Alle Guten waren tot - Gerasimos Bekas - E-Book

Alle Guten waren tot E-Book

Gerasimos Bekas

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Aris wurde in Griechenland geboren und als Kleinkind von Helmut und Gitte adoptiert – eine Art persönliche deutsch-griechische «Wiedergutmachung». Er ist inzwischen Altenpfleger und sein Job eine Zumutung oder, wie einer seiner greisen Patienten es formuliert: «Diese traurigen Augen, da wird man ja lebensmüde.». Als die todkranke Frau Xenaki ihm einen ungewöhnlichen Handel anbietet, schlägt er deshalb nach kurzem Zögern ein: Er soll für etwas Geld nach Griechenland reisen, um ihrer Enkelin Aphrodite eine Erbschaft zukommen zu lassen. Gleich nach seiner Ankunft in Athen wird Aris vom lebensklugen Kioskbesitzer Stelios und vom Möchtegern-Gigolo Sakis in allerhand seltsame Probleme verwickelt, bevor er Aphrodite und die versteckte Erbschaft überhaupt ausfindig machen kann. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Hinterlassenschaft um alte Familienphotographien handelt. Sie erzählen von Griechenlands dunkelster Zeit, in der Frau Xenaki gegen die deutsche Besatzung kämpfte, gemeinsam mit Aris Kommenos. Der berühmte Widerstandskämpfer ist der Namenspatron von Aris. Und der fragt sich: Wusste Frau Xenaki das? Gerasimos Bekas schreibt mit Witz und Verve über die Identitätssuche eines jungen Mannes und erzählt dabei so feinfühlig wie schonungslos die Geschichte des griechischen Widerstands während der deutschen Besatzung, eine Epoche, die in Deutschland immer noch gerne vergessen wird. Sein vielschichtiger Roman zeigt auch, wie die heutige Situation des Landes mit seiner Zerstörung durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs verbunden ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gerasimos Bekas

Alle Guten waren tot

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Aris wurde in Griechenland geboren und als Kleinkind von Helmut und Gitte adoptiert – eine Art persönliche deutsch-griechische «Wiedergutmachung». Er ist inzwischen Altenpfleger und sein Job eine Zumutung oder, wie einer seiner greisen Patienten es formuliert: «Diese traurigen Augen, da wird man ja lebensmüde.». Als die todkranke Frau Xenaki ihm einen ungewöhnlichen Handel anbietet, schlägt er deshalb nach kurzem Zögern ein: Er soll für etwas Geld nach Griechenland reisen, um ihrer Enkelin Aphrodite eine Erbschaft zukommen zu lassen.

 

Gleich nach seiner Ankunft in Athen wird Aris vom lebensklugen Kioskbesitzer Stelios und vom Möchtegern-Gigolo Sakis in allerhand seltsame Probleme verwickelt, bevor er Aphrodite und die versteckte Erbschaft überhaupt ausfindig machen kann. Es stellt sich heraus, dass es sich bei der Hinterlassenschaft um alte Familienphotographien handelt. Sie erzählen von Griechenlands dunkelster Zeit, in der Frau Xenaki gegen die deutsche Besatzung kämpfte, gemeinsam mit Aris Kommenos. Der berühmte Widerstandskämpfer ist der Namenspatron von Aris. Und der fragt sich: Wusste Frau Xenaki das?

 

Gerasimos Bekas schreibt mit Witz und Verve über die Identitätssuche eines jungen Mannes und erzählt dabei so feinfühlig wie schonungslos die Geschichte des griechischen Widerstands während der deutschen Besatzung, eine Epoche, die in Deutschland immer noch gerne vergessen wird. Sein vielschichtiger Roman zeigt auch, wie die heutige Situation des Landes mit seiner Zerstörung durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs verbunden ist.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Umschlaggestaltung FAVORITBUERO, München

Umschlagabbildung MyImages – Micha Beliavskii Igor;noolwlee;cgdeaw/Shutterstock

ISBN 978-3-644-00145-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

www.rowohlt.de

Für Pan

und meine Leute

«Everybody knows the war is over

Everybody knows the good guys lost»

Leonard Cohen

α

Pentelischer Marmor macht ästhetisch einiges her, eignet sich jedoch nur bedingt als Fußbodenbelag. Diese in ihrer Konsequenz schmerzhafte Erkenntnis verdankt die Welt den ersten Athenern. Am eigenen Leib erfuhren sie die hohe Verletzungsgefahr, die beim Betreten der vor allem bei Nässe rutschigen Böden besteht. Das Problem wurde nach den ersten unglücklichen Todesfällen unverzüglich angegangen, doch das Einmeißeln der Warnung «Vorsicht, Rutschgefahr!» hatte nicht den erhofften präventiven Charakter. Der gewünschte pädagogische Effekt ließ auf sich warten, die Menschen blieben unvorsichtig oder rutschten ihrer Vorsicht zum Trotz weiterhin aus, und ästhetisch gesehen, stellten die in den Stein der Tempel, Säulen und Mauern gehauenen Inschriften einen brutalen Eingriff in die Athener Architektur dar, was der Rat für Fremdenverkehr per Konsultation des Orakels von Delphi vorausgesehen hatte, ohne sich in dieser Frage durchsetzen zu können, was dem Rat in Delphi ebenfalls prophezeit worden war.

Der öffentliche Unmut wuchs. In der Presse war die Rede von Staatsversagen und Misswirtschaft. Die Regierenden fürchteten das zornige Aufbegehren ihrer Bürger und handelten entschlossen, ohne auch nur erahnen zu können, dass sie den Lauf der Dinge dadurch für immer ändern würden.

In einer siebzehnstündigen Krisensitzung des Hohen Athener Rates entstand ein Konzept, das bis heute als Grundlage menschlichen Zusammenlebens gilt und dabei die griechische Zivilisation begründet, groß gemacht und letztendlich zerstört hat: der Wettbewerb.

Alle Bewohner der attischen Halbinsel wurden aufgerufen, die beste Idee zu präsentieren und den idealen Weg vorzuschlagen, um des Problems, das Herodot in seinen lange verloren geglaubten Aufzeichnungen nachträglich als den «Marmor-Inzident» bezeichnete, Herr zu werden. Namhafte Aristokraten aus den besten Athener Häusern versuchten sich an einer Lösung. Hypotimos, der durch den Ausbau der Handelsflotte seines Vaters zu Reichtum und Ansehen gekommen war, schlug vor, in der ganzen Stadt eigens dafür ausgebildete und uniformierte Sklaven als Gehwegbegleiter für die Athener Bürger bereitzustellen. Das Projekt scheiterte an der personalintensiven und logistisch komplexen Umsetzung in der Betaphase. Hypotimos wurde zur Entschädigung für seine Mühen und die Bereitstellung der Uniformen für eine weitere Dekade von der Gewerbesteuer befreit und ließ sich ein Denkmal anfertigen, um seinen gewichtigen gemeinnützigen Beitrag nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Fälschlicherweise wird das Denkmal, das heute vor dem Nationalgarten, unweit des griechischen Parlamentsgebäudes, zu besichtigen ist, Euripides zugerechnet.

Das ist im Übrigen nicht ungewöhnlich. Die Statuen- und Büsten-Industrie wurde im frühen Athen zur Boombranche schlechthin. Das verlangte nach Innovationen im Produktionsprozess. Nach einigen Rückschlägen, ein Prototyp des fordistischen Fließbands etwa erwies sich für die Bildhauerei als weitgehend nutzlos, ging man dazu über, massenhaft fünf Standardmodelle zu produzieren. Jeder Athener konnte sich dann das Modell aussuchen, das ihm am ähnlichsten sah, und für einen kleinen Aufpreis gab es individuelle Anpassungen nach Absprache. Das löste einen neuen Trend aus, denn wer Bart trug und dadurch seine Physiognomie weitgehend verdeckte, fand leichter ein passendes Standardmodell. Maßgeschneiderte Büsten waren die absolute Ausnahme, wurden nur in wenigen Manufakturen angeboten und kosteten ein Vermögen.

Der Wettbewerb um die beste Idee zur Vermeidung von Rutsch-Unfällen auf Marmor dauerte mehrere Monate und führte zur Erfindung der Seilbahn, des Segelflugzeugs und der Stollenfußballschuhe. Der Marmor blieb rutschig. Unter den vielen Bewerbern, die versuchten, nachhaltigere Alternativen zu entwickeln, stach Rumelos hervor. Der ehemalige Sänger und Dichter, den es in die Politik verschlagen hatte, wo er von seiner früheren Popularität zehrte, stellte eine rutschfeste Fußmatte aus Hanffasern vor, die wahlweise individuell mitgeführt oder an den einschlägig bekannten Gefahrenstellen permanent ausgelegt werden sollte. Die Matte wurde von Experten als großer Durchbruch gepriesen. Sie war leicht herzustellen und ökologisch abbaubar. Prototypen wurden zu Phantasiepreisen unter der Ladentheke verkauft. Noch bevor dieser Ansatz flächendeckend im Alltag getestet werden konnte, kam heraus, dass Rumelos die gesamten Hanfvorräte in ganz Attika und bis nach Mykene aufgekauft hatte, um sich das Monopol zu sichern und am steigenden Hanfabsatz zu bereichern. Das Spekulationsgeschäft sorgte für große Empörung, obwohl Rumelos mit dem Handel gegen kein einziges geltendes Gesetz verstoßen hätte. Die Konkurrenz nutzte die Gunst der Stunde und erwirkte seine Verbannung auf die Insel Ägina, wo er bis ins hohe Alter ein bei Athenern sehr beliebtes Nachtlokal betrieb, in dem er seine größten Hits sang. Den Marmor-Inzident verarbeitete er in dem Lied «Immer wenn es regnet», mit dem er zwar nicht an die Publikumserfolge vergangener Jahre anknüpfen konnte, dafür aber Äonen später zur musikalischen Untermalung der Uraufführung von Aristophanes’ «Die Vögel» beitrug.

Mond um Mond verging, in den Sommermonaten kümmerte sich niemand um das Problem, denn da regnete es nicht, und so rutschten die wenigen verbliebenen Athener, die sich nicht an kühlere Stranddomizile geflüchtet hatten, auch nicht so oft aus. Außerdem war es schlicht zu warm für geniale Ideen. Dann kam der Herbst. Und mit dem Herbst kam der erste Regen, und mit dem ersten Regen kam der Hirtenjunge Kommenos aus den Bergen bei Arta, um Bestellungen für seinen Vater entgegenzunehmen, der dort einen Fleischereigroßbetrieb führte. Auf dem Weg zur Athener Agora lief Kommenos just in dem Moment neben einem älteren Mann, als dieser ausrutschte. Kommenos’ beherzter Griff verhinderte einen Sturz, und voller Dankbarkeit lud der ältere Mann ihn zu sich nach Hause ein, um ihn für seine Hilfe zu entlohnen. Aus Pflichtbewusstsein lehnte Kommenos ab, denn er wollte die Geschäfte seines Vaters so schnell wie möglich regeln. Er zeigte sich jedoch erstaunt darüber, dass niemand etwas gegen den rutschigen Marmor unternahm. So erfuhr er vom Wettbewerb und den vielen gescheiterten Versuchen, den verbreiteten Bodenbelag etwas stumpfer zu machen.

«Das ist doch ganz einfach. Man muss viele kleine Löcher in den Boden meißeln. In den Bergen machen wir das genauso, sonst könnten wir die Gipfel niemals lebendig erklimmen.» Die Idee klang nicht schlechter als die vorherigen, und so wurde sie auf Teststrecken ausprobiert und erzielte bereits bei ersten Probeläufen bahnbrechende Erfolge. Kommenos wurde mit einem Olivenzweig des heiligen Baumes der Stadt Athen belohnt und bekam die Ehrenbürgerschaft auf Lebenszeit zugesprochen. Ihm wurde trotz seiner Jugend ein Platz im Rat der Weisen angeboten, doch er lehnte ab: Er wollte zurück in die Berge vor Arta, um weiter im Betrieb seines Vaters arbeiten zu können. Sopholith der Ältere erließ indes im Jahre 1221 vor Christus das sogenannte «Marmordekret», wonach Marmorböden im Freien mit dicht beieinanderliegenden Einkerbungen zu versehen waren, um der Rutschgefahr bei Feuchtigkeit durch Regenfälle oder ähnliche Vorgänge Einhalt zu gebieten. Heute gilt das Dekret als der Vorläufer der Normierung nach DIN.

Fortan gab es strenge Vorgaben dafür, wie eine Marmorfußbodenplatte in der Athener Polis auszusehen hatte. Während die Opposition, die vom Rat der Trotzigen gebildet wurde, den Erlass als plumpe Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu entlarven versuchte, schrumpfte die Zahl der Verletzungen im Straßenverkehr bereits im ersten Jahr auf einen Bruchteil des Vorjahres, und die Athener Ärzte wurden durch die ausbleibende Notwendigkeit der ambulanten Unfallchirurgie so stark entlastet, dass ihnen Zeit für Forschung und Erholung blieb, was einen Innovationsschub zur Folge hatte, der unter anderem die asklepische Wende einleitete. Dass dies alles auf einen kleinen Hirtenjungen aus den Bergen zurückging, hatten bald selbst diejenigen vergessen, die dabei gewesen waren. Es gab keine Zeit zurückzuschauen. Die Menschheit war an ihrem Höhepunkt angelangt. Wenn man oben steht, schaut man nach vorne.

Von da an war der Verfall nur eine Frage der Zeit. Der Hellenismus blühte kurz und welkte in qualvoller Langsamkeit dahin. Innere Zerstrittenheit, globale Migrationsbewegungen und Kriege beschleunigten den griechischen Untergang. Der zeigte bald verheerende Auswirkungen. Römisierung, Christianisierung, Osmanisierung, Nationalisierung, Balkanisierung, Europäisierung. Innerhalb von zwei Jahrtausenden, einem olympischen Wimpernschlag, wurde jede Errungenschaft aufgegeben, jeder Erfolg zunichtegemacht. Von der griechischen Führungsrolle in der Welt blieben nur Bauruinen. In mühevoller Kleinarbeit versuchten die Überlebenden der Katastrophe zumindest einen Bruchteil dessen zu rekonstruieren, wozu die Menschheit schon mal imstande gewesen war, doch vieles war für immer verloren.

Am Ende wussten die Neugriechen nicht mehr, wo oben und wo unten war. Sie lebten mit der Gewissheit, dass der Trümmerhaufen, auf dem sie standen, einst ein prächtiger Palast gewesen sein musste. Sie waren stolz auf ihre Herkunft und hatten Angst vor ihrer Zukunft. Wer hat da Zeit für Gegenwart? Allein der Marmor blieb, als Zeuge vergangener Größe, doch das Marmordekret ging verloren und somit auch das Wissen um den richtigen Umgang damit.

Der zivilisatorischen Demenz des Griechentums, so lautet unsere Hypothese, ist es in erster Linie anzukreiden, dass sich folgender Vorfall ereignen musste, der jeglicher Relevanz für den Lauf der Weltgeschichte entbehrt, kommenden Generationen jedoch als mahnendes Exempel dienen kann.

An einem Freitagvormittag, Anfang September 2016, rutschte der junge Deutschgrieche, Grecodeutsche, Interimsfranke, Mensch mit Migration Aris Kommenos-Stein vor dem Nebeneingangstor des Ersten Athener Friedhofs auf dem marmornen Gehweg aus, scheiterte an der motorischen Herausforderung, seinen Aufprall mit den Händen abzufangen, und landete mit dem Hinterkopf zuerst. Das dabei entstehende Geräusch beschrieb eine Augenzeugin mit demjenigen, das beim Aufplatzen einer überreifen Melone nach dem Fall vom Transportfahrzeug entstehe. Ein Trauergast, der unmittelbar nach dem Aufprall den Unfallort passierte, erkannte im Muster der entstandenen Blutlache das Antlitz der Muttergottes. Die Sanitäter waren innerhalb weniger Minuten vor Ort. Der junge Mann war bis zum Eintreffen des Krankenwagens ansprechbar, aber bewegungsunfähig.

Anstatt der Sirenen hörte Aris eine dumpfe Stimme aus der Ferne, die ihm zurief: «Es geht nicht immer nur um dich.» Dann verlor er das Bewusstsein.

Es wäre zweifellos zu einfach und eines ernsthaften Arguments nicht würdig, die alleinige Schuld für diesen bedauerlichen Vorfall bei den Griechen zu suchen. Auch hier haben wir es mit einem komplexen Sachverhalt zu tun, der eine gründliche und besonnene Analyse des multifaktoriellen Ursachenbündels erfordert. Wer verstehen will, wie es zu diesem Unglück kommen konnte, kommt nicht umhin, sich dem Unglück einer anderen Person zu widmen. Am Anfang war das Ende von Frau Xenaki.

β

Das Erste, was Aris von Frau Xenaki zu sehen bekam, war ihr Gebissabdruck. In Abstufungen von purpur bis dunkellila prangte er auf Claudias linkem Trizeps. Die Zähne hatten sich nicht vollständig in ihre solariumgegerbte Haut bohren können, und doch bestand kein Zweifel. So richtig weg ging das nie wieder. «Ist doch gar nicht schlecht geworden. Sieht aus wie tätowiert», sagte Aris. «Vielleicht noch eins auf die andere Seite?»

Claudia setzte zur Antwort an, doch ließ es bleiben. Sie war nicht gefechtsbereit. Ihr Lidstrich war noch immer verwischt und verriet die vergossenen Tränen. Schmerz und Wut, achtzig zu zwanzig, das Übliche. Beim Betreten des Raumes hatte sie noch etwas stabiler gewirkt.

Am weißen ovalen Plastiktisch im Pausenraum des fünften Stocks löste sie jetzt weiter Sudoku für Fortgeschrittene. Mit Kugelschreiber, nicht wie sonst mit Bleistift und Radiergummi, füllte sie die leeren Felder mit Ziffern. Sie war nicht etwa mutiger geworden, es war nur nicht ihr eigenes Rätselheft.

Hinter den Milchglastüren, auf dem Flur, wurde fleißig gewuselt. Der fünfte Stock war chronisch unterbesetzt, deswegen schafften es hier nur wenige, ihre Pausen zu machen. Allen Kollegen, die wie Aris oder Claudia auf einem anderen Stockwerk arbeiteten, kam das sehr gelegen. Sie konnten ihre Pause in Ruhe im Fünften verbringen, ohne Pausenneider, ohne unterbrechende Notfälle, ohne oberflächlichen Plausch.

Aris goss Filterkaffee in die I HEART LUTHERSTADT WITTENBERG-Tasse nach, dabei sah er absichtlich nicht so genau hin. Das letzte Mal war die Thermoskanne von innen so stark mit Schimmelpilzen besiedelt gewesen, dass er meinte, den Amazonas aus der Vogelperspektive zu sehen. Wer keine Pause macht, kommt auch nicht zum Geschirrspülen. Claudia war das egal. Dreck reinigt den Magen, sagte sie, als Kinder haben wir Hühnerköttel gefrühstückt. Hat uns auch nicht geschadet.

Mit dem, was Aris im Kühlschrank finden konnte, hatte er ihr eine Gorgonzola-Bärchenwurst-Stulle geschmiert, zum Trost, garniert mit fast noch frischer Kresse, doch Claudia konnte jetzt nichts essen. Die Bisswunde war zu tief, um einfach weiterzuarbeiten, aber nicht tief genug, um sich krankschreiben zu lassen.

Gerade Zähne, kaum Plomben, gleichmäßige Bisskraft, das hat Seltenheitswert in Frau Xenakis Alter, dachte Aris, während er ihre Akte durchblätterte. Claudia ließ ihre Beine zu Radio Charivari wippen, zog am Stummel ihrer dritten F6, legte plötzlich ihr Rätselheft weg und wandte sich an Aris.

«Was soll’s. YOLO, YOLO. Man lebt nur einmal. So sagt ihr das doch, oder? Nur die Harten kommen in den Garten, so haben wir gesagt.»

Aris staunte über Claudias plötzlichen Sinneswandel. Sonst weinte sich Claudia routiniert bei Aris aus, schilderte jede noch so kleine Verletzung mit dem Enthusiasmus eines Sportreporters beim Länderspiel. Dabei machte sie aus jedem Kratzer eine Blutgrätsche im Strafraum, mit ständiger Zeitlupenwiederholung aus allen Kamerablickwinkeln.

Als Claudia das letzte Mal was abbekommen hatte, Frau Keller hatte ihr beim Blutabnehmen die Nadel entrissen und ihr in den Brustkorb gerammt, war sie eine Woche lang außer sich gewesen und nicht in der Lage, von etwas anderem zu sprechen. Jetzt wirkte sie fast fröhlich und ging nahtlos zur vierten F6 über.

«Weißt du», sagte sie und ließ den Rauch langsam aus den Nasenlöchern ab, «diese X-Frau, die hat was zu mir gesagt.»

«Was denn?»

«Ich habe es nicht verstanden, es war wohl Griechisch.»

«Na, was hat sie denn gesagt?»

«Was ganz Kurzes. Ein Wort. Monolawe, Mololawe oder so.»

«Molon Lave?»

«Ja, genau. Das war es. Wieso lachst du so? Ist das ein Schimpfwort?»

«Hast du nicht ‹300› gesehen? Das heißt: Komm und hol sie dir! Das haben die Spartiaten damals zu den Persern gesagt, als die denen angeboten haben, sie am Leben zu lassen, wenn sie ihre Waffen abgeben.»

«Gut, ich brauche jetzt keine Geschichtsstunde. Aber ich sehe, du wirst deine Freude mit ihr haben.»

«Was meinst du? Ich habe mit dem Siebten nichts zu tun. Das weißt du doch.»

«Die X. will einen Griechen, sonst beißt sie wieder. Wie gut, dass wir einen für sie haben.»

Das letzte Mal, als Aris sich aufgrund seiner abstrakten Zugehörigkeit zum Griechentum für einen Sonderjob qualifiziert hatte, endete das für ihn in einer Urindusche und Nasenbluten, weil er sich geweigert hatte, den Lottoschein von Herrn Panajotopoulos aus seiner eigenen Tasche zu bezahlen, bei einer Gewinnbeteiligung von 10 Prozent.

«Die dürfen mir nicht jeden Scheiß aufladen», protestierte Aris.

Er würde trotzdem zu Frau Xenaki gehen. Aris lehnte keinen Job ab, er gab sich einfach keine Mühe und hoffte durch diesen Ansatz, den er als passiven Widerstand bezeichnete, unangenehmen Aufgaben dauerhaft zu entgehen. Der Erfolg dieser Strategie war bislang ausgeblieben, zumindest im Rahmen seiner Beschäftigung in der gerontopsychiatrischen Abteilung des Würzburger Silvaner-Spitals.

«Wo der Ossi versagt, muss der Grieche ran, oder was?»

«Ist doch prima, dass du auch mal für was gut bist.»

«Du kannst mich mal.»

«Darauf komme ich zurück, sobald mein Arm wieder in Ordnung ist. Auf jeden Fall weiß der Dr. Allister schon Bescheid. Er denkt sogar, es wäre seine Idee gewesen. Du hast die X. am Hals und machst auf 6A einfach bisschen schneller, junger Kollege. Und du sollst gleich hoch zu ihr.»

Aris beugte sich resigniert über den Patientenbericht.

«Sag mal, hast du das hier auf Russisch geschrieben? Ich kann das nicht lesen. Warum ist Frau Xenaki hier?»

«Ach, so spricht man das aus? Scheißname. Na warum wohl? Selbstgefährdung, hat versucht, den Abgang zu machen. Kann man ihr nicht übelnehmen. Erst Verdacht auf Demenz, dann sind die auf Tumore gestoßen. Hirn und weiß der Teufel wo. Hat gestreut wie nichts.»

«Wie lange hat sie noch?»

«Bis morgen oder nächste Woche, höchstens bis zum Sommer. Die ist 89, du weißt, da ist der Krebs auch eher träge. Sieht aber fit aus.»

«Warum ist die dann bei uns und nicht zu Hause?»

«Hast du mich das gerade wirklich gefragt?»

«Entmündigung?»

«So sicher wie der Ouzo beim Griechen! Sag mal, musst du nicht arbeiten?»

«Ich lagere gerade die komplette 6A um. Siehst du das nicht?»

Stolz lag in seiner Stimme, denn er hatte es geschafft, eine Lücke im engen Zeitplan zu finden und dabei etwas für das Wohlbefinden aller auf Station 6A zu tun. Die meisten Patienten dort spürten und bewegten ihre Körper kaum noch und bekamen Druckstellen vom Liegen, die sich binnen weniger Stunden entzündeten, wenn Aris sie nicht regelmäßig umlagerte. So verlor er in den ersten Wochen jeden Tag eine halbe Stunde Zeit, denn die Patienten waren oft schwer, und wenn er sie nicht behutsam hob, kam der Dekubitus von seinen Griffen und nicht vom Liegen. Mit einem Sack Tischtennisbällen, die er zum Wochenanfang unter die Patienten schob, und ordentlich Hautcreme nach jedem dritten Frühstück sparte er den Rest der Woche Zeit, die er für Pausen nutzte, und es gab sogar weniger offene Wunden als vorher. Offene Wunden waren das Schlimmste. Trotzdem teilte er seine Innovation nur mit Claudia, schließlich verletzte er dabei sämtliche Dienstvorschriften.

«Lass dich nicht erwischen! Ich geh jetzt den Papierkram machen, und dann fahre ich zum Amtsarzt. Mir egal, ob er wieder rumnervt. Mach den Rauchmelder wieder an, wenn du gehst.»

 

Auch für Aris wurde es Zeit sicherzustellen, dass zumindest keiner aus dem Bett gefallen war. Eigentlich konnte nichts passieren. Wer auf 6A lag, war angeschnallt, hatte meist die komplette Palette an Einrichtungen durch und entweder keine Verwandten mehr oder aber Verwandte, die ihn wirklich hassten. Paranoia blieb aber nicht aus bei Aris’ Job, selbst wenn nicht viel schiefgehen konnte. Oder es keinen mehr interessierte.

Aris schaute kurz auf 6A vorbei, wie erwartet war alles in Ordnung, und nahm die Treppe in den siebten und für ihn unattraktivsten Stock der ganzen Einrichtung. Der PVC-Boden und die seiner Ästhetik nach pissgelben Wände, in der Kommunikation nach außen lemonesque genannt, bereiteten ihm einen Cocktail aus Platzangst und Würgereiz. Im Siebten roch es immer schrecklich, auch dann, wenn gerade kein Norovirus umging. Das lag daran, dass der Siebte Himmel, wie Claudia ihr Stockwerk gern umschrieb, täglich damit beschäftigt war, Menschen ableben zu lassen, und da die Engel des Siebten Himmels dabei nicht nachhelfen durften, war das Ergebnis nicht immer appetitfördernd. Die Alternative war der stechende Geruch nach Desinfektionsmittel, der Aris Tränen in die Augen trieb.

Der eigentliche Grund, warum Aris den siebten Stock mied, war dennoch ein ganz anderer. Er versuchte, Sibel aus dem Weg zu gehen, der Pflegerin, in die er schon als Zivi verknallt gewesen war und die ihn bei der letzten Schwesternfeier kurz vor Weihnachten mit nach Hause genommen hatte, um ohne Absprache ihre eigenwillige Interpretation der Fifty Shades of Grey auszuprobieren. Als sie mit ihm fertig gewesen war, schickte sie ihn weg und tat fortan, als wäre nichts gewesen. Mit brennenden Brustwarzen, Blutergüssen und dem abstrakten Gefühl, entwürdigt worden zu sein, war er damals durch den Schnee nach Hause gelaufen.

Eilig durchquerte Aris den Flur. Er musste, wie er der Akte entnommen hatte, in das Zimmer 707 am Ende des Ganges, das immerhin über zwei Fenster verfügte. Das ganze Stockwerk schien zu schlafen. Aris hörte nur das jazzige Piepen der Todverzögerungsgeräte. Wenn er lange genug lauschte, entstand ein tanzbarer Beat, und so trat er, ohne darüber nachzudenken, mit seinem ganzen Körper dem Rhythmus folgend, in Frau Xenakis Zimmer. Frau Xenaki war an ihr Bett geschnallt, hatte den Kopf auf der linken Schulter abgelegt und schaute aus dem Fenster. Aris räusperte sich und nickte ihr zu, bevor er die Kanülen aus der Tasche seines Pflegerkittels zog und sie zu beschriften begann. Frau Xenaki musterte ihn ohne ersichtliche Regung. Ihren Augen nach zu urteilen, war sie etwas über den Durst sediert worden. Mit einem Ruck richtete sie sich jedoch auf und schien hellwach.

«Und was willst du jetzt von mir?»

«Guten Tag, Frau Xenaki. Einmal Blutabnehmen, bitte.»

«Warum?»

«Das Blut schicken wir ins Labor, und dann wissen wir mehr über Ihren Zustand.»

«Mein Zustand geht keinen etwas an. Warum arbeitest du für die?»

«Warum ich hier arbeite?»

«Ja, warum lernst du keinen richtigen Beruf?»

«Also Altenpfleger ist ein richtiger Beruf, mit viel Zukunft.»

«Warst du nicht klug in der Schule?»

«Bitte?»

«Hast du Drogen genommen und dein Gehirn kaputt gemacht? Kiffe, Kiffe?»

«Nein, Frau Xenaki, mein Gehirn funktioniert, danke.»

Frau Xenaki hob die linke Augenbraue und blickte ihn prüfend an.

«Das verstehe ich nicht. Was sagt deine Mutter dazu, dass du hier arbeiten musst?»

«Ich muss nicht. Keiner zwingt mich, hier zu arbeiten.»

«Schämt sie sich, deine Mutter? Die Arme. Nur wer Kinder hat, kann dieses Leid verstehen. Du kannst ja nichts dafür, sie hätte sich um dich kümmern müssen, dir den richtigen Weg zeigen.»

«Darf ich Ihnen jetzt Blut abnehmen?»

«Wenn du das schlecht machst, beiße ich dich.»

«Danke, das ist sehr motivierend.»

Ihre Venen waren einwandfrei, sie war nicht so ausgetrocknet wie die anderen Leute hier, derentwegen Dracula verhungern müsste, wie Claudia oft scherzte. Mit etwas Glück würde Aris in unter fünf Minuten mit drei Kanülen durch sein. Voll im Soll. Frau Xenaki schien es trotz ihrer Drohung egal zu sein, was er da an ihrem Arm machte. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, bis ihre Unterlippe nach vorne ploppte und sie weiterredete.

«Sag mal, was bist du eigentlich für ein Grieche?»

«Ist mein Griechisch nicht in Ordnung?»

«Dein Griechisch ist mir egal. Aber du siehst komisch aus.»

«Ich bin ganz zufrieden.»

«Du bist so groß wie ein Türke, und du guckst wie ein Jude.»

«Bei Ihnen war Rassenkunde wohl Hauptfach.»

«Diese traurigen Augen, da wird man ja lebensmüde.»

«Wir geben hier alles für Sie. Das erschöpft eben.»

«Zu hell für einen Kleinasiaten, zu dunkel für einen Walachen, nicht breit genug für einen Makedonen. Die Nase ist zu gerade für einen Pontus-Griechen. Und überhaupt zu wenig Kanten für einen Mann. Du hast keine Freundin.»

In seiner Phantasie zog Aris eine Beruhigungsspritze wie ein Wurfmesser aus seinem Gürtel und traf Frau Xenaki, ohne hinzusehen, in den Oberschenkel. Sie schlief auf der Stelle ein, und er verließ den Raum, ohne sich noch mal umzudrehen. Im Gehen zündete er sich eine Zigarette an, löste dadurch den Feueralarm aus und verließ unbemerkt das Spital.

«Guck nicht so. Du bist zottelig. Keine Frau der Welt würde dich so herumlaufen lassen. Nicht mal eine Deutsche. Du bist traurig, einsam und unglücklich. Du hast keine Eltern. Du bist ein Waisenkind.»

Aris errötete, versuchte aber trotzdem, möglichst unbeeindruckt zu wirken.

«Wollen Sie mir vielleicht noch die Zukunft aus der Tasse lesen?»

«Nicht nötig, ich brauche kein Hokuspokus. Ich bin Psychologos.»

«In Ihrer Akte steht, Sie waren Gastwirtin.»

«Was ist ein Wirt anderes als ein Psychologos? Du musst wissen, warum die Leute sich betrinken wollen, damit du weißt, was du ihnen zu trinken gibst und vor allem wie viel.»

«Apothekerin sind Sie also auch noch?»

«Du musst die Menschen glücklicher nach Hause schicken, als sie zu dir gekommen sind. Weniger traurig. Sonst kommen sie nicht wieder. Und du musst sie austricksen, damit sie Trinkgeld geben, obwohl das Bier zu teuer ist.»

«Gut, ich glaube, wir haben eine unterschiedliche Definition von Psychologie, Frau Xenaki. Aber ich verstehe, Sie sind Psychologos, und ich bin jetzt fertig. Ich komme morgen wieder vorbei.»

«Warte, mach mich los. Ich bin doch keine Kriminelle.»

«Erzählen Sie das mal meiner Kollegin.»

«Mir hat man als Kind beigebracht, auch Alte wie Menschen zu behandeln. Aber das ist wohl nicht mehr in Mode. Ich könnte deine Oma sein.»

Aris tat, als würde er ihren vorwurfsvollen Blick ignorieren, lockerte Frau Xenakis Gurte beiläufig etwas, versicherte sich aber, dass sie trotzdem keinem gefährlich werden konnte. Dann ging er wortlos Richtung Tür.

«Erzähl mir morgen, wo du herkommst, kleiner Mann.»

«Sie können mich auch Aris nennen.»

«Oder ich nenne dich einfach kleiner Mann, kleiner Mann.» Sie kicherte und griff zur Fernbedienung, um die Rückenlehne ihres Bettes herunterzulassen. Aris bekam Gänsehaut vom Surren der Hydraulik und atmete tief durch, als er die Tür hinter sich schloss.

 

«Servus, Aris! Was machst du denn hier? Dich habe ich ja ewig nicht mehr gesehen.»

Aris war nicht überrascht. Er fand es nur konsequent, dass jetzt auch noch Sibel vor ihm stand, kaum hatte er das Zimmer verlassen.

«Ich war bei Frau Xenaki. Der Allister hat gesagt, ich soll sie betreuen.»

«Ah, die ist süß, gell?»

«Total. Ich muss weiter.»

«Aris, warte mal.»

Aris tippte im Vorbeigehen auf die nicht vorhandene Uhr an seinem Handgelenk und verschwand im Aufzug. Er drückte den Knopf für den sechsten Stock, stieg dort aber nicht aus, sondern blieb regungslos stehen, als sich die Tür öffnete, bemerkte den Wandkalender gegenüber, der immer noch Oktober zeigte, obwohl längst November war. Für eine Etage lohnte sich der Aufzug ohnehin nicht. Er sah der Tür beim Schließen zu und fuhr weiter in den Keller, so wie er es immer tat, wenn er abhauen wollte, ohne ausgestempelt zu haben. Er schnappte sich eine viel zu große Strickjacke aus der Kammer mit den Kleiderspenden und nahm seinen gewohnten Weg. Vorbei am Leichensaal, dem Raum mit dem Kehrgerät und den Mülltonnen, kam er über die Nottreppe unbemerkt bis zum Hintereingang neben dem Parkhaus. Schon während seiner Ausbildung hatte er sich die Arbeitstage verkürzt, indem er zwischendurch so verschwand und kurz vor Dienstschluss den gleichen Weg zurücknahm, um doch noch auszustempeln.

Aber dieses Mal wollte er nicht einfach nur während der Arbeitszeit ein Bier am Main trinken. Dazu wäre es draußen ohnehin zu kalt. Aris musste den Kopf freikriegen. Der Kloß in seinem Hals wurde immer wuchtiger, hinderte ihn am Atmen und Denken. Er manövrierte sich mit Mühe durch die kleinen Gassen, um die Altstadt in Richtung Zellerau zu verlassen. Die ganz eifrigen unter den Ladenbesitzern hatten ihre Schaufenster schon für Weihnachten dekoriert. Übertrieben hatten wieder dieselben, zum dritten Jahr in Folge. Die Apotheke mit einem besonders großen Angebot an Ersatzteilen für Alte: Rentiere in Stützstrümpfen, von blinkenden Lichtgirlanden illuminiert. Der zweite Platz ging an den Optiker, der eine geschätzte Tonne Watte in der Vitrine zu einem halben Meter Neuschnee gestapelt hatte, aus dem rote, grüne und funkelnde Brillengestelle ragten, und Platz drei hatte sich der komische Laden mit den Namenstassen gesichert, die in einer kleinen aufblasbaren Weihnachtshüpfburg ausgestellt waren, bewacht von einem ebenfalls aufblasbaren Weihnachtsmann, der in Spider-Man-Pose kopfüber von der Decke hing. Seitdem Aris lesen konnte, wunderte er sich über diese Tassen. Für wen wurden die gemacht? Anfangs suchte er noch nach einem Exemplar mit seinem Namen, doch die konnte er damals genauso wenig finden wie heute. Hildegard war immer vorrätig, Bernward auch. Andererseits, eine Tasse mit dem eigenen Namen ergibt vor allem dann Sinn, wenn man dazu neigt, diesen zu vergessen. Im Silvaner-Spital etwa war es sehr vernünftig, Schnabeltassen mit Namensetiketten zu beschriften. Und die Namensauswahl war ähnlich. Mit diesen Gedanken kam Aris am Alten Kranen an und musste nach rechts abbiegen und die Talavera-Brücke nehmen, obwohl das ein Umweg war. Auf der Alten Mainbrücke wäre die Gefahr zu groß, Kollegen beim Glühweintrinken zu treffen. Was für ein albernes Getränk mit völlig unverdienter Monopolstellung. Wenn es warm war, tranken die Leute auf der Brücke Müller-Thurgau-Schorle, Aperol-Spritz oder Hugo. Die Leute unter der Brücke tranken Öttinger oder Lübzer aus der Plastikflasche, also im weitesten Sinne Pilsener. In der Peripherie Biermischgetränke, lokale Biere für geschmacklose Lokalpatrioten und bayerische Qualitätsbiere für Leute, die Niveau heucheln wollten oder Marken-Assis waren. War es kalt, tranken plötzlich alle Glühwein. Egal ob auf oder unter der Brücke. Und es war kalt, nasskalt. Die Wolkendecke entfärbte Main und Menschen. Es war, als hätte jemand Würzburg auf Graustufen gestellt. Das half Aris nicht dabei, auf schönere Gedanken zu kommen. Nicht mal die watschelnden Riesenenten, an denen er sich sonst erfreuen konnte, weil sie so fett waren, dass sie wie Kaninchen auf dem Weg herumhoppelten und die vielen Allwetter-Radfahrer zu gefährlichen Bremsmanövern zwangen, heiterten ihn auf. Es war, als hätte ihm Frau Xenaki einen mentalen Nierenschlag verpasst und Sibel ihm noch mal in den Unterleib getreten, als er schon k.o. am Boden lag.

Das Spital war sein Reich. Geredet wurde im Pausenraum und nur, mit wem und wann er wollte. Er war es nicht gewohnt, dass Patienten so mit ihm umsprangen. Überhaupt mit ihm redeten, vom wimmernden «Herr Doktor, helfen Sie mir» einmal abgesehen. In ihm stieg wieder dieser Druck bis in die Nasennebenhöhlen auf, der kein Niesen war, auch wenn es sich so anfühlte, sondern die Vorankündigung für das schluchzende Weinen, dass er sich wie das Rauchen angewöhnt hatte, als er in die Schule kam. Den Tränenausbruch konnte Aris hinauszögern, bis er in der Brunostraße ankam.

Der Ersatzschlüssel steckte wie immer im Loch auf der Rückseite des «Willkommen bei Helmut, Gitte und Aris»-Türschildes, das Aris in der Grundschule getöpfert hatte. Anders als in seinem Zimmer im Schwesternwohnheim hatte Aris hier, in seinem sogenannten Elternhaus, Ruhe und war allein. Keine Wände aus Pappe, keine Gemeinschaftsküche. Ein ganzes Haus für sich.

Helmut und Gitte erweiterten ihr Straßenhundeprojekt bei Ioaninna gerade mit Freiwilligen von der Universität um neue Zwinger. Gitte hatte wie immer für Aris gesorgt. Am Kühlschrank war eine durchnummerierte Liste der Mahlzeiten, die sie für ihn im Tiefkühlfach deponiert hatte. Gefüllte Bifteki mit Feta und Ofenkartoffeln, Kohlrouladen, Lasagne, Gulasch und Kalamaris für den Aris. Das fand Gitte schon lustig, als sie Aris im Alter von vier Jahren zum ersten Mal an die Fritteuse stellte. Aris hatte schon damals nicht darüber gelacht.

Er war nicht hungrig. Unter der Spüle, verdeckt durch Gummihandschuhe in allen Farben des Regenbogens, fand Aris den kleinen Kasten Kauzenbier, den Helmut immer irgendwo im Haus versteckt aufbewahrte, damit Gitte ihn nicht fand und ihm alles wegtrank.

Der Kloß in Aris’ Hals war mittlerweile zum Knoten in der Brust geworden. Er bekam die Bierflasche weder mit dem Feuerzeug noch mit dem Fischmesser auf, dessen Klinge brach, obwohl sie aus Solingen war. Er musste auf den Souvenir-Flaschenöffner zurückgreifen, den Helmut in Berlin geschenkt bekommen hatte, als er mit seiner zwölften Klasse im Erotikmuseum war. Überhaupt quoll die Wohnung über vor Berlin-Devotionalien, Helmut machte jedes Jahr drei Exkursionen: Dachau, Buchenwald, Berlin. Er hasste Goethe und mied das nahegelegene Weimar, und er hasste München und verbot seinen Schülern deswegen, die Gedenkstättenführung mit Shopping am Stachus zu verbinden. Kauzenbier war genau richtig für so einen komischen Kauz, dachte Aris. Lustvolles Stöhnen begleitete das überfällige Öffnen der Flasche. Er machte weitere drei auf, sie sollten in Bereitschaft zur Verfügung stehen. Beim letzten Bier glaubte er, Sibel zu hören. «Uuuh, yes Baby!»

Mit einem Seufzer ließ sich Aris auf den Küchenboden sinken, landete im Schneidersitz auf dem kleinen handgeknüpften und viel zu bunten Flickenteppich, nahm einen Schluck von dem warmen Bier und versuchte, sich zu sammeln. Bei der Kälte konnte man nicht denken, er schaltete die Fußbodenheizung ein, was aus Gründen, die ihm gerade nicht einfielen, keine gute Idee war, aber notwendig. Vernunft kann so kalt sein, sang Spaceman Spiff immer. Musik wäre gut. Jeder bekommt den Rock ’n’ Roll, den er verdient, rauschte es Aris aus dem Handylautsprecher entgegen. Das Küchenradio hatte Gitte vor der Reise abmontiert. Aus Sicherheitsgründen.

Was das Trinken anging, war Aris gleichermaßen untalentiert wie unroutiniert. Es war wie bei jeder anderen Sportart auch: Aus dem Nichts lief man keinen Marathon, und Aris trank nach der Devise «Zu viel oder gar nicht».

Dabei war er mit dem idealen Vorbild aufgewachsen, denn Helmut machte das Trinken zu einem besseren Menschen, einem freundlicheren. Mit steigendem Alkoholpegel wuchs seine Liebe zur Menschheit exponentiell. Dazu kam, dass er auch nach sieben Bieren auf dem Berliner Ring fahren konnte, ohne auch nur einen Schlenker zu machen oder einen Huper zu provozieren. Ganz ohne sichtbare Anstrengung.

Wenn Gitte trank, es reichte schon ein halbes Glas, konnte sie sich nicht mehr deutlich artikulieren. Sie war dann zwar nicht sonderlich betrunken, weigerte sich aber einzugestehen, dass sie lallte. Sie konnte in diesem Zustand stundenlang Unterhaltungen führen und begeisterte sich dabei gern für ihre eigenen Gedanken. Ihre Umwelt hatte sich damit abgefunden.

Aris konnte nicht betrunken werden. Er wurde müde, oder ihm wurde übel. Im schlimmsten Fall beides. Und so hatte er schon das ein oder andere Mal beim Brechen mit dem Einschlafen kämpfen müssen und umgekehrt.

Diese Frau Xenaki hatte ihn verletzen wollen, so glaubte er, dabei hatte er sich immer einiges darauf eingebildet, dass auch die unbequemsten Patienten relativ nett zu ihm waren. Sofern man überhaupt von Interaktionen sprechen konnte. Und Sibel hatte doch wieder mit ihm geredet. Ihn erst wie eine Fliege, einen jungen Schmetterling in der Hand gehalten, von allen Seiten begutachtet, ihm die Flügel ausgerissen und ihn dann noch mal zertreten.

Es ist immer noch besser, nicht zu wissen, wer du bist, und dafür ganz genau, wer nicht, sang Spaceman Spiff weiter, und Aris schlief auf dem Küchenboden ein, bevor er die Flasche wieder an den Mund führen konnte.

Sommer 1943

«Und es war eine richtige Hochzeit? Mit Bonbonnieren und allem?»

«Ja, Tante, ich sage es dir doch. Ich habe dir auch welche mitgebracht. Ganz oben in meiner Tasche. Sind aber nicht sehr süß. Zucker war wohl knapp. Aber jetzt lass mich schlafen. Hätte ich mich doch einfach dort hingelegt! Mein Kopf.»

«Nichts da! Die Sonne ist längst aufgegangen. Was glaubst du, wie früh du erst im Kloster aufstehen musst? Gewöhn dich schon mal dran.»

«Auf Athos werde ich aber kaum so viel Wein trinken wie gestern. Alles dreht sich.»

«Wenn du dich da mal nicht irrst. Die haben guten Wein auf Athos.»

Tante Tasia zog Stylianos mit einem Ruck das Leinentuch vom Körper, zwickte ihn in den Oberschenkel, faltete das Tuch mit drei flinken Handgriffen auf die Größe einer Zeitung zusammen und hängte es über das Bettende.

Stylianos drehte sich auf den Bauch, grub das Gesicht, so gut er konnte, in das harte Kissen und kniff die Augen zusammen. Doch Tante Tasia gab nicht auf und pikste jetzt in seine Waden. Es war hoffnungslos.

Die morgendlichen Sonnenstrahlen fielen durch das offene Fenster direkt auf das Bett. Er würde sicher sowieso nicht noch mal einschlafen können. Zu warm war es auch. Es war August, kein Regen in Sicht, nicht mal eine Wolke, schon seit Wochen. Stylianos hatte seit dessen Tod im Bett seines Onkels Lefteris geschlafen. Das Bett, darauf war sein Onkel stolz gewesen, stand genau so, dass er sich jeden Morgen rechtzeitig von der Sonne wecken lassen konnte, um nach den Tieren zu sehen und sie zu füttern. Bis zum Krieg.