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»Albrecht Dürer und der Wal wird Sie mitreißen wie die Flut.« John Williams, New York Times Dürer hat einen künstlerischen Kosmos hinterlassen. Was es heißt, die Wirklichkeit in ihrer Fülle und Tiefe anzuschauen, zu erfassen und zu verstehen, scheint in Dürers Kunstwerken bis heute auf. Hypermodern erschien der berühmteste Künstler Nordeuropas seinen Zeitgenossen; absolut modern ist Albrecht Dürer auch heute noch. 1520 segelte Albrecht Dürer in die Niederlande, um ein sagenumwobenes Ungeheuer, einen Wal, zu sehen. Niemals zuvor hatte jemand so überzeugend die gesamte Natur bildlich erfasst wie Dürer: Grashalme, Hasen, Hunde, Pferde, ein Rhinozeros, Kometen, Teufel, die Apokalypse, die Hände seiner Mutter, melancholische Stimmungen und kühne Selbstporträts. In seinen Kunstwerken verdichtete er Macht und Unheimlichkeit seines Zeitalters. Deshalb wollte Dürer einen Leviathan, der Schiffe und Menschen vernichten kann, unbedingt zeichnen und dessen Macht dadurch überwinden. Philip Hoare lässt Dürers Modernität, seine erstaunlichen Perspektiven, seine verblüffenden Facetten und feinsten Nuancen als Wunder der Lebendigkeit aufleuchten. Seine leidenschaftliche Darstellung dehnt Dürers Vision des Dunklen, Schönen und Fremden bis in unsere Gegenwart aus und lässt das Leseerlebnis zu einem überwältigenden Sinnesrausch werden. »Hoare ist berauscht von Dürers Gestaltung der natürlichen Welt, die lebendiger und wesentlicher zu sein droht als die Wirklichkeit. Diesem harmonischen und beneidenswert konzipierten Buch gelingt dies mit voller Punktzahl.« Financial Times »Das ist Hoares bisher größtes Werk, ein Buch von schillernder Einsicht und flüssiger Schönheit.« Die Woche »Philip Hoare wächst über sich hinaus …, um etwas Verwegenes, Wunderbares und Unvergessliches zu schaffen. Dürer hätte es geliebt. Sie werden es auch lieben.« The Spectator »Fantasieanregender war lange kein Buch über die Natur mehr. Philip Hoare hat ein einem Mix aus Reisereportage und Sachbuch eine großartige Kulturgeschichte des Wals geschrieben.« Die Zeit »Das Buch ist eine Fundgrube für alle, die nicht von Moby-Dick loskommen.«FAZ
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2023
Philip Hoare
Albrecht Dürer und der Wal
Wie die Kunst die Welt erschaffen hat
Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Held
Klett-Cotta
HINWEIS
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Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Klett-Cotta
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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
»Albert and the Whale. Albrecht Dürer and How Art Imagines Our World«
© Philip Hoare 2021
Für die deutsche Ausgabe
© 2023 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
Unter Verwendung einer Abbildung von © Bridgeman Images, akg-images/De Agostini Picture Library
Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde
Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
ISBN 978-3-608-98649-5
E-Book ISBN 978-3-608-11986-2
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Vorwort
Barmherzigkeit
Meer
Genie
Gestrandet
Offenbarung
Stern
Exotica
Versuchung
Verrat
Melancholie
Anatomie
Anbetung
Überreste
Schön
Anmut
Tafelteil
Anhang
Dank
Quellen
Für Lilian und Freddie
Vor einigen Jahren besuchte ich einen Freund und seine Affen in einer umfunktionierten Kirche im Außenbezirk einer Stadt in New England. Es war Februar; auf der Straße lag Schnee. Die Adresse, die er mir angegeben hatte, lag weit abseits der historischen Stätten und vornehmen Backsteinhäuser. Ich musste die U-Bahn nehmen und stieg aus, wie man das üblicherweise tut – ahnungslos, wohin ich mich wenden sollte.
Die Straße war zugig, gesäumt von ein paar Läden und undefinierbaren Behausungen, in denen vielleicht Menschen wohnten, vielleicht aber auch nicht. Mein Freund nahm mich in Empfang und mit hinauf in sein Büro. Alles wirkte ganz normal – außer, dass er seinen Wohnsitz mit Primaten und insofern mit einer uns fremden Spezies teilte.
Es war merkwürdig, sich in einem Gebäude zu befinden, das so streng nach Tieren roch – als hätte man in den Räumlichkeiten einer Unternehmensberatung neben dem Wasserspender einen Tierkäfig eingerichtet. Mein Freund und ich unterhielten uns, wahrscheinlich über Wale, denn sie hatten uns draußen in der Bucht zusammengeführt. Dann fragte er mich, ob ich seine Kollegen kennenlernen wollte. Ich dachte, er beziehe sich auf seine Mitarbeiter. Tatsächlich sprach er von den Affen.
Das Zimmer, in dem sie trainiert wurden, war einem Wohnraum nach-gebildet. Es war mit Rollstühlen bestückt, wie sie vielleicht von den Kunden benutzt wurden, und umfasste noch andere Wohnmöbel. Der Raum wirkte sauber, geradezu klerikal. Eine der Betreuerinnen, eine junge Frau mit glänzendem, zurückgebundenem Haar, holte Felix aus einem Käfig heraus, der vom Boden bis zur Decke reichte. Zutraulich näherte er sich ihr, warf mir jedoch einen misstrauischen Blick zu, wie Tiere das so an sich haben.
Er war eine reduzierte Version meiner selbst, ein menschliches Wesen, das in der Wäsche eingelaufen war, mit dünnen Gliedmaßen, großen Augen und einer Kutte aus Fell auf dem Kopf. Ein Kapuzineraffe, ein kleiner Mönch. Er brachte alles um uns herum durcheinander: Ich konnte nicht vorhersagen, wie er sich bewegen würde oder was er dachte. Er ähnelte mir und war dennoch völlig anders. Er war achtzehn Jahre alt, hatte Diabetes und einen prolabierten Magen; er klang nicht so glücklich wie sein Name. Er trug eine Windel wie ein alter Mann, war behindert und unfähig, einen Kunden aufzusuchen.
Mein Freund sagte, die Affen könnten die Tür öffnen, wenn angeklopft würde, das Licht einschalten oder die Seiten eines Buchs umblättern. Sie konnten sogar Kassetten in Videorecorder schieben; damals benützte man diese Technik noch, obwohl seitdem nur ein paar Jahre vergangen sind. Felix kletterte auf die Schulter seiner Trainerin und kauerte dort wie ein Papagei, sein langer Schwanz baumelte ihren Rücken herunter. Er griff sich die Erdnussbutter und die Walnüsse, die ich ihm in einer blauen Plastikschüssel anbot. Er aß, ohne mich groß zur Kenntnis zu nehmen. Er tat so, als würde er etwas in der Ferne beobachten. Affen halten Glotzen für unhöflich. Die Situation fühlte sich für mich an, als würde ich auf meine Eignung für eine Stelle geprüft, auf die ich mich nicht beworben hatte. Er schnappte sich die Schüssel aus meiner Hand. Seine Trainerin sagte, die Affen könnten hundert unterschiedliche Wörter erkennen. Felix jedoch schwieg, kehrte in seine Zelle zurück, und ich verließ die Kirche.
Am nächsten Tag – ich fühlte mich in dieser Stadt verloren und wollte unbedingt meinem überheizten Hotelzimmer entkommen – suchte ich ein herrschaftliches Gebäude auf, dessen Architektur wie die einer Villa aus dem 15. Jahrhundert wirken sollte. Man hätte meinen können, es sei übers Meer von Venedig herübertransportiert worden, gezogen von barocken Delphinen mit verschnörkelten Schwanzflossen. Die Stifterin hatte es erbauen lassen, um ihre Kunstsammlung auszustellen, die sie aus den zerfallenden Palästen Europas gerettet hatte. Rasch schritt ich durch die dämmrigen Galerien. All diese bräunlich getönte Kunst war bedrückend, und ich fühlte mich bedrückt.
Ich verließ die Villa und überquerte die Straße hinüber zum modernen Museum – mit den üblichen Ausstattungsmerkmalen: weiße Räume, saubere Toiletten und Trinkbrunnen. Hier würde mich keiner fragen, was ich hier machte. Es war okay, Sachen einfach anzuschauen; die Schilder gaben das zu verstehen. Wieder stand ich in einer bildergesäumten Galerie. Die Kunstwerke waren vor fünfhundert Jahren graviert worden – von Albrecht Dürer.
Ich schritt im Ausstellungsraum umher, und die Stiche wirkten äußerst vertraut und ausnehmend fremd zugleich, als hätte ich vor langer, langer Zeit mit ihnen gelebt. Ihre nüchternen Räume zogen mich in eine Welt voller Tiere. Affen und Papageien tollten und flogen herum: Ein Heiliger saß zusammen mit seinem Hauslöwen, der sich zu seinen Füßen vor ihm auf dem Boden lagerte und dem der Heilige einen Dorn aus der Pranke gezogen hatte; ein Hund döste friedlich vor sich hin. Ich hörte das Ein und Aus ihres Atems. Fast spürte ich ihre Gesichtszüge auf meinem Gesicht.
In einer anderen Szene aus dem Garten Eden huschten weitere Tiere aus dem Wald, und wie die Tiere waren die Menschen nackt und zufrie-den – noch. Die Szene vertiefte sich zu dreidimensional wirkenden Räumen. In der Ferne balancierte eine Ziege auf einer Klippe. So sah der Anfang der Welt vielleicht aus – diese neu erschaffene Welt und darin diese Kreaturen.
Dann, auf einem dritten Bild, ein Engel. Ein echter Engel, das Haupt auf die Hand gestützt. Ein anderer schläfriger Hund döste zu seinen Füßen, über das Meer in der Ferne stürzte ein Komet.
Das Ganze wirkte wie ein Traum, geschaut durch ein verregnetes Fenster.
Warum wühlten mich diese Bilder so auf? Sie waren zeitlich so weit von mir entfernt und doch befanden sie sich hier direkt vor meinen Augen. Diese Bildnisse entstammten einer anderen Welt. Warum waren sie überhaupt hergestellt worden? Aus Liebe oder für Geld? Um irgendjemandes Seele zu besänftigen?
Vor dem Museum, am Rand einer lauten Verkehrsstraße, harrte die lebensgroße Skulptur eines Nashorns. Es hätte auch ein stehen gelassenes Auto in einem Kreisverkehr sein können, und Kinder hätten sich gefreut, auf ihm herumzuklettern, auf seinem Rücken zu reiten oder hineinzukrabbeln. Stattdessen war es auf diesem einsamen Fleck festgemacht – das Nashorn schnaubte und stampfte: Offenbar hielt es Zurückhaltung für klüger als Tapferkeit, denn es gab sich damit zufrieden, das karge Gras abzurupfen, während ringsum der Verkehr tobte.
Es war kalt, es schneite, und ich kam mir vor wie ein Schauspieler. Ich war zu lange weggewesen und wollte heim.
Wenige Tage später erhielt ich nach meiner Rückreise per Luftpost ein Paket. Darin befand sich eine kleine Leinwand mit dem Abdruck einer zierlichen blauen Hand.
Durch diesen Hafen hindurch driftet ganz Europa weg, all die Massen, die Tag um Tag hinein- und wieder hinauswogen. Die Fähren schaukeln auf der Flut, stoßen gegen Kais aus Gummi wie kleine Wale. Da ist es.
Das Meer.
Dieses Meer könnte wie jedes andere überall sein. Alle Häfen ähneln sich. Offen zur Welt und abgeschlossen gegenüber dem Land – so sind sie die verwundbarsten, am unerbittlichsten verteidigten Orte, denn hier erschöpfen sich alle Gesetze. Gebräuche treten ab, Ordnung weicht, Geschichte wird zurückgelassen. Sie haben alle dieselben ausgebaggerten Rinnen, dieselben Schiffe auf der Suche nach jemandem, der ihnen ihre Last abnimmt. Dieselben Linienschiffe mit ihren totweißen Oberbauten gleiten gespenstergleich durch die Dunkelheit, wenn ein ahnungsloser Schwimmer vorübergleitet, wenn andere, heruntergekommene Kähne auslaufen.
Am Ende dieses Kais in Rotterdam steht ein altes, einer Trutzburg gleichendes Gebäude mit zwei Türmen und einer mit Grünspan überzogenen Kuppel. Heute ist es ein schickes Hotel; früher war es das Hauptquartier einer Firma, die eine Million Menschen über den Ozean verschiffte. Umsonst war das nicht. Es handelte sich um ein penibel bürokratisiertes Business, einen einträglichen Austausch. Wer es bis hierher schaffte, durfte ruhig teilnehmen. Gegen Gebühr.
Die Plakate, die an Straßenecken bis weit ins Landesinnere hinein ihre Botschaft verkündeten, verhießen strahlende ungeahnte Möglichkeiten. So jedenfalls lautete die Botschaft des Firmenlogos: die ineinander verschränkt flatternden Fahnen zweier Länder, der Niederlande und der Vereinigten Staaten. Die Menschen bildeten eine ordentliche Schlange, die sich über einen ganzen Kontinent erstreckte: Alle Männer trugen dieselben Hüte und Mäntel, alle Frauen trugen dieselben Taschen und dieselben Kinder. Und dieselben Szenen wiederholten sich auf der ganzen Welt; dieselben Backsteinbauten, dieselben amtlichen Formulare, dieselben Warteschlangen.
Und dann kam alles zum Stillstand, als ob jemand gegen den Handel Einspruch erhoben hätte. Eines Nachts wurde das Zentrum dieser Stadt zerstört. Bei einem 15-minütigen Angriff fielen 1500 Bomben, 1000 Menschen starben, 80 000 wurden obdachlos. 2000 Läden, 700 Lagerhäuser, 24 Kirchen und 62 Schulen wurden in Schutt und Asche gelegt. Ein Hafen, der ständig Menschen ohne Heimat verschifft hatte, besaß selbst keine Heimat mehr. An einem Ort, der bereits zwei Meter unterhalb des Meeresspiegels lag, schien jegliche Hoffnung untergegangen.
Sechs Monate danach brachten dieselben Flugzeuge, dieselben Piloten, die aus ihren Cockpits nach unten spähten, dasselbe Schicksal über meine Heimatstadt auf der anderen Seite des Ozeans.
Am 25. November 1940 gab die Regierung in Berlin eine Pressemitteilung aus, die in Amerika direkt neben Zeitungsartikeln mit der Mitteilung erschien, dass Santa Claus unterwegs ist. In dem Communiqué wurde mitgeteilt, Geschwader aus 250 Flugzeugen hätten 300 Tonnen hochexplosiver Bomben und 12 000 Brandbomben über Southampton abgeworfen. Der transatlantische Hafen sei nur noch, so hieß es, eine rauchende Ruine.
Sie versuchten, das Meer zu zerstören.
Wie Tiere krochen die Menschen in den Untergrund. Wer es nicht in die Schutzräume schaffte – einige waren in mittelalterlichen Krypten eingerichtet –, stand in den Türstürzen und sah zu, wie seine oder ihre Stadt um ihn oder sie herum in Trümmer fiel. Meine Mutter kam von der Arbeit nach Hause und sah, dass über ihrer Straße Rauch hing. Bis sie am Ende der Straße angekommen war, hatte sie keine Ahnung, dass es nicht ihr Haus war, das getroffen worden war. Ich komme der Vergangenheit näher, indem ich diese Erinnerungen erbe. Ich wurde in dieser Hafenstadt geboren, die noch immer von bombardierten Flächen vernarbt war. Ich wuchs mit dem Klang von Nebelhörnern und dem Gepolter aus den Docks auf. Als Junge spürte ich die Endlichkeit eines Ortes, wo alles andere erst begann. Immer brachen Menschen von hier auf, um eine neue Identität zu finden, als ob wir, die Zurückbleibenden, nicht selbst eine Identität hätten. Kein Hafen ist eine Heimat. Keiner ist frei.
Man hat immer dieses Gefühl von Wiederaufbau und Herstellung, sagt Ellen, als wir die Fähre nach Rotterdam verlassen. Sie und Edgar arbeiten in einem Studio am Kai, kreieren tiefblaue Bilder aus dem Meer und dem Himmel. Das Haus, in dem sie wohnen – früher wurden darin importierte Früchte gelagert – verfügt in seinem Boden über einen riesigen Schlitz, durch den ihre Kunstwerke wie Fracht hinausbefördert werden können. Ellen sagt mir, ich solle nicht unten im Dock schwimmen; aus Angst vor den dort untergegangenen Sachen.
Am Abend verlassen wir die Stadt, vorbei an ausgedehnten Raffinerien auf dem Weg nach Zeeland. Das Licht ist klar und durchdringend. Die Häuser klammern sich wie Schnecken an das Land, steile Dächer ducken sich hinter grünen Deichen. Die Fenster haben keine Vorhänge; dies zeige, dass sie nichts zu verbergen haben, sagt Ellen. Man kann alles und jeden kommen oder gehen sehen.
Wir fahren, bis das Land aufhört. Ich bin nicht sicher, ob hier überhaupt noch Leute sein sollten, oder die Kühe, die auf den Wiesen grasen. Vor 500 Jahren kam Albrecht Dürer hierher, auf der Suche nach einem Wal. Es war der Wendepunkt seines Lebens.
1519 war ein schlechtes Jahr für den Künstler. Sein Schutzherr, Maximilian I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, war 1519 gestorben. Dürer hatte nun kein Einkommen mehr. Alle Sicherheit – dahin. Dürer ist in schlechter Verfassung, sagte sein Freund Willibald.
Dürer war zwar der berühmteste Künstler nördlich von Italien, doch er machte sich Sorgen. Er war kein junger Mann mehr; sein Körper ließ ihn schon manches Mal im Stich. Verlöre er sein Sehvermögen und seine Geschicklichkeit, wie er befürchtete, stünde es nicht gut um ihn.
Mehr als je zuvor war er von der Melancholie des Saturn durchdrungen, unter dessen Einfluss er seit jeher gestanden hatte. Sein ganzes Leben hatte er in seiner Phantasie gelebt. Würde es ab jetzt mit ihm bergab gehen? Er musste die Lage in den Griff bekommen. Als er hörte, dass der Erbe Maximilians, sein neunzehnjähriger Neffe Karl, die Absicht hatte, den englischen König Heinrich VIII. zu besuchen, fasste Dürer den Plan, ihm zu folgen und ihn um eine neue Rente zu ersuchen.
Er wog seine Möglichkeiten ab. Es würde ein riskantes und teures Unternehmen werden; womöglich stand er ohne einen Fürsprecher da. Ich stelle mir vor, wie er in Southampton ankam, bei Ebbe, zwischen den Lagerhäusern und dem Schlamm und den Austernfängern. (Karl V., der neue Kaiser, traf hier bei seiner zweiten Englandreise zwei Jahre später ein und brachte siebenhundert Pferde mit. Sonderlich erfreut war Kardinal Wolsey nicht.)
Dann wurde angekündigt, Karl V. solle in den Niederlanden gekrönt werden. Dürer beschloss, sich stattdessen dorthin zu begeben. Denn er hatte einen weiteren, sehr viel dringlicheren Grund, Nürnberg zu verlassen. Die Pest wütete in den engen Straßen der Stadt, und die Sommerhitze verschlimmerte die Situation noch mehr. Der Stadtrat hatte eine Notverwaltung eingerichtet, die Bewohner fürchteten um ihr Leben. Diejenigen, die es sich leisten konnten – wie etwa Dürers reiche Kaufmannsfreunde, die Imhofs –, flohen aus der Stadt. Und nun brachen am 12. Juli 1520 auch der Künstler, seine Frau Agnes und ihre Magd Susanna gen Westen in Richtung Küste auf.
Wir wissen, wie diese Reise durch das Herz Europas verlief – zu Pferd und mit dem Schiff, über Flüsse hin zum Meer –, denn Dürer schrieb alles auf. Sein Tagebuch der ein Jahr dauernden Reise ist der umfassendste Bericht über sein tägliches Leben, der erhalten blieb – und er ist der uninteressanteste.
Schon immer war Dürer ein Reisemensch – eine Reise war für ihn nicht nur eine tägliche Wegstrecke, sondern auch sein Tagwerk –, und sein Tagebuch ist voll von Angaben zu Ausgaben und Einnahmen, dem Gegenteil seiner ungezügelten Phantasie. Vier Jahrhunderte später, im Jahr 1913, als der zur Bloomsbury-Gruppe gehörende Künstler und Kunstkritiker Roger Fry Dürers Tagebuch herausgab, musste er erstaunt feststellen, dass die Haltung des Künstlers, wenn er unterwegs war, geradezu zeitgemäß war, als hätte er einen Baedeker zur Hand gehabt. Seine täglichen Niederschriften unterschieden sich eklatant von einem anderen Tagebuch, das Fry zitierte. Dieses war lediglich 50 Jahre vor Dürers Aufzeichnungen entstanden, doch es beschrieb eine andere Welt.
Im Jahr 1465 war Baron Leo von Rozmital von Prag über Nürnberg aufgebrochen, mit einem Gefolge von 52 Pferden und 40 befreundeten Landsleuten; ihr langes böhmisches Haar erregte viel Aufmerksamkeit. Auf seinen Reisen traf der Baron französische Frauen mit glattrasiertem Schädel; er sah eine Mutter und ein Kind, die in die Loire fielen, nur um zwei Meilen flussabwärts wieder aufzutauchen – mit wundersamer Hilfe waren sie unter Wasser gereist. Er beschrieb England als einen meerumschlungenen Garten, behauptete, der König von Portugal schnupfe Zibetkatzen-Dung, um sich vor der Pest zu schützen, und durchquerte ein iberisches Tal, in dem es von geflügelten Drachen wimmelte. Er war ein Professor Challenger, zurückgekehrt aus der Verlorenen Welt, der einen Pterodaktylus die Regent Street hinunterfliegen sah.
Das glich in keiner Weise dem geordneten Europa, das Dürer kannte – einem Reich der Steuern und der Druckerpressen. Keine der Geschichten des Barons hätte jedoch das Publikum des Künstlers erstaunt, denn Dürer selbst hatte ihnen ja hydraartige Monster in die Köpfe gesetzt, schweinsäugige Dämonen und wurmzerfressene Reiter, die über aufgeborstenes Gelände dahinfegen. Sie waren Erfindungen, seine Kreaturen der Apokalypse, Schimären, zusammengesetzt aus Stücken der Wirklichkeit, die er tatsächlich kannte. Und noch während er sie zeichnete, besiegte der Künstler diese Bestien und besiegelte ihr Aussterben. Vor Dürer gab es Drachen. Nach ihm nicht mehr. Uns bleiben nur noch die Drachen unseres Unbewussten, so Carl Gustav Jung.
Fry, der die Werke von Jungs Rivalen Sigmund Freud gelesen hatte, legte Dürer auf die Couch. Der Künstler sei, so befand er, durch das häusliche Leben ruiniert worden. Seiner rationalen, psychoanalytischen Meinung nach war der Deutsche unheilbar bürgerlich geworden, eingezwängt durch Eheangelegenheiten und Geldfragen, die die Heiterkeit und Spannkraft seiner Natur zertrümmert hatten. Während von Rozmital opulente Geschichten erzählte, begrenzte der große Künstler seine Niederschrift auf langweilige Einzelheiten, berichtete wieder und wieder, wie oft er seinen Pass vom Fürstbischof von Bamberg vorgezeigt hatte, wie man ihn an der Grenze hatten passieren lassen; fügte hinzu, wie viele Florine er für eine Flasche Wein ausgegeben, was er für seine Schuhe bezahlt hatte oder wie er seine Stiche eintauschte gegen eine indische Kokosnuss, eine türkische Peitsche, zwei Papageien in einem Käfig, einen Pelzmantel aus Kaninchenfell, ein Stück rote Kreide, Tannenzapfen, ein Halstuch und einen kleinen Schädel aus Elfenbein.
Fry war genervt. Was stellte sein Held mit so vielen kuriosen kindischen Kinkerlitzchen an, mit all den Zuckerrohrstücken und Büffelhörnern? Und wie, so Frys Frage, war es möglich, dass wir so wenig über die großen flämischen Kunstwerke hören? Seine herrlichen Werke gegen Papageien einzutauschen! Goethe wäre derselben Meinung – ich finde so einen armen Künstlernarren jedoch einfach rührend.
Keinem fiel auf, dass all dieser Kram und diese ganze Buchhaltung eine Verkleidung war, eine Tarnung für sein kindliches Staunen. Scheinbar ging es ihm um so etwas Erwachsenes wie Rechnungen, dabei stützte Dürer seine Phantasie mit der herrlichen Dinglichkeit der Dinge ab. Er war ein kleiner Junge, der auf dem Boden des Museums saß und einen Dinosaurier zeichnete.
Dem deutschen Handelsmann Lazarus Ravensburger überließ Dürer einen Druck des heiligen Hieronymus in seiner Zelle plus drei große, teure Bücher. Er bekam dafür eine große Finne, fünf Nautilusmuscheln, zwei getrocknete Fische, eine weiße Koralle und eine rote Koralle, außerdem vier Bambuspfeile, vier Silber- und fünf Kupfermedaillen. Ihm schien das ein guter Tausch. Er schickte große Kisten voll mit dem ganzen Zeug zurück nach Nürnberg, wollte jedoch lediglich einem befreundeten Priester seine kostbarsten Neuerwerbungen anvertrauen: einen großen Schildkrötenpanzer, einen Schild aus Fischhaut, eine lange Pfeife, einen langen Schild, die Finne eines Hais und zwei kleine Behälter mit Zitronat und Kapern. In einem Zeitalter des Handels mit außergewöhnlichen Gegenständen handelte Dürer mit Träumen.
Ich hab gelöst aus 2 Adam und Eva, notierte er, einem Meerwunder, einem Hieronymus, einem Reiter, einer Nemesis, einem Eustachius, einem ganzen Stück Holzwerk, 7 Stücke des schlichten Holzwerks, 2 Bücher und 10 kleine Holzpassionen.
Ich habe ein Paar Socken für 1 Stiver gekauft.
Der Künstler verbrachte jenen Sommer damit, sein Werk zu verkaufen und zu verschenken, mit der Suche nach neuen Zerstreuungen und Sensationen. Durchaus erfuhr er selbst auch Ehrungen. So wurde er von fürstlichen Städten unterhalten, von Köln und Brüssel bis Antwerpen, wo sich die Malergilde zu beiden Seiten des Tisches erhob, als er zum Abendessen hereingeführt wurde. Er war die illustre Hauptperson, und sie versuchten ihn zum Bleiben zu bewegen.
Antwerpen war der reichste Handelshafen in Nordeuropa und bereitete sich auf die Krönung vor. In einem Lagerhaus, wo normalerweise Felle oder Wolle aufbewahrt wurden, arbeiteten Dutzende Maler an einer triumphalen Darbietung für den Kaiser: 400 Bögen, zwölf Meter breit, die entlang der Straße aufgestellt werden sollten; unter diesen sollten Schauspiele aufgeführt und junge Frauen als lebende Statuen aufgestellt werden (wenn auch nicht nackt, wie manche vorschlugen).
Dürer beobachtete die Prozession wie ein Junge das Karnevalstreiben, in der Hand ein Papierfähnchen. Kerzenleuchter und fränkische Trompeten zogen vorbei, und die Heiligen Drei Könige ritten auf mächtigen Kamelen und anderen seltenen Tieren daher, alles war sehr schön aufgereiht und am Ende kam der große Drache, von der heiligen Margarete und ihren Maiden an einer Leine geführt. Doch Dürer sollte etwas zu sehen bekommen, das noch viel sensationeller war – nicht beim Umzug auf den Straßen, sondern in der Stadthalle.
Ich sah die Knochen eines Riesen, so sein erstaunter Eintrag in seinem Tagebuch. Sein Bein oberhalb des Knies ist 1,70 Meter lang und maßlos schwer und sehr dick, ebenso seine Schulterblätter – ein einziges ist breiter als der Rücken eines starken Mannes – und seine anderen Gliedmaßen. Der Mann war 5,5 Meter groß, er hatte in Antwerpen geherrscht und wunderbare gewaltige Taten vollbracht, was ausführlicher über ihn beschrieben ist in einem alten Buch, das die Stadtherren in ihrem Besitz haben.
Diese Überreste – ein Schulterblatt, eine Rippe und eine struppige, besenähnliche Substanz – stammten angeblich von einem erschlagenen Riesen, dessen Hand ins Meer geworfen worden sei, und diese Legende gab der Stadt ihren Namen: ant, »Hand«, und werpen, »fortgeworfen«, also Antwerpen. Tatsächlich handelte es sich um die Knochen eines Grönlandwals, eines arktischen Wals, der dreihundert Jahre alt werden kann. Übertroffen wird er nur vom Grönlandhai – ein solcher Hai, der zur Zeit Dürers geboren wurde, könnte noch heute im dunklen, grünen Meer schwimmen. Es war – selbst für einen Künstler – unmöglich, sich solche Geschöpfe vorzustellen, sich auszumalen, welches Fleisch diese Knochen umkleidet hatte. Und kaum hatte er diese Überreste gesehen, bekam er ein noch riesigeres Schaustück zu Gesicht.
Es schien gerade so, als werde er von den Tieren weitergeführt. Im Rathaus von Brüssel sah er ein monströses, aus Steinquadern aufgeschichtetes Wesen.
Es war einen Klafter lang, sagte er, sehr dick, wiegt bis zu 15 cwt, und es hat die hier gezeichnete Form:
Dürers Skizze ist nicht erhalten, doch in seinen Augen glichen diese Knochen fast einer Architektur, was durchaus nachvollziehbar war, denn Walskelette überwölbten häufig Gebäude mit ihren Rippen ebenso wie mit ihrem Leiden. Im St. Stephanus-Dom zu Halberstadt in Sachsen hatte man beispielsweise zum Schutz vor Hochwasser einen Rückenwirbel von einem Pfeiler aufgehängt, von dem es hieß, er habe zu dem Fisch gehört, der Jona verschluckte. An einer anderen Säule war ein zylinderförmiges Fossil, ein sogenannter Belemnit, befestigt. Dieses Fossil entstand durch einen Blitzschlag, war also kraft seiner Feuergeburt imstande, Feuersbrünste zu verhindern.
Andere Riesen-Amulette schmückten Gotteshäuser wie Hexensteine an der Hütte eines Fischers. In der Kathedrale von Krakau gesellten sich zum Kieferknochen eines Wals die Knochen eines Wollhaarnashorns und eines Mammuts. Im Londoner Whitehall-Palace erhielt ein Hof wegen der dort ausgestellten Knochen den Namen Whalebone Court.
Und in Verona hing eine Walrippe von einem Bogen über der Straße herunter, als beuge sich eine Angebetete über ein Balkongitter. An das Außergewöhnliche gewöhnten sich die Bürger. In Pieter Saenredams Gemälde aus dem Jahr 1657 baumelt ebenfalls eine Walrippe am Rathaus von Amsterdam. Kaufleute sitzen schwatzend zusammen und verschwenden an das Gericht über ihren Häuptern keinen Gedanken.
Wale wurden zu dem, als was wir sie haben wollten. Wir erwarteten von ihnen, ihre gottgegebene Pflicht zu erfüllen. Ihre Aura des Sensationellen blieb ihnen erhalten, obwohl sie wegen ihres Öls zusammengekocht wurden. Dürer bewegten solche Wunder tief; einen Künstler forderten sie enorm heraus und verfügten über eine immense Anziehungskraft, weil sie so schwer verständlich waren. Ebenso wenig wie von Gott konnte jemand von diesen Walen sagen, wie sie tatsächlich aussahen oder wozu sie eigentlich fähig waren.
Wale trugen all dieses Unwissen auf ihrem Rücken, beladen mit Gelehrten und Künstlern, die dort oben herumkletterten. Dürer wusste es besser. Er hatte, seit er ein Junge war, über diese Geschöpfe gelesen, auch wenn seine Quelle so alt war wie ein Wal oder ein Hai.
Der im 13. Jahrhundert lebende Mönch Albertus Magnus – Albert der Große von Köln – machte seinem Namen alle Ehre. Der Zoologe, Astrologe, Astronom, Mineraloge, Philosoph und Alchimist war der erste moderne Autor, der mit einem gewissen Maß an Genauigkeit das Aussehen und Verhalten von Walen beschrieb. Dank seiner unersättlichen Neugier und seiner akademischen Leistungen verdiente er den Ehrentitel eines doctor universalis; seine Experimente trugen ihm den Ruf eines Zauberers ein. Sein bedeutendster Trick war in der Tat eindrucksvoll: Er empfing in einer Vision die Pläne für den Kölner Dom, wenngleich es dann sechs Jahrhunderte dauern sollte, bis diese Pläne umgesetzt waren – der Kran stand immer noch auf dem halb aufgerichteten Turm, als Herman Melville ihn im Jahr 1849 besuchte, was den jungen Amerikaner zu dem Seufzer bewegte: Oh! Zeit, Kraft, Geld, Geduld!
Albert war für Dürer möglicherweise bereits Geschichte und seinerzeit schon längst tot, doch war er weiterhin ungewöhnlich einflussreich. Er lieh Albrecht nicht nur seinen Namen, sondern führte seinen deutschen Landsmann auch in die Geheimnisse der Naturwelt ein.
Albertus wurde um 1200 in Bayern in der Nähe von Nürnberg geboren. Als Jugendlicher von männlicher Schönheit und unermüdlichem Durchhaltevermögen hatte er die Universität von Padua besucht, wo ihn in einem bemerkenswerten Tutorium eine Statue der Jungfrau Maria ansprach und ihn aufforderte, sich den Dominikanern anzuschließen und die Naturwissenschaften zu studieren. Er beschloss, den Ozean der Welt, der an Schiffbrüchen so reich war, zu verlassen und Zuflucht im sicheren Hafen des Klosterlebens zu suchen. Im Kampf mit der Dunkelheit und Trägheit seines Verstandes betete Albert um die Gabe wissenschaftlicher Philosophie. Daraufhin erschien in einer Flut von Licht, das seine Zelle erfüllte, erneut die Jungfrau. Sie war bereit, seine Bitte gnädig zu erhören – allerdings – unter der Bedingung, dass er am Ende seines Lebens in den Zustand eines unschuldigen Kindes zurückkehren werde. Albertus stimmte dem Vertrag zu, obgleich er auch der Meinung war, nach tausend Jahren würde der Satan auf die Welt losgelassen.
Nach Lehrtätigkeiten in Freiburg, Regensburg und Straßburg traf Albert in Paris ein und wurde zum produktivsten Autor des Mittelalters. Er griff auf antikes Wissen von Plinius und Aristoteles zurück und führte in die Welt des Mittelalters einen neuen Forschungsgeist ein. Zu seinen Experimenten gehörte unter anderem, dass er einen Skorpion in Olivenöl tauchte und einundzwanzig Tage lang in einen gläsernen Behälter setzte, um herauszufinden, ob dies als Mittel gegen sein Gift taugte. Das Tier starb am zweiundzwanzigsten Tag. In einem anderen Test – erwähnt von Professor Kenneth F. Kitchell Jr. aus Massachusetts – setzte der Mönch eine Spinne auf einen glühend heißen Rost und hielt eine andere Spinne in eine Kerzenflamme, um die These zu überprüfen, dass das Tier ebenso wie der Salamander von kalter Beschaffenheit, das heißt unempfindlich gegen Feuer war. Die Antwort lautete: nein.
Kenneth F. Kitchell bemerkte, während Albertus’ Schlussfolgerungen häufig jeglichen wissenschaftlichen Erkenntniswertes entbehrten, seien seine Methoden von größtem Interesse, auch wenn sie stark in die Alchimie – al-kimia, aus dem Arabischen, die ursprüngliche Chemie – hineinreichten. Albertus behauptete sogar, er sei Zeuge gewesen, wie unedles Metall sich in Gold verwandelt habe.
Eines Tages, Albertus war abwesend, betrat Thomas von Aquin die Werkstatt seines Lehrers und stieß dort auf merkwürdige Instrumente und Gefäße. Hinter einem scharlachroten Vorhang befand sich ein entzückender Talisman, die Figur eines jungen Mädchens, das ihn ansprach: Salve, salve, salve. Thomas, der sie für einen Dämon hielt, sagte: Weiche von mir, Satan!, und zerschlug die Figur in tausend Stücke; nun tauchte Albertus auf und sagte zu ihm: Du hast in einem Augenblick die Arbeit von dreißig Jahren vernichtet!
Allem Anschein nach benutzte Albertus Quecksilber und Dampf, um seine mittelalterlichen Roboter anzutreiben; sie waren angeblich dazu in der Lage, umherzugehen und zu sprechen. Es ist also kein Wunder, dass seine Texte einen anderen Doktor – Viktor Frankenstein – inspirieren sollten, der über sie sagte, sie seien Schätze, die nur wenige außer ihm selbst kannten. (Auf ihrem Weg in die Schweiz im Jahr 1816 machten John Polidori und Lord Byron in Köln Station, besichtigten die Albertus-Manuskripte und die Skizze eines Christuskopfes von Dürer, setzten dann ihre Reise zum Genfer See fort, wo sie Mary und Percy Shelley besuchten, und lasen einige deutsche Gespenstergeschichten, die ihnen zufällig in die Hände fielen.)
Albertus sagte, Freundschaft sei nichts anderes als die Harmonie zwischen göttlichen und menschlichen Dingen, verbunden mit gutem Willen und Liebe. Als sein geliebter Thomas, dem seinerseits die Fähigkeit der Levitation im Zustand der Ekstase nachgesagt wurde, plötzlich an einem Fieber verstarb, befand sich Albert zum besagten Zeitpunkt Hunderte Meilen entfernt und weilte gerade beim Abendessen, doch er erklärte bei Tisch: Thomas, mein Sohn in Christus, die helle Leuchte der Kirche, geht in genau diesem Augenblick aus dieser Welt fort zu seinem Herrn. Das war der Preis, den er dafür bezahlte, zu sehr geliebt zu haben. Zeit seines restlichen Lebens schluchzte Albertus auf, wenn auch nur der Name seines früheren Schülers fiel. Er bezeichnete ihn als Blüte und Glanz der Welt. Seine Mönchsbrüder, schockiert von so extremen Gefühlen, hielten ihren Bruder wegen seiner Tränen für geistig zurückgeblieben.
Und so war es tatsächlich: Was Albertus der Jungfrau schuldete, wurde beglichen, und so wurden ihm seine irdischen Fähigkeiten genommen. Wahrscheinlich litt er an Demenz; er starb am 15. November 1280 und wurde in der Dominikanerkirche in Köln beigesetzt. Dort wurde im Zuge zahlreicher Exhumierungen festgestellt, dass sein Körper unverwest geblieben war.
Albertus Magnus war sich selbst zum Experiment geworden. Im Jahr 1482 befahl Papst Sixtus IV., das Grab erneut zu öffnen. Der rechte Arm des Mönchs wurde abgenommen und an den Papst gesandt. Andere Reliquien platzierte man in einem Glaskasten, sodass sie von den Gläubigen in Augenschein genommen werden konnten, aber selbst dann durfte Albertus nicht in Frieden ruhen. 1693 wurde ein weiteres Stück von ihm für den Bischof von Regensburg abgeerntet, und im Jahr 1804 wurde aus Furcht vor einer Invasion Napoleons das, was von Albert noch übrig war – auseinandersortiert, als würde Frankenstein sich nach Teilen umschauen – in eine weitere Kirche überführt, die im Zweiten Weltkrieg bombardiert wurde. Erst im späten 20. Jahrhundert kam der Mönch zur ewigen Ruhe: in einem römischen Sarkophag aus dem 3. Jahrhundert, der in der Krypta der Kirche aufgestellt wurde, geschützt vor etwaigen Atomangriffen.
Zuvor wurde die Erinnerung an Albertus nicht in Form von Reliquien, sondern mittels der Druckerpresse wachgehalten: 1932 wurde eine elegante Schrifttype nach ihm benannt; das geschah ein Jahr nach seiner späten Heiligsprechung durch den Vatikan. Sein großes Werk von enzyklopädischer Brillanz, De animalibus, brauchte ebenfalls lange Zeit, bis es gedruckt wurde: Verfasst im Jahr 1250, wurde es erst 1478 veröffentlicht. Albrecht Dürer war damals sieben Jahre alt.
Es war eine aufregende Einführung. In Alberts Kompendium waren 113 Säugetiere, 114 fliegende und 140 schwimmende Tiere verzeichnet, 61 Schlangen und 49 Würmer. Ehrfurchtsvoll kauerte Dürer davor, so ähnlich wie ich mich wohl über mein Kinderlexikon gebeugt habe – ich habe es nicht gewagt, die Tiefseefische anzufassen, aus Angst, sie würden mich mit sich in die Tiefe ziehen.
Albertus war weit weg- und umhergefahren und durch die Zeiten gereist, um sein Nachschlagewerk zusammenzustellen. Er hatte Europa durchquert, von den ebenen russischen Steppen bis in die hohen italienischen Alpen – sein Spitzname war Großstiefel, weil er sich weigerte, ein Pferd zu besteigen –, und er hatte unterwegs alles genauestens untersucht. Alte Meeresböden auf Bergspitzen, Wandersterne am Himmel, Eichhörnchen in dunklen Wäldern. Als er an die nördlichen Küsten kam, interessierten ihn besonders die Meeressäuger; sie gehörten, wie er es formulierte, zum Meer, jedoch auch zum Luftraum. Sie waren Zwischenwesen, insofern waren sie beinahe menschlich. Einige Wassertiere verfügten, wie er bemerkte, über beträchtliche Intelligenz, vor allem diejenigen, die lebend gebären und atmen, wie der Delphin, der Wal und ein Tier, das Koky genannt wurde und von dem die Lateiner sagen, es sei ein Seehund. Die Haare auf dem Fell des Seehunds zeigen beispielsweise ganz unabhängig von ihrem Standort und in Verbindung mit der Haut des Tieres durch ihre Beschaffenheit und Aufrichtung Ebbe und Flut an. (Ich hatte eine Geldbörse aus Seehundfell aus Norwegen, die beherrschte diesen Trick ebenfalls.)
Erstmals wurden diese Geschöpfe einzeln – als Individuen – betrachtet. Albertus kam mit seinen Riesenstiefeln hineingewatet, trennte die Barten von den Zahnwalen und berichtete über erkennbare Einzelheiten von Mörder-, Pott- und Glattwalen. Diese Tatsachen über die Natur von Walen ergaben sich aus unserer eigenen Erfahrung, sagte er. Er wusste, dass sie keine sich wälzenden, alles verschlingenden Ungetüme waren, sondern die Beute von Menschen, die sie mit Liedern und Musikinstrumenten anlockten und dann mit Harpunen abschlachteten, die mit dem verwesten Fett toter Wale vergiftet waren, sodass die Opfer langsam starben, ohne das Leben ihrer Jäger zu gefährden.
Albertus überließ es den Künstlern der Zukunft, diese Information zu enthüllen. Sir Isaac Newton soll – so die Bemerkung Viktor Frankensteins – gestanden haben, dass er sich wie ein Kind fühlte, das neben dem weiten, unerforschten Ozean der Wahrheit Muscheln aufsammelt. Dürer orientierte sich bei seiner alchemistischen Suche im Ozean der Wahrheit so genau an den Spuren von Albertus, dass man den Künstler für eine Reinkarnation des Naturforschers halten könnte, ein Geschöpf, das aus denselben Teilen zusammengebaut war. Dürers Freund Conrad Celtis verfasste im Jahr 1500 ein Gedicht, in dem die beiden verglichen wurden. Gott habe ihnen dieselbe Beobachtungsgabe verliehen, und Dürer sei die Erfüllung der Erklärung des Albertus: Jeder Aspekt der Schöpfung habe am Schönen und Guten Anteil.
Albertus hob das Sehen besonders hervor; es war ein physischer Affekt. Er nahm an, das Sehvermögen einiger Geschöpfe wie beispielsweise der Fledermaus werde vom Sonnenlicht völlig zunichte gemacht, das Sehen anderer wie etwa der Menschen könne jedoch kurz auf die Sonne gerichtet werden. Einige, die Schwachen, wären dazu in der Lage, ohne dass ihre Augen zitterten; andere wie etwa der Steinadler könnten die Sonne als runde Scheibe sehen. Albertus sah, wie mit Adleraugen, das Licht selbst. Er sah auf neue Weise – daher war er für einen radikalen Künstler wie Dürer so reizvoll –, doch hing dies vom göttlichen Strahlen ab. Es bedurfte des Glaubens, um Wissen zu erlangen.
Der Glaube des Albertus an das Wissen war es, was Dürer einfiel, als er die Riesen von Antwerpen und Brüssel erblickte. Er hätte gut daran getan, sich Melvilles Rat zu Herzen zu nehmen: Die wahre Natur des Leviathan kann man nicht an seinen Knochen ablesen. Wie würde es sein, wenn er das Tier mit seinen eigenen Augen sehen könnte, das sich an einem abgelegenen Strand abquälte? Hätte er es auf einem Lastzug nach Nürnberg transportiert, so wie später ein geteerter Wal auf der Ladefläche eines Lastwagens durch Europa tourte, und würde der Künstler dann dort stehen wie ein demagogischer Schausteller, der seine Ladung bewirbt, oder wie der Wal in Béla Tarrs Film Werckmeister Harmonies, der während der Zeit des Kalten Krieges auf einem Marktplatz eintrifft und die Bürger mit seinem zwischen Tod und Leben schwebenden Blick wahnsinnig macht?
Dann kam die Nachricht, auf die er gewartet hatte. Er war von diesen Knochen gewarnt worden, so wie Seegras schlechtes Wetter ankündigt. Der Bericht ist präzise; man könnte ihn in Morsezeichen übersetzen.
In Zierikzee in Zeeland ist bei Flut und stürmischem Wind ein Wal gestrandet. Er ist sehr viel länger als 100 Klafter. Kein Mensch in Zeeland hat je einen gesehen, der auch nur ein Drittel so lang ist. Das Volk sähe gern, dass er weg wäre, denn sie fürchten den großen Gestank, denn er ist gar so groß, dass sie meinen, man könne ihn in einem halben Jahr nicht aufhauen und Öl von ihm sieden.
Dürers Herz schlug schneller. Unmöglich für ihn, dieses Tier nicht zu sehen. Es konnte die Wende in sein Leben bringen, mit größerer Sicherheit als jede kaiserliche Rente. 100 Klafter, 180 Meter? Das war auf jeden Fall ein gewaltiges Ausmaß. Nach Albertus war diese monströse Größe ausgeschlossen.
Doch wie stand es mit dem Glauben? Zwei Jahre später, nachdem es am selben Ufer zu einer ähnlichen Strandung gekommen war, erklärte Martin Luther den Leviathan zu einem Menetekel Gottes. Er warnte, ausgehend von Beispielen aus alter Zeit, ein solches Meeresungeheuer sei ein sicheres Zeichen für den Zorn Gottes.
Der Herr sei unserer Seele gnädig.
Im Mittelalter war allgemein bekannt, dass der Wal zeige, wie trügerisch der Teufel sein könne: Die Form einer Insel oder eines Baumes konnte er annehmen oder des Höllenschlundes selbst. Dürer hätte eigentlich wissen müssen, dass es nicht ratsam war, sich um den Anblick solcher Ungeheuer zu bemühen.
Man konnte sie im Umkreis von einer Meile riechen.
Das Meer. Wie wenig davon er bislang gesehen hatte. In seinen Plänen wird eine gewisse Erregung spürbar, ein aufkommendes Gefühl von Abenteuer, als die Leinen gelöst werden und das Schiff freie Fahrt aufnimmt. Als er das Festland verließ – worauf hatte er sich da eingelassen?
Am Abend des Barbaratages, dem 3. Dezember 1520, ritt Dürer nordwärts von Antwerpen in die Küstenstadt Bergen-op-Zoom, südlich von Rotterdam. Er hatte sich auf seine Expedition vorbereitet, indem er drei Paar Schuhe, ein Paar Augengläser und einen Elfenbeinknopf erstanden hatte.
Hab für das Pferd 12 Stüber gegeben.
Seine Frau hatte er wie immer zurückgelassen. Er war gern mit den Jungs unterwegs.
Item 5 Stüber verbadet und mit den Gesellen vertrunken.
In Bergen war er mit den Herrschaften aus Nürnberg zusammengekommen, Georg Kötzler, Sebastian und Alexander Imhoff – jenen wohlhabenden Pestflüchtlingen, die wegen der gesunden Meeresluft hier waren –, außerdem mit dem Antwerpener Kaufmann Bernhard von Reesen, den Dürer den kleinen Bernard nannte. Er zeichnete noch ein weiteres Mitglied der Seegesellschaft: Markus Ulstett, Soldat aus einer angesehenen Augsburger Familie. Mit seinem offenen Gesicht und seinen weit geöffneten Augen sowie seinem Dreizack wirkte er wie jemand, der für alles bereit ist. Im selben Skizzenbuch fand sich ein derberer, unbenannter Seemann mit strähnigem Haar, einem knubbligen Kinn und einer Fellmütze. Er schaut hinaus auf den Horizont, während Nikolaus, der Heilige der Stadt Amsterdam und der Seeleute, sie mit seiner verkrampften Hand segnet.
Sein Festtag, an welchem gute Seeleute die Messe besuchten, um Schutz vor Stürmen zu erbitten, war gerade vorüber.
Sie brachen in eine Wasserwelt auf. Diese flachen Gefilde gehörten seit jeher dem Meer. Die fischgratgemusterten Wege in der Stadt wanden sich zum Meer hinunter; Kirchtürme ragten wie Laternen empor, die im Schlamm versanken. Meilen- und meilenweit gab es nichts, dann etwas, dann wieder nichts.
Wir fuhren zu dem untergegangenen Flecken, da nur die Spitzen von Dächern aus dem Wasser herausragen.
Die erste Nacht verbrachten sie vor Anker. Es war kalt, und sie hatten nichts zu essen oder zu trinken. Die Vorkehrungen ihres Anführers – die Schuhe und die Augengläser – waren nicht so zweckdienlich, wie seine Begleiter es gern gehabt hätten. Sie waren erleichtert, am Tag darauf zur Insel Walcheren weitersegeln zu können. Das Meer um sie herum war düster, graue Wolken brauten sich zusammen.
Plötzlich geriet alles außer Kontrolle. Das Schiff schlingerte, die Fürsten gerieten in Panik. In dem Chaos und der Verwirrung war es der Künstler, der sie zur Besinnung brachte.
Als wir an Land stießen und unser Seil auswarfen, da drängte sich ein großes Schiff neben uns sehr kräftig, und ich war gerade dabei auszusteigen, dass ich im Gedränge jedermann vor mir aussteigen ließ, so dass niemand außer ich, Georg Kötzler, zwei alte Weiber und der Schiffsmann mit einem kleinen Buben im Schiff blieben … da zerriss das starke Seil und so kam im selben Augenblick ein starker Sturmwind, der trieb unser Schiff mit Gewalt hinter sich.
Gleich würden sie von der Strömung weggerissen werden.
Es sah so aus, als seien wir verloren, sagte Dürer. Da schrien wir alle um Hilfe, aber niemand wollte sich wagen. Da schlug uns der Wind wieder in die See. Da raufte sich der Schiffsmann und schrie, denn seine Knechte waren alle ausgestiegen, und das Schiff war unbeladen. Da war Angst und Not, denn der Wind war groß und nicht mehr als 6 Personen im Schiff.
Der Künstler richtete ein Stoßgebet gen Himmel.
Jahrhunderte später werden seine Jünger, die Nazarener, diese Szene mit der Besänftigung des Sturms auf dem See Genezareth durch Christus vergleichen.
Da sprach ich zum Schiffsmann, er solle sich ein Herz fassen und Hoffnung zu Gott haben und nachdenken, was zu tun wäre, sagt der Künstler.
Daraufhin sagte er, wenn er das Segel aufziehen könnte, so wollten wir es versuchen, ob er wieder anfahren möchte.
Vom Ufer aus sahen Menschen zu. Sie hatten die Besatzung bereits aufgegeben.
Also halfen wir schwerlich miteinander und brachten das Segel zuletzt halb hinauf und fuhren wieder an.
Langsam kam das Schiff zum Stillstand und bewegte sich zurück an Land und in Sicherheit. Sie brauchten einen Tag, um sich von ihrem Schrecken zu erholen. In Middelburg, der Hauptstadt Zeelands, erhielten Dürers Freunde drei indische Kokosnüsse, die sie ihm überließen. Sie wussten, dass er sie gerne hätte. Er bekam auch eine sprießende Tulpenzwiebel. Ein Wal war das aber nicht.
Am nächsten Morgen in aller Frühe machten sie sich wieder auf den Weg, um den großen Fisch zu sehen. Er war in Zierikzee gesichtet worden. Doch die Sturmflut, die ihn in die Bucht gespült hatte, trug ihn auch wieder fort. All die Anstrengungen für nichts. Die Männer zogen sich zurück. Das Ungetüm, zu schrecklich anzuschauen, war aus eigenem Antrieb geflohen. Dürer fing an, sich unwohl zu fühlen.
Und da ich vormals in Seeland war, überkam mich, sagte er, eine wunderliche Krankheit, von der ich nie von einem Mann gehört habe, und diese Krankheit habe ich noch immer.
Einige meinten, bei der Krankheit handle es sich um Malaria – schlechte Luft –, als ob es ein vergifteter Ort wäre. (Von Middelburg lief das Sklavenschiff Zong aus, eben jenes Schiff, das Turner dabei abbildete, wie es seine Lebendfracht ins Meer warf.) Im Jahr 1809 sollten die Briten versuchen, die Insel Walcheren zu erobern und damit die Kontrolle über Europa zu übernehmen. Die Invasionsflotte, bestehend aus 600 Schiffen und 40 000 Mann, war die größte, die Britannien je zusammengezogen hatte. (Der Kommandant, Lord Chatham, nahm seine geliebten Schildkröten mit, und sein Admiral Sir Home Popham wurde als Nilpferd beschrieben, ein amphibisches Tier, das nicht an Land leben kann und im Wasser stirbt.) Als die Truppen jedoch auf der Insel ankamen, entdeckten die Offiziere, dass der Grund der Kanäle mit einer dicken Schicht Schlamm bedeckt war, aus der bei Flut widerwärtige Ausdünstungen aufstiegen.
Die ganze Insel ist so flach und dem Meer so nahe, sagte ein Inspektor, dass ein großer Teil kaum mehr ist als ein Sumpf; brauchbares Trinkwasser war nur schwer zu beschaffen. Selbst die Einwohner machten einen ausgelaugten Eindruck, blass und teilnahmslos. 4000 Soldaten sanken dem Tod in die Arme, so die Erinnerung eines Überlebenden, als wären sie in einer Krankheit ertrunken. Der Rest zog sich nach England zurück, wo an das Unterfangen nur mehr ein einsames Marinegebäude namens Walcheren im Hafen von Portsmouth auf der Whale Island erinnert.
Dürers erfolglose amphibische Expedition verkürzte sein Leben – aufgrund eines Zustands, für den er keinen Namen hatte, wegen eines Tiers, das er nicht zu Gesicht bekam. Es war eine Lektion in übersteigertem Glauben, die an die traurigste Szene der Filmgeschichte erinnert, wenn in dem Film Whistle Down the Wind zwei kleine Kinder, ein Bruder und eine Schwester, Hand in Hand an einer Scheune ankommen, um Jesus zu sehen, nur um zu erfahren, dass dieser schon weg ist. Tatsächlich ist dieser ein gesuchter Verbrecher auf der Flucht, der festgenommen wurde; sie jedoch glauben, er sei in den Himmel aufgefahren.
Es war schon eine außerordentliche Ironie des Schicksals. Dürer war vor der Pest aus seiner Heimatstadt an einen der Gesundheit zuträglicheren Ort geflohen, nur um sich dort an einem verseuchten Ufer eine Infektion einzufangen. Womöglich machte er die Sterne dafür verantwortlich. Allerdings hatte der Umstand, dass es ihm nicht gelungen war, den Wal zu sehen, einen unerwarteten Effekt. Er flößte ihm neue Inspiration ein, so als hätte er die schlechte Luft des Wals eingeatmet. Das Bewusstsein seiner Sterblichkeit eröffnete ihm erneut, ja sogar klarer, zu sehen wie Albertus. Er war immer ruhelos gewesen, unfähig, stillzuhalten; seine Hand konnte nie aufhören zu zeichnen, als unterläge sie einem Automatismus, unabhängig von allem anderen. Seine Reise in die Niederlande war das wichtigste Ereignis seiner späteren Jahre, so sein Biograph Erwin Panofsky.
Dürers dortige Erfahrungen bewirkten alles andere als einen Abstieg seines Talents – sie waren der Anstoß für das, was Panofsky als neue, unendliche Offenbarungen seines Genies bezeichnete. Als hätte Dürer einen Vertrag unterschrieben. Und tatsächlich hat er ja auch ein Meerungeheuer gezeichnet. Wo er es sah – ob er es überhaupt gesehen hat, kann ich Ihnen nicht sagen, obwohl ich durch Bibliotheken geschwommen und über Ozeane gesegelt bin.
Aber ich meine es ernst, und ich werde es versuchen.
Der rangniedrigste Bibliothekar kommt aus den Archiven geschlurft und staubt sein Buch mit den Geschichten altertümlicher Wale ab. Ohtere, ein norwegischer Kaufmann, erzählte Alfred dem Großen von den Pferd-Walen. Er berichtete, diese fremdartigen Tiere besäßen Knochen, die für ihre Zähne von höchstem Wert waren; einige brachte er mit, um sie dem König zu zeigen. Dieses Tier hatte noch viele andere Namen, irgendein Gemurmel, das seine Andersartigkeit andeutete. Im Deutschen: Rusor oder »Rostiger«, der Russische Wal; Holländisch Rosmarus, Meerpferd. Die Engländer zogen das skandinavische Walrusch vor und das altnordische Hvalross, haariger Wal oder Wal-Pferd. Das Wort der Russen oder Lappen Morsz traf die Sache genauer, es bedeutete ein beißendes Ding, vor dem man sich hüten musste. Im Jahr 1456 berichtete William Caxton von einem solchen Wesen in der Themse: In diesem Jahr wurden gewaltige Fische zwischen Eerethe und London gefangen, einer wurde Meer-Mors genannt, der zweite ein Schwertfisch, und die anderen beiden waren Wale.
Die Monarchen in ihren ufernahen Palästen taten gut daran, sich vor dergleichen Untieren zu fürchten; Caxton warnte vor Krieg und Unruhen, die sich bald darauf einstellen würden. Im Jahr 1590, nachdem Martin Frobisher aus der Arktis mit dem Horn eines Einhorns für seinen Monarchen zurückgekommen war – außerdem mit drei Inuit, einem Mann, einer Frau und einem Kind, die alle kurz darauf starben –, veröffentlichte Edmund Spenser seine Faerie Queene und stattete sein Epos mit meererschütternden Walen und mächtigen einhörnigen Rhinozerossen mit unermesslichen Schwänzen aus, sowie Meerpferden mit verzerrten Gesichtern.
Sie hätten die Augen und Ohren sein können, die auf dem Umhang der jungfräulichen Königin aufgestickt sind; eine seltsame Bruderschaft, wie die moderne Dichterin Marianne Moore 1924 schreiben sollte, die Seelöwen und Landlöwen, Land-Einhörner und See-Einhörner als austauschbare Gestalten versteht, die uns umso mehr befremden, je länger wir sie anschauen. Die Naturgeschichte hatte kaum einen Einfluss auf diese Visionen. Bildende Kunst und Dichtung hatten bessere Chancen. Wie diejenigen ihrer Narwal-Genossen waren Walross-Hauer trügerisch; sie verführten Albertus zu der Annahme, Walrosse seien männliche Wale, die ihre Zähne dafür verwenden, von Felsen zu hängen, während sie schlafen; das ist nur eines der Geheimnisse, die in der späteren Geschichte der Nordischen Völker von Olaus Magnus wieder aufgegriffen wurden, in der Seesterne mit Gesichtern, Walrosse wie riesige Eber und Seeschlangen vorkommen, die Seeleute von ihren Schiffen zerren – ein Storyboard für einen Horrorfilm der Renaissance.
Albertus Magnus hatte immer nur einzelne Bestandteile von diesen Geschöpfen zu Gesicht bekommen: Stoßzähne, aus denen heilige und profane Objekte geschnitzt wurden; Tierhäute, die zu Tauen verarbeitet und auf dem Kölner Markt verkauft wurden; man benutzte sie, um enorme Gewichte auf die Flaschenzüge von Schiffen zu hieven. In einem Text heißt es, um ein Walross zu fangen, müsse man im Bereich seines Schwanzes ein Loch bohren; dieses wurde dann fixiert, und wenn das Tier die Flucht ergriff, häutete es sich selbst. Doch neben all dieser Grausamkeit und Phantastik gelang dem Walross ein ganz und gar spektakuläres Kunststück: Es erhob sein Haupt aus Dürers Skizzenbuch.
Dieses schläfrige Tier, dessen Haupt ich hier dargestellt habe, wurde in der niederländischen See gefangen und maß XII brabantische Ellen mit vier Füßen.
→Tafel I
Wo und wann hat er es gezeichnet? Ich wüsste es nur zu gern.
Die Vergangenheitsform lässt darauf schließen, dass Dürer diese Beschreibung später hinzufügte, einfach nur um die Dinge zu verunklaren, als sei sein Text eher als Dichtung denn als Erklärung gemeint. Einige sind der Meinung, er habe die Zeichnung nach einer früheren Skizze erstellt; dies ist also quasi eine Spur einer Kopie einer Erinnerung. Seine Erwähnung der niederländischen See könnte sich auch auf das nördliche Meer der Arktis beziehen. Wie auch immer – der Künstler ist nie einem lebendigen Walross begegnet. Er war vielmehr Zeuge einer wundersamen Darbietung, einer Art Opferung.
Im Jahr 1519, als Dürer seine Reisepläne erwog, erhielt Papst Leo X. ein ungewöhnliches Geschenk. Geschickt wurde es ihm aus Norwegen von seinem Erzbischof Erik Walkendorf, der darauf erpicht war, Grönland in sein Bistum aufzunehmen, und damit einhergehend den lukrativen Arktis-Handel mit Häuten, Fellen und Elfenbein. Die Gabe des Bischofs – nicht weniger als ein Walross – sollte den Papst mit den überraschenden Reichtümern dieser kargen Region beeindrucken. In seinem Brief beschreibt Walkendorf das furchterregende Tier, das gemeinhin als Rosmer bezeichnet wurde und bis zu dreizehn Ellen lang wurde. Das war typisches Anglerlatein – eine Elle bezeichnet die Länge eines Männerarms, Walkendorfs Tier hätte also die Größe eines Mammuts gehabt.
