Alfred Kerr - Deborah Vietor-Engländer - E-Book

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Deborah Vietor-Engländer

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Beschreibung

Alfred Kerr ist uns in Erinnerung als der einflussreichste Theaterkritiker Deutschlands im 20. Jahrhundert. Er rühmte Henrik Ibsen als den Ahnherrn der Moderne, kämpfte für Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, George Bernard Shaw, entdeckte Robert Musil, stritt gegen den Talmiruhm Hermann Sudermanns, kämpfte mit Bertolt Brecht, verspottete Karl Kraus und setzte gegen Thomas Manns endlose Sätze seine knappen, treffenden, die deutsche Sprache präzisierenden Sentenzen. Er war um 1910 verehrt von den jungen Dichtern, kämpfte in der Republik gegen Rückwärtserei und die Nazis. Goebbels hasste ihn so sehr, dass Kerr sich 1933 ins Exil retten musste. Die Jahre in Paris und London waren ein Sturz in Not und Elend. Deborah Vietor Engländer erschließt in dieser Biographie zum ersten Mal das ganze, zum Teil unbekannte Leben und Wirken Alfred Kerrs, nutzt unbekannte Quellen und rückt uns diesen Streiter, der aus Lessings Geist lebte und mit dem Sprachwitz Heinrich Heines schrieb, wieder nah. Sie zeigt, welche Höhe dieser lebensdurstige Mensch erreichte und wie jäh sein Absturz war. Kerrs Biographie spiegelt exemplarisch das Leben jener jungen jüdischen Generation, die um 1880 aufbrach, um an der deutschen Kultur endlich teilzunehmen. Alfred Kerr starb 1948 in Hamburg, am Beginn einer Vortragsreise, als wollte ihn das Schicksal zurückführen in das Land, für dessen geistige Freiheit er stritt und das er nie vergaß. Seine von Günther Rühle in der Breslauer Zeitung der Jahrhundertwende entdeckten «Berliner Briefe» («Wo liegt Berlin?», erschienen 1997) führten zu Alfred Kerrs Neuentdeckung. Im Literarischen Quartett verkündete Marcel Reich-Ranicki damals: «Die Geschichte des deutschen Feuilletons muss nach diesem Buch neu geschrieben werden.» Die exemplarische Geschichte eines großen Schriftstellers, dessen glänzende Karriere die Nazis gewaltsam beendeten.

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Seitenzahl: 1031

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Deborah Vietor-Engländer

Alfred Kerr

Die Biographie

 

 

 

Über dieses Buch

Alfred Kerr ist uns in Erinnerung als der einflussreichste Theaterkritiker Deutschlands im 20. Jahrhundert. Er rühmte Henrik Ibsen als den Ahnherrn der Moderne, kämpfte für Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, George Bernard Shaw, entdeckte Robert Musil, stritt gegen den Talmiruhm Hermann Sudermanns, kämpfte mit Bertolt Brecht, verspottete Karl Kraus und setzte gegen Thomas Manns endlose Sätze seine knappen, treffenden, die deutsche Sprache präzisierenden Sentenzen. Er war um 1910 verehrt von den jungen Dichtern, kämpfte in der Republik gegen Rückwärtserei und die Nazis. Goebbels hasste ihn so sehr, dass Kerr sich 1933 ins Exil retten musste. Die Jahre in Paris und London waren ein Sturz in Not und Elend.

Deborah Vietor-Engländer erschließt in dieser Biographie zum ersten Mal das ganze, zum Teil unbekannte Leben und Wirken Alfred Kerrs, nutzt unbekannte Quellen und rückt uns diesen Streiter, der aus Lessings Geist lebte und mit dem Sprachwitz Heinrich Heines schrieb, wieder nah. Sie zeigt, welche Höhe dieser lebensdurstige Mensch erreichte und wie jäh sein Absturz war. Kerrs Biographie spiegelt exemplarisch das Leben jener jungen jüdischen Generation, die um 1880 aufbrach, um an der deutschen Kultur endlich teilzunehmen. Alfred Kerr starb 1948 in Hamburg, am Beginn einer Vortragsreise, als wollte ihn das Schicksal zurückführen in das Land, für dessen geistige Freiheit er stritt und das er nie vergaß.

Seine von Günther Rühle in der Breslauer Zeitung der Jahrhundertwende entdeckten «Berliner Briefe» («Wo liegt Berlin?», erschienen 1997) führten zu Alfred Kerrs Neuentdeckung. Im Literarischen Quartett verkündete Marcel Reich-Ranicki damals: «Die Geschichte des deutschen Feuilletons muss nach diesem Buch neu geschrieben werden.»

Die exemplarische Geschichte eines großen Schriftstellers, dessen glänzende Karriere die Nazis gewaltsam beendeten.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2016

Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

Umschlagabbildung ullstein Bild – Rudolph Duehrkoop

ISBN 978-3-644-00029-2

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

«Sprachlich bist du doch ein Klassikerr

Einst im Vierten Reich (nach dem Verrecken).»

 

Alfred Kerr, «Was ist Heimat?»,

Neue Weltbühne, 4. November 1937.

für meine Schwester Shulamit,

die überlebt hat

Teil IDer Junge aus Breslau

Vor 1933 gab es in Deutschland kaum einen an Theater und Literatur Interessierten, der den Namen Alfred Kerr nicht kannte – viel gelesen, viel gerühmt und viel befeindet, war er der sprachmächtigste von allen, die über das Theater, über dramatische Literatur und Fragen des politischen Alltags schrieben. Seit den Tagen Ludwig Börnes und Wolfgang Menzels gab es keinen einflussreicheren Kritiker in Deutschland. Dabei hatte er bedeutende Zeitgenossen, die im gleichen Metier tätig waren: Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Kurt Tucholsky, Emil Faktor, Herbert Jhering und viele andere. Kerr polarisierte. Er zwang sein Publikum, für oder gegen ihn Partei zu ergreifen, und noch heute sind die Meinungen über ihn geteilt.

Sein Ruhm verbindet sich vor allem mit Berlin. Geboren aber wurde er in Breslau. Dreißig Jahre war seine Mutter alt, als sie ihn in der Weihnachtsnacht des Jahres 1867 zur Welt brachte. Emanuel Kempner, der Vater, ein Weinhändler, wurde bald zweiundvierzig. Am Sonnabend, dem 28. Dezember, ließ er, voller Stolz auf die Geburt seines Sohnes, folgende schmale Geburtsanzeige in die Morgenausgabe der Breslauer Zeitung einrücken: «Meine liebe Frau Helene, geborne Calé, wurde heute Nacht von einem kräftigen Knaben glücklich entbunden. Breslau, den 24. Dezember 1867. Emanuel Kempner.» Das Datum ist strittig. Der Sohn pflegte stets den 25. Dezember als seinen Geburtstag anzugeben; so steht es auch in allen Urkunden. Kurz nach Mitternacht, schrieb er, wurde er geboren, vielleicht trat das Ereignis gerade um Mitternacht ein, wenn sich die Tage scheiden.

Der Junge kam in eine frostige Welt. In jener Nacht wurden in Breslau minus 7,8 Grad Réaumur gemessen (minus 9,75 Grad Celsius). Es gab Nordostwind und Reif auf den Dächern, tagsüber wurden am 25. Dezember minus 2,8 Grad Réaumur gemessen, vermerkte die Vossische Zeitung. Doch frostig waren nicht nur die Wetterverhältnisse, sondern auch die Zeiten. Die preußisch-österreichische Allianz, zum letzten Mal im Krieg um Schleswig-Holstein 1864 bewährt, war zerbrochen, die Rivalität beider Staaten im Juli 1866 in der Schlacht von Königgrätz entschieden worden. Der Frieden von Prag hatte das Ende des Deutschen Bundes gebracht, Österreich endgültig von den deutschen Entwicklungen geschieden und Preußen die Vormacht gesichert, die sich bald im Norddeutschen Bund als Macht der Zukunft darstellte. Argwöhnisch beobachtete Frankreich, was im Nachbarland vorging, das noch nicht Deutschland war. Doch die Personen, die das Bewusstsein des jungen Kerr prägen sollten, waren schon alle vor Ort: der König von Preußen, der vier Jahre später als Wilhelm I. deutscher Kaiser wurde, Otto von Bismarck, der den Krieg gegen Frankreich entfachen half und mit nationaler Entschlossenheit die Gründung des neuen Reichs einleitete, sowie Theodor Fontane, der dem heranwachsenden Kritiker Kerr zum Vorbild wurde.

Nur wenige Dokumente sind aus den frühesten Jahren von Alfred Kempner überliefert.[1] Erst der Sechzigjährige äußerte sich ausführlicher über sich und über die Welt, in der er groß wurde, als er einen «Lebenslauf» für das Buch der Freundschaft schrieb, in dem seine Zeitgenossen dem inzwischen berühmt Gewordenen huldigten. Auf diese seine «Wahrheit ohne Dichtung» sind wir stark angewiesen, sie beginnt so: «Ich bin zu Breslau in der Weihnacht 1867, nicht lange nach zwölf Uhr, geboren, als der Sohn des Weinhändlers Emanuel Kempner, der ursprünglich Maler hatte werden wollen; den aber seine patrizischen, in dem Städtchen Wielun an der oberschlesisch-polnischen Grenze sesshaften, von der Durchschnittseinwohnerschaft bewusst abgesonderten, recht wohlhabenden Eltern für den Kaufmannsberuf nach Berlin schickten. Wo er 1848 als Lehrling die Revolution sah – und übrigens ein Gespann seines Geschäftsherrn vor der Verwendung zum Barrikadenbau rettete. Mein Vater war dann Weinhändler; auch sein Vater war Weinhändler gewesen und staatlicher Lotterieeinnehmer. Dessen Vater war gleichfalls Weinhändler gewesen; der Ururgroßvater ebenfalls.» «Als wir in der Schuhbrücke wohnten [heute Szewskastraße], besaß mein Vater in dem alt-hübschen Haus Ring Nr. 7 seine Weinhandlung. Anfang der siebziger Jahre zogen wir in den neuen Teil Breslaus, an die stolzeste Stelle, gegenüber dem Stadttheater, Schweidnitzer Straße 27. Dort hab’ ich meine schönste Kindheit verbracht. Unten im selben Haus öffneten sich die nun sehr ausgedehnten Weinstuben meines Vaters. Bald die ersten der Stadt. Er führte sie mit seinem französischen Sozius Monsieur Petit.»[2] Das Lokal wird immerhin 1877 in der 6. Auflage des englischen Baedeker für Breslau mit «Kempner» unter Restaurants erwähnt.[3]

Der gerade in die Welt gekommene Alfred Kempner hatte eine anderthalb Jahre ältere Schwester, die am 27. Juni 1866 geborene Anna Rebecca, genannt Annchen, die er bis zu seinem Tod innig liebte. Das dritte Kind, ein jüngerer Bruder, starb früh an Cholera. Die Kindheit der Geschwister Kempner scheint fröhlich und unbeschwert gewesen zu sein. Der Sohn erinnerte sich gern an die «Wonne» seiner Kinderzeit, an den Elefanten Theodor im Breslauer Zoologischen Garten[4] oder – im englischen Exil – an Wanderungen im Nebel «an die Schneekoppe, an die Kammwanderung, wenn Hirschberg und Schmiedeberg tief unten liegen».[5] Das Verhältnis zu den Eltern war unkompliziert und sehr liebevoll. Noch in späten Aufzeichnungen spürt man den Respekt und die Zuneigung des Jungen für sie: «Mein Vater war: still, zurückhaltend, kritisch; voll schweigsamer, innigster Liebe für meine Mutter und für uns; noch in Kleinigkeiten leicht ästhetisch verletzt […]. Nie ein Kaufmann. Ja, wortkarg-vornehm und gütigen Herzens.» «Mein Vater war gegen unvornehme Juden sehr ablehnend. Und meine Mutter (bei aller heiteren Schlagfertigkeit aller Calés) hatte viel mehr Kernschlesisches in ihrer Art – die uns zwei Kinder durch lustige Wendungen so oft beseligt hat»; «resolut und lebensfroh», ließ sie «keinen Anlass zu einem Scherz vorüber» und «antwortete lachend schlesisch».[6] Der Vater sprach auch polnisch.

Helene Kempner scheint eine gebildete Frau gewesen zu sein. Sie sprach und sang französisch.[7] Die Kinder hatten französische Gouvernanten, was sich für ihre Bildung und Sprachbeherrschung als vorteilhaft erweisen sollte.[8] Die Mutter führte den Haushalt und kochte anscheinend exzellent, «gewürzt und aristokratisch zugleich, sodass die französische Küche erblasst», wie der Sohn nach einem achtwöchigen Parisaufenthalt vermerkte, als er wieder zu Hause war.[9] Helene Kempner hatte wohl mit dem Betrieb der Weinstuben nichts zu tun. Für eine respektable jüdische Bürgerin hätte sich das auch nicht geziemt. Jüdische Frauen waren in dieser Zeit seltener berufstätig als christliche Frauen. Auch Anna Rebecca erhielt keine besondere Ausbildung. Sie wurde, wie allgemein üblich, auf die Ehe vorbereitet und hat offenbar später ihrem Mann, einem Arzt, in der Praxis geholfen. Er nahm einen Samariterkurs mit ihr durch, sie fertigte dann die Auszüge aus dem Krankenjournal.[10]

Die Aufzeichnungen in den Akten über die jüdischen Haushaltsvorstände in Breslau für 1876 – als Kerr neun Jahre alt wurde – führen den Vater als Weinhändler auf, wohnhaft in der Hauptstraße der Stadt, Schweidnitzer Straße 27. Das stattliche Gebäude hat den Zweiten Weltkrieg überdauert. 1876 betrug die Miete Emanuel Kempners 750 Mk. per annum; das Jahreseinkommen aus selbständigem Gewerbe ist mit 2700 Mk. angegeben.[11] Das war kein hohes Einkommen. 1876 galten in Breslau etwa 2750 Mark als das «unterste Jahreseinkommen eines Haushalts, das eine bürgerliche Lebensführung ermöglichte».[12] Die Kempners lagen demnach, bezogen auf dieses Jahr, knapp darunter. Für ein Dienstmädchen und später auch für eine Gouvernante hat es gereicht, doch eine Charakterisierung als «wohlhabend» rechtfertigte es 1876 nicht. Es sei denn, es gab Einkünfte, die nicht angemeldet waren, und vielleicht haben die Weinstuben später wesentlich mehr abgeworfen. 750 Mark jährlich war keine niedrige Miete. Die Kempners hatten sich in einer guten Stadtgegend etabliert. In dieser Zeit wurden die Breslauer Juden im Hinblick auf ihre Wohnlage kaum diskriminiert. Eine Untersuchung stellte für das Jahr 1890 fest, dass die fünf Stadtbezirke mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 15 bis 34 Prozent zu den besseren Wohngegenden mit höheren Mieten gehörten.[13] Auf jeden Fall genügte das Familieneinkommen für Sommeraufenthalte der Kinder im schlesischen Gebirge sowie für kostspieligere Reisen der Eltern, die zum Beispiel gern in die Schweiz fuhren. Der Sohn durfte sie einmal zur Belohnung in Dresden abholen und ehrte «tags darauf die Sixtinische Madonna durch ein Sonett».

Die Atmosphäre in der Kempner’schen Familie war gefühlvoll und herzlich. Alfred Kerr blieb sein Leben lang davon geprägt. Gern bezeugte er, dass «meine ältere, sehr geliebte Schwester Annchen die zuverlässigste Freundschaft meines ganzen Lebens geblieben ist».[14] Nie plauderte sie die heimlichen Operettenbesuche des Heranwachsenden aus, und hielt auch sonst zu ihm. Eine autoritäre Erziehung, wie damals in Deutschland vielfach praktiziert, kannten die beiden Kinder nicht, und an familiären Liebesäußerungen fehlte es nie. Seine Postkarten an das «Liebste Mütterle» schloss der Sohn gern mit «Ich küsse dich, dein Alfred». Seine Schwester nannte ihn zeit ihres Lebens ihren «geliebten Fredel», noch als Siebzigjährige beendete sie einen Brief an ihn mit den Worten: «Ich küsse deine geliebten Augen.»[15] In Kerrs letzter Nachricht vom Oktober 1948, bevor er seinem Leben ein Ende setzte, heißt es: «Annchen einen letzten Kuss». Und er war immer in der Lage, seiner Mutter, seiner Schwester, seiner Nichte, seinen beiden Ehefrauen und seinen beiden Kindern zu sagen, wie sehr er sie liebte.

Kerrs Vater hat die Weinhandlung seiner Vätersväter in den achtziger Jahren verkauft. Er wollte für sich etwas Neues beginnen und steckte sein ganzes Kapital in die Gründung einer Fabrik für chromo-lithographische Bilder. Das tat er im Vertrauen auf die neue Entwicklung. Sein Sohn hatte viel von dieser Zukunftsorientierung. Beim Vater führte sie zu erheblichem Geldverlust, die Fabrik «verkrachte»,[16] doch der Sohn empfand es offensichtlich als selbstverständlich, regelmäßig für seine Eltern zu sorgen. Als er ihnen einen Grabstein auf dem 1856 gegründeten jüdischen Friedhof Breslaus in der Lohestraße, der heutigen ulica Slezna, setzte, ließ er darauf ein Gedicht eingravieren, das er seinen Kindern weitergab:

«Welcher Wahn dem Erdengast / Auch entdämmert und erblasst –

Eines fühlt man in dem Treiben: / Eltern … bleiben.

 

Stillster Pol im Lebensbraus. / Leuchten. Übers Grab hinaus.

Minne fällt und Freundschaft fällt, / Wenn die Seelen unserer Welt

Sich in Trug und Kampf zerreiben: / Eltern … bleiben.

 

Eines starken Engels Hand / Soll es überm Totenland

In die ewigen Sterne schreiben: / Eltern … bleiben.»[17]

Akkulturation und Assimilation

Emanuel und Helene Kempner waren nach Auskunft der Enkelin Judith Kerr relativ orthodoxe Juden. Trotzdem passten sie sich ihrer Umgebung an. Die Neigung zur Akkulturation der deutsch-jüdischen Familie in die christlich-deutsche Welt konnte man schon an der Geburtsanzeige des Vaters für den Sohn Alfred erkennen. Die ältere Schwester, Anna Rebecca, hatte noch einen zweiten, jüdischen Vornamen. Dagegen hatte der Vater, wie diese Anzeige ausweist, inzwischen seinen eigenen ersten Namen «Meyer» abgelegt. Bei Alfred fehlte der jüdische Vorname ganz.

Gern erinnerte sich Kerr an die Wohnung auf der Schuhbrücke, an die «feine Großmama» Amalie Calé und an die Weihnachtszeit seiner Kindheit.[18] Die jüdischen Kinder durften den Christkindlmarkt Breslaus besuchen. Am 24. Dezember 1899 schrieb Alfred Kerr in einem seiner damals gerühmten «Berliner Briefe»: «Das ist, als ginge man dreimal des Tags in die Komödie – welche Redensart meine verstorbene Großmutter recht gern brauchte. Wenn sich Genüsse häuften, nannte sie das ‹dreimal am Tag in die Komödie gehen›. Gott hab’ sie selig. Sie war eine feine zarte Frau, trug weiße Löckchen und sang zur Guitarre. […] Auch riecht es nach Christbaum in diesem Zimmer. Er steht auf dem Blüthner-Flügel, vorläufig noch ungeputzt. Morgen aber wird er leuchten und funkeln; vor Schweinskeulen aus Marzipan, vor silbernen Kügelein.»[19] Noch der 32-jährige Junggeselle Alfred Kerr stellte sich später in Berlin einen Christbaum auf, schmückte ihn im wehmütigen Gedenken an die Mohnklöße daheim, als wollte er sich in der großen Stadt an die durchaus christlichen Familienfeste seiner Kindheit erinnern. Später versorgte ihn die Schwester mit Mohnklößen, Mohnstriezel und Mohnstrudel, auch wenn die anderen Familienmitglieder sie nicht so gern aßen. Für ihn hatten sie Symbolwert.

Auch in anderen jüdischen Familien wurde das christliche Weihnachtsfest nicht einfach übergangen. So erzählt Willy Cohn in seinen Erinnerungen an das Breslauer Judentum von Weihnachts- und Chanukka-Abenden in seinem jüdischen Elternhaus mit Geschenktischen und einer Tanne, an der freilich keine christlichen Symbole hingen.[20] Für ihn war es ein deutsches und kein christliches Fest, und so war es wohl bei vielen, nämlich eine säkularisierte häusliche Familienfeier.[21]

Erinnerungen an jüdische Feste im Kempner’schen Hause gibt es bei Kerr nicht. Unterlagen über seine Beschneidung (Brit Millah) und seine Bar-Mitzwa, das jüdische Fest zur Mannesreife mit dreizehn Jahren, waren bisher nicht auffindbar. Seinen beiden Kindern erzählte er allerdings, die Rede zu seiner Bar-Mitzwa hätte Schwester Annchen geschrieben.[22]

Alfred Kerr war sich seiner jüdischen Herkunft und Identität schon früh bewusst. Dass er «von Weinhändlern und Predigern» abstamme, sagte er gerne, «welchen Zwischenberuf diese Enkelschaft meines vermutlichen Ahnherrn, des Königs David, nach fast dreitausendjährig unbequemer Wanderung vom Mittelmeer zu schlesisch-slawischen Bezirken vorübergehend ergriffen hat».[23] Er wusste, dass die ihm unmittelbar voraufgehenden Generationen «urmodern aus der zweitausendjährigen Konservenbüchse geklettert» und sich unter Wilhelm I. und Wilhelm II. ein bisschen wie unverstandene Flüchtlinge vorgekommen waren. Schließlich lebte man noch «in einer Gegend, wo keiner ihrer Art ohne die Demütigung einer stempelnden Zwangstaufe zu irgendeinem wesentlichen Amt gelassen wurde, gleichviel wie seine Fähigkeit war».[24] Aber der heranwachsende Alfred Kerr folgte doch der liberalen Ansicht dieser Familienmitglieder. Wir werden dafür genug Bestätigungen in seinem Leben und Schreiben finden.[25] Solche Zeichen der Akkulturation sind nicht mit Assimilation zu verwechseln.

Wenngleich die jüdischen Familien häufig dazu neigten, sich ins Familiäre zurückzuziehen, so war Emanuel Kempner als Inhaber von Weinstuben gezwungen, sich in der Geschäftswelt zu bewegen. Er wird daher ausreichende Erfahrungen mit dem Antisemitismus gemacht haben. In seinem «Lebenslauf» notierte Kerr: «Wenn ein Knote ganz bieder am Versöhnungstag einem Herrn mit Gebetbuch ‹Verpuchtes (schlesisch für verfluchtes) Judenaas!› nachrief oder wenn ein Major von den ‹Elfern› vorn auf der Straßenbahn offen erklärte: ‹Wie viel schwangere Judenweiber man sieht – ’s ist zum Kotzen!›: Nicht das war verletzend. Sondern wenn aufgeklärte Freunde, Wohlwollende, schonend sagten: ‹Die jüdischen Herrschaften› – das traf. Die ewige Sonderung. Meine Eltern wollten diese Sonderung sicher nicht.»[26]

Die enge Familienbindung bot dem heranwachsenden Alfred Kerr gewiss die Möglichkeit, mit dem alltäglichen Antisemitismus fertig zu werden.[27] Aber vielleicht hängt seine später bekannte Eitelkeit, sein Bedürfnis zu glänzen, seine Fähigkeiten herauszustellen, auch mit einer jüdischen Überkompensation zusammen. Diese war häufig eine Strategie, um mit dem alltäglichen Antisemitismus fertig zu werden. Bei aller Akkulturation war Kerr ein außerordentlich selbstbewusster Jude, der getaufte Juden zeitlebens verachtete und die christliche Taufe nie für sich erwog. Später wandte er sich erbittert gegen jeden «feigen Vertusch-, Verkriech-, Versteckjuden», der seine Herkunft verleugnete.[28]

Alfred Kerr wuchs auf mit der zunehmenden Bedeutung des jüdischen Lebens in Breslau. 1872, als er fünf Jahre alt war, gab es ein gewiss auch für die Familie Kempner besonderes Ereignis. In der Nähe des Schweidnitzer Stadtgrabens wurde die Synagoge «Auf dem Anger» fertiggestellt und eingeweiht. Sie war neben der Berliner Synagoge die größte im inzwischen gegründeten Deutschen Reich, ein stattlicher Bau, der der Mitgliederzahl und Geltung der jüdischen Gemeinde in Breslau entsprach. Diese Gemeinde war eine der ältesten in Deutschland. Schon seit 1203/04[29] hatte sie eine eigene Synagoge, einen eigenen Friedhof.[30] Sie wurde von heftigen Pogromen (1349 und 1360) nicht verschont, hörte 1455 sogar auf zu existieren. Erst nachdem Preußen Schlesien erobert hatte, bestätigte Friedrich II. im Edikt vom 6. Mai 1744 die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Breslau – eine Anerkennung, die es vorher nie gegeben hatte. Breslau war längst auch ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.[31] Die Übernahme des Emanzipationsgesetzes aus dem Norddeutschen Bund als Reichsgesetz brachte 1871 den Juden die lang erhoffte staatsbürgerliche Gleichstellung,[32] die de jure, aber noch nicht de facto, eine wirkliche Aufnahme in die Gesellschaft war. Alfred Kerr, der in diese neue Freiheit hineinwuchs, sollte noch spüren, was das hieß.[33] Damals war die jüdische Gemeinde in Breslau schon die drittgrößte im neuen Deutschen Reich.[34]

Bei den Stadtverordnetenwahlen von 1876 – ein Mann musste ein Mindesteinkommen von 900 Mark haben, um wählen zu dürfen – stellten die Juden «etwa 17 Prozent der Wahlberechtigten, obwohl ihr Bevölkerungsanteil nur 7 Prozent betrug». Juden waren also stark vertreten in der Breslauer Kommunalpolitik[35] und hielten sie während des Kaiserreichs auf einem linksliberalen Kurs.[36]

Diese Jahre des politischen wie des wirtschaftlichen Aufschwungs schufen die Grundlagen für die beginnende technische Entwicklung, doch sie brachten auch eine antijüdische Agitation. 1879 erschien Heinrich von Treitschkes polemische Schrift zur Judenfrage «Unsere Aussichten»,[37] ein Schlüsseltext für die politische Ideengeschichte des Kaiserreichs.[38] Er wandte sich nicht nur gegen die ostjüdische Zuwanderung, Treitschke drückte auch eine große Furcht vor der Anzahl jüdischer Journalisten aus, sprach von der «Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen»,[39] und warnte: «Am gefährlichsten aber wirkt das unbillige Übergewicht des Judentums in der Tagespresse – eine verhängnisvolle Folge unserer engherzigen alten Gesetze, die den Israeliten den Zutritt zu den meisten gelehrten Berufen versagten. […] Was jüdische Journalisten in Schmähungen und Witzeleien gegen das Christentum leisten, ist schlechthin empörend. […] Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark. Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück.»[40]

Treitschke war der Ansicht, dass die «engherzigen alten Gesetze» des Ausschlusses der «Israeliten» von den meisten gelehrten Berufen eine Schwemme jüdischer Journalisten zur Folge hätten. Kerr war damals zwölf Jahre alt. Er wird später genau diesem Problem begegnen mit den von Treitschke vorausgesehenen Folgen.[41] Der Text mit dem Satz «Die Juden sind unser Unglück» (Zitat von Martin Luther[42]) wurde im Januar 1880 zusammen mit zwei anderen Artikeln Treitschkes unter dem Titel Ein Wort über unser Judenthum veröffentlicht. Bis Ende des Jahres musste das Pamphlet bereits dreimal nachgedruckt werden. Es sprach den Juden den Willen zur Assimilierung ab und griff besonders den Breslauer Theologen und Historiker für jüdische Geschichte, Heinrich Graetz, an. Hieraus entstand der Berliner Antisemitismusstreit.

Als Gymnasiast hörte Alfred Kerr von den wüsten antijüdischen Prügeleien in der Silvesternacht 1880/81 in Berlin. Sie brachten physisch zum Ausdruck, was die Angriffe Treitschkes, Adolf Stöckers, Paul Lagardes und Eugen Dührings ausgelöst hatten. Die an Bismarck gerichtete Antisemitenpetition wurde 1880/81 im ganzen Reich verbreitet. Darin hieß es, Gefahr sei im Verzuge; man fordere: 1) dass die Einwanderung ausländischer Juden, wenn nicht gänzlich verhindert, so doch wenigstens eingeschränkt werde; 2) dass die Juden von allen obrigkeitlichen (autoritativen) Stellungen ausgeschlossen werden und dass ihre Verwendung im Justizdienst – namentlich als Einzelrichter – eine angemessene Beschränkung erfahre.[43] Das heißt, die verfassungsrechtliche Gleichstellung der Juden in Deutschland sollte aufgehoben werden.

Gerade in Breslau fanden Treitschkes Ansichten zwei erbitterte Gegner, den von ihm angegriffenen Graetz, Lehrer am Jüdisch-Theologischen Seminar, und Manuel Joël, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde. Auch in den Weinstuben von Kerrs Vater wurde über die Petition diskutiert. Von den 225000 Unterschriften stammten offenbar 50000 aus Schlesien, «davon allein 5000 aus Breslau».[44]

Die Situation in Deutschland wurde durch die Ermordung des Zaren Alexander II. am 13. März 1881 durch Mitglieder der revolutionären Organisation Narodnaja Wolja (Volkswille) verschärft. Die Juden wurden dafür verantwortlich gemacht, und das Attentat löste insbesondere in Kiew eine Reihe von Pogromen aus, die ihrerseits eine Auswanderungswelle in Gang setzten.[45] Die Reaktion der in Deutschland ansässigen Juden war zwiegespalten. Sie fühlten sich zwar für die jüdischen Flüchtlinge verantwortlich, doch der Zustrom brachte auch sie in Bedrängnis. Anfang 1882 «passierten dreimal wöchentlich zwei- bis dreihundert jüdische Flüchtlinge den Breslauer Bahnhof. Mitte Mai hatte ein Ad-hoc-Ausschuss der jüdischen Gemeinde bereits 50000 Mark gesammelt, um die russischen Juden während ihres kurzen Aufenthaltes in der Stadt mit Nahrung und Kleidung zu unterstützen.»[46] 1885 deportierte der Breslauer Regierungspräsident an einem Tag (8. Oktober) über 100 jüdische Einwanderer aus der schlesischen Hauptstadt.[47] All das gehörte zu den Jugenderlebnissen Alfred Kerrs.

In der Schule

Im Dezember 1873 wurde Alfred Kempner sechs Jahre alt. Vermutlich wurde er zu Ostern 1874 eingeschult, in welche Volksschule, wissen wir nicht. Das jüdische Streben nach Bildung war auffällig; wer konnte, schickte den Filius aufs Gymnasium. So auch Emanuel Kempner. Alfred wurde aufgenommen in das traditionsreiche, 1293 gegründete und berühmte Elisabeth-Gymnasium, genannt Elisabetan. Historisch war es die zweite Stadtschule von Breslau, aber das älteste Gymnasium. Im Jahr 1866 wurden dort 764 Schüler gezählt, 1873/74 waren es 649.

Zu Beginn des Kaiserreichs waren 7 Prozent der Breslauer Bevölkerung jüdisch, aber 21 Prozent aller höheren Schüler und 28 Prozent der Gymnasiasten. In den 1880er Jahren stellten jüdische Schüler 43 Prozent der Schülerschaft.[48] Sie hatten den jüdischen Religionsunterricht zu besuchen und sich im Abitur in diesem Fach prüfen zu lassen.[49]

«Auf dem Elisabetan, dann mit Verbindungsbrüdern auf der Universität, gab es nichts von Sonderung. […] Doch ich selber habe die Herkunft von diesem Fabelvolk immer als etwas Beglückendes gefühlt, so gewiss ich von seiner Sprache nichts weiß als die für mich gewaltig schönen, für mein Weltwissen heut zweifelhaften, sechs rauen Riesenworte: ‹Schma Jisroel, Adonai Elohenu, Adonai echod› (Höre Israel: der Herr, dein Gott, der Herr ist ewig.)»[50] So schrieb Kerr noch 1928 mit sechzig Jahren. Und so sprachen Juden noch zu seinen Lebzeiten ihr letztes Gebet, als sie in die Gaskammer gingen.

In seinem «Lebenslauf» nannte Kerr 1928 als «entscheidenden Lehrer» Dr. Hermann Zimpel, der – 1844 geboren –, achtundvierzig Jahre am Elisabetan unterrichtete, von 1867 bis 1915.[51] Er hatte als Hilfslehrer begonnen, übersetzte Platons Apologie, Kriton, Phaidon,[52] wurde 1893 Professor am Elisabetan. Ihn hat Kerr verehrt,[53] vor allem wegen der «gedrängten Kraft», der «Selbstzucht» und des «kategorischen Imperativs». Als Alfred Kerr längst im Beruf war, hat er noch vor Zimpels Anspruch bestehen wollen: «Er hat von allen lebenden Menschen den stärksten Eindruck auf mich gemacht, das steht fest. Später kam Gerhart Hauptmann, der hat den tiefsten Eindruck gemacht; aber er hat den stärksten gemacht. Jetzt in Versailles und Paris hab’ ich alle Bilder und Statuen von Napoleon Bonaparte gesehen, die zu sehen sind: Keine wirkt so unmittelbar und nachhaltig, wie dieser Mann einst gewirkt hatte. Jugendeindrücke verwischen sich nicht. Das ist das Leben.

O Gott, was mag er sagen, wenn er meine Berliner Briefe liest? Er ist ja der Einzige, vor dem ich Angst habe. Mancher war vielleicht nicht gelungen. Mancher war vielleicht frech. O Gott, was mag er sagen?»[54]

Von seiner Gymnasialzeit erzählte Kerr gern. «In der Schule lernten wir lateinische Verse machen, Anleitung zu deutschen Versen gab es aber nie.»[55] «In meiner Knabenzeit hatten wir vorschriftsmäßig den ‹Echtermeyer›, es war ein dicker Band und enthielt eine ‹Auswahl deutscher Gedichte›.»

Die Berliner Tante schenkte ihm den Deutschen Balladenschatz, «herrlich mit ‹Originalzeichnungen Düsseldorfer Künstler, in Holz geschnitten von R. Brend’amour›».[56] Schon als Gymnasiast beschäftigte er sich mit zeitgenössischer Dramatik und Theatergeschichte. Er besaß Alfred Klaars Geschichte des modernen Dramas, die 1883 als 9. Band der Reihe Das Wissen der Gegenwart. Deutsche Universal-Bibliothek für Gebildete erschienen war und theatergeschichtliche Entwicklungen von Shakespeare bis Ibsen umfasste. Wo Björnson als «größerer Rivale von Ibsen» bezeichnet worden war, notierte der Gymnasiast sein: «Hi hi.»[57] Die dramatische Dichtung hat Kerr früh gepackt. «Ich war Fiesco die ganze Tertia hindurch; wie man zuvor Indianer gewesen.»[58] Da das Wohnhaus der Eltern dem Breslauer Stadttheater gegenüberlag, nahm er auch beobachtend teil an dem gesellschaftlichen Leben, das sich mit den Premieren verband. Früh war er von allem Dramatisch-Theatralischen fasziniert. Wippchens, also Julius Stettenheims leichtfüßiger Witz entzückte ihn. Er erwähnt ihn immer wieder, meinte, Wippchen hätte bei Thukydides gelernt, als der in der Unterprima drankam. Tiefer beeindruckt wurde er von zwei Büchern: von Spielhagens sozialem Roman Was will das werden?, den er mit sechzehn las, und Bebels verbotenem Manifest Die Frau und der Sozialismus.[59] Da war er gerade der Schule entronnen.

Während der Zeit auf dem Gymnasium wurde auch der Grundstein für Kerrs Verständnis für Musik und seine anhaltende Lust an musikalischer Betätigung gelegt. Er hatte Klavierunterricht beim Organisten der Kreuzkirche und lernte auch Basszifferung von ihm. Er beteuerte, dass er die Musik des Don Giovanni schon als Gymnasiast «getrunken» und keine Vorstellung verpasst. Auch vom Tannhäuser war er «bis zum Schulschwänzen erregt.»

Verlangen und Interesse drängten über die Schule hinaus. Kerr entdeckte bald das besondere Erlebnis des Reisens für sich und meinte, die Reiselust sei von der Mutter vererbt. Dem Fünfzehnjährigen erlaubten die relativ konservativen Eltern eine vierwöchige Rheinwanderung. Das war ein ungewöhnlicher Vertrauensbeweis und eine ungewöhnliche Selbständigkeit im Jahre 1882. Einer der Briefe des Jungen an seine Eltern beschreibt seine Ergriffenheit. «Die Tränen waren mir nah, als ich den heiligen Strom zum ersten Mal erblickte.» Er schmunzelte später über das, was er da schrieb, das frühe Zeichen einer romantischen Prägung. Bekannt ist auch eine Reise mit zwei Vettern nach Prag. Kerr erinnerte sich, in der Schule ein «fanatischer Patriot» gewesen zu sein. Die Erziehung war preußisch-kaiserlich, Deutschland seit 1871 jetzt ein Nationalstaat mit stolzer Entwicklung. Kerr berichtet von entsprechenden Schulfeiern. Schüler mussten Ansprachen halten mit politischer Tendenz.

«Die Schulfeiern in Breslau waren grauenhaft. […] In der Aula des Elisabetans musste der preiszukrönende Sekundaner den Vergleich zwischen Kaiser Wilhelm und Ludwig dem Vierzehnten öffentlich ziehn.

Der fiel, da staunst du gewiss, in jeder Beziehung zugunsten unseres Kaisers Wilhelm aus.

Der alte Kaiser war wirklich ein einfacher Mensch; aber wenn seine Tugend über die Eitelkeit des Franzmannkönigs gar so fett erhoben wurde, so speckzerlassen: da drehte sich nicht nur mancher bessere Schüler, sondern sein Magen um.»[60]

In der Oberprima wurde der neunzehnjährige Alfred Kempner ausgewählt, zur Feier des 89. Geburtstags Seiner Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm I. im Gymnasium zu St. Elisabeth am 22. März 1886 die Festrede zu halten. Thema: «Das Erwachen des deutschen Nationalbewusstseins im vorigen Jahrhundert». Die Rede ist nicht erhalten. Man kann sich die Szene vorstellen. Anscheinend war es nicht unüblich, dass ein jüdischer Schüler eine offizielle national bestimmte Rede hielt. Der Fall bestätigt nur Kerrs Behauptung, «Sonderung» habe es am Elisabetan nicht gegeben.

Ich heiße jetzt: Kerr

Schon früh kündigte Alfred Kempner seinen Mitschülern auf dem Elisabetan an, wenn er einmal Schriftsteller würde, wolle er seinen Familiennamen ändern. Der Name Kempner sei für einen Schreibenden wie ihn durch die Dichterin Friederike Kempner bloßgestellt; sie machte Verse und wurde damals durch ihre unfreiwillig komischen Gedichte bekannt. Kerr erzählt von ihrer Verbindung Folgendes:

«Ich machte mir als Fünfzehnjähriger den Spaß, ihr einen komisch-hymnischen Versbrief zu schicken – worüber meine stets gut aufgelegte Mutter sehr gelacht hat. Ich bewahre noch Friederikens (ganz vernünftige) Antwort: «Geehrter Herr! Ihr schönes Schreiben und poetische Zugabe erfreuten mich herzlich; und es interessiert mich sehr, dass Sie die dornenvolle Bahn des Ruhmes wählen wollen. – Glück auf! Freilich, nach Allem, was man dabei leidet, wenn man das Gute und Schöne in der Welt verbreiten will, und trotz aller Philister, die man dabei zu bitterbösen Feinden hat (!) möchte man doch mit keinem Anderen tauschen und kein Philister sein wollen. Nochmals Dank und Gruß, und die besten Grüße an Ihre lieben Eltern und Ihre sehr verehrte Frau Großmama, wobei ich ergebenst bemerke, dass es mich recht sehr freuen würde Sie kennenzulernen.

Mit nochmaligem Danke, ergebene Friederike Kempner z.Z. Breslau Hotel zur goldenen Gans, 16 Mai 83»[61]

In der Verkürzung seines Geburtsnamens zu Kerr zeigte der junge Alfred Kempner früh ein Gespür für Einzigartigkeit und Wirkung.

Von seinen Schulfreundschaften hat wohl nur eine gehalten, die zu Hans Trentin, dem Sohn einer katholischen Offiziersfamilie aus Oberschlesien.[62] Beide machten 1886 am Elisabetan ihr Abitur. Trentin wurde 1907 zweiter Bürgermeister von Breslau.[63] Er starb 1926. Am 18. März jenes Jahres schrieb Kerr ihm im Berliner Tageblatt den Nachruf.[64] Da war Kerr auf der Höhe seines Lebens. In seinem «Lebenslauf» hat Alfred Kerr gestanden, er sei in der Oberquarta zweimal hintereinander sitzen geblieben, aber später habe er eine Klasse übersprungen.[65] Ein Vierteljahr vor seinem 19.  Geburtstag, am 15. September 1886, erhielt er sein Abiturzeugnis. Was er nach Hause brachte, sah so aus:

«Alfred Kempner, geboren den 25ten Dezember 1867 zu Breslau, mosaischer Religion, Sohn des Kaufmanns Emanuel Kempner zu Breslau, war neuneinhalb Jahre auf dem Elisabetan und zwar zwei Jahre in Prima.

I. Betragen und Fleiß. Sein Betragen war gut, sein Fleiß, wenn auch nicht immer und in allen Gegenständen gleichmäßig angestrengt, so doch genügend und namentlich zuletzt fruchtbar genug, ihm in allen Gegenständen die Reife zu verschaffen.

II. Kenntnisse und Fertigkeiten. […]

2. Deutsch. Er ist gut begabt, neigt aber etwas zu Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit. Das zeigte sich sowohl im Unterricht, wo seine Leistungen ungleichmäßig waren, als in den schriftlichen Arbeiten, die manchmal die nötige Sorgfalt vermissen ließen. Die Prüfungsarbeit war, wie die häuslichen Arbeiten im Durchschnitt, genügend. – Genügend.

3. Latein. Er zeigte sich tüchtig im Verständnis der Autoren und gewandt in Auslegung derselben; sein ausreichendes grammatisches Wissen verwertete er gut sowohl in den Extemporalien als auch in den Aufsätzen. Dementsprechend waren beide Prüfungsarbeiten gut, ebenso bei der mündlichen Prüfung die Leistung im Cicero, während die im Horaz zu wünschen übrig ließ. – Gut.

4. Griechisch. Er besitzt bei tüchtigen grammatischen Kenntnissen ein eindringendes Verständnis der Schriftsteller; während seine Versetzungsarbeit und seine mündliche Prüfung ein genügendes Ergebnis hatten, war seine schriftliche Prüfungsarbeit gut. – Gut.

5. Französisch. Durch lebhaftes Interesse für das Französische und private Beschäftigung mit demselben hat er sich zumteil recht gute Kenntnisse und eine korrekte Aussprache erworben. Die Versetzungsarbeit war gut, die mündliche Prüfung ergab jedoch wider alles Erwarten ein nicht genügendes Resultat. – Genügend. […]

Die unterzeichnete Prüfungskommission hat ihm demnach, da er jetzt das Gymnasium verlässt, um in (Breslau) Philologie zu studieren, das Zeugnis der Reife zuerkannt und entlässt ihn mit den besten Wünschen. Breslau, den 15ten September 1886.»

Für Religionslehre ist keine Note eingetragen. Offensichtlich hat Kerr sich in jüdischer Religion nicht prüfen lassen. Man konnte am Elisabetan auch Hebräisch lernen, was Kerr jedoch nicht tat. Das Zeugnis belegt den Entschluss des Gymnasiasten Kerr, trotz «genügend» in Deutsch, dank der «Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit» Philologie zu studieren. Obwohl die Ordinariate jungen jüdischen Wissenschaftlern weiterhin verschlossen waren. Es gab Ziele, aber noch nicht die Chance, sie zu erreichen.

Aufbruch in die Zukunft

Alfred Kerr hätte nach Abschluss der Schule mindestens ein Jahr Militärdienst leisten müssen.[66] Im neuen Deutschen Reich gab es eine allgemeine Wehrpflicht. Kerr hat nie darüber gesprochen, warum er nicht «gedient»[67] hat. Wir können nur mutmaßen. Anscheinend wurden jüdische Schulabgänger, besonders jüdische Abiturienten, nicht einberufen, wenn es in dem betreffenden Jahrgang genug Rekruten gab. In Preußen hatten «jüdische Einjährige, die schätzungsweise fünf Prozent aller Einjährigen stellten», kaum Chancen, einberufen zu werden.[68] Jungen jüdischen Männern blieb die Offizierslaufbahn in der kaiserlichen Armee sowieso verschlossen.[69] Von schweren Krankheiten oder Behinderungen Kerrs ist nichts bekannt. Seine Körpergröße unterschritt auch nicht das Mindestmaß von 1,624 Metern. 1854 betraf das in Breslau 31 Prozent der Bewerber. Jedenfalls schrieb Kerr, als er sich 1914 bei Kriegsausbruch der Militärbehörde freiwillig meldete: «Landsturm mit Waffe, nicht gedient.» So konnte Kerr sich schon wenige Wochen nach dem Abitur, am 29. Oktober 1886, an der Universität Breslau immatrikulieren.

Im Wintersemester 1886/87 belegte er vier Vorlesungen, im Sommersemester 1887 sieben. Neben Altgermanistik (Mittelhochdeutsch, Deutsche Altertümer, Nibelungenlied, Edda), französischer Grammatik und provenzalischen Übungen besuchte er jeweils eine Vorlesung in Philosophie. In der Vita seiner Dissertation erwähnt er Vorlesungen bei Benno Erdmann, Oskar E. Erdmann, beim Romanisten Adolf Robert Gaspary und bei Eugen Kölbing.

Die wichtigste Person wurde für ihn Karl Gotthelf Jakob Weinhold, der schon 1849 zum Extraordinarius für deutsche Philologie und Literaturgeschichte berufen worden war.[70] So hat Kerr ihn gesehen: «Weinhold war […] der ehrwürdigste Vertreter seines Fachs. Er war der Ausläufer einer großen Zeit – er hatte noch bei Jakob Grimm gelernt.[…] Dieser Weinhold war ein seltsamer Mann. Man darf nicht etwa an den Professor alten Stils denken, an den Professor aus den ‹Fliegenden Blättern›, mit Vatermördern und altfränkischen Kravattenhalstüchern. […] Weinhold sah weit eher wie ein alter Sänger aus, wie ein glattrasirter Barde; man könnte auch sagen: wie ein Theaterdirektor. Das Haar, das graue Haar, hing ihm in länglichen, dünnen Strähnen glattgeschichtet am Hinterkopf. Aber in seiner Gangart, in seinen Bewegungen war nichts Theatermäßiges. Und wer mit ihm sprach, der merkte sofort, dieser Mann ist scheu, er ist weltfern und hat mit seinen fünfundsiebzig Jahren noch einen leisen lyrischen Zug in sich, etwas Zartes, Keusches. Keusch, das ist das rechte Wort. […] Nach Jahren sah ich ihn dann in Berlin wieder, kurz nach der Berufung. Auf der Germanistenkneipe, wo schon mancher Erlauchte eingekehrt war – Arnold Böcklin hatte da mit uns getrunken, um den Größten zu nennen – auf der Germanistenkneipe wurde Karl Weinhold feierlich begrüßt. Und als er mit schlichten Worten gedankt, sprach er weiter, ohne Pathos und immer in jenem verhaltenen Ton eines Mannes, der nicht aus sich herausgeht – und zuletzt sagte er fast stockend vor innerer Verschämtheit, aber mit kräftiger, vibrierender Stimme: ‹Es lebe das deutsche Volk.› Es kam aus dem Herzen.»[71]

Kerrs 1. Auftritt: Lessing und Tralles

Weinhold muss dem jungen Studenten Alfred Kerr ein gutes Bild von den Anfängen der neueren deutschen Literatur, insbesondere von Lessing, vermittelt haben. Im Sommer 1887, also im 2. Semester, war Kerr zu Studien in der Breslauer Stadtbibliothek. In den Schlesischen Provinzialblättern stieß er auf Nachrichten aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts, die ihn erregten. Er entdeckte eine Kritik, die der damals berühmte Arzt Balthasar Ludewig Tralles gegen Lessings neues, 1779 veröffentlichtes Schauspiel Nathan der Weise vorbrachte. Tralles’ Schrift war umfangreich, hieß: Zufällige altdeutsche und christliche Betrachtungen über Herrn Gotth. Ephr. Lessing’s neues dramatisches Gedicht Nathan der Weise.[72] Tralles zieh Lessing der öffentlichen Lästerung der christlichen Religion und brandmarkte den Nathan als Schundwerk; es sei in reimlosen Versen abgefasst, willkürlich sei der Wechsel von zehn- und elfsilbigen Versen, er verderbe die deutsche Sprache.

Der junge Alfred Kerr fand, was er da las, unerhört. Widerspruch und Kritik regte sich. Der Schreiber erwachte. Kerr fragte: Wer ist dieser Tralles? Er sammelte die Daten seiner Lebensgeschichte, beschrieb die «ärztliche Glückslaufbahn», die Tralles zum «gesuchtesten Arzt von ganz Breslau» und darüber hinaus zum Leibarzt gekrönter Häupter gemacht hatte, nannte Nutzen und Verdienste des Hofrats, aber dann rückte er an: «Wenn Tralles – wie aus diesem Abriss seiner Lebensgeschichte hervorgeht – als Arzt unzweifelhaft Nutzen gestiftet hat, so hat er andererseits um so größeren Unfug angerichtet in seiner Eigenschaft als ‹literarische Persönlichkeit›.» Kerr gab Proben von Tralles’ Dichtereien. Dann folgerte er: «An seinem Beruf als Dichter zweifelnd», sei Tralles «um so fester durchdrungen von seiner Befähigung zum Kritiker». Selbst die äußere Ausstattung des Nathan sei vor diesem Kritiker nicht sicher: «Er drückt sein Missfallen darüber aus, dass ein deutsches Buch mit lateinischen Lettern gedruckt werde, und steht also in diesem Punkte ganz auf dem Standpunkt des Reichskanzlers.»

Der Student Kerr gab hier erste Proben seiner Ironie und seiner Argumentationskraft: «Herr Lessing – sagt Tralles witzig – Herr Lessing ist wahrhaftig Gott nicht rechtschaffen hold, ob er schon Gotthold heißet. Im ‹Nathan› nämlich habe er getan, was nicht einmal ‹ein ehrlicher Jude oder Türke› gethan haben würde: die eigene Religion öffentlich verlästert. Balthasar Ludewig Tralles verfällt also in denselben Fehler, in den nach ihm so viele verwandte Geister verfallen sind: er sieht nicht ein, dass Lessing, der im Nathan die Gleichberechtigung der Konfessionen predigt, unmöglich selbst eine dieser Konfessionen zu Gunsten der anderen habe können herabsetzen wollen. Auf diesen Standpunkt, dass Jeder nach seiner Façon selig werden könne, steht im Uebrigen Tralles nicht. Er ist in der glücklichen Lage, die einzig selig machende Religion genau zu kennen.» «Das ist nun aber nicht […] schlechthin die christliche! Tralles gelangt vielmehr in seiner Engherzigkeit schließlich dazu, die vollste Berechtigung und den höchsten Werth wieder nur einem gewissen Theile der christlichen Religion zuzusprechen, nämlich demjenigen, an dessen Boden ihn selbst der Zufall der Geburt gestellt hat: er erkennt voll und ganz nur den Protestantismus an, dem er selber angehört.» In seiner Polemik ging Kerr hart zur Sache: «Von Allen, die dem Dichter des ‹Nathan› um seiner letzten großen That willen feindlich entgegentraten, ist Tralles vielleicht Derjenige, der sich am meisten lächerlich gemacht, der aber den Dichter auch am meisten gekränkt hat.»[73] So ging es aus Lessings Briefen hervor, die Kerr hier zitierte, sein Ende war verbittert.

Kerr ging es um die Verteidigung aufklärerischer Positionen, um ein Plädoyer für Lessings Toleranz, um die Verteidigung des Nathan als einer hohen, wegweisenden Dichtung. Ohne es selbst schon zu begreifen, schuf er die Basis seines künftigen Denkens. Das Thema berührte seine eigene Herkunft, doch es zeugte auch von der Entfaltung seines Geistes und seiner Haltung zum Leben und seinen dichterischen Spiegelungen. Spürbar wird seine Lust, sich mit anderen, auch hohen Persönlichkeiten, anzulegen und Konflikte auszutragen. Die Streitlust wird eine treibende Kraft seiner Entwicklung.

Es war seine erste große Arbeit. Titel: «B. L. Tralles, ein Breslauer Gegner Lessings». Es war nur scheinbar ein Breslauer Thema: Es war die Zurückweisung einer verleumderischen Position, eine Ehrenrettung für Lessing. Erster Ausdruck eines später oft erneuerten Bekenntnisses. Der junge Schreiber schickte seinen Aufsatz an die Breslauer Zeitung. Diese war ein demokratisches Blatt mit stattlicher Zukunft, doch auch ein Blatt mit festen Vorstellungen und Rücksichten auf seine Leserschaft. (Kerr sollte das noch genauer erfahren.) Sie lehnte den Beitrag ab. Der enttäuschte Kerr resignierte nicht. Er wagte das nächst Höhere und schickte den Aufsatz an die (damals parteilose) und sehr angesehene Tägliche Rundschau in Berlin. «Redakteur Lange […] nahm ihn. Mit Aufforderung zu weiterer Mitarbeit. Dies war mein Erstdruck.» In der Freitagsausgabe der Täglichen Rundschau, am 2. September 1887, erschien sein Text, über eine Seite lang und gezeichnet mit «Alfred Kerr». Für einen Studenten kurz vor seinem zwanzigsten Geburtstag war das ein bedeutsamer Erfolg. Er brachte seine Meinung in die Öffentlichkeit, und das in Berlin! Die Frische und der lebhafte Stil Kerrs werden den Redakteur der Täglichen Rundschau überzeugt haben, den Aufsatz zu nehmen. Die Veröffentlichung genügte auch, um die Eltern von den Berufswünschen ihres Sohnes zu überzeugen. «Jetzt entschieden sich die Eltern, mich nach Berlin zu lassen. (Sie wünschten einen Sohn als Professor für Geschichte und Literatur.)»

Der Abschied von der Universität Breslau war auch ein Abschied von den «schlesischen Saufbrüdern», bei denen er oft so gut mitgehalten, dass Schwester Annchen sich seiner annehmen musste, wenn er im Garten der Eltern seine Räusche ausschlief.[74]Einer studentischen Verbindung hat der Student Kerr zwar angehört, aber wohl nicht der ersten jüdischen, der Viadrina, die 1886 in Breslau gegründet worden war.[75]

Berlin

Noch war Kerr nicht zwanzig, als er im Herbst 1887 nach Berlin fuhr, um sich zum Wintersemester 1887/88 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu immatrikulieren. Sein Fach blieb die Philologie, doch sein Leben wurde ein ganz anderes.

Der junge Mann kam aus dem ruhigen Breslau in eine Eineinhalb-Millionen-Stadt, die dabei war, sich ihre Vergangenheit auszutreiben und für die neue Zukunft einzurichten. Die zweite Welle der Gründerzeit kam in Gang. Berlin war erst seit sechzehn Jahren Reichshauptstadt, überall wurde gebaut, neue Gewerbe entstanden, statt der Pferdebahn fuhr die künftige Stadtbahn: elektrisch; man wühlte sich in die Erde, baute eine Untergrundbahn und neue Wasserwerke. Die Gaslaternen wurden durch das elektrische Licht ersetzt, immer mehr Straßen und Fenster strahlten nachts anders als früher; die von Emil Rathenau 1883 gegründete Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität wurde gerade 1887 in Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) umbenannt,[76] das Telefon kam in die Häuser, neue Theater wurden gebaut, die Stadt drängte weit über ihre bisherigen Grenzen hinaus, gliederte sich dem Westen an. Diese Wandlungen brachten Tausende neuer Arbeitsplätze für die schnell wachsende Bevölkerung, die nach neuen Wohnungen verlangte. Berlin entwickelte sich in dieser Zeit auch zu einem Zentrum der naturwissenschaftlichen Forschung. Robert Koch, der Entdecker des Tuberkelbazillus (1881) und des Cholera-Erregers (1883), lehrte seit 1885 an der Universität. Rudolf Virchow, ein Gegner Bismarcks und von 1880 bis 1893 Mitglied des Reichstages, war der Inaugurator der mikroskopischen pathologischen Anatomie. Und Paul Ehrlich, der Erfinder von Salvarsan gegen Syphilis, von Kerr später in einem Gedicht gerühmt, begründete an der Berliner Universität die experimentelle Chemotherapie. Ein Institut für Infektionskrankheiten wurde gegründet, um der weitverbreiteten Tuberkulose endlich Einhalt zu gebieten. Bald wird auch der Physiker Max Planck nach Berlin kommen und diesen Zug der Stadt in die Zukunft verstärken.

Auch politisch ist es eine Zeit der Veränderung. Der Kaiser, der erste des Neuen Reiches, ging dem Ende seiner Herrschaft entgegen. Mit dem Kronprinzen Friedrich verbanden sich neue Hoffnungen, vor allem in der Liberalen Partei. Die jüdische Bevölkerung hatte er schon für sich gewonnen, seit er im Januar 1880 in der Uniform eines preußischen Generalfeldmarschalls an einem Gottesdienst in der Berliner Synagoge teilgenommen hatte, und im November desselben Jahres besuchten Kronprinz und Kronprinzessin noch ein Konzert in der Wiesbadener Synagoge. Die Einführung der Gewerbefreiheit, die Gleichstellung durch die neuen Gesetze hatte hier viele neue Kräfte geweckt und freigesetzt; im Handel wie in den Künsten wurde die neue Stufe der jüdischen Emanzipation am sichtbarsten. Der Bau des Lessing-Theaters, ein Prunkstück der neuen Stadt, wurde dafür fast ein Symbol. Bauherr war Adolph L’Arronge, geboren 1838 als Adolf Aaronsohn.

Schon bald spürte man die Gegenreaktion. Ein neues Spannungsfeld baute sich auf in diesem Übergang in eine neue Zeit. Schon bevor Kerr nach Berlin kam, erschien in Paris 1886 das judenfeindliche Buch La France juive (Das verjudete Frankreich) von Édouard Drumont, das allein bis 1912 zweihundert Auflagen erlebte (und 1938–41 in Frankreich neu aufgelegt wurde.)[77] Gleichfalls 1886 veröffentlichte Theodor Fritsch die Broschüre Wie lösen wir die Judenfrage? Es fehlte also in beiden Ländern nicht an judenfeindlichen Schriften, die die antisemitische Stimmung anheizten. Otto Böckel wird 1890 die Antisemitische Volkspartei gründen. Im selben Jahr veröffentlichte Hermann Ahlwardt den ersten Band seiner Schrift Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum, und bald würde er nachlegen: Über die Judenfrage; Der Gipfel jüdischer Frechheit: Das Gesetz ist tot – es lebe Bleichröder; Wie es der Jude treibt und Wach auf, deutscher Michel.[78]

1892 erhielt er für diese Schriften wegen Beleidigung des Magistrats eine viermonatige Haftstrafe. Im selben Jahr beschuldigte er die Firma Löwe, untaugliche Gewehre an das deutsche Heer geliefert zu haben. Er veröffentlichte «sensationelle Enthüllungen» sowie Details über seine Verhaftung und Verurteilung zu fünf Monaten Gefängnis in einem Verleumdungsprozess oder Neuigkeiten über die sogenannten «Judenflinten».[79] Die Antisemitengruppen werden bald 16 Sitze im Reichstag haben.[80] Zur Abwehr der wachsenden antisemitischen Agitation wird sich am 26. März 1893 der «Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens» (CV) gründen, und bald werden die aktivsten der jüdischen Künstler voller Zuversicht sein, für die Zukunft der Stadt so Wesentliches zu leisten, dass man es ihnen nicht vergessen wird.

Der Student Alfred Kerr führte jetzt Tagebuch.[81] Allein in seinem ersten Jahr in Berlin erlebte er Geschichte: den Tod des alten Kaisers und eine Stadt in Trauer, am 9. März 1888 die Inthronisierung des Kronprinzen Friedrich, für den die Familie Kerr so viel Sympathie hatte. Der 57-Jährige war da schon tödlich an Kehlkopfkrebs erkrankt, er regierte nur 99 Tage. Groß war die Bestürzung über das schmerzliche Ende des «heimgegangenen Frühlingskaisers».[82] Am 15. Juni trat der 29-jährige Wilhelm II. die Nachfolge an und machte 1888 zum «Dreikaiserjahr». Im Wechsel von Wilhelm I. zu Wilhelm II. spiegelte sich der Wandel der Zeit. Man wurde fast zwangsläufig zu einem Chronographen. Noch nimmt Kerr nur in sich auf, was er sieht. Er flaniert durch die Straßen am Tiergarten, wo die reichen Juden wohnen, und sieht bestätigt, was ihm wohl schon in Breslau klar wurde: dass die Juden am ökonomischen Aufschwung des Landes teilnehmen und nur in dem Zusammenhang auch angenommen werden als gleichberechtigte Staatsbürger. Seine Antwort auf das Erkannte ist wie so oft: Spott. Kerr, der viel Heine liest, reagiert mit ironischen Versen:

«Ich wandelte in jenen Zonen, / Wo Villen glänzen, Gärten blüh’n /

Und Ahlwardts liebste Freunde wohnen / Die Reichenheim und Saloschin –»[83]

Er wird bald Gast in diesen Häusern sein und später ein Verwandter der Familie Reichenheim werden.

Alfred Kerr hatte mit seinem Wechsel in die Hauptstadt viel Glück. Zur gleichen Zeit, 1887, kam ein Mann nach Berlin, der in seinem Leben eine große Rolle spielen sollte: Erich Schmidt, damals schon ein berühmter Mann. Goethes Leben umgab ihn. Er hatte in dessen Nachlass den Urfaust gefunden.[84] Schmidt war ein Mann von Fortüne und Nimbus. 1887 erhielt er den Ruf nach Berlin, um Nachfolger zu werden von Wilhelm Scherer, der sein Lehrer und einer der Begründer der Literaturwissenschaft in Deutschland war.

Wie Scherer war Schmidt ein Vertreter der positivistischen Schule. Sie hatte sich als Aufgabe gestellt, dichterische Texte zu sichern, Daten zu ermitteln, exakte Editionen vorzulegen, neue Quellen zu entdecken und zu kommentieren.[85] Die Stofffülle wurde gebändigt und geordnet, aber nicht hinterfragt.[86] Trotz ihrer methodischen Beschränktheit hat die positivistische Schule einige bedeutende Biographien hervorgebracht. Sie gehörten sicher zur Lektüre des Studenten Kerr: Erich Schmidts Lessing, Geschichte seines Lebens und seiner Schriften und Herder von Rudolf Haym.[87] Kerr begriff bald, dass es keine bessere Schule für ihn geben konnte. Er hörte vor allem Erich Schmidts Vorlesungen, als Erstes über «Deutsches Drama im neunzehnten Jahrhundert», und war bald auch Mitglied in Schmidts «Germanischem Seminar». Dort wurde keineswegs jeder aufgenommen, aber dort wuchs die Generation künftiger Kritiker heran. Sie hießen Ernst Heilborn (Jg. 1867), Max Osborn (Jg. 1870), Arthur Eloesser (Jg. 1870), Montague (Monty) Jacobs (Jg. 1875) und Paul Wiegler (Jg. 1878). Fritz Engel, später Kollege Kerrs beim Berliner Tageblatt, besuchte als außerordentliches Mitglied die Seminare Schmidts. Heilborn, Osborn und Eloesser promovierten bei Schmidt, Heilborn schon 1890, die anderen beiden 1893.[88]

Erich Schmidt stand mitten in der kulturellen Öffentlichkeit. Er lud in sein Haus ein, und in seiner «Germanistenkneipe» kamen ausgewählte Schüler, Germanisten, Theaterleute und Literaten zusammen. Diese Kontakte hatten für Kerr weitreichende Folgen. Hier lernte er Otto Brahm kennen.[89] Der bald berühmte Brahm war etwa dreißig Jahre alt, übte sich in der Theaterkritik und arbeitete an einer Biographie zu Heinrich von Kleist. Er war sehr geprägt von Schmidt. Später, als Direktor des Deutschen Theaters, holte er sich Erich Schmidt für den Vorsitz in seinem Leseausschuss, der neue Stücke auf ihre Aufführbarkeit hin diskutierte. Das war 1895, da schrieb Kerr sich schon in die öffentliche Aufmerksamkeit. Über Erich Schmidt zum Beispiel am 15. September 1895, anlässlich dieser Berufung, für die Breslauer Zeitung: «Erich Schmidt ist ein Mann, der zwei Dinge vor der bisherigen dramaturgischen Leitung der Hofbühne voraushat. Er besitzt etwa fünfundzwanzigmal so große literarhistorische Kenntnisse, und es ist möglich, dass manche Perle, die im Wust vergangener Zeiten versunken ist, durch ihn gehoben und in neuer Fassung gezeigt werden wird.»[90]

Kerrs Studium in Berlin dauerte sechs Semester. Die von ihm besuchten Vorlesungen sind vom Wintersemester 1887/88 bis zum Ende des Sommersemesters 1890 belegt, das Abgangszeugnis ist auf den 13. Januar 1891 datiert.[91] Da war eine Dissertation schon verabredet. Er wusste noch nicht, wohin sein Weg ging.

Das Erlebnis Theater

Überall gab es Neues, und was sich im Theater ereignete, wurde Gespräch im Club, in den Zeitungen und zu Hause. Der Mann der szenischen Aufregungen hieß Henrik Ibsen, ein Norweger, der Stücke schrieb, die nicht nur in seiner Heimat Aufsehen erregten. Sie galten auch für die deutschen Verhältnisse, Die Stützen der Gesellschaft oder Nora: diese Stücke schnitten ins Bewusstsein einer von Konventionen geprägten Gesellschaft. Ibsens auf harte «Wahrheit» zielende Kunst wirkte wie ein Sprengsatz. Zu Beginn gleich seine Gespenster, das von den Folgen der Syphilis handelte.[92] Die Matinee-Aufführung im Berliner Residenztheater hatte am 9. Januar 1887 eine Art Aufruhr bewirkt, und Professor Julius Hoffory, Ibsens Prophet in Deutschland, war in der Pause herumgegangen und hatte gerufen: «Von hier und heute fängt eine neue Epoche der Literaturgeschichte an, und ihr dürft sagen, ihr seid dabei gewesen.»[93] Es war nicht nur eine neue Epoche der Literatur, auch eine des Theaters.

Am Ende des Jahres 1887 stieß Kerr auf ebendiesen Hoffory. Im Sommer 1888 belegte er bei ihm die «Dänischen Übungen».[94] Hoffory (1855–1897) wurde sehr bedeutsam für die Entwicklung des jungen Alfred Kerr. Der Däne, der im Wintersemester 1883 an die Berliner Universität gekommen war, gehörte neben Erich Schmidt zu den ersten Lehrern im 1887 gegründeten Germanistischen Seminar. Für ihn war die Gespenster-Aufführung ein Triumph. Kerrs Ibsen-Ergriffenheit war wohl von ihm inspiriert. In einer seiner ersten Theaterkritiken wird Kerr sagen, was ihn an Ibsen so packte: «die Ewigkeitsperspektive. Eine namenlos ergreifende, tiefe Vorstellung aller innigsten Daseinsinteressen».[95] Selten zeigt sich Kerrs Empfindsamkeit wie hier: Er lernt Leben erfahren und begreifen durch die Dichtung.

Die Ibsen-Matinee von 1887 fand vor einer geschlossenen Gesellschaft statt. Es gab noch lange von Staats wegen Widerstand gegen öffentliche Aufführungen von Stücken, die die Sittlichkeit zu verletzen schienen. Noch immer waren nach der preußischen Verfassung vom 31. Januar 1850 den Behörden alle Stücke vor der Aufführung zur Genehmigung vorzulegen, der Polizei war Zugang zu den Generalproben zu gewähren. Das war nur zu umgehen durch geschlossene Aufführungen eines Vereins mit fester Mitgliedschaft. Darum trafen sich am 5. März 1889 in der Weinstube bei Kempinski in Berlin zehn mit den Belangen von Literatur und Theater verbundene Personen: die Kritiker Otto Brahm, Paul Schlenther, Maximilian Harden, Theodor Wolff, Heinrich und Julius Hart, der Schriftsteller Julius Stettenheim (Wippchen), der Verleger und Buchhändler Samuel Fischer, der Kunsthistoriker Julius Elias und der Rechtsanwalt Paul Jonas. Fast alle waren um die dreißig. Sie gründeten den «Verein Freie Bühne» zu dem beschriebenen Zweck. Otto Brahm machten sie zu ihrem Vorsitzenden. Am 5. April 1889 wurde die «Freie Bühne» ins Vereinsregister eingetragen.[96] Man wollte eines der großen Theater der Stadt mieten, Zutritt nur für Mitglieder, und jeden Monat ein zeitgenössisches Stück spielen, das für andere Bühnen nicht in Frage kam.

Am 29. September 1889 fand die erste Aufführung statt: abermals Ibsens Gespenster. Ort: das neuerbaute Lessingtheater. Theodor Fontane berichtete darüber in der Vossischen Zeitung:[97] «Starker Eindruck, besser als die Aufführung von 1887». Der Schock des Stückes war schon fast verbraucht, doch er erneuerte sich drei Wochen später, am 20. Oktober 1889 mit der Uraufführung von Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann. Es war das erste Schauspiel des jungen Schlesiers und gleich sein Durchbruch als dramatischer Dichter. Sein Stück handelte von schlesischen Bauern, die das Kohlevorkommen unter ihren Feldern reich gemacht hatte, die in Geld, Völlerei und Hurerei verkamen; es handelte von Vererbung, Missgeburt und der Flucht vor einer Liebe, die dem hätte standhalten müssen. Eine Geburtszange wurde am Ende aus Protest auf die Bühne geworfen – und wurde zum Symbol für die Geburt einer neuen Kunst.

«Naturalismus» nannte man das: Realismus ohne Beschönigung, von unbedingter Wahrheit. Vereinsmitglied Kerr stand im dritten Rang und rief gegen den Lärm «Maul halten!!» und «Hauptmann! Hauptmann».[98] Er hatte für sich den Dichter entdeckt, der ihn sein Leben lang, in Für und Wider, begleiten sollte.[99] Zwanzig Jahre später, 1909, anlässlich der Gedenkaufführung dieses Stücks, erinnerte sich Kerr des starken Eindrucks: «Wir fühlten einen Dichter sich auf Deutschland herniederlassen.» «Freiheit! Freiheit! Freiheit! Es sollte vorüber sein, bei uns, mit dem Leeren und Spießigen; mit dem Hinwegtasten von Dem, was für das Innerste ganzer Menschen bewegend war. Hier stand ein Deutscher; einer, der etwas öffnete.» «Einer, der nicht bloß Schönheit; sondern vor allem Paroli gab.»[100] Der nicht ganz 22-jährige Kerr spürte zum ersten Mal die mögliche Macht der Bühne.

Unter den Stücken, die der Verein in den nächsten zwei Jahren brachte, waren Gerhart Hauptmanns Ein Friedensfest und Einsame Menschen und von Strindberg Der Vater und Fräulein Julie. Im vierten Jahr erschreckte Hauptmann die Öffentlichkeit mit seinem Stück über die Lebensnot der schlesischen Weber; ohne die «Freie Bühne» wären Die Weber nicht ins Theater gekommen. In diesen Aufführungen lernte Alfred Kerr sehen und urteilen. Fünf Wochen nach Hauptmanns Vor Sonnenaufgang am 27. November 1889, sah er im neuen Lessing-Theater die Uraufführung von Hermann Sudermanns Die Ehre. Kerr: «Es war ein namenloser Erfolg. […] Ich saß verdrossen auf meinem Platze, fast wütend. Auch wenn ich absah von der Haltung der Zuhörerschaft: es wuchs in mir beim Verfolgen dieses trivialen Werkes von Akt zu Akt ein Gefühl … das nicht anders als eine körperliche Abneigung zu nennen ist.»[101] Er reagierte körperlich. Die Empfangsorgane des Kritikers waren gespannt. Durchdachte er jetzt das Erlebte, fand er zu Analyse und Urteil.

Diese früh ausgedrückte Abneigung gegen den zehn Jahre älteren Sudermann war ein Reflex auf das unmittelbare Erlebnis Hauptmann. Er begriff die Unterschiede. Hermann Sudermann wurde damals der erfolgreichere Autor. Seine Stücke wurden mehr gespielt als die Hauptmanns. Wie konnte das sein? Die Auseinandersetzung mit Sudermann wurde für Kerr ein Hauptstück in seiner Kritikerlaufbahn.

Der Einstieg

Neben die alteingesessene Vossische Zeitung und die Tägliche Rundschau war kurz nach der Reichsgründung im Verlag Mosse das Berliner Tageblatt getreten. Jetzt wurde Berlin eine Zeitungsstadt. Im Sommer 1887 hatte der Verleger Leopold Ullstein seine erste eigene Zeitung gegründet, am 1. September erschien die erste Nummer der Berliner Abendpost. Am 1. April 1889 gründete Rudolf Mosse die Berliner Morgenzeitung. 1886 hatte Samuel Fischer den S. Fischer Verlag gegründet. Am 29. Juni 1890 erschien dort die erste Nummer der Zeitschrift Freie Bühne für modernes Leben, die ab 1894 Neue Deutsche Rundschau und seit Beginn des neuen Jahrhunderts Neue Rundschau hieß.

Otto Brahm, Paul Schlenther und die Brüder Hart betrachteten die Zeitschrift als theoretische Ergänzung der Aufführungen ihrer Freien Bühne, und der junge Kerr gehörte sogleich zu ihren Lesern.[102] Man kannte sich aus der Germanistenkneipe. Kerr: «ich weiß noch, wie er verwundert und abmahnend auf mich einredete, weshalb ich an dem Plan einer Habilitation festhielte, […] ich solle doch Schriftsteller werden. Das ging mir sehr durch den Kopf. Es hat auf die Wahl meines Berufes mitgewirkt.» Für Kerr war Brahm «der eigentliche Schöpfer einer europäischen Bühne. Er war kein Liebling. Ein Reformator: nicht ein Erfüllerchen. Als der deutsche Schöpfer eines europäischen Schauspiels. Als der tiefste Bahnbrecher seit hundert Jahren.» «Das Falscheste wäre zu glauben: dass Brahm der Schöpfer einer ‹Richtung› war. Er war: der Grundleger für ernste Möglichkeiten […] der Ahnherr einer Bühne für heutige Menschen.»[103]

Noch war Kerr ja nicht promoviert, aber von einer Habilitation wurde schon geredet. Der Wunsch der Eltern. Den hatte er im Kopf, obwohl eine akademische Karriere ja die Taufe erfordert hätte. Es gibt keinen Beleg, dass Kerr je an eine Taufe gedacht hätte, eher das Gegenteil. Otto Brahms Forderung, doch Schriftsteller zu werden, hatte guten Grund. Er, Brahm, hatte selbst 1879 promoviert. Er wollte Journalist werden, was ihm mit Wilhelm Scherers Hilfe auch gelang. Scherer riet ihm auch zur Namensänderung, Brahm statt Abrahamsohn.[104] Brahm spürte in den Unterhaltungen mit dem jungen Kerr Temperament, Leidenschaft für Literatur, Beweglichkeit des Geistes, Lust am Prüfen und Argumentieren, an der eigenen Meinung. Er sah in ihm auch einen Autor für die neue Zeitschrift – und behielt recht. 1894, als Kerr sein Studium beendete, wurde Brahm als Nachfolger von L’Arronge Direktor des 1883 gegründeten Deutschen Theaters: ein Kritiker, ein Schriftsteller, wurde Theaterdirektor. Das gab dem Berufsstand neues Ansehen.

Für junge Menschen wachen Geistes, die schreiben konnten, waren die Zeiten günstig. Die Verlage vergrößerten sich, es wurden mehr Bücher verlegt und gekauft, neue Zeitschriften entstanden, auch die Literaturkritik drang über ihren angestaubten universitären Bereich hinaus und begann eine wichtigere Rolle zu spielen. Ende 1890 entstand aus der Verschmelzung der Wochenschrift Deutschland mit dem längst etablierten Magazin ein neues literarisches Forum, das Magazin für Litteratur, Herausgeber Otto Neumann-Hofer, dazu kam jetzt Fritz Mauthner. Die neu gestaltete, anspruchsvolle Zeitschrift erschien zum ersten Mal am 3. Januar 1891. Sie wollte kein Fachblatt sein, den «litterarischen Grundcharakter» aber wahren, «sämtliche kulturellen Ereignisse und Zustände unserer Zeit widerspiegeln» und die «heimischen wie die literarischen Strömungen des Auslands» betrachten.[105]

Vermutlich dank der Kontakte aus der «Germanistenkneipe» wurde der in Berlin noch unbekannte Alfred Kerr eingeladen zur Mitarbeit. Schon in Nummer 9 vom 28. Februar 1891 ist er mit einer anspruchsvollen und sehr aktuellen Betrachtung vertreten: «Die Zeitschriften und die Litteratur». Seine ersten Arbeiten für das Magazin beschäftigten sich mit der Gegenwartsliteratur in Deutschland, Frankreich und Russland. «Um die deutsche Literatur scheint man sich im Auslande nicht viel zu kümmern», konstatierte er lakonisch. Für Kritik finde «der Zeitschriftenstudent in dem gegenwärtig Vorliegenden reiche Ausbeute».[106]

Kerr bewies Belesenheit, Eigenwilligkeit des Urteils, solide Kenntnisse und einen Blick für Zusammenhänge. Seine Kritik ging zur Sache und hatte doch Witz. Wenn man mit dem Lesen anfing, las man weiter. Das Publikum war offenbar begierig, solche Texte zu lesen. Kerr zeigte ein erstaunliches Gespür für das, was wert war, erhalten zu werden. Es war nicht verwunderlich, dass man seine «Zeitschriften»-Serie verlängerte.[107]

Wenn Kerr die Tagebücher von Ferdinand Lassalle, dem Gründer der deutschen Arbeiterpartei, bespricht, meint man, Züge eines Selbstporträts zu erkennen: «Die weitaus bedeutendste Veröffentlichung aber, welche seit langer Zeit eine deutsche Zeitschrift geboten hat, muss ich hier kurz abtun. Es sind die Tagebücher Lassalles, die in ‹Nord und Süd› erscheinen. Paul Lindau hat eine Einleitung geschrieben; aber nicht alle Folgerungen hat er gezogen, welche diese verblüffenden Bekenntnisse ermöglichen. Es giebt jetzt in Lassalles Wesen nicht einen Zug mehr, der sich nicht erklären ließe; und der Schlüssel zu allem ist sein Judentum. Er erscheint jetzt als der ausgesprochene Typus eines jüdischen Übermenschen, der aus dem Ghetto in die Kulturwelt eingelassen wird und wie ein Tiger losstürmt, leidenschaftlich und schlau; um zu erobern. Grenzenlose Eitelkeit, ein zeitiger erotisch-galanter Zug, […] scharfer Profitgeist, stärkstes Selbstbewusstsein, Freude am Polemischen, zergliedernden Scharfsinn, kalte Verschlagenheit, […] und alles vereint mit einem wundervollen, heißen, begeisterungsraschen Temperament.»[108]

Bei Kerr ist von kalter Verschlagenheit wenig zu spüren, ebenso wenig von scharfem Profitgeist. (Für ihn hat Geld nie eine große Rolle gespielt.) Aber man hört die starke Beziehung zu der Person Lassalle heraus, den Sinn für die speziell jüdische Problematik dieses revolutionären Führers, der drei Jahre vor Kerrs Geburt gestorben war und dessen Grab auf dem Friedhof in Breslau in der Nähe seines Elterngrabes liegt.[109]

Nach Abschluss des Sommersemesters 1890 hatte Kerr wohl mit der journalistischen Arbeit begonnen. Es verwundert nicht, dass er bald auch bei anderen Zeitungen Erfolg hatte.

Am 5. Juli 1891 erschien in der Vossischen Zeitung sein großer Aufsatz «Die Technik des realistischen Dramas», zwei Seiten lang.[110] Auch hier gab es wieder klare Gegenüberstellungen: neuere Romantechnik versus neuere Dramentechnik. Das neue Gegenwartsdrama hat als Kriterien: 1. das Streben nach Realismus, 2. die Abbildung des wirklichen Lebens auf der Bühne, 3. an die Stelle des Monologs tritt die Pantomime (die gestische Darstellung), 4. es charakterisiert indirekt, vermeidet Zufälle, erlaubt dem Publikum, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Und das alles verband Kerr mit einer sorgfältigen Untersuchung der neuen Dramen, vor allem der Stücke Ibsens, Strindbergs und Hauptmanns.[111]