprecher um und erkannte einen pickeligen Jüngling in verschlissenen Leinengewändern, die sicher einmal seinem großen Bruder gehört hatten, und in die er noch hineinwachsen musste. Große, ehrfürchtig schimmernde Augen blickten Tarikh an, und den ineinander verkrampften Fingern des Jungen konnte der Prinz ansehen, dass sein Gegenüber all seinen Mut zusammengerafft haben musste, um ihn anzusprechen.

»Ich wäre gerne einer«, erwiderte Tarikh mit einem sanften Lächeln. »Frage mich dasselbe noch mal nach ein paar Jahren des Friedens …«

»Siegbert, lass den hohen Herrn in Ruhe!«, schallte es da vom Eigentümer des kleinen Flusskahns herüber. »Kümmere dich lieber um sein Pferd. Es hat schon wieder Äpfel fallen lassen!«

»Ja, Paps!« Schon wandte sich der Junge ab, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und auf der Suche nach der Schaufel, um Amnurs Hinterlassenschaften ins Wasser zu befördern.

Tarikh steckte seinen Folianten fort und sah sich an Deck um. Eine resolute Händlerin war neben Tarikh die einzige andere zahlende Kundschaft auf dem Flusskahn und sie beäugte ihn neugierig, allem voran seinen Tuchbeutel. Auch sie wollte nach Aun-Mal gelangen, zusammen mit ihren drei Mauleseln und einer Fuhre bestehend aus Silberwaren, unlängst geschmiedet von den Zwergen der Stahlberge hoch im Norden Kernheyms. Warum die Frau nicht den viel schnelleren Seeweg die Ostküste des Kontinents entlang gewählt hatte, war Tarikh schleierhaft. Dafür konnte er den berechnenden Blick, den sie ihm zuwarf, umso besser deuten. Jonah und Apllut hatten ihn oft genug zur Schau gestellt, denn sowohl der Adlige von den Fürsteninseln als auch der schurkische Wildling waren gut darin gewesen, Gelegenheiten zu erkennen und sie für sich zu nutzen.

Die Händlerin machte sich offenkundig die Mühe, sich Tarikh ganz genau einzuprägen, bis hin zu dem Folianten, den er nun wieder verstaut hatte. Ganz sicher würde sie jedem, der sie dafür bezahlte, von dem seltsamen Prinzen erzählen, der mit ihr tagelang einen Flusskahn geteilt hatte.

»Wir zwei fallen einfach zu sehr auf«, flüsterte Tarikh seinem Rah-shar zu. Der zuckte mit seinem rauchartigen Schweif und stampfte unruhig mit den Hufen, beachtete seinen Herrn jedoch nicht weiter. Tarikh hatte zu Beginn seiner Reise überlegt, möglichst unauffällig zu reisen, aber das hätte nicht nur bedeutet, seine schwarze Stahlrüstung, sondern auch seinen Hengst zurückzulassen, denn ein Pferd, dessen Mähne und Schweif aus Rauch bestanden, würde nirgends übersehen werden. Doch neben seinen Freunden auch noch auf seine Rüstung und seinen letzten Verbündeten zu verzichten, war Tarikh als schlechteste seiner ohnehin rar gesäten Optionen erschienen …

Plötzlich reckte der Pferdeäpfel schaufelnde Siegbert den Hals und starrte den Fluss entlang. »Paps! Da vorn gibt es Ärger!«

Tarikhs Finger schlossen sich um den Dolch an seinem Gürtel, bevor er überhaupt darüber nachdachte. Nur mit Mühe gelang es ihm, den Impuls zu unterdrücken, die Waffe zu ziehen und das schattenhafte Schwert Ulmuthat heraufzubeschwören, aus dessen Überresten der Dolch geschmiedet worden war. Er kniff die Augen zusammen und blickte in dieselbe Richtung wie der Sohn des Kapitäns.

»Die stapeln sich ja regelrecht«, entfuhr es der Händlerin, die ebenfalls den Kopf gereckt hatte. »Sieht aus, als seien dort mehrere Flussschiffer mit ihren Kähnen kollidiert.«

Tarikh kniff die Lippen zusammen und nahm die Details der Szenerie in sich auf, der sie sich immer weiter näherten. Der Fluss, auf dem sie fuhren, schnitt tief in die ersten hügeligen Ausläufer des Steinernen Zauns hinein, dessen Berge sich in gut dreißig Längen Entfernung vor ihnen erhoben. Mehrere Steinwürfe voraus hatte ein unentwirrbares Chaos aus ineinander verkanteten Flusskähnen jegliches Fortkommen zu Wasser unmöglich gemacht. Aufgrund einer leichten Biegung des Flussbettes, etwa eine halbe Länge voraus, konnte Tarikh nicht einmal erkennen, wo das Unglück seinen Anfang genommen hatte.

»Haben die alle zu tief in den Weinkrug geschaut?«, brummte der Kapitän und hielt auf das westliche Ufer zu, wo der Kahn knirschend auf Grund lief.

»Das müssen über dreißig Kähne sein, Paps! Die können doch unmöglich alle von Betrunkenen gesteuert worden sein.«

Tarikh spürte ein vertrautes Ziehen in der Magengegend, das auf mögliche Gefahren hindeutete. Aus einem Instinkt heraus drehte er sich um, seine Augen suchten den Blick Niris oder Harduuls. Einer der beiden hatte in den letzten Jahren stets die Führung übernommen, doch Tarikh war, wie er abermals feststellte, von nun an auf sich allein gestellt. Er würde lernen müssen, selbst über sein Geschick zu entscheiden.

»Wenn Ihr wollt, reite ich auf Amnur vor und frage, was dort los ist«, bot er daher an.

»Das würdet Ihr tun, edler Herr?«, fragte der Kapitän mit einem deutlichen Ausdruck der Dankbarkeit auf seinen feisten Zügen. Offensichtlich war auch ihm der Anblick der havarierten Kähne nicht geheuer.

Tarikh führte Amnur ans Ufer, kaum dass Siegbert die hochgeklappte Planke herabgewuchtet hatte, und sattelte den ungeduldig schnaubenden Rah-shar.

»Wenigstens einer von uns freut sich über diese Wendung der Ereig­nisse«, murmelte der Prinz mit einem gequälten Lächeln. Dann saß er auf, und einen Herzschlag später galoppierte Amnur bereits los. Nur mit Mühe gelang es Tarikh, den Hengst zu zügeln, als sie sich der Unglücksstelle näherten. Jetzt fiel Tarikh auch ein Detail auf, das er bisher übersehen hatte. »Wo sind denn nur die Besatzungen hin?«

Im Kanter ließ er Amnur den nächsten Hügel erklimmen und erblickte ein kleines, improvisiert wirkendes Zeltlager in der Ferne, das eine jener Tavernen umlagerte, die den Fluss in regelmäßigen Abständen säumten. Wie bei einem aufgescheuchten Ameisenhaufen wimmelten Gestalten zwischen verknoteten Tuchbahnen umher. Selbst auf die Entfernung konnte Tarikh hochrote Köpfe und ausladende Gesten erkennen sowie die Wortfetzen von lautem Streit vernehmen. Unterlegt wurde diese Geräuschkulisse außerdem von einem seltsamen Tosen, das Tarikh nicht zuordnen konnte. Vorsichtig ritt er näher, wobei er nach Anzeichen Ausschau hielt, ob sich der allgemeine Streit in ein Scharmützel unter Bewaffneten verwandeln könnte. Doch die wenigen Knüppel und Dolche, die er beim Heranreiten erblickte, blieben in den Gürteln ihrer Besitzer verstaut.

Als Tarikh nur noch einen Steinwurf von den ersten Zelten entfernt war, begann sich das Verhalten der Anwesenden zu ändern. Sie wandten sich ihm zu, starrten ihn beunruhigt an, zeigten in seine Richtung und riefen abermals durcheinander, doch diesmal nicht im Streit.

»Ein Machtbeuger!«

»Ach was, das ist ein Wüstendaemon!«

»Ob er den Fluss gestohlen hat?«

»Still oder er verflucht uns!«

»Malkar, steh uns bei!«

Tarikh atmete tief ein und aus, während er dem abergläubischen Gerede lauschte. Natürlich wirkte er auf eine verängstigte Menge bedrohlich, zumal er aufgrund seiner Anspannung unbewusst seinen Umhang heraufbeschworen hatte. Ein hochgewachsener Mann mit dunklen Augen, rabenschwarzem Haar und Bart, in einer ebenso schwarzen Stahlrüstung, der auf einem muskulösen Pferd angeritten kam, dessen Mähne und Schweif aus Rauch bestanden, und der noch dazu einen Umhang trug, welcher aus Staub und Schatten gewebt zu sein schien – hätte Tarikh sich selbst das erste Mal erblickt, er hätte es wahrscheinlich auch mit der Angst zu tun bekommen. Beschwichtigend hob er seine Hände und lenkte Amnur mit den Knien näher.

»Ich will niemandem etwas Böses.« Er deutete über seine Schulter den Fluss hinauf. »Ein besorgter Kapitän, der mich gegen gutes Gold nach Aun-Mal bringen wollte, wartet darauf, zu erfahren, was in Malkars Namen hier geschehen ist.« Auch wenn Tarikh den Namen des Karmesinroten Gottes lieber nicht auf seinen Lippen führen wollte, so halfen seine fromm vorgetragenen Worte dabei, dass zumindest einige wenige ihn nicht länger mit Angst oder Argwohn im Blick ansahen.

»Der Fluss ist fort«, antwortete ihm schließlich eine Frau mit silbergrauem Haar und beginnendem Buckel. Mit von Jahren der Fluss­schiff­fahrt gezeichneten Fingern deutete sie an der Zeltstadt und der Taverne vorbei. »Heute Morgen passierte es, ganz plötzlich! Die Erde bebte, und dann …« Ihr versagte die Stimme. »Es ist besser, Ihr seht es Euch selbst an, hoher Herr.«

Rund um die Sprecherin nickten andere in der Gruppe emsig, doch kein weiteres Wort kam über die Lippen der Versammelten, die wohl hofften, er käme dem Vorschlag der Frau schnellstmöglich nach. Offen­sichtlich war man sich einig, dem seltsamen Fremden keinen Grund zum Bleiben geben zu wollen.

Seufzend setzte Tarikh Amnur in Bewegung und ritt in einem großzügigen Bogen um die Zeltstadt herum. Dabei konnte er erkennen, dass viele der Kapitäne ihre Waren von den Kähnen geborgen und nun provisorisch unter Stoffbahnen verstaut gelagert hatten. Die kunterbunte Vielfalt der Stoffe und ihrer Farben war Beweis dafür, dass an diesem Unglück vor allem jene Händler bereits verdient hatten, die mit eben jenen Stoffbahnen auf ihren Kähnen unterwegs gewesen waren und diese nun geschwind an den Mann oder die Frau gebracht hatten. Not machte eben erfinderisch, wie Tarikh nur zu gut wusste, und einige auserwählte Händler machte sie obendrein auch reich.

Dem leisen Rauschen folgend ritt Tarikh auf Amnur den nächsten, dann den übernächsten Hügel hinauf, wobei das unbekannte Geräusch in ein charakteristisches donnerndes Tosen überging, das in Tarikh eine ungute Vorahnung hervorrief. Doch als der Rah-shar schließlich die Hügel­kuppe erreicht hatte, legte Tarikh sich trotzdem keuchend die Hand vor den Mund. Mitten im Flussbett hatte sich eine breite klaffende Schlucht aufgetan, die den Fluss, dessen Fluten als gewaltiger Wasserfall in die Tiefe hinabstürzten, zur Gänze verschlang. Dem Hall der in der Dunkelheit verschwindenden Wassermassen zufolge, musste diese Spalte ungeheuer tief hinabreichen, und ihr Anblick erweckte in Tarikh den Eindruck, als würde er hier das Maul des Ewigen Biestes sehen, das sich anschickte, Deatril einfach zu verschlucken, einen gewaltigen Bissen nach dem anderen. Doch er wusste es besser. Wusste, woher dieser Riss im Boden stammte.

»Wir waren das«, flüsterte er dem teilnahmslos um ihn herum wehenden Wind zu. »Niri und wir anderen.« Er schloss die Augen, während er diese Erkenntnis verarbeitete. Indem sie das Zaubernetz zerstört hatten, das den Krater von Aelderheym umsponnen hatte, und durch die nachfolgende Zerstörung der im Thronsaal des Palastes versiegelten Sigille der Stärke, hatten sie Kräfte entfesselt, die seit Jahrhunderten auf das Land eingewirkt hatten. Der Krater Aelderheyms, befreit von seiner magischen Last, hob sich seitdem jeden Tag um mehrere Fingerbreit. Auch Schluchten, die vormals die Splitterlande durchzogen hatten, schlossen sich merklich.

Tarikh öffnete seine Augen wieder. Doch anscheinend bildeten sich andernorts Risse, die ihrerseits ganze Landstriche veränderten. Sein Blick schweifte gen Süden, das bloßliegende Flussbett entlang. Noch waren Algen auf dessen Grund zu erkennen sowie hier und da kleinere Pfützen im unebenen Fels. Doch schon bald wäre diese Schneise durch die Berge lediglich ein weiterer karger Pass, den man auf dem Landweg durchqueren würde. Tarikh suchte mit den Augen nach dem Ende des Passes, wollte einen Blick auf die Heimat seiner Ahnen erhaschen, doch dafür wand sich das Flussbett auf seinem Weg durch den Steinernen Zaun zu sehr. Der Prinz sah noch einmal auf den tiefen Schlund hinab, in den sich der Fluss zu Tode stürzte, und erschauderte. All diese Zerstörung hatte allein die Vernichtung einer einzigen Sigille der Schöpfung angerichtet. Und doch war sie nur ein Vorgeschmack darauf, welche Verheerungen Deatril heimsuchen könnten, sollte der Streit der Götter erneut entflammen, wie es erst vor wenigen Wochen beinahe geschehen wäre.

»Schuld ist die Zerborstene Königin, das sag ich euch.« Die Stimme des Sprechers besaß jenen undeutlichen Unterton, der auf zu viel Weingenuss in zu kurzer Zeit hindeutete.

Tarikh drehte sich absichtlich nicht in Richtung des Trinkers um, der in der überfüllten Gaststube der vom Abendlicht beschienenen Herberge mit einer hartgesichtigen Gruppe von Männern und Frauen sprach, die allesamt von der Havarie betroffene Flussschiffer zu sein schienen. Tarikh hatte nach dem pflichtschuldigen Überbringen der Neuigkeiten an den Kapitän seines Kahns in der Herberge Zuflucht gesucht, in der Hoffnung, hier genug Proviant für eine Weiterreise zu Pferd erstehen zu können. Glücklicherweise besaß er ausreichend Goldmünzen, sodass er einen maßlos überteuerten Schlafplatz hatte ergattern können. Nun löffelte er einen wässrigen Erbseneintopf, der in Tarikh die Sehnsucht nach der Brotsuppe des Turms der Bettler heraufbeschwor, und lauschte währenddessen den Gesprächen, die sich rings um ihn entfalteten.

»Diese Aeldae hat unseren guten Herrn Malkar verhext, und jetzt leidet das Land unter ihrer Herrschaft und bröckelt uns unter den Füßen weg«, fuhr der Säufer unterdessen fort.

»Recht hat er«, meldete sich ein anderer aus der Runde des Trinkers. »Warum sonst heißt sie wohl die Zerborstene Königin. Der zerbricht alles unter ihren unheiligen Fingern.«

»Die kann sogar die Zeit zerbrechen«, raunte eine andere Kapitänin verschwörerisch. »Mit einem Blick kann sie dich an Ort und Stelle erstarren oder deine Lebensjahre im Handumdrehen verstreichen lassen.«

»Ich habe gehört, die macht es sich in ihrem Bett mit Wildlingen gemütlich«, stieß die nächste Frau ins selbe Horn. »Und ergeht sich in deren unheiligen Ritualen. Vielleicht war unser Fluss ja eine Opfergabe an deren Daemonen.«

Tarikh stöhnte leise, hielt aber den Mund. Gerne hätte er die Ehre seiner Freunde verteidigt, aber er wusste nur zu gut um die Macht der Angst und das Ohnmachtsgefühl vollkommener Hilflosigkeit. Diese Leute hier brauchten einen Sündenbock, jemanden, dem sie die Schuld an einem Desaster geben konnten, das ihre Lebensgrundlage so unmittelbar zerstört hatte. Tarikh hätte natürlich aufstehen und klarstellen können, dass im Endeffekt der seit Jahrhunderten tote Gott Shalvinhur und seine dritte Sigille Schuld an den Verwerfungen trugen, die hier und heute den Fluss verschlangen – allein, wer hätte ihm zugehört, geschweige denn geglaubt? Im schlimmsten Fall hätten sich die Herbergsgäste einen neuen Schuldigen für ihre Misere gesucht – zum Beispiel den unheimlichen Fremden mit dem Umhang aus Staub und Schatten und seinem Daemonenpferd! Nein, es war besser, er hielt sich bedeckt, so wie es ihm von Kindesbeinen an eingebläut worden war. Nicht auffallen, nicht anecken …

»Darf es was zu trinken sein?« Die gelangweilte Frage des Schankwirts riss Tarikh aus seinen Überlegungen.

»Wein, gern mit viel Wasser gestreckt.«

Der Wirt zog die Augenbrauen hoch. »Normalerweise bekomme ich eher das Gegenteil zu hören«, brummte er und machte sich mit geübten Handgriffen ans Werk.

Tarikh prüfte unterdessen mit einer raschen Geste die Fülle seines Goldbeutels. Neben den Dutzenden Münzen fühlte er durch das Leder die beruhigenden Umrisse mehrerer kleiner Rubine. Seine Reisekasse war gut gefüllt, auch dank der Großzügigkeit Jonah von Lokenburgs, der ihn nicht hatte ziehen lassen wollen, ohne ihm zumindest materiell bestmöglich unter die Arme zu greifen. Tarikh vermisste den gewitzten Adligen, der besser als alle anderen Gefährten Tarikhs verstanden hatte, was es hieß, im Exil leben zu müssen. Zwei Jahre lang war Jonahs Heimat durch den Krieg gegen die Malkariten bedroht worden, und mehr als einmal hatte Jonah in dieser Zeit mit dem Prinzen von Staub und Schatten über eine mögliche Zukunft gesprochen, in der auch die von Lokenburgs nicht länger über ein Herrschaftsgebiet verfügen würden und ihr Leben in der Fremde fristen mussten. Glücklicherweise hatten die Fürsteninseln den Krieg gewonnen – auch hier dank der indirekten Hilfe Niris und ihrer Freunde. Tarikh schüttelte den Kopf. Wie sehr sämtliche Verwicklungen der letzten Jahre in Kernheym um die Sturmfels-Akademie und die verschmähte Sigille Shalvinhurs gekreist hatten …

»Wein mit Wasser, wohl bekommt’s, der hohe Herr!« Der Wirt donnerte den Krug vor Tarikhs Nase aufs verblichene Holz des Tisches, anscheinend sehr mit sich zufrieden, den Prinzen abermals aus seinen Gedanken gerissen zu haben. »Ich schreibe die Münzen auf Euer Zimmer an, hoher Herr.« Bevor Tarikh sich bedanken konnte, war der Mann auch schon wieder verschwunden. Er und seine Frau mühten sich redlich, die vielen Gäste zu bedienen, die sich in die Schankstube drängten.

Durch die Tatsache ermutigt, dass er bisher vor ungewollter Neugier verschont geblieben war, drehte Tarikh den Kopf und besah seine Umgebung das erste Mal genauer. Über sechzig Gäste quetschten sich auf Stühle und Sitzbänke, die eigentlich nur für die Hälfte an Kundschaft ausgelegt waren. Die mitunter schiefen Tische waren beladen mit Suppen­schalen, Krügen und Holzbechern, und die Lautstärke der lärmenden Anwesenden nahm mit jedem Herzschlag ein winziges Bisschen zu. Tarikhs Ohren begannen bereits zu klingeln, und schnell schaufelte er die letzten Reste des Eintopfes in sich hinein und spülte den mehligen Geschmack mit dem kaum noch an Wein erinnernden Wasser hinunter.

Ein lautes, pöbelndes Lachen ertönte von einem der langen Tische am Südende des Raumes her und signalisierte dem Prinzen, dass er besser seine Schlafstatt aufsuchte, bevor Wein, unterdrückte Wut und Trauer sich zum Reigen der Gewalt vereinigten. Diese Schankstube würde Schauplatz einer Prügelei werden, wenn nicht gar Messer und Knüppel gezückt würden. Zu viele Menschen hatten heute zu viel verloren.

Tarikh sah zu einem der offen stehenden Fenster hinüber, die nicht nur die kühle Abendluft hereinließen, sondern auch die goldenen Strahlen der Abendsonne, die sich mit einem letzten Kuss gleißender Helligkeit von diesem Landstrich verabschiedete. Tarikh nahm seinen Weinkrug und stand auf. Es war besser, er trank auf dem Zimmer weiter. Das Verblassen des Sonnenlichts erschien ihm plötzlich wie ein Fanal, nach dem sich die Schenke in eine düstere, blutgetränkte Version ihrer Selbst verwandeln würde. Er nickte dem Wirt zu und trat vor die Eingangstür, um noch einmal nach Amnur zu sehen. Der Hengst stand in einem engen Karree mit den anderen Pferden aneinander angebunden da und starrte diese mit Verachtung an. Die Tiere ließen ihrerseits die Köpfe hängen und wagten den seltsamen Cousin in ihrer Mitte nicht zu reizen.

»Bist ein echter Rüpel, was?«, murmelte Tarikh mit einem gequälten Lächeln. Auch in den Ställen der Akademie hatte Amnur den anderen Pferden wenig Liebe entgegengebracht, und dem Prinzen entging nicht die Ironie, dass Amnur, ganz im Gegenteil zu seinem Herrn, mit gehörigen Standesdünkeln durchs Leben wandelte.

Lautes Hämmern erweckte Tarikhs Aufmerksamkeit, und sein Blick schweifte das Flussbett hinauf. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen kletterten auf den havarierten Kähnen umher und nutzten Planken, breite Bretter und Trümmerstücke bereits gesunkener Boote, um eine Art hölzerne Blockade zu schaffen, die verhindern sollte, dass die Massen an ineinander verkeilten Kähnen nach und nach in den Abgrund gespült wurden. Tarikh seufzte tief. Es war immer dasselbe in einer Krise: Einige wenige handelten und opferten sich – oder in diesem Fall ihre Kähne –, damit andere es leichter hatten und möglichst ungeschoren davonkamen. Er musste wieder an Niri auf dem Zerschmetterten Thron denken. Nur ihre engsten Freunde wussten, dass sie ein Opfer erbracht hatte, als sie Malkar gebeten hatte, sie zur Königin der Splitterlande zu ernennen …

Unerbittlich versank die Sonne hinter den Hügeln im Westen, und Tarikh wandte sich wieder dem Schankraum zu und trat hinein. Die Treppe zu den Zimmern führte hinter dem Tresen, am gegenüberliegenden Ende des Raumes, ins Obergeschoss, und forsch schritt er auf die Stufen zu. Ein Anflug von Heimweh befiel ihn, als er an die vertraute Heimeligkeit von Fumurs Höhle dachte, an lärmende, lachende, würfelnde und trinkende Aeleven, die die vorzüglichen Speisen des Zwergs hinunterschlangen. Wie im Kontrast zu den Gedanken des Prinzen brach an einem der Tische in der Gaststube die erwartete Prügelei aus. Keine fünf Herzschläge später schoss bereits Blut aus einer gebrochenen Nase hervor, gefolgt vom rauen Grölen der Menge. Tarikh hastete die Treppe empor und atmete erst wieder durch, als er sein Zimmer gefunden und von innen den schweren Riegel vorgelegt hatte. Plötzlich fühlte er sich schrecklich allein und überaus feige und nutzlos. Niri oder Harduul hätten sicher die richtigen Worte gefunden, um die Fährschiffer zu beschwichtigen, ihre Wut zu mildern, sie zu einen …

Während er auf dem muffig riechenden Strohbett den Ausschreitungen im Schankraum lauschte und sich verzweifelt nach der gnädigen Umarmung des Schlafes sehnte, versuchte er in diesem holprigen Start seiner Reise in die Heimat kein schlechtes Omen zu erkennen. Doch seine Bemühungen waren vergebens, und als er endlich einschlief, träumte er von gewaltigen Zähnen, die sich einem bleichen Kerkergitter gleich um ihn schlossen, während Skorpione durch die Zwischenräume gelangten und ihn mit ihren wieder und wieder zustechenden Stacheln ein für alle Mal vom Antlitz Deatrils tilgten.

Der folgende Morgen war geprägt von kaltem Niesel, verkaterten Fluss­schiffern und dem chaotischen Gewimmel mehrerer Dutzend Händler, die nach Möglichkeiten suchten, ihre Waren entweder doch noch gen Aun-Mal zu schaffen oder sie zumindest flussaufwärts zurück in die Splitterlande zu transportieren. Erste Flusskähne wurden mithilfe eilig hergebrachter Ochsen aus dem Pulk havarierter Boote hervorgezogen und vertäut, die verderblichsten Güter anschließend auf ihnen verladen.

Tarikh stand bereits mit gepacktem Bündel vor der Herberge, die Satteltaschen Amnurs prall gefüllt mit Nahrung und Trinkwasser. Den frühen Morgen über hatte er beobachtet, wie herzensgute Schiffsleute den verzweifelten Händlern halfen, ohne nach einer Bezahlung zu fragen, und daneben ebenso jene, die auch noch die letzte Münze aus den Unglücklichen herauspressten. Wie schon an der Sturmfels-Akademie brachten unerwartete Umwälzungen das Beste wie auch das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein.

»Braucht Ihr eine Rückfahrt, edler Herr? Ein kleines Plätzchen hätte ich noch frei.« Ein Zwerg hatte sich Tarikh genähert, der seiner Kluft aus geöltem Leder nach ebenfalls ein Flussschiffer war. Er trug die spiralförmigen Tätowierungen eines Klippbrüchlers, und Tarikh war überrascht, ein Mitglied des kleinen Volkes zu sehen, das seinen Lebensunterhalt auf derart unübliche Weise verdiente.

Der Prinz schüttelte den Kopf und lachte leise. »Ich muss nach Aun-Mal, also endet meine Zeit auf dem Fluss hier.«

Der Zwerg nickte nur und wandte sich ruckartig ab, bereits auf der Suche nach einem anderen zahlenden Gast.

»Es geht für Euch also nach Süden?« Die raue, nach saurem Wein stinkende Stimme ertönte dicht hinter Tarikh, sodass er wachsam herumwirbelte und dann einen Schritt zurücktrat. Zwei Männer und eine Frau standen da, in eine Mischung aus gehärtetem Leder und Kettengeflecht gerüstet, ihre Mäntel waren hier und da mit Spritzern getrockneten Blutes befleckt, und der Staub der Straße lag einem dichten Schleier gleich auf jedem Fingerbreit ihrer wehrhaften Gestalten.

»Braucht Ihr vielleicht eine Eskorte?«, fuhr der Mann in der Mitte fort, während die Frau Tarikh eindringlich musterte.

Söldner, schoss es dem Prinzen durch den Kopf. Und dann, einen Herzschlag später: Auf einer einsamen Straße könnte man sie auch für Banditen halten.

Vielleicht waren sie ja beides, je nach Gelegenheit. Ihm fiel der gierige Blick auf, den die Söldnerin auf seinen juwelenbesetzten Familiendolch warf und er seufzte. Bei einer solchen Eskorte würde er des Nachts kein Auge zutun können, aus Sorge, erschlagen zu werden. Er konzentrierte sich flüchtig und beschwor seinen Umhang herauf, was er an diesem Morgen bisher bewusst unterlassen hatte, um weniger Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Kaum formte sich das Echo jenes Mantels um seine Schultern, der damals von den Herrschern der Stadt Sal-ka-Nar getragen worden war, da traten die Söldner nun ihrerseits erschrocken einen Schritt zurück. Tarikh zupfte an dem Gebilde aus Staub und Schatten, das sich in jeder Hinsicht wie gewöhnliche Seide verhielt, solange er es nur wünschte. »Ich verfüge über äußerst effektive Möglichkeiten, mich selbst zu schützen.«

»Verdamm mich, das ist einer dieser Aefriit aus der Wüste«, schimpfte der Redner und zog die anderen beiden mit sich, fort vom reglos dastehenden Prinzen. Dass jeder von ihnen zum Abschied noch einmal Tarikhs edelsteinbesetzten Dolch beäugte, trug nicht gerade dazu bei, dass dessen Laune sich verbesserte. Erneut fühlte er sich furchtbar allein. Zum einen hätten seine Gefährten die Situation mit einigen lustig-kämpferischen Kommentaren aufgelockert, zum anderen wären drei Räuber für die eingeschworene Gruppe aus kampfgestählten Aeleven kaum ein Problem gewesen. Sie hatten in den letzten Jahren gemeinsam gegen einen Blutzahn, Rudel von Hetzwölfen und sogar einen gewaltigen Riesbären gekämpft – von Biestbringern und deren Schergen ganz zu schweigen!

Wehmütig schwang er sich schließlich auf den Rücken des ungeduldig wartenden Amnurs und ließ den Hengst gen Süden traben.

Der Heimat seiner Ahnen entgegen.

Das ausgetrocknete Flussbett hatte sich im Verlaufe des Tages als halbwegs passabler Pfad erwiesen. Natürlich musste sich Amnur einen Weg durch die vom Wasser glatt polierten Felsen und glitschigen Algen suchen, doch es gab genug sandige Stellen, die seinen Hufen ausreichend Halt boten. Im Gegensatz dazu war der Gestank, der von den verrottenden Wasserpflanzen und toten Fischen ausging, die es nicht geschafft hatten, dem versiegenden Wasserpegel gen Süden zu entkommen, eine Tortur für Tarikhs Nase. Wären die Hänge des Flussbetts weniger steil und das umliegende Gebirgsland nicht deutlich schwerer zu durchqueren gewesen als das Flussbett, Tarikh hätte eine Wegstrecke bevorzugt, die nicht ganz so deutlich von Tod und Vernichtung gezeichnet worden war.

»Da war es ja selbst im Krater noch heimeliger«, versuchte er sich an einem Anflug von Galgenhumor. Als die Reaktionen seiner Gefährten, allen voran ein bissiger Kommentar Aplluts, ausblieben, seufzte er schwer. Vielleicht hätte Tarikh vor seinem Aufbruch wirklich einen seiner Freunde um Hilfe bitten sollen …

»Hab doch gesagt, wir holen den reichen Fatzke ein.« Ein hämisches Lachen folgte auf den Ausruf.

Tarikh drehte sich im Sattel um, nur mühsam einen weiteren Seufzer unterdrückend. Die drei Söldner ritten gemächlich das Flussbett hinab, die Hufe ihrer Pferde hatten sie mit Stofflappen umwickelt, um sich besser an Tarikh heranschleichen zu können. Die Frau hatte einen Kurzbogen in der Hand, beide Männer trugen Schwerter. Ihre kalten Blicke machten Tarikh klar, dass sie sich ihm nicht als Mietlinge, sondern als Wegelagerer näherten.

»Gib uns den Dolch und dein Pferd, dann lassen wir dir vielleicht dein Leben und den Rest deiner Habe«, sagte die Banditin und legte auf Tarikh an.

Der Prinz nickte langsam. »In Ordnung.« Dann glitt er von Amnurs Rücken. »Ich ergebe mich.« Er hob seine Arme und fixierte die Frau mit dem Bogen in der Hand. »Nicht schießen.«

»Viel Gold am Gürtel, aber keinen Mumm in den Knochen«, frohlockte der Kerl mit der rauen Stimme. »So liebe ich meine Opfer.« Er und sein Kumpan machten neben der Bogenschützin Halt.

Tarikh ignorierte die beiden Männer und beobachtete weiter die Frau. Sie war für den Moment die einzige Gefahrenquelle, zumindest bis ihre Kumpane sich auf Nahkampfdistanz genähert hatten. Der Blick des Prinzen glitt flüchtig zu ihrem Köcher. Die Federschäfte von vier weiteren Pfeilen ragten dort heraus.

Tarikh atmete ein und aus. Fünf Pfeile, zwei Schwerter, dachte er. Im Krater haben wir viel Schlimmerem gegenübergestanden. Und da war es wieder, dieses kleine, verräterische Wörtchen: wir.

Es gab hier kein wir. Niemand sprang ihm zur Seite, niemand kompensierte Tarikhs nachdenkliche Ader, die raschem Handeln nur allzu oft im Weg stand. Es gab nur den Prinzen von Staub und Schatten sowie seinen Rah-shar – der, scheinbar unbeeindruckt von Tarikhs bedrohlicher Lage, probeweise an ein paar welken Algen knabberte. Tarikh konnte in den Augen der drei Banditen lesen, dass sie ihn niemals würden lebend davonkommen lassen. Er würde schnell handeln müssen, um diese Begegnung zu überleben, das war ihm klar. Was würde Niri tun? Was Harduul? Dann kam ihm ein Geistesblitz. Was würde Apllut tun?

»Ich kann euch bezahlen«, sagte er mit vor scheinbarer Nervosität bebender Stimme. Sollten sie ruhig glauben, er bibbere um sein Leben und nicht darum, dass die Banditen seine Absichten durchschauten. »In den Satteltaschen ist genug Gold für euch alle, aber lasst mir mein Pferd, damit ich weiterreisen kann!« Er tat so, als wollte er seine Besitztümer zur Übergabe bereit machen.

»Der sorgt sich tatsächlich um seine Bequemlichkeit«, schnaubte der Dritte, dessen Stimme erstaunlich hoch klang angesichts seiner brachialen Erscheinung mit Vollbart und narbenverzierter Glatze.

»Nehmen wir ihn aus«, erwiderte sein Freund, und die beiden kamen näher geritten. Ob der Mann seine Worte absichtlich doppeldeutig gewählt hatte, wagte Tarikh sich nicht zu fragen.

Mit noch immer erhobenen Händen wartete er ab, bis die beiden ihn beinahe erreicht hatten. Erst, als der Linke sein Schwert fester packte und der Kahlköpfige von seinem Pferd steigen wollte, reagierte der Prinz von Staub und Schatten.

»Und sehet Parham Telmanrei, den treuen Leibwächter des Geschlechts al Sal-ka-Nar und wie er seine Klinge erhob gegen jene, die seinem Herrn Übles wollten«, rezitierte er leise eine Passage aus einer der wenigen Geschichten, die sich in seinem Folianten der Sagen befanden. Sofort erhob sich neben ihm eine schattenartige, schwer gerüstete Gestalt, einen großen Säbel mit beiden Händen umfasst.

»Ein Daemon!«, schrie die Frau und schoss auf die Erscheinung. Harmlos zischte der Pfeil durch den Schemen hindurch, knapp am indigniert wiehernden Amnur vorbei.

Tarikh blieb indes nicht untätig. Er zog seinen Dolch und trat zum Pferd des absteigenden Banditen. Er schnitt den Sattelgurt durch, wobei er unter dem Pferd des Mannes hindurchtauchte, um sich außer Reichweite des anderen Banditen zu bringen, welcher gerade probeweise mit seiner Klinge nach dem Schemen Parhams schlug. Mit einem Schrei stürzte der Kahlköpfige samt Sattel ins Flussbett, und seine Zähne knirschten hörbar, als er mit dem Gesicht voran aufschlug. Seine helle Stimme wurde noch eine Oktave höher, und er hielt sich beide Hände vor den blutüberströmten Mund.

Tarikh empfand keine Genugtuung über das Ergebnis seines kleinen Manövers, denn schon zischte ein Pfeil heran, der ihn nur deshalb knapp verfehlte, weil er durch das sich vor ihm aufbäumende Pferd des Kahlkopfes ein schlechteres Ziel bot.

»Ignoriert den Schattenmann, der Aefriit ist der, den wir töten müssen«, kommandierte die Banditin.

Tarikh hatte gehofft, dass die Ablenkung des Leibwächterschemens ihm mehr Zeit erkaufen würde, aber immerhin hatte er nun die Möglichkeit, in die Offensive zu gehen. Er löste seine Konzentration von dem menschengroßen Schatten, und dieser zerstob in einer Wolke aus Staub. Stattdessen verlagerte Tarikh seinen Fokus auf den Dolch in seiner Hand.

»Und sehet Ulmuthat, die Klinge aus dem Geschlecht der Sal-ka-Nars, geschmiedet aus einem gefallenen Stern.« Die Worte gingen ihm wie von selbst über die Lippen, und er dachte detailliert an jene sagenumwobene und längst zerstörte Waffe, die seinen Ahnen so gute Dienste geleistet hatte. Mühelos formte sich das Schwert als schattenhafte Klinge aus dem Dolch, der vor so langer Zeit aus den Überresten Ulmuthats erschaffen worden war. Da galoppierte das erschrockene Pferd des Kahlen bereits davon und raubte Tarikh seine Deckung.

»Wen willst du denn mit dieser Illusion beeindrucken, Aefriit?«, fragte der unversehrte Bandit und deutete auf Ulmuthats Schemen.

Tarikh antwortete nicht, sondern behielt die Bogenschützin aus den Augenwinkeln im Blick. Als sie erneut ihre Waffe spannte, griff er mit seiner freien Hand nach seinem Umhang und unterwarf dessen Schemen seinem Willen. Er änderte die Substanz des Stoffes, ließ ihn an der Schließe durchdringbar werden und zog ihn sich mit einer fließenden Bewegung vom Hals. Dann schleuderte er ihn dem heransausenden Pfeil entgegen, und mittels eines Aufblitzens seiner Willenskraft verhärtete Tarikh den Umhang im Flug, gerade lange genug, dass der Pfeil von dem schattenhaften Kleidungsstück abprallte.

»Was …?«, fragte die Bogenschützin verblüfft, aber da ging Tarikh bereits auf den unverletzten Banditen los und schlug mit Ulmuthat zu.

Der parierte nicht, sondern setzte einen eigenen Stoß an, fest davon überzeugt, dass Tarikhs Schattenwaffe ihm keinen Schaden zufügen konnte.

Fast bedauernd vollendete der Prinz seinen Angriff und durchbohrte den Mann mit seiner heraufbeschworenen Klinge. Der ließ sein Schwert fallen und starrte auf den Schemen, der in seinem Bauch steckte.

Tarikh ließ Ulmuthat unstofflich werden und zog ihn mühelos aus seinem Gegner hervor, dann riss er den Mann vor sich, als ein weiterer Pfeil heranflog. Knirschend drang das Geschoss in den Todgeweihten ein, und der starb, bevor er den Boden des Flussbetts berührte.

»Daemon! Aefriit!«, schrie der Kahle undeutlich, während er sich vom Boden aufraffte, noch immer eine Hand vor dem zerschlagenen Mund. Er sah auf seine Waffe, die am Boden lag, dann auf den scheinbar ungerührt dastehenden Tarikh, der keinerlei Wunsch verspürte, einen Unbewaffneten niederzustrecken.

»Geh«, sagte der Prinz von Staub und Schatten grimmig. »Und bedenke das nächste Mal, dass dein Opfer wehrhafter sein könnte, als du glaubst. Vielleicht solltest du lieber auf dem Pfad des Söldners bleiben.«

Der Kahle stieß einen unartikulierten Schrei aus und rannte seinem Pferd hinterher.

Tarikh fixierte indes die Banditin, die ihren letzten Pfeil aufgelegt hatte. »Lass es«, befahl er in einem Tonfall, den er noch nie angeschlagen hatte, aber oft genug von Harduul oder Niri gehört hatte. »Wenn du diesen Pfeil auf mich abfeuerst, werde ich nicht zögern, dich niederzustrecken.« Es kostete ihn Mühe, derart unnachgiebig zu klingen, ein Teil von ihm wollte lieber zurückweichen, in der Hoffnung, die Banditin würde auch ohne Drohungen seinerseits die Lust an einer Fortsetzung der Konfrontation verlieren.

Ihre Augen bohrten sich in die seinen, und Tarikh glaubte beinahe, ein seltsamer Wettstreit der Willenskraft würde beginnen. Er hatte seinen Umhang instinktiv neu erschaffen, sodass dieser wieder um seinen Hals hing, bereit, erneut geworfen zu werden. Sie hingegen hielt den Pfeil auf der Sehne, die bereits halb gespannt war. Der Bruchteil eines Herzschlags mochte darüber entscheiden, wer von beiden schneller sein würde.

»Ich will keinen Streit«, versuchte Tarikh sein Glück mit einem Anflug von Diplomatie. »Ihr habt Euch für Gewalt entschieden und verloren. Jetzt zieht Eures Weges, und wir sehen einander nie wieder.«

Sie kniff die Augen zusammen und senkte schließlich ihren Bogen. »Wer bei den Streitenden Göttern seid Ihr, Daemon?«

Tarikh seufzte. Er hatte seine Kräfte eingesetzt und ließ die Banditen dennoch laufen. Also würden seine Feinde ohnehin erraten, wer es war, der diese drei in die Flucht geschlagen hatte, sobald sie weitererzählten, was sich in diesem ausgetrockneten Flussbett zugetragen hatte. Vielleicht war es an der Zeit, dass er für sich einstand.

»Ich bin Tarikh al Sal-ka-Nar«, erwiderte er ungelenk. Mit einem leichten Zucken seines Willens ließ er Ulmuthat verschwinden. »Ich bin der Prinz von Staub und Schatten.« Dann deutete er entschlossen den gestorbenen Fluss hinab, hin zum Land seiner Ahnen. »Und ich kehre endlich heim.«

Kapitel 2

Das stinkende Lagerfeuer aus qualmenden Algen blakte vor sich hin und schuf nur wenig Licht und Wärme. Tarikh saß auf dessen windabgewandter Seite und starrte missmutig auf die glimmenden Pflanzen hinab.

»Ich bin der Prinz von Staub und Schatten«, ahmte er sich knurrend nach. »Was für ein dummer Moment sinnlosen Stolzes!«

Für eine Weile hatte er sich nach der Begegnung mit den Banditen mächtig und selbstbewusst gefühlt, doch nun, hier allein am Lagerfeuer neben seinem unleidig mit den Hufen scharrenden Hengst, kam ihm sein kleiner Ausbruch äußerst töricht vor. Er war keine Niri, die über die natürliche Anziehungskraft einer Anführerin verfügte, ohne dass sie es selbst bemerkte, und auch kein Harduul, der von Kindesbeinen an dazu erzogen worden war, andere anzuleiten. Nein, er war ein Prinz im Exil, gejagt und mit einer Magie geschlagen, die er noch immer nicht so recht verstand! Dann lachte er zynisch, erst leise und dann immer lauter, bis es von den Bergen links und rechts widerhallte.

»Und ich grübele zu viel!«, hielt er sich vor, was ihm Jonah immer zugeflüstert hatte, wenn der Prinz sich in seinen Gedanken verloren hatte. Tarikh wusste, warum er gerade so hart mit sich ins Gericht ging. Er war es gewohnt, sich zurückzuhalten und anderen zu folgen, doch nun musste er seinen Weg selbst bestimmen und für seine Handlungen allein die Konsequenzen tragen. Tief atmete er durch und ließ den Zusammenstoß mit den Banditen noch einmal vor seinem inneren Auge vorbeiziehen, dieses Mal ohne auf die Stimme zu hören, die ihm zuflüsterte, dass er sich falsch verhalten hatte, dass er schwach und unsicher war und gar kein echter Prinz, ja nicht einmal ein Einwohner Aun-Mals …

»Ich habe mich gar nicht so schlecht geschlagen«, zwang sich Tarikh leise zu sagen. Er sah dabei Amnur an, damit er sich nicht zu albern dabei vorkam, Selbstgespräche zu führen. »Ich, ganz allein, gegen drei Bewaffnete.«

Der Hengst schnaubte, ohne ihm den Kopf zuzuwenden.

»Du hättest ruhig helfen können, weißt du?«, sagte Tarikh, nun in launiger Stimmung, und tätschelte die linke Fessel des Tieres. »Ach, warum habe ich dich an der Sturmfels-Akademie nicht zu einem Schlachtross ausbilden lassen?«

Wieder ignorierte ihn Amnur, doch Tarikh lachte nur leise. Es stimmte, er war keine Niri und auch kein Harduul. Aber wer sagte denn, dass er nicht das Beste der beiden in sich vereinen und zu etwas Neuem, zu ihm Passenden formen konnte?

Drei Tage vergingen, in denen der Gestank, der vom Flussbett aufstieg, stetig schlimmer wurde. Schließlich kamen Tarikh an einem trüben Nachmittag erste Reisende entgegen, eine lange Kolonne von beinahe hundert Männern, Frauen und Kindern, die ihre Habseligkeiten auf die Rücken ihrer Pferde, Maultiere und Kamele geschnallt hatten.

»Hoher Herr?«, fragte der Älteste unter ihnen, ein ausgemergelter Mann mit sonnengeküsster Haut, der sicherlich schon siebzig Sommer gesehen hatte. »Könnt Ihr uns sagen, wohin der Fluss verschwunden ist? Unser Dorf … wir mussten es aufgeben, nun, da das Wasser des Shai-muhn verschwunden ist.«

Tarikh mühte sich, seine Betroffenheit nicht allzu deutlich zu zeigen. »Die Streitenden Götter haben das Land erneut gezeichnet«, antwortete er so vage wie möglich. »Eine Sigille wurde zerstört und mit ihr ein machtvoller Zauber, der die Splitterlande für Jahrhunderte formte.«

Wehklagen setzte unter den Dorfbewohnern ein, und Tarikh sah sich außerstande, ihnen Trost zu spenden. Er wusste, dass es notwendig gewesen war, die verschmähte Sigille Shalvinhurs zu vernichten, doch niemand hatte erahnen können, welche Konsequenzen diese Entscheidung nach sich ziehen würde.

»Möge der Streit enden«, rezitierte der Älteste mit gebrochener Stimme jenen Satz, der von allen Völkern Deatrils seit Äonen zur Begrüßung, zum Abschied oder als purer Wunsch nach Frieden zwischen den Göttern verwendet wurde.

»Möge der Streit enden«, erwiderte Tarikh. Dann hörte er sich sagen: »Durchquert den Pass, und Ihr gelangt in die Splitterlande. Oberhalb der neuerschaffenen Schlucht, welche den Fluss verschlingt, werdet Ihr Wasser und hoffentlich eine neue Heimat finden.«

»Werden die Herren dieses Landes nicht etwas dagegen haben, wenn wir dort Zuflucht suchen?«, fragte der Älteste mit ebenso viel Hoffnung wie Angst in der Stimme.

Tarikh dachte einen Augenblick über seine Antwort nach. »Eine neue Königin herrscht über die Splitterlande«, sagte er schließlich. »Ihr Name ist Niri, und sie hat ein Herz für jene, denen das Leben übel mitgespielt hat.« Er griff in seinen Goldbeutel und fischte eine Münze hervor. »Wenn Ihr in den Splitterlanden angekommen seid, bezahlt einen Luftbeuger dafür, dass er den Palast oder die Sturmfels-Akademie über Eure Not informiert. Ich bin sicher, dann wird Euch Schutz gewährt werden.« Er biss sich unschlüssig auf die Lippe. »Und sagt … sagt, dass Tarikh al Sal-ka-Nar für Euch bürgt.«

Ein leises Raunen ging durch die Gruppe aus Verzweifelten. Er hörte mehr als einmal seinen Namen »Sal-ka-Nar« widerhallen.

Der Älteste trat einen Schritt von Tarikh zurück, die Münze des Prinzen dicht an seine Brust gedrückt. »Ihr tragt einen gefahrvollen Namen, junger Herr. Ihn umwehen die Alten Werte – und der Tod.«

»Ich weiß. Doch dahin, wo Ihr das Wissen um ihn mitnehmt, wird er Euch nützen.«

Der Älteste neigte sein Haupt. »Wir werden ihn so lange diskret behandeln, bis er wieder stolz in den Weiten der Wüsten ausgerufen werden darf.«

Tarikh nickte dem Mann zu und ließ die Kolonne an sich vorbeiziehen. Mehr als einmal überkam ihn Trauer ob der angstvollen Kinderaugen, die ihn misstrauisch musterten, wie er auf seinem Rah-shar saß, einen Mantel aus Staub und Schatten um die Schultern. Beinahe erinnerten ihn die gebeutelten Menschen an mittellose Aeleven bei ihrem Gang der Schande zum Ausgang der Sturmfels-Akademie …

»Wartet …«, sagte Tarikh und griff an seinen Gürtel. Er ließ Amnur wenden und ritt zurück zur Spitze der Kolonne.

Ehe ihn der Tross aus Menschen ein weiteres Mal passiert hatte, war Tarikh noch um einige weitere Goldmünzen ärmer, die Dorfbewohner aber um vieles an Hoffnung reicher geworden.

Obwohl Tarikh sich innerlich auf den Anblick vorbereitet hatte, als sich am folgenden Tag der Bergpass schließlich weitete und einen ersten Blick auf Aun-Mal eröffnete, schallte das ehrfürchtige Keuchen des Prinzen von den Gebirgshängen wieder.

»So viel Sand«, murmelte er.

Durch das starke Gefälle des Flussbettes hatte Tarikh eine nahezu ungehinderte Aussicht. Eine riesige Wüstenei erstreckte sich vor ihm, so weit er blicken konnte. Die Hitze flimmerte in der Ferne über den gelben Dünen, manche von ihnen hoch genug, um während ihrer langsamen Wanderungen ganze Städte zu verschlingen. Hier und da lugten Felsen und Steine aus dem Einerlei hervor, und ein ausgetrocknetes Flussbett mit verdorrtem Gras zu beiden Seiten zeigte, wo sich noch vor wenigen Tagen der Fluss Shai-muhn gegen die Naturgewalten Aun-Mals behauptet hatte. Tarikh konnte vor sich, am Fuße der Gebirgsausläufer, die Umrisse von niedrigen, weiß getünchten Häusern ausmachen, und es fiel ihm nicht schwer, zu erraten, dass er auf jenes verlassene Dorf hinabschaute, dessen Einwohner ihm am Vortag begegnet waren.

»Und es wird nicht das Einzige gewesen sein, das der Fluss mit Trinkwasser versorgt hat«, schlussfolgerte der Prinz leise und tätschelte Amnurs Hals.

Der Hengst wieherte unruhig, und sofort blickte Tarikh sich um, ob dem Tier eine Gefahr aufgefallen war, die er übersehen hatte.

Alles war ruhig.

Wieder stieß der Rah-shar ein Wiehern aus, dieses Mal drängender. Amnur scharrte mit den Hufen und tänzelte vorwärts, die Augen gebannt auf den fernen Sand gerichtet, der in der Nachmittagssonne wie flüssiges Gold glänzte. Noch wehte ein stetiger Strom kühler Luft durch den Gebirgspass, vor allem entlang des Flussbettes, wo sich ob der verdunstenden Wasserlachen eine klamme Kälte hielt. Doch ab und an stieg Tarikh ein heißer, seltsam scharfer Geruch in die Nase, der ihn zugleich beunruhigte und … lockte?

Amnur schnaubte und wendete den Kopf, um seinen Herrn vorwurfsvoll anzusehen.

Endlich begriff Tarikh.

»Du hast Heimweh, nicht wahr? Meine Getreuen haben dich aus deiner vertrauten Umgebung herausgerissen, damit du mir an der Akademie Gesellschaft leisten konntest.«

Amnur wieherte und tat einen neuerlichen Schritt vorwärts auf den in wenigen Längen Entfernung befindlichen Wüstensand zu.

Tarikh musste lächeln. »Dann lauf«, sagte er und ließ die Zügel locker. Einen Herzschlag später wünschte er sich, er hätte dies nicht getan.

Wie entfesselt stürmte der Rah-shar das Flussbett entlang, seine Hufe schlugen derart fest auf den Stein, dass hier und da Funken sprühten. Der Hengst rannte vorwärts, viel schneller, als es Tarikh lieb sein konnte, der sich verzweifelt im Sattel hielt und verfluchte, dass er seine Hände zum besseren Halt nicht in Amnurs Mähne vergraben konnte, dass er einfach durch die schattenhaften Haare hindurchgriff.

»Du hast … wohl vergessen … dass ihr Rah-shar … meiner Familie dient«, keuchte Tarikh, dem die Zähne durch den heftigen Galopp klapperten. »Ihr … beschützt … uns … al Sal-ka-Nars … und brecht uns … nicht etwa … den Hals!«

Wenn Amnur je von solch einer Pflicht gehört hatte, dann ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. Der Hengst raste weiter den toten Fluss entlang, und wenn überhaupt, wählte er einen noch waghalsigeren Weg. Er flog regelrecht über das steinerne Flussbett hinweg, seine Brust hob und senkte sich schnell, aber mit tiefen, kraftvollen Atemzügen.

Tarikh spürte, wie die Kühle des Gebirgszuges rasend schnell wich und den gnadenlosen Kampf gegen die Hitze der Wüste verlor. Die Felsen ringsum wurden flacher, beinahe so, als beugten sie sich der Allmacht der Wüste, um nicht von deren Sanden begraben zu werden. Der Schweiß brach dem Prinzen aus, und bald keuchte er schwerer als sein Rah-shar, in einer Mischung aus Erschöpfung, sich an den Sattel zu klammern, um einem tödlichen Sturz zu entgehen, und der Wüstenluft, die ihm die Lungen zu versengen schien.

Amnurs Atem schien die erdrückende Wärme nicht zu stören, ganz im Gegenteil. Funken stieben bei jedem Atemzug aus seinen Nüstern, und beinahe hatte Tarikh den Eindruck, als würden sämtliche Muskeln des Rah-shars anschwellen.

Ein Fels, etwa so groß wie ein Pferdekarren, kam in Sicht, der einer natürlichen Rampe gleich aus der linken Böschung des Flussbettverlaufs herausragte, dort, wo weit voraus das Gefälle durch die schwindenden Bergausläufer allmählich sein Ende fand. Ein Teil von Tarikhs Verstand mutmaßte, dass der große Findling durch eine Gerölllawine oder Ähnliches hier gelandet sein musste, doch der weit größere Teil sorgte sich darum, dass Amnur direkt auf den Steinbrocken zuhielt!

»Du wirst doch nicht …?«, schrie Tarikh, aber da setzte Amnur bereits zu einem gewaltigen Sprung an, nutzte den Findling als riesigen Trittstein und vollführte einen weiten Satz, der ihn aus dem Flussbett heraustrug.

Das laute Wiehern Amnurs konnte Tarikh nur als Jubel auffassen, denn in dem Moment, da das Tier die letzten Schritt überwand und seine Hufe den Sand der Wüste berührten, stiegen Rauchfäden von den Sand versengenden Hufen auf, und sein Schweif sowie seine Mähne wurden dichter, wallender. Ein feuriges Funkeln loderte tief in den schwarzen Augen des Hengstes, und als er stehen blieb und Tarikh schwer atmend musterte, erschien ihm der Blick des Tieres weniger animalisch, sondern durchdrungen von einem winzigen Anflug von Intellekt.

»Offensichtlich gehörst du in die Wüste.« Tarikh konnte über die subtile Wandlung seines Reittieres nur staunen. Die Rah-shar waren der Sage nach von einem Gott erschaffen und nach dessen Tod zu einem Schatten ihrer selbst geworden. Doch wenn diese Pracht, die Tarikh nun vor sich sah, nur ein Echo der ursprünglichen darstellte, dann verstand er, warum diese Tiere einen solch mystischen Ruf in Aun-Mal genossen.

»Willkommen daheim«, fügte Tarikh feierlich hinzu, doch dann stutzte er, als die Bedeutung seiner Worte in ihn einsickerte, und sah hinab auf den Wüstensand. Langsam, fast bedächtig, schwang er sich aus dem Sattel und ließ sich vom Pferderücken hinabgleiten. Seine Stiefel sanken in den Sand ein, und ein Hauch von Wehmut erfüllte das Herz des Prinzen. »Willkommen daheim«, wiederholte er, dieses Mal galten die Worte ihm selbst.

Doch anders als bei Amnur gab es in seinem Fall kein fulminantes Wiedererkennen, kein überbordendes Sehnen. Die Wüste fühlte sich für ihn fremd an – oder besser, er fühlte sich wie ein Fremdkörper in dieser Umgebung. Der sanfte Wind trug die ersten Körner in seine Stiefel hinein, und schon begannen sie, bei jeder Bewegung zu scheuern. Schweißperlen liefen ihm in die Augen, und Tarikh konnte spüren, wie sich seine schwarze Stahlrüstung mehr und mehr erhitzte. Er zog sich die Kapuze seines Umhangs über den Kopf und konzentrierte sich darauf, der schattenhaften Seide einen Hauch von Kühle zu verleihen.

Tarikh hatte den Eindruck, als würde sein Pferd ihn missbilligend anschauen, weil er seine Magie einsetzte, um zu schummeln. Der Prinz seufzte und schwang sich wieder in den Sattel.

»Reiten wir zu dem verlassenen Dorf hinüber. Dort gibt es wenigstens etwas Schatten, und ich kann hoffentlich den Sand aus meinen Stiefeln schütten.«

Amnur wieherte, und für Tarikh klang der Laut verdächtig nach einem Lachen.

Der Ritt bis zum einsam daliegenden Dorf verlief ereignislos, doch schon aus der Entfernung konnte Tarikh hören, dass die gut zwei Dutzend Bauten keineswegs so verlassen waren, wie es den Anschein gehabt hatte. Fünf Kamele standen angebunden an einer leeren Tränke und ließen ihre Köpfe hängen, dazu erklangen der Lärm zerbrechender Krüge und das Splittern von Holz aus mehreren der flachen Hütten mit ihren weiß getünchten Wänden und den schmalen Fenstern.

Ein scharfer Befehl ertönte aus dem größten der bescheidenen Bauwerke, und Tarikh benötigte ein paar Herzschläge, um die Bedeutung der in der Wüstenzunge gesprochenen Wörter zu übersetzen.

»Sucht weiter!«, hatte der Mann gerufen, und umgehend begriff Tarikh, was hier geschah. Plünderer waren am Werk, um all das an sich zu reißen, was die Bewohner zurückgelassen hatten.

Erinnerungen suchten den Prinzen heim, wie er mit seinen Freunden im Krater Aelderheyms uralte Ruinen durchsucht hatte, erst des Goldes wegen, dann auf der Suche nach Antworten um das Rätsel der Ankersteine, die den Palast von Aelderheym und die darin ruhende Sigille für viele Jahrhunderte versiegelt hatten. Ein Teil von ihm verspürte dadurch eine irrationale Sympathie mit den Fremden, doch er hatte eine Ahnung, wie sie reagieren würden, wenn sie glaubten, er wolle ihnen ihre Beute streitig machen.

»Ich grüße Euch!«, rief er laut, die ungewohnten Worte der Wüsten­zunge kamen ihm ungelenk über die Lippen. Gleichzeitig ließ er seinen Schattenumhang verschwinden.

Das Krachen und Scheppern endete abrupt, und drei Frauen sowie zwei Männer stürmten mit gezogenen Waffen aus den Häusern. Tarikh sah Dolche, Kurzspeere und Krummsäbel, allesamt mit rotfleckigen Schneiden. Die Plünderer trugen weite Gewänder, ihre Gesichter waren kaum zu erkennen, hatten sie doch zum Schutz gegen die Sonne weiße Stoffstreifen um ihre Köpfe gewickelt.

»Verschwinde!«, blaffte eine der Frauen und fuchtelte mit ihrem Kurzspeer herum.

»Ich will keinen Ärger.« Tarikh hob andeutungsweise die Hände und war sich der Wiederholung der Ereignisse durchaus bewusst. Er hoffte, dass diese Begegnung anders verlaufen würde als jene mit den drei Banditen im Flussbett. Ihm kam ein Gedanke. »Um genau zu sein, wollte ich Euch fragen, ob Ihr mich vielleicht in die nächstgrößere Stadt geleiten könntet – gegen einen großzügigen Sold, versteht sich.«

Die Plünderer zögerten und sahen einander verblüfft an, was Tarikh als gutes Zeichen wertete – zumindest, bis die taxierenden Blicke der Plünderer auf den golden schimmernden Dolch an seinem Gürtel fielen.

»Was macht denn ein so reicher Herr hier ganz allein in der Wüste?«, fragte die Frau lauernd, und einer der Männer stieß ein gehässiges Kichern aus.

Tarikh gefiel nicht, wie sich das Gespräch entwickelte, und besann sich auf seinen adligen Gefährten Jonah und wie er diese Situation mit einer Mischung aus Prahlerei, Blendwerk und glatter Lügen umgangen hätte. »Der ausgetrocknete Fluss hat mein Gefolge aufgehalten«, sagte er im Tonfall eines Mannes, der für gewöhnlich alles bekam, was er wollte. »Ich ritt auf meinem Rah-shar vor, da ich nicht auf die Tölpel warten wollte.« Er beschwor seinen Umhang herauf und zückte den Dolch. Einen Herzschlag später wallte Ulmuthat aus der Waffe hervor. »Ich weiß mich wohl zu wehren, doch kenne ich mich in diesem Teil des Landes nicht aus und benötige Wüstenkundige, die mir den Weg weisen.«

Leises Flüstern setzte unter den fünfen ein, und Tarikh bemerkte zufrieden, dass diese Gruppe, im Gegensatz zu den Banditen im Flussbett, weit weniger an Blutvergießen und viel mehr an einem schnellen Geschäft interessiert war.

»Was zahlt Ihr denn?«, fragte einer der Männer und senkte seinen Dolch.

»Vergiss es, Mashram!«, lachte die kleinste der Frauen. »Du findest ja nicht mal deinen eigenen Hintern, geschweige denn den Weg nach Shemshanir.«