Alles Idioten? - Johann Obert - E-Book

Alles Idioten? E-Book

Johann Obert

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Beschreibung

Sind wir deutschen Autofahrer wirklich die Idioten, als die wir uns gegenseitig immer beschimpfen und zu denen wir in der öffentlichen Debatte zunehmend gemacht werden? – Autor Johann W. Obert kommt zu einem anderen Ergebnis. Aus der individuellen Sicht des Fahrers begleitet er den Leser auf einem unterhaltsamen, aber auch tiefschürfenden Streifzug durch vier Themenbereiche – humorvoll gewürzt durch eigene Erlebnisse. Dabei analysiert er schonungslos die »idiotischen « Verhaltensmuster, stellt sie in den gesellschaftlichen Kontext und zeigt überraschende Perspektiven auf. Unter anderem werden folgende Themen behandelt: - Wie wir uns vereinzelt das Miteinander im Straßenverkehr immer noch unnötig schwer machen. - Über welch hohe Fahrkultur wir bereits verfügen und warum wir diese auch dem fehlenden Tempolimit auf unseren Autobahnen verdanken. - Wie durch zu viele Einschränkungen und Überregulierung eine lebendige Kultur ruiniert werden kann. - Was synergisches Fahren ist und warum wir ein Bedankungslämpchen brauchen können. - Warum es wesentlich vom Menschenbild abhängt, wie wir unser Miteinander im Straßenverkehr gestalten. Eine kurzweilige Reise, nicht nur für geübte Autofahrer!

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der Autor ist Bauingenieur und leitet seit Jahrzehnten ein Ingenieurbüro für Wasserbau. Er hat seinen Führerschein seit 48 Jahren – mit nur einem Monat Unterbrechung.

OriginalausgabeSeptember 2022© 2022 Buch&media GmbH MünchenIdee und Konzept: Johann W. ObertLektorat: Asta Machat, Dirk PeschlKorrektorat: Christa Opitz-Schwab, TaufkirchenLayout, Satz und Umschlaggestaltung: Mona KönigbauerGesetzt aus der Minion und der EbrimaUmschlagvorderseite: Bildrechte liegen beim AutorPrinted in EuropeISBN print 978-3-95780-273-6ISBN epub 978-3-95780-274-3ISBN pdf 978-3-95780-275-0

Buch&media GmbHMerianstraße 24 · 80637 MünchenFon 089 13 92 90 46 · Fax 089 13 92 90 65

Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie aufwww.buchmedia-publishing.deKontakt und Bestellungen unter: [email protected] zum Autor unter: [email protected]

Inhalt

Vorwort

Teil 1: Getriebene

1Eine Fahrt in Eile

2Gesellschaft auf der Überholspur

3Dominanz

4Autobahndrängeleien

5Es ist nicht leicht, ein Arschloch zu sein

6Bahn frei für den Raser

7Alles Idioten außer mir

8Mord auf der Landstraße

9Resümee

Teil 2: Regeln

10Ein Beinahe-Unfall

11Regel oder Verantwortung?

12Rote Lämpchen

13Kollektive Regelverstöße

14Der Oberlehrer

15Denkzettel verteilen

16Die Ordnungsmacht

17Freiheit oder Ordnung?

18Spielräume

19Von Idealen und Ideologien

20Von den Regeln zum Regulieren

21Die Einzelfälle der Statistik

22Resümee

Teil 3: Vernunft

23Reißverschluss oder Verflechtungsprinzip

24Verkehrsdichte und Geschwindigkeit

25Wissenschaft und Verkehrskollaps

26Fahren ohne Tempolimit

27Raser oder Schnellfahrer?

28Mittelspurfahrer

29Ein Ausflug in die Schweiz

30Unsichtbare Assistenten

31Tempolimit oder nicht?

32Schlussbetrachtung

Teil 4: Fülle

33Zwei Bilder

34»Synergisch« fahren

35Verschiedene Wahrnehmungen

36Wohlwollen

37Aufeinander aufpassen

38Wie sich bedanken?

39Vom Ich zum Wir

40Was sind die Alternativen?

41Cool, aber mit Herz

42Ausblick

Vorwort

Die Idee, ein Buch über das Autofahren in Deutschland zu schreiben, kam mir vor etwa 25 Jahren. Damals war ich aus beruflichen Gründen gezwungen, immer wieder große Strecken zurückzulegen – zeitweilig waren es bis zu 2000 Kilometer pro Woche. Dabei hatte ich reichlich Zeit und Muße, den Straßenverkehr ausgiebig zu studieren. Aus den immer wieder entstehenden besonderen Situationen und Konflikten ergaben sich überraschende Erkenntnisse über mein eigenes Verhalten, aber auch das der anderen. Das fand ich schließlich so spannend, dass ich mir vornahm, meine Gedanken zu Papier zu bringen, ein unterhaltsames Buch zu schreiben voll von Erlebnissen und Anekdoten, in denen wir uns mehr oder weniger amüsiert wiedererkennen können.

Die Jahre vergingen, und bei jedem Versuch, mich an diese Aufgabe zu machen, stellte ich fest, dass sich nicht nur meine Sichtweise zum Verkehr, sondern auch unser Umgang miteinander verändert hatte. So wie der einzelne Mensch sich entwickeln und reifen kann, entwickelt sich auch der Charakter des Straßenverkehrs, die »Fahrkultur«, ganz langsam – und das nicht nur durch veränderte Regeln und technische Neuerungen, sondern besonders dadurch, dass wir immer noch über viele Freiheiten und Spielräume verfügen, innerhalb derer wir uns entfalten können.

Als ich mich endlich ganz dem Schreiben widmen konnte, geriet der motorisierte Straßenverkehr, den viele von uns Autofahrern immer als Ausdruck der individuellen Freiheit angesehen hatten, mehr und mehr in Misskredit. Durch die zunehmenden Angriffe in der spürbaren Absicht, uns diese Freiheit einzuschränken, wurde mir klar, dass ich die Dinge viel gründlicher durchdenken und auch Aspekte einbeziehen musste, die die Gesellschaft und den Menschen ganz allgemein betreffen. So ist letztlich etwas weit Umfassenderes daraus geworden, als ich ursprünglich vorhatte. Es ist mir, wie ich hoffe, dennoch gelungen, die Stofffülle so zu strukturieren, dass eine nicht nur interessante, sondern auch unterhaltsame Lektüre möglich ist.

Nun, geneigte Leser, schnallen Sie sich an! Wir werden einen weiten Bogen fahren. Wir werden uns durch schattige Schluchten bewegen, vorbei an tiefen Abgründen, und wir werden geordnete Ebenen mit üppigen Wiesen und Wäldern durchqueren. In nebligen Auen werde ich Sie über Reifglätte chauffieren, und schließlich werden wir auf einsamen Passstraßen luftige Höhen erklimmen, die uns einen weiten Blick in die Ferne erlauben.

Ich erwarte nicht, dass Sie mit all meinen Sichtweisen und Erkenntnissen einverstanden sind, aber wenn diese Sie zum eigenen freien Betrachten und Nachdenken anregen können, dann soll es mir recht sein.

Teil 1:

Getriebene

Prolog

Ausgelaugt und müde war ich 20 Minuten lang mehrfach um den Block gefahren, auf der verzweifelten Suche nach einem Parkplatz. Erleichtert fand ich schließlich einen in einer kleinen Nebenstraße. Blinkend fuhr ich vor die Lücke, um rückwärts einzuparken. Doch ehe ich mich versah, kam einer von hinten und preschte, mit dem rechten Reifen den Randstein überfahrend, vorwärts in den Parkplatz.

»Das darf doch nicht wahr sein!«, dachte ich und stieg aus. Ich war äußerst erregt und versuchte den Fahrer lautstark zu überzeugen, dass er mir den Parkplatz überlassen möge. Er aber war nicht geneigt, diesen wieder aufzugeben, wurde sogar frech. Darüber stieg ein so großer Zorn in mir auf, dass ich Lust bekam, ihn aus seinem Wagen zu zerren und zu verprügeln. – Das habe ich aber nicht gemacht. Warum eigentlich nicht?

Weil wir Menschen Wesen sind, die mit ihren Gefühlen bewusst umgehen und sie erforderlichenfalls beherrschen können!

Können wir das wirklich?

Wir werden sehen …

1Eine Fahrt in Eile

Ich befand mich in der Münchner Vormittags-Rushhour und hatte es eilig.

»Du Lahmarsch! Trödler! Fahr zu!«

Um neun hatte ich einen wichtigen Termin am anderen Ende der Stadt. Ein Telefonat hatte meinen Aufbruch verzögert, die Zeitreserve war schon beim Losfahren zusammengeschrumpft, ich musste mich darauf verlassen, dass ich flüssig durch den Verkehr kommen würde.

»Wieso ist hier ein Stau? Da ist doch sonst nie einer!«

So weit ich die Einfallstraße überschauen kann, stehen die Fahrzeuge in zwei Reihen und bewegen sich nicht. Jetzt warte ich schon 30 Sekunden und bin nur ein paar Schritte weitergekommen. Wenn ich zur anderen Einfallstraße hinüberwechsle, kann ich noch rechtzeitig ankommen. Aber die nächste Querstraße ist erst da vorne, das dauert. Erst mal muss ich auf die linke Spur, dann kann ich abbiegen oder wenden.

Ich setze den Blinker. Hier im Stau muss man sich, wenn man blinkt, wie ein Verräter fühlen. Der Fahrer schräg hinter mir sieht nicht ein, warum ich jetzt die Spur wechseln soll, wo doch ohnehin alle stehen. Für ihn verlängert sich der Stau damit nur um noch eine Fahrzeuglänge mehr, und das will er verhindern. Ich ärgere mich darüber. »Du Scheißspießer! Ich bin auf diesen Straßen zu Hause und kenne mich aus, ich will weg von hier!«

Es gelingt mir, mich mit dem Kotflügel rüberzudrängeln. Der andere versucht hinter seiner stark getönten Windschutzscheibe unbeteiligt zu wirken, gibt aber zäh nach. Gleich hab ich’s geschafft.

»Du Penner da vorne, fahr halt noch einen Meter weiter, du hast doch Platz!«

Ich hupe dezent. Jetzt hat er’s geschnallt und rollt betont langsam einen Meter weiter. Will sich ungern drängeln und schon gar nicht anhupen lassen – sitzt am längeren Hebel und das lässt er dann auch raushängen.

Ich beobachte den Gegenverkehr. Ziemlich frei – erst 200 Meter weiter vorne kommt einer angefahren. Schneller als zu wenden ist es, wenn ich in die nächste Seitenstraße, 50 Meter weiter vorne, links reinfahre. Ich überquere die durchgezogene Mittellinie und presche auf der Gegenfahrbahn nach vorne, werde von einem Entgegenkommenden mit Lichthupe begrüßt.

»Beruhig dich, du Angsthase, bin ja gleich weg!«

Schwungvoll biege ich in die linke Seitenstraße ein, habe die Kurve angeschnitten, dabei kommt mir einer in der Seitenstraße entgegen; der muss bremsen. Ich fahre mit dem gleichen Schwung nach rechts und mache ihm Platz. Er glotzt mich empört an und schüttelt den Kopf.

Ich jage so schnell es geht durch die 30er-Zone, nehme an einer Rechts-vor-links-Kreuzung einem anderen die Vorfahrt: bin etwas früher an die Kreuzung gekommen; er hupt und regt sich auf, meint natürlich, dass ich warten und ihm den Vortritt hätte lassen müssen. Ich nähere mich der nächsten Hauptstraße, auf der ich schneller vorankommen will. Keine Ampel, aber Stoppschild – ein kurzer Blick, ohne anzuhalten – das schaff ich! Beschleunige stark. Dem, der auf der Hauptstraße daherkommt, war ich trotzdem zu langsam, er fährt erst einmal schnell bis auf zwei Meter zu mir auf und hupt. Ich sehe seine Hände hochfliegen.

»Ja, fluch du nur!«

Sobald sich die Fahrbahn auf zwei Spuren erweitert, muss er links an mir vorbeiziehen, obwohl ich auch schon um 15 km/h zu schnell bin. Die Ampel 300 Meter vor mir zeigt schon eine ganze Zeit lang Grün – da muss ich noch durch! Ich beschleunige auf 70. 50 Meter vor der Ampel schlägt sie um auf Gelb – ich gebe nochmals Gas. Geschafft – Gott sei Dank keine Blitzampel! Da vorn wird der Verkehr dicht. Etwa wieder Stau? Aha, rechte Spur durch Baustelle eingeengt. Rechts ist die Schlange aber um 30 Meter kürzer, weil sich die meisten schon auf der linken Spur einordnen – brav! Fahre flott auf der rechten Spur nach vorne. Kurz vor dem Hindernis will ich links einfädeln, nur … der Idiot da schräg hinter mir will mich nicht reinlassen.

»Du kleingeistiger Schwachkopf! Hast du schon mitgekriegt, dass du mich reinlassen musst?«

Er bleibt stur und blickt geradeaus, klebt mit Zentimeterabstand an der Stoßstange seines Vordermannes, drängelt sogar leicht nach rechts. Mist, keine Chance, ihn zu zwingen! Ich hupe – er bleibt vorne. Ich beruhige mich.

»Wenigstens muss ich dein Gesicht nicht im Rückspiegel sehen.«

Nach der nächsten Ampel wird es wieder zweispurig. Vor mir ein Auto nach dem anderen, aber immerhin, sie fahren – mit 30 km/h! Ich schaue auf die Uhr – ich kann es nicht schaffen – mindestens zehn Minuten Verspätung, wenn jetzt alles gut läuft. Ich muss anrufen, meine Verspätung ankündigen. Hab ich die Nummer überhaupt gespeichert? Nein! Ich fummle meinen Kalender aus der Aktentasche, beginne zu blättern. Der hinter mir hupt ungeduldig – was ist los? Der Abstand vor mir ist 20 Meter lang geworden. Ich hole auf, will wieder im Kalender blättern – geht jetzt nicht, da vorne kommt wieder eine Ampel, muss schauen, dass ich da durchkomme. Es ist grün, warum fährt der vor mir jetzt so langsam? Hat doch ewig viel Platz!

»Fahr doch zu, du Megapenner!«

Ich hänge mit zwei Metern Abstand an seiner Stoßstange. Jetzt wird er noch langsamer – ohne Grund! Noch zehn Meter bis zur Ampel; sie schlägt um auf Gelb. Er fährt bei so gut wie Rot noch durch und ich – muss anhalten!

»Du beschissener, lahmarschiger Wichser!«

Mein Adrenalinspiegel ist am Anschlag. Was wollte ich doch gleich? Richtig, anrufen, jetzt ist Gelegenheit. Finde die Nummer und beginne sie einzutippen.

Von hinten: »Trööööt!« – »Tuuuut!«

Ich schaue auf: Grün! Will anfahren – Motor stirbt ab – falscher Gang!

»Tuuuuut!« – »Tröööööööt!« – »Tüüüüüüüüüüt!«

Anlassen – warum dauert das so lang, bis der anspringt? Jetzt aber nichts wie weg. Ich telefoniere und erfahre, dass alle anderen schon da sind …

Ich erspare Ihnen die Beschreibung der nächsten Viertelstunde, in der ich unter großzügigster Auslegung der Verkehrsregeln und mit unzähligen Beschimpfungen unfallfrei mein Ziel erreichte. Natürlich war wieder kein Parkplatz frei. Und da ich keine Zeit hatte, einen zu suchen, stellte ich mich ohne zu zögern auf den Gehsteig.

Jeder von uns wird diesen Zustand einer Fahrt in Zeitnot schon einmal erlebt haben, so häufig vielleicht, dass man sich schon gar nicht mehr daran erinnern kann. Es gibt verschiedene Gründe für jeden von uns, in diesen Zustand zu geraten, und immer sind wir sicher, dass es jetzt ganz besonders wichtig ist, dass wir ganz schnell und rechtzeitig ans Ziel gelangen müssen. Jeder von uns kennt seine Gründe, aber wir kennen die der anderen nicht. Wie können wir darüber urteilen, ob die Eile von demjenigen, der sich gerade so rücksichtslos benimmt, berechtigt ist oder nicht?

Wenn uns also so einer auffällt oder gar lästig wird, wäre es doch möglich, einfach zu sagen: »Ach, der Arme! Der muss ja wirklich dringende Gründe haben, dass er es so eilig hat. Machen wir ihm den Weg frei.«

So aber reagieren wir nicht. Im Gegenteil: Man bekämpft den Eiligen, man konkurriert mit ihm, fast neidet man es ihm, dass er es noch eiliger hat als man selbst. »Der nimmt sich aber besonders wichtig!«, schimpft man, oder: »Der meint wohl, dass er der Einzige ist, der es hier eilig hat.« Und die Oberlehrer unter uns munkeln missgünstig im Hintergrund: »Wäre er halt früher aufgestanden!« Die Gesellschaft der Getriebenen versucht, sich gegenseitig in ihrer Getriebenheit zu übertreffen. Das ist inzwischen so selbstverständlich, dass wir uns in diesem Imponiergehabe gar nicht mehr ernst nehmen, denn: Die ganze Gesellschaft ist immer in Eile! Wir sind fast alle zu Getriebenen geworden. Nicht einmal im Ruhestand oder wenn wir sonntagnachmittags ins Blaue hinausfahren, scheint das aufzuhören.

Es ist, als könne man alles nur noch in Eile machen. Es sind ja nicht nur der Geschäftsmann, der zu seinem »Termin« muss, oder die Mutter, die ihr Kind zum Kindergarten, Hort oder sonst wohin bringen muss – natürlich rechtzeitig, damit sie danach pünktlich an ihrem Arbeitsplatz ist – nein, die ganze Gesellschaft ist in einem permanenten Zustand der gehetzten Eile.

»Zeit ist Geld!«, heißt es überall; darum muss alles schnell gehen, noch schneller gehen. Das Rad dreht sich immer schneller, so schnell, dass irgendwann die Nabe glüht. Erst brennen sie, dann verbrennen sie, dann sind sie ausgebrannt!

Wachstum und Schnelligkeit waren lange Zeit die Leitbilder, mit denen wir motiviert wurden, uns immer mehr anzustrengen. Hinzu kam die Angst vor der internationalen Konkurrenz. Anstrampeln gegen Milliarden Chinesen, Milliarden Inder – größer, schneller, besser, stärker müssen wir sein in einer globalisierten Welt.

Das Phänomen ist bekannt; wir wissen, dass es so ist, und wir halten es für alternativlos. Aber wir scheinen nicht zu wissen, woher es genau kommt, und schon gar nicht, wie es gestoppt werden kann.

Und anstatt – wie in so vielen Fällen – die Ursachen zu erkunden und den Missstand von Grund auf zu korrigieren, wird versucht, an den Symptomen herumzukurieren. Wenn man also feststellt: »Die Gesellschaft ist zu schnell!«, überlegt man, wie man sie verlangsamen kann. »Entschleunigung« nennt man das dann. »Ja, wir müssen sie zwingen, langsamer zu werden«, heißt es, und: »Wir reduzieren die Geschwindigkeiten auf allen Straßen. Wir bremsen sie alle herunter, damit das alles ruhiger wird.«

Ist das wirklich sinnvoll?

Stellen Sie sich einen Panther vor, der in seinem Käfig unruhig auf und ab läuft. Man könnte auf die Idee kommen, den Käfig kleiner zu machen, damit er weniger auf und ab laufen muss. Man könnte ihn auch festbinden, damit das lästige Herumgelaufe ganz aufhört. Das mag vielleicht wirksam sein, entspricht aber nicht der Natur des Panthers, und noch viel weniger der Würde von uns Menschen. Der Panther ist in Unfreiheit! Man braucht ihm nur ein großes Gehege oder die Freiheit zu geben; dann wird er sich beruhigen. Dann wird er schnell sein, wenn er schnell sein muss oder will, sei es für den Angriff, für die Flucht oder aus reiner Lebenslust. Schnelligkeit an sich ist kein Makel, weder für den Panther noch für uns, genauso wenig wie Eile.

Wir brauchen andere Methoden, uns vom Übermaß zu befreien, als uns einschränken zu lassen. Als Menschen können wir lernen innezuhalten, jeder Einzelne aus eigener Kraft. Und sich seiner selbst bewusst zu sein, sich auch im Zustand des Getriebenseins zu erkennen, ist das erste Mittel dagegen. Denn nur mit dem, was wir erkennen, können wir umgehen.

2Gesellschaft auf der Überholspur

Zu der permanenten Eile, die überall spürbar ist, gesellt sich noch das Gefühl der Wichtigkeit. Unsere hoch turbulente, schnelllebige Zeit hat den Typus des »wichtigen« Geschäftsmannes entstehen lassen, dessen Zeit wertvoll ist, weil er selbst wichtig ist – mit einer Mentalität, bei der jeder, der zurücksteckt, sich selbst zum Verlierer erklärt. Sie meinen vielleicht, das sind doch nur wenige. Schauen Sie selbst:

Es ist wohl schon etwas länger her, als ich werktags auf der Autobahn von München nach Nürnberg fuhr. Durch eine Baumaßnahme war die rechte Spur gesperrt; aus der dreispurigen Richtungsfahrbahn war eine zweispurige mit Seitenstreifen geworden, die Geschwindigkeit auf 120 km/h beschränkt. Von einer Anhöhe aus konnte ich einige Kilometer der Autobahn überschauen, die hier in gerader Linie verläuft. Ich sah, wie die linke Spur kilometerweit dicht gedrängt war mit dunklen Limousinen – eine einzige lange Schlange! Auf der rechten Spur fuhren im lockeren Abstand von 200 bis 400 Metern Lastkraftwagen und dazwischen, wie verirrt, einzelne bunte Kleinwagen. Nach ein paar hundert Metern befand ich mich selbst mittendrin in dieser »dunklen Kolonne«.

Ich mache es erst einmal so, wie ich es gelernt habe: Nach dem Überholen eines Lkw ist reichlich Platz und ich wechsle auf die rechte Spur. Dort könnte ich schneller sein als die Kolonne zu meiner Linken; die können nämlich, weil es so viele sind, gar nicht schneller als etwa 100 km/h fahren. Ich verbiete mir aber das Rechtsüberholen und fahre mit gleicher Geschwindigkeit wie die Kolonne weiter. Langsam nähere ich mich dem nächsten Lkw auf meiner Spur und hoffe, eine Lücke zu finden, um auf die linke Spur zu wechseln. Geht aber nicht! Die in der Kolonne wissen, dass ich zum Überholen ausscheren muss, und machen dicht. Gerade neben mir fahren sie einander so nahe auf, dass ich nicht auf die linke Spur wechseln kann, ohne sie zu gefährden. Ich muss meine Geschwindigkeit auf die des Lastwagens vor mir reduzieren; einfädeln wird dadurch schwieriger, weil ich auch noch beschleunigen muss. Es wird mich doch einer rüberlassen? Etwa 20 Wagen ziehen langsam an mir vorbei – immer das gleiche Spiel: Sobald sie auf meiner Höhe sind, fahren sie fast auf Tuchfühlung – und mein Blinken interessiert sie gar nicht, nein, es scheint sie eher zu bedrohen. Mich überkommt das Gefühl, ein Dummkopf zu sein, weil ich es überhaupt unternommen habe, auf die rechte Spur zu wechseln. Nachdem ich mich eine Zeit lang gegrämt habe, überlege ich mir eine Strategie. Ich lasse mich zunächst zurückfallen, um Abstand zum vorausfahrenden Lkw zu bekommen. Dann nämlich kann ich beschleunigen, um auf die gleiche Geschwindigkeit wie die Kolonne zu kommen, und: Solange ich nicht kurz hinter dem Lkw bin, »wittern sie keinen Verrat«; nur die Wachsameren unter ihnen werden neben mir die Lücke schließen.

Ich gebe Gas: »Einfädelgeschwindigkeit«. Der schräg hinter mir bemerkt es und beschleunigt, um mich auszubremsen. Ich blinke und schere fast gleichzeitig ein, direkt hinter der Stoßstange des Vorausfahrenden. Der Fahrer hinter mir fährt dicht auf, berührt ebenfalls fast meine Stoßstange, betätigt die Lichthupe – es hat ihn geärgert. Er tut so, als ob ich ihn geschnitten oder ihm die Vorfahrt genommen hätte. Man muss sich die Gefährlichkeit der Situation vergegenwärtigen: Ich berühre fast die Stoßstange des Vordermannes und mein Hintermann macht das Gleiche mit mir. Es gibt für kurze Zeit keine Reaktionszeit und keinen Sicherheitsabstand. Wir alle nehmen das Risiko in Kauf.

Ich hab es beim nächsten Lkw noch einmal probiert, mit dem gleichen Ergebnis. Vor dem übernächsten Lkw war ich es erst einmal leid, mir den Missmut der anderen zuzuziehen. Ich blieb in der dunklen Kolonne. So mit vermindertem Sicherheitsabstand zu fahren, lässt mich Unbehagen empfinden – es sind ja nicht mehr als zwei Fahrzeuglängen, also etwa zehn Meter. Ich versuche, den Abstand zu meinem Vordermann etwas zu vergrößern. Der hinter mir bemerkt das; es gefällt ihm aber nicht. Er rückt mir dichter auf die Pelle, bedrängt mich, will mir sagen: »Du Lahmarsch, schließ auf!«

Irgendwie aussichtslos, denk ich mir. Eigentlich müsste man jetzt das Ganze unterbrechen und eine sofortige Teamsitzung einberufen. »Also, hört mal zu: So kann das nicht weitergehen! Wenn Platz ist, verteilen wir uns einfach auf die beiden Spuren, fahren gegeneinander versetzt und gleich schnell, und vor dem nächsten Hindernis – sprich Lkw oder Trödler – fügen wir uns in der gleichen Reihenfolge wieder zusammen. Damit reduzieren wir das Unfallrisiko für uns alle erheblich und kommen schneller voran. Aber keine Fisimatenten, gelt?!«

Noch während ich, in der dunklen Kolonne fahrend, mich in den Auswürfen meiner Vernunft ergehe, fährt ein paar Wagen hinter mir einer in einem weißen Kleinwagen nach rechts. »Ist der blöd, oder was?«, denke ich mir zunächst. Nein, der gibt Gas – der überholt uns alle auf der rechten Seite, zieht an mir vorbei, fährt weit nach vorne! Das ist Rechtsüberholen, das darf der nicht! – Das hab ich mich vorhin nicht getraut. Damit zieht man sich ja nicht nur den Groll einiger weniger zu, sondern den einer ganzen Kolonne – und ich bin jetzt selbst Teil dieser Kolonne! Die da vorne, wo er sich dann reinmogeln will, die rüsten sich schon, die werden »auf Stoßstange« fahren – eine kollektive Strafaktion wird das! Ich denke tatsächlich: »Hoffentlich ist keiner so blöd, ihn reinzulassen«, und wundere mich über mich selbst. Hab ich nicht eben noch die Dichtauffahrer verdammt und mich selbst im Reindrängeln geübt? Der hat doch nur gemacht, was ich mich selbst nicht getraut habe, was aber angesichts dieses unvernünftigen Linkskolonnenfahrens durchaus Sinn macht. Nun ja, so flott, wie der an uns allen vorbeigefahren ist, war es schon ein bisschen provokativ. »Ihr Deppen könnt mir jetzt alle den Buckel runterrutschen!«, war die Botschaft.

Wie ist es ausgegangen? Sie haben vorne wie abgesprochen dicht gemacht. Das konnte ich an den immer wieder aufleuchtenden Bremslichtern erkennen. Der weiße Kleinwagen wollte aber nicht klein beigeben und hat sich trotzdem rübergedrängelt. Das war gefährlich, und es wurde viel gebremst und viel gehupt – der ganze Streckenabschnitt war in Aufruhr. Was für eine freundliche Gesellschaft!

Ein guter Bekannter von mir brüstete sich einmal, dass er die Strecke von A nach B (immerhin etwas mehr als 150 Kilometer) zurückgelegt habe, ohne auch nur von einem Einzigen überholt worden zu sein. »Eine sportliche Einstellung«, würden die einen sagen. Ich nenne es Wahnsinn und meine das wörtlich. Jemand leistet sich den Wahn, dass er nicht überholt werden dürfe.

Es gibt ja die verschiedensten Wahnvorstellungen: Manche fühlen sich verfolgt und sind sich dessen ganz sicher. Andere müssen etwas Bestimmtes tun, mit der Gewissheit, dass die Welt untergeht, wenn sie es nicht tun. Der Wahn ist eine emotionale Getriebenheit außerhalb jeglicher Vernunft. Und je stärker der Wahn mit dem Verstand gefüttert wird (»Es muss so sein!«), umso mehr verfestigt er sich.

Was bedeutet es nun für das Fahrverhalten, wenn jemand diesem Wahn unterliegt? Er wird der Letzte sein, der sich aus der dunklen Kolonne herausbewegt und auf der rechten Spur einordnet, weil er dann befürchten muss, dass andere – auch wenn es nur Einzelne sind – links an ihm vorbeiziehen. Und jeder, der an ihm vorbeizieht, wird ihm Schmerzen bereiten.

Sie werden, lieber Leser, vielleicht denken: »Das ist ja ein schöner Idiot; gut, dass ich nicht so bin!« – Vorsicht! Ein Wahn zeigt sich nur selten in Reinkultur. Wenn die Dinge sehr pur zum Vorschein kommen, sind sie leichter zu erkennen, als wenn sie nur versteckt vorhanden sind. »Ich doch nicht!« ist eine typische Abwehrreaktion dagegen, der eigenen Wirklichkeit ins Auge zu schauen. Jemand, der bei dieser Vorstellung schmunzeln muss und sagen kann: »Ja, das kenn ich!«, beweist immerhin ein Minimum an Selbsterkenntnis und Humor.

Tatsächlich unterliegen wir alle mehr oder weniger stark diesem Wahn – weil es ein kollektiver Wahn ist, in einer Gesellschaft, die sich aufteilt in »Winner« und »Loser«! Wer es nicht schafft, der Erste oder der Beste zu sein, ist halt ein Verlierer! »Sportlich« nennen es die einen. Sportlich kann man es schon betreiben, wenn man es sich bewusst machen kann; ein Wahn ist es jedoch, wenn es zwanghaft geschieht.

Und auch hier würden mir die meisten sagen: »Ich kenn das und kann es jederzeit bleiben lassen!« Diese Nagelprobe muss erst noch bestanden werden. Wir brauchen uns nur die unsinnigen und gefährlichen dunklen Kolonnen anzuschauen, die wir täglich erleben dürfen; heutzutage sind sie vielleicht nicht mehr ganz so dunkel – die Modefarben der Mittel- und Oberklassewagen haben sich ein bisschen gewandelt. Wir haben uns über die Jahrzehnte gemütlich eingerichtet in diesem Wahnsinn …

3Dominanz

In der Kolonne der Wahnsinnigen auf der Überholspur nehmen wir Fahrzeugabstände in Kauf, die uns bei anderen Gelegenheiten erheblich stören würden. Im Allgemeinen empfinden wir so, als hätten wir vor und hinter uns einen Sicherheitsraum, den wir für uns beanspruchen, der gewissermaßen unser Revier ist. Zur Seite hin ist dieses Revier jedoch nur wenig ausgeprägt; minutenlang können wir auf dicht befahrenen mehrspurigen Straßen nebeneinander herfahren, ohne dass es uns stört; wir vermeiden dies jedoch gerne, um seitlich mehr Spielraum zu haben.

Wir nennen es »schneiden«, wenn sich jemand in unser vorderes Revier hineindrängt, was umso störender wirkt, je geringer der Abstand ist, den er uns lässt. Dabei macht es einen wesentlichen Unterschied, ob er danach zügig weiterfährt und den Abstand vergrößert oder ob er langsamer wird und uns sogar zwingt, die Geschwindigkeit zu verringern. Geschieht dies ohne Grund, wird es leicht als Provokation aufgefasst.

Revierverletzungen von vorne sind eher selten, viel häufiger werden wir von hinten bedrängt. Ob sich der Eindruck des Bedrängtwerdens einstellt, hängt auch hier davon ab, wie dicht uns jemand von hinten auffährt, wie lange er sich hinter uns aufhält und ob es einen erkennbaren Grund gibt, warum er das macht. Wenn sich einer zwischen mir und meinem Hintermann in die Spur drückt, was sich manchmal nicht vermeiden lässt, wird es von mir als weniger störend empfunden, weil ich es ja verstehen kann, zumal wenn sich der Abstand dann wieder vergrößert.

So läuft es auch auf der Landstraße, wenn ich beispielsweise am Ende einer Kolonne mit 80 km/h unterwegs bin. Kommt dann ein Eiliger von hinten, ein Ortskundiger vielleicht, der alle Überholmöglichkeiten auf dieser Strecke kennt, dann setzt er sich erst einmal dicht hinter mich, um bei nächstbester Gelegenheit auf kürzestem Weg an mir vorbeizuziehen. Ich kann ihm beim Überholen sogar noch Platz machen – denn dann bin ich ihn los. In solchen Fällen sehen wir es mit dem Abstand nicht so eng. Manchmal jedoch klebt uns einer am Heck aus Gründen, die wir nicht verstehen können.

Vor einiger Zeit fuhr ich auf einer Baustellenstrecke der Autobahn, auf der in jeder Fahrtrichtung nur eine Spur freigegeben war. Zwischen den Spuren waren die üblichen Trennmarkierungen befestigt, damit auch wirklich keiner auf die dumme Idee kommt, hier zu überholen. Meine Spur befand sich auf dem ursprünglichen Standstreifen, der rechts von der Leitplanke begrenzt wurde. Die Strecke war für 80 km/h freigegeben, die Fahrzeuge bewegten sich alle mit 85 bis 90 km/h in Abständen von etwa 50 Metern gleichmäßig dahin – im Grunde eine entspannte Situation auf diesem zehn Kilometer langen Baustellenabschnitt.

Dennoch setzte sich ein Kleinbus mit weniger als einer Fahrzeuglänge Abstand hinter mich – und blieb dort auf dem ersten Kilometer der Strecke. Es nervt, immer die Motorhaube des anderen ganz nah im Innenspiegel zu sehen, und das umso mehr, wenn es sich um ein größeres Fahrzeug handelt. Es ist eben genau dieses Unwohlsein, das wir nicht mögen, wenn einer unseren Sicherheitsraum zu sehr einschränkt. In manch anderen Ländern käme das einer Kriegserklärung gleich; da würden sie an meiner Stelle vielleicht sogar anhalten und dem anderen Schläge androhen – im vorliegenden Fall könnte er wegen der Leiteinrichtungen nicht einmal ausweichen.

Ich beschloss, diesem lästigen Verfolger zu zeigen, dass er mich stört, und tippte die Bremse an. Ein übrigens erlaubtes Vorgehen, um andere auf den Sicherheitsabstand hinzuweisen; aber wirklich bremsen darf man nicht – das wäre Gefährdung. Tatsächlich schien es ihn erschreckt zu haben, denn kurzzeitig vergrößerte sich sein Abstand auf etwa 15 Meter, bevor er wieder aufholte.

Was mache ich als Nächstes, um mir freien Raum zu verschaffen? Ich fahre langsamer. Er sitzt mir dabei fast auf der Stoßstange. Bei 60 km/h hupt er und blinkt mich an – zu Recht. Mittlerweile ist der Abstand zu meinem Vordermann auf etwa 200 Meter angewachsen. Nachdem ich also meinen Hintermann eine Zeit lang in Wallung gebracht habe, beschleunige ich schnell auf 100 km/h. Endlich habe ich meinen Sicherheitsabstand nach hinten. Ich erreiche meinen Vordermann. Nach kurzer Zeit habe ich den Drängler wieder fünf Meter hinter mir.

Ich wiederhole das Spiel noch einmal, aber er will einfach nicht verstehen, dass ich sein Gedrängel nicht haben will. Wieder klebt er mir an der Stoßstange – der Typ ist hinweisresistent oder völlig unbewusst!

Nach ein paar Kilometern, während derer ich mich einigermaßen mit der Situation abgefunden und beruhigt hatte, immer mit reichlichem Abstand zum Vordermann – schließlich musste ich ja noch den Reaktionsweg meines Rucksackdränglers mit einberechnen –, war die Baustellenstrecke zu Ende. Ich ließ ihn erst einmal überholen, um zu sehen, mit welcher Geschwindigkeit er auf freier Strecke weiterfahren würde. Er beschleunigte auf 130 km/h – dabei blieb es. Ich hätte es ihm zugutegehalten, wenn er diese Drängelei aus Eile veranstaltet hätte. Wenn man unter Zeitdruck steht, neigt man dazu, die anderen anschieben zu wollen, und rückt ihnen dicht auf, unbewusst, fast instinktiv. Hätte er es aber wirklich eilig gehabt, wäre er jetzt so schnell wie möglich davongebraust, mit mindestens 160 km/h – das schafft so ein Sprinter mit Leichtigkeit.

Lange blieb in mir ein gewisses Unverständnis über diese Art des Dichtauffahrens. Bis ich vor einiger Zeit bei einem Bekannten mitfahren durfte – eigentlich ein zurückhaltender, beherrschter Mensch –, der auf der Landstraße dem Vordermann ebenfalls so dicht auf die Pelle rückte, dass ich mit meinem rechten Fuß dauernd in den Fußraum drücken musste – der übliche Bremsreflex, den man auch als Beifahrer nicht so leicht loswird. Wir hatten es nicht eilig und es war keine Überholmöglichkeit weit und breit. Schließlich fragte ich ihn, warum er das machte. Er wusste keine Antwort, riss sich aber zusammen und hielt einen etwas größeren Abstand ein. Da erahnte ich, dass es mit Macht zu tun hat oder, um genau zu sein, mit Dominanz.

Macht auszuüben verlangt einen Zweck. Mit dem Zweck, schneller voranzukommen, könnte jemand versuchen, den Vordermann zu zwingen, schneller zu fahren oder aus dem Weg zu gehen. Unsere Möglichkeiten, im Straßenverkehr Zwang auszuüben, sind glücklicherweise begrenzt, denn ich darf ja kein anderes Fahrzeug physisch anschieben oder von der Straße schubsen. Aber ich kann in den Sicherheitsraum des anderen eindringen, sodass es ihm unangenehm ist, ich kann ihn bedrängen und unter Druck setzen, anblinken, anhupen. Wenn es aber diesen Zweck nicht gibt, wie in den genannten Beispielen, dann ist das Drängeln einfach nur die Zurschaustellung von Dominanz – eine schlichte Machtdemonstration!

Umgekehrt hat ein Vorausfahrender durchaus die Möglichkeit, Macht auszuüben. Denn wenn er langsamer wird und es für den Hintermann keine Überholmöglichkeit gibt, kann er diesen tatsächlich zwingen, langsamer zu fahren – so wie ich es in der geschilderten Situation auch kurzzeitig praktiziert habe.

Es gibt also den Unterschied zwischen Machtausübung und einer Machtdemonstration, die sich lediglich damit begnügt, den anderen seine Dominanz spüren zu lassen. Wozu aber sollte das dienen, außer das eigene Selbstwertgefühl zu erhöhen, eine empfundene Minderwertigkeit zu kompensieren? Die scheinbar harmlosesten Fahrer versuchen, sich selbst zu erhöhen, indem sie auf andere Druck ausüben. Dies allein scheint ihnen schon zu genügen, um sich stark zu fühlen, sie müssen sich weder wichtig machen noch in einen echten Wettkampf treten. Es ist zu befürchten, dass sie über die Ursachen ihres mangelnden Selbstbewusstseins keine Ahnung haben. Echtes Selbstbewusstsein jedenfalls braucht weder Machtspielchen noch Dominanzgebaren.

4Autobahndrängeleien

Die Drängeleien auf der Landstraße oder auf einspurigen Richtungsfahrbahnen sind meist längere Vorgänge, bei denen wir als Vorausfahrer reichlich Zeit haben, zu beobachten und uns Gedanken zu machen. Auf der Autobahn hingegen sind solche Begegnungen kürzer und heftiger, entsprechend regen wir uns auch schneller auf und reagieren impulsiver. Es ist schwerer, sich einer Empfindung bewusst zu werden. Dazu will ich eine typische Situation schildern:

Ich bin mit etwa 140 km/h auf der Überholspur der Autobahn unterwegs. Es ist mäßiger Verkehr, die linke Spur ist über weite Strecken frei. Zwei Fahrzeuge, die mit Tempo 120 fahren, bilden mit einem Abstand von etwa 80 Metern eine kleine Kolonne auf der rechten Spur. Ich bin beim Überholen schon neben dem ersten der beiden, da sehe ich im Innenspiegel, wie einer mit etwa 200 Sachen auf mich zurast. Er blinkt mich mit der Lichthupe an und bremst erst kurz hinter meinem Heck – »Drohbremsen«, wir kennen das. Er hätte schon viel früher vom Gas gehen können, aber das wollte er nicht. Er bleibt ganz dicht hinter mir, um mich einzuschüchtern. »Auch wenn du einen schnellen, schweren Wagen hast«, schimpfe ich vor mich hin, »überhol ich hier in meinem Tempo – und das darf ich!«

Es ärgert mich, und ich beschließe, ihm eine Lektion zu erteilen; deshalb werde ich ein bisschen langsamer. »Du meinst wohl, ich würde in die Lücke zwischen den zwei Fahrzeugen einscheren, um dir Platz zu machen, und am besten sofort. Wenn du nicht so ein Armleuchter wärst, würde ich das vielleicht tun«, denke ich mir und bleibe extra auf der Überholspur. Wieder Lichthupe. Sobald auch er an dem ersten Fahrzeug vorbei ist, fährt er unruhig hin und her. Will er mich etwa rechts überholen? Ich beschleunige wieder etwas, um ihm diese Möglichkeit zu nehmen. Er muss weiter hinter mir bleiben, darum werde ich jetzt wieder ein bisschen langsamer. Er merkt das, hupt und regt sich auf. Es gefällt mir, dass er sich sichtbar ärgert.

Langsam passiere ich das zweite Fahrzeug. Als ich daran vorbei bin, wäre auf der rechten Spur erst einmal alles frei. Ich werde aber nicht sofort die Spur wechseln, schließlich will ich ja den Überholten nicht schneiden, nicht wahr? Ich blinke rechtzeitig und fahre dann ganz langsam nach rechts hinüber. Ich bin noch gar nicht ganz auf meiner Spur, da rauscht er, beinahe die linke Fahrbahnbegrenzung streifend, vorbei. Ich schaue geradeaus: »Dich würdige ich keines Blickes, Idiot!« Kurz schießt mir durch den Kopf, dass ich mich ja genauso wie ein Idiot benommen habe. »Aber er hat angefangen!«, rechtfertige ich mich wie ein Kind im Sandkasten. Ein Minimum an Verstand reicht aus, mich vor mir selbst zu rechtfertigen, dass mein Verhalten so sein musste und richtig war.

Solche und ähnliche Situationen, mit wechselnden Rollen, habe ich viele erlebt – und freilich wähnt man sich immer im Recht, und der andere ist der Depp. Es ist so leicht und bequem, die anderen zu Idioten zu erklären, und, noch dazu, so gut für das eigene Selbstwertgefühl. Und man erspart sich einiges Nachdenken über sich selbst und die anderen. Wenn ich nämlich, nach der schlichten Rechtfertigung, die zweite Stufe meines Verstandes einschalte, kann ich verschiedene Gründe dafür finden, warum jemand drängelt.