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Die Künstliche Intelligenz (KI) ist ambivalent: Sie kann nützliche Maschine sein, aber auch zum problematischen Konkurrenten des selbstbestimmten Menschen werden. Namhafte Kritiker warnen vor den Folgen einer auf dem selbstlernenden Algorithmus beruhenden, d.h. autonomen KI. Diese kann den Menschen in eine Fremdbestimmung führen, wie wir sie schon vor der Aufklärung hatten. Nur kommt jetzt die "selbstverschuldete Unmündigkeit" (Kant) nicht von 'oben', sondern von 'unten', vom nominalistisch geprägten Physikalismus der Neuzeit, dessen neustes Werk die KI ist. Beispiel: Das moderne Smartphone ('schlaues Telefon'), das fast alle auf sich tragen, enthält hochentwickelte KI-Technologie. Diese erkennt Sprachen und übersetzt sie in Echtzeit, macht das Gerät aber auch zur idealen 'Superwanze' für den 'Big Brother'. Überwachungsstaaten und IT-Grosskonzerne wissen das zu nutzen. Und es ist dieselbe Technik, die auch in autonomen Waffensystemen, z.B. Kampfdrohnen, verwendet wird. Die Fremdbestimmung, die hier den selbstbestimmten Menschen in Not bringt, kann sowohl zu psychisch-geistiger als auch zu physischer Unfreiheit führen.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marco Fumagalli
Algorithmus versus Individualität?
Studie zur Bedeutung der KünstlichenIntelligenz (KI) für das menschliche Ich
Marco Fumagalli (Adoptivname Brunner) studierte – nach einerHandwerkerlehre im Elektrofach – Philosophie an der UniZürich (Lic. phil. Abschluss mit Arbeit zu Nietzsches Begriffvon Wissenschaft und Philosophie).
Ein besonderer Dank geht an Robert Zuegg, der in unzähligenGesprächen Wertvolles zur Entstehung dieser kleinen Schriftbeitrug.
© 2020 Marco Fumagalli
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-04717-4
Hardcover:
978-3-347-04718-1
e-Book:
978-3-347-04719-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Einleitende Kurzfassung
1. Paradigmawechsel von Aristoteles zu Galilei
2. Ausgangspunkt: Aristotelische Ursachenlehre
3. Zu Galileis neuer Wissenschaftsmethode
4. Philosophischer Hintergrund: Nominalismus
Neues Forschungsfeld: Der formberaubte Stoff und seine Gesetze
5. Mathematischer Hintergrund: Indo-arabische Rechenkunst
Algorithmus: Herkunft und Begriff
Erfindung der Künstlichen Intelligenz (KI)
Versuch, das Phänomen KI begrifflich zu erfassen
6. Die unabhängige Instanz namens ‚Ich‘: Ein dramatischer Irrtum?
Determinismus auch in der Hirnforschung
Nicht das Ich entscheidet, sondern das Gehirn
Naturalistisches Menschenbild
7. Lauensteins Konzept der Individualität
Zwei Hauptströmungen philosophischen Denkens
Herrschaft der Kategorie des Seins
Kritik der metaphysisch gegebenen Ordnung der Kategorien
8. Begriffliche Entdeckung der Individualität
9. Bewegung in der Kategorienordnung
Philosophische Bedeutung der Arbeit
10. Aufklärung: Determinismus und Befreiung des Denkens zugleich
Ambivalente Auswirkungen des philosophischen Nominalismus
11. Dogmatismus des empirisch Gegebenen
Die neue ‚Philosophie‘: Exakte Wissenschaft
Vorläufige Gültigkeit auch für Theorien und Überzeugungen
Evolutionstheorie und visionäre Folgen
12. Theologische Wurzeln des galileischen Paradigmas
Abschliessende Gedanken 105
Anmerkungen
Literatur 118
Einleitende Kurzfassung
Die Kultur der Neuzeit wird entscheidend geprägt durch eine Wissenschaft, die in ihrem Paradigma nur den empirisch erfassbaren Stoff mit seinen kausaldeterministischen Gesetzen beachtet und diesen als Grund allen Seins annimmt. Diese Denkweise gründet einerseits im philosophischen Nominalismus (der die Form oder Idee inhaltlich negiert) und anderseits in der algorithmischen Mathematik (die das Rechnen mit der Null und den negativen Zahlen kennt). Beide wurden aus der einst hochstehenden arabisch-islamischen Wissenschaftskultur in das Europa des ausgehenden Mittelalters transferiert. Galilei fasste sie methodologisch in seiner neuen Physik zusammen. Damit löste er eine epochale Wirkung auf die neuzeitliche Wissenschaft und Technik aus, deren neuste technologische Entwicklung die auf dem selbstlernenden Algorithmus beruhende Künstliche Intelligenz (KI) ist.
Diese neue Wissenschaftsmethode ist‚ paradigmatisch bedingt, nur für den Bereich des Anorganischen geeignet. Geht es jedoch um Verstehen und Begreifen des Organischen erweist sie sich als nicht geeignet. Sie missachtet die Eigengesetzlichkeit natürlicher Einheiten. Lebende Organismen versteht sie heute als ‘komplexe, selbstorganisierte Systeme‘, die evolutiv aus rein Anorganischem entstanden seien. Das gelte letztlich auch für den Menschen.
Ideenrealistisch gesehen stellt der schöpferisch denkende und handelnde Mensch, seine geistige Individualität, die bedeutendste Form unter den Lebewesen dar. Durch sein Denken, seine Erkenntnisfähigkeit hat er Zugang zum schöpferischen Potenzial der Ideen, des Begrifflichen und der Formen.
Die moderne Neurophilosophie dagegen schliesst aus den Resultaten der Hirnforschung: Denken biete keinen Zugang zu einer angeblich wirkursächlichen Ideenwelt. Denken und alle anderen ‚psychisch-geistigen Phänomene‘ (wie Wahrnehmen, Fühlen, Entscheiden) seien vielmehr ‚komplexe kognitive Funktionen‘, die auf physiologischen Vorgängen im Gehirn beruhten. Das mache die Annahme einer unabhängig denkenden und handelnden Instanz namens ‚Ich’ zur Illusion. Denn die messbaren Vorgänge im Gehirn liefen dezentral verteilt ab und liessen keinen Schluss auf ein Kompetenzzentrum zu, das als Ich bezeichnet werden könnte. – Wenn die Hirnforschung keine Gründe für die Annahme einer Individualität findet, so liegt das an ihrem Paradigma, dessen nominalistische Prämissen den Begriff eines geistig-autonomen Ich nicht zulassen.
Neben der durch Galilei entdeckten und durch Kant erkenntnistheoretisch begründeten neuen Wissenschaft (die im Kern Technik ist), war die philosophische Aufklärung das zweite geistesgeschichtlich bedeutende Hauptwerk der Neuzeit. Die eigentliche Aufklärung lieferte das Potenzial für die Befreiung des Denkens als Voraussetzung für eine Entwicklung des selbstbestimmten Ich. – Naturwissenschaft und Technik ermöglichten nicht nur eine erfolgreiche technologische Entwicklung in allen Bereichen der Lebenspraxis, sondern schufen auch ein naturalistisch geprägtes Menschenbild, das jenen Befreiungsimpuls der Aufklärung wieder zu vernichten droht.
Wird heute der aufgeklärte Mensch durch die Künstliche Intelligenz konkurrenziert oder sogar verdrängt? Namhafte Kritiker und sogar ‚hauseigene‘ Experten warnen vor den negativen Folgen einer hochentwickelten autonomen KI. Sie befürchten, diese könnte den Menschen einst übersteigen und den weiteren Gang der Geschichte beeinflussen oder gar bestimmen. Zukunftsforscher und Posthumanisten sehen in der KI tatsächlich die Entstehung der nächsten Stufe der Evolution.
Diese Studie versucht, eine philosophisch-anthropologische Antwort zu geben auf das Phänomen KI, auf das superintelligente Maschinenwesen, das ein grenzenloses Potenzial besitzen soll, alles verändern zu können – auch den Menschen in seinem Innersten.
Zur Methode: Die begrifflichen Grundlagen dieser Arbeit entstammen einem kategorial-philosophischen Konzept‚ das die Möglichkeit und Entfaltung der schöpferischen Individualität des Menschen als Kern der spezifisch europäischen Kultur interpretiert. Diether Lauenstein hat ein solches Konzept in der Denklinie Plotins und Fichtes in seinem philosophischen Hauptwerk ‘Das Ich und die Gesellschaft‘ (Stuttgart 1974) entworfen. Dieses bildet die Basis für diese Studie, welche die aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Hirnforschung und der KI-Technologie hinsichtlich ihrer paradigmatischen Voraussetzungen kritisch hinterfragt.
Diese Arbeit ist keine soziologische Untersuchung, sie befasst sich nicht primär mit der Gesellschaft, sondern mit dem Menschen selbst, mit seiner Individualität, dem Ich.
Das Phänomen Algorithmus oder KI betrifft heute direkt und zuerst das selbstbestimmte Ich als das eigentlich tragende Grundelement des Lebens und der Kultur einer modernen Menschengemeinschaft.
1. Paradigmawechsel von Aristoteles zu Galilei
Zu Beginn der Neuzeit fand in der europäischen Wissenschaftsgeschichte ein epochaler Paradigmawechsel statt: Der Wechsel von der aristotelischen Naturbetrachtung zur galileischen Physik. Er hat in der Folge nicht nur den Begriff von Wissenschaft entscheidend geprägt, sondern die gesamte westliche Kultur beeinflusst. – Paradigma steht hier für Sichtweise, Denkmodell, wissenschaftliche Theorie, Begriffssystem.
Der Wissenschaftshistoriker T. S. Kuhn fragt sich in seinem Buch ‘Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen’ (Frankfurt am Main 1976) S. 132:
„Müssen wir wirklich das, was Galilei von Aristoteles … trennt, als eine Umwandlung des Sehens beschreiben? Sahen diese Männer tatsächlich Verschiedenes, wenn sie die gleiche Art von Objekten betrachteten? Können wir in irgendeinem vernünftigen Sinne sagen, sie hätten ihre Forschung in verschiedenen Welten durchgeführt?“
Kuhn meint, der Erkenntnisfortschritt verlange manchmal, dass eine bisher geltende, aktuell aber nicht mehr genügende, wissenschaftliche Theorie verworfen werden müsse, um durch eine geeignetere ersetzt zu werden. Diesen Vorgang nennt er Paradigmawechsel. Im erwähnten Buch beschreibt er verschiedene, wissenschaftshistorisch relevante, überwiegend die Naturwissenschaften betreffende Paradigmawechsel. – Dabei wird der Wechsel von der aristotelischen zur galileischen Sichtweise zurecht als das zentrale, die Neuzeit grundlegend bestimmende Ereignis erkannt.
Bei einem Paradigmawechsel findet in der Regel eine Umdeutung oder Umwertung der Prämissen, Grundbegriffe oder Kategorien des bisher etablierten Begriffssystems statt. Die neu entstandene Sichtweise sieht dann auf andere Weise und nimmt damit anderes wahr als die alte, obwohl sie „die gleiche Art von Objekten“ vor sich hat. Das jeweilige Begriffssystem bestimmt durch seinen kategorialen Hintergrund auch die ihm entsprechende wissenschaftliche Methode. Es entscheidet so nicht nur, womit und worauf sich unser Denken im Bereich eines Wahrnehmlichen richtet, sondern auch wie das Gesehene adäquat zu lesen bzw. zu deuten sei.
Das Paradigma ist gleichsam eine kategoriale Brille. Es bestimmt sowohl die Auswahl eines Betrachtungsfeldes, als auch was in diesem Feld, methodologisch bedingt, gesehen und erfasst werden kann.
Zudem können „Begriffssysteme oder wissenschaftliche Schulen bestimmten Feldern der Wirklichkeit gewachsen sein, während sie für andere sich als ungeeignet erweisen … Die wesentlichen Entscheidungen für die verschiedenen Felder möglicher Erkenntnis fallen schon im Umgang mit den Kategorien und ihrer jeweiligen Ordnung“ (1).
2. Ausgangspunkt: Aristotelische Ursachenlehre
Für eine klärende und vergleichende Untersuchung der beiden hier thematisierten Paradigmata ist der Rückgang auf ihren gemeinsamen Grund nötig. Und dieser ist im Fundus der griechisch-klassischen Philosophie zu finden, vor allem aber in der Naturphilosophie des Aristoteles, in seiner Lehre der Ursachen oder Gründe. – Durch Umdeutungen und Weglassungen grundlegender Begriffe dieser Lehre entwickelte Galilei seine neue Wissenschaft. Sie unterscheidet sich von der aristotelischen Natursicht hauptsächlich durch die sichere Sprache der Mathematik. Gemäss Galilei sei das „Buch der Natur“ in dieser Sprache geschrieben.
Im Vergleich zur umfassend gedachten aristotelischen Naturphilosophie enthält Galileis neue Physik einen erheblichen Reduktionismus. Das Feld möglicher Erkenntnis wird von einem weitgefassten Bereich, dem des Organischen, auf das rein Anorganische eingeschränkt. Dem entspricht eine Methode, die nur misst und rechnet.
Ausgehend von der aristotelischen Ursachenlehre, bildlich dargestellt am Denkmodell der einjährigen Pflanze, lassen sich die für die neue Physik und ihre Methode relevanten Grundbegriffe philosophisch erklären und beurteilen.
Dazu sollen das folgende Schema sowie die anschliessende, erklärende und interpretierende Zusammenfassung der wichtigsten Stellen aus dem eingangs erwähnten Buch Lauensteins dienen (2). Dabei ist es sachlich bedingt, dass dieser interpretierende Kommentar in einem begriffsrealistischen, nicht nominalistischen Sinne geführt wird:
Die natürliche, organische Einheit (z.B. einer Pflanze) beschrieb Aristoteles als Wesen (usia, lat. essentia, substantia), das durch das Zusammenwirken von fünf Ursachen und zwei weiteren Grundbegriffen bestimmt oder begründet wird. Hauptsächlich aber durch die Verbindung der ersten mit der zweiten Ursache, der Form (eidos, ideia, morphe, lat. forma) mit dem Stoff (hyle, lat. materia). Der Form kommt dabei das Primat zu. Sie ist das eigentliche Wirkprinzip des Wesens oder die sich selbst entwickelnde „Idee im Seienden oder in der Substanz“. Stoff ist als Materie gleichsam die passive Bedingung der Möglichkeit des sichtbaren Werdens der Pflanze. Der Anfang oder Anstoss einer Entwicklung ist die dritte Ursache (arche, lat. principium, z.B. der Frühling als Anregung zur Keimung des Samens). Diese Anregung richtet sich an die Form als das Eigen- oder Wirkprinzip des Samens, der sich dann eigengesetzlich und sichtbar zu entwickeln vermag. Das dem Wesen innewohnende Ziel der Entwicklung wird als vierte Ursache bezeichnet (telos, lat. finis, die vollausgebildete, zur Fortpflanzung reife Pflanze).
Als fünfte Ursache gilt die Beraubung (phthora oder steresis, lat. privatio) oder Verwesung, die das Werden oder Leben der Pflanze beendet. Sie ist Beraubung der Form und
„führt alle leiblichen Wesen … in den blossen Stoff, welchen Platon mit Parmenides auch das Nichtsein nannte“ (3).
„Nachdem die Blüte neue Samen bildete‚ verwelkt die Mutterpflanze; sie unterliegt hinsichtlich ihrer Gestalt der ‘Beraubung’ … nur ihr Stoff sinkt in den Boden zurück. Im Rest vorhandener Leiber, wie im Holz, findet sich auch nach Verformungen immer noch ‚Struktur‘ als spezifische ‚Restgestalt‘ … vier Ursachen führen die Wesen ins Dasein, während die ‚Beraubung‘ sie wieder hinausführt, sie verwesen lässt“ (4).
Nach der Form-Beraubung bleibt, genauer betrachtet, nicht nur blosser Stoff übrig, sondern (mit diesem verbunden) auch Struktur. Das ist „die ins Innere der Materie abgesunkene Restgestalt“ (Lauenstein). Also tote Restform – sichtbar etwa an den Jahresringen eines abgestorbenen Baumstammes mit ihren unterschiedlichen Materialdichten, weswegen sie verschieden schnell verwesen. Es ist die Form, wenn auch nur als tote Struktur, die in Verbindung mit dem Stoff das Wesen oder Ding wahrnehmbar und begrifflich fassbar macht.
Form und Stoff wirken als sich bedingende und durchdringende Pole im Raum. Anfang und Ziel wirken in der Zeit. Auch Beraubung, Verwesung ist ein zeitlicher Vorgang.
Zwei weitere, polarisch zusammengehörige Grundbegriffe (oder Grenzbegriffe) erklären Werden oder Entwicklung genauer: Möglichkeit (dynamis, lat. potentia, Potenzialität, die im Samen liegt und zur Verwirklichung drängt) und Wirklichkeit (energeia, lat. actus, das Verwirklichen von Möglichkeit bis zur vollausgebildeten Pflanze).
Die Umkehrbewegung von der verwirklichten Mutterpflanze zurück zur Potenzialität des neu gebildeten Samens (was als Involution bezeichnet werden kann) hatte Aristoteles in seinem Pflanzenmodell noch nicht beachtet. – Erst Plotin dachte beide Bewegungen zusammen und schuf damit, gemäss Lauenstein, eine philosophische Grundlage für den geistesgeschichtlich später entwickelten Begriff der menschlichen Individualität.
Form ist potenzielle Selbstwirksamkeit, die sich nur im Zusammenspiel mit den anderen Ursachen, hauptsächlich mit dem Stoff, sinnlich wahrnehmbar verwirklicht. Entstehen und Vergehen (oder Evolution und Involution) finden in der polaren Spanne zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit statt.
3. Zu Galileis neuer Wissenschaftsmethode
2‘000 Jahre später veränderte Galilei das aristotelische Begriffssystem für sein neues Konzept der Naturerfassung wie folgt:
• Die Form wurde methodologisch ausgeschlossen, negiert, genauer: auf die tote Struktur als Restgestalt herabgesetzt. Das ist ein Vorgang, der mit der fünften aristotelischen Ursache (Verwesung oder Beraubung der Form) beschrieben werden kann.
• Die besondere Beachtung galt nun dem Stoff. Mit der Negation der Form wurde der mögliche Erkenntnisbereich auf den formberaubten Stoff, die Materie reduziert. – Anderseits wurde die formbestimmte Einheit (Wesen oder Substanz) im philosophischen Denken der Neuzeit immer mehr in das metaphysische Jenseits möglicher Erkenntnis verlegt.
• Für die Erfassung des Stoffes und seiner Gesetze erwies sich – neben der Nichtbeachtung der Form – das Messen und Berechnen als die zutreffende Methode. Heute spricht man von technischer Messdatenerfassung und mathematischer Datenverarbeitung.
• Galilei‚ Newton und Kant haben die Mathematik als das eigentliche Kriterium für Wissenschaftlichkeit bezeichnet
