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Die achtzehnjährige, exzentrische Vienne führt ein augenscheinlich unbekümmertes Leben. Sie ist eine erfolgreiche Springreiterin, hat einen tollen Freund und wird von ihren Mitmenschen geliebt. Doch dann reisst der plötzliche Todesfall ihres Geliebten sie jäh aus ihrer Idylle. Was den Stein des Schicksals erst so richtig in Fahrt bringt… Und dann taucht auch noch Aidan, der beste Freund ihres Bruders und ihr heimlicher Jugendschwarm, wieder in der Stadt auf…
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2022
Olivia Seger
ALLES ODER NICHTS
© 2018 Olivia Seger
Autor: Olivia Seger
Umschlaggestaltung, Illustration: Olivia Seger
Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-7469-5825-5
ISBN Hardcover: 978-3-7469-5826-2
ISBN e-Book: 978-3-7469-5827-9
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PROLOG
Die Dunkelheit der Nacht hatte sich wie ein schützender Mantel um die Welt gelegt und der Mond thronte einer riesigen, reifen Zitronenscheibe gleich über dem tief schwarzen, kleinen See. Lediglich ein schmaler, hell erleuchteter, etwas unförmiger Streifen ließ sich auf der Oberfläche erkennen. Es sah so aus, als habe die riesige Frucht am Himmel ein paar Tropfen ihres Saftes verloren und das Gewässer hatte sie aufgefangen. Das zierliche Mädchen, das durch den dunklen Wald schritt, hielt kurz inne um der Erhabenheit dieses Momentes volle Aufmerksamkeit zu zollen. In dieser Stille schien die Vergangenheit nur eine vage Erinnerung zu sein und die Zukunft noch nicht greifbar. Einzig das immerwährende Jetzt war in seiner ganzen Herrlichkeit klar und deutlich präsent. Ein lauer Wind wehte vom See her landeinwärts und kühlte die schwüle, angestaute Luft etwas ab. Sanft liebkoste er die zarte Haut ihres feinen Gesichtes und umspielte ihre langen Haare. Sie hätte noch stundenlang so verharren können. Doch plötzlich durchdrang ein unheimliches Knacken die Stille, das ihr trotz der warmen Temperaturen einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ und sie unbewusst dazu drängte, weiterzugehen. Instinktiv zog sie ihren extravaganten Frack wie zum Schutz enger um ihren Körper und setzte sich wieder in Bewegung. Doch obwohl sie normalerweise einen beschwingten Gang hatte, schien sie in diesem Moment nicht vom Fleck zu kommen. Der Regen der vergangenen Tage hatte das Terrain an dieser Stelle so stark aufgeweicht, dass ihre schweren Stiefel bei jedem Schritt ein Vakuum bildeten und ein schnelles Vorankommen unmöglich machte. Aufgrund der Gefahr, die in der Dunkelheit lauerte, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Obwohl sie nichts sehen konnte, spürte sie, dass sie beobachtet wurde. Sie zwang sich selbst, Ruhe zu bewahren und ihr Augenmerk nur auf das Schöne und Wahre zu richten, wie sie es bereits die meiste Zeit ihres Lebens getan hatte, wenn ihr die Kontrolle über ihre Empfindungen zu entgleiten drohte. So blieb ihr Blick an der mächtigen Trauerweide, die am Rande des Teiches stand, hängen. Einige vereinzelte Zweige der großen Pflanze ragten bis ins Wasser und der leichte Wellengang schaukelte die feinen Äste so zärtlich hin und her wie eine Mutter ihr Kind, wenn sie es in den Schlaf wiegte. Doch trotz dieser verletzlich anmutenden Szene, strahlte das gewaltige Sinnbild des Lebens eine solch majestätische Erhabenheit aus, dass die restlichen Bäume, die sich links und rechts dem Gestade entlang vorfanden, ziemlich unscheinbar wirkten. Dieses Schauspiel löste eine solch tiefe Zuversicht in ihr aus, die jegliche Furcht mit einem Mal vertrieb. Ihre Muskeln entspannten sich und auch das Terrain unter ihren Füssen wurde wieder fester. Eine verspätete Ente tauchte im Mondlicht auf und verschwand schnatternd im Schutz der sich, vom Wind vor und zurückneigenden Schilfrohre, die sich am Ufer entlang ausgebreitet hatten. Es erweckte den Anschein, als hätte das Universum eine feine Melodie erklingen lassen, nach der sich die ganze Natur im Einklang bewegte. Ohne weitere Anstrengung erreichte das Mädchen den mächtigen Baum innerhalb weniger Minuten, setzte sich hin und lehnte ihre filigrane Gestalt daran, ohne sich der harmonischen Darbietung zu entziehen. Ein Rascheln wurde hörbar. Ein Stein löste sich und rollte den Abhang hinunter. Am Fuße der Böschung traf er mit einem solch, durch die Lautlosigkeit der Nacht verstärkt, ohrenbetäubenden Knall auf einen etwas größeren seiner Artgenossen, dass sie zusammenzuckte und gerade noch mitbekam wie er in die Dunkelheit hinauskatapultiert wurde. Er tanzte über die Oberfläche und berührte nur leicht und beinahe unmerklich das kühle Nass, ehe er sich wieder in die Lüfte abhob, um schlussendlich für immer in der Dunkelheit zu verschwinden. Im selben Augenblick zeigte sich ein Stern am Himmel. Der Stein hatte seine Gestalt getauscht. Gleich einem Menschen, der nach seinem Tod die menschliche Hülle ablegte. Der Wind drehte und der leicht modrige Duft von feuchter Erde und Pilzen lag in der Luft. Nur ab und an schwang ein leichter Hauch von Verwesung mit. Wobei nicht genau ersichtlich war, ob dieser Geruch von dem nassen Boden herrührte, oder doch eher von den verrottenden Überresten des kleinen Ruderbootes, das auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht an einem eingestürzten Steg lehnte und sie im Nu in ihre Kindheit zurückversetzte. Sie erinnerte sich, wie sie als sechsjähriges Mädchen zusammen mit ihrem älteren Bruder und dessen besten Freund oft hierhergekommen waren. Sie hatten sich in das hölzerne Boot gesetzt und waren auf den See hinaus gerudert, obwohl sie nicht wussten, wem es gehörte. Diese kleinen Abenteuerreisen vermittelten ihnen ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit und der Wagnis. Doch seit diesen Tagen waren gute zwölf Jahre vergangen. Sie war längst nicht mehr dieselbe und auch die Gestalt des kleinen Schiffchens ließ nur noch erahnen, wie es einmal ausgesehen haben musste. Der Zahn der Zeit hatte erheblich daran genagt, was zur Folge hatte, dass nur noch der Bug aus dem Wasser ragte. Mittlerweile glich es einem Ertrinkenden, der händeringend nach Halt suchte. Dieses Bild rief den Gedanken an die unabwendbare Vergänglichkeit hervor. Unweigerlich zwang sich ihr dieser ungeliebte melancholische Beigeschmack auf und ihr wurde wieder bewusst, wieso sie sich dieser Stelle seit damals nicht mehr allzu oft ausgesetzt hatte. Auf unerklärliche Weise vermochte dieser Platz es, ihre innersten und verborgensten Gefühle zu offenbaren, was sie auch jetzt wieder in Angst und Schrecken versetzte. Sie fragte sich, wieso sie ausgerechnet heute hierher kommen musste. Doch ehe sich Panik in ihr breit machen konnte, entdeckte sie die winzige Sonnenblume, die einige Meter von dem eingefallenen Kahn entfernt im Sand stand. Die Hässlichkeit des Vergänglichen schien sich im Glanz des neuen Lebens aufzulösen, denn allein durch ihr Vorhandensein bezeugte die Blume nicht nur den Neubeginn, sondern auch die tröstliche Wirkung der Schönheit. Sie fühlte sich zutiefst mit diesem kleinen Gewächs verbunden, da sie es als ihre Pflicht erachtete, ihre Grazie als Mitgift in die Welt bringen zu müssen. Angesichts der vielen abstoßenden Dinge, die sich tagtäglich abspielten, war sie sich jedoch mitunter nicht mehr bewusst, wieso ihr dies ein solches Anliegen war, da es ja offensichtlich einem Tropfen auf den heißen Stein gleichkam. Aber genau der Anblick dieser Blume und der damit einhergehende aufmunternde Gemütszustand zeigten es ihr deutlich und vermochten, alle Zweifel hinwegzufegen. Niemals hatte sie sich mehr eins mit dem Universum gefühlt, wie in diesem Augenblick. Ein erneutes Knacken gefolgt von einem leisen Rascheln war zu vernehmen und rissen sie aus ihren Gedanken. Obwohl sie etwas erschauderte, verspürte sie keinerlei Angst, sondern amüsierte sich an diesem Nervenkitzel, der ihr dasselbe befreiende Gefühl am Leben zu sein vermittelte wie damals in ihrer Kindheit. So unliebsam ihr dieser Ort auf der einen Seite war, gab es keinen vergleichbaren an dem man sich mehr hätte gruseln können. Das Rascheln wurde lauter. Kam auf sie zu. Ihr Herz pochte noch schneller und lauter und es erweckte den Anschein, als wollte es sich aus ihrer Brust befreien. Sie wagte nicht, sich zu bewegen und genoss es, sich zu fürchten. Letztendlich gab es keine wirkliche Gefahr, sondern nur ihre eigene Phantasie, die diese Reaktion auslöste und sie hatte jederzeit die Möglichkeit, die Show zu beenden. Es überstieg ihren Verstand, dass manche Menschen sich vor etwas ängstigten, das sie, was auf der Hand lag, nur in ihrem Kopf erschaffen hatten. Es schien, als hätten sie vergessen, dass es nur ein Spiel war. Andererseits war es für diese Leute wohl auch schwer nachvollziehbar, weshalb man sich vor seinen eigenen Gefühlen fürchten konnte. Es gab einen Grund, doch daran wollte sie jetzt nicht denken. Schritte wurden hörbar. Ihr angeborener Selbsterhaltungstrieb meldete sich und hielt sie an, sich zu verstecken. Doch sie sah keinen Anlass darin, diesem Hinweis nachzukommen, da dies ihrer Überzeugung zufolge ziemlich unlogisch gewesen wäre. Ihr ängstlicher Verstand ergab sich und machte einer unbeschreiblichen Gelassenheit Platz. Wie von Geisterhand wurden die Zweige zur Seite geschoben und für einen Bruchteil einer Sekunde kehrte ihre furchtsame Vernunft angesichts der Ungewissheit zurück. Die Kreatur betrat die Bühne, doch die Scheinwerfer blieben aus, denn eine Wolke hatte sich in der Zwischenzeit vor den lichtspendenden Himmelskörper geschoben. Sie strengte sich an, etwas zu erkennen. Doch obwohl sich ihre wunderschönen, großen Augen schnell an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ihr menschliches Sinnesorgan das Geschöpf nicht erfassen. Der Schatten hob sich aus der schwarzen Masse ab und trat an sie heran. Entweder hatte nun wirklich ihr letztes Stündlein geschlagen oder alles löste sich in Wohlgefallen auf. Sie spürte die Wärme, die von dem Unbekannten ausging. Sie wollte sich erheben, doch ihre Glieder gehorchten ihr nicht. Sie fühlte sich wie jemand, dem ein Gift verabreicht worden war, das zwar den gesamten Körper aber nicht den Geist lähmte. Nun würde sich zeigen, ob ihre Überzeugungen immer noch standhielten, angesichts dieser Bedrohung. Es lag also allein in ihrer Macht, sich wirklich einschüchtern zu lassen, oder dem Ganzen eine andere Wendung zu geben. Schließlich war es ihr Theaterstück. Ihr Lebenswerk. Ihr Drama oder ihre Komödie. Sie war Schauspielerin, Regisseurin, Kamerafrau und Produzentin zugleich. Ein Lächeln huschte über ihre vollen, wohlgeformten Lippen, trotz, oder gerade wegen dieser unwirklich erscheinenden Szene, die sich ihr bot. Der mysteriöse Fremde näherte sich ihr. Ihr Herz schlug bis zum Hals.
„Hallo meine Schöne“, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr und der gefürchtete Fremde verwandelte sich in den Geliebten. Doch obwohl das Ende dem Wohlgefallen den Vorrang gegeben hatte, fühlte sie mehr denn je die Augen des Beobachters auf ihr ruhen.
1
In ohrenbetäubender Lautstärke durchbrach das Einsetzen des Weckers die morgendliche Stille. Ich strich mir verschlafen meine schwarz – türkis gefärbten, langen Haare zurück, während ich mich fragend umblickte. (Ich war natürlich in meinem Bett, aber da ich gewöhnlich in meinen nächtlichen Träumen die wildesten Abenteuer erlebte, wusste ich mitunter morgens nicht mehr, wo ich nun eigentlich war.) „You look so pretty in your casket…“ brüllte der Sänger der Gruppe Blitzkid mir entgegen, worauf ich unwillkürlich lächeln musste. Obwohl ich die letzte Nacht nicht allzu viel Schlaf bekommen hatte, vermochte die punkige Musik, meine Lebensgeister zu wecken. Beschwingt sprang ich aus meinem Bett und summte leise zur Musik mit. Im Takt die Hüften schwingend, begab ich mich gutgelaunt ins nebenanliegende Bad und war mächtig stolz auf mich, denn ich lebte nun seit gut drei Monaten in meiner eigenen Wohnung. Obwohl es mich ein hartes Stück an Überzeugungsarbeit gekostet hatte, meine Eltern dazu zu bringen, mir eines der beiden Appartements, das eigentlich für die Angestellten gedacht war, zu überlassen. Sie hatten so ihre Zweifel, betreffend ihrer Tochter, was das Führen eines Haushaltes anbelangte. Ich für meinen Teil, konnte darin allerdings nur eine Halluzination meiner beiden alten Herrschaften sehen und so hatte ich natürlich nicht nachgegeben, was sich nach stundenlangen Verhandlungen endlich ausgezahlt hatte. Feierlich wurde mir schließlich der Schlüssel zu meiner eigenen Drei – Zimmer Bleibe überreicht und ich wusste von da an wie sich eine Prinzessin bei ihrer Krönung zur Königin fühlen musste. Perfekt gestylt – was in meinem Fall makellos heller, Teint und Smokey Eyes bedeutete – verließ ich die Nasszelle, um mich stirnrunzelnd vor dem Kleiderschrank in meinem Schlafzimmer zu postieren. Wie jeden Morgen stellte ich mir die Frage aller Fragen. Was um alles in der Welt sollte ich heute bloß anziehen? Meistens folgte dann der immer wiederkehrende gleiche Ablauf. Ich probierte allerlei Kombinationen aus, um dann, wenn mir das ganze Hin und Her schließlich zu blöd wurde, unwillkürlich nach irgendwelchen Kleidungsstücken zu greifen und diese wild zusammenzuwürfeln. (Ja, ich weiß, das ganze Prozedere hätte sich auch abkürzen lassen, indem ich von vornherein einfach nach irgendwelchen Teilen gegriffen hätte. Aber wo blieben dabei denn der Spaß und der Zeitdruck, die sich immer wieder aufs Neue einstellten?) Wie es schien sollte heute ein dunkles Kleid im 50er Jahre Stil mit etlichen Totenköpfen verziert und ein Paar Netzstrümpfe das Rennen machen. Eilig packte ich meine Schulsachen, wobei mir die Unordnung in meinem Appartement nicht verborgen blieb. Ich konnte den ermahnenden Blick meiner Mutter förmlich im Nacken spüren. Hastig beförderte ich die dreckigen Teller und Gläser, die sich bereits stapelten in die Spüle und breitete ein Geschirrtuch darüber, was alles schon wesentlich ordentlicher aussehen ließ. Mit mir selbst zufrieden griff ich nach meiner Tasche und just in dem Augenblick, als ich die Riemchen meiner mit diversen Horrormustern verzierten Plateaupumps zuschnürte, war von draußen ein Hupen zu vernehmen. Hastig schloss ich die Wohnungstüre von außen und eilte auf das Auto zu.
„Guten Morgen, meine Schöne“, begrüßte mich der Fahrer, als ich mich auf den Beifahrersitz des alten 69er Camaro SS fallen ließ und gab mir einen innigen Kuss, was sich äußerst gut anfühlte. „War eine ziemlich kurze Nacht, was?!“ (Darf ich vorstellen. Jared! Der wohl coolste Typ unter der Sonne und zudem mein Freund.) meinte er und spielte darauf an, dass wir gestern jede Menge Spaß zusammen gehabt hatten und ich daher erst nach Mitternacht nach Hause gekommen war.
„Ohne Zweifel. Sollte ich gezwungen sein, dies mehrfach zu wiederholen, kannst du zusehen, wie meine Schönheit dahin welkt“, erwiderte ich grinsend.
„Süße, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Du wirst immer das bezauberndste Geschöpf dieser Erde sein.“
„Ach, soviel Romantik bereits in diesen frühen Morgenstunden. Dieser Tag kann nur herrlich werden.“ Jared lächelte und drehte den Schlüssel im Zündschloss, worauf der V8 Motor seines Wagens die typischen blubbernden Geräusche von sich gab. Ich wusste wie sehr mein Freund an diesem Auto hing. Es war das letzte Geschenk seines Großvaters gewesen, ehe er verstorben war. Unbewusst musste ich an meinen eigenen Vorfahr denken. Verscheuchte diesen Gedanken aber blitzartig. Die Geschichte, die dahinterstand, ängstigte mich bis heute so sehr, dass ich immer wieder aufs Neue versuchte, sie zu vergessen. Allerdings mit bescheidenem Erfolg. Eilig suchte ich nach einer Ablenkung, um meinen Verstand mit etwas anderem zu verlocken, womit er sich beschäftigen konnte. So sehr ich mich anstrengte, wollte mir nichts einfallen. Meine Stimmung drohte schon zu kippen, als Jared glücklicherweise seinen geliebten Camaro gerade in diesem Augenblick auf das Schulareal einbog, wo bereits Eileen und deren Freund Stephen auf uns warteten. Mein Freund bugsierte den Wagen schwungvoll in eine leere Parklücke, strich sich mit der Hand durch seinen zerzausten, braunen, kurzen Haare und machte sich, nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte, daran, mir die Türe aufzuhalten. Galant reichte er mir die Hand und half mir, ganz der Gentleman, aus dem Wagen. (Ja, wir beide gaben ein wirklich skurriles Paar ab.)
„Na, ihr Freaks, bereit für heute Abend?“ Eileen, meine beste Freundin seit Kindertagen, grinste uns zu und gab mir zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange.
„Natürlich. Das wird bestimmt spaßig“, meinte ich und spielte dabei auf die bevorstehende Helloweenparty an.
„Da bin ich mir sicher. Ich kann’s kaum erwarten, mein Kostüm auszuführen.“ Eileen bewegte sich wie ein Model auf dem Laufsteg hin und her, wobei ihre langen, braunen Haare leicht hin und her schwangen.
„Leider müssen wir zuvor noch einen langweiligen Schultag überstehen.“
„Auch das geht vorbei. Kommt, lasst es uns
hinter uns bringen.“ Ich schmiegte mich an Jared und wir vier machten uns auf den Weg zum Schulgebäude.
Jared warf seine Schultasche in die Ecke seines Zimmers und legte sich auf sein Bett. (Falls ihr euch nun fragt, wer denn nun diesen Part der Geschichte erzählt, da Vienne dies unmöglich wissen kann, möchte ich mich euch vorstellen. Schicksal mein Name. Ich habe mich dazu bereit erklärt, der allwissende Erzähler dieser Geschichte zu sein. Ihr könnt mich auch Marionettenspieler nennen. Ganz wie euch beliebt. Fakt ist, dass ich alle Fäden in der Hand halte und Vienne damit das ein oder andere Mal ganz schön ins Schwitzen bringen werden. Natürlich gab es gewisse Regeln, die ich einhalten sollte, doch wozu sind Regeln denn da, wenn nicht, um sie zu brechen. Und glaubt mir, die Geschichte wird dadurch wesentlich interessanter. Wer will denn schon von einem Mädchen lesen, das alles hat? So jemanden wünscht man doch zwangsläufig die Pest an den Hals, oder? Aber nun schweife ich ab. Kehren wir also zu unserer Geschichte zurück. Wo waren wir? Ach ja, Jared warf seine Schultasche in die Ecke seines Zimmers und legte sich auf sein Bett…) Er verspürte wieder diese schrecklichen Kopfschmerzen, die kaum zu ertragen waren und ihn in der letzten Zeit des Öfteren heimgesucht hatten. Anfänglich hatte er sich nichts dabei gedacht, doch mittlerweile konnte er keine zufriedenstellende Erklärung mehr dafür finden. Sie traten jedes Mal plötzlich und ohne Vorwarnung auf und verflüchtigten sich ebenso schnell wieder wie sie gekommen waren. Er starrte an die Decke als erhoffte er sich, dass die Lösung in leuchtenden Lettern vor seinen Augen erschien. Doch nichts geschah. Er musste mit jemandem darüber sprechen, denn so langsam überkam ihn der Gedanke, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Doch Vienne wollte er auf keinen Fall damit belästigen. Sie würde sich nur unnötig Sorgen machen. Obwohl er wusste, dass seine Freundin trotz ihres filigranen Äußeren eine starke Persönlichkeit besaß, hatte er immer wieder den Eindruck, dass sie doch in ihrem tiefsten Inneren etwas quälte, das sie so unendlich zerbrechlich machte. Stephen war auch keine Option. Zwar war er mittlerweile zu einem guten Kumpel geworden, doch hatten sie bis jetzt nie ein tiefgründiges Gespräch miteinander geteilt. Und Eileen wollte er erst recht nicht in seine Furcht einweihen. Obwohl sie sich ihm gegenüber meistens nett und höflich benahm, überkam ihn des Öfteren das Gefühl, dass sie ihn im Grunde genommen nicht ausstehen konnte. Vielleicht lag es daran, dass sie, als er und Vienne sich nähergekommen waren, noch nicht mit Stephen zusammen gewesen war und ihn daher als den Menschen sah, der ihr die Freundin weggenommen hatte. Mit Sicherheit konnte er es zwar nicht sagen, aber sein Gespür täuschte ihn selten. Seine Freunde fielen also weg. Da er erst voriges Jahr in den Ort gezogen war, kamen nur noch seine Eltern oder seine Großmutter in Frage. Erstere konnte er definitiv ausschließen. Sie hatten noch nie ein herzliches Verhältnis zueinander gehabt und seit er ihnen eröffnet hatte, nach seinem Abschluss studieren zu wollen, war es mehr als unterkühlt. Sie hatten fest damit gerechnet, dass er eine Ausbildung beginnen würde und somit seinen Beitrag was die Finanzen anbelangte leisten konnte. Da dem aber nun nicht so war, sahen sie sich selbst noch die nächsten gefühlten fünfzig Jahre lang für ihren Sprössling schuften. Zudem schienen sie sich als Versager zu fühlen, denn sie versuchten ihm, seit er denken konnte, immer wieder klar zu machen, dass man, wenn man ordentlich und hart arbeitete auch etwas davon hatte. Seiner Meinung nach waren dies jedoch leere Phrasen, denn das einzige, was er die vergangenen achtzehn Jahre mitbekommen hatte, war, dass seine beiden älteren Herrschaften sich den Rücken wund buckelten und dabei das Geld trotzdem hinten und vorne nicht reichte. Es blieb also nur noch seine Großmutter. Mit ihr hatte er sich immer gut verstanden, obwohl die restliche Verwandtschaft sie als eine alte Hexe abstempelte. Jared konnte sich dies nicht erklären. Natürlich, sie lebte in einer kleinen Hütte am Waldrand und braute sich irgendwelche Getränke aus selbstgesammelten Kräutern zusammen, aber deswegen war sie doch noch lange keine Hexe. Das wäre wirklich zu klischeehaft. Zudem hatten ihm die von ihr hergestellten Mixturen immer geholfen, wenn er krank gewesen war. Angesichts dieser Tatsache wunderte er sich, wieso er nicht gleich darauf gekommen war, sich an sie zu wenden. Wahrscheinlich hatte er diese Möglichkeit außer Acht gelassen, weil ihr letztes Zusammentreffen nicht gerade glücklich verlaufen war. Er hatte sich wirklich daneben benommen. Doch sie war seine letzte Hoffnung. Womöglich konnte sie ihm eines ihrer Hausmittel geben, das die Kopfschmerzen im Nu verschwinden ließ. Obwohl er sich zugegebenermaßen ein wenig davor fürchtete, ihr in die Augen zu blicken, erhob er sich eilig von seinem Bett, schlüpfte im Gehen in seine Lederjacke und saß kurze Zeit später hinter dem Lenkrad seines Camaro‘s. Ehe er den Motor startete, hielt er kurz inne und sein Blick fiel auf die Metallstatue im Garten. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Es hatte ihn eine ganze Menge an Überzeugungsarbeit gekostet, sie da, wo sie nun stand zu platzieren. Seine Eltern hatten befürchtet, dass sie die Leute für verrückt halten könnten, wenn sie ein solches Ungetüm in ihren Garten stellen würden. Es fehlte ihnen eindeutig der Blick für das Künstlerische. Hinzu kam, dass der tägliche Anblick dieses Monsters sie nur daran erinnert hätte, dass ihr Sohn ein Taugenichts war. Doch Jared hatte nicht nachgegeben. Er liebte es mit Metall zu arbeiten und er wollte sich an seinen Geschöpfen erfreuen. Letztendlich wohnte er auch in diesem Haus. Irgendwann hatten es die beiden wohl satt, ständig über dasselbe zu diskutieren und erlaubten es ihm. Und da stand er nun, der stattliche und doch grazile Elfenkrieger. Obwohl sich in der Zwischenzeit bereits an einigen Stellen Rost angesetzt hatte, hätte das Kunstwerk in Jared’s Augen nicht vollkommener sein können. Diese Anzeichen der Vergänglichkeit gaben ihm das Gefühl, etwas Lebendiges erschaffen zu haben. Nur widerwillig wandte er sich von seinem Schützling ab, startete das Auto und brauste davon.
„Na komm mein Junge, lass uns ein wenig arbeiten.“ Ich führte meinen braunen Wallach aus dem Stall und stieg auf. Am langen Zügel ließ ich ihn den blumengesäumten Weg hinter dem Gebäude zum Sandplatz schreiten. Während ich das kunstvoll, perfekt aufeinander abgestimmte Werk meiner Mutter betrachtete, musste ich daran denken, wie merkwürdig die Menschen jedes Mal darauf reagierten, wenn ich ihnen erzählte, dass ich eine talentierte Springreiterin war. Allem Anschein nach, passte ich aufgrund meines äußeren Erscheinungsbildes so gar nicht in das gängige Bild, das man sich von einer Reiterin machte. Aber im Grunde genommen war es mir egal. Ich hielt nichts von Stereotypen. Das einzige, was in meinem Leben annähernd einem Schema gefolgt war, war die Tatsache, dass meine Eltern einen Reit- und Handelsstall für Turnierpferde besaßen und ich daher seit ich ein kleines Mädchen gewesen war im Sattel gesessen hatte. Ich erinnerte mich daran, wie mein älterer Bruder Leon und ich als Kinder immer den Bereitern bei der Arbeit zugesehen und davon geträumt hatten, später auch einmal an derselben Stelle zu sein. Leon hatte diesen Traum verwirklicht und arbeitete nun in Belgien bei einem angesehenen, international erfolgreichen Springreiter. Ich hingegen hatte mich schon vor längerer Zeit von diesem Gedanken verabschiedet. Ich liebte Pferde, doch wollte ich kein Geld mit ihnen verdienen. Meiner Ansicht nach, zerstörte der schnöde Mammon das Zauberhafte dieser edlen Tiere. Im Grunde genommen hatte ich mich auch nie wirklich für den Turniersport begeistern können. Das ich nun doch an der Spitze meiner Altersklasse stand, hatte einen einfachen Grund gehabt. Die einzige Möglichkeit, die Wochenenden gemeinsam mit der Familie verbringen zu können, bestand darin, mit zu den Wettkämpfen zu fahren. Dummerweise unterschätzte ich mein eigenes Talent und so hatte es nicht lange gedauert bis ich zu einer erfolgreichen und hoffnungsvollen Nachwuchsreiterin geworden war. (Oder aber es war von Anfang an ein hinterhältiges und abgekartetes Spiel meiner Familie gewesen. Seht es wie ihr wollt.) Als mir dies zum ersten Mal bewusst geworden war, wollte ich noch im selben Moment alles hinschmeißen. Doch dann wurde mir klar, wie viel Spaß ich und meine beiden Pferde mittlerweile dabei hatten und machte weiter.
„Na, Chef, hast du die Schule überstanden?“ riss Sam, einer der Bereiter, mich aus meinen Gedanken und ich realisierte erst jetzt, dass ich und Dream Idol indessen beim Sandviereck angekommen waren, ohne dass ich es wahrgenommen hatte.
„Gott sei Dank“, ich grinste und lenkte mein Pferd neben den jungen Hengst vom Sam.
„Und, wie lebt es sich mit der Doppelbelastung?“
„Was meinst du?“
„Na, den Stall zu managen und dann noch der normale Alltag eines achtzehnjährigen Mädchens zu bestreiten?“ Er spielte darauf an, dass meine Eltern mir die Leitung des Stalles anvertraut hatten, ehe sie vergangene Woche zu einer Europareise aufgebrochen waren.
„Das ist keine allzu große Herausforderung. Ich meine, mit diesem Personal.“ Ich grinste, denn mir war durchaus bewusst, dass die Angestellten ihren Job auch ohne meine Einmischung erledigten und diese Übertragung der Verantwortung eine reine Proformasache war. Wahrscheinlich wollten meine Eltern mich damit auf den bevorstehenden Berufsalltag vorbereiten.
„Verbindlichsten Dank. Wie wäre es dann mit einer Lohnerhöhung?“ scherzte Sam.
„Netter Versuch. Aber so weit reichen meine Kompetenzen nicht. Da wirst du dich schon gedulden müssen, bis meine alten Herrschaften wieder im Land sind.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln. „Und, wie macht er sich?“ Ich deutete auf das junge Pferd des Bereiters.
„Ganz ordentlich. Er lässt es allerdings immer mal wieder auf einen Machtkampf darauf ankommen.“ Der junge Mann tätschelte den Hals seines Vierbeiners.
„Wobei du natürlich stets die Oberhand behältst“, meinte ich, indes ich mir einen leicht sarkastischen Unterton nicht verkneifen konnte.
„Natürlich. Das Pferd, das Sam in die Knie zwingt, muss zuerst noch geboren werden.“ Als hätte der Hengst seine Worte verstanden,
preschte er just in diesem Augenblick los und vollführte eine Reihe Bocksprünge, die denen eines Rodeo Pferdes würdig gewesen wären. Sam hatte alle Mühe, sich auf dem Rücken des Tieres zu halten. Ich brach in lautes Gelächter aus. (Die Szene war auch wirklich zu komisch. Das hatte er nun von seiner Angeberei.)
„Zeig ihm, wer der Boss ist, Sam. Denk dran, das Pferd, das dich bezwingt, existiert noch nicht“, versetzte ich ihm einen Seitenhieb und klopfte dabei Dream Idols Hals, der sich, wie immer, nicht aus der Ruhe bringen ließ. Dieses Getue seines Artgenossen schien eindeutig unter seiner Würde zu sein. Langsam beruhigte sich der Junghengst wieder und Sam dirigierte ihn mit hochrotem Kopf erneut neben mich.
„Alles klar bei dir?“ Ich musterte ihn amüsiert. „Für einen kurzen Moment hatte ich doch tatsächlich den Eindruck, dass er dich zu Boden bringt. Aber wie es aussieht, hattest du alles unter Kontrolle.“
„Natürlich.“ Er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. „Manchmal musst du sie eben ein wenig austoben lassen.“ Er grinste, wobei wir beide wussten, dass es ihm einiges abverlangt hatte, das Pferd wieder in den Griff zu bekommen. „Sag mal, wie sehen nun ei-
gentlich deine Pläne für das kommende Jahr aus. Wirst du nun allen Ernstes an die Uni gehen?“
„Ich habe es fest vor.“
„Echt schade, dass du Pinsel und dergleichen den Pferden vorziehst.“ Er spielte darauf an, dass ich nach den Sommerferien ein Kunststudium beginnen wollte. „Du würdest wirklich gut in unseren Club passen.“
„Das Thema hatten wir doch schon zu genüge. Du weißt wie ich dazu stehe“, sagte ich etwas schroff, denn ich hatte keine Lust, immer wieder über dasselbe zu sprechen.
„Schon klar. Du willst die Tiere nicht ihres Zauberhaften berauben.“ Sam winkte beschwichtigend ab. „Aber das würdest du doch gar nicht. Ich meine, solange DU auf ihrem Rücken sitzt, werden sie immer bezaubernd bleiben.“ Er schenkte mir ein charmantes Lächeln, wobei seine strahlend weißen Zähne, die sich von der, durch die Sonne, braungebrannten Hautfarbe deutlich abhoben, sichtbar wurden.
„Du alter Charmeur.“ Ich schmunzelte und trabte Dream Idol an. Ich wusste, dass Sam etwas für mich empfand. Und ganz ehrlich, auch ich hegte gewisse Gefühle für diesen dunkelhaarigen, durchtrainierten und gutaussehenden Kerl. Jedoch waren diese Empfindungen vergleichbar mit solchen, die man für seinen Bruder hegte. Was weniger mit seinem Äußeren zu tun hatte, denn mit der Tatsache, dass wir uns einfach schon viel zu lange kannten.
„Stell dir vor, du könntest jeden Tag an meiner Seite verbringen“, schrie er mir über den Platz hinweg zu.
„Dir reichen die Nächte, bei denen wir Seite an Seite liegen, wohl noch nicht, was?“ scherzte ich und spielte damit darauf an, dass er die Wohnung neben meiner bewohnte und unsere Schlafzimmer direkt nebeneinander lagen.
„Das war für den Anfang ja ganz nett. Kannst du denn nicht verstehen, dass ich mich nach dir verzehre?“ meinte er gespielt theatralisch. „Aber ich sehe schon, das lässt dich kalt. Ich bin zutiefst enttäuscht“, fuhr er dramatisch fort, als ich keine Anstalten machte, mein Training erneut zu unterbrechen, worauf ich lachen musste. Er hätte zum Film gehen sollen.
„Nun mach schon, dass du in den Stall kommst. Ich muss mich nun auf Dream konzentrieren.“
„Ah, hab ich’s doch gewusst. Meine Gegenwart bringt dich wohl ganz schön durcheinander, was? Tja, es ist eben wie mit den Pferden.
Die Frau, die mir widerstehen kann, muss zuerst noch geboren werden“, lachte er, worauf ich ihm ein: „Nun hau schon ab“, zurief. Ich mochte Sam wirklich, doch in seiner Nähe konnte man nur schwer ernst bleiben. Und jetzt wollte ich mich auf mein Pferd konzentrieren, denn im Stall wartete noch ein weiterer Vierbeiner darauf, bewegt zu werden und für die Party musste ich mich auch noch zurecht machen.
Aidan schwenkte das Whiskyglas in seiner Hand und betrachtete gedankenverloren wie die Flüssigkeit am Rand einen öligen Film hinterließ. Nun war er also doch wieder an diesen Fleck der Erde zurückgekehrt, obwohl er sich vor Jahren geschworen hatte, dies nur im äußersten Notfall zu tun. Und konnte man es wirklich als unabdingbare Dringlichkeit erachten, ein Auge auf seinen jüngeren Bruder werfen zu müssen, während die eigene Mutter mit dem einhundertsten potentiellen neuen Vater in der Weltgeschichte herum tingelte? Seiner Meinung nach gab es keine andere annehmbare Antwort als ein klares „Nein“ auf diese Frage. Doch wie hieß es so schön, Blut war eben dicker als Wasser. Allerdings konnte er herzlich wenig mit dieser Vorstellung der Familienzusammengehörigkeit anfangen. Nicht mehr. Merkwürdigerweise hatte sich ungeachtet dessen ein längst begraben geglaubtes Gefühl in ihm geregt, als ihn seine Erzeugerin darum gebeten hatte, sich seines Bruders während ihrer Abwesenheit anzunehmen. Anfänglich hatte er anmerken wollen, dass die besagte Person bereits achtzehn Jahre alt war und wohl kaum mehr einen Babysitter nötig hatte. Doch war ihm auch bewusst, wie überführsorglich sich seine Mutter seit der Scheidung seinem Bruder gegenüber verhalten hatte und ein Einwand seinerseits daher nur abgeprallt wäre. Nichtsdestoweniger war er äußerst erstaunt darüber gewesen, dass sie ausgerechnet ihn um diesen Gefallen gebeten hatte. Schließlich hatte sie noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie nicht gerade viel von ihrem ältesten Sohn hielt.
„Na, Fremder? Lässt du dich auch wieder einmal blicken?“ Eine Frauenstimme riss Aidan aus seinen Gedanken.
„Valerie“, ließ er von sich vernehmen, ohne auf die Frage einzugehen und erkannte eine alte Geliebte in der jungen Frau, die sich sogleich neben ihm, auf einem zerschlissenen Barhocker des Black Horse Inn, niederließ.
„Was führt dich denn in dieses Kaff? Muss ja etwas wichtiges sein, wenn du sogar London deswegen verlassen hast.“ Sie strich sich eine Strähne ihrer gelockten, braunen Haare zurück, wobei Aidan die anzügliche Energie, die sie ausstrahlte, nicht entging. Doch er beschloss, es zu ignorieren. Zumindest vorerst.
„Eine Familienangelegenheit“, antwortete er daher knapp und hoffte, dass das Thema damit erledigt war.
„Und, hast du vor länger hier zu bleiben?“ Valerie schien nicht zu verstehen, dass er eigentlich bloß hier sitzen und in Ruhe seinen Whisky trinken wollte. Aber was hatte er auch erwartet. Sie war noch nie der klügste Fisch im Teich gewesen. Aidan entschloss sich daher kurzerhand seine Taktik zu ändern. Er winkte dem Barkeeper zu und bestellte noch einmal dasselbe wie zuvor, jedoch in zweifacher Ausführung und schob ihr, als Jim die gewünschten Getränke vor ihm abgestellt hatte, eines der Gläser zu. Valerie, sichtlich erfreut darüber, dass er ihr seine Aufmerksamkeit schenkte, stieß mit ihm an und schien es zugleich als klare Aufforderung zu verstehen, ihn unter einem endlosen Redeschwall ihrerseits zu begraben. Worum es dabei ging, konnte Aidan nicht sagen, denn er hatte bereits nach dem ersten Wort, das aus ihrem Mund gekommen war, nicht mehr zugehört. Seiner Meinung nach, redeten Frauen im Allgemeinen viel zu viel über unnütze Dinge, die Niemanden interessierten. Er ließ seinen Blick ablenkend durch den Raum wandern. Die Kneipe hatte sich kein Stück seit seinem Fortgang verändert. Zumindest nicht im guten Sinne. Der Teppich am Boden war noch ein wenig abgenutzter und sein ehemaliges Muster konnte man nur noch erahnen. Zudem schien während er nicht in der Stadt war, doch die eine oder andere Kneipenschlägerei stattgefunden zu haben, denn mittlerweile passte kein Tisch oder Stuhl mehr zum anderen. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. So sehr er diesen Ort verabscheute, so sehr liebte er dieses Pub. Für ihn war das beinahe ein Stückchen Zuhause, wenn es so etwas in seinem Leben überhaupt gab. In der Ecke bei den Billardtischen entdeckte er seinen Bruder, der mit einem Mädchen, das wohl seine Freundin war, eine Partie spielte. Aidan dachte daran, wie unähnlich sie sich doch waren. Im Gegensatz zu ihm, war sein Bruder der ewige Moralapostel und Weltverbesserer, der Spaß nur vom Hörensagen her kannte. Trotzdem schien die Masche bei der weiblichen Bevölkerung gut anzukommen. Die gemeinsamen Gene ließen sich eben nicht verleugnen. Trotzdem war es an der Zeit, den Kleinen etwas zu ärgern. Aidan wandte sich wieder Valerie zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr, worauf diese kichernd von ihrem Hocker rutschte, ihr hautenges Kleid, das ihre makellose Figur betonte, zurecht zupfte und ihn mit sich in Richtung Ausgang zog. Als sie an den Billardtischen vorbeikamen nickte er seinem Bruder zu und zuckte, als Antwort auf den strafenden Blick, den er, wie erwartet, erntete, lediglich mit den Schultern, ehe er sich wieder seiner Gespielin zuwandte und mit ihr durch die Türe verschwand.
„Pünktlich auf die Minute.“ Ich gab Jared einen flüchtigen Kuss und wischte ihm sogleich den violetten Lippenstift von seinen Lippen, bevor ich mein Plastikgebiss wieder einsetzte.
„Wow. Du siehst hinreißend aus.“ Jared musterte mich in meinem schwarzen kurzen Samtkleid mit dem violett gefütterten Stehkragen im Nacken. Die hochhakigen Stiefel und die falschen Vampirzähne passten perfekt zum heutigen Abend.
„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben“, antwortete ich und fand, dass Jared in seinem Frack wie der auferstandene Graf Dracula höchstpersönlich aussah. Wirklich zum Anbeißen.
„Da wir nun beide wissen, wie toll wir aussehen, sollten wir los. Ein solcher Anblick können wir doch dem Rest der Menschheit nicht vorenthalten, oder?“ witzelte er und lenkte seinen Camaro zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Straße, die zur Schule führte, um ihn einige Minuten später an derselben Stelle wie am Vormittag zum Stehen zu bringen. Jared sprang energiegeladen aus dem Auto. Er fühlte sich ausgesprochen gut an diesem Abend. Seine Großmutter hatte ihm am Nachmittag etwas gegen seine Schmerzen gegeben, das nun seine Wirkung zeigte. Nicht das kleinste Ziehen war in seinem Kopf zu verspüren, was ihn außerordentlich beruhigte, da er es wirklich langsam mit der Angst zu tun bekommen hatte. Aber wie es aussah hatte er sich ganz umsonst Sorgen gemacht. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging er um den Wagen und reichte seiner Freundin kavaliermäßig die Hand.
„Da seid ihr ja endlich.“ Sara, die Schulschönheit im klassischen Sinne, rannte hektisch auf uns zu. „Ich dachte schon, dass ihr gar nicht mehr kommt.“ Sie bedachte uns beide mit einem vorwurfsvollen Blick.
„Dann betrachte es als ein Wunder“, antwortete ich und schenkte ihr ein Lächeln.
„Wie?“ Sara sah mich fragend an.
„Vier Zehner und eine Ass schlagen Vier Asse und einen Zehner.“
„Was?“
„Das nennt man ein Wunder.“ Jared konnte sich ein Schmunzeln nur schwer verkneifen. Sara sah mich an und schien sich ernsthafte Sorgen, um meinen Geisteszustand zu machen.
„Wie auch immer. Hier ist die Geldkassette und der Tisch steht da drüben.“ Sie deutete auf den kleinen Klapptisch, auf dem etliche leere Becher und vier Kannen mit heißem Punsch standen.
„Alles klar.“ Jared nahm ihr rasch die Kassette ab und schubste mich, um einer möglichen weiteren peinlichen Konversation vorzubeugen zum besagten Ort. „Das war aber ganz schön fies von dir“, meinte er im Gehen.
„Wieso? Es entspricht nun einmal der Wahrheit, dass Vier Asse und ein Zehner das höhere Blatt darstellen, als vier Zehner und eine Ass. Und sollte widererwarten letztere Kombination gewinnen, dann käme das doch wirklich einem Wunder gleich, oder?“
„Natürlich meine Süße. Nur kapiert Sara das in einer Million Jahre nicht.“
