Alle Sterne für Dich - Jessina Lux - E-Book

Alle Sterne für Dich E-Book

Jessina Lux

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Beschreibung

Sommer in Starbay an der irischen Küste. Engel Nara ist in Kuppellaune und der scheue und auch ein wenig einsame Plattenverkäufer Walter- im Grunde kaum ein gängiges Irenklischee erfüllend, er mag ja noch nicht mal U2-kann noch nicht ahnen, was für überirdische Musik bald auf ihn wartet und dass es noch so viel mehr gibt zwischen Dublin, Dingle und allen übrigen Universen, als er sich je hätte ausdenken können.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jessina Lux

Alle Sterne für Dich

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

DER TAG FÄNGT JA GUT AN. Anscheinend habe ich Hallus. Da drüben an der Wand steht klar und deutlich in femininer Schönschrift: „Hallo!“

Es ist eine Geisterschrift wie bei Belsazar. O je, das verheißt nichts Gutes.

Ich habe mit Wahnvorstellungen wirklich nichts am Hut. Ich bin doch nur ein kleiner Angestellter in einem irischen Plattenladen.

Das Hallo ist verschwunden, schneller noch als es gekommen ist.

Oh, wenn ich das jemandem erzähle, sperren sie mich ein.

Ich habe ehrlich nichts getrunken, auch nichts geraucht. Ich bin total bieder. Mein Name ist Walter. Walter Gulliver. Der Name sagt doch schon alles. So jemand macht nichts Gewagtes. Hat keine dunklen Geheimnisse. Und doch, habe ich diese Schrift gesehen. An der blauen Hauswand gegenüber.

Ich habe gerade neue CDs eingeräumt, weil es Freitag ist. Im Laden, der Golden Record heißt, lief Kate Bushs Cloudbusting.

Gut, ich hatte noch nichts gegessen. Vielleicht war es eine Hungerhallu?

Hastig packe ich mein Sandwich aus. Verschlinge es geradezu. Ein älterer Kunde kommt rein, das ist selten so früh am Morgen. Er sucht ein einzelnes Lied. Von Elton John. Er singt die Melodie kurz an und ich weiß sofort es ist Nobody wins. Auf welchem Album ist das noch? Ich habe einen Verdacht.

Ich suche die Platte heraus. Ich bin ein Experte in Musik. Das ist alles, was ich kann. Aber das kann ich wenigstens einzigartig gut. Freundin habe ich keine, keine Frau will mich so richtig. Ich bin wohl ein ziemlicher Nerd. An den Song ‘Music was my first love’ muss ich gerade denken. So ist es, und sie wird auch meine letzte sein, davon bin ich überzeugt.

Mein Heimatort, aus dem mich auch meine offensichtliche Einsamkeit nicht vertreiben konnte, heißt Starbay. Es ist, wie schon der Name vermuten lässt, ein Küstenort. Er ist zwar klein, hat aber alles, was man braucht. Ein Kino, mehrere Restaurants, Läden, Supermärkte und eben einen Plattenladen. Ich lebe gern hier. Die Menschen sind freundlich und begeisterungsfähig.

Ich glaube, ich gehe nach Hause und verkrieche mich in mein Elternhaus. Mir ist nicht gut. Wahrscheinlich ist Fieber der wahre Grund für meine morgendliche Sinnestäuschung.

Ich gebe Carl Bescheid. Er ist mein äußerst gemütlicher Boss. 150kg Idealgewicht. Er ist sofort einverstanden und will mir später sogar eine Suppe vorbei bringen.

Ich nehme also meine Lederjacke, es ist zwar August, aber es geht wie immer am Morgen ein kalter Wind, und mache mich auf den Weg.

Ich gehe ein paar Meter, blicke auf den Boden. Da ist wieder diese Schrift. Nun leuchtend weiß auf dunklem Asphalt. Die Sätze erscheinen nur kurz. `Ich bin Nara. Ich bin tot. Krieg keinen Schreck, mir geht es gut. Ich wünsch mir, dass du was für mich tust.´

Jetzt geht´s dann aber los. Ich sehe mich um, ob vielleicht jemand mit einem Laserpointer diese Sachen auf den Gehweg schreibt. Aber es ist keine Menschenseele zu sehen, dabei ist es schon elf.

Mein Herz stolpert beunruhigend. Prompt schreibt Nara: `Du solltest deinen Herzschlag in den Griff kriegen, der ist gerade bedenklich.´ Werde ich verrückt, sind das Botschaften meines abgespaltenen Bewusstseins? `Du solltest sowieso zum Arzt, sonst hast du in zwei Tagen einen Blinddarmdurchbruch!´‘Ich bleibe stehen, sehe in den Himmel, ist da vielleicht eine hinterhältige Drohne oder so was? Versteckte Kamera? Ich weiß nicht, was mich treibt, aber ich mache tatsächlich kehrt und schlage den Weg zu meinem Hausarzt ein. Es ist ungewöhnlich leer und ich komme schnell dran. „Sie sehen überarbeitet aus!“ meint Dr. Sharp auf den ersten Blick. „Und blass!“ Ich nicke schweigend, dann sage ich: „Kann da was mit dem Blinddarm sein?“

„Haben Sie denn Schmerzen?“ „Eigentlich nicht, nur so ein ungutes Gefühl. Nennen wir es Vorahnung.“

Dr. Sharp tastet mich ab. Macht „Hmh“. Dann sagt er, er müsse das mit Ultraschall prüfen. Schließlich, nachdem er die kalte Paste im Hüftbereich verrieben hat, und die Sonde hat drüber gleiten lassen, ruft er aus: „Oh, oh.“ Na, toll! „Das sieht tatsächlich ernst aus.“ Etwas aufgelöst frage ich: „Muss der jetzt raus?“

„Yepp!“

Kapitel 2

Es sind jetzt zehn Tage nach der OP. Nara hat sich die ganze Zeit über nicht gemeldet. Vielleicht doch nur eine komische Art der Vorahnung? Ich bin noch krankgeschrieben, die Wunde schmerzt etwas. Ich mache es mir auf der Couch gemütlich mit einem Stück kalter Pizza und Bier.

Da erscheint an meiner weißen Wand ein: `Schalt aufs vierte! Jetzt!´ Ich fahre hoch, die Wunde wird gereizt und ich jaule auf. Nara also wieder. `Sorry. Aber schalt jetzt um!´Ich schalte um, sieht aus wie eine Reality Doku. Auf Deutsch.

Was soll das denn? Nara „redet“ doch auf Englisch mit mir. Da ist so ein schlurfender Typ, der jetzt auf der Couch auch eine Pizza isst. Aber ich bin es dennoch nicht. Er sieht viel besser aus als ich. Jünger und mit einem feineren, klassisch schönem Gesicht, trotzdem sehr sympathisch. Sein Fernseher ist aus, er hört traurigen Deutschrock. Von dessen Text ich jedes Wort verstehe. Häh, wie geht das denn?

Eine dicke Träne läuft seine Wange runter. Nara sagt es mir jetzt als Gedanken direkt ins Ohr: `Das ist meine große Liebe. Sebastian.´

Ist der Schauspieler? Denke ich. Huch, Nara antwortet auf meinen Gedanken: `Nein, das ist echt. Und Echtzeit. Es ist jetzt fünf Jahre her, aber er kommt nicht klar.´

Ja, das sehe ich, aber was kann ich da machen?

`Er ist im Moment bei seiner Schwester in Vancouver. Ich hab schon versucht ihn zu erreichen, aber er hat komisch reagiert, wollte zum Psychodoc gehen...´ Ich, Walter, denke: Wie kommt der Kerl nur auf so was?!

`Kurzum, Walter, du musst ein Mädchen für ihn klarmachen, das wichtig ist für ihn, aber auch für die Entwicklung der Welt. ´ Na, wenn es sonst nichts ist! Ich muss? Frage ich.

`Natürlich musst du, sonst geht die Welt unter.´ Tut sie das nicht ohnehin? Meine ich. Und wieso interessiert dich das überhaupt, du bist doch schon tot. `Ich möchte aber ein Schutzengel werden.´

Dass du mich vorm Blinddarmdurchbruch bewahrt hast, war doch schon sehr engelhaft. `Das reicht aber nicht.´ Oh, Mann!!!!

Kapitel 3

Ich renne ins Bad und lasse hastig kaltes Wasser über mein Gesicht laufen. Das ist doch alles nicht wahr! Ich sehe in zwei dunkelbraune Augen mit für einen Mann langen Wimpern, einer etwas gebogenen Nase und schmalen Lippen. Ich habe Grübchen, wenn ich lächle, aber das ist mir gerade ein bisschen vergangen. Ich bin 47 Jahre alt und Nara zu hören, ist das absolut Abgedrehteste was mir im ganzen Leben passiert ist.

Nara: `Wenn du mir nicht glaubst, an meinem Todestag, dem 1.3.14 war Say Something von A Great Big World Nummer vier der britischen Charts.´ Huch, das hab ja noch nicht mal ich auf dem Zettel.

Ich: Ich glaube dir, das ist ja das schlimme! Ich höre das Lied in meinem Ohr, es ist als, als wären die Lautsprecher direkt hinter mir. WIE KANN DAS SEIN?

Nara: `Weißt du, warum ich das weiß? Weil ich fast alles weiß, ich hab Zugang zu unendlich vielen Informationen und außerdem: schon als Lebende hatte ich Kontakt zu Verstorbenen. Und jetzt, wo ich selber tot bin, habe ich eben einen Draht zu den Lebenden, ist doch logisch.´

Ich: Wusste Sebastian davon?

Nara: Nein, ich hab mich nicht getraut, ihm das zu sagen. Er ist sehr bodenständig, wenn auch phantasievoll.

Okay, dann sag mir, wie ist es da oben?

Nara: `Na, es ist der Himmel! Und das ist wörtlich zunehmen, alle lieben sich und alles ist eitel Sonnenschein. Es ist wie in einem schönen Traum. Und du weißt alles. Vergangenheit, Gegenwart. Die Zukunft nicht ganz, denn sie verändert sich ja dauernd. Aber ich bin müde, auf dieser Frequenz zu sein, ist sehr erschöpfend. Ja, auch angehende Engel sind mal kaputt.

Ich: Kennst du Elvis?

Nara: `Ja, schon.´

Ich: Wie ist er und Audrey und Marilyn?

Nara: `Alle nett. Elvis ärgert sich über Sekten, Audrey wünschte, sie hätte in ihrem Leben mehr gegessen, Elvis weniger und Marilyn sympathisiert mit Britney.

Wie sie das nonchalant erzählt, als wäre sie Best Buddies mit diesen Legenden.

Dieser Sebastian, was macht der in Kanada? frage ich in Gedanken.

`Seine Schwester Rahel ist dort verheiratet mit einem Kanadier, nicht sehr glücklich, wie du noch sehen wirst. Nach meinem Tod, da brauchte er einen Ortswechsel, weißt du, er gibt sich die Schuld.´

`Wieso das?´

`Das möchte ich nicht sagen, bitte.´

`Okay, aber was soll ich denn da machen? Ich werde nicht nach Kanada reisen für dich.´

`Das musst du auch nicht. Ich will nur, dass du mit meiner Handschrift einen Brief schreibst an ihn. Dann hat er es schwarz auf weiß und wird es glauben.´

`Wie soll das denn gehen?´

`Nimm ein Blatt Papier oder zwei und lass mich machen.´

Blitzschnell krame ich im Büro nach leeren Blättern Papier. Dann setze ich mich an meinen Schreibtisch und zücke einen Stift.

`Äh, nicht jetzt, ist noch zu früh, ich sag´s dir dann, ich muss auch grad wohin.´

Ich staune. Und ich staune auch darüber, dass es blitzschnell immer normaler wird mit ihr zu kommunizieren. Ich glaube wirklich, bald wird es so selbstverständlich sein wie Radio Hören.

Kapitel 4

Nara ist also weg, ich `empfange´ sie nicht mehr. Carl ruft an und will wissen, wie es mir denn ginge. Ich rede neuerdings regelmäßig mit Geistern, denke ich, sage aber lieber: „Besser!“

„Kannst du bald wieder arbeiten? Ich hab jemanden kennengelernt und möchte mehr Zeit mit ihr verbringen.“ Carl und eine Freundin? Seitdem ich ihn kenne, und das sind jetzt schon neunzehn Jahre, hatte ich ihn noch nie mit einer Frau gesehen. Ich dachte eigentlich immer…

„Das freut mich aber für dich! Ich denke Montag ist es soweit und ich kann wieder arbeiten! Dann musst du mir alles erzählen, du alter Schwerenöter!“

„Oh, sie ist wundervoll! Sie ist ein bisschen älter als ich, mach keine Bemerkung, bitte!“

„Ich doch nicht! Wie viel älter?“

„Zehn Jahre.“

Carl ist gerade fünfundfünfzig geworden, also ist die neue Liebe im Rentenalter. Na ja, ich finde das jetzt nicht schlimm, der Trend geht ja zum jüngeren Mann.

„Wie heißt sie denn, ist sie verwitwet?“

„Du bist ganz schön neugierig, das kann sie dir alles selber erzählen, wenn du sie triffst!“

Der gute Carl, ich freue mich wirklich für ihn, er sprach schon vom Ins-Kloster-Gehen. Der Montag wird definitiv spannend.

Nara hat sich nicht gemeldet, ich frage mich, ob es ihr gut geht. Gut, sterben kann sie ja nicht mehr, aber trotzdem mache ich mir ein wenig Sorgen. Ich habe also einen himmlischen Auftrag. Warum gerade ich, das frag ich mich schon, aber es fühlt sich immer selbstverständlicher an, Kontakt zum Jenseits zu haben, irgendwie. Und es ist auch tröstlich, dass es das überhaupt gibt. Ich möchte nicht sagen, dass ich so gar nicht daran geglaubt habe früher, aber Leute, die erzählen, sie hätten einen Draht nach oben, waren mir eigentlich von jeher suspekt. Eso-Quatsch eben. Warum ich dann Nara noch nicht gefragt habe, wie es meinen Eltern geht? Ich habe Angst zu fragen. Schlicht und einfach Angst.

`Du musst keine Angst haben!´ meldet sich Nara plötzlich, füllt meinen Kopf und mein Herz augenblicklich mit Wärme. `Es geht ihnen gut, sie passen auf dich auf. Sie bestellen liebe Grüße!

Als du letztens am Grab warst, hast du übrigens deine Uhr dort verloren.´

Ich habe meine Uhr wirklich verloren, ich wäre nie drauf gekommen, sie auf dem Friedhof verloren zu haben. `Sie fanden es witzig, wegen der Sinnbildlichkeit. Du verlierst zu viel Zeit an ihrem Grab, sagen sie. Lebenszeit, du solltest lieber für dein irdisches Glück sorgen!´

Nara und meine Eltern haben vielleicht Recht. Nara fügt hinzu: `Sie sind immer da, wenn du Musik hörst, und das ist ja sehr oft, wenn nicht ständig. Sie lieben es besonders, wenn du Cat Stevens oder Jim Croce hörst!´

Mir kommen unwillkürlich die Tränen. O, nein, jetzt heule ich plötzlich schloßhundmäßig.

Es löst sich etwas in mir, wie eine Gefühlslawine, die ich unterdrückt habe, so lange. Fegt mich geradezu weg. Ich gehe wie ferngesteuert und regelrecht auslaufend zu meiner CD-Ecke und suche mit zitternden Händen nach Time in a bottle.

Da ist es ja, was Musik betrifft, bin ich ordentlich.

Ich lege die Vinylscheibe auf und das vertraute Knistern setzt ein. Jetzt gibt es kein Halten mehr.

O Gott, es hört gar nicht mehr auf, die Tränen strömen aus mir heraus in einer solchen Flut. Nara flüstert sanft: `Es ist okay, so okay. Sie lieben dich so sehr.´

Eine neue Heul-Attacke erfasst mich. Fast schlimmer als die erste. Es kommt mir vor wie Stunden, in denen ich da hocke, Musik höre. Cat und Jim, die ganze Nacht. Ich habe sie so ewig nicht gehört und das beschämt mich aufgrund Naras Informationen. Wie kann man nur so viele Tränen in sich haben. Gut, sie haben sich angestaut über die Jahre. Aber ich bin irgendwie auch dankbar dafür. Sie tun gut, es ist wie eine innere Generalreinigung. Und im Morgengrauen, ich habe dick geschwollene Augen, das sehe ich im Bad, sehe ich alles so viel klarer. Ich werde Nara helfen, auch diesem Sebastian. Ab heute tue ich überhaupt nur noch Gutes!

Kapitel 5

Es ist Montag. Beschwingt betrete ich den Laden. Carl strahlt mich breit an. Er kommt zu mir und drückt mich ganz fest. „Oh, Wally, ich bin so glücklich! Ich könnte die ganze Welt umarmen, aber mit dir fang ich jetzt erst mal an.“

„Na, dich hat´s ja erwischt!“ sage ich. Ich bemerke, dass Carl neu eingekleidet ist, diese feinen Klamotten habe ich jedenfalls noch nie an ihm gesehen. Eine neue Brille hat er auch. Er riecht auch wie eine Parfümabteilung. Dann sprudelt es aus ihm raus: „Sie ist Witwe, hat ein großes Haus und du kennst sie sogar! Weißt du noch die Lady, die nach einem Depeche Mode-Best-of gefragt hat?“

Ich weiß sofort, wen er meint, die Dame war sehr jugendlich angezogen, anscheinend frisch vom Friseur und sprühte vor Charme, kein Wunder also.

„Sie ist sooo klug und gebildet und kennt sich sogar mit guter Musik aus.“

„Seit wann…?“ frage ich.

„Seit deiner Blinddarmgeschichte. Sie kam noch mal in den Laden und fachsimpelte mit mir über die Smashing Pumpkins, Placebo und Lamb. Da hat es dann gefunkt! Wir waren im Sealove bei Kerzenlicht und sie gestand mir, dass sie schon seit Wochen um den Laden herumscharwenzelt ist und sich eigentlich nicht recht getraut hat, erneut reinzugehen. Dann hat sie allen Mut zusammengenommen und mich nochmal angesprochen.“

„Hat sie Kinder?“ will ich wissen. „Ja, Linda hat zwei erwachsene Kinder, aber leider keinen Kontakt, da gab es wohl Zoff.“ „Na, dann sei mal vorsichtig.“ „Wieso?“ „Jemand, der schon mit seinen eigenen Kindern nicht klarkommt…“

„Ach, was, wer weiß, was das für Biester sind.“

Der Tag ist sehr arbeitsreich. Dauernd will einer was, aber das ist ja auch schön. Ich bin wieder in meinem Element. Die ganze Zeit bleibt Nara weg. Bis abends, als ich Zuhause bin. Ich schlafe auf der Couch ein, vorm Fernseher. Da öffnet sie mir wieder die Welt Sebastians. Er und seine Schwester sitzen mit deren Mann Rick am Esstisch. Der Mann meckert dauernd an Rahel herum. Das Essen schmecke ihm nicht, es wäre versalzen, und das Bier warm, die Tischdecke nicht ordentlich gebügelt und so weiter. Sebastian traut sich wohl erst nicht, sich einzumischen. Dann sagt er plötzlich: „Hey, lass meine Schwester in Ruh!“ „Du sei ganz ruhig, sonst fliegst du hier nämlich im hohen Bogen raus!“ ist Ricks Antwort. Sebastian steht wütend auf und knallt wenig später seine Gästezimmertür hinter sich zu. Drinnen erschallt Pearl Jam. Rick erhebt sich vom Tisch, hämmert gegen Sebastians Tür. „Du miese kleine Ratte, mach den Dreck aus!“ Die Musik verstummt tatsächlich. Ich bin auf einmal hinter der Tür und kann beobachten wie Sebastian seinen Kopf ins Kissen vergräbt. Während vor der Tür, Rahel versucht Rick zu beschwichtigen, doch der brüllt: „Ab, verschwinde ins Schlafzimmer, das ist das Einzige, was du wirklich kannst!“

Ich denke, warum ist Sebastian noch hier und Rahel, warum lässt sie sich nicht scheiden? Das ist doch ein Aas, dieser Rick. Da wache ich auf. Mit dem Impuls, Rahel und auch Sebastian da rausholen zu wollen. Nara sagt: `Jetzt pass auf!´

Ich stehe vor einem Kornfeld, über mir die funkelnden Sterne. Rahel taucht plötzlich aus der Tiefe des Korns auf, und zieht mich entschlossen zu Boden. Wir küssen uns und ich kann ihre weichen Lippen so realistisch spüren, dass mir ganz anders wird. Es ist ein so schönes Gefühl voller Geborgenheit. Ich kann es nicht fassen wie real das Ganze ist. Wieder durchfährt es mich heiß und kalt gleichzeitig, als ich schließlich aufwache. Ich murmle ein: „Du weißt, mich zu manipulieren, liebe Nara!“

`Gern geschehen!´ kommt es zurück, etwas frech, aber ich muss trotzdem schmunzeln.

Nara: `Morgen schreiben wir den Brief, ja? Es ist Zeit.´

Am Feierabend des nächsten Tages, setzte ich mich an meinen Schreibtisch. `Nimm einfach den Stift in die Hand und lass mich dich führen!´

Ich tue, was Nara sagt. Langsam setze ich den Stift aufs Papier, da geht’s auch schon los. Auf ausladenden, kunstvollen Schwingen schreibt Nara, beziehungsweise ich: „Mein liebster Sebastian, ich schreibe dir, weil ich dich anders nicht erreichen kann und sehe wie du wieder in deiner verdammten Lethargie gefangen bist. Du musst wissen, ich trage dir nichts nach. Es ist nicht deine Schuld. Es hat eben so sollen sein. Aber jetzt kannst du etwas für mich tun. Nimm Rahel und komm nach Starbay, da wartet nämlich Glück auf dich, das du nicht verpassen solltest. Alles wird gut werden und du wirst zufrieden sein, aber du musst Rahel und dich vor Rick retten, er ist unberechenbar. Er würde auch vor einem Kapitalverbrechen nicht zurückschrecken, glaub mir. Packt heimlich eure Sachen, erst am Abreisetag natürlich und besorgt euch rechtzeitig Tickets. Auch wenn du dein letztes Geld dafür verwenden musst, es ist das alles, alles wert. Vertrau mir. Ich liebe dich und werde dich immer lieben.“

Nara unterschreibt den Brief schwungvoll und aussagekräftig und fügt noch ein P.S. dazu, anscheinend ein Insider: Weißt du noch, What do you want from me?

`Gut gemacht, Walter. Ich bin sehr zufrieden. Jetzt frankier ihn bitte ausreichend und geh morgen gleich früh damit zur Post. Ach, die Adresse fehlt ja noch.´ Sie lenkt abermals meine Hand und schnell ist auch die Anschrift auf dem Kuvert. `Ich hätt ja gern noch ein paar Spritzer Laura drauf!´ seufzt sie. So ein Zufall, meine Exbekanntschaft Carrie liebte diesen Duft auch. Da steht noch ein Rest im Badezimmerschränkchen. Ich geh wie aufgezogen ins Bad und sprühe den Brief vorsichtig damit an. Es ist dezent und zerbrechlich, ein sehr feminines Parfüm. Und es hat noch immer Wirkung auf mich.

Warum hat es eigentlich nicht mit mir und der Laura-Trägerin geklappt? Carrie war traumatisiert von ihrem Ex-Freund. Ich muss unweigerlich an Rahel denken, ist diese Problematik vielleicht ein Muster bei mir? War es nur Naras Einfluss zu verdanken, dass ich von ihr geträumt habe? Oder stehe ich auf sie? Sie ist ohne Frage sehr ansehnlich. Weckt sofort Beschützerinstinkte, weil sie so klein und zierlich ist. Als sie ihr Mann so angefahren hat, wollte ich ihn noch viel lauter anfahren. Laut Sein ist eigentlich nicht meine Art. Ich glaub, ich kann gar nicht richtig schreien. Doch dieser Typ bringt mich auf die Palme. Wie kann man nur so mit seiner Liebe umgehen? Das ist nicht nur brutal, sondern auch dumm.

Nara sagt Gute-Nacht. Ich bin allein. Schade, irgendwie hab ich mich schon an sie gewöhnt.

Kapitel 6

Ich stehe in der Schlange in der kleinen Postannahmestelle im Ort. Ich hatte nicht mehr genug Briefmarken da. Ich schnüffle ein letztes Mal am Brief bevor ich ihn aufgebe. Ziehe mir den Duft so tief rein wie andere Koks. Da renne ich fast Carrie um. Meine bisher größte und einzige Liebe. Ich hab mich schon gewundert, dass der Brief, den ich da gerade abgegeben hab, noch immer so intensiv duftet. Aber sie duftet nicht nur, sie sieht auch umwerfend aus, irgendwie erholt und glücklich. „Oh, Hi Carrie!“ sage ich. Wir gehen zusammen in den Vorraum. „Wie geht es dir, Wally?“ fragt sie und streicht sich eine blonde Strähne aus der Stirn.

Ich habe neuerdings übersinnliche Kontakte, denke ich, sage jedoch stattdessen: „Blinddarm ist grad raus, ansonsten gut.“

„Oh, na, ich hab meinen noch. Obwohl, in letzter Zeit… Gehen wir doch mal wieder auf ´nen Drink oder zwei bei Allison! Hab aber gleich ´nen Termin!“

Ich nicke, da lächelt sie kurz, winkt mir noch und ist auch schon weg.

Verdattert bleibe ich zurück. Warum treffe ich sie gerade jetzt, wo ich Rahel entdeckt habe? Die ich bis jetzt allerdings nur im Traum gesehen hab. Wer weiß, wie sie riecht. `Sie duftet nach Vanille!´ mischt sich Nara sofort ein. Gleichzeitig kann ich einen Hauch Vanille wahrnehmen. Es riecht himmlisch. `Rahel riecht wirklich himmlisch´, fügt sie hinzu. „Wie geht’s?“ frage ich sie in Gedanken. `Das mit Carrie ist nur ein kleiner Test des Schicksals, Walter. Carrie hat übrigens einen neuen Freund, er heißt Chester und ist Banker.´

Peng, peng, meine Hoffnungen sind mitten ins Herz getroffen und verbluten gerade am Boden.