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Karl Popper, einer der einflußreichsten Denker dieses Jahrhunderts, hat an diesem Buch bis zu seinem Tod gearbeitet. In den 16 Texten dieser Auswahl kommen noch einmal die großen Themen zur Sprache, die sein Lebenswerk beherrscht haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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© Piper Verlag GmbH, München 2024
© Karl Popper Sammlung Universität Klagenfurt
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 1994
Covermotiv: Andrej Reiser/Bilderberg
Aus dem Englischen von Friedrich Griese
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Cover & Impressum
Vorwort
I
II
III
I. Fragen der Naturerkenntnis
1. Wissenschaftslehre in entwicklungstheoretischer und in logischer Sicht
2. Wissenschaftliche Reduktion und die essentielle UnVollständigkeit der Wissenschaft
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
Postskriptum
Anmerkungen
3. Bemerkungen eines Realisten über das Leib-Seele-Problem
I
II
III
IV
Zusammenfassung
4. Die Erkenntnistheorie und das Problem des Frieden
I
II
III
IV
5. Die erkenntnistheoretische Position der Evolutionären Erkenntnistheorie
A priori – A posteriori
Darwinismus
Anpassung und Darwinismus: Ein Gedankenexperiment
Homologie, Wissen und Anpassung
Erwartung
Widerlegung der Induktion
Ziele, Probleme, Werte
6. Kepler: Seine Metaphysik des Sonnensystems und seine empirische Kritik
II. Gedanken über Geschichte und Politik
7. Zum Thema Freiheit
I
II
III
IV
V
VI
VII
8. Über Geschichtsschreibung und über den Sinn der Geschichte
9. Zur Theorie der Demokratie
10. Bemerkungen zur Theorie und Praxis des demokratischen Staates
I. Literatur, Wissenschaft, Demokratie: eine Verbindung?
II. Vom ersten publizierten Buch Europas zu Gutenbergs Revolution
III. Leistungen und Untaten der Athenischen Demokratie
IV. Demokratie war nie Volksherrschaft, kann es nicht sein, soll es nicht sein
V. Der Hauptpunkt; Die Regierung muß ohne Blutvergießen abgesetzt werden können (durch Abstimmung, zum Beispiel im Bundestag)
VI. Freiheit und Grenzen der Freiheit: der Staat
VII. Thomas Hobbes, Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt, John Stuart Mill
VIII. Ministaat oder paternalistischer Staat? Grenzen beider. Der Ministaat als regulatives Prinzip
IX. Das Recht der Unmündigen
X. Lösbarkeit des Problems der Zivilbürokratie. Die Militärbürokratie
XI. Die Hoffnung der Jugend
XII. Optimismus und die Gefahr der Medien
11. Freiheit und intellektuelle Verantwortung
12. Alles Leben ist Problemlösen
I
II
13. Gegen den Zynismus in der Interpretation der Geschichte
14. »Kriege führen für den Frieden«
15. Gedanken über den Kollaps des Kommunismus: Ein Versuch, die Vergangenheit zu verstehen, um die Zukunft zu gestalten
16. Von der Notwendigkeit des Friedens
Anmerkungen
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen und Reden kann als eine Fortsetzung meines Buches Auf der Suche nach einer besseren Welt angesehen werden, das gleichfalls bei Piper in München erschienen ist. Beide Bücher enthalten Beiträge, die stark naturwissenschaftlich orientiert sind, und andere, die historisch oder politisch orientiert sind. Der Titel dieses Buches, Alles Leben ist Problemlösen, ist auch der Titel seines 12. Kapitels – eines Kapitels, das die kurze, aber sachlich wichtige »Zusammenfassung als Vorwort« stark beeinflußt hat, die ich jenem früheren Sammelband vorangestellt habe.
Ich habe mich bemüht, auch dem Vorwort zum gegenwärtigen Sammelband mehr Gewicht zu geben, als Vorworte gewöhnlich haben.
Die Auswahl der Kapitel ist das gemeinsame Werk von meiner Assistentin, Mrs, Melitta Mew, und von Dr. Klaus Stadler vom Piper Verlag. Ich bin beiden zu größtem Dank verpflichtet.
»Fragen der Naturerkenntnis« heißt der erste Teil des gegenwärtigen Buches. Es ist hauptsächlich die Biologie, an die ich hier denke, und der unfaßbare Reichtum der Formen des Lebens.
Je tiefer wir in eines der vielen Gebiete der Biologie eindringen – von welcher Seite auch immer –, um so unfaßbarer erweist sich der Formenreichtum der biologischen Strukturen auf jeder Ebene und um so wunderbarer ihr harmonisches Zusammenspiel.
Das letzte Kapitel des ersten Teils ist Johannes Kepler gewidmet, dem großen Sucher nach den Harmonien im physischen Schöpfungswerk Gottes und dem großen Finder der drei Keplerschen Gesetze, die die Bewegungen der Planeten in höchst abstrakter, aber auch höchst harmonischer Weise bestimmen. Unter den drei Geistesriesen – den Zeitgenossen Galilei und Kepler und ihrem Nachfolger Newton –, die zusammen (und mit anderen) unsere Naturwissenschaft geschaffen haben, ist Kepler vielleicht der größte. Sicher ist er die anziehendste, offenste und bescheidenste Persönlichkeit. Alle drei waren leidenschaftliche Sucher und unermüdliche Arbeiter; alle drei leisteten schwerste Arbeit, oft für lange Zeit enttäuschende Arbeit, aber sie wurden reich belohnt durch das große Glück des Entdeckers, der die Welt in einem neuen Licht sieht: anders, schöner, harmonischer und auch besser als irgendein Mensch vor ihm – und der dann weiß, daß seine schwere Arbeit von Glück gesegnet war, von fast unverdientem Glück, denn es hätte ja so leicht ganz anders kommen können.
Kepler allein, unter diesen drei Größten, hat alles nicht nur durchgemacht, sondern auch mit Fleiß und Offenheit niedergeschrieben. Und er verstand auch wie kein anderer, daß es ursprünglich die griechischen Denker der Vorzeit waren, von Thaies bis Aristoteles, Aristarchus und Ptolemäus, die ihre kühnsten Ideen an Keplers Vorbild, Kopernikus, vermacht hatten.
Seine große Bescheidenheit half Kepler – mehr als den anderen beiden – immer wieder, sich seiner Fehler bewußt zu werden und aus seinen Fehlern zu lernen; Fehlern, die nur mit den größten Schwierigkeiten zu überwinden waren. Jeder der drei Geistesriesen war, in seiner besonderen Weise, tief in einem Aberglauben befangen. (»Aberglaube« ist ein Wort, das wir nur mit größter Vorsicht verwenden dürfen: mit dem Wissen, wie wenig wir wissen und wie sicher es ist, daß wir selbst, ohne es zu wissen, in verschiedenen Formen des Aberglaubens befangen sind.) Galilei war zutiefst befangen im Glauben an eine natürliche Kreisbewegung – genau dem Glauben, den Kepler nach langen Kämpfen in sich und in der Astronomie besiegte. Newton schrieb ein großes Buch über die traditionelle (hauptsächlich biblische) Geschichte der Menschheit, die er nach ganz offensichtlich vom Aberglauben geleiteten Prinzipien in ihren Jahreszahlen korrigierte. Und Kepler war nicht nur ein Astronom, sondern auch ein Astrolog – er wurde deshalb von Galilei abgelehnt, und ebenso von vielen anderen,
Aber die Astrologie – Keplers Aberglaube – wurde von ihm selbst in ihren dogmatischen Formen bekämpft: Er war ein selbstkritischer Astrolog. Er lehrte, daß das Schicksal, vorweggenommen in den Sternen, nicht unüberwindlich ist, sondern durch unseren sittlichen Willen überwunden werden kann. Eine wichtige Konzession an die Kritiker der Astrologie. Vielleicht war er von jenen drei Großen in seinem Aberglauben am wenigsten dogmatisch.
Der zweite Teil dieses Buches heißt »Gedanken über Geschichte und Politik«. Er besteht aus Gelegenheitsarbeiten. Er produziert keine Ratschläge oder Rezepte – am wenigsten unfehlbare –, aber er vertritt eine Einstellung der Verantwortlichkeit.
Selbstverständlich bin ich für Demokratie – aber nicht im Sinne der meisten ihrer Vertreter. Winston Churchill sagte: »Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, mit der alleinigen Ausnahme aller anderen Regierungsformen.« Wir haben nichts besseres als Mehrheitsbeschlüsse. Eine Mehrheitsregierung ist verantwortlich, eine Koalitionsregierung schon viel weniger und eine Minderheitsregierung noch weniger.
»Demokratie« im Sinne von »Volksherrschaft« hat es so gut wie nie gegeben, und wenn es sie gab, war sie eine unverantwortliche Diktatur der Willkür. Eine Regierung kann und soll dem Volk verantwortlich sein. Eine Volksherrschart kann das nicht und ist unverantwortlich.
Ich bin also für eine demokratisch gewählte konstitutionelle Regierung: etwas ganz anderes als eine Volksherrschaft. Und für eine verantwortliche Regierung: verantwortlich in erster Linie gegenüber ihren Wählern; aber auch, und vielleicht noch mehr, moralisch verantwortlich gegenüber der Menschheit.
Nie gab es so viele und so furchtbare Waffen in so vielen unverantwortlichen Händen. Tausendmal mehr als nach den beiden Weltkriegen. Daß es so ist und daß unsere führenden Politiker es hinnehmen, dafür sind sie uns gegenüber verantwortlich. Dafür müssen wir sie alle anklagen.
Die meisten unserer führenden Politiker würden es ja gerne ändern. Aber sie haben die durch das Wettrüsten der Bandenführer sich dauernd verschlechternde Weltsituation schon von ihren Vorgängern übernommen; und sie scheinen sich – wenn auch ungern – damit abgefunden zu haben. Auch scheint eine Intervention zu riskant und zu schwierig zu sein. So redet man darüber so wenig wie möglich.
Nach den Kriegen redete man: über Abrüstung. Die westlichen Demokratien haben ziemlich weitgehend abgerüstet. Sie allein. Es war die große Idee des Völkerbundes und später, nach dem Zweiten Weltkrieg, der Vereinten Nationen, daß diese durch ihre moralische und militärische Übermacht verpflichtet seien, den Frieden zu sichern, bis die anderen ihre Pflicht erkannt und erlernt haben.
Niemand kann bezweifeln, daß wir im Begriff sind, uns aus dieser Position zurückzuziehen. Den Wählern erklären wir dies nicht, wir fürchten uns davor, Opfer zu bringen. Wir lassen uns lieber auf keine Abenteuer ein: Wir nennen »Abenteuer«, was unsere Pflicht ist.
Wenn ich versuche, unsere europäische und amerikanische Geschichte zu betrachten, so komme ich zu einem Ergebnis, das ähnlich lautet wie eine schon manchmal von mir zitierte Zusammenfassung des englischen Historikers H. A. L. Fisher: »Auf den Seiten der Geschichte ist die Tatsache des Fortschritts klar und deutlich geschrieben. Aber der Fortschritt ist kein Naturgesetz. Das, was von einer Generation errungen wurde, kann von der nächsten wieder verloren werden.«
Jedem der drei Sätze, die Fisher hier ausspricht, kann und muß ich zustimmen. Aber worin besteht der »Fortschritt«, von dem er spricht und von dem er mit Recht sagt, daß die Geschichte uns von ihm berichtet, aber auch, daß er unverläßlich ist, und verloren gehen kann?
Die Antwort auf diese Frage ist ebenso klar wie bedeutsam: Der Fortschritt, den Fisher meint und den wir alle meinen, ist ein ethischer, ein moralischer Fortschritt. Er ist auf den Frieden auf Erden hin gerichtet, den schon das Neue Testament versprach: darauf, daß in den Staaten – und zwar im Inneren und in den Außenbeziehungen – Gewalttaten jeder Art verschwinden. Es ist der Fortschritt hin zu einer zivilisierten menschlichen Gesellschaft, der Fortschritt hin zum Rechtsstaat, und zum Bund aller Rechtsstaaten mit dem Ziel, den Frieden aufrechtzuerhalten.
Das ist – nach Kant – unsere moralische Aufgabe: die Aufgabe, der alle Menschen guten Willens verpflichtet sind; das Ziel, das wir der Geschichte setzen müssen. Es ist, seit den Kernwaffen, ein notwendiges Ziel.
Das Ziel ist also nicht nur aussichtsreich (denn gegenwärtig sind die zivilisierten Staaten auch die mächtigeren), es ist notwendig. Die Existenz von Kernwaffen macht es zu einem notwendigen Ziel für alle, die bereit sind, für ein Fortbestehen der Menschheit und der Zivilisation einzutreten. Denn die Alternative ist Vernichtung.
Die Zielsetzung stammt ursprünglich aus der Augustinischen Zeit des Römischen Reiches und aus dem Neuen Testament: Et in terra pax hominibus bonae voluntatis – Und Friede auf Erden für alle Menschen guten Willens (was aber auch so übersetzt werden könnte: »Und Friede auf Erden, zu erringen von allen Menschen guten Willens«).
Aus dem Verbrechen des Ersten Weltkrieges, das zum Kellog-Pakt führte, und aus dem Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, das zu den Vereinten Nationen führte, entstand eine hinreichend starke politische Bewegung aller Menschen guten Willens.
Aber »was von einer Generation errungen wurde, kann von der nächsten wieder verloren werden«, sagt Fisher.
Es wurde verloren. Wir müssen es wiedergewinnen. Wir müssen uns auf unsere Pflicht besinnen. Und wir müssen unsere Politiker daran erinnern, daß ihre Verantwortung nicht mit ihrem Tod aufhört (oder mit ihrem Rücktritt).
Kenley, 12. Juli 1994
K. R. P.
Die Grundthese, die ich Ihnen in diesem Vortrag unterbreiten möchte, kann folgendermaßen formuliert werden:
Die Naturwissenschaften sowie die Sozialwissenschaften gehen immer von Problemen aus; davon, daß etwas unsere Verwunderung erregt, wie die griechischen Philosophen sagten. Zur Lösung dieser Probleme verwenden die Wissenschaften grundsätzlich dieselbe Methode, die der gesunde Menschenverstand verwendet: die Methode von Versuch und Irrtum. Genauer ausgedrückt: Es ist die Methode, versuchsweise Lösungen unseres Problems aufzustellen und dann die falschen Lösungen als irrtümlich zu eliminieren. Diese Methode setzt voraus, daß wir mit einer Vielzahl von versuchsweisen Lösungen arbeiten. Eine Lösung nach der anderen wird ausprobiert und eliminiert.
Im Grunde scheint dieses Verfahren das einzige logisch mögliche zu sein. Es ist auch das Verfahren, das ein niederer Organismus und sogar die einzellige Amöbe verwendet, wenn sie versucht, ein Problem zu lösen. In diesem Fall sprechen wir von Probierbewegungen, durch die der Organismus versucht, ein lästiges Problem loszuwerden. Höhere Organismen können durch Versuch und Irrtum lernen, wie ein bestimmtes Problem zu lösen ist. Wir können sagen, daß auch sie Probierbewegungen machen – geistige Probierbewegungen; und das Lernen besteht, im wesentlichen, darin, daß eine Probierbewegung nach der anderen ausprobiert wird, bis sich eine findet, die das Problem löst. Die erfolgreiche Lösung des Tieres können wir mit einer Erwartung und daher mit einer Hypothese oder einer Theorie vergleichen; denn das Verhalten des Tieres zeigt uns, daß es erwartet (wenn auch vielleicht unbewußt oder dispositionell), daß in einem ähnlichen Fall dieselben Probierbewegungen dieses Problem wieder lösen werden.
Wir können sagen, daß das Verhalten von Tieren und auch von Pflanzen zeigt, daß Organismen auf Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten eingestellt sind. Sie erwarten Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten in ihrer Umgebung, und die meisten dieser Erwartungen sind, vermute ich, genetisch bedingt, das heißt, angeboren.
Ein Problem entsteht für das Tier, wenn eine Erwartung fehlschlägt. Das führt dann zu den Probierbewegungen und daher zu den Versuchen, die fehlgeschlagene Erwartung durch eine neue zu ersetzen.
Wenn ein höherer Organismus zu oft in seinen Erwartungen getäuscht wird, so bricht er zusammen. Er kann das Problem nicht lösen; er geht zugrunde.
Ich möchte das, was ich bisher über das Lernen durch Versuch und Irrtum gesagt habe, in einem dreistufigen Schema zusammenfassen. Das Schema besteht aus den folgenden drei Stufen:
1. das Problem;
2. die Lösungsversuche;
3. die Elimination.
Die erste Stufe unseres Schemas ist also das Problem. Das Problem entsteht, wenn irgendeine Störung eintritt; eine Störung entweder von angeborenen Erwartungen oder von Erwartungen, die durch Versuche und Irrtum entdeckt oder erlernt wurden.
Die zweite Stufe unseres Schemas sind die Lösungsversuche, also die Versuche, das Problem zu lösen.
Die dritte Stufe unseres Schemas ist die Elimination oder die Ausmerzung der erfolglosen Lösungsversuche.
Für dieses dreistufige Schema ist es wesentlich, daß es pluralistisch ist: Die erste Stufe, das Problem, kann im Singular auftreten, nicht aber die zweite Stufe, die ich »Lösungsversuche« im Plural genannt habe. Schon im Tierversuch sprechen wir von Probierbewegungen; und das Wort »Probierbewegungen« ist ein Plural. Es hätte wenig Sinn, eine vereinzelte Bewegung eine Probierbewegung zu nennen.
Stufe 2, die Lösungsversuche, sind also Probierbewegungen und daher in der Mehrzahl; sie werden in der dritten Stufe unseres Schemas dem Eliminationsverfahren unterworfen.
Stufe 3, die Elimination, ist negativ: Die Elimination ist im wesentlichen eine Elimination von Irrtümern, Wenn ein erfolgloser oder irrtümlicher Lösungsversuch eliminiert wird, so steht das Problem ungelöst da und gibt Anlaß zu neuen Lösungsversuchen.
Was geschieht aber, wenn ein Lösungsversuch schließlich erfolgreich ist? Es geschieht zweierlei: Erstens wird der erfolgreiche Lösungsversuch erlernt; das geschieht bei Tieren im allgemeinen so, daß – wenn ein ähnliches Problem wieder auftaucht – die früheren Probierbewegungen, einschließlich der erfolglosen, in der ursprünglichen Reihenfolge kurz und andeutungsweise wiederholt werden; sie werden bis zum erfolgreichen Lösungsversuch durchlaufen.
Das Lernen besteht darin, daß die erfolglosen oder eliminierten Lösungsversuche mehr und mehr zum Niveau von Andeutungen herabsinken, so daß schließlich der erfolgreiche Lösungsversuch fast allein auftritt. Das ist also das Eliminationsverfahren, das wesentlich auf einem Pluralismus der Lösungsversuche aufbaut.
Wir können sagen, daß der Organismus auf diese Weise eine neue Erwartung erlernt hat. Wir können sein Verhalten so beschreiben, daß wir sagen: Er erwartet, daß das Problem durch die Probierbewegungen, und zwar schließlich durch die letzte, durch die nicht mehr eliminierte Probierbewegung, gelöst wird.
Der Ausbildung dieser Erwartung des Organismus entspricht auf dem wissenschaftstheoretischen Niveau, wie wir bald sehen werden, die Bildung von Hypothesen oder Theorien, Bevor ich aber zur Besprechung der wissenschaftlichen Theorienbildung übergehe, möchte ich noch auf eine andere biologische Anwendung meines dreistufigen Schemas aufmerksam machen. Mein dreistufiges Schema,
1. das Problem;
2. Lösungsversuche;
3. Elimination,
kann auch als Schema der Darwinistischen Entwicklungstheorie aufgefaßt werden. Es ist nicht nur auf die Entwicklung des einzelnen Organismus anwendbar, sondern auch auf die Entstehung der Arten. Eine Veränderung der Umweltbedingungen oder auch der inneren Struktur des Organismus erzeugt, unserem dreistufigen Schema gemäß, ein Problem. Es ist ein Problem der Anpassung für die Art, die Spezies; das heißt, die Art kann nur dann weiterbestehen, wenn sie das Problem durch eine Änderung ihrer genetischen Struktur löst. Wie geschieht das, nach der Auffassung des Darwinismus? Unser genetischer Apparat ist so gebaut, daß immer wieder Änderungen oder Mutationen in der genetischen Struktur auftreten. Der Darwinismus nimmt an, daß diese Mutationen im Sinne unseres dreistufigen Schemas als Punkt 2, als Lösungsversuche, fungieren. Die meisten Mutationen sind fatal: Sie sind tödlich für den Träger der Mutation, für den Organismus, in dem sie auftreten. Damit aber werden sie eliminiert, gemäß Punkt 3 unseres Schemas. In unserem dreistufigen Schema müssen wir also wieder auf den wesentlichen Pluralismus der zweiten Stufe, der Lösungspersuche, hinweisen. Gäbe es nicht sehr viele Mutationen, so kämen sie als Lösungsversuche gar nicht in Frage. Wir müssen annehmen, daß eine hinreichend große Mutabilität für das Funktionieren unseres genetischen Apparates wesentlich ist.
Nun kann ich mich endlich meinem Hauptthema, der Wissenschaftslehre oder Wissenschaftslogik, zuwenden.
Meine erste These ist hier, daß die Wissenschaft ein biologisches Phänomen ist. Die Wissenschaft ist aus der vorwissenschaftlichen Erkenntnis entstanden, sie ist eine höchst merkwürdige Weiterbildung der Erkenntnisweise des gesunden Menschenverstandes, die ihrerseits wieder als eine Weiterbildung der tierischen Erkenntnis aufgefaßt werden kann.
Meine zweite These ist, daß unser dreistufiges Schema auch auf die Wissenschaft anwendbar ist.
Daß die Wissenschaften, wie schon die griechischen Philosophen sahen, vom Problem, von der Verwunderung über etwas ausgehen, das an sich etwas Alltägliches sein kann, aber für den wissenschaftlichen Denker eben zur Verwunderung, zum Problem wird, das habe ich schon am Anfang angedeutet. Meine These ist, daß jede wissenschaftliche Entwicklung nur so zu verstehen ist, daß ihr Ausgangspunkt ein Problem ist, oder eine Problemsituation, das heißt, das Auftauchen eines Problems in einer bestimmten Situation unseres Gesamtwissens.
Dieser Punkt ist von größter Bedeutung. Die ältere Wissenschaftstheorie lehrte – und sie lehrt es noch immer –, daß der Ausgangspunkt der Wissenschaft unsere Sinneswahrnehmung oder die sinnliche Beobachtung ist. Das klingt zunächst durchaus vernünftig und überzeugend, ist aber grundfalsch. Man kann das leicht durch die folgende These zeigen: ohne Problem keine Beobachtung. Wenn ich Sie auffordere: »Bitte, beobachten Sie!«, so sollten Sie mich, dem Sprachgebrauch gemäß, fragen: »Ja, aber was? Was soll ich beobachten?« Mit anderen Worten, Sie bitten mich, Ihnen ein Problem anzugeben, das durch Ihre Beobachtung gelöst werden kann; und wenn ich Ihnen kein Problem angebe, sondern nur ein Objekt, so ist das zwar schon etwas besser, aber keineswegs befriedigend. Wenn ich Ihnen zum Beispiel sage: »Bitte, beobachten Sie Ihre Uhr«, so werden Sie noch immer nicht wissen, was ich eigentlich beobachtet haben will. Wenn ich Ihnen aber ein ganz triviales Problem stelle, dann wird die Sache anders. Sie werden sich vielleicht für das Problem nicht interessieren, aber Sie werden wenigstens wissen, was Sie durch Ihre Wahrnehmung oder Beobachtung feststellen sollen. (Als Beispiel könnten Sie das Problem nehmen, ob der Mond im Zunehmen oder Abnehmen ist; oder in welcher Stadt das Buch, das Sie gegenwärtig lesen, gedruckt wurde.)
Wie kam die ältere Wissenschaftstheorie zu der falschen Idee, daß wir in der Wissenschaft von Sinneswahrnehmungen oder von Beobachtungen ausgehen, statt von Problemen?
Die ältere Wissenschaftstheorie war in diesem Punkt von der Erkenntnistheorie des gesunden Menschenverstandes abhängig. Dieser sagt uns nämlich, daß unser Wissen über die Außenwelt durchweg von unseren Sinneseindrücken abhängt.
Ich bin im allgemeinen ein großer Verehrer des gesunden Menschenverstandes; ich behaupte sogar, daß, wenn wir nur ein wenig kritisch sind, der gesunde Menschenverstand der wertvollste und verläßlichste Ratgeber in allen möglichen Problemsituationen ist. Aber er ist nicht immer verläßlich; und wenn es zu wissenschaftstheoretischen oder erkenntnistheoretischen Fragen kommt, dann ist es von der größten Wichtigkeit, ihm wirklich kritisch gegenüberzustehen,
So ist es selbstverständlich richtig, daß unsere Sinnesorgane uns über unsere Umwelt informieren und daß wir sie zu diesem Zweck dringend brauchen. Aber daraus dürfen wir nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß unsere Erkenntnis mit der Sinneswahrnehmung beginnt. Im Gegenteil, unsere Sinne sind, entwicklungstheoretisch gesehen, Werkzeuge, die sich ausgebildet haben, um bestimmte biologische Probleme zu lösen. So haben sich die tierischen und menschlichen Augen anscheinend ausgebildet, um Lebewesen, die ihren Standort ändern und sich bewegen können, vor gefährlichen Zusammenstößen mit harten Körpern, an denen sie sich verletzen könnten, rechtzeitig zu warnen. Entwicklungstheoretisch gesehen sind unsere Sinnesorgane das Resultat von Problemen und Lösungsversuchen, genau wie unsere Mikroskope oder unsere Ferngläser. Und das zeigt, daß das Problem, biologisch gesehen, vor der Beobachtung oder Sinneswahrnehmung kommt: Beobachtungen oder Sinneswahrnehmungen sind wichtige Hilfsmittel unserer Lösungsversuche und spielen ihre Hauptrolle in der Elimination. Mein dreistufiges Schema ist also in folgender Weise auf die Wissenschaftslogik oder Methodologie anwendbar:
1. Der Ausgangspunkt ist immer ein Problem oder eine Problemsituation.
2. Dann folgen Lösungsversuche. Diese bestehen immer aus Theorien, und diese Theorien sind, da sie Versuche sind, sehr häufig irrig: Sie sind und bleiben immer Hypothesen oder Vermutungen.
3. Auch in der Wissenschaft lernen wir durch die Elimination unserer Irrtümer, durch die Elimination unserer falschen Theorien.
Unser dreistufiges Schema,
1. Problem;
2. Lösungsversuche;
3. Elimination,
ist also anwendbar auf eine Beschreibung der Wissenschaft. Damit kommen wir zu unserer zentralen Frage:
Worin liegt das Besondere der menschlichen Wissenschaft? Was ist der entscheidende Unterschied zwischen einer Amöbe und einem großen Wissenschaftler wie Newton oder Einstein?
Die Antwort auf diese Frage ist: Das Besondere der Wissenschaft liegt in der bewußten Anwendung der kritischen Methode; in der 3. Stufe unseres Schemas, der Elimination unserer Irrtümer, gehen wir bewußt kritisch vor.
Es ist die kritische Methode allein, die das außerordentlich schnelle Wachstum der wissenschaftlichen Form des Wissens, den außerordentlichen wissenschaftlichen Fortschritt, erklärt.
Alle vorwissenschaftliche Erkenntnis, ob tierisch oder menschlich, ist dogmatisch; und mit der Erfindung der nichtdogmatischen Methode, das heißt, der kritischen Methode, beginnt die Wissenschaft.
Die Erfindung der kritischen Methode setzt jedenfalls eine deskriptive menschliche Sprache voraus und eine Sprache, in der man kritische Argumente entwickeln kann. Möglicherweise setzt die kritische Methode sogar eine Schrift voraus. Denn die kritische Methode besteht im wesentlichen darin, daß unsere Lösungsversuche, unsere Theorien und unsere Hypothesen, uns, sprachlich formuliert, objektiv vorgelegt werden können, so daß sie zu Objekten einer bewußt kritischen Untersuchung gemacht werden können.
Es ist sehr wichtig, sich darüber klar zu werden, was für ein ungeheurer Unterschied besteht zwischen einem bloß subjektiv oder privat gedachten oder für wahr gehaltenen Gedanken, einem dispositionellen psychologischen Gebilde, und demselben Gedanken, der sprachlich (oder vielleicht sogar schriftlich) formuliert ist und somit der öffentlichen Diskussion unterbreitet werden kann.
Meine These ist, daß es ein ungemein wichtiger Schritt ist, ein Schritt über einen Abgrund sozusagen, der von meinem unausgesprochenen Gedanken: »Heute wird es regnen« zu demselben, aber ausgesprochenen Satz »Heute wird es regnen« führt. Zunächst erscheint dieser Schritt, die Aussprache eines Gedankens, gar kein so großer Schritt zu sein. Aber die sprachliche Formulierung bedeutet, daß etwas, was vorher Teil meiner Persönlichkeit, meiner Erwartungen und vielleicht Befürchtungen war, nunmehr objektiv vorliegt und damit der allgemeinen kritischen Diskussion zugänglich wird. Aber auch für mich selbst ist der Unterschied ungeheuer. Der ausgesprochene Satz, zum Beispiel die ausgesprochene Voraussage, wird durch die sprachliche Formulierung von meiner Person losgelöst. Sie wird damit unabhängig von meinen Stimmungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Sie ist objektiviert: Sie kann von anderen, aber auch von mir selbst versuchsweise bejaht, aber auch versuchsweise verneint werden; die Gründe für und wider können abgewogen und diskutiert werden; und es kann zu einer Parteibildung für und wider die Voraussage kommen.
Wir kommen hier zu einer wichtigen Unterscheidung zwischen zwei Bedeutungen des Wortes »Wissen« – Wissen im subjektiven und im objektiven Sinn. Gewöhnlich wird Wissen als ein subjektiver oder geistiger Zustand betrachtet. Man geht aus von der Verbalform »ich weiß« und erklärt das Wissen als eine bestimmte Art des Glaubens, nämlich als eine Art des Glaubens, die auf zureichenden Gründen beruht. Die subjektive Interpretation des Wortes »Wissen« hat die ältere Wissenschaftstheorie zu stark beeinflußt, denn sie ist völlig unbrauchbar für eine Theorie der Wissenschaft, da die Wissenschaft aus objektiven, sprachlich formulierten Sätzen, aus Hypothesen und aus Problemen besteht und nicht aus subjektiven Erwartungen oder subjektiven Überzeugungen.
Die Wissenschaft ist ein Produkt des menschlichen Geistes, aber dieses Produkt ist ebenso objektiv wie eine Kathedrale. Wenn man sagt, daß ein Satz ein sprachlich ausgedrückter Gedanke ist, so ist das zwar richtig, aber es bringt diese Objektivität des Satzes nicht scharf genug heraus. Das hängt mit einer Zweideutigkeit des Wortes »Gedanke« zusammen. Wie insbesondere die Philosophen Bernhard Bolzano und nach ihm Gottlob Frege betont haben, muß man den subjektiven Denkvorgang vom objektiven Inhalt oder vom logischen oder informativen Gehalt eines Gedankens unterscheiden. Wenn ich sage: »Die Gedanken von Mohammed sind sehr verschieden von denen Buddhas«, dann spreche ich nicht über die Denkvorgänge zweier Männer, sondern über den logischen Gehalt zweier Lehren oder Theorien.
Denkvorgänge können in kausalen Beziehungen stehen. Wenn ich sage: »Spinozas Lehre war von der Lehre von Descartes beeinflußt«, dann beschreibe ich eine kausale Beziehung zwischen zwei Männern und stelle etwas über Spinozas Denkvorgänge fest.
Aber wenn ich sage: »Dennoch steht Spinozas Lehre in einigen wichtigen Punkten mit der Lehre von Descartes im Widerspruch«, dann spreche ich über den objektiven logischen Gehalt der beiden Lehren und nicht über Denkvorgänge. Der logische Gehalt von Sätzen ist es, auf den ich vor allem anderen abziele, wenn ich den Charakter der Objektivität der menschlichen Sprache betone. Und wenn ich vorher sagte, daß nur der ausgesprochene Gedanke zum Objekt der Kritik gemacht werden kann, dann meinte ich, daß nicht der psychologische Vorgang des Denkens, sondern nur der logische Gehalt eines Satzes kritisch diskutiert werden kann.
Ich möchte Sie jetzt noch einmal an mein dreistufiges Schema erinnern:
1. Problem;
2. Lösungsversuche;
3. Elimination,
und an meine Bemerkung, daß dieses Schema des Erwerbs von neuem Wissen von der Amöbe bis zu Einstein anwendbar ist.
Worin besteht der Unterschied? Diese Frage ist für die Theorie der Wissenschaft entscheidend.
Der entscheidende Unterschied besteht in Stufe 3, in der Elimination der Lösungsversuche.
In der vorwissenschaftlichen Entwicklung des Wissens ist die Elimination etwas, das mit uns geschieht: Es ist die Umwelt, die unsere Lösungsversuche eliminiert; wir sind an der Elimination nicht aktiv, sondern nur passiv beteiligt: Wir erleiden die Elimination, und wenn sie zu oft unsere Lösungsversuche zerstört oder wenn sie einen Lösungsversuch zerstört, der vorher erfolgreich war, so zerstört sie damit nicht nur den Lösungsversuch, sondern uns selbst, das heißt, den Träger der Lösungsversuche. Das ist klar im Falle der Darwinschen Auslese.
Das entscheidend Neue der wissenschaftlichen Methode und der wissenschaftlichen Einstellung liegt nun darin, daß wir in der Wissenschaft aktiv an der Elimination interessiert und beteiligt sind. Die Lösungsversuche sind objektiviert; wir sind nicht mehr mit unseren Lösungsversuchen identifiziert. Ob wir uns des dreistufigen Schemas mehr oder weniger bewußt sind oder auch gar nicht, das Neue in der wissenschaftlichen Einstellung besteht darin, daß wir aktiv versuchen, unsere Lösungsversuche zu eliminieren. Wir unterwerfen unsere Lösungsversuche der Kritik, und diese Kritik arbeitet mit allen Mitteln, die wir zur Verfügung haben und die wir herstellen können. Zum Beispiel: Anstatt zu warten, bis unsere Umwelt einen Lösungsversuch, eine Theorie, widerlegt, versuchen wir, die Umwelt so zu ändern, daß sie für unseren Lösungsversuch möglichst ungünstig wird. In dieser Weise stellen wir unsere Theorien auf die Probe; und zwar versuchen wir sie auf die schwerste Probe zu stellen. Wir tun alles, um unsere Theorie zu eliminieren, denn wir wollen selbst die Theorien herausfinden, die falsch sind.
Die Frage: Worin liegt der entscheidende Unterschied zwischen der Amöbe und Einstein, kann also wie folgt beantwortet werden:
Die Amöbe flieht vor der Falsifikation: Ihre Erwartung ist ein Teil von ihr, und vorwissenschaftliche Träger von Erwartungen oder Hypothesen werden oft durch die Widerlegung der Hypothese vernichtet. Einstein dagegen hat seine Hypothese objektiviert. Die Hypothese ist etwas außerhalb von ihm; und der Wissenschaftler kann seine Hypothese durch seine Kritik vernichten, ohne selbst mit ihr zugrunde zu gehen. In der Wissenschaft lassen wir unsere Hypothesen für uns sterben.
Damit bin ich bei meiner Hypothese angelangt, jener Theorie, die von so vielen Anhängern der traditionellen Wissenschaftstheorie als paradox verschrien wurde. Meine Hauptthese ist: Was die wissenschaftliche Einstellung und die wissenschaftliche Methode von der vorwissenschaftlichen Einstellung unterscheidet, das ist die Methode der Falsifikationsversuche, Jeder Lösungsversuch, jede Theorie, wird so streng, wie es uns nur möglich ist, überprüft. Aber eine strenge Prüfung ist immer ein Versuch, die Schwächen des Prüflings herauszufinden. So ist auch unsere Überprüfung der Theorien ein Versuch, ihre Schwächen aufzudecken. Die Überprüfung einer Theorie ist also ein Versuch, die Theorie zu widerlegen oder zu falsifizieren.
Das bedeutet natürlich nicht, daß ein Forscher, dem es gelingt, seine eigene Theorie zu falsifizieren, sich immer darüber freuen wird. Die Theorie wurde ja von ihm als ein Lösungsversuch aufgestellt, und das bedeutet, daß die Theorie auch harten Prüfungen standhalten werde. Viele Wissenschaftler, die einen hoffnungsvollen Lösungsversuch falsifizieren, werden persönlich schwer enttäuscht sein.
Das Ziel, die Theorie zu falsifizieren, wird oft kein persönliches Ziel des Wissenschaftlers sein, und oft genug wird auch ein echter Wissenschaftler versuchen, eine Theorie, auf die er große Hoffnungen setzte, gegen einen Falsifikationsversuch zu verteidigen.
Das ist vom Standpunkt der Wissenschaftstheorie durchaus begrüßenswert; denn wie könnten wir sonst echte Falsifikationen von scheinbaren Falsifikationen unterscheiden? Wir brauchen in der Wissenschaft eine Art von Parteibildung für und gegen jede Theorie, die einer ernsthaften Prüfung unterworfen wird; denn wir brauchen eine rationale wissenschaftliche Diskussion. Und nicht immer wird die Diskussion zu einer klaren Entscheidung führen.
Die wesentliche und neue Einstellung, die die Wissenschaft zu dem macht, was sie ist, ist aber jedenfalls die kritische Einstellung, und die wird erreicht, vor allem anderen, durch die objektive, öffentliche, sprachliche Formulierung ihrer Theorien. Das führt dann gewöhnlich zur Parteinahme und damit zur kritischen Diskussion. Oft ist die Diskussion durch viele Jahre hindurch unentschieden, wie die berühmte Diskussion zwischen Albert Einstein und Niels Bohr, Jedenfalls haben wir keine Garantie, daß sich jede wissenschaftliche Diskussion entscheiden läßt. Es gibt keine Garantie für den wissenschaftlichen Fortschritt.
Meine Hauptthese ist also, daß das Neue, das die Wissenschaft und die wissenschaftliche Methode von der Vorwissenschaft und der vorwissenschaftlichen Einstellung unterscheidet, die bewußt kritische Einstellung zu den Lösungsversuchen ist; es ist also die aktive Teilnahme an der Elimination, die aktiven Eliminationsversuche, die Versuche, zu kritisieren, das heißt, zu falsifizieren.
Die umgekehrten Versuche, eine Theorie vor der Falsifikation zu retten, haben auch ihre methodologische Funktion, wie wir gesehen haben. Aber es ist meine These, daß eine solche dogmatische Einstellung im wesentlichen für das vorwissenschaftliche Denken charakteristisch ist, während die kritische Einstellung, der bewußte Falsifikationsversuch, zur Wissenschaft führt und die wissenschaftliche Methode beherrscht.
Trotz der methodologischen Funktion, die die wissenschaftliche Parteibildung zweifellos hat, ist es meiner Ansicht nach wichtig, daß der einzelne Forscher sich klar werden muß über die grundlegende Bedeutung der Falsifikationsversuche und auch der manchmal geglückten Falsifikation. Denn die wissenschaftliche Methode ist nicht kumulativ, wie es zum Beispiel Bacon von Verulam oder Sir James Jeans lehrte, sondern wesentlich revolutionär. Der wissenschaftliche Fortschritt besteht im wesentlichen darin, daß Theorien durch andere Theorien überholt und ersetzt werden. Diese neuen Theorien müssen imstande sein, alle jene Probleme, die die alten Theorien gelöst haben, wenigstens ebensogut zu lösen. So löst die Einsteinsche Theorie das Problem der Planeten bewegung und überhaupt der Makromechanik ebenso gut und vielleicht sogar besser als die Newtonsche Theorie. Aber die revolutionäre Theorie geht von neuen Annahmen aus, und sie geht, in ihren Folgerungen, wesentlich über die alte Theorie hinaus, zu der sie auch in einem direkten Widerspruch steht. Dieser Widerspruch erlaubt es, Experimente auszudenken, die zwischen der alten und der neuen Theorie entscheiden können; aber nur in dem Sinn, daß sie wenigstens eine der beiden Theorien falsifizieren können: Die Experimente können zwar die Superiorität der sie überlebenden Theorie erweisen, aber nicht ihre Wahrheit; und die überlebende Theorie kann ihrerseits bald wieder überholt werden.
Wenn ein Forscher diese Situation begriffen hat, wird er auch seiner von ihm selbst geschaffenen Lieblingstheorie kritisch gegenüberstehen. Er wird es vorziehen, sie selbst zu überprüfen und eventuell zu falsifizieren, als das seinen Kritikern zu überlassen.
Ein Beispiel, auf das ich stolz bin, ist mein alter Freund, der Gehirnphysiologe und Nobelpreisträger Sir John Eccles. John Eccles traf ich zum ersten Mal an der Universität von Otago (Dunedin, Neuseeland), wo ich eine Vortragsreihe hielt. Er beschäftigte sich seit Jahren schon experimentell mit dem Problem, wie der Nervenreiz über die Synapse von einer Nervenzelle auf die andere übertragen wird, also mit der Frage der »synaptischen Transmission«. Eine vor allem in Cambridge wirkende Schule um Sir Henry Dale nahm an, daß Moleküle einer chemischen »Transmitter-Substanz« die Synapse (die die Nervenzellen trennt) überqueren und so den Reiz von einer Zelle auf die andere übertragen. Eccles’ Experimente hatten allerdings gezeigt, daß die Zeitdauer der Übertragung außerordentlich kurz war – seiner Meinung nach zu kurz für die Transmitter-Substanz –, und er entwickelte deshalb in allen Einzelheiten die Theorie einer rein elektrischen Übertragung sowohl für die Transmission der Nervenerregung wie auch für die Transmission der Hemmungen.
Aber ich darf wohl Eccles selbst sprechen lassen[2]: »Bis 1945 hatte ich folgende konventionelle Ideen über wissenschaftliche Forschung: Erstens, daß Hypothesen aus dem sorgfältigen und methodischen Sammeln von experimentellen Daten erwachsen. Das ist die induktive Idee über die Wissenschaft, die auf Bacon und Mill zurückgeht. Die meisten Wissenschaftler und Philosophen glauben immer noch, daß dies die wissenschaftliche Methode sei. Zweitens, daß die Güte eines Wissenschaftlers nach der Zuverlässigkeit der von ihm entwickelten Hypothesen beurteilt wird, die zweifelsohne mit der Anhäufung neuer Daten erweitert werden müßten, die aber – so hoffte man – als feste und sichere Fundamente weiteren theoretischen Entwicklungen dienen würden. Ein Wissenschaftler zieht es vor, über seine experimentellen Daten zu sprechen und Hypothesen nur als Arbeitsgerüst zu betrachten. Schließlich – und das ist der wichtigste Punkt – ist es im höchsten Maße bedauerlich und ein Zeichen von Versagen, wenn ein Wissenschaftler für eine Hypothese eintritt, die durch neue Daten widerlegt wird, so daß sie schließlich ganz aufgegeben werden muß.
Das war mein Problem. Ich hatte lange eine Hypothese vertreten, bevor mir klar wurde, daß sie vermutlich verworfen werden müsse, und das deprimierte mich außerordentlich. Ich war in eine Kontroverse über Synapsen verwickelt gewesen und glaubte damals, daß die synaptische Übertragung zwischen Nervenzellen größtenteils elektrischer Natur sei. Ich gab zu, daß es eine späte langsame chemische Komponente gäbe, glaubte aber, daß die schnelle Übertragung über die Synapse auf elektrischem Wege vor sich gehe. Zu diesem Zeitpunkt lernte ich von Popper, daß es wissenschaftlich nichts Ehrenrühriges sei, wenn die eigenen Hypothesen als falsch erkannt werden. Das war die schönste Neuigkeit, die ich seit langem erfahren hatte. Ich wurde sogar von Popper dazu überredet, meine Hypopthesen über elektrisch bedingte exzitatorische und inhibitorische synaptische Übertragung so präzise und rigoros zu formulieren, daß sie zur Widerlegung herausforderten – und das geschah ein paar Jahre später – größtenteils durch meine Kollegen und mich selbst –, als wir 1951 anfingen, intrazelluläre Ableitungen von Motoneuronen zu machen. Dank der Popperschen Lehre konnte ich freudig den Tod meines Lieblingsgedankens hinnehmen, den ich fast 20 Jahre lang gehegt hatte, und war gleichzeitig in der Lage, soviel wie nur möglich zur ›chemischen Übertragungs-Geschichte‹ beizutragen, die wiederum der Lieblingsgedanke von Dale und Loewi war. Ich hatte endlich die große, befreiende Macht von Poppers Lehre über wissenschaftliche Methoden erfahren…
Hier zeigt sich eine eigenartige Reihenfolge. Es erwies sich, daß ich zu schnell bereit gewesen war, die elektrische Hypothese synaptischer Übertragung zu verwerfen. Die vielen Arten von Synapsen, die Gegenstand meiner Arbeiten gewesen waren, sind sicherlich chemischer Art, aber heute sind viele elektrische Synapsen bekannt, und mein Buch über die Synapsen (1964) enthält zwei Kapitel über elektrische Übertragung, sowohl inhibitorische als auch exzitatorische!«
Es ist bemerkenswert, daß sowohl Eccles als auch Dale mit ihren für die Hirnforschung bahnbrechenden Theorien unrecht hatten; denn beide glaubten, daß ihre Theorien für alle Synapsen gültig seien. Dales Theorie war gültig für die Synapsen, mit denen sich beide damals beschäftigten; aber sie war ebensowenig allgemeingültig wie die Theorie von Eccles. Die Anhänger von Dale jedoch scheinen dies nie eingesehen zu haben; sie waren sich ihres Sieges über Eccles zu sicher, um sich darüber klar zu werden, daß beide Parteien der gleichen (angeblichen) Sünde schuldig waren, nämlich einer »voreiligen Verallgemeinerung, ohne erst alle die relevanten Daten abzuwarten« (was aber niemals durchführbar ist).
An einer anderen Stelle, in seiner Nobelpreis-Biographie, schreibt Eccles:
»Ich kann mich jetzt sogar über die Falsifikation einer Lieblingstheorie freuen, denn eine solche Falsifikation ist ein wissenschaftlicher Erfolg.«
Dieser letzte Punkt ist überaus wichtig: Wir lernen immer eine ganze Menge durch eine Falsifikation. Wir lernen nicht nur, daß eine Theorie falsch ist, sondern wir lernen, warum sie falsch ist. Und vor allem anderen gewinnen wir ein neues und schärfer gefaßtes Problem; und ein neues Problem ist, wie wir ja schon wissen, der echte Ausgangspunkt einer neuen wissenschaftlichen Entwicklung.
Sie werden sich vielleicht gewundert haben, warum ich mein dreistufiges Schema so oft erwähnt habe. Ich habe das zum Teil darum getan, um Sie auf ein sehr ähnliches, aber vierstufiges Schema vorzubereiten; ein Schema, das für die Wissenschaft und die Dynamik der wissenschaftlichen Entwicklung charakteristisch ist. Das vierstufige Schema kann aus unserem dreistufigen Schema – also Problem, Lösungsversuche, Elimination – dadurch gewonnen werden, daß wir die erste Stufe als »das ältere Problem« bezeichnen und als vierte Stufe »die neuen Probleme« hinzufügen. Wenn wir weiter noch die »Lösungsversuche« durch »versuchsweise Theorien« ersetzen und die »Elimination« durch »Eliminationsversuche durch kritische Diskussion«, so kommen wir zu jenem vierstufigen Schema, das für die Wissenschaftstheorie charakteristisch ist. Es sieht also folgendermaßen aus:
1. Das ältere Problem;
2. versuchsweise Theorienbildungen;
3. Eliminationsversuche durch kritische Diskussion, einschließlich experimenteller Prüfung;
4. die neuen Probleme, die aus der kritischen Diskussion unserer Theorien entspringen.
Mein vierstufiges Schema erlaubt es, eine ganze Reihe von wissenschaftstheoretischen Bemerkungen zu machen.
Zum Problem. Die vorwissenschaftlichen und die wissenschaftlichen primären Probleme sind praktischer Natur, aber sie werden bald, durch den vierstufigen Zyklus, wenigstens teilweise von theoretischen Problemen ersetzt. Das heißt, die meisten der neuen Probleme entstehen aus der Kritik der Theorien: Sie sind innertheoretisch. Das gilt schon für die Probleme in Hesiods Kosmogonie und noch mehr für die Probleme der vorsokratischen griechischen Philosophen; und es gilt für die meisten Probleme der modernen Naturwissenschaften: Die Probleme sind selbst Produkte der Theorien und der Schwierigkeiten, die die kritische Diskussion in den Theorien aufdeckt. Diese theoretischen Probleme sind, ganz wesentlich, Fragen nach Erklärungen, nach erklärenden Theorien: Die versuchsweisen Antworten, die die Theorien liefern, sind eben Erklärungsversuche.
Zu den praktischen Problemen kann man auch die Probleme rechnen, etwas vorauszusagen. Aber vom intellektuellen Standpunkt der reinen Wissenschaft gehören die Voraussagen zur Stufe 3, das heißt, zur kritischen Diskussion, zur Prüfung, Sie sind intellektuell interessant, weil sie uns erlauben, unsere Theorien, die Erklärungsversuche darstellen, an der Wirklichkeit und in der Praxis auf ihren Wahrheitsanspruch hin zu überprüfen.
Wir können von unserem vierstufigen Schema weiter ablesen, daß wir in der Wissenschaft von einem Zyklus von alten Problemen ausgehen und mit neuen Problemen aufhören, die ihrerseits wieder als Ausgangspunkt eines neuen Zyklus fungieren. Wegen des zyklischen oder periodischen Charakters unseres Schemas können wir auf jeder der vier Stufen beginnen. Wir können mit Theorien beginnen, also auf der 2. Stufe unseres Schemas. Das heißt, wir können sagen, daß der Wissenschaftler von einer älteren Theorie ausgeht und durch deren kritische Diskussion und Elimination zu Problemen gelangt, die er dann durch neuere Theorien zu lösen versucht. Das ist, eben wegen des zyklischen Charakters, eine durchaus haltbare Interpretation.
Für sie spricht auch, daß wir die Aufstellung von befriedigenden Theorien als die Zielsetzung der Wissenschaft bezeichnen können. Andererseits führt aber die Frage, unter welchen Umständen eine Theorie als befriedigend zu bezeichnen ist, direkt auf das Problem als Ausgangspunkt zurück. Denn offenbar ist die erste Forderung, die wir an die Theorie stellen, daß sie erklärungsbedürftige Probleme löst, indem sie die Schwierigkeiten erklärt, aus denen das Problem besteht.
Schließlich können wir auch als unseren Ausgangspunkt die Elimination oder Ausmerzung der bisherigen Theorien wählen. Denn man kann wohl sagen, daß die Wissenschaft ihren Ausgangspunkt immer vom Zusammenbruch einer Theorie nimmt; dieser Zusammenbruch, die Elimination, führt dann zum Problem, die eliminierte Theorie durch eine bessere Theorie zu ersetzen.
Ich persönlich bevorzuge das Problem als Ausgangspunkt, aber ich bin mir darüber klar, daß der zyklische Charakter des Schemas es möglich macht, jede der Stufen als Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung anzusehen.
Wesentlich für das neue vierstufige Schema ist sein dynamischer Charakter: Jede der Stufen enthält sozusagen eine innere, logische Motivation, zur nächsten Stufe weiterzugehen. Die Wissenschaft, wie sie in dieser Wissenschaftslogik erscheint, ist im wesentlichen eine im Wachsen begriffene Erscheinung; sie ist wesentlich dynamisch, ist niemals etwas Fertiges: Es gibt keinen Punkt, an dem sie endgültig ihr Ziel findet.
Warum ich das Problem als Ausgangspunkt bevorzuge, hat auch noch den folgenden Grund. Die Distanz zwischen einem älteren Problem und seinen Abkömmlingen, den neueren Problemen, scheint mir den wissenschaftlichen Fortschritt viel eindrucksvoller zu charakterisieren als zum Beispiel die Distanz zwischen den älteren Theorien und der nächsten Generation von neuen Theorien, die die älteren ersetzen.
