Albanische Schwestern - Lindita Arapi - E-Book

Albanische Schwestern E-Book

Lindita Arapi

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Beschreibung

Alba ist eine von Ängsten geplagte Enddreißigerin. Eine Sozialarbeiterin, die mit ihrem Mann, einem Informatiker, in Wien lebt. Zwar ist es ihr gelungen, das bedrückende Albanien ihrer Kindheit und Jugend zu verlassen und sich eine Existenz in Österreich aufzubauen. Doch das Erreichte kann sie nicht genießen. Nirgendwo fühlt sie sich zu Hause, auch in ihrer Ehe nicht. Vielmehr erfährt sie dort erneut Entfremdung und Einsamkeit. Ihr Mann reagiert mit Unverständnis und Rückzug auf ihre Ängste, sie fühlt sich verlassen und verraten, als er eigene Wege geht. Einzig ihre Schwester Pranvera, die Schöne, Kluge, Starke ihrer Jugendjahre, steht ihr in abendlichen Telefonaten aus Albanien zur Seite.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Alba ist eine von Ängsten geplagte Enddreißigerin. Eine Sozialarbeiterin, die mit ihrem Mann, einem Informatiker, in Wien lebt. Zwar ist es ihr gelungen, das bedrückende Albanien ihrer Kindheit und Jugend zu verlassen und sich eine Existenz in Österreich aufzubauen. Doch das Erreichte kann sie nicht genie­ßen. Nirgendwo fühlt sie sich zu Hause, auch in ihrer Ehe nicht. Vielmehr erfährt sie dort erneut Entfrem­dung und Einsamkeit. Ihr Mann reagiert mit Unver­ständnis und Rückzug auf ihre Ängste, sie fühlt sich verlassen und verraten, als er eigene Wege geht. Einzig ihre Schwester Pranvera, die Schöne, Kluge, Starke ihrer Jugendjahre, steht ihr in abendlichen Telefonaten aus Albanien zur Seite.

Die Autorin

Lindita Arapi, 1972 in Lushnja geboren, ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Albaniens. Ihre Gedichtsammlung »Am Meer, nachts« erschien 2007 auf deutsch (Edition Thanhäuser). Ihr Roman »Das Schlüsselmädchen« kam 2010 auf albanisch heraus, in Deutschland 2012 (Übersetzung: Joachim Röhm / Dittrich Verlag). Arapis Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Lindita Arapi ist darüber hinaus als Hörfunkredakteurin der Deutschen Welle und als Übersetzerin tätig. Sie übertrug u. a. Werke von Günter Grass, Joseph Roth, Elias Canetti, Marion Poschmann, Ron Winkler und Felicitas Hoppe ins Albanische.

Der Übersetzer

Florian Kienzle, geboren 1982, lebt und arbeitet als Übersetzer und Albanologe in München. Er ist Autor des Buches »Ein Nehmen und Geben. Die Geschlechter in der albanischen Literatur.« 2021 erschien seine Übersetzung von Elvira Dones, »Verbrannte Sonne« (ink press).

Lindita Arapi

Albanische Schwestern

Roman

Aus dem Albanischen von Florian Kienzle

Weidle Verlag

Impressum

Die Herausgabe dieses Werks wurde gefördert durch TRADUKI, ein literarisches Netzwerk, dem das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten der Republik Österreich, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die Interessengemeinschaft Übersetzerinnen Übersetzer (Literaturhaus Wien) im Auftrag des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport der Republik Österreich, das Goethe- Institut, die S. Fischer Stiftung, die Slowenische Buchagentur, das Ministerium für Kultur und Medien der Republik Kroatien, das Ministerium für Gesellschaft und Kultur von Liechtenstein, die Kulturstiftung Liechtenstein, das Ministerium für Kultur der Republik Albanien, das Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien, das Ministerium für Kultur Rumäniens, das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Sport von Montenegro, die Leipziger Buchmesse, das Ministerium für Kultur der Republik Nordmazedonien und das Ministerium für Kultur der Republik Bulgarien angehören.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Weidle Verlag, Göttingen 2025

Wallstein Verlag GmbH

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.

Die Originalausgabe, Të murosurat, erschien 2019 bei Onufri, Tirana.

In memoriam Oliver Selinka.

Lektorat: Carlotta Seuthe

Korrektur: Ludger Tolksdorf

Gestaltung und Satz: Friedrich Forssman

Einband: Greta von Richthofen

ISBN (Print) 978-3-8353-7546-8

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7726-4

Inhaltsverzeichnis

Umschlag
Titel
Impressum
Inhalt
Lindita Arapi: Albanische Schwestern

I/1.

Alba beschloß rauszugehen. Schließlich ging es nur darum, etwas im Supermarkt zu kaufen, machte sie sich Mut. Du mußt ja mit niemandem ein Wort wechseln, erledige rasch deine Sachen und komm zurück. Versuch gar nicht erst lang, dich zu rechtfertigen, auch er ist inzwischen dahintergekommen, los jetzt. Zweifelnd zog sie die Tür auf.

Draußen wehte eine leichte Frühlingsbrise.

Schiff mit 250 Flüchtlingen sinkt vor Lampedusa, las sie auf der Zeitung in einer Plastiktüte, die an einem Pfosten in ihrem Sträßchen hing. Für ein paar Cent konnte man die Zeitung kaufen, auch wenn viele hineingriffen und sie mitnahmen, ohne zu bezahlen. In keiner anderen Stadt hatte sie gesehen, daß man Zeitungen auf diese Weise verkaufte. Überall hingen am Wochenende diese mit Zeitungen gefüllten Tüten, mancherorts überlebten einige bis Montag oder Dienstagmorgen.

250 leblose Körper, irgendwo tief im Mittelmeer. Sie würden nicht bei der Ausländerbehörde anklopfen, in der sie als Sozialarbeiterin angestellt war. Wenn man in der Kantine über das Ereignis sprach, würde irgendein Kollege sagen, daß sie selbst schuld waren, warum hatten sie auch diesen Seeweg genommen. Die wartenden Mütter in Afrika oder anderswo würden nie von ihren Kindern die Nachricht erhalten, daß sie es nach Europa geschafft hatten.

Einige Gärtner gruben die Erde um, ohne die Schlagzeile an dem Pfosten eines Blickes zu würdigen. Wie jeden Frühling pflanzten und pflegten sie Blumen und Büsche auf den dreieckigen Wiesen vor den Wohnhäusern.

Auf dem Platz vor dem Supermarkteingang spielte ein kleines Mädchen auf den Knien mit einem Kreisel und stieß jedes Mal Freudenschreie aus, wenn sich die metallische Spitze einige Sekunden lang um sich selbst drehte. Doch zum Schluß fiel der Kreisel immer um.

Alba ging abseits mit gesenktem Kopf, damit ihre Blicke niemanden trafen, und trat in den Laden, in Gedanken bei dem nimmermüden Mädchen, wie es immer wieder das Spielzeug aufhob und erneut drehte, ohne sich Sorgen zu machen, daß der Kreisel umfallen würde. Sie hätte sich gerne zu dem sorglosen Mädchen gesetzt, um noch einmal das Kind zu sein, das sie nicht war, aber der Kreisel des Schicksals läßt sich nicht zurückdrehen, dachte sie, während sie eilig den Einkaufswagen vor sich herschob.

Es dauerte nur zwei oder drei Minuten, die Lebensmittel in den Wagen zu packen. Sie hoffte, daß sie schnell wieder draußen sein würde, mußte aber warten. Um sich die Minuten zu vertreiben, bis sie an der Reihe war – die Schlange wollte an diesem Tag einfach nicht kürzer werden –, betrachtete sie die Profile der umstehenden Menschen, auch wenn sie alle vergessen würde, sobald sie aus der Tür war. Alle gleich, vorübergehende Gesichter, die geduldig warteten, ordentliche Steuerzahler. Sie paßte auf, daß der Einkaufswagen nicht die Beine der vor ihr Stehenden berührte. In dieser Stadt waren viele Menschen immer dazu bereit, den Zeigefinger zu erheben, um andere an die Einhaltung der Regeln zu erinnern.

Ganz vorne begrüßte die Kassiererin mit ausdruckslosem Gesicht und wie ein klingelnder Wecker die Kunden mit »Grüß Gott«, »Grüß Gott«, »Grüß Gott«. Die monotonen Stunden hatten offenbar jedes andere Wort aus ihrem Gedächtnis verbannt, jeden eigenen Lebensantrieb aus ihr herausgesaugt und ihr nur diesen Refrain übriggelassen, den sie unablässig wiederholte, als wollte sie die Kunden segnen. Bei der Kasse ertönte ununterbrochen das elektronische Code-Lesegerät, piip, piip, piip. Die Kassiererin zog eine Fleischpackung, Bananen, Reis, Biojoghurt, eine Erdbeerschale, eine Flasche Wein, drei Packungen Salami auf einmal, eine Flasche Milch über den Scanner, piip, piip, piip. An den aufs Band gelegten Lebensmitteln ließ sich erkennen, wie die Unbekannten lebten, wer ein gut gefülltes Konto hatte. Wer Sozialhilfe bezog, kaufte die Fleischpackung, die für 1,99 € im Angebot war. Ausländer wählten meist die billigsten Produkte. Wenn die Eltern nicht dabei waren, kauften die Kinder Chips oder Gummibärchen. Wer vegane Produkte kaufte, war für gewöhnlich äußerst schlank. Die Männer mit den dicken Bäuchen, die Bier kauften, waren Fleischfresser, man sah es an ihren Pupillen; in ihnen tauchte, wenn sie eine Frau anstarrten, im Bruchteil einer Sekunde der animalische Instinkt auf. Die Frauen fangen das Licht dieses Lämpchens schon in der Luft auf, eine einfache Folge der Evolution, und passen ihr Verhalten der Entscheidung an, ob es eine wertvolle Beute ist oder keinen zweiten Blick lohnt.

Hinter den großen Glasfronten wirbelte der Wind Staubwolken auf, die sich sanft auf die geparkten Autos legten. Anscheinend war ein gelber Nieselregen gefallen, auch die Straße war von der gelben Schicht bedeckt.

Die Supermarkttür öffnete und schloß sich automatisch, Kunden gingen rein und raus und brachten dabei den Frühlingsgeruch mit, den Duft unbekannter Blumen, zusammen mit dem Duft von gebratenem Fleisch, der von der Dönerbude vor dem Supermarkt herrührte.

Da öffnete sich erneut die Tür. Eine hochgewachsene Frau trat ein, ihr goldenes Haar wehte, ihre langen Beine stachen aus dem Minirock hervor, der an die Grenze ging, die nicht überschritten werden durfte, mit einer schwarzen Lederjacke, einer weißen Spitzenbluse, einem Rucksack, den sie locker über der Schulter trug, das Gesicht wie gemalt, mit blauen Augen, hohen Wangenknochen und vollen Lippen, mit Lipgloss versehen – ein Anblick, der einem den Atem raubte. Unbekümmert und mit einem ganz leichten Lächeln, gewöhnt an den Aufruhr, den ihre Anwesenheit verursachte, ging die Traumfrau forschen Schritts zur Bäckerei in einer Ecke des Supermarkts.

Eine Welle der Erregung ließ die Schlange erzittern. Selbst die Kassiererin spürte mit gesenktem Kopf, wie die Luft vibrierte, und das piip, piip verstummte für einige Sekunden. Sie hob den Kopf, sah die Schönheit, warf einen Blick auf die Männer – einige von ihnen hatten lüsterne blasse Lippen bekommen – und beugte sich dann wieder über ihre Kasse, um weiterzuarbeiten, ein Mensch mit der Überzeugung, daß das, was um ihn herum vor sich geht, nicht das geringste mit ihm zu tun hat. Irgendwer seufzte unbewußt auf, wer in Begleitung einer Frau war, ließ den schamroten Kopf sinken, ungehemmte Männer bekamen Stielaugen, umstehende Frauen, die durch den Verlust an Exklusivität verärgert waren, warfen ihr einen Blick zu, der diese Frau nach Möglichkeit im Bruchteil einer Sekunde hätte töten sollen, damit die Welt wieder in ihr natürliches Gleichgewicht fand.

Alba sah das alles und mußte an ihre große Schwester denken. Einst, in einem fernen Land, geriet das ganze Städtchen in Erregung, wenn ihre Schwester auf die Straße ging. Es hieß, ihre Schönheit habe die jungen Männer zu Dichtern werden lassen. Die Schwester band die Haare zum Zopf, doch wenn sie sie offen trug und auf die Straße trat, erblaßten die Männer, und ihre Stimmen wurden brüchig. Sie verfolgte aus den Augenwinkeln, wie sich die Aura ihrer Schwester als magischer Staub auf die Häupter der Männer des Städtchens legte, die sich abends in Herden auf der Flaniermeile versammelten. Sie waren wie benebelt, manch einer machte ihr an Ort und Stelle einen Heiratsantrag, aber sie, ihre Schwester Pranvera, ging weiter ohne sich umzusehen, so wie es ihr die Eltern aufgetragen hatten, mit der kleinen Schwester an der Hand, die ihr wie ein Lämmchen folgte.

Liria Darëzezi trieb Tag und Nacht die Sorge um die große Tochter um. Ihre Schönheit floß nicht länger tröpfchenweise, sondern hatte alle Dämme gebrochen und raubte jedem den Verstand – das ganze Städtchen nannte Pranvera eine Pandora. »Dieses verflixte Ding mit ihrem goldenen Haar und den grünen Augen, genau wie meine Schwester Maja als junge Frau. Obenrum üppig und unten eine Wespentaille, mit Lippen, die aussehen, als seien sie handgemalt.« Wenn sie nur Söhne gehabt hätte, dann wäre alles leichter gewesen, und sie hätte sich nicht so sehr das Hirn zermartern müssen. »Aber das Schicksal hat mir nun mal diese Schnauzen beschieden«, heulte sie sich bei ihrer Schwester Maja aus.

Als Kind hatte sich Alba den Kopf zerbrochen, warum man ein Mädchen Schnauze nannte, was doch die Nase eines Hundes war, und hatte erst später verstanden, daß es ein beleidigender Ausdruck für ein häßliches Gesicht war. Liria Darëzezi mochte keine hübschen Mädchen. Eine junge Frau hatte nur am Tag ihrer Hochzeit schön zu sein, und damit genug. Später war das nicht mehr nötig und brachte nur Ärger. Das Mädchen setzt das Chaos in die Welt, die Frau steckt den Teufel in die Flasche. Die Angst, ihre Töchter könnten zu Flittchen werden, war stärker als der Mutterstolz.

Die Aufgabe der kleinen Schwester war es, die große Schwester zu begleiten, wenn sie einkaufen ging, und Wort für Wort Bericht zu erstatten, ob irgendein Junge Pranvera angesprochen hatte. Aber Alba war ein treuer Hund – jedes Mal, wenn ihre Mutter fragte, ob man sie unterwegs belästigt hatte, stritt sie das mit Händen und Füßen ab: »Nein, mit keinem einzigen Wort. Wer würde sich schon trauen, etwas zu sagen, wenn er mich sieht, ich bin ein Drache, Ma.«

Liria Darëzezi sah die beiden zweifelnd an, wußte aber nichts einzuwenden, da sie selbst nichts beobachtet hatte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Mann Naim davon zu überzeugen, den Töchtern nachzugehen, um die Wahrheit herauszufinden. Wenn sie je die Wahrheit erfahren hätten, hätten sie die Töchter nicht mehr auf die Straße gelassen.

Neben diesen beiden Frauen hatte Alba den ersten Teil ihres Lebens verbracht. Die eine immer verdrießlich, die andere mit einem steten Lächeln auf den Lippen. Und sie dazwischen. Um für keine Seite Partei zu ergreifen, lachte sie nicht und verkniff sich jeden Widerspruch.

Alba konnte den Blick nicht von der Goldgelockten wenden. Pranvera und ihre Schwester glichen sich nicht: Pranvera war nie so ungezwungen gewesen, sie ging niemals sorglos ihren Dingen nach, gleichgültig gegenüber der Umgebung, die durch ihre Anwesenheit erbebte. Bei dieser Unbekannten saß jede Bewegung, gut dosiert zwischen Koketterie und Indifferenz, sie war allmächtig, und wehe dem, den ihr Radar erfaßte. Wenn Pranvera in der Stadt unterwegs war, wirkten ihre Bewegungen gehemmt. Zwar wollte sie stolz einherschreiten, es gelang ihr aber nicht, vielmehr ließ ihre Körpersprache wissen, daß die Angst eine Macht war, die keine Sinnlichkeit zuließ. Die Unbekannte aber strotzte geradezu vor der naiven Selbstsicherheit, daß sie auf ewig so verführerisch und schön sein würde. Pranvera war auch schön – da blieb einem die Spucke weg –, aber nicht eitel, sie bildete sich nichts auf ihre Schönheit ein, sondern fürchtete sich vielmehr davor ... Das war der große Unterschied zwischen ihnen. Alba hingegen war mit keiner der beiden zu vergleichen, weder mit der Unbekannten noch mit Pranvera. Sie war nicht mit Schönheit gesegnet.

Was Pranvera wohl gerade machte? Die Kinder mußten in der Schule sein, das Mittagessen kochte sie am Abend, vielleicht war sie zur Kontrolle in einem Landwirtschaftsbetrieb. Ihre große Schwester wurde nun »das Biest« genannt. Diesen Spitznamen hatte man der neuen Leiterin der Lebensmittelsicherheit im Landwirtschaftsministerium verpaßt. Die Beschimpfungen der Männer, die eine Frau an der Spitze als Frontalangriff auf ihre Männlichkeit sahen, erwiderte sie ohne zu zögern mit der gleichen vulgären Sprache. Sie bemühten sich, nicht klein beizugeben, indem sie ihren Neid hinter groben sexuellen Anspielungen versteckten. »Wer da als Frau reingeht und aufsteigt, muß sich das vorher gut überlegen«, hatte ihr Pranvera gesagt. Sie hatte es gewagt, gegen den Willen der Eltern allein in der Hauptstadt zu leben. Später, nach der Heirat, war sie gegen den Willen ihres Ehemanns auch noch in die Politik gegangen. Gimi war als Zahntechniker mit Arbeit eingedeckt, was ihm vollauf genügte.

»Die Pranvera, die du gekannt hast, Schwesterherz, die habe ich mit meinen eigenen Händen ertränkt«, hatte sie ihr eines Tages gesagt. »Eine Memme verdient es nicht, am Leben zu bleiben.« Sie hatte versucht, sich zwei Pranveras vorzustellen: jene, die ertrunken war, um der Angst nicht das Feld zu überlassen, und die Pranvera, die jetzt einen Anzug, flache Absätze und das Haar wie eine Lehrerin in einem Knoten trug. Aber sie hatte es nicht geschafft. Für sie gab es nur eine Pranvera. Eine große Schwester, die sie jeden Tag vermißte.

Ein plötzliches und entschiedenes »Ach« erinnerte sie daran, daß sie immer noch in der Schlange stand.

Das Geräusch von etwas Gläsernem, das zu Boden fiel. Die ordentliche Schlange der Wartenden kam in Unruhe, die Leute reckten die Köpfe, um besser sehen zu können, eine Männerstimme war zu vernehmen, »Vorsicht«, jemand hielt eine Frau am Arm.

»Das ist doch diese aufgetakelte Männerfresserin.«

Auf den gelben Kacheln des Supermarkts vor den beiden Kassen bildete sich eine Weinlache. Die Schönheit stand nun noch mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, viele Augen waren auf ihre mit roten Tropfen besprenkelten Oberschenkel gerichtet. Alba sah einen knienden Mann, der angefangen hatte, die Glasscherben aufzusammeln; sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, nur die grauen Haare verrieten sein Alter. Vielleicht schämte er sich, sie waren zusammengestoßen, und die Weinflasche war ihm entglitten, als die Traumfrau ihn angeschaut und ihm für einige Sekunden den Verstand geraubt hatte.

Alba konnte den Blick nicht von dem dunklen Saft lösen, der sich auf die Fliesen ergossen hatte. Wie eine Blutlache.

Die Kassiererin rümpfte verächtlich die Nase, verärgert über das Malheur, das die Gleichförmigkeit ihrer Arbeit störte. Mit einer brüsken Bewegung holte sie eine Küchenrolle hervor, marschierte zu der immer noch verwirrten Schönheit, umkreiste sie, als würde sie ein Auto vor dem Kauf inspizieren, und reichte ihr dann die Küchenrolle. Sie nahm einen Eimer, der wohl für diese Fälle in einer Ecke am Eingang stand, und begann, den Boden zu putzen. Die Schönheit wischte sich mehr schlecht als recht die Weinspritzer ab und entfernte sich dann wie nach einer verlorenen Schlacht zusammen mit dem Verursacher des Durcheinanders, der beim Weggehen etwas zu ihr sagte.

I/2.

Ein Fleck wie die Karte ihrer Heimat. Eine Blutpfütze.

Die Verkäuferin drehte den Aufnehmer nach links und nach rechts und wrang ihn im Eimer aus. Der weiße, mit Wein getränkte Lappen war plötzlich der blutgetränkte weiße Verband zwischen Pranveras Beinen.

Alba zitterte.

Sie mußte nun so schnell wie möglich zahlen.

Plötzlich erwachte dieser Junitag des Jahres 1987 in ihr, Glieder und Rippen waren in Alarmbereitschaft. Das Zimmer und die Erniedrigung hatten nicht nur in ihrer Seele Spuren hinterlassen, sie waren im Körper eingespeichert. Auch wenn die Wunden verheilt waren, genügte Jahrzehnte später eine im Supermarkt zerbrochene Weinflasche, damit das Körpergedächtnis erwachte. Pranveras Schmerzen waren immer auch ihre Schmerzen gewesen.

Das Zittern nahm zu. Sie preßte ihre Finger fest an den Einkaufswagen, bis sie schmerzten. Ein Knoten schnürte ihr die Kehle zu.

Sie versuchte tief durchzuatmen, lautlos, da sie nicht die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf sich ziehen wollte. Die Panik hatte sich wie immer ohne Vorankündigung eingestellt, allmächtig und lähmend. Sie war kurz davor, die Lebensmittel in den Schoß der Kassiererin zu werfen, einen Schrei auszustoßen, um dann in Richtung der Straßenkreuzung in den Park zu rennen, sich wie in jener Juninacht im Wald zu verstecken, sich zwischen den Bäumen zu verlieren und nicht eher zu rennen aufzuhören, bis sie atemlos niederfiel und sich ganz der Erde ergab.

Doch nichts geschah. Alba wußte sich zu beherrschen, sie hatte sich nicht umsonst jahrelang darin geübt, die Kontrolle zu behalten. Sie mußte Stärke zeigen, wer Schwäche zeigt, wird eines Tages an Land gespült, als Leichnam. Sie durfte kein Teil der Armee der Schwachen sein, niemals bei den Schwachen, das hatte sie sich selbst versprochen. All die Jahre hatte sie die Zähne zusammengebissen, und das war nun der Lohn, dieser heutige Tag?

Sie schluckte. Ihr Gesicht färbte sich rot, eine fliegende Hitze stieg in ihr hoch. Die Schweißtropfen auf ihrer Stirn, die niemandem auffielen, wurden mehr. Zaghaft setzte sie ein Lächeln auf, als sie höflich jemandem Platz machte, der vorbeigehen wollte, und bereute, nicht die Tageszeit abgewartet zu haben, zu der die Supermärkte so gut wie leer waren.

Das übliche Angstzittern, das sich einstellte, wenn sie unter Menschen war, und die Bemühung, die Angst in Schach zu halten, war sie gewohnt, aber diese Panik, die sie in den letzten Monaten öfters befiel, war von anderer Art. Es war eine blinde Panik, die aus keinem besonderen Grund aufgekommen war. Zunächst näherte sich schleichend eine Verwirrung, die dann in Wellenbewegungen unaufhörlich höher stieg, als wollte sie ihr an die Gurgel gehen, woraufhin sie in Schweiß ausbrach, zu zittern begann, sich ihr Brustkorb zusammenzog und ihr Herz zu einem roten Bällchen wurde, das in ihrem Inneren herumrollte – und jeden Augenblick konnte sie die Kontrolle verlieren. Wenn sie unterwegs war, beeilte sie sich, so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren, war sie in einem Lokal, verschwand sie in der Toilette und hielt die Hände unter kaltes Wasser, bis sie sich beruhigte, zu Hause verkroch sie sich unter der Bettdecke.

So leicht gibst du dich nicht geschlagen, machte sie sich immer Mut. Alba war aus solchem Holz geschnitzt, sie würde auch aufstehen, wenn sie krank war, und sich am Boden liegend weiterschleppen, um pünktlich und gewissenhaft alle Aufgaben zu erledigen. Sie ging weiterhin raus, ohne jemandem von den Qualen zu erzählen, die sie morgens befielen, wenn sie sich für die Arbeit fertigmachte. Sie begann ihren Tag damit, aufbauende Zitate zu lesen, die an die Seiten ihres Spiegels geklebt waren. Nicht, daß sie mit diesen Kalendersprüchen einverstanden war, aber beim Lesen wurde ihr klar, wie es sein sollte. »Selbstvertrauen ist das Heilmittel, das jeden Schritt im Leben leichter macht.« »Selbstvertrauen ist der Schlüssel zum Erfolg.« An der Seite des Nachttischchens klebte der Spruch: »Wenn du nicht an dich glaubst, warum sollten es dann die anderen tun?« An der Innenseite der Badezimmertür, wo sie in Ruhe über das Selbstvertrauen nachdenken konnte: »Wer an sich glaubt, dem glaubt man, wer Angst hat, vor dem hat man Angst.«

Sie hatte sich nicht getraut, ihm auch nur ein einziges Wort zu sagen, er sollte nicht bemerken, daß etwas nicht wie vorher war, weiter hatte sie sich aber nicht den Kopf darüber zerbrochen. Frauen, ach, ihr Frauen werdet immer eigenartig bleiben, rätselhaft, von Hormonen bestimmt, würde er ihr sagen.

Nicht immer hatte die Panik diese Macht. Es konnte geschehen, daß die Wellen der Angst durch ein freundliches Wort abebbten, durch einen warmen Blick, die Güte eines Unbekannten, ja sogar durch den Segen des Bettlers, der immer an derselben Straßenecke stand, an der sie vorbeiging, und dem sie einen Euro in die Schachtel zu seinen Füßen legte. Auch ein schöner Tag zerstreute sie. Eine Brise mit Lindenblüten auf der Straße, deren Geruch ihr unerwartet in die Nase stieg. Einige Minuten lang verkroch sich das Leid, das ihr die Kehle zuschnürte, und sie konnte frei atmen. Die hochgezogenen Schultern entspannten sich, ihre Augen strahlten wieder, und das Vertrauen, daß sie es schaffen würde, kehrte zurück.

Wenn sie ein Glas Wasser trinken könnte ... Sie traute sich nicht, sich zu bewegen, sondern atmete nur noch einmal tief durch. Sie stand aufrecht, es schien ihr aber, daß sie zusammenklappen würde, wenn jemand sie auch nur mit dem Finger anrührte.

Eine in dieser Stadt Fremde stand in der Supermarktschlange an, das Leben um sie herum ging seinen normalen Gang, die Menschen kamen und gingen mit ihren vollen Tüten und traten sorglos auf die Fliesen, die wieder glänzten, und störten sich nicht daran, daß Alba dort auf dem Boden Blut sah.

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen ...

Wo hatte sie das gelesen? Bei Montaigne? Sie erinnerte sich nicht daran, wie es weiterging ... aus buntscheckigen Fetzen bestehend ... war’s das schon?

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen ... die so locker und lose aneinanderhängen, aber wie weiter?

Sie war an der Reihe. Sie legte den Käse, die Äpfel, den Kopfsalat und die Tomaten aufs Band. Sie zermarterte sich das Hirn, aber die Fetzen ihrer Erinnerung gaben nicht mehr her. Fetzen oder doch eher Lumpen? Sie konnte sich nicht an das vollständige Zitat erinnern, dafür aber an das Buch: Michel de Montaigne, Essays, zweiter Band. Sie zahlte mit Karte und ging gedankenversunken hinaus.

Mit der Einkaufstasche in der Hand blieb sie stocksteif stehen, um zu sich zu kommen. Ihr Blick streifte umher, ein Tag wie jeder andere hatte mit dem Morgenkaffee seinen Anfang genommen. Heute hatte sie frei, es war ein gewöhnlicher Gang zum Supermarkt, nichts war anders gewesen als die anderen Male, außer daß sie diesmal länger als üblich in der Schlange hatte warten müssen.

Die Passanten dachten sich vielleicht: Ah, eine Frau, die den Weg nicht kennt ... Niemand bemerkte die Panik, die von ihren Gliedern Besitz ergriffen hatte und ihnen alle Kraft aussaugte. Nichts war ungewöhnlich an ihrem Äußeren, sie trug ein graues Kleid und eine kirschrote Jacke, die kastanienbraunen Haare fielen ihr auf die Schultern, ihr Gesicht war oval und blaß, als hätte es seit Jahren keine Sonne mehr gesehen. Volle Lippen und dichte Augenbrauen, als wollten sie die erschrockenen dunklen Augen verdecken. Schlank, aber nicht groß. Alba war in jenem Alter, das man nicht mehr gut schätzen kann, wenn eine Frau über Dreißig ist.

Die Sonne wärmte mehr, als es sich für einen Frühlingstag gehörte.

Und was, wenn sie es nicht bis nach Hause schaffte und hier und jetzt zu Boden fiel? Der Rettungswagen würde kommen, um sie zu holen, man würde sie in die Ecke irgendeines lange nicht mehr gestrichenen Krankenhausflurs verbannen und sie dort stundenlang liegen lassen, mit weißen Leintüchern bedeckt, bis er käme, um ihre Identität zu bestätigen. Ja, das ist meine Frau, würde er sagen, sich mit dem Ärmel eine Träne wegwischen und später am Abend ins Babylon gehen, um die Trauer mit einem Whisky wegzuspülen. Vielleicht. Sie mußte sich in Bewegung setzen und etwas gegen die Kopfschmerzen nehmen.

I/3.

Irgendwo auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause war ihr etwas abhandengekommen, und diese Frau, die mit dem Informatikerehemann in Wien in einer auf Kredit gekauften Dreizimmerwohnung lebte, für die sie regelmäßig ihren Teil an die Bank zahlte, hatte nur noch ihren leeren Körper, eine Unbekannte hatte sich endgültig und ungebeten in ihr eingenistet.

Sie ging zu ihrer Bücherwand.

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen ... die so locker und lose aneinanderhängen, daß jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will ... daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen ...

Da war es endlich, das vollständige Zitat. Die Unterschiede zwischen uns. Mit Fetzen aneinanderhängend ... Sie zog die Jalousie herunter, das grelle Sonnenlicht störte sie. Vom Fenster aus kam es ihr vor, als könne sie Seelenfetzen derjenigen flattern sehen, die auf der Straße vorbeigingen, im Park saßen, ein Pärchen unter einem bereits blühenden Baum, in einen langen Kuß versunken. Vorerst sind die Unterschiede zwischen ihnen von der Liebe verdeckt, dachte sie.

Sie nahm eine Kopfschmerztablette und ging ins Bett. Sie wickelte sich in die Schichten aus blauer Seide ein, spürte die Wärme im tiefen und beruhigenden Blau, und der Stillstand ließ sie aufseufzen. Das Schweigen ringsum wurde vom Brummen des Kühlschranks rhythmisch unterbrochen. Sie schaltete das Lämpchen neben sich an, das Zimmer war halb im Dämmerlicht versunken, was das Zittern ihres Körpers linderte, doch die Unruhe blieb bestehen.

Sie rollte sich unter den Decken zusammen. Sie wollte zu einem Knäuel werden, einem irgendwohin geworfenen Knäuel, zu Boden gestreckt. Ohne die Kraft, sich zu bewegen, ohne den Wunsch aufzustehen. Und so zusammengeknüllt würde sie daliegen, bis ein Fuß käme, ein vertrauter Fuß, sein verhaßter Fuß, der sie liebevoll treten, die Ferse in diesem Körperknäuel kreisen lassen würde, um sie noch besser drücken zu können, bis sie platt und formlos war, überzeugt davon, daß er nichts Schlechtes tat, ihr sogar einen Wunsch erfüllte – das bin nicht ich, dein Ehemann, der dich zusammenfaltet, du wirst immer klein sein, unscheinbar, unwichtig –, schließlich würde er sie wie ein zerknülltes Blatt Papier in die Hand nehmen, um es aus dem Fenster direkt auf die Rasenfläche vor dem Wohnhaus zu werfen.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als den Grashalmen Gesellschaft zu leisten. Wie sieht die Welt von so weit unten aus, für einen wehrlosen Grashalm? Wie viele Geschichten die Grashalme wohl schon gehört hatten, wie viele Menschen wohl schon auf sie getreten waren – Männerschuhe, Frauenabsätze –, aber die Grashalme hatten sich unter Anstrengungen und mit ihren grünen, gerissenen Äderchen doch wieder aufgerichtet. Ob auch sie wieder aufstehen würde? Der Grashalm fürchtet sich vor der Sense, nicht vor dem Menschen. Der Mann, die Urangst der Frau. Aber noch war er nicht zu Hause. Noch wirst du nicht auf dem Rasen hingestreckt sein, sie mußte unwillkürlich lächeln.

Sie sah auf die Uhr. Warum kam er nicht? Sie würde ihm alles in einem Atemzug erzählen, sobald er in der Tür auftauchte und ... Und? Sie hatte im Supermarkt Panik bekommen? Seine Antwort kannte sie schon: Sei nicht wie diese Frauen, die aus allem ein Drama machen. Dann würde er ablehnend den Kopf schütteln und von ihr verlangen, nicht so schwächlich zu sein. Er konnte sie nicht verstehen, sie verstand sich selbst nicht mehr. Er würde es mit seiner angeborenen Selbstsicherheit aussprechen, im Glauben, ihr dadurch Mut zu machen.

Und wenn sie das hörte, würde sie ihn für einige Minuten oder auch Stunden hassen. Es war jene tägliche Dosis des ehelichen Hasses, der fast immer von anderen, besseren Augenblicken des Tages getilgt wurde, durch einen Kuß, eine gute Tat, ein Zeugnis, daß die Liebe innerhalb dieser vier Wände noch immer existierte, sich vielleicht irgendwo in den Winkeln des gemeinsamen Lebens versteckt hielt und trotz allem nicht erloschen war.

Sie spürte einen Stich im Körper. Sie war einsam.

Diese schönen gemeinsamen Momente des Tages waren spärlicher geworden, zu spärlich, um die tägliche Dosis des ehelichen Hasses zum Versiegen zu bringen. So war das Leben mit einem Mann, mit einer Arbeit und einer Wohnung. Ein Sichverheddern und -befreien. War es bis zum Lebensende so? Würde sie bis ans Ende ihrer Tage so umherirren? Der Kreis war geschlossen. Oder doch noch nicht ganz?

Sie hatte die Ehe als Verpflichtung vollzogen, so wie sie einst fleißig die Hausaufgaben erledigt hatte, wenn sie von der Schule kam. Gewissenhaft, keine Aufgabe blieb ungelöst. »Du mußt unter die Haube, bevor du eine alte Jungfer bist«, sagte Vater zu ihr, »eine Frau hat ihren Platz an der Seite des Mannes.« Die Ehe sollte Ordnung in das Leben einer Ordnungsfanatikerin bringen, die die Dinge unbedingt an ihrem vorgesehenen Platz haben wollte, abgestaubt und glänzend. Durch die Ehe würde sie Wurzeln schlagen, hatte sie gehofft.

Dieser Wurzeln wegen hatte sie auch das Versprechen gebrochen, das sie sich selbst gegeben hatte. Hätte sie ihr Wort gehalten, hätte sie zum einen nicht heiraten dürfen, zum anderen hätten mittlerweile zwei Handbreit Gras auf ihrem Grab wachsen müssen.

Mit dreißig Jahren würde sie von dieser Welt verschwinden. Das war der Plan gewesen.

Damals wußte sie nicht, auf welche Art und Weise sie abtreten würde, da sie keine Selbstmordpläne hatte; sie war nur davon überzeugt, daß Frauen, die die Dreißig überschritten, nicht mehr am Leben sein sollten, um so dem jahrhundertealten Unheil zu entgehen, das sie befiel, wenn sie nicht mehr jung waren. Allein durch diese Radikalität konnten sie sich am anderen Geschlecht rächen.

Auch dann, wenn sie wütend auf sich war, weil sie so viel Unfug im Kopf hatte, entkam Alba nicht diesem heimlichen Seelenaufruhr wegen der geschlechtlichen Dramen, die sich im Privaten abspielten, intim und stumm. Sie wußte, es war ein Kampf gegen Windmühlen, aber zumindest hatte sie für sich selbst eine Entscheidung getroffen. In ihrem dreißigsten Lebensjahr würde sie erlöschen. Die einzige Lösung. Die endgültige.

Und als dann dieser Tag kam, plagte sie sich verzweifelt und unter Tränen, doch am nächsten Tag riß der Strom des Lebens sie mit sich, sie vergaß den Tod, und in dieser Übergangszeit heiratete sie. Der Pakt mit dem Teufel war geschlossen, dachte sie und begriff, daß sie sich ergeben hatte, absichtlich oder nicht hatte sie ein für allemal vergessen, daß sie mit dreißig sterben wollte. So ist das Leben, setzte sie solchen Überlegungen ein Ende, da sie keine passenderen Worte fand.

Glücklich machte sie die Heirat nicht. Sie fühlte sich durch sie nicht verwurzelter, bloß aufgewühlter. Schnell verstand sie, daß ihr auch die Ehe kein Obdach bot.

Pranvera war so weit weg. Sie verstand Albas Zweifel, ihre Ängste, selbst die unscheinbarsten; sie verstand es, sie sogar mit einem schalen Witz aufzumuntern. Sie, die geschicktere von beiden, die schönere. Ihr Leben lang wollte sie an Pranvera heranreichen, ihr Leben lang wollte sie etwas aus sich machen, aber Pranvera war immer besser und schneller.

Es war so gekommen, wie es die große Schwester vorhergesagt hatte, als Pranvera ihr Studium begann: »Mach dir keine Sorgen, du gehörst nicht hierher, Albinchen. Eines Tages wirst du diesem Käfig entfliehen und wer weiß wohin davonfliegen. Vielleicht weit, weit weg, jenseits unserer Grenzen, in die weite Welt hinaus.« Und ja, sie war dem Käfig entflohen. Sie hatte es geschafft, trotz der Sorgen ihrer Mutter, daß sie es in diesem Leben zu nichts bringen würde. Sie und Vater setzten alles auf Pranvera. Alba hatte ihr Soziologiestudium in Wien abgeschlossen, und auf ihrer Visitenkarte war nun der Magister in Sozialwissenschaften vermerkt. Sie hatte nur für ein Jahr ein Stipendium gehabt und war gezwungen gewesen, von Freitag bis Sonntagabend in einem Restaurant zu kellnern, um das Wohnheim bezahlen zu können. Sie mußte es schaffen. Das hatte sie sich geschworen, als sie die Heimat verließ.

Damals, als Pranvera sie zum Flughafen brachte, sie umarmte und sich die Tränen trocknete, so wie einst Alba, als sie ihre Schwester zum Studium begleitet hatte. »Um dich mache ich mir keine Sorgen, ich hab nicht den geringsten Zweifel, Alba, daß du es schaffen wirst, so wie du bist, so pünktlich wie eine Schweizer Uhr.« Diese Worte hatten ihr in den Jahren fern von ihrer Schwester den Glauben an sich selbst geschenkt. Nach dem Studium hatte sie unermüdlich Klinken geputzt, bis sie Arbeit gefunden hatte, selbstverständlich dort, wo vor allem Ausländer gefragt waren. Den Menschen, deren Asylantrag angenommen wurde, gab sie durch die Integrationskurse Orientierung in ihrem neuen Leben. Es dauerte eine Weile, bis sie sich von den Kollegen in der Ausländerbehörde respektiert fühlte, selbstverständlich ohne daß diese denken mußten, sie überschreite ihre Kompetenzen. Sie waren die Besten, gewiß. Zu guter Letzt fanden sie den passenden Augenblick, um ihr klarzumachen, daß sie in Wien fremd blieb. Sie hatten gelernt, sie für ihre hohe Bereitschaft zu schätzen, sich zu jeder Zeit in die Arbeit zu stürzen und auch jene Aufgaben zu erledigen, die der eine oder andere Kollege lieber mied.

Niemand wußte, daß sie für das Arbeitsleben mit Mühe verschiedene Masken hatte herstellen müssen, als Kopien ihrer selbst, für da draußen zurechtgemachte Albas, die ihr nicht immer, aber doch meistens dabei halfen, die Alba zu werden, die sie sein wollte. Wenn die Maske gut saß, mit den wer weiß wie oft vor dem Spiegel geübten Gesichtszügen, begegnete man mal einer lächelnden, geselligen Alba, mal einer extrovertierten und selbstbewußten, die sogar ohne Scheu vor die Öffentlichkeit treten konnte. Niemand mußte davon wissen, wie sehr die Selbstzweifel und die Unsicherheit an ihr nagten.

I/4.

Alba. Alba Darëzezi. Sie hatte ihren Mädchennamen auch nach der Heirat behalten. Geboren wurde sie in einem vom Rest der Welt vergessenen Land. Für die Menschen, die dort lebten, interessierte sich schon seit fünf Jahrzehnten niemand mehr, keinerlei Information drang über die Landesgrenzen hinaus. Bis heute hatte sich wenig an dieser tradierten Teilnahmslosigkeit geändert, es war noch immer ein unbedeutendes kleines Land. Wenn dieses Fleckchen Erde eines Tages verschwinden sollte, würde niemand seine Abwesenheit bemerken. Es würde nie mehr als ein letztes Geheimnis auf Landkarten sein. Einst gab es ein Land, Albanien hieß es, seine Einwohner nannte man Albaner – aber sie sind nicht mehr, sie sind fortgegangen, alle sind sie mir nichts, dir nichts aus ihrem Land fortgegangen und haben sich über die ganze Welt verteilt. Albanien gibt es nicht mehr. Ende.

Sie selbst hatte sich mittlerweile von dem Herkunftskomplex befreit, durch den manche ihr Land wie einen Orden und andere es als Mühlstein um den Hals trugen. Alba empfand nur Schmerz für ihr Land, die Nation, die Europa so nah und so fern war, die sich so schwer damit tat, sich weiterzuentwickeln, eine Nation, die immer zu spät dran war und nach wie vor alle Chancen vertat ... Doch was war eine Nation? Alba mochte keine Abstraktionen, die nichts klärten. »Nation« ist ein theoretischer Begriff, der sich in Ansprachen oder Büchern verwenden läßt. Menschen sind etwas Konkretes. Sie kommen in einem Land auf die Welt, das sie sich nicht selbst aussuchen, und sie wollen einfach nur leben, genug Geld verdienen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können, Nachwuchs bekommen und sich des Lebens erfreuen. Und zu guter Letzt verlassen sie ihr Land für immer. Wenn du stirbst, ist es völlig bedeutungslos, welcher Nation du angehörst. Der Tod ist für alle gleich. Es war jedoch so, daß bis zu jenem Tag die Zugehörigkeit zu einem Land voller Chancen oder zu einem, das versagt hatte, über dein Leben bestimmte.

Es sind die Menschen, die ein Land aufbauen oder zugrunde richten. Und die Menschen in Albas Land waren gerade dabei, es zu zerstören. Tag für Tag. Sie bemerkten es selbst noch nicht einmal, so sehr mühten sie sich im Lebensmarathon ab, so sehr waren sie damit beschäftigt, an ein bißchen Geld zu kommen, infiziert von den wenigen, die teure SUVs mit abgedunkelten Scheiben fuhren, sich Villen bauen ließen, sich Bedienstete leisteten und neben ihrer schweigend duldenden Ehefrau über eine ganze Reihe junger Frauen als Geliebte verfügten, die auf der Suche nach dem Glück waren. In diesem Kampf ums Überleben ignorierten die meisten die Korruption oder begnügten sich damit, in Cafés über die da oben zu schimpfen. Wählen gingen sie nicht, und nicht wenige ließen die Mächtigen aus existentiellen Gründen an der Macht. Manch einer gab seine Stimme der regierenden Partei aus Angst davor, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, andere verkauften ihre Stimmen, um nicht mit leerem Bauch dazustehen. Nur die paar wenigen in der Nähe des Epizentrums der Macht füllten freudig die Fernsehsendungen und überbrachten frohe Botschaften über all die großartigen Entwicklungen. Eine Minderheit verfügte über Arbeit und Privilegien, so daß das Geld, wenn es nicht floß, zumindest tröpfelte – ihr gegenüber stand eine Mehrheit, die jede Hoffnung verloren hatte und nur noch weg wollte. Nur noch weg. Weit weg von diesem Land, aus dem nie etwas werden würde.