Allergien revolutionär - Magdalena Stampfer - E-Book

Allergien revolutionär E-Book

Magdalena Stampfer

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Beschreibung

Allergien sind keine Laune der Natur - sondern ganz logische Antworten des Körpers auf bestimmte Belastungen. In der Schulmedizin werden Allergien als Fehlschaltung des Immunsystems gesehen. Dieses Buch zeigt jedoch: Allergien sind kein "Fehler", sie machen aus Sicht des Körpers vollkommen Sinn (auch wenn sie für die Betroffenen noch so beschwerlich sein mögen).

Provokant, aber plausibel beantwortet das Buch die Frage nach den wahren Ursachen von Allergien. Die Autorin widmet sich auch den Themen, die meist gerne verschwiegen werden: Die Rolle der modernen Ernährungsweise, der Einfluss von Toxinen und die heutige Impfpraxis werden genau unter die Lupe genommen. Sie erfahren auch, was den Körper sonst noch aus der Bahn werfen kann. Spannend wie ein Krimi und trotz der komplexen Themen verständlich und vergnüglich geschrieben.

Ein Muss für jeden, der wissen will, was es mit Allergien wirklich auf sich hat!

Das umfassende Buch liefert u.a. die Antworten zu folgenden Fragen:
- Warum gab es in der DDR weniger Allergiker als im Westen?
- Welche Rolle spielen Toxine?
- Warum werden Allergien durch emotionalen Stress schlimmer?
- Kann man Allergien mit natürlichen Mitteln heilen?
- Wie kann man das aufgebrachte Nervensystem eines Allergikers beruhigen?

Mit über 300 wissenschaftlichen Quellenangaben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Magdalena Stampfer

 

 

ALLERGIEN

(R)EVOLUTIONÄR

 

Die wahren Ursachen der Allergie-Epidemie

und was wir dagegen tun können

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2019 Integrum Verlag Wien

Ebook-ISBN: 978-3-96661-253-1

 

Basierend auf der Printausgabe, Mai 2019 (ISBN 978-3-96443-772-3)

 

Icons: Shutterstock

Korrektorat: Mag. Verena Diethelm

Lektorat: Dr. Jutta Ziegler

 

Im Falle von Links auf Webseiten Dritter übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung hinweisen.

Dieses Buch informiert über Zusammenhänge und Möglichkeiten der Selbsthilfe bei Allergien und Unverträglichkeiten. Die Informationen sind von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft worden. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für kompetenten medizinischen oder therapeutischen Rat. Wer die Vorschläge anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Die Autorin beabsichtigt nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Alle Angaben in diesem Buch erfolgen daher ohne jegliche Gewährleistung oder Garantie seitens des Verlags oder der Autorin. Eine Haftung der Autorin bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ebenfalls ausgeschlossen.

Inhaltsverzeichnis

 

Titelblatt

Impressum

1 Immer mehr Allergien…

Die heutige Definition: Allergie vs. Intoleranz

Wie die Schulmedizin Allergien betrachtet

Bis endlich Ruhe ist: Hyposensibilisierung

Allergie – ein umkämpfter Begriff

Der IgE-Wert wird zum Schwert

Den Beschwerden ist das egal

 

2 Wissenschaftlich erwiesen…und irregeführt

Entscheidende Finanzierung

Falsch, aber es macht nichts

Schlechte Studien, gutes Essen

 

3 Der Körper ist genial, nicht verrückt

Die Rolle der Toxine

Das aufgebrachte Nervensystem

Der Stress-Faktor

Die Allergie-Stress-Spirale

 

4 Der Darm: Wichtig für Immunsystem und Wohlbefinden

Der durchlässige Darm – Leaky Gut

Die Zonulin Geschichte

Das Mikrobiom

Der Bakterienmix und Allergien

Darm – Psyche, Psyche – Darm

 

5 Die Sache mit der Hygiene...Schmutz weg, Asthma her?

Beim Wurm genommen

Was Parasiten auf jeden Fall können: Toxine aufnehmen!

 

6 Allergien und Aluminium

Aluminium in Babynahrung

Aluminium in Medikamenten gegen Sodbrennen und Magengeschwüre

Aluminium in Impfstoffen

 

7 Der verschwiegene Faktor Impfungen

Von der Dreifach- bis zur Sechsfach-Impfung und das Besondere am Keuchhustenkeim

Es darf nur ein Ergebnis geben

 

8 Weniger Allergien im Osten

Impfungen in der DDR

Strenge Kontrollen

Gesündere Ost-Impfstoffe?

Aus dem DDR-Impfalltag

Durchimpfungsraten der DDR oder: Planung ist nicht gleich Realität

Pflicht…auf dem Papier zumindest

Ein Land in Lieferschwierigkeiten

Antibiotika-Skepsis und bakterienfreundlicher Verzicht

Ost-Kost oder die Vor- und Nachteile der Mangelwirtschaft

Frisches Produkt oder Fertigprodukt

Von der Landwirtschaft zum geförderten Kleingarten

Die Milch macht’s – nur welche?

War’s der DDR-Wurm?

Das Ende der DDR

Das DDR-Fazit

 

9 Noch mehr Ost-West Vergleiche – auf nach Karelien

Im Osten nichts Neues: Verspätete Impfungen

Sowjet-Wissenschaft: Allergien durch Impfungen? Ja, klar!

Was den Kommunismus mit der Amish Community verbindet

 

10 Mehr Gift als Nahrung

Zusatzstoffe – Make-up fürs Essen

Der exquisite Geschmack von…Sägespänen

Kennzeichnungs-Akrobatik

Was nicht draufsteht und trotzdem drin ist

Was die Tiere fressen, die wir essen

Gentechnik

Exkurs: Von kurios bis skrupellos, die Agrar-Subventionen der EU

Gifte sind doch natürlich!

Bio ist gesünder…aber nicht automatisch

Auf der Haut ist unter der Haut

Alternativen für gesunde Haut

Gar nicht rätselhaft

 

 

Teil II

11 Raus aus dem Allergie-Labyrinth

Weg mit dem Gift

Die Toxin-Blockade knacken

Spezialthema Zähne: Amalgam und Herde

Entgiftung – was der Körper dazu braucht

Megastar Glutathion

Beliebte und bewährte Entgiftungsmittel

 

12 Die Hauptverdächtigen

Der unverträgliche Weizen: Gluten oder Glyphosat?

Milch und Milchprodukte (wenn man das noch so nennen kann)

Zucker

Antibiotika, Fiebersenker und andere Medikamente

Pilze und Hefen – die Candida-Connection

Alkohol

Die Sache mit dem Histamin – zu Gast bei Allergien und Intoleranzen

Körperliche Überanstrengung

Emotionaler Stress

Strahlend krank – Sendepause für Handy & Co.

 

13 Darm aufbauen, Gesundheit erlangen

Frisch gekocht ist halb gewonnen

Natürliches Essen

Fermentierte Nahrungsmittel

In der Brühe liegt die Kraft

Spezial-Präparate

Probiotika – der Bakterien-Nachschub

Was chinesische Kräuter und arabische Kamele gemeinsam haben

Natürliche Allergie-Hemmer

 

14 Die Suche nach dem Trigger

Haut- und Hausdurchsuchung

Was tut mir gut und was nicht? Das Ernährungs-Reset

Die Reiskur

Die Methode von Dr. Galland

Speiseplan – Testwoche(n)

Ein neuer Alltag

 

15 Allergien und Emotionen

Es liegt in der Familie

Ich hab‘ das auch!

Symptome können auch verbinden

Der widerspenstige Körper

Die Allergie-Persönlichkeit?

Die eigene Geschichte

Ich glaube, also bin ich (so)

Den Symptom-Code knacken

 

Zum Abschluss

Danke.

Quellenverzeichnis

Immer mehr Allergien…

 

Im Frühjahr 2017, passend zum Beginn der Pollensaison, titelte die Tageszeitung Österreich: „Haaatschi! 1,6 Millionen leiden an Allergie [sic].“Gleich darunter beschwichtigend: „Aber viele bilden es sich nur ein.“Die Zahlen stammen aus dem ersten Österreichischen Allergiebericht, die Erklärung dafür hatte die Zeitung auch parat: „Wer früher bei heftigem Niesen zum Taschentuch griff, klagt heute über eine Allergie.“ Laut Zeitungsartikel sind die häufiger gewordenen Intoleranzen auf unseren Lebensstil zurückzuführen: Wir essen viel mehr, auch die Vielfalt der Lebensmittel nimmt zu. Außerdem können wir heute viele Symptome benennen und einordnen. Waren die Menschen früher somit nicht eloquent genug und litten wortlos vor sich hin? Genauere Erläuterungen zum weltweiten Anstieg von Allergien und Unverträglichkeiten waren dem Artikel dann doch nicht zu entnehmen (das hatte wohl auch niemand erwartet). Der Schluss ließ völlig offen, ob es sich nun wirklich um eine „Volksplage“ oder „Hysterie“ handle, vermittelte aber die Erkenntnis, dass es heute gewissermaßen zum Lifestyle gehöre, an einer Unverträglichkeit zu leiden.

Was in der Zeitung als Einbildung abgetan wurde, ist der Umstand, dass vielen Beschwerden keine echte, immunologisch bedingte Allergie zugrunde liegt, sondern „nur“ eine Unverträglichkeit, bei der das Immunsystem nicht in gleichem Maße beteiligt ist. Für beide Phänomene wird aber oft umgangssprachlich der Begriff Allergie verwendet, doch nicht jede Überempfindlichkeit ist tatsächlich allergischer Natur. Die Symptome sind einander allerdings täuschend ähnlich, auch wenn im Hintergrund unterschiedliche Prozesse ablaufen.

Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen hat in den meisten Ländern der Welt dramatisch zugenommen, und das ganz ohne die üblichen Übertreibungen der Boulevard-Presse. Das nüchterne Weißbuch Allergie geht davon aus, dass mindestens 20 Prozent der deutschen Bevölkerung Allergiker sind [1]. Der Begriff Volksplage ist somit gar nicht so schlecht gewählt. Besonders interessant ist hierbei folgende Entwicklung: Immer mehr Erwachsene und ältere Patienten entwickeln Allergien, was früher laut Lehrbuch als äußerst selten erachtet wurde.

Laut heutigem Stand der Schulmedizin sind zwei Faktoren für die Entstehung von Allergien ausschlaggebend: Genetische Prädisposition und Umwelteinflüsse, wobei die Gene mit bis zu 70 Prozent verantwortlich gemacht werden. Leiden die Eltern an einer Allergie, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass das Kind ebenfalls eine Allergie entwickeln wird. Zu den Umwelteinflüssen werden nicht nur die Umweltverschmutzung, sondern ebenso Faktoren wie Stress, Haustiere, Wohnklima oder auch die Ernährung (vor allem in den ersten Lebensmonaten) gezählt. Ob ein Kind per Kaiserschnitt oder natürlich auf die Welt gekommen ist, hat statistisch gesehen auch einen Einfluss auf das Allergierisiko.

Was ist aber wirklich die Ursache des weltweiten, rapiden Anstiegs an allergischen Erkrankungen? Dazu gibt es zwar einige Theorien, doch man scheint es nicht genau zu wissen. Es könnte an einem unterforderten Immunsystem liegen, denn früher hatte dieses mit Parasiten und Würmern zu kämpfen, was heutzutage weit weniger oft vorkommt. Oder an zu viel Reinlichkeit, denn Schmutz und die darin enthaltenen Keime würden das Immunsystem in Schach halten, wie die sogenannte Hygiene-Hypothese besagt. Allerdings: Bei all diesen Erklärungsmodellen hakt es irgendwo, so eindeutig ist das Ganze dann doch nicht. Einigkeit besteht aber dahingehend, dass bei Allergien das Immunsystem aus dem Ruder läuft. Von einer Fehlschaltung des Immunsystems wird gesprochen, von einer überschießenden Reaktion auf an sich harmlose Stoffe – manche erwischt es eben. Vor allem dann, wenn es sowieso in der Familie liegt.

Die Schuld den Genen zuzuschreiben, mag zwar bequem sein, ist aber nicht unbedingt zielführend. Der große Anstieg allergischer Erkrankungen lässt sich damit auch nicht erklären, denn Allergiker vermehren sich nicht exponentiell häufiger oder schneller als andere Menschen, bloß weil sie in der Pollensaison das Haus vielleicht seltener verlassen und somit mehr Zeit für andere Beschäftigungen haben.

Neue Forschungsbereiche wie die Epigenetik haben in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass sich unsere Gene durchaus umformen können. Es ist nicht in Stein gemeißelt, dass wir diese oder jene Erkrankung tatsächlich bekommen, auch wenn genetische Voraussetzungen dafür da sind. Ob ein Gen aktiviert ist oder nicht, kann sich im Laufe des Lebens ändern [2], [3]. Nur wenige Erkrankungen sind auf einen echten Gendefekt zurückzuführen, wo sozusagen der Schalter ganz kaputt ist. In den meisten Fällen gibt es noch die Möglichkeit des Ein- oder Ausschaltens, ein ON oder OFF.

Mittlerweile wurden einige genetische Risikofaktoren, die in Zusammenhang mit dem Auftreten von allergischen Erkrankungen stehen, identifiziert. Sollten Sie an Heuschnupfen leiden, können Sie das im nächsten Frühling den Genen FLG, S100A7, HDC, IL13, IL6 und TLR7 in die Schuhe schieben [4]. Wie diese Gene aber untereinander interagieren und wie sie sich durch äußere Einflüsse verändern, ist noch unklar, was die Forscher auch zugeben. Und sie räumen ein, dass Umweltfaktoren eine große Bedeutung im Hinblick auf diese epigenetischen Veränderungen haben.

Allergien liegen also vor allem an den Genen und ein wenig an der Umwelt und passieren einfach so. Wenn ein Hellseher so nebulös im Kreis herumreden würde, dann würden wir sofort unser Geld zurückverlangen, doch wenn das ein Professor im weißen Kittel sagt, geben wir uns mit dieser Erklärung zufrieden. Auch wenn schon feststeht, dass das Allergierisiko für Kinder wesentlich höher ist, wenn die Eltern an einer Allergie leiden, scheint es nicht wirklich Priorität zu sein, herauszufinden, warum das eigentlich so ist. Darmflora, Ernährung, Toxinbelastung und familiärer Stress werden auf der Suche nach den schuldigen Genen meist nicht berücksichtigt oder unter dem Sammelbegriff „Umwelt“ genannt, aber trotzdem nicht beachtet. Doch Eltern geben auch diese Faktoren an ihre Kinder weiter, unabhängig von der genetischen Vererbung. Eine halbe Million Genvarianten einer Person können mit hochgradig integrierten Chip-Arrays untersucht werden, doch in den Wirren der Gensequenzen geraten naheliegende Erkenntnisse völlig außer Sichtweite. Wie Betroffene ihr jetziges Leiden dauerhaft lindern können, wird auch nicht beantwortet, sondern auf zukünftige Forschungen verschoben.

Es ist fast so, als hätte ein Elefant sein Geschäft mitten in unserem Wohnzimmer verrichtet. Auf der Suche nach dem Grund für den unerträglichen Gestank werden die Fußleisten abmontiert, die Wände untersucht, die Schubladen durchforstet und auch die Lampenschirme abgeschraubt. Doch das große graue Tier wird übersehen.

Vieles, was Sie in diesem Buch lesen werden, wird dem widersprechen, was Sie bisher über Allergien gelesen oder von Ihrem Arzt gehört haben. Und wenn nicht, dann haben Sie einen tollen Arzt.

 

Die heutige Definition: Allergie vs. Intoleranz

Im täglichen Sprachgebrauch wird der Begriff Allergie heute zur Bezeichnung einer Reihe von Symptomen herangezogen, bei denen es sich medizinisch gesehen nicht um Allergien handelt, sondern um (mitunter heftige) Unverträglichkeitsreaktionen. Sofern die Allergie nicht so stark ausgeprägt ist, dass ein anaphylaktischer Schock droht, ist die Unterscheidung zwischen Allergie und Unverträglichkeit nicht das Allerwichtigste. Im Alltag will man einfach nur wissen, was man meiden sollte, um sich besser zu fühlen.

Um zu verstehen, was im Hintergrund geschieht, ist es aber wichtig, den Unterschied dieser Begriffe zu kennen. Wie wir aber sehen werden, war die Nomenklatur seit den Anfängen der Allergieforschung alles andere als einheitlich (siehe Abschnitt „Allergie – ein umkämpfter Begriff“).

Grob gesagt unterscheidet sich eine Allergie von einer Intoleranz dadurch, dass bei einer Allergie das Immunsystem beteiligt ist, bei einer Intoleranz jedoch nicht. Beide können ähnliche Symptome hervorrufen, auch wenn dahinter andere Prozesse ablaufen.

Das anerkannte Lehrbuchwissen sagt dazu Folgendes: Bei einer Allergie kommt es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems. Entweder es sind Immunglobuline beteiligt (vorrangig IgE-Antikörper) oder die Reaktion wird durch bestimmte Entzündungszellen vermittelt. So oder so: Es kommt zu einer Überreaktion des Immunsystems auf einen Fremdstoff. Diese allergieauslösenden Substanzen werden Allergene genannt, es genügt unter Umständen bereits eine geringe Menge davon, um allergische Reaktionen auszulösen. Allergien werden in verschiedene Typen unterteilt (Typ I bis Typ IV), je nach Art der beteiligten Immunglobuline und je nach Zeitpunkt des Auftretens der Symptome (sofort oder verzögert). Eine Erhöhung der IgE-Antikörper im Blut wird als Beweis dafür angesehen, dass eine Allergie vorliegt.

Stellt also das Immunsystem beim Zusammentreffen mit einem Allergen eine vermeintliche Gefahr durch die Substanz fest, bilden sich Antikörper, um dagegen vorgehen zu können. Das Allergen wird als ein schädlicher Eindringling betrachtet und im Immungedächtnis in die Kartei „Angreifen” gesteckt. Hier kommt der nachtragende Charakter der spezifischen Immunabwehr zur Geltung, denn bei erneutem Kontakt mit diesem Stoff wird sofort angegriffen. Histamin wird freigesetzt, die Blutgefäße weiten sich, die Schleimhäute schwellen an. Die Vorgänge zeigen sich dann in den typischen Symptomen einer Allergie: verstopfte Nase, Niesen, tränende Augen, gerötete und juckende Haut. Auch Kopfschmerzen, Verstopfung, Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit und noch eine Reihe anderer Symptome können auf eine allergische Reaktion zurückzuführen sein.

 

Bei einer Intoleranz, auch Pseudoallergie oder Unverträglichkeit genannt, zeigen sich durchaus Symptome, die einer Allergie ähnlich sind, denen aber eine andere Ursache zugrunde liegt. Trotz der mitunter sehr einschränkenden Beschwerden zeigt sich in diesem Fall beim Allergietest kein erhöhter IgE-Wert, denn das Immunsystem ist bei einer Intoleranz nicht auf diese Art und Weise beteiligt. Bei einer Intoleranz kann eine Substanz nicht entsprechend aufgespalten und verwertet werden. Das kann einerseits daran liegen, dass bestimmte Stoffe aufgrund ihrer chemischen Beschaffenheit vom Organismus nicht vertragen werden, was beispielsweise bei Zusatzstoffen der Fall sein kann. Andererseits können Störungen im Darm ebenso zu Unverträglichkeitsreaktionen führen, wenn bestimmte Bakterien und Enzyme fehlen, die für die Verdauung notwendig sind. Ein solcher Enzymmangel ist beispielsweise der Grund für die Unverträglichkeit von Laktose (Milchzucker), Fruktose (Fruchtzucker) oder Histamin. Auch eine psychische Abneigung gegen bestimmte Nahrungsmittel kann eine Rolle spielen. Wer als Kind gezwungen wurde, die Milchsuppe vollständig auszulöffeln, kann sie mitunter für den Rest seines Lebens nicht mehr ausstehen.

Trotz der unterschiedlichen Prozesse im Hintergrund fühlt sich eine Intoleranz oder Pseudoallergie für den Patienten oft nicht viel anders an als eine echte Allergie. In beiden Fällen kommt man um eine genaue Berücksichtigung des Darms nicht herum, denn dort sitzt nicht nur der Großteil des Verdauungstraktes, sondern auch des Immunsystems.

Ob man nun an einer Allergie leidet, die schulmedizinisch erwiesen ist oder an einer, die nicht in das konventionelle Schema passt – der Weg Richtung Beschwerdefreiheit ist ähnlich, was im zweiten Teil des Buches eingehend beschrieben wird. Dreh- und Angelpunkt ist der Darm und eine Vermeidung jener Faktoren, die ihn schädigen. Ob sie nun biochemischer oder psychischer Natur sind, wird von Person zu Person variieren.

 

Wie die Schulmedizin Allergien betrachtet

Die Schulmedizin sieht die Ursache von Allergien meist darin, dass das Immunsystem überreagiert, und zwar im Grunde einfach so(shit happens). Zwar werden genetische Faktoren und ganz allgemein Umwelteinflüsse als Auslöser genannt, doch im Prinzip kann man nichts dagegen machen. Man hat sich zwar sehr wohl Gedanken darübergemacht, was der tiefere Sinn der Allergien sein könnte. Doch die offiziellen Erklärungsversuche, warum das Immunsystem so aus den Fugen gerät, basieren meist auf folgender Annahme: Dem Immunsystem ist langweilig. Während es früher mit Würmern zu kämpfen hatte, ist es ohne Parasiten derartiger Langeweile ausgesetzt, dass es stattdessen etwas anderes angreift, beispielsweise Weizenproteine aus dem Frühstückscroissant.

In eine ähnliche Kerbe schlägt die Hygiene-Hypothese, die die übertrieben hygienischen Verhältnisse unserer zivilisierten Welt für das verstärkte Aufkommen von Allergien verantwortlich macht. Früher hätten Schmutz und häufiger auftretende Kinderkrankheiten das Immunsystem ausreichend beschäftigt, sodass es nicht auf blöde Gedanken gekommen ist. Ohne diese Spielkameraden wird es trotzig und reagiert allergisch.

Die Behandlung zielt hauptsächlich auf die Linderung der Symptome ab und beschäftigt sich wenig bis gar nicht damit, wie es zur Allergie überhaupt gekommen ist (shit happens because it happens!). Wenn das Meiden der Allergene nicht möglich ist oder die Symptome akut sehr belastend sind, werden Antihistaminika, Cortisonpräparate oder Mastzellenstabilisatoren verschrieben.

Durch Einsatz dieser Mittel verschwindet die Allergie zwar nicht, aber es juckt nicht mehr so schlimm oder die Nase ist wieder frei, das Atmen geht leichter und die Haut schaut besser aus. Cortison hemmt das Immunsystem bei der Arbeit, was bei einem überreagierenden Abwehrsystem zunächst logisch erscheint: Es beruhigt sich, die Entzündung geht zurück. Aber das stellt keine echte Beruhigung dar, eher eine Unterdrückung, die damit zu vergleichen ist, dass man einem aufgebrachten Kind das Weinen verbietet oder bei einer Alarmanlage Ton- und Lichtsignale einfach abschaltet. Es ist dann zwar rundherum alles still, aber das eigentliche Problem wurde nicht behoben.

Langfristig gesehen ist die Unterdrückung des Immunsystems keine besonders gute Idee. Und auch der äußerliche Einsatz von Cortison hat häufig eine Schwächung und Schädigung der Haut zufolge. Man braucht sich nur den Beipackzettel von Cortisonpräparaten durchzulesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was diese im Körper alles anstellen können (siehe Kasten). Hier am Beispiel von Decortin® H der Firma Merck. Die Auswahl dieser Firma ist wirklich rein zufällig. Die Beipackzettel anderer Cortisonpräparate unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum und sind auch nicht lustiger zu lesen.

 

Aus dem Beipackzettel von Decortin® H (Wirkstoff: Prednisolon)

Infektionen und parasitäre Erkrankungen: Maskierung von Infektionen, Auftreten, Wiederauftreten und Verschlimmerung von Virus-, Pilz-, Bakterieninfektionen, sowie von parasitären oder opportunistischen Infektionen, Aktivierung einer Zwergfadenwurminfektion Erkrankungen des Blutes und des Lymphsystems: Blutbildveränderungen (Vermehrung der weißen Blutkörperchen der aller Blutzellen, Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen) Erkrankungen des Immunsystems: Überempfindlichkeitsreaktionen (z.B. Arzneimittelhautausschlag), schwere anaphylaktische Reaktionen, wie Herzrhythmusstörungen; Bronchospasmen (Krämpfe der glatten Bronchialmuskulatur), zu hoher oder zu niedriger Blutdruck, Kreislaufkollaps, Herzstillstand, Schwächung der Immunabwehr Erkrankungen des Hormonsystems: Ausbildung eines sog. Cushing-Syndroms (typische Zeichen sind Vollmondgesicht, Stammfettsucht und Gesichtsröte), Inaktivität bzw. Schwund der Nebennierenrinde Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen: Gewichtszunahme, erhöhte Blutzuckerwerte, Zuckerkrankheit, Erhöhung der Blutfettwerte (Blutcholesterin und -Triglyzeride) und Gewebswassersucht, Kaliummangel durch vermehrte Kaliumausscheidung, Appetitsteigerung Psychiatrische Erkrankungen: Depressionen, Gereiztheit, Euphorie, Antriebssteigerung, Psychosen, Manie, Halluzinationen, Stimmungslabilität, Angstgefühle, Schlafstörungen, Selbstmordgefährdung Erkrankungen des Nervensystems: Erhöhter Hirndruck, Auftreten einer bis dahin unerkannten Fallsucht (Epilepsie) und Erhöhung der Anfallsbereitschaft bei bestehender Epilepsie Augenerkrankungen: Linsentrübung (Katarakt), Steigerung des Augeninnendrucks (Glaukom), Verschlimmerung von Hornhautgeschwüren, Begünstigung von durch Viren, Bakterien oder Pilze bedingten Entzündungen am Auge Gefäßerkrankungen: Blutdruckerhöhung, Erhöhung des Arteriosklerose- und Thromboserisikos, Gefäßentzündung (auch als Entzugssyndrom nach Langzeittherapie), erhöhte Gefäßbrüchigkeit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts: Magen-Darm-Geschwüre, Magen-Darm-Blutungen, Bauchspeicheldrüsenentzündung Erkrankungen der Haut und des Unterhautzellgewebes: Dehnungsstreifen der Haut, Dünnwerden der Haut (“Pergamenthaut”), Erweiterung von Hautgefäßen, Neigung zu Blutergüssen, punktförmige oder flächige Hautblutungen, vermehrte Körperbehaarung, Akne, entzündliche Hautveränderungen im Gesicht, besonders um Mund, Nase und Augen, Änderungen der Hautpigmentierung Skelettmuskulatur-, Bindegewebs- und Knochenerkrankungen: Muskelerkrankungen, Muskelschwäche, Muskelschwund und Knochenschwund (Osteoporose) treten dosisabhängig auf und sind auch bei nur kurzzeitiger Anwendung möglich, andere Formen des Knochenabbaus (Knochennekrosen), Sehnenbeschwerden, Sehnenentzündung, Sehnenrisse und Fetteinlagerungen in der Wirbelsäule (epidurale Lipomatose). Wachstumshemmung bei Kindern. Hinweis: Bei zu rascher Dosisreduktion nach langdauernder Behandlung kann es zu Beschwerden wie Muskel- und Gelenkschmerzen kommen Erkrankungen der Geschlechtsorgane und der Brustdrüse: Störungen der Sexualhormonsekretion (in Folge davon Auftreten von: Ausbleiben der Regel (Amenorrhoe), männliche Körperbehaarung bei Frauen (Hirsutismus), Impotenz Allgemeine Erkrankungen und Beschwerden am Verabreichungsort: Verzögerte Wundheilung

 

Natürlich kann Cortison in akuten Fällen eine Hilfe sein, beispielsweise dann, wenn ein Kind aufgrund von starkem Juckreiz nachts nicht schlafen kann. Doch viel zu oft wird es als Alltagsmedikation verschrieben und verwendet, ohne nach anderen, langfristigen Lösungsansätzen zu suchen. Auch da hat man sich aus schulmedizinischer Sicht etwas Besonderes einfallen lassen: Die Bekämpfung der Ursache ohne Bekämpfung der Ursache. Was wie ein Tippfehler anmuten mag, ist vollkommen ernst gemeint.

 

Bis endlich Ruhe ist: Hyposensibilisierung

Da sich viele Patienten eine dauerhafte Lösung wünschen, die über eine reine Symptombekämpfung hinausgeht, gibt es auch seitens der Pharmaindustrie immer mehr Ideen, wie man gegen Allergien vorgehen könnte. Der Grundgedanke hinter der Hyposensibilisierung oder auch spezifischen Immuntherapie ist prinzipiell leicht verständlich: Man verabreicht dem Patienten in Form von Tropfen, Tabletten oder Spritzen eine noch tolerierbare Dosis des Allergens, um das Immunsystem allmählich daran zu gewöhnen und es gewissermaßen zu beruhigen. Es soll so lernen, nicht mehr mit einer Überreaktion aufzufahren, wenn das Allergen im Körper von den körpereigenen Zellen entdeckt wird.

Bekannt ist derzeit, dass diese Immuntherapie bei Heuschnupfen, Asthma bronchiale, Pollen- und Insektenstichallergien Wirkung zeigt. Allerdings nicht bei Nahrungsmittelallergien. Interessanterweise wird diese „Allergieimpfung“ als Beseitigung der Ursache verkauft und in den Medien auch so propagiert. Im Wochenmagazin Stern ist beispielsweise Folgendes zu lesen: „Die einzig wirksame Therapie bei Allergie ist die Hyposensibilisierung“, denn sie bekämpfe nicht nur die Symptome, sondern die Ursache [5].

Auch die Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung (IGAV) wirbt in einem Folder, auf dem medienwirksam ein süßes, unschuldiges Kätzchen abgebildet ist, mit den Worten [6]: „Von der Weltgesundheitsbehörde WHO empfohlen: Allergieimpfung. Der Ursache der Allergie den Kampf ansagen.“ Weiter im Text heißt es, dass für die „Ursachenbekämpfung“ die Allergieimpfung zuständig sei. Das körpereigene Immunsystem kommt im IGAV-Folder nicht allzu gut weg. Es wird zwar als „Bodyguard“ unseres Körpers bezeichnet, aber als einer, der eventuell seine „Beschützerfunktion zu ernst nimmt“ und somit auf völlig harmlose Stoffe allergisch reagiert.

Aus heiterem Himmel führt sich unser Immunsystem demnach auf wie ein verbohrter, verbitterter Beamter, der alles viel zu eng sieht. Es gäbe aber, so der Folder weiter, für Besitzer eines so sturen Immunsystems doch noch Hoffnung, nämlich die Allergieimpfung: „Sie führt in den meisten Fällen zum Erfolg, denn sie setzt als einzige Behandlungsmethode direkt am Ort des Geschehens an: am fehlgeleiteten Immunsystem.“ Im Klartext: Das Immunsystem ist wie ein Pubertierender einfach nur durchgeknallt, aber es gibt etwas, das wir ihm geben können, damit es sich wieder einkriegt.

Die Experten unter den Allergologen räumen allerdings ein, dass bei dem langen Prozedere der Erfolg ungewiss ist. Die besten Aussichten auf Erfolg hat man bei einer Insektenstichallergie, bei anderen Allergiearten schaut es aber etwas magerer aus. Bei Pollenallergien ist eine Besserung der Beschwerden um 30 bis 45 Prozent im Durchschnitt zu erwarten [7]. Noch nicht hinreichend geklärt ist, warum die Therapie bei manchen funktioniert und bei anderen nicht. Davon steht im Werbefolder natürlich nichts, stattdessen ist eine Liste der zugelassenen Präparate zur spezifischen Immuntherapie abgedruckt. Am Schluss ist zu lesen, auf wessen „freundliche Unterstützung“ sich die IGAV verlassen kann. Es handelt sich dabei um Pharmafirmen wie Allergopharma, HAL Allergy, Bencard, Alk Abello oder Stallergenes, die die genannten Präparate produzieren und verkaufen. Am Anfang des Folders wird also durch Nennung namhafter Ärzte und Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der IGAV Glaubwürdigkeit suggeriert, um sie dann bei der Nennung der Pharmafirmen wieder schrumpfen zu lassen. Hoffentlich liest keiner die letzte Seite, wird man sich beim Layout wahrscheinlich gedacht haben.

Die Bezeichnung Immuntherapie ist unpassend gewählt, denn um eine Stärkung des Immunsystems geht es hier keineswegs. Eine Hyposensibilisierung dauert in der Regel drei bis fünf Jahre, bei Insektenstichallergikern wird zu einer lebenslangen Behandlung geraten. Bei der Immuntherapie mittels Injektionen werden den Patienten winzige Mengen des Allergens zusammen mit Adjuvantien (Hilfsstoffen) wie zum Beispiel Aluminiumhydroxid gespritzt. Das Absurde daran: Aluminiumhydroxid wird in Tierversuchen dazu verwendet, Tiere auf bestimmte Stoffe zu sensibilisieren, also überhaupt erst allergisch zu machen (siehe Kapitel „Allergien und Aluminium“). Es ist neurotoxisch und zwar bereits in geringen Mengen. Die tatsächlichen Auswirkungen von Aluminiumverbindungen im menschlichen Körper werden erst nach und nach bekannt. Aluminiumhilfsstoffe werden von der Industrie aber als unerlässlich angesehen und wurden deshalb schnell als sicher eingestuft. Die Aussagen zur Sicherheit basieren vor allem darauf, dass man Injektionen von Aluminium mengenmäßig mit tolerierbaren, oralen Gaben vergleicht. Die Verabreichungsform macht aber einen großen Unterschied. Deshalb fordern Forscher eine Re-Evaluierung der oft wiederholten, aber kaum überprüften Sicherheitsbekundungen [8].

Die Ungefährlichkeit des Aluminiums als Adjuvans ist keineswegs bewiesen, obwohl es seit fast 90 Jahren eingesetzt wird. Im Gegenteil, es häufen sich Studien, die auf die Gefahren der Anwendung von Aluminiumverbindungen in Impfungen und auch in der Immuntherapie hinweisen, weil es zur Entstehung von Autoimmunkrankheiten und Gehirnentzündungen kommen kann. Experimentelle Forschungen haben längst gezeigt, dass die Injektion von Aluminiumadjuvantien ein Risiko für schwere immunologische Erkrankungen beim Menschen darstellt [9]. Als ob das Immunsystem eines Allergikers nicht ohnehin schon genug Arbeit hätte.

Das mit den toxischen Adjuvantien wird sowohl im IGAV-Folder als auch in den meisten Artikeln über die angepriesene Allergieimpfung verschwiegen. Dass man durch eine Hyposensibilisierung eine neue Allergie bekommen kann, nämlich gegen Aluminium [10], steht nicht einmal im Kleingedruckten. Darüber, wie es zu der Allergie überhaupt gekommen sein könnte, wird ebenfalls nichts oder sehr wenig geschrieben. Als wäre eine Überreaktion des gelangweilten Immunsystems bereits die Ursache an sich. Übersetzt heißt das: Es kümmert uns nicht, wie die Allergie eigentlich zustande gekommen ist und wir wissen nicht, was die Verabreichung der Allergene zusammen mit Aluminiumhydroxid sonst noch im Körper anstellt, aber wenn Sie Glück haben, reagieren Sie nach drei bis fünf Jahren nicht mehr auf das Allergen. Oder eben doch. Das als Erfolg in der Allergiebehandlung zu verkaufen, finde ich fast schon bewundernswert.

Natürlich kann es sein, dass einige Patienten tatsächlich weniger auf das ausgewählte Allergen reagieren. Das scheint, wenn wir den Studien der Hersteller vertrauen, hinreichend belegt zu sein. Aber welche Wechselwirkungen und Folgeerscheinungen diese Hyposensibilisierung für das Immunsystem auf Dauer hat, scheint niemand wirklich zu wissen. Vielleicht interessiert es die Auftraggeber dieser Studien einfach nicht. Was das akkumulierte Aluminium über Jahre im Körper anstellt und welche neurologischen Folgen das nach sich ziehen kann? Darüber wird nichts erzählt. Nur die kurzfristigen Nebenwirkungen werden angeführt: So leiden bei der Schluckversion der Immuntherapie, bei der die Präparate nicht gespritzt, sondern oral verabreicht werden, circa 70 Prozent der Betroffenen an Juckreiz, geschwollenen Schleimhäuten, Magen-Darm-Problemen oder einer kribbelnden/brennenden Zunge. Was die vermehrte Gabe von Aluminiumhydroxid und eventuelle Ablagerungen von Aluminium für langfristige Folgen haben können, zum Beispiel als Auslöser von Entzündungen im Gehirn, wird nicht genannt. Ob es den Herstellern tatsächlich nicht bekannt ist oder bewusst verschwiegen wird, sei dahingestellt. Da man durch Aluminiumablagerungen im Gehirn an Alzheimer erkranken kann, ist vielleicht die Grundidee die, dass der Patient seine Allergie einfach vergisst?

Seit dem Aufkommen dieser Therapie Anfang des 20. Jahrhunderts konnten die in sie gesetzten Hoffnungen jedenfalls nicht erfüllt werden. Rechnete man anfangs noch damit, dass man den Körper wieder völlig unempfindlich machen kann, gibt man sich heute schon damit zufrieden, wenn er nicht ganz so stark reagiert wie vorher. Der frühere Name Desensibilisierung wurde aus diesem Grund durch Hyposensibilisierung ersetzt. Da allergische Symptome alles andere als angenehm sind, ist es nur allzu gut verständlich, dass Allergiker sich im Vertrauen an die behandelnden Ärzte und deren Methoden zu solchen Verfahren entschließen. Die Frage ist nur, ob das nicht nur gut fürs Geschäft, sondern auch langfristig gut für das Immunsystem ist, denn mit einer wahren Ursachenbekämpfung hat das nichts zu tun. Trotzdem fordern über vierzig namhafte Allergologen und Wissenschaftler, in einem Papier der EEACI (European Academy of Allergy and Clinical Immunology) von der Politik eine breitere Unterstützung der spezifischen Immuntherapie und bessere Finanzierung dieser Methode [11]. Ein Blick auf die Sponsoren dieser Akademie zeigt uns bereits bekannte Pharmafirmen, die wir ja schon vom IGAV-Folder kennen (Alk Abello, Allergopharma, Stallergenes), aber auch neue Gesichter (Novartis, Thermofisher Scientific, Grupo Uriach, Leti, Mylan, HAL Allergy, AllergyTherapeutics). Vor einiger Zeit war auch eine Firma namens Meda unter den Sponsoren. Leider ist sie heute nicht mehr so prominent vertreten, da sie mittlerweile aufgekauft wurde, was ich sehr schade finde, weil das Logo ein absoluter Glücksgriff war. Vor allem wegen des klingenden Untertitels: „For a better life with allergies.“ Was würden die armen Firmen denn auch ohne Allergien machen!?

Der EEACI kann man vielleicht einiges vorwerfen, aber auf keinen Fall Untätigkeit. Seit 2014 ist sie stolz darauf, in Brüssel ein „EU Liaison Office“ eröffnet zu haben, was eindeutig besser klingt als „Lobbying-Büro“. Noch vor kurzem war in einem Report auf der Website zu lesen, dass genetisch veränderte Lebensmittel vollkommen unproblematisch seien [12]. Und selbstverständlich auch keinesfalls allergiefördernd, was zwar konzernfreundlich sein mag, aber nicht unbedingt im Interesse der Konsumenten. Das Beispiel zeigt sehr deutlich, wo die tatsächlichen Absichten solcher Gruppen liegen, auch wenn sie sich Academy oder ähnliches nennen. Seit 2017 ist der Gentechnikbericht auf der Seite nicht mehr auffindbar, stattdessen ist die Website jetzt mit dem Logo von Nestlé geschmückt, dem Hauptsponsor des Internetauftritts: „NestléHealthScience. Where nutrition becomes therapy.“ Dass die Nahrung unsere Medizin sein sollte, geht auf Hippokrates zurück, der sich wohl sehr wundern würde, was aus seinem Satz geworden ist.

 

Allergie – ein umkämpfter Begriff

Bekanntlich kann man aus der Geschichte viel über das Heute lernen und das ist auch beim Thema Allergien nicht anders. Historisch gesehen ist der Allergiebegriff seit seinem ersten Auftauchen im Jahre 1906 ein stark polarisierendes Thema. Die heute vorherrschende Lehrmeinung, dass Allergien aus dem Nichts entstehen und nicht geheilt werden können, ist eine relativ neue Entwicklung, die sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts festgesetzt hat.

Der Mann, der den Begriff „Allergie“ geprägt hat, war Clemens von Pirquet. Er verstand unter einer Allergie alle möglichen veränderten Reaktionen des Körpers auf eine fremde Substanz. Anfang des 20. Jahrhunderts galt also noch eine recht breite Definition, die nicht wirklich unterschieden hat, ob das Immunsystem beteiligt war oder nicht. Pirquet sah eine Allergieeinfach als „Zustandsänderung, die der Organismus durch die Bekanntschaft mit irgend einem (…) Gifte erfährt.“ [13]

Durch seine Tätigkeit am St. Anna Kinderspital in Wien hatte Pirquet bei Impfungen von Kindern bemerkt, dass die Impfreaktion bei einer Folgeimpfung schneller auftrat und zunächst viel stärker ausfiel, als bei der Erstimpfung. Er folgerte daraus, dass eine Sensibilisierung auf bestimmte Substanzen stattgefunden haben musste und der Körper dadurch schneller und stärker reagierte. Etwas hatte ihn also empfindlicher gemacht.

Die Erforschung von Allergien wurde damals in medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen immer populärer, nicht zuletzt durch das öffentliche Interesse an dieser Art von Beschwerden. Die Fülle der Reaktionen und die Unterschiede hinsichtlich der Stärke, Dauer bis hin zum Zeitpunkt des Auftretens hatten zufolge, dass der damalige Allergiebegriff ein umfassender war. Unabhängig davon, ob es sich bei den Symptomen um Durchfall, juckenden Ausschlag oder einen drohenden Kreislaufkollaps handelte. Generell zählte man Intoleranzen und verzögert auftretende Reaktionen, die nicht immunologisch bedingt waren, auch zu Allergien. Also Symptome wie Migräne, Schlaflosigkeit, eine Reihe von Verdauungsproblemen oder anhaltende Müdigkeit, so wie es in der ganzheitlichen Medizin auch heute noch der Fall ist.

Pirquets allgemeiner Allergiebegriff hatte sich zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg in Europa durchgesetzt, auch wenn nicht überall Einigkeit darüber herrschte. In den USA stritten die Allergiespezialisten so heftig untereinander, dass gleich mehrere Allergieverbände gegründet wurden, weil man sich nicht darauf einigen konnte, was eine Allergie überhaupt ist. Die einen verwendeten den Begriff im umfassenden Sinn, wie er in damaliger europäischer Tradition gebraucht wurde und auch eine Reihe von Überempfindlichkeitsreaktionen, wie Ausschlag, Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden beinhaltete. Der Ernährung wurde von dieser Fraktion ein hoher Stellenwert zugesprochen. Die anderen hielten hingegen an einer konservativen Sicht fest und zählten nur Reaktionen auf klarer immunologischer Grundlage dazu, im besten Fall mit einem Hauttest bestätigt. Alles andere wäre vielleicht nur Einbildung des Patienten.

Es gab also auch damals schon ganzheitlich denkende Ärzte und die eher konservativen Allergologen. Letztere gründeten die AAAI (American Academy of Allergy and Immunology). Dieser Verband war es auch, der Rückendeckung seitens der Nahrungsmittelproduzenten bekam, nicht nur in ideologischer Hinsicht, sondern auch in finanzieller. Kämpfte die AAAI doch auch für die Interessen der Industrie, wenn sie jene Kritiker der „modernen“ Ernährungsweise diskreditierte und als unseriös hinstellte.

Der Fokus der ganzheitlichen Allergologen auf gesunde, natürliche Ernährung war den Nahrungsmittelproduzenten ein Dorn im Auge. Denn Pestizide, chemische Zusätze sowie Fertignahrung waren schon längst auf dem Vormarsch und die ganzheitlichen Ärzte kritisierten den Einsatz von genau diesen chemischen Substanzen, die man gerade als wunderbare Innovation verkaufen wollte. Wie konnte man einen solchen Fortschritt, der das Leben derart erleichterte, nicht gutheißen? Der Glaube an die schillernden Werbebotschaften und an die Integrität der erfolgreichen Unternehmen war damals ungebrochen und nur Vertreter der Steinzeit (oder Kommunisten) konnten davon nicht begeistert sein.

Die Antwort auf die Kritik war Missachtung. Von vielen ihrer Kollegen, den wissenschaftlichen Verlagen und der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie wurden diese ganzheitlichen Mediziner daher meist verschmäht. In den Augen der Industrie waren sie mit ihren Ernährungstipps nichts anderes als Quacksalber.

Wer diesen Glaubenskampf im medizinischen Alltag gewonnen hat, wissen wir heute. Im Grunde hat sich nicht viel geändert. Doch das Interessanteste daran ist, dass es keine wissenschaftlichen Fakten und Beweise waren, die darüber entschieden haben, wie der Allergiebegriff heute verwendet wird. Den endgültigen Hieb verpassten den ganzheitlich denkenden Allergologen und Umweltmedizinern die Krankenversicherungen. Wer für die Behandlung von Allergien bezahlt, darf sie sozusagen auch definieren. Und somit auch festlegen, wer legitimer Allergologe und wer Quacksalber ist. Um ein zertifizierter Allergologe zu werden, musste man sich an die Regeln halten, sonst gab es kein Zertifikat und damit auch keine Zusammenarbeit mit den Versicherungen. Wie so vieles, schwappte auch dieser Trend nach Europa über [14].

 

Der IgE-Wert wird zum Schwert

Das Interesse der pharmazeutischen Unternehmen an Allergien hielt sich zumindest bis in die 1960er Jahre noch in Grenzen. Der Durchbruch wurde 1966 eingeleitet, als das japanische Forscherehepaar Ishizaka im Blut von Allergikern das Immunglobulin E (IgE) entdeckte. Der immunologische Hintergrund allergischer Reaktionen war ab sofort messbar. Auch die Schwere der Allergie sollte durch Bluttests bald nachweisbar sein, so jedenfalls die Hoffnung. Unabhängig von den Berichten der Patienten konnte man nun mithilfe des Labors belegen, ob der IgE-Wert erhöht war oder nicht. Nur bei einem positiven IgE-Test lag laut den konservativen Allergologen eine echte Allergie vor, alles andere war nur Einbildung der Betroffenen. Durch den IgE-Bluttest hatte man endlich ein Mittel gefunden, sich von anderen „nebulösen“ Unverträglichkeiten und den „Quacksalbern“ abzugrenzen. Diagnostisch und therapeutisch hatte sich für die Patienten nicht viel geändert. Doch die konservativen Allergologen hatten mit dem IgE ein Schwert in der Hand, mit dem sie noch vehementer gegen all jene Ärzte vorgehen konnten, welche die Bedeutung der Ernährung hervorhoben und sich mit chronischen Beschwerden und versteckten Allergien befassten.

Die erhoffte Eindeutigkeit des IgE-Tests bekam in den nächsten Jahren allerdings einige Dämpfer. Wie sich herausstellte, war der Test nicht so sensibel wie der Hauttest, der wiederum nicht zuverlässig genug war, weil…oft zu sensibel, das heißt er brachte viele falsch positive Resultate. Für viele durch Provokationstests bestätigte Allergien lieferte der IgE-Test fälschlicherweise ein negatives Ergebnis. Nach und nach wurde auch evident, dass der IgE-Wert in der Bevölkerung generell variiert und eine objektive Beurteilung dadurch schwieriger wird. Genetische Faktoren, Umwelteinflüsse, Geschlecht und Alter haben ebenfalls Einfluss auf die Höhe des IgE-Werts, was eine allgemein gültige „allergisch oder nicht“ Klassifizierung erschwert. Studien hatten gezeigt, dass Rauchen, ebenso wie exzessiver Alkoholkonsum, zu erhöhten IgE-Werten führen kann. Dasselbe gilt auch für andere Erkrankungen wie Parasiteninfektionen, Zöliakie, Krebs und Lebererkrankungen. Auch bei depressiven Patienten wurde im Vergleich zu anderen Gruppen ein höherer IgE-Wert gemessen.

Man hatte zwar ein neues Immunglobulin entdeckt, das im Labor gemessen werden konnte, doch die tägliche Arbeit mit allergischen Patienten wurde dadurch nicht erleichtert, da insbesondere chronische Beschwerden weiterhin schwer zu diagnostizieren waren. Und so klar wie anfangs angenommen wurde, war die Angelegenheit dann doch nicht. Mit der Zeit mehrten sich auch Berichte über starke allergische Reaktionen, denen kein erhöhter IgE-Wert zugrunde lag. Ein Widerspruch, der die Rückbesinnung auf die frühere, breitere Definition von Allergien einleiten hätte können. Damit wäre auch jenen Unverträglichkeiten, die auf Zusatzstoffe oder andere chemische Substanzen zurückzuführen waren, wieder Platz eingeräumt worden. Da man nicht zurückrudern wollte, wurde für diese Symptome kurzerhand eine neue Erkrankung definiert: food protein-induced enterocolitis syndrome (FPIES).Etwas später kam NIMFA dazu, Non-IgE-Mediated-Food-Allergy. So wurde lieber ein neues Syndrom kreiert, als zugegeben, dass Allergien doch ein komplizierteres und weitläufigeres Feld sind und nicht auf den Nachweis des IgE-Wertes und einiger, weniger Symptome beschränkt werden können. Der Definitionskampf war dafür bereits viel zu dogmatisch und verbohrt.

Diese Linie hat sich fast nahtlos fortgesetzt, nur dass heute nach einem neuen Medikament oder einer Allergieimpfung geforscht wird. Egal ob Katzenhaare, Pollen oder Erdbeeren, die wichtige Rolle der Darmgesundheit, der Ernährung und eventueller toxischer und psychischer Belastungen wird von den schulmedizinisch orientierten Allergologen meist ignoriert.

Die Erforschung der eigentlichen Ursachen schien und scheint die Geldgeber nicht besonders zu begeistern. Diese fehlende Neugier hat nichts damit zu tun, dass es nichts aufzudecken gäbe oder dass die heutige Allergieforschung bereits alle Fragen meisterhaft beantwortet hätte. Man müsste sich nur mit ein paar unangenehmen Themen beschäftigen. Die ganzheitliche Denkweise ist aber trotz des Widerstands und der fehlenden Anerkennung nicht verschwunden. Die breitere Definition der Allergie existiert weiterhin: Sie umfasst alle Reaktionen des Körpers auf Nahrungsbestandteile, chemische Substanzen oder Partikel in der Luft, die das gesunde Funktionieren unserer Zellen und der Abläufe im Körper stören.

 

Den Beschwerden ist das egal

Im Laufe der jahrzehntelangen Diskussionen, was nun als Allergie gelten darf, haben sich die Symptome kaum verändert. Die Beschwerden kümmert es ziemlich wenig, ob sie in ein Diagnoseschema passen oder nicht. Viele körperliche Störungen werden aber aufgrund der vorherrschenden Definition der Allergien oft nicht mit allergischen Reaktionen in Verbindung gebracht. Das erschwert vielen Betroffenen nicht nur die richtige Diagnosestellung, sondern hält sie auch von der richtigen Behandlung ab.

Folgende Symptome können auf eine Allergie oder Unverträglichkeit zurückzuführen sein:

 

Ekzeme, Hautausschlag, Juckreiz, Schuppenflechte, Akne

Blähungen, Durchfall, Verstopfung, Bauchkrämpfe

Reizblase

Reizdarm-Syndrom

Sodbrennen, Reflux

Kopfschmerzen, Migräne

Abgeschlagenheit, Müdigkeit

Schlafprobleme (Schläfrigkeit, aber auch Schlaflosigkeit, unruhiger Schlaf)

Rinnende oder verstopfte Nase

Geschwollene Augen, Augenjucken, Augenringe

Atembeschwerden

Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit

Muskel- bzw. Gelenksschmerzen

Gewichtsprobleme (Schwierigkeiten abzunehmen, aber auch zuzunehmen)

Angstzustände

depressive Verstimmung

Reizbarkeit, Unruhe

Haarausfall

 

Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, soll aber einen Eindruck vermitteln, wie vielschichtig sich Allergien oder Unverträglichkeiten auswirken können. Dr. Leo Galland prägte den Ausspruch, dass Allergien sich in Gestalt anderer Erkrankungen zeigen [15]: „Allergies mimic other diseases.“Das liegt an einer systemischen Entzündung, die sich in vielen Bereichen erkennbar machen kann. Gerade bei chronischen Beschwerden, bei denen trotz vieler Behandlungsversuche keine Besserung eintreten will, könnte eine Allergie die Ursache sein. Durch die offizielle, einschränkende Sichtweise einer Allergie gerät dies aber oft aus dem Blick.

 

Fallbeispiel: Unerkannte Allergie, langwieriges Leiden

Alex, zwölf Jahre alt, für sein Alter recht groß gewachsen, kommt aufgrund einer längeren Leidensgeschichte zu mir. Seit Jahren hat er schwere Müdigkeitserscheinungen, er hat einfach keine Kraft aus dem Bett zu kommen. Ein regelmäßiger Schulbesuch ist ihm nicht möglich. Er wurde sogar auf der psychiatrischen Abteilung im Krankenhaus stationär aufgenommen und es wurde damals juvenile Depression diagnostiziert. Die Medikamente brachten aber keine Besserung und wurden wieder abgesetzt, Alex wohnt wieder zuhause.

Er ist etwas schüchtern, macht aber einen stabilen Eindruck. Er würde ja gern in die Schule gehen, meint er, aber es ginge einfach nicht. Was wie eine Teenager-Ausrede klingen mag, erweist sich in Wirklichkeit als ein massives Stoffwechselproblem. In der kinesiologischen Testung reagiert er energetisch vor allem auf Weizen und auf eine hohe Toxinbelastung. Deshalb bitte ich die Mutter nochmals mit dem Arzt zu sprechen und zur Absicherung auch einen Allergietest zu veranlassen. Bisher musste er sich zwar allen möglichen Tests und sogar psychologischen Gutachten unterziehen, aber in all den Jahren wurde kein Allergietest gemacht. Denn Alex leidet nicht an den „klassischen“ Allergiesymptomen und auf die Idee, dass es an einer Allergie liegen könnte, ist man nicht gekommen.

Einige Wochen darauf meldet sich die Mutter mit dem Ergebnis: Der IgE-Wert, ein Allergiemarker im Blut, ist viel zu hoch. Durch die anschließende Ernährungsumstellung und Entgiftung bessert sich sein Zustand und von Woche zu Woche steigt sein Wohlbefinden. Ein paar Monate später bekomme ich von der glücklichen Mutter ein SMS: „Danke für deine Unterstützung! Alex geht ganz normal in die Schule und unternimmt jetzt auch wieder etwas mit uns. Wir waren sogar wandern. Endlich habe ich meinen Sohn zurück!“

Wissenschaftlich erwiesen…und irregeführt

 

Ich denke bei „Statistik“ an den Jäger, der bei einem Hasen das erste Mal knapp links danebenschoss, und beim zweiten Mal knapp rechts vorbei. Im statistischen Durchschnitt gäbe es einen toten Hasen.

(Franz Steinkühler)

 

Seit Jahrzehnten wird scheinbar emsig zu Allergien und Unverträglichkeiten geforscht. Vieles sollte schon klar und gelöst sein. Doch irgendwie scheint es trotz der Ansammlung von Informationen keine Lösungen zu geben. Wir wissen zwar immer mehr darüber, trotzdem nehmen Allergien und Unverträglichkeiten stetig zu. Offensichtlich läuft irgendetwas falsch. Grund genug sich darüber Gedanken zu machen, warum das so ist, bevor wir uns der Ursachenforschung widmen.

Ob am Joghurtbecher, auf dem Tiegel der teuren Creme oder in diversen Zeitungsartikeln: Die Formulierungen „wissenschaftlich erwiesen“ oder „Studien zufolge“verleihen fast jeder Aussage einen erhabenen Hauch von Glaubwürdigkeit und Seriosität. Wir wiegen uns in Sicherheit, schließlich haben Wissenschaftler diese Fakten wohl in objektiven Untersuchungen ermittelt. Mit Gedanken wie „Es wird schon stimmen“ oder „Das haben die Behörden sicher überprüft“ können wir uns mit ruhigem Gewissen dem Alltag zuwenden.

Das Problem dabei: Kaum jemand liest sich wissenschaftliche Studien genau durch, abgesehen von den Autoren und ihren Kollegen sowie einer kleinen Runde von interessierten Nerds. Es ist auch kein besonders einfaches Unterfangen, denn der tatsächliche Inhalt wird in vielen Fällen erst zugänglich, wenn man sich durch ein sprachliches Labyrinth aus komplizierten Formulierungen und langwierigen Definitionen durchgearbeitet hat. In einige dieser Irrgärten kann man sich nur mit einem gehörigen Espressovorrat oder unbändiger Neugier wagen, um nicht sehr bald von Sekundenschlaf übermannt zu werden. Es scheint eine unausgesprochene Regel zu sein, dass Erkenntnisse nicht in einfachen Worten preisgegeben werden dürfen. Interessanterweise finden sich in den Zusammenfassungen recht allgemeine, beschwichtigende Formulierungen, während im Inhaltsteil des Öfteren schärfere Töne angeschlagen werden. Sogar die Autoren gehen anscheinend davon aus, dass die breite Masse (oder der Auftraggeber) sowieso nur den Abstract liest.

Das Wort „Studie“ wird für alles Mögliche verwendet, auch wenn die Qualitätsunterschiede zwischen den Publikationen enorm sein können. Man muss kein Medienexperte sein, um den Unterschied zwischen einem Artikel aus der Bild-Zeitung und einer Analyse aus dem britischen Guardian zu erahnen. Doch bei wissenschaftlichen Studien ist es nicht mehr so einfach zu erkennen, wie seriös die Publikation und wie plausibel die Forschungsresultate tatsächlich sind.

Oft erfährt man erst Jahre später, dass die Ergebnisse mit der Realität nichts gemeinsam haben und für die Auftraggeber geschönt wurden. Das betrifft keineswegs nur kleinere Institute, die ums Überleben kämpfen müssen. So wurden in den 1960er Jahren an der renommierten Harvard Universität Publikationen veröffentlicht, die die Aufregung um Zucker relativierten: Übermäßiger Zuckerkonsum wäre bei koronaren Herzerkrankungen kein Problem, die Patienten sollten eher auf Fette und Cholesterin achten. Gleich zwei unterschiedliche Studien kamen fast gleichzeitig zu diesem Ergebnis und werteten sich gegenseitig in ihrer Glaubwürdigkeit auf. Schließlich waren die Autoren damals in der Forscherszene recht berühmt und das damalige New England Journal of Medicine verlangte keine Offenlegung von Sponsoren oder eventuell bestehenden Interessenskonflikten.Erst nach dem Tod dieser zwei Forscher stellte sich heraus, dass die Zuckerindustrie den beiden Zigtausende Dollar gezahlt hatte [16]. Doch das wurde erst 2016 bekannt, da war das Geld wahrscheinlich schon längst ausgegeben. Die Forschungen nach den tatsächlichen Gefahren des hohen Zuckerkonsums wurden aber effizient um ein paar Jahrzehnte lahmgelegt. Denn niemand wollte sich mit den Koryphäen auf diesem Gebiet anlegen.

Heutzutage müssen Interessenskonflikte bei Publikationen angegeben werden, was allerdings nicht immer geschieht. Manchmal wird im Stress des wissenschaftlichen Alltags zufällig darauf vergessen oder die Nähe zu einem Konzern als nicht erwähnenswert angesehen. Nicht selten werden Mitarbeiter von Konzernen als Co-Autoren der Artikel genannt, was den Hauptverfassern vor Jahren noch die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Mittlerweile regt sich niemand mehr darüber auf.

Trotz der Pflicht zur Offenlegung hat sich an den Praktiken nicht viel geändert. Erst 2015 erschien in der Online-Version der New York Times ein Bericht, wie Coca-Cola mit Forschern „zusammenarbeitet“ um die Fettleibigkeitsepidemie nicht der Ernährungsweise, sondern mangelnder Bewegung in die Schuhe zu schieben [17]. Die Idee ist eigentlich genial. Mithilfe der Wissenschaft sollen die Menschen vom Kalorienzählen zum Klimmzügezählen gebracht werden, denn nach dem Training können sie ja noch mehr Softdrinks konsumieren. Allein die Werbesujets dieser Kampagne sind kabarettreif: „Coca-Cola. Helping families get fit“. Der Wahrheit ein wenig näher wäre wohl „get fat“ gewesen.

 

Entscheidende Finanzierung

Der Großteil der wissenschaftlichen Publikationen wird heutzutage zur Gänze oder zumindest teilweise von der Industrie finanziert. Natürlich nicht immer direkt, sondern beispielsweise über Stiftungen, die man (selbstverständlich völlig uneigennützig) unterstützt. Jene Einrichtungen, die über die Vergabe der Forschungsgelder entscheiden, haben es auch in der Hand, welche Studien durchgeführt werden und welche nicht. Unangenehme Themen verstauben so in der Schublade. Neue Ansatzpunkte müssen sich erst den Weg über Generationen von Wissenschaftlern suchen, bis sie sich durchsetzen. Manche dieser bahnbrechenden Entdeckungen werden erst Jahre oder Jahrzehnte später mit großer Anerkennung bedacht und sogar mit dem Nobelpreis belohnt. Einigen Wissenschaftlern wird die große Ehre oft gar nicht mehr zeitlebens zuteil, wie bei der Vergabe des Nobelpreises immer wieder zu beobachten ist. Der durchschnittliche Zeitraum zwischen einer Entdeckung und der Verleihung des prestigeträchtigen Preises beträgt übrigens zwanzig Jahre, Tendenz steigend [18]. Der Russe Witali Ginsburg beispielsweise erhielt 2003 den Nobelpreis – für seine revolutionären Forschungen aus dem Jahre 1950.

Oft werden Entdeckungen zunächst nicht ernst genommen oder sogar geächtet, wenn sie dem derzeitigen, offiziellen Wissenstand widersprechen. Und nicht immer werden jene ausgezeichnet, die die besten Ideen haben. Manch geniale Entdeckung wird nur nebenbei in ein Notizbuch gekritzelt und Jahre später bekommt jemand anderes den Nobelpreis dafür, weil er schneller publiziert hat und möglicherweise nicht ganz korrekt bei der Informationsbesorgung vorgegangen war. Das war beispielsweise bei der in den 1960er Jahren prämierten Erkenntnis, dass es sich bei der DNA um eine Doppel-Helix handelt, der Fall. So ruhig und besonnen, wie man sich einen Wissenschaftler vorstellt, der in aller Ruhe seinen Forschungen im Labor nachgehen kann, ist die Realität eines Forschers heutzutage nicht. Der Konkurrenzdruck ist hoch, die Arbeitszeiten lang und die Forschungsgelder knapp.

Außer jenen Personen, die für die Reviews in wissenschaftlichen Zeitschriften zuständig sind, macht sich zudem kaum jemand die Mühe, die Quellen auch wirklich zu überprüfen und die Methodik Schritt für Schritt durchzudenken. Die Entscheidungsträger tun das jedenfalls nicht, sondern verlassen sich auf das, was ihnen vor- oder nahegelegt wird. Es wird ja immer mit wissenschaftlichen Studien untermauert. Doch oft wird etwas als wissenschaftliche Studie zitiert, obwohl es diese ehrenhafte Bezeichnung nicht verdient, was klar ersichtlich wird, sobald man hinter das wunderschön vorbereitete Deckblatt schaut. Konzerne bewerben ihre Produkte häufig mit dem Verweis auf wissenschaftliche Publikationen, auch wenn diese den branchenüblichen Standards der Wissenschaftsszene überhaupt nicht genügen. Medikamente werden auf den Markt geworfen, obwohl sie kaum besser als ein Placebo wirken und mit erheblichen Nebenwirkungen zu rechnen ist. Impfstoffe können sogar zugelassen werden, obwohl die entsprechende Zulassungsstudie ohne echte Placebo-Gruppe durchgeführt wurde und der wissenschaftliche Goldstandard nicht erfüllt ist. Beim Freigabeprozess verlässt man sich auf die vom Produzenten gelieferten Daten. In unseren Nahrungsmitteln können Toxine vorkommen, denen von scheinbar unabhängiger Stelle Ungefährlichkeit attestiert wurde. Auch wenn sich diese Unabhängigkeit bei genauerem Hinsehen als blanker Betrug herausstellt.

Doch wen kümmert das? Wer bemerkt tatsächlich, wenn die Behauptungen der Industrie nicht stimmen? Wer liest sich die Studien Punkt für Punkt durch und überprüft die Daten? Und selbst wenn: Eine Heerschar von Anwälten ist auf etwaige Klagen bestens vorbereitet und etwaige Kritik tut dem Umsatz ohnehin keinen Abbruch. Die Methodenmängel bestimmter Studien schaffen es nicht in die Schlagzeilen und werden auch nicht zu trending topics auf Twitter. Im Hauptabendprogramm ist nun mal kein Platz für derlei Informationen, auch wenn sie das Leben vieler Menschen grundlegend ändern könnten.

Mangelhafte Arbeiten, die vor falschen Annahmen und Manipulationen strotzen, werden zwar in einschlägigen Journals kritisiert und unter Wissenschaftlern diskutiert. Doch diese Diskussionen finden im Verborgenen statt und Entscheidungsträger in der Politik scheinen diese anstrengende Lektüre zu meiden. Sie verlassen sich auf ihre Berater, die es doch wissen werden. So wird jahrelang mit denselben Zutaten gekocht, obwohl es bereits frischere, gesündere Alternativen gäbe. Schon längst fordern Wissenschaftler, bestimmten Dingen nachzugehen, Substanzen auf ihre Sicherheit genauer zu überprüfen oder aus dem Verkehr zu ziehen. Diese Forderungen zeigen in der gut geölten Medizinmaschinerie jedoch keine Wirkung, da man über jede Kritik erhaben ist, solange nicht mit wirtschaftlichen Einbußen zu rechnen ist. Auch hochinteressante Entdeckungen bleiben in vielen Fällen der Öffentlichkeit verborgen, obwohl sie theoretisch für jeden, der über einen Internetanschluss verfügt, zugänglich wären.

Wenn es um neue Therapien geht, sind wirtschaftliche Faktoren oft wichtiger als der Einsatz des besten Produktes. Viele natürliche Heilmethoden, Kräuter und Extrakte sind schon seit Jahrzehnten bekannt und ihre Wirksamkeit ist in vielen Fällen nicht nur durch Erfahrungswerte, sondern auch durch wissenschaftliche Studien, die den Namen auch verdienen, belegt. Sie haben jedoch alle einen entscheidenden Nachteil: Sie sind nicht patentierbar. Und somit werden sie für die Pharmariesen vollkommen uninteressant, weil damit nicht viel Umsatz generiert werden kann. Mit einer patentierten Allergieimpfung oder einem Medikament gegen Heuschnupfen aber schon. Natürlich versuchen Konzerne heute bereits, Patente auf Gemüsearten wie Brokkoli oder diverse Heilkräuter juristisch durchzuringen. Doch solange das Patent noch nicht bewilligt ist, werden sie als kaum wirksam betrachtet. Sobald die Patentierung unter Dach und Fach ist, steigt die Wirksamkeit erstaunlicherweise auf einmal in ungeahnte Höhen.

Viele Hausmittel, naturheilkundliche Therapien und Kräuteranwendungen sind nicht deshalb in Vergessenheit geraten, weil sie plötzlich aufgehört haben, zu wirken. Die Sauerkraut- und Salbeilobby ist eben nicht besonders groß und ihre Werbeausgaben im Vergleich zu den Marketingetats der großen Firmen verschwindend gering. Mit Kräutern und Naturextrakten kann man sich keine goldene Nase verdienen. Die Herstellung ist langwierig und teuer, natürlichen Schwankungen unterworfen und die Gewinnmargen vergleichsweise klein. Eine gesunde Ernährungsweise ist aus Sicht der Konzerne noch schlimmer, denn dies läuft darauf hinaus, dass sie auf ihrer industriell verarbeiteten Nahrung sitzen bleiben, weil sich die Menschen regionalen und natürlichen Produkten zuwenden. Und dadurch auch noch gesünder werden!

 

Am Beispiel Wasser: Wie mit Dosierungen gespielt werden kann

Gibt man sich Mühe, kann man eine Studie über Wasser generieren, die zu drei völlig unterschiedlichen Ergebnissen über dessen Rolle kommt – von lebensnotwendig bis toxisch. Nehmen wir einmal an, wir möchten untersuchen, ob Wasser auf das Wohlbefinden von Verdurstenden einen Einfluss hat. Es genügt, mit der Dosierung zu spielen, schon kommen drei völlig verschiedene Ergebnisse heraus:

1. Studie - Dosis: 1 Wassertropfen. Fazit: Wasser hat keinen Einfluss auf die Überlebensrate von Verdurstenden.

2. Studie - Dosis: 1 Liter Wasser. Fazit: Wasser rettet das Leben von Verdurstenden.

3. Studie - Dosis: 10 Liter Wasser. Fazit: Wasser ist hochtoxisch und kann zu Vergiftungen führen.

Während es bei Wasser für jeden schnell erkennbar ist, sind andere Substanzen und Fragestellungen auf den ersten Blick nicht so leicht durchschaubar. Würden sich die Entscheidungsträger für den zweiten Blick überhaupt die Zeit nehmen, wäre das an sich auch kein Problem.

 

Falsch, aber es macht nichts

Forschungsarbeiten sollten dazu dienen, die Welt begreifbarer zu machen und uns Informationen zu liefern. Anhand dieser Informationen wollen wir gute und richtige Entscheidungen treffen, wir wollen das Risiko minimieren, Fehler zu machen. Das Problem dabei ist: Die meisten der veröffentlichten Forschungsergebnisse sind falsch. Auch diese Aussage beruft sich auf einer Studie, „Why Most Published Research Findings Are False“ von John Ioannidis [19]. Dieser Mann weiß nicht nur, wie man sich unter Kollegen unbeliebt macht, sondern auch, wie man beweisen kann, dass die meisten publizierten wissenschaftlichen Artikel in Wirklichkeit bloß Makulatur sind.

Zugegebenermaßen ist es ein wenig absurd, wenn eine Studie sagt, Studien sind meistens falsch. Doch so seltsam ist es dann doch nicht, wenn man sich die großen Qualitätsunterschiede zwischen den Publikationen ansieht. Ioannidis kommt zu folgendem Schluss: Je größer finanzielle Interessen und vorgefertigte Meinungen sind, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Resultate der Studie richtig sind. Viele Hypothesen werden später nicht überprüft und die Versuche nicht wiederholt. Wenn das aber doch geschieht, dann halten sie der neuerlichen Inspektion oft nicht Stand. Neuen Entdeckungen wird größerer Wert beigemessen, deshalb gilt es unter Wissenschaftlern irgendwie als uncool, bereits publizierte Ergebnisse nochmals zu wiederholen und zu kontrollieren. So halten sich falsche Hypothesen mitunter jahrelang.

Diese ernüchternden Ergebnisse sind sogar noch beschönigt, weil der Autor jene Publikationen herangezogen hat, die in peer-reviewed Journals abgedruckt werden. Das sind jene Artikel, die großen Qualitätsansprüchen genügen müssen, da sie von einer Schar von Experten vorher gelesen und auf ihre Plausibilität geprüft werden. Wenn sogar die besten wissenschaftlichen Publikationen häufig falsch sind, wie wird es dann erst bei Studien aussehen, die von Firmen in Auftrag gegeben werden, um ein Medikament, einen Impfstoff oder einen Zusatzstoff für Nahrungsmittel auf den Markt zu bringen? Da ist ja nicht die Publikation selbst und die wissenschaftliche Ehre das Ziel, sondern nur das positive Abschließen des Zulassungsverfahrens bei den Behörden.

Wie es Brian Nosek von der Universität West Virginia formuliert: „Es ist nicht wichtig, ob es falsch ist. Es ist wichtig, dass es publiziert wird.“ [20] Demnach kann man ohne Bedenken etwas publizieren und sollte es sich als falsch herausstellen, dann wird eben geschwiegen. Sich bei den Behörden zu melden und zuzugeben, dass das untersuchte Nahrungsmittel oder Medikament besser vom Markt genommen werden sollte? Auf diese Idee wird keiner kommen, der seinen Job behalten will.

Wenn wir schon beim Job sind: Das meiste erfährt man in der Branche oft von Menschen, denen an ihrem Arbeitsplatz nichts mehr liegt oder die schon pensioniert sind. Beispielsweise von Richard Smith, der 25 Jahre lang Herausgeber des British Medical Journal war und danach ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben hat. Es heißt „The Trouble with Medical Journals“ und beschreibt, wie die Pharmaindustrie auch diese scheinbar unabhängigen Zeitschriften kontrolliert. Im Grunde genommen geht das recht einfach, denn eine Zeitschrift kann mit einem positiven Bericht über eine klinische Studie zu einem Medikament locker eine halbe Million Dollar verdienen. Und zwar dann, wenn die Industrie Reprints bestellt, also Nachdrucke. Negative oder neutrale Berichterstattung bringt im Gegensatz dazu keinen zusätzlichen Cent. Die Verlage, die hinter den Zeitschriften stehen, sind keineswegs Kleinbetriebe mit dem Fokus auf öffentlicher Bildung und Forschung. Allein Reed Elsevier kontrolliert fast zweitausend wissenschaftliche Zeitschriften und hat im Jahr 2005 Gewinne von zwei Milliarden Dollar eingefahren. Die Marge im Medizinsektor betrug dabei über 35 Prozent, da werden sogar Giganten wie Apple, Facebook oder Amazon eifersüchtig [21].

Jemand, der wissenschaftlichen Publikationen blind vertraut, erfährt durch die genannte Lektüre einen ähnlichen Schock wie ein Kind, das gerade erfahren musste, dass es kein Christkind gibt. Das Kind kann sich immerhin damit trösten, dass es trotzdem Geschenke geben wird und dass es ja im guten Glauben angeschwindelt wurde. Im Falle der medizinischen Wissenschaft wird uns schmerzhaft bewusst, dass es nur ums Geld geht, dass es stattdessen zahlreiche, nicht abzuschätzende Nebenwirkungen gibt und dass vieles anders ist, als man uns einreden will.

Auf der einen Seite haben wir in der Wissenschaft das Problem, dass mit Zahlen gespielt wird wie in einem Kindergarten mit Legosteinen. Andererseits werden qualitativ hochwertige Studien, die unangenehme Fakten zu Tage bringen, auch nicht gerne gesehen. Die Vorgehensweise ist hier relativ einfach: Am besten ignorieren. Es kann zwar sein, dass ein paar hochrangige Wissenschaftler sich in offenen Briefen um Details streiten, doch die Allgemeinheit und die medizinische Alltagswelt bekommen davon herzlich wenig mit. Bestimmte Gefahren oder Alternativen sind schon seit Jahren oder Jahrzehnten bekannt, die Therapievorschläge bleiben aber gleich. Denn sie haben sich ja wunderbar bewährt – in wirtschaftlicher Hinsicht.

Am Beispiel Krebs: Hat man nach einer Krebstherapie keinen Krebs mehr, so würde man als Durchschnittsbürger diese Behandlungsmethode als erfolgreich einstufen. In der Welt der Statistik wird eine Krebstherapie aber dann als erfolgreich bewertet, wenn der Patient fünf Jahre nach der Diagnose noch lebt, egal ob mit Krebs oder nicht. Stirbt dieser zwei Tage nach Ablauf dieser Frist, zählt er immer noch zu den erfolgreich Behandelten. Nebenwirkungen, weitere Leiden oder therapiebedingte Folgeerkrankungen werden nicht erwähnt, obwohl der Großteil der Krebspatienten daran leidet. In vielen Krebsstudien werden bewusst bestimmte aggressive Krebsarten ausgeklammert, weil davon auszugehen ist, dass bei diesen die Todesrate relativ hoch sein wird. Sucht man sich für seine Forschungen einen vergleichsweise „ungefährlichen“ Krebs, eventuell sogar eine ganz frühe Krebsvorstufe, dann stehen die Chancen weitaus besser, einen Erfolg präsentieren zu können.

Im Journal of Oncology erschien schon vor über zehn Jahren eine groß angelegte Studie mit über 150.000 Krebspatienten über einen Zeitraum von 14 Jahren aus Australien und den USA [22]