Trivial - Olivia Seger - E-Book

Trivial E-Book

Olivia Seger

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jane ist ein Mädchen wie jedes andere, das ein unspektakuläres Dasein führt. Doch dann trifft sie den Mann ihrer Träume, der ihr Leben schlagartig verändert. Aus dem grauen Mäuschen wird eine taffe junge Frau, die (meistens) weiss, was sie will. Eine Liebesgeschichte? Nein, denn ihr Traummann ist alles andere als der nette Junge von nebenan. Jane's Leben besteht fortan aus Drogen, schwarzer Magie und dem Tod. Freud und Leid halten sich in einer unausgewogenen Waagschale...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Olivia Seger

TRIVIAL

© 2018 Olivia Seger

Autor: Olivia Seger

Umschlaggestaltung, Illustration: Olivia Seger

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7469-6886-5

ISBN Hardcover: 978-3-7469-6887-2

ISBN e-Book: 978-3-7469-6888-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

1

Johnny Depp umarmt sie und ist gerade im Begriff, sie zu küssen. Nur noch wenige Zentimeter, dann würden sich ihre Lippen berühren. Er zieht sie näher an sich…

Ein jähes Schrillen des Weckers reißt Jane aus ihren Träumen. Verschlafen greift sie nach dem Störenfried. Es wäre auch zu schön, um wahr zu sein, denkt sie bei sich. Langsam erhebt sie sich von ihrem Bett. Wie in Trance geht sie den ihr bekannten Weg zum Bad. Ein Blick in den Spiegel sagt ihr wie jeden Morgen: ‚Mensch Jane, schau dich doch mal an. Nimm endlich einmal ein paar Pfunde ab! Und deinen Haaren täte es auch nicht schlecht, wieder einmal von einem Fachmann behandelt zu werden.‘ Genervt von ihrem eigenen Spiegelbild, wendet sie sich ab. Es ist immer dasselbe. Alle Diätversuche haben fehlgeschlagen. Sie schafft es einfach nicht. Ihre Mutter sagt zwar immer, dass sie hübsch sei und dass es nicht nur auf das Äußere ankomme, doch Jane weiß nur zu gut, dass sie selbst nicht an das glaubt, was sie da zu ihrer Tochter sagt. Sie hat schließlich gut reden. Eine Frau, die mit ihren vierzig Jahren immer noch mit einer Zwanzigjährigen konkurrieren kann und der die Männer die Türe eintreten. Was weiß die schon, wie es in einem Mädchen wie ihr aussieht? Gedankenversunken wandert ihr Blick auf die Uhr. Verdammt, es ist schon beinahe sieben. Jeden Morgen derselbe Stress. Eilig zieht sie sich ihre breiten Hosen und den Schlabberpulli über. Dann rennt sie die Stufen der Treppe hinunter. Es klingelt.

„Na, Kim, alles in Ordnung?“

„Klar, aber das kann sich gleich ändern, wenn du nicht einen Gang zulegst. Denn ich habe keinen Bock, in die Schule zu latschen.“ Ein strahlendes Lächeln zieht sich über ihr Gesicht. Kim ist genauso ein Mädchen von dem ihre Mutter, ohne rot zu werden, sagen kann, dass sie hübsch ist. Sie ist mit Abstand das bestaussehendste Mädchen im Umkreis von zwanzig Kilometern. Wieviel würde Jane dafür geben, auch so auszusehen. Aber es hilft alles nichts, sie ist nun einmal Jane und nicht Kim, und wenn sie weiter darüber nachdenkt, hat sie ihren berühmten ‚Depro-Tag‘, dazu würden sie auch noch den Bus verpassen.

Eilig packt sie ihren Rucksack und stürmt zu der Haustüre hinaus, die sie im Flug hinter sich zuzieht.

„Hast du Mathe gemacht?“ Kim sieht sie mit fragendem Blick an.

„Ja, du kannst es nachher bei mir abschreiben. Warst wohl gestern wieder zu lange mit Tim weg, was?“ Jane grinst ihr verschmitzt zu. Kim weiß, dass dies eigentlich gar keine Frage ihrer Freundin ist, sondern mehr eine Feststellung. Diese Szene spielt sich nämlich jeden Morgen ab.

„He Jane, hast du das Stützkorsett für dein Fett dabei? Wir haben heute Turnen.“ Eine bissige Stimme meldet sich zwei Reihen hinter ihnen. Hämische Lacher folgen kurz darauf. Das ist auch so etwas, was sich jeden Morgen aufs Neue wiederholt. Susan, die blödeste Ziege auf Erden, kann es einfach nicht lassen, sie wegen ihres Gewichts aufzuziehen. Kim schaut sie mitleidig an. Jane erkennt an ihren Augen, was sie ihr sagen will. ‚Wenn du etwas abnehmen würdest, könntest du dem ganzen Theater ein für alle Mal ein Ende machen. ‘ Wie immer, wenn so etwas geschieht, zieht Jane ihren Rucksack, so nah es geht, an ihren Körper und würde am liebsten im Erdboden verschwinden. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zur Schule.

Kim spielt nachdenklich mit dem Strohhalm ihrer Cola. Es scheint beinahe so, als ob sie eine Wette mit sich selbst abschließe, wie viele Eiswürfel sie gleichzeitig damit treffen kann.

„Jane, ähm…“ Kim druckst etwas herum. Fragend blickt diese sie an. „Na ja, ich meine, das, was da heute Morgen wieder vorgefallen ist, tut mir echt leid.“

„Ach, das geht schon klar. Ich habe mich schon daran gewöhnt.“ Jane lächelt sie gezwungen an. Kim nickt.

„Was ich eigentlich sagen wollte… wenn du jemanden zum Joggen suchst, also… ich bin immer für dich da.“

„Oh nein, nicht schon wieder. Kim, ich sag’ es dir nun noch ein letztes Mal, ich kann machen, was ich will. Ich nehm’ nicht ab. Du weißt selbst, dass ich schon alles versucht habe. Und was hat es gebracht? Nichts, gar nichts.“

„Na ja, ich meinte ja bloß…“ Vorsichtig blickt sie ihre Freundin an.

„Ja, das ist lieb von dir, aber leider zwecklos.“

„Gut. Aber falls du es dir noch anders überlegen solltest… mein Angebot steht.“ Versöhnungsvoll schaut sie zu Jane. Diese jedoch blickt Kim so entgeistert an, als habe sie sie gerade gefragt, ob sie bei minus zwanzig Grad mit ihr im Meer baden komme. Kim kann sich nicht mehr zurückhalten. Laut prustet sie los. Jane findet es gar nicht witzig, doch ihre Qual sollte erlöst werden.

„He Kim, kommst du heute auch ins Blades?“ ‚Auch das noch! ‘ denkt Jane bei sich.

„Es tut mir ja wahnsinnig leid, aber heute hab‘ ich was anderes vor. Nicht wahr Jane?“ Jane, die gerade einen Schluck von ihrer Cola nimmt, verschluckt sich und kann nur noch mit hochrotem Kopf nicken. Kim wendet sich wieder dem Typen zu und schenkt ihm als Entschuldigung eines ihrer schönsten Lächeln, und es wirkt. Jane bewundert sie einmal mehr. Wie kann sie, ohne auch nur ein kleines bisschen rot zu werden, so lügen. Na ja, wenigstens hat Jim es kapiert. Was etwas heißen will. Jane kennt keinen größeren Idioten als ihn. Auf irgendeine Art kann sie ihn verstehen. Wie soll ein Mensch, der zu neunzig Prozent aus Anabolika besteht und bei dem der Rest von zehn Prozent eine undefinierbare Masse darstellt, auch nur einen winzigen Anteil an Verstand haben? Jane muss innerlich lachen.

„Na dann, man sieht sich.“ Jim trottet zu seinen Kollegen zurück. Kim hat eine Art an sich, die, auch wenn man noch so böse auf sie ist, den ganzen Ärger wegfegen kann. Jane ist es ein Rätsel, wie Kim dies macht, denn sie ist einfach immer gut drauf.

„Erde an Jane… Erde an Jane… Hörst du mich? Ich wollte dir eigentlich nur mitteilen, dass sich deine Cola dem Ende zugeneigt hat und du nicht wie eine Verrückte an deinem Strohhalm saugen musst.“ Kim deutet auf ihr Glas. Tatsächlich, sie ist so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht einmal bemerkt hat, dass sie vergeblich versucht hat, aus einem leeren Glas noch etwas herauszubekommen. Ärgerlich darüber, immer solche dummen Dinge zu tun, gibt sie ihrem Glas einen Stoß. Dieses nimmt es ihr offensichtlich übel, denn es fällt mit einem Klirren zu Boden. Die Leute im Café schauen sie böse an. Jane denkt bei sich: ‚Na toll, nun hast du’s wieder einmal geschafft!‘ Schnell greift sie nach ihrem Rucksack und eilt mit hochrotem Kopf aus dem Lokal. Kim zuckt, sich für ihre Freundin entschuldigend, mit den Achseln und geht ihr nach.

„Mensch Jane, du kannst doch nicht so mir nichts, dir nichts einfach verschwinden.“ Kopfschüttelnd schaut Kim sie an.

„Sorry, aber dir passieren ja nie solche peinlichen Sachen.“

„Das denkst du.“ Kim versucht sie zu beruhigen.

„Ja, ja, sicher.“ Spöttisch blickt Jane sie an.

„Komm, reg dich wieder ab, so etwas kann schließlich jedem mal passieren.“

„Dir nicht!“ Jane beharrt auf ihrem Standpunkt. Versöhnlich hakt Kim sich bei ihr unter und zieht sie mit sich. Nachdem sie sich zwei neue Pullover gekauft hat, geht es ihr besser.

„He Kim, steht dein Angebot noch?“

„Welches Angebot?“ Verwundert blickt sie ihre Freundin an.

„Na, das mit dem Joggen.“

„Ach so. Natürlich“

„Gut, dann treffen wie und morgen früh beim Fluss.“

„Geht klar.“ Kim verabschiedet sich mit den üblichen drei Küssen von Jane.

„Na Jane, wie fühlst du dich?“ Kim lächelt ihr in gewohnter Frische zu. Jane hingegen sieht verschlafen hinter den halbgeöffneten Augenlidern hervor. „Nun komm, so schlimm wird’s schon nicht werden.“ In lockerem Tempo rennen sie dem Fluss entlang. Nach zehn Minuten jedoch macht sich ein Stechen in der Seite bemerkbar.

„Kim, ich kann nicht mehr.“ Erschöpft lässt sie sich in das vom Tau noch nasse Gras fallen. Kim blickt sie kopfschüttelnd an.

„Jane, wir laufen gerade mal zehn Minuten!“

„Noch weitere zehn, und du findest mich auf dem Friedhof wieder.“

„Ja, vielleicht…“ Kim schaut sie gedankenverloren an. Jane weiß nicht so genau, was sie damit meint, aber sie hat im Moment andere Sorgen.

„Komm, steh auf! Wir machen ein paar Dehnungsübungen.“ Kim starrt vor sich hin.

„Sklaventreiber!“

„Mann, mach mich bloß nicht blöd an! Willst du nun abnehmen, oder nicht?“ Kim blickt sie wütend an. Jane erschrickt. So hat sie sie noch nie erlebt.

„War nur ’n Spaß.“ Entschuldigend schaut sie zu Kim.

„Ja, schon o.k. Komm, lass uns nach Hause laufen.“ Schweigend joggen sie nebeneinander her.

„Wir sehen uns in der Schule.“ Ohne sich noch einmal umzuschauen, läuft Kim davon. Jane wundert sich. Was hat ihre Freundin bloß?

„Jane, wo warst du denn so früh? Und warum bist du so verschwitzt?“ Das hat ihr gerade noch gefehlt. Ihre Mutter. Mit einem bösen Blick geht sie an ihr vorbei in ihr Zimmer. Erschöpft sinkt sie auf ihr Bett.

„Hast du heute keinen Unterricht?“ Erneut ertönt die Stimme ihrer Mutter. Jane schrickt hoch.

„Verdammt!“ zischt sie und zieht ihre nassen Sachen aus. Als sie beim Spiegel vorbeikommt, schaut sie prüfend ihren Körper an. Vergebens, es ist noch keine Veränderung zu sehen. Mürrisch steht sie unter die Dusche.

„Na, wie fühlst du dich?“ Kim strahlt ihr entgegen. Sie ist wie verwandelt. Wieder ganz die Alte.

„Als ob mich eine Kuh getreten hätte. Dazu hab‘ ich noch zu wenig geschlafen.“ Etwas mürrisch knallt Jane ihren Rucksack auf den Tisch. Kim schmunzelt.

„Was ist, gehen wir als Versöhnungsakt heute zusammen aus?“

„Vergiss es, mit ’ner Sklaventreiberin geh‘ ich nirgendwohin.“ Jane spielt die Beleidigte.

„Na, komm schon. Schmoll nicht. Du bist wie ein kleines Kind. Aber bitte, wenn du nicht willst, geh‘ ich eben alleine.“

„Na ja, wenn ich’s mir recht überlege, hätte ich doch Lust, mit dir wegzugehen.“

„He Jane, der Typ dort an der Bar, der wär‘ doch was für dich.“

„Na, vielen Dank. Ich bin zwar fett, aber nicht blind.“ Etwas beleidigt schaut sie Kim an.

„Na gut, wie wär’s denn mit dem grossen Blonden?“

„Schon besser. Aber ich komm‘ sowieso nicht an ihn ran.“

„Spinnst du, der muss froh sein, wenn du dich überhaupt mit ihm unterhältst.“ Sie wenden sich wieder ihrem Getränk zu.

Plötzlich wird es unruhig. Auf der Tanzfläche ist gerade ein Typ damit beschäftigt, seine Freundin zu vermöbeln.

„Sieh dir mal dieses verdammt Arschloch an.“ Kim starrt ihn wütend an. Plötzlich, wie von Geisterhand bewegt, blickt er direkt zu ihr.

„Na komm her!“ murmelt sie beinahe unhörbar. Jane schaut gebannt zwischen ihrer Freundin und dem Typen hin und her. Tatsächlich kommt er auf sie zu. Sie sieht ihm in die Augen. Auf einmal greift er sich ans Bein und wird von einem Krampf geschüttelt. Jane ist das Ganze unerklärlich.

„Wie hast du das gemacht?“

„Wie? Ach, das war nicht ich. Ich weiss auch nicht, was der Typ plötzlich hatte.“ Jane glaubt ihr nicht, aber sie zieht es vor, zu schweigen. Um die Spannung zu überbrücken, deutet sie auf einen anderen Typen.

„Kim, das wär doch der perfekte Typ für dich.“

„Was…“ Kim starrt den Grufti, der hinter ihr steht an. „Lass uns verschwinden.“ Sie zieht an Janes Pullover. Diese wundert sich. Was hat sie nun schon wieder falsch gemacht?

2

Jane sitzt gelangweilt an ihrem Schreibtisch. Hypnotisierend starrt sie auf ihre Stifte, als ob sie nur darauf warten würde, dass die Besagten zu tanzen begännen. Kim quasselt in üblichem Wortschwall auf sie ein. Plötzlich, wie vom Blitz getroffen, stoppt ihr Gerede. Verwundert blickt Jane auf. Da zieht eine Person, die soeben den Raum betritt, ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. Kim ist wohl genauso erstaunt wie sie, denn auch sie starrt den Typen in der Tür an.

„Darf ich euch euren neuen Mitschüler vorstellen.“ Mr. Miles unterbricht die angespannte Stille. „Ted wird ab heute mit euch in die Klasse gehen.“ Jane kann ihren Blick immer noch nicht von ihm lassen. Mit einem kurzen „He!“ und einer lässigen Handbewegung, bei der er den Zeige- und den kleinen Finger abspreizt, grinst er in die Klasse. Jane ist fasziniert. Noch nie in ihrem Leben hat sie einen solchen Typen gesehen. Er sieht aus wie eine Mischung aus Robert Smith von The Cure, Sid von den Sex Pistols und Bela B. von den Ärzten. Seine Haare stehen etwa zehn Zentimeter von seinem Kopf ab, was zu seinem weissgeschminkten Gesicht und den roten Lippen faszinierend aussieht. Der Rest seines Outfits streckt sich von einem doch schon etwas abgewetzten Pulli über die Lederhosen zu den schwarzen Springerstiefeln. Den krönenden Abschluss macht ein Mantel, der wie ein Umhang von Graf Dracula höchstpersönlich aussieht. Jane sitzt immer noch wie gebannt auf ihrem Stuhl. Nein, Ted ist wirklich nicht das, was man einen Traummann nennen kann, aber irgendetwas zieht sie an. Seine Ausstrahlung hat einen mystischen Touch. Überhaupt seine ganze Erscheinung. Trotz seiner schwerfälligen Kleidung wirkt er nicht lasch. Jane beobachtet ihn aufmerksam, als er sich ihrer Reihe nähert. ‚Er geht wie eine Katze! ‘ denkt sie bei sich. Sie starrt ihn immer noch an. Viel zu spät realisiert sie, dass er gerade vor ihr steht. Erschrocken senkt sie ihren Kopf. Sie wird rot. Vorsichtig blickt sie wieder auf. Ted lächelt ihr zu. Das ist zu viel für Jane. Die Konzentration ist im Eimer. Sie kann nur noch an Ted denken. Auch als sie nach der Schule wie üblich mit Kim ins Café geht, kann sie von nichts anderem mehr sprechen.

„Weisst du was, Jane? Dich hat‘s erwischt. Du bist verliebt.“ Kim grinst ihr zu.

„Ach was, du spinnst doch.“ Jane ist wieder rot geworden.

„Komm schon, mir brauchst du doch nichts vorzumachen. Meinen Segen hast du jedenfalls. Er ist n‘ guter Kerl.“

Als Jane sich am Abend im Spiegel betrachtet, ist ihr klar: So, wie sie jetzt aussieht, wird Ted nie was mit ihr zu tun haben wollen. Sie muss abnehmen, und zwar schnell.

In den folgenden Wochen läuft der Hometrainer ihrer Mutter auf Hochtouren, der Fluss mit dem schöngelegenen Weg wird beinahe ihr zweites Zuhause, und alles Essbare eliminiert sie. Ihre Mutter ist begeistert, denn bereits nach einem Monat ist ein Unterschied festzustellen. Besessen von dem Wunsch, endlich eine Traumfigur zu besitzen, steigert sie sich immer mehr in alles hinein. Niemand merkt, dass sie immer dünner wird. Für Jane selbst wird das Abnehmen zu einem unwiderstehlichen Reiz. Es gefällt ihr zu sehen, wie die Knochen aus ihrem Körper hervortreten. Wegen ihres nun wirklich guten Aussehens gewinnt sie endlich die Anerkennung bei den anderen, die sie sich immer gewünscht hat. In der Schule wird sie jedoch immer schlechter.

„Sag mal, findest du nicht, dass du das Ganze etwas übertreibst?“ Kim blickt Jane besorgt an.

„He Süsse, ich kann selbst auf mich aufpassen, klar!“ Überlegen schaut sie zu Kim. Sie ist doch nur eifersüchtig, dass sie nun nicht mehr das einzig gutaussehende Mädchen an der Schule ist. Aber im Grunde genommen ist es ihr egal. Was viel mehr zählt, ist, dass Ted sie in letzter Zeit immer wieder anlächelt und sie manchmal sogar anspricht. Ganz in ihren Gedanken versunken, bemerkt sie nicht, wie eine schwarzgekleidete Person sich neben sie stellt.

„He!“ Jane schrickt zusammen. Da erblickt sie Ted.

„He!“ stottert sie verlegen. ‚Mist, das hast du ja gut hingekriegt‘, schimpft sie mit sich selbst.

„Du wohnst doch auch im 7. Bezirk, nicht?“ Sie versucht krampfhaft das Gespräch aufrecht zu erhalten.

„Ja.“ ‚Verflixt, was zum Teufel soll ich nur tun?‘ Da kommt ihr die rettende Idee.

„Die Rede vom Direx heute war zum Einschlafen.“ Sie hatte ihn beobachtet, wie er demonstrativ die Kopfhörer seines Walkmans aufgesetzt hat, als der Direktor das Podium betrat. Ted nickt. Das soll wohl so viel wie ja heissen, dass er nun aber keine Lust habe, sich weiter mit ihr zu unterhalten. Da kommt auch schon der Bus. Jane zögert. Soll sie sich nun neben ihn setzen, oder würde es ihn wohl stören? Doch Tom nimmt ihr die Entscheidung ab. Lässig schwingt er sich neben Ted auf den Sitz. Jane starrt ihn böse an und zischt ihm ein „Idiot!“ zu. Tom nimmt dies jedoch nicht weiter ernst, denn sie streiten sich öfters. Aber noch ist nicht alles verloren. Einen Trumpf hat sie noch in der Hand. Ted wohnt in derselben Strasse wie sie, und demzufolge muss er an derselben Haltestelle aussteigen. Doch Janes Glücksfee hat wohl heute frei. Eine Station früher erhebt sich Ted uns steigt aus. Jane kann es nicht fassen. Wütend blickt sie ihm nach. Draussen wartet bereits eine Person auf ihn. Ebenfalls ganz in schwarz. Je länger Jane diesen Typen ansieht, desto bekannter kommt er ihr vor. Vergeblich versucht sie sich daran zu erinnern. Nur etwas weiss sie. Sie mag ihn nicht. Er zerstört auf eine Art und Weise immer ihre Pläne. Jane fühlt sich elend. Innerlich versucht sie Ted zu hypnotisieren, damit er sich noch einmal nach ihr umsieht. Doch der Bus fährt weiter, ohne dass er sie auch nur eines Blickes würdigt.

Zu Hause angekommen, wirft sich Jane aufs Bett. Genervt schiebt sie eine CD von Nirvana in den Player und dreht voll auf. Doch heute schafft es nicht einmal Kurt, sie aufzuheitern. Im Gegenteil. Bis zum Abend ist ihre Stimmung so auf den Nullpunkt gesunken, dass sie am liebsten jeden, der in ihre Nähe kommt, umbringen würde. Immer wenn sie schlecht drauf ist, geht sie in den Wald. Es ist eine klare, jedoch nicht sehr warme Nacht. Alles ist totenstill. Am Boden gleiten Nebelschwaden dahin. Der Herbst ist ins Land gezogen. Diese Stimmung verleiht ihr ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Nach einer Weile erreicht sie den Friedhof. Vorsichtig öffnet sie das eiserne Tor. Leise geht sie ans Grab ihrer Grossmutter. Normalerweise ist sie immer allein, denn kein Mensch traut sich um diese Zeit auf den Friedhof. Die Leute haben Angst vor den Toten. Jane kann sie nicht verstehen. Auf einmal fühlt sie eine Hand auf ihrer Schulter. Erschrocken springt sie hoch. Ihr Herz rast. Die Person hält sie fest. Zitternd steht sie da.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“ Ted lächelt ihr zu.

„Schon in Ordnung. Ich… ich bin es nur nicht gewohnt, hier mitten in der Nacht von jemandem betatscht zu werden.“ Vorsichtig schaut sie ihn an. Sie zittert noch immer.

„Es ist schön hier, nicht?“ Erwartungsvoll blickt er sie an.

„Ja.“ Sie betrachtet ihn. Im Mondlicht zeichnen sich seine Wangenknochen krass ab. In Jane steigt wieder das ihr so vertraute Gefühl auf.

„Ich komme jeden Tag hierher. Diese Stille beruhigt mich.“

„Ja. Wenn’s mir schlecht geht, bin ich auch immer hier.“ Ted nickt.

„Komm, ich möchte dir etwas zeigen.“ Ehe sich’s Jane versieht, hat er sie bereits an ihrem Pullover gepackt und zieht sie mit sich. Er führt sie auf eine Lichtung, von wo man den ganzen Friedhof überblicken kann. Es ist wunderschön. Jane geniesst die faszinierende Aussicht.

„Es ist toll hier!“ haucht sie.

„Ja. Es ist wunderbar ruhig, und man fühlt sich dem Himmel so nah. Manchmal habe ich das Gefühl, als ob ich die Sterne berühren könnte.“

„Hm. Es ist wirklich unglaublich schön.“ Beide schauen verzaubert zum Himmel.

Jane bemerkt nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Als sie sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht wischt, fällt ihr Blick zufällig auf das Ziffernblatt ihrer Uhr. Erschrocken fährt sie hoch.

„Mensch, Ted, weisst du, wie spät es ist? Halb eins! Wir müssen morgen zur Schule.“

„Ja, ich weiss. Aber es ist einfach zu schön, um zu gehen. Die Schule hat uns jeden Tag, so schön wie heute ist es jedoch nie wieder.“ Jane versteht nicht ganz, aber in diesem Moment ist es ihr egal. Der einzige Gedanke gilt dem Gesicht ihrer Mutter, wenn sie um diese Zeit nach Hause kommt.

„Ted, ich muss gehen. Bye.“

„Bye.“ Er schaut sie nicht an. Seine ganze Aufmerksamkeit gehört dem Himmel und den Sternen. Im Eilschritt läuft Jane nach Hause. Sie hat Glück, ihre Mutter ist wieder einmal auf einer ihrer berühmt-berüchtigten Partys. Glücklich denkt sie an den Abend. Sie ist das erste Mal ganz allein mit Ted gewesen.

Janes Wecker hat an diesem Morgen ein schweres Los gezogen. Nach zig vergeblichen Versuchen, sie aus dem Land der Träume zu holen, wird er an die Wand geschmettert. Als er jedoch hartnäckig bleibt, gewinnt er schlussendlich.

„Mensch, was ist denn mit dir passiert? Du hast ja riesige Augenringe.“ Kim blickt sie mit gespielter Entrüstung an.

„Ist gestern ’n bisschen spät geworden“, murmelt sie zurück.

„Aha. Und wer ist der Glückliche?“

„Lass mich bloss in Ruhe. Ich war mit Ted auf dem Friedhof. Bist du nun zufrieden?“ Genervt wendet Jane sich ab. Sie hat die Nase gestrichen voll von der blöden Fragerei ihrer Freundin. Kim nickt und hält es für besser, sich aus dem Staub zu machen. Mr. Tryt betritt das Zimmer. ‚Wo bleibt Ted nur? Na der kann was erleben. Ich bin schliesslich auch in die Schule gekommen. Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre ich auch zu Hause geblieben. ‘

„Jane!“ Mr. Tryt schaut sie erwartungsvoll an. Sie ist so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht mitbekommen hat, um was es sich gerade handelt.

„Ähm…“, stammelt sie. Ein böser Blick des Lehrers bringt sie zum Schweigen. Jane wartet den ganzen Tag vergeblich auf Ted.

Langsam schlendert Jane den kleinen Waldweg der Friedhofmauer entlang. In ihren Gedanken ist sie bei Ted. Bis jetzt kann sie ihn nirgends sehen. In der Hoffnung, ihn vielleicht an dem Platz zu finden, wo sie gestern gewesen waren, klettert sie die Böschung hinauf. Sie schaut zu den Sternen. Ted hat recht behalten, an diesem Abend sind sie wirklich nicht mehr so nah wie gestern.

Jane weiss nicht, wie lange sie so dagesessen hat, als sich plötzlich eine Gestalt neben sie setzt. Erschrocken blickt sie hoch. Ted grinst ihr zu.

„He! Tut mir leid, ich hatte noch ’n wichtigen Termin.“ Jane sieht ihn verwundert an. Sie hatten sich gar nicht verabredet.

„Wo warst du heute?“

„Ich habe es dir doch gestern schon gesagt, dass ich nicht zur Schule komme.“ Er kramt in seiner Manteltasche. Nach einigen Minuten scheint er gefunden zu haben, was er gesucht hat. Genüsslich zieht er an seinem Glimmstängel. „Willst du auch?“ Jane weiss nicht so recht, sie hat zuvor noch nie einen Joint geraucht, schlussendlich kann sie sich dazu überwinden. Sie will nicht kneifen. Vorsichtig nimmt sie einen Zug, und prompt wird sie von einem fürchterlichen Hustenanfall geschüttelt. ‚Na super, nun hält er mich für total bescheuert. Wette, dass er gleich loslacht‘, sagt sie zu sich selbst. Doch Ted tut es nicht. Geschickt überspielt er die peinliche Szene.

„Die Sterne sind heute nicht mehr so schön wie gestern.“

„Hm.“ Jane hat sich immer noch nicht erholt. Jedoch lässt sie sich nicht unterkriegen und nimmt einen zweiten Zug. Diesmal muss sie nicht mehr husten. Sie hat schon viel über das Zeug gehört. Tom hat ihr erzählt, es verleihe einem ein tolles Gefühl. Darauf wartet sie vergeblich. Bei Ted jedoch scheint es anders zu sein.

„Die Sterne sind wirklich nicht mehr so schön.“ Er lacht ihr zu. Langsam kommt die herbstliche Kühle. Jane zittert. Ohne ein Wort gesagt zu haben, rutscht Ted zu ihr und legt ihr einen Teil seines Mantels um. Sie wundert sich. Das hätte sie nie gedacht. Doch sie geniesst seine Nähe. Ein wohlig warmer Duft steigt ihr in die Nase.

„So könnt’ ich die ganze Nacht hier sitzen.“ Begeistert blickt sie zum Himmel.

„Warum nicht?“ Jane schaut ihn fragend an. Dieser Typ ist einfach undurchschaubar. Als habe er ihre Gedanken gelesen, sagt er: „Ich meine, du würdest doch gerne hierbleiben. Und wenn du das willst, muss ich das wohl auch, denn ich kann dich schliesslich nicht erfrieren lassen.“ Jane ist gerührt. Noch nie in ihrem Leben hat ein Typ so mit ihr gesprochen. ‚Ted kann ja richtig romantisch sein‘, denkt sie bei sich. Sie schaut ihn an.

„Was hat dich eigentlich dazu bewogen, ein Grufti zu werden?“ Kaum hat sie die Frage zu Ende gesprochen, tut es ihr schon wieder leid, denn irgendwie kommt sie sich bescheuert vor.

„Das kommt nicht von heute auf morgen. Das hat auch mit deiner inneren Einstellung zu tun. Für mich ist das eben nicht nur einfach ’ne Bewegung wie Punk oder Hip-Hop. Nein, bei mir hat es sehr viel mit meiner inneren Einstellung zu tun. Manche sehen zwar aus wie ’n Grufti, sind es aber nur äusserlich. Ich weiss nicht, ob du mich verstehst.“

„Ich glaube schon.“ Jane zögert. „Dann kann man Grufti eigentlich nicht werden.“

„Doch, kann man schon, aber ich glaube, es ist eher eine Vorbestimmung. Du musst irgendwie den richtigen Draht zu den Toten haben. Du musst sie verstehen lernen. Wenn du das kannst, hast du schon einiges begriffen. Was ich damit sagen will, du musst deinen Horizont erweitern. Dann siehst du so manches total anders.“ Ted redet sich richtig in Rage.

„Das ist bestimmt ’ne tolle Sache.“ Jane kommt sich bescheuert vor, doch sie weiss nicht, was sie sonst hätte sagen sollen.

„Wenn du willst, nehme ich dich mal zu Pat mit. Der kann dir auch so einiges erzählen.“

„Das würdest du tun?“ Sie kann es nicht fassen. Dieser geniale Typ will sie mit zu einem Kollegen nehmen.