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Phin Younger lebt für seine Karriere – Gefühle sind für ihn nur Ballast. Doch als Emily Lassiter ihn bittet, ihren Bruder zu verteidigen, gerät sein geordnetes Leben ins Wanken. Sie ist wunderschön, stark und kämpft wie eine Löwin für Josh, der vor dem Abgrund steht.
Emily hat ihre Modelkarriere hinter sich gelassen und tut alles, um Josh zu schützen. Phin ist ihre einzige Hoffnung – doch sie hätte nie erwartet, dass der Anwalt so attraktiv und unwiderstehlich ist. Eine einzige Berührung entfacht ein Verlangen, das beide nicht ignorieren können. Doch als ein Rivale droht, Phins Karriere zu zerstören, steht plötzlich alles auf dem Spiel. Gehen sie auf Abstand – oder kämpfen sie gemeinsam für ihre Zukunft?
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Phin Younger lebt für seine Karriere – Gefühle sind für ihn nur Ballast. Doch als Emily Lassiter ihn bittet, ihren Bruder zu verteidigen, gerät sein geordnetes Leben ins Wanken. Sie ist wunderschön, stark und kämpft wie eine Löwin für Josh, der vor dem Abgrund steht.
Emily hat ihre Modelkarriere hinter sich gelassen und tut alles, um Josh zu schützen. Phin ist ihre einzige Hoffnung – doch sie hätte nie erwartet, dass der Anwalt so attraktiv und unwiderstehlich ist. Eine einzige Berührung entfacht ein Verlangen, das beide nicht ignorieren können. Doch als ein Rivale droht, Phins Karriere zu zerstören, steht plötzlich alles auf dem Spiel. Gehen sie auf Abstand – oder kämpfen sie gemeinsam für ihre Zukunft?
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Iris Morland
All I Want Is You
Aus dem Amerikanischen von Silvia Gleißner
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Widmung
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Epilog
Über die Autorin
Impressum
Für meine Leserinnen und Leser. Ihr seid der Grund, warum ich weiterschreibe!
Mit einem tiefen Seufzen blickte Emily Lassiter auf die Uhr an der Wand des The Dine in Five und wollte am liebsten gleich noch einmal seufzen. Vom Stehen den ganzen Nachmittag und Abend taten ihr die Füße weh, und ihre Schicht dauerte noch zwei Stunden.
Normalerweise ging ihre Schicht als Kellnerin immer schnell vorbei, aber heute Abend kamen kaum Gäste, was bedeutete, dass nicht besonders viel zu tun war. Ihr Boss Lawrence hatte bereits zwei andere Kellnerinnen nach Hause geschickt. Emily war nur froh, dass sie heute Abend arbeiten konnte – sie brauchte das Geld echt dringend.
»Die Gäste an deinem Tisch wollen mehr Ketchup«, sagte Lawrence, als er im Flur an ihr vorbeiging. Lawrence war ein Mann im mittleren Alter, verheiratet und Vater von drei Kindern, und seit Emily vor zwei Jahren diesen Job bekommen hatte, war er eine Art Vaterfigur für sie. Als er ihr blasses Gesicht sah, fragte er: »Alles okay, Kleine?«
Emily zwang sich zu einem Lächeln. »Alles gut. Ketchup, sagtest du? Ich hole welchen.«
Lawrence sah aus, als würde er ihr nicht glauben, aber zum Glück klingelte sein Handy und lenkte ihn von ihr ab. Emily ging in die Küche und holte eine volle Ketchupflasche.
An dem fraglichen Tisch saßen vier Typen, die etwa in Emilys Alter waren – vier Typen, die sie schon seit dem Moment begafften, als sie deren Bestellungen aufgenommen hatte. Männliche Aufmerksamkeit war Emily nicht fremd, und sie liebte und hasste sie zugleich, aus verschiedenen Gründen. Sie hasste es, weil Männer dazu neigten, nur ein hübsches Gesicht zu sehen und sonst nichts. Und sie liebte es, weil es ihr Türen geöffnet hatte, um Model zu werden. Leider hatten die paar Jahre als Model nirgendwohin geführt, und nun war sie hier, arbeitete als Kellnerin und kratzte mühsam das Geld zusammen, um sich und ihren jüngeren Bruder Josh durchzubringen.
»Bitte sehr«, sagte sie und stellte die Ketchupflasche auf den Tisch. »Braucht ihr sonst noch was?«
Ein Typ mit kurz rasiertem Haar und Grübchen am Kinn beäugte sie von oben bis unten. Emily hielt sich davon ab, die Arme zu verschränken, als sein Blick auf ihren Brüsten verweilte.
»Arbeitest du schon lange hier?«, fragte er. »Habe dich hier noch nie gesehen.«
Emily konnte sich gerade so davon abhalten, die Augen zu verdrehen. »Schon ein paar Jahre. Guten Appetit euch.«
Sie war versucht, Lawrence von den Kerlen zu erzählen, aber sie hatte es satt, zu ihm zu laufen, wann immer ein männlicher Gast sie anmachte. Manchmal gab sie sich selbst die Schuld an deren Aufmerksamkeit. Hatte sie zu viel gelächelt? Irgendeinen Hinweis gegeben, dass sie interessiert sei? Sie achtete immer darauf, höflich und freundlich zu sein, nicht mehr, dennoch nagten immer wieder Zweifel an ihr.
Da ihre Kunden jetzt mit Essen beschäftigt waren, ging sie hinaus in die kühle Nachtluft, um Pause zu machen. Obwohl es Juli war in Portland, wurden die Nächte manchmal kühl, und Emily wünschte, sie hätte ihren Pulli übergezogen, bevor sie hinausgegangen war.
Aber die Kälte verschwand schnell aus ihren Gedanken, als sie am Handy nachrechnete, wie viel sie heute Abend schon verdient hatte, und es zu den bisherigen Einnahmen der Woche addierte. Dass heute Abend so wenig lief, bedeutete, dass sie deutlich weniger Trinkgeld machen würde, und als sie die jämmerliche Gesamtsumme auf dem Rechner ihres Handys sah, war ihr zum Weinen zumute. Sie war jetzt schon auf dünnem Eis mit ihrem Vermieter. Die letzten drei Monate hatte sie die Miete zu spät bezahlt, und er hatte sie gewarnt, wenn es ein viertes Mal passierte, würde er sie und Josh zwangsräumen lassen.
Das war das Letzte, was sie oder Josh gebrauchen konnten. Ihr jüngerer Bruder, eben erst sechzehn Jahre alt geworden, war sowohl die Liebe ihres Lebens als auch der Fluch ihrer Existenz. Nach dem Tod ihrer Mutter vor neun Jahren – ihr Vater starb schon, als Josh noch ein Baby gewesen war – war Emily mehr eine Mutter für ihren Bruder geworden als eine Schwester. Josh war ein lieber, schüchterner Junge gewesen, der sich für nicht viel mehr interessierte als dafür, Züge zu bauen. Doch im letzten Jahr war er nicht nur in die Höhe geschossen, sondern hatte sich auch mit einer Gruppe Jungs eingelassen, die ihm bisher nichts als Probleme bescherten.
Inzwischen war ihr lieber kleiner Bruder zu einem wütenden Teenager geworden, der die Schule schwänzte, trank und sich weigerte, irgendetwas von dem zu tun, was Emily ihm sagte. Erst heute Morgen hatte sie einen Anruf von seiner Highschool bekommen und erfahren, dass er praktisch in allen Fächern außer Sport auf der Kippe stand. Wenn er nicht etwas unternahm, um seine Noten zu verbessern, würde er die elfte Klasse wiederholen müssen.
Emily rieb sich die Schläfen. Angesichts der Tatsache, dass auch sie die Highschool nicht abgeschlossen hatte, konnte sie ihrem Bruder nicht einmal bei seinen Schulnoten helfen. Sie konnte kaum richtig lesen, obwohl sie ihr Bestes gab, das vor aller Welt zu verheimlichen, sogar vor Josh.
Sie konnte immer noch diese Fotos für Landon machen, ihren Ex-Freund. Landon hatte ihr ein hübsches Sümmchen versprochen, wenn sie Nacktfotos für ihn machen würde. Emily hatte immer abgelehnt, nicht, weil sie es an sich für falsch hielt, nackt zu posieren, sondern weil das nicht die Art von modeln war, die ihr vorschwebte. Sie zog es vor, Kleider zu präsentieren, nicht ihren Körper. Und überhaupt war für ein Kleid oder ein Top ein anderes Können nötig als dafür, alles zur Schau zu stellen, was Gott ihr gegeben hatte.
Doch genau jetzt war sie versucht, Landons Angebot anzunehmen. Was spielte es denn auch für eine Rolle? Sie brauchte das Geld, Landon hatte das Geld, und es wäre schnell verdientes Geld.
Und doch zögerte sie. Vielleicht war sie deshalb dumm, aber lieber war sie dumm, als gegen ihre eigenen Prinzipien zu verstoßen. Mit einem bitteren Lächeln wurde ihr klar, dass ein Mensch seine Prinzipien nur so lange hochhalten konnte, bis der Hunger zu groß wurde, um sich noch darum zu scheren.
Emily atmete tief durch, dann noch einmal, um sich wieder zu sammeln. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen. Sie musste weiter lächeln, damit sie gutes Trinkgeld bekam. Und wenn sie in etwas gut war, dann darin, anderen Menschen mit ihrem hübschen Lächeln und ihrer melodischen Stimme ein angenehmes Gefühl zu geben.
Sie ging zurück in den Diner, räumte Teller ab und brachte den vier Kerlen die Rechnung. Sie hoffte, der Typ mit dem raspelkurzen Haar würde aufhören, sie nach ihrer Nummer zu fragen, aber als sie mit den Belegen zur Unterschrift wiederkam, meinte er: »Hast du einen Freund? Weil wenn nicht, solltest du mir deine Nummer geben.«
In seinem Atem konnte sie den Alkohol riechen, als er sich zu ihr lehnte. Sie trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. »Bin schon vergeben«, log sie. »Tut mir leid.«
Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Männer sie eher in Ruhe ließen, wenn sie behauptete, bereits vergeben zu sein. Als wäre sie ein Gegenstand, den schon jemand anders für sich reserviert hatte. Es wurmte sie, doch das war immer noch besser als Kerle, die sie ständig anbaggerten.
Aber Raspeltyp ließ sich nicht so einfach vertreiben. »Ich sehe gar keinen Ring«, meinte er, und sein Grinsen wurde anzüglich. »Komm schon, Süße. Ich habe doch bemerkt, wie du mich angeschaut hast. Spiel nicht die Dumme bei mir.«
»Ich bin vergeben«, wiederholte sie entschlossener. »Ich wünsche euch allen einen schönen Abend.« Sie sagte die Worte in ihrem kältesten Tonfall, so dass jeder mit auch nur einem Gramm Hirnzellen erkennen konnte, dass sie es ernst meinte.
Der Typ mit Raspelschnitt machte ein finsteres Gesicht. »Schlampe«, brummte er. »So hübsch bist du sowieso nicht.«
Emily hatte schon jede Beleidigung unter der Sonne gehört. Sie ignorierte den Typen einfach und konzentrierte sich auf den neuen Tisch mit Gästen, zum Glück alles Frauen.
Später sammelte sie die Kassenbelege vom Tisch der Kerle ein, und als sie sie öffnete, sah sie, dass alle vier ihr keinen Cent Trinkgeld hinterlassen hatten. Auf dem Kassenbeleg des Raspeltypen stand in der Zeile dafür: Kein Trinkgeld für Zicken. Sie brauchte lange, um zu lesen, was der Mann geschrieben hatte, und war froh, dass niemand ihr dabei zusah. Das machte es nur noch schlimmer.
Als Emily endlich entziffert hatte, was da stand, wurde sie rot vor Zorn. Sie schluckte gegen die plötzlichen Tränen an. Es war dumm, das so an sich heranzulassen. Als Lawrence aus der Küche kam, zwang sie die Tränen nieder. Sie würde sich von solchen Typen nicht den Abend verderben lassen.
Der Rest der Schicht verlief ohne Probleme, und obwohl Emily mit weniger Trinkgeld als üblich in den Feierabend ging, war es nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte. Lawrence reichte ihr das Bündel Geldscheine, nachdem er die Kassenbelege durchgegangen war.
»Hier«, meinte er und gab ihr noch einen Zwanzig-Dollar-Schein obendrauf. »Für die Mistkerle, die dir kein Trinkgeld gegeben haben.«
»Oh, du musst nicht …«
»Nein, aber ich will. Du weißt, dass du es mir immer sagen kannst, wenn dich irgendwelche Typen belästigen.«
Unter seiner forschenden Musterung wandte sie den Blick ab und zuckte mit den Schultern. »Wenn ich jedes Mal zu dir käme, würde ich nichts anderes machen.«
»Nun ja, dafür bin ich ja da.« Er tätschelte ihr unbeholfen die Schulter.
Als Emily im Bus nach Hause saß, klingelte ihr Handy. Da es schon spät war und sie die Nummer nicht kannte, ließ sie den Anruf auf die Mailbox gehen. Doch dieselbe Nummer rief ein zweites Mal an, und sie meldete sich mit einem verärgerten »Hallo?«.
»Spricht dort Emily Lassiter?«
Emily kannte die Stimme am anderen Ende nicht. War es ein Geldeintreiber? Ihr gerann das Blut in den Adern. Oder war es jemand aus ihrem Apartment, der ihr sagen wollte, dass sie gerade auf die Straße gesetzt wurde? Sie stotterte ein »Ja« und wartete auf die schlechte Nachricht – doch was sie tatsächlich hören würde, hätte sie nie erwartet.
»Hier Officer Monroe in der Jugendstrafanstalt in Multnomah County. Ihr Bruder wurde verhaftet und befindet sich in unserem Gewahrsam.«
Emily war froh, dass sie gerade saß, denn sonst wäre sie vor Schock im Bus umgekippt. Verhaftet? »O Gott, was hat er angestellt? Geht es ihm gut? Kann ich mit ihm reden?«
»Es geht ihm gut, Ma’am.« Der Officer räusperte sich, und Emily hörte Stimmen im Hintergrund. »Er wurde heute Nachmittag angehalten, nachdem ein Freund von ihm mutmaßlich einen Raub begangen hat. Ihr Bruder war der Fahrer des Fluchtfahrzeugs.«
»Ich will mit ihm reden. Ist er da? Kann ich zu ihm?«
»Tut mir leid, Ma’am, nein. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden wird eine Anhörung stattfinden, die alle Tatvorwürfe gegen ihn umfasst. Da werden Sie ihn sehen können.« Der Mann zögerte kurz und fuhr dann fort: »Ich würde Ihnen raten, ihm auf der Stelle einen Anwalt zu besorgen, wenn ich Sie wäre.«
Emily rutschte das Herz in die Zehenspitzen. »Ich kann mir keinen Anwalt leisten«, flüsterte sie.
»Dann wird Ihrem Bruder einer vom County gestellt. Ich gebe Ihnen mal Harry. Er wird Sie darüber aufklären, was Sie über alles, was weiter passiert, wissen müssen.«
Als Emily zu Hause ankam, konnte sie sich nur auf ihre abgenutzte Couch sinken lassen und die Wand anstarren. Das Adrenalin, das durch ihren Körper gerauscht war, war zu Eis in ihren Adern gefroren. Sie hatte die Worte »Schwerverbrechen« und »Erwachsenenstrafrecht« und »Beihilfe zur Tat« gehört, und dabei hatte sie nur mit Josh reden wollen, um seine Version der Geschichte zu hören und zu verstehen, was wirklich passiert war.
Emily barg das Gesicht in den Händen, und ihre Schultern bebten. Noch nie hatte sie sich derart überfordert gefühlt, so voller Angst vor etwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Sie hatte nie auch nur einen Strafzettel bekommen, und nun war ihr kleiner Bruder verhaftet worden und sah sich ernsten Anklagepunkten gegenüber.
Ihr Kopf pochte, und Erschöpfung überflutete sie, bis sie nur noch mit Mühe die Kraft aufbrachte, von der Couch aufzustehen, um in ihr Zimmer zu gehen. Doch zuvor betrat sie Joshs Zimmer und starrte dort auf das leere Bett – wie immer nicht gemacht – und den Schreibtisch, auf dem alles lag, nur keine Schularbeiten. An den Wänden hingen Poster mit Bands, von denen Emily nie gehört hatte, und überall auf dem Boden lagen Kleidungsstücke verstreut. Sie setzte sich auf sein Bett und lächelte, noch während ihr Tränen in den Augen brannten, als sie das Foto von sich und Josh auf dem Nachttisch sah.
Darauf war Josh zwölf Jahre alt gewesen, und Emily hatte noch als Model gearbeitet. Sie strich über Joshs Gesicht auf dem Bild, und ein Schluchzen drang über ihre Lippen. Was war nur aus ihrem kleinen Bruder geworden? Und was, wenn sie ihn nicht wieder auf die rechte Bahn bringen konnte?
Sie presste das Foto an ihre Brust, legte sich auf Joshs Bett und atmete den Teenagerduft ein, der in den Laken hing. Sie wünschte, ihre Mom wäre noch am Leben, obwohl ein Teil von ihr froh war, dass sie ihren Sohn nicht so sehen musste. Nein, das hätte ihrer Mutter das Herz gebrochen. Sie hatte so große Pläne für Emily und Josh gehabt.
Weinend hielt Emily das Foto an sich gedrückt, bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel.
Phin Younger klopfte mit seinem Stift auf den Tisch, während er darauf wartete, dass jemand aus dem Büro des Staatsanwalts für diesen Rechtsfall auftauchte. Phins Mandant – ein Sechzehnjähriger, der für seinen Freund, der einen Raub begangen hatte, den Fluchtwagen gefahren hatte – saß zusammengesunken auf seinem Stuhl, trotz Phins Ermahnung, dass er sich aufrecht hinsetzen solle.
Josh Lassiter war groß und massig für sein Alter und sah viel älter aus als sechzehn. Er hatte einen mürrischen Zug um den Mund, der Phin schon in dem Moment aufgefallen war, als er dem Jungen die Hand schüttelte und sich als sein Pflichtverteidiger vorstellte. Josh hatte spöttisch gegrinst und ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er seine Zeit verschwendete.
Phin hatte häufig das Gefühl, dass er seine Zeit verschwendete – oder eher, dass er mit diesen Fällen auf verlorenem Posten kämpfte. Als Pflichtverteidiger, der im Pflichtverteidigungsbüro des Countys arbeitete, erhielt Phin die Fälle mit Leuten, die sich keinen teuren Anwalt leisten konnten. Phin war die einzige Chance seiner Mandanten, entweder aus dem Gefängnis herauszukommen oder kürzere Strafen verbüßen zu müssen. Doch auf seinem Schreibtisch stapelten sich immer mehr Fälle, und Phin konnte nicht allen helfen. Es gab immer zu viele Menschen, die Hilfe brauchten.
Die Tür zum Gerichtssaal ging auf. Phin drehte sich um und sah eine gestresste Frau durch den Gang auf sie beide zueilen. Ihr dunkles Haar löste sich aus ihrem Dutt, und ihre Bluse saß schief; wahrscheinlich hatte sie sie in ihrer Eile falsch geknöpft.
»Mr. Younger?«, fragte die Frau, als sie zu Phin kam.
Josh brummte etwas vor sich hin, und Phin brauchte nur einen kurzen Moment, um zwei und zwei zusammenzuzählen. Das musste Joshs Schwester sein, sein gesetzlicher Vormund. »Ja«, sagte Phin, stand auf und gab der Frau die Hand. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Ich bin Emily Lassiter.« Mit besorgtem Blick schaute sie über Phins Schulter und versuchte Joshs Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Bruder ließ die Schultern hängen und sah sie geflissentlich nicht an. »Danke für Ihre Hilfe«, sagte sie aufrichtig.
Trotz ihrer unordentlichen Erscheinung war Emily Lassiter absolut umwerfend. Lächerlich, absurd und unglaublich umwerfend. Wenn er ehrlich sein wollte, gab es zu viele Adverbien, um ihre Schönheit zu beschreiben. Phin starrte sie an und rang plötzlich nach Worten. Sie aus der Nähe zu sehen, war in etwa so, als würde er von einem Zug gestreift.
Er konnte es nicht anders beschreiben. Sogar mit unordentlicher Frisur und schief geknöpfter Bluse hatte sie die größten und hübschesten grünen Augen, die er je gesehen hatte. Mit ihrem herzförmigen Gesicht, den hohen Wangenknochen und einer Haut wie Milch hätte sie die Seiten einer jeden Zeitschrift zieren können. Selbst ihre Nase war hübsch: leicht nach oben geneigt und ebenso zierlich wie der Rest von ihr.
Als jemand, der für die Öffentlichkeit arbeitete, hatte Phin gelernt, wie man mit Leuten redete, obwohl das nicht seine größte Stärke war. Er hatte gelernt, dass Männer Offenheit mit einem Anflug von Arroganz respektierten, während Frauen ein freundlicheres Herangehen bevorzugten – weniger freimütig, dafür vermittelnder. Phin hatte schon mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gearbeitet: von leistungsstarken Führungskräften bis hin zu Kriminellen, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen Hauch Freundlichkeit kennengelernt hatten.
Er hatte mit netten Leuten gearbeitet, mit nervigen Leuten, mit dummen und mit gemeinen Leuten. Er hatte gelernt, wie er Sprache einsetzen konnte, um Menschen dazu zu bringen, dass sie taten, was er wollte. Es war etwas, das ihm schwergefallen war in seiner Kindheit, als er noch lähmend schüchtern und zu ungeschickt gewesen war, um zwei zusammenhängende Sätze zu formen.
Diese Fähigkeit, die er gewissermaßen perfektioniert hatte, erstreckte sich jedoch offenbar nicht auf Frauen, die er attraktiv fand. Und Herr im Himmel, Emily Lassiter sah aus, als wäre sie aus einem Gemälde in diesen schäbigen Gerichtssaal gestiegen.
Phin schluckte, und seine Gedanken rasten, als er einige Papiere auf seinem Tisch zusammenschob, bevor er endlich unverblümt sagte: »Sie sollten sich setzen, bevor der Richter ärgerlich wird.«
Der Richter trank gerade Kaffee und wartete auf Papierkram zum Durchlesen, doch Emily wurde trotzdem rot und nahm ohne ein weiteres Wort Platz. Phin wollte sich am liebsten selbst einen Tritt verpassen, und als er sah, dass Josh ihn spöttisch angrinste, wollte er dem Jungen am liebsten sagen, er solle sich um seine eigenen verdammten Angelegenheiten kümmern.
»Was dauert denn da so lange?«, fragte Josh, während sie warteten. »Wieso musste ich ohne Grund so scheißfrüh aufstehen?«
»Von jetzt an wirst du viel Zeit mit Warten verbringen«, antwortete Phin leise.
Endlich begann die Anhörung.
»Da Ihnen vorgeworfen wird, Beihilfe zu einem Raub zweiten Grades geleistet zu haben, Mr. Lassiter«, begann der Richter, »werden Sie hier der Beihilfe angeklagt, was unter die Bürgerinitiative 11 fällt und ein Verbrechen der Klasse B darstellt. Das bedeutet auch, da Sie über fünfzehn Jahre alt sind, dass Sie als Erwachsener verurteilt werden und bis zu fünf Jahre und zehn Monate ins Gefängnis kommen können.«
Phin hörte Emily scharf einatmen. Er wünschte, er hätte Zeit gehabt, um sie vorzubereiten, aber zwischen Josh und seinen zehn anderen Mandanten hatte er keine Chance gehabt, sie zu kontaktieren.
»Angesichts der Tatsache, dass Mr. Lassiter bereits viermal von der Schule suspendiert wurde und zweimal von zu Hause ausgerissen ist, setze ich die Kaution auf einhunderttausend Dollar an, von denen zehn Prozent hinterlegt werden müssen, um Mr. Lassiter freizulassen«, erklärte der Richter. »Damit verbleibt der Beschuldigte vorerst in der Jugendstrafanstalt, statt ins Gefängnis überführt zu werden, gute Führung vorausgesetzt.«
Phin seufzte im Stillen. Er hatte gehofft, dass der Richter in Sachen Kaution nachsichtig wäre, aber ihm war klar gewesen, dass angesichts der Anklagepunkte nichts unter fünfzigtausend Dollar zulässig gewesen wäre. Wenigstens würde Josh nicht in ein Erwachsenengefängnis überstellt werden – das war zumindest ein Grund zur Freude.
Als die Anhörung vorüber war, wandte Phin sich an Josh. »Wir reden bald miteinander, in Ordnung? Höchstwahrscheinlich irgendwann im Laufe der Woche.«
Josh zuckte mit den Schultern, aber Phin wusste, dass der Junge eine Heidenangst hatte. Sein Gesicht war kreidebleich, und als der Wärter ihn aus dem Gerichtssaal führte, stolperte er über seine eigenen Füße. Der Anblick stach Phin ins Herz. Der Junge hatte einen dummen Fehler mit schwerwiegenden Konsequenzen begangen.
Die meisten Menschen wussten nicht, dass auf gewisse Verbrechen in Oregon eine obligatorische Mindeststrafe stand, und auch die Tatsache, dass jemand unter achtzehn Jahre alt war, nahm einen davon nicht aus. Phin war mit dem Gesetz nicht einverstanden, vor allem nicht im Hinblick auf Jugendliche, aber er konnte nichts weiter tun, als innerhalb des Systems zu arbeiten und seinen jungen Mandanten zu helfen, so weit menschenmöglich.
Phin sammelte seine Aktentasche und die Papiere ein, und als er aufblickte, sah er Emily vor sich.
»Könnte Josh wirklich sechs Jahre lang ins Gefängnis kommen?«, fragte sie, und ihre grünen Augen waren vor Angst weit aufgerissen. Sie sah blass aus, und unter ihren hübschen Augen lagen dunkle Ringe. »Nur dafür, dass er gefahren ist?«
»Leider ja.« Phin zuckte zusammen. »Es tut mir leid, aber ich muss schon wieder zu einer anderen Anhörung. Bitte rufen Sie doch in meinem Büro an und vereinbaren einen Termin für Ende dieser Woche, damit wir näher darüber sprechen können. Gerade kann ich keine genaueren Angaben machen, aber ich hoffe, den Richter dazu zu bringen, einem Deal zuzustimmen, damit es nicht zu einem Gerichtsverfahren kommt.« Er griff in seine Anzugjacke und gab Emily seine Karte.
Ihre Schultern sanken herab. »Danke. Heißt das, Josh muss vielleicht nicht ins Gefängnis?«
»Das ist an diesem Punkt schwer zu sagen. Wie gesagt, das kann ich dann bei unserem Termin näher mit Ihnen besprechen.« Ihm wurde klar, dass er brüsk klang, daher fuhr er in sanfterem Tonfall fort: »Ich habe schon schlimmere Fälle gesehen, Ms. Lassiter. Geben Sie die Hoffnung nicht auf.«
Ihr Kinn zitterte. »Das versuche ich, aber ich habe das Gefühl, dass meine Hoffnung immer zerstört wird, egal, was ich tue.«
»Geben Sie die Hoffnung nicht auf«, wiederholte Phin. Als er ihre feuchten Augen und ihre bebende Unterlippe sah, wünschte er, er könnte etwas für sie tun. Sie wenigstens umarmen – obwohl, das wäre unangemessen. Er tippte auf die Visitenkarte in ihrer Hand und sagte: »Rufen Sie in meinem Büro an. Wir sehen uns bald.«
Obwohl Phin an dem Tag noch zwei weitere Anhörungen hatte, konnte er nicht aufhören, an Emily Lassiter zu denken. Er sagte sich, es liege nur daran, dass sie hübsch, er ein heterosexueller Mann und so oberflächlich wie alle Männer war. Er dachte an die Krümmung ihrer Lippen, an die Sommersprossen auf ihren Wangen, den Bogen ihrer dunklen Wimpern. Und neben dem Mund hatte sie einen Schönheitsfleck, den er gerne kosten würde.
Ich muss mich zusammenreißen. Sie ist nichts für mich.
Obwohl Phin glaubte, dass Liebe und all die Emotionen, die mit diesem Gefühl zu tun hatten, chaotisch und nutzlos waren, hieß das nicht, dass er nicht auch Sex wollte. Zugegeben, es war schon eine Weile her. Vielleicht musste er einfach mal wieder jemanden flachlegen, wenn er die ganze Zeit an die atemberaubende Schwester seines Mandanten dachte.
Er stieß die Luft aus und wollte gerade das Gerichtsgebäude verlassen und zurück ins Büro, als er auf den letzten Menschen traf, den er sehen wollte: Sterling McIntosh, Anwaltskollege, ehemaliger Kommilitone an der juristischen Fakultät und ein schmieriger Bastard, den Phin auf den Tod nicht ausstehen konnte. Zum Glück beruhte das auf Gegenseitigkeit.
Phin hatte gehört, dass Sterling vor Kurzem einen Job im Büro des Bezirksstaatsanwalts bekommen hatte. Es überraschte ihn immer noch, dass irgendwer Sterling einstellen würde, angesichts seines nicht gerade glänzenden Rufes, aber dass sein Vater ein Golfkumpel des Gouverneurs war, war da hilfreich.
»Lange nicht gesehen, Younger«, sagte Sterling. »Wie läuft’s?«
»Wie soll’s schon laufen?«, antwortete Phin trocken. »Ich will gerade zurück ins Büro.«
»Der Held der Armen und Geknechteten kämpft weiter«, spottete Sterling. »Wie schaffst du es, deine Rechnungen zu bezahlen? Bin echt neugierig.«
»So wie alle anderen: Indem ich tatsächlich arbeite.«
Sterlings Lächeln verzerrte sich. Sie wussten beide, dass Sterling den Anwaltstitel mehr schätzte als die eigentliche Arbeit.
»Du hältst dich immer noch für einen coolen Typen, was? Und das, obwohl wir beide wissen, dass du auch nicht mehr verdienst als irgendein Kassierer im örtlichen Lebensmittelladen.« Sterling trat einen Schritt auf ihn zu.
Er war etwa einen halben Kopf kleiner als Phin, aber muskulös, und er wog wahrscheinlich so viel wie Phin. Nicht, dass er je daran gedacht hätte, dem Typen eine reinzuhauen.
Halblaut sagte Sterling: »Glaub nicht, ich hätte vergessen, was du mir angetan hast. Du hättest beinahe für meinen Rauswurf aus der juristischen Fakultät gesorgt, wegen einer blöden Vorschrift …«
»Eigentlich wegen einer Straftat.«
»Und du hast die Frechheit, so zu tun, als wärst du besser als ich?« Sterlings Augen blitzten. »Das ist meine letzte Warnung an dich: Pass bloß besser auf dich auf. Denn sobald du mal aus der Reihe tanzt, werde ich davon erfahren, und dann wirst du es bereuen.«
Sterling drängte sich an Phin vorbei, und Phin wünschte, er hätte seinen niederen Instinkten nachgegeben und dem Typen eine verpasst. Also war Sterling immer noch sauer wegen dem, was vor Jahren vorgefallen war? Schön. Sterling war wie ein Hahn im Hühnerstall: eine Menge Gekrähe, bis er auf einen größeren und klügeren Hahn traf.
Phin tanzte sowieso nie aus der Reihe. Er hielt sich immer an die Vorschriften – sein Privatleben eingeschlossen. Aber als er daran dachte, wie ordentlich und vorschriftsmäßig sein Leben war, blitzte Emilys Gesicht in seinem Kopf auf. Es erinnerte ihn daran, dass sogar ein puritanischer Anwalt wie er in Versuchung geraten konnte, die Regeln zu brechen, wenn er nur genug Anreiz dazu bekam.
Emily versuchte, ihr rasendes Herz zu beruhigen, als sie Ende der Woche auf Joshs Anwalt wartete. Als Mr. Younger ihr gesagt hatte, dass Josh für fast sechs Jahre ins Gefängnis kommen könnte, hätte sie sich am liebsten übergeben. Er war noch nicht einmal achtzehn Jahre alt! Und er war nicht einmal derjenige gewesen, der den Laden ausgeraubt hatte. Wie konnte das fair oder gerecht sein?
»Ms. Lassiter?« Mr. Younger betrat das winzige Wartezimmer des Pflichtverteidigerbüros. »Kommen Sie mit nach hinten.«
Emily folgte ihm und bewunderte wieder einmal, wie jung und gut aussehend er war. Als sie ihn im Gerichtssaal zum ersten Mal gesehen hatte, hätte sie ihn beinahe gefragt, wie alt er sei, weil er zu jung schien, um zu wissen, was er tat. Kurz hatte sie befürchtet, dass er gar nicht wirklich ein Anwalt, sondern irgendein Praktikant wäre, der an ihrem armen Bruder übte. Aber nein, nach allem, was sie online gefunden hatte, war Phineas Younger, Doktor der Rechtswissenschaften, ebenso sehr Anwalt, wie sie bankrotte Kellnerin und ehemaliges Model war. Er hatte seinen Abschluss als Jahrgangsbester an der University of Oregon gemacht und arbeitete als Pflichtverteidiger, seit er die Anwaltsprüfung bestanden hatte.
Als sie in sein Büro traten, fiel das Sonnenlicht durch das einzige Fenster herein und ließ Phins Haar schimmern. Emily hatte noch nie einen Farbton wie diesen gesehen: Es war erdbeerblond, doch je nach Lichteinfall sah es entweder ganz rot oder ganz blond aus. Genau jetzt brachte das Sonnenlicht die rotbraunen Strähnen zum Funkeln. Es war echt absurd.
Emily musste sich zwingen, nicht weiter wie eine Idiotin in Gedanken das Haar des Anwalts ihres Bruders zu bewundern. Hör auf, den Anwalt anzuglotzen, Em.
»Also. Nehmen Sie Platz.« Phin setzte sich an seinen Schreibtisch, der makellos organisiert war mit farblich gekennzeichneten Akten, die in verschiedenen Behältern und Organizern steckten. Zu seiner Linken lagen ordentlich aufgereiht Stifte, und ein Kalender mit ordentlicher Handschrift nahm einen großen Platz auf dem Schreibtisch ein. Emily sah sich um, und ihr Blick fiel auf das Bücherregal, das die ganze südliche Wand einnahm.
Sie versuchte die Titel zu entziffern, und in dem Wissen, dass das hoffnungslos war, fühlte sie sich plötzlich eingeschüchtert. Natürlich wusste sie um Phins Intelligenz. Schließlich war er Anwalt, um Himmels willen. Aber die Bücher hier stellten ein deutliches Blinksignal für sie dar, dass sie hier völlig überfordert war.
»Ihr Bruder befindet sich in einer schwierigen Lage, um es milde auszudrücken«, sagte Phin und schlug eine Akte auf, ohne Zeit zu verlieren. Er überflog ein Dokument, und seine Lippen wurden schmal, als er es durchlas. »Wie bei der Anhörung schon erwähnt, würde Josh trotz seines Alters der Prozess nach Erwachsenenstrafrecht gemacht werden, da für Raub zweiten Grades im Fall einer Verurteilung ein Mindeststrafmaß gilt. Außerdem wusste Josh, dass sein Freund den Laden ausrauben wollte. Auch die Tatsache, dass er und sein Freund von der Polizei angehalten wurden und das Diebesgut im Kofferraum gefunden wurde, sowie der schwerwiegendere Vorwurf, dass Mr. Berkley dem Kassierer bei der Tat Gewalt angedroht hat, sind nicht hilfreich.«
Als Emily gestern im Jugendgefängnis mit Josh gesprochen hatte, hatte er darauf bestanden, dass das alles die Idee seines besten Freundes Reggie gewesen sei. Das hatte Emily nicht überrascht, wenn man bedachte, dass Reggie auch der Anstifter dafür zu sein schien, dass Josh die Schule schwänzte und von zu Hause abgehauen war. Emily hatte versucht, Josh dazu zu bringen, nicht mehr mit Reggie abzuhängen, aber wenn sie ihren Bruder nicht in sein Zimmer sperren wollte, konnte sie nicht ständig auf ihn aufpassen und zugleich arbeiten, um die Rechnungen zu bezahlen.
Nach dem gestrigen Treffen mit Josh in der Strafanstalt hatte Emily endlich die ganze Geschichte hinter dem Raub erfahren. Josh hatte nicht darüber reden wollen, aber Emily hatte ihn bedrängt, bis er endlich nachgegeben hatte.
Laut Josh war Reggie eines Nachmittags, als sie beide die Schule geschwänzt hatten, auf die Idee gekommen, im örtlichen Kaufhaus zu klauen. »Man muss nur Zeug mit in die Umkleide nehmen, denn da gibt es keine Kameras«, hatte er Josh erzählt.
Als Reggie sagte, dass sie kleine teure Artikel wie Parfum stehlen und verkaufen könnten, um sich etwas dazuzuverdienen, hatte Josh schließlich zugestimmt. Es schien ein einfacher Plan zu sein. Reggie beharrte darauf, dass sein Cousin die ganze Zeit in Läden klaute und der Großteil seines Geldes daher kam.
Nach einiger Diskussion beschloss Reggie, dass er derjenige sein würde, der den Diebstahl beging. Josh sollte das Auto seines Cousins fahren, wenn Reggie aus dem Laden kam. Der Plan war recht simpel: Flaschen mit Eau de Cologne und Parfum klauen und dazu noch alles an kleinen Artikeln, was Reggie in der übergroßen Tasche seiner Jeans unterbringen konnte. Schnell rein, schnell raus.
Zunächst schien der Plan ohne Probleme aufzugehen. Reggie klaute Waren im Wert von mehreren Hundert Dollar und verließ ohne Zwischenfall den Laden. Josh entging nicht, dass Reggie nervös wirkte, als dieser einstieg und Josh beschimpfte, weil er nicht schnell genug losfuhr. In dem Moment bemerkte Josh das Messer in Reggies Hand.
Reggie leugnete, irgendwen bedroht zu haben, doch tief im Inneren wusste Josh es besser. Sein Freund bestand darauf, dass sie ihren Sieg feiern sollten. Sie waren nicht erwischt worden, oder?
Doch ihr Sieg währte nicht lange.
Josh hatte den Gedanken an das Messer verdrängt. Er war so aufgeregt, wie viel Reggie für sie beide gestohlen hatte, dass er gar nicht bemerkte, dass er raste. Als ein Cop ihn anhielt, weil er doppelt so schnell fuhr wie erlaubt, wäre Reggie beinahe auf der Stelle abgehauen.
Die beiden Jungs waren als Schauspieler nicht gut genug, um den Polizisten zum Narren zu halten. Auf ihre gereizten und nervösen Blicke hin bat er sie, aus dem Wagen zu steigen, und nur Momente später fand er das Diebesgut. Er hatte bereits eine Meldung über den Raub bekommen und identifizierte Reggie als den Gesuchten. Nur Minuten später waren Josh und Reggie festgenommen worden.
Als Emily in Phins Büro saß, wünschte sie, sie könnte in die Strafanstalt gehen und ihren Bruder durchschütteln, bis ihm die Zähne klapperten. Genau das hatte sie schon gestern tun wollen. Wie hatte er nur so dumm sein können?
Emily rieb mit den schweißfeuchten Handflächen über ihr Kleid. »Ich verstehe immer noch nicht, warum Josh auch des Raubes angeklagt werden soll. Er hat doch nichts gestohlen – das war Reggie.«
»Aber er wusste, dass Reggie vorhatte, den Laden auszurauben, und er hat ihm bei der Flucht geholfen. In den Augen des Gesetzes ist das mehr als genug«, erklärte Phin.
»Dann ist es das also?« Tränen der Verzweiflung brannten hinter ihren Lidern. »Josh kommt auf jeden Fall ins Gefängnis?«
Phins Stimme klang behutsam, als er sagte: »Höchstwahrscheinlich, aber da er den Raub nicht selbst begangen hat, verschafft uns das etwas Spielraum. Ich glaube, ein Deal ist in diesem Fall in seinem besten Interesse. Er kann auf eine geringere Anklage plädieren, so dass es nicht zum Prozess kommt, und dann fällt das Ganze auch nicht unter Bürgerinitiative 11. Er würde nach Jugendstrafrecht verurteilt, wo es um Rehabilitation und nicht um Bestrafung geht.«
Emily hörte zu, als Phin ausführlich über Deals und Urteilsverkündung sprach und mit allerlei Juristenjargon um sich warf, der über Emilys Horizont ging. Als er fertig war, schien es ihr, als wäre ihr Gehirn komplett überladen.
»Das kann doch nicht so einfach sein. Josh lässt sich auf einen Deal ein, und das war’s?«
Phin lächelte grimmig. »Nun ja, wir können es versuchen. Der Richter muss den Deal nicht annehmen.«
