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Violet liebt Camel Filters, ehrliche Gespräche und das Chaos ihres eigenen Lebens. Zwischen Zigarettenpausen und Dates sucht sie nicht nur nach der grossen Liebe, sondern versucht auch herauszufinden, wer sie wirklich ist. Ihre Welt ist bevölkert von Freunden, die mehr wie Familie sind, von Momenten, die alles verändern und von unzähligen unperfekten, aber kostbaren Augenblicken des Lebens. Restless – charmant, ungeschönt und mit genau der richtigen Portion Selbstironie. Für alle, die wissen: Das Leben muss nicht perfekt sein, um wunderschön zu sein. Ein Roman, der das echte Leben atmet.
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Seitenzahl: 240
Veröffentlichungsjahr: 2022
Olivia Seger
RESTLESS
© 2018 Olivia Seger
Autor: Olivia Seger
Umschlaggestaltung, Illustration: Olivia Seger
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-7469-9760-5
ISBN Hardcover: 978-3-7469-9761-2
ISBN e-Book: 978-3-7469-9762-9
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1
Dies ist meine Geschichte. Doch eine Warnung vorab. Solltet ihr nun folgenschwere Geschehnisse, lyrischen Hochgenuss, Weisheiten, die euer Leben verändern oder gar eine logische Schlussfolgerung erwarten, muss ich euch leider enttäuschen, denn dies ist einfach nur eine Geschichte über ein etwas chaotisches Mädchen mit einer Vorliebe für Camel Filters Zigaretten…
Mit schnellen, etwas steifen Schritten, stapfte ich durch die menschenleeren Strassen. Kein Wunder, es war sechs Uhr morgens und Frau Holle gab alles. Um diese Uhrzeit und bei dem Wetter jagte man nicht mal einen Hund vor die Türe. Hastig zog ich meinen Schal höher, um mich vor einer weiteren herannahenden Windböe zu schützen. Endlich konnte ich durch das Schneegestöber die grossen leuchtenden Buchstaben, die das Wort Bahnhof formten, erkennen. Ich verlangsamte mein Tempo. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mein Ziel viel zu früh erreicht hatte. Mal wieder. Genervt wippte ich von einem Fuss auf den anderen, um der einschleichenden Kälte Paroli zu bieten. Nach einer gefühlten Ewigkeit leuchteten endlich die ersehnten Lichter der Lokomotive auf. Suchend liess ich meine Augen über die Wagons streifen, doch nichts tat sich. Mürrisch riss ich die erstbeste Türe auf (ja, richtig gelesen, meine Geschichte spielt in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, und da gab es noch keine automatischen Türen bei den Zügen) und stapfte hinein. Mit jedem Abteil, das ich vergeblich durchschritt, steigerte sich meine schlechte Laune. Endlich, nach zig Wagons, hatte meine Suche ein Ende. Entnervt warf ich meine Tasche auf die Bank und liess mich ebenfalls im mehr oder weniger weichen Polster nieder. Kurz darauf zündete ich eine Zigarette an, (auch rauchen war damals im Zug noch gestattet. Ein Vorzug, der meiner Meinung nach, ruhig hätte beibehalten werden können…) um mich etwas zu beruhigen. Mein Sitznachbar reckte sich und blickte mich verschlafen an. Erschrocken fuhr er hoch.
„Was machst du denn hier?“ fragte er etwas dümmlich.
„Na, was wohl?“
„Ist es schon so spät? Ich dachte, ich mach noch ein Nickerchen bis zu deiner Haltestelle… hab’ wohl verschlafen.“
„Sieht ganz so aus.“
„Na, wen wundert’s, bei diesem Wetter!“ Mit einer Handbewegung deutete er aus dem Fenster und für einen Moment schaute ich dem Schneetreiben zu, ehe mein Blick wieder auf mein Gegenüber fiel. Wir kannten uns nun schon seit unserer Geburt. Und das war nicht mal gelogen, denn unsere Mütter waren zur selben Zeit auf der Entbindungsstation gewesen. Slany kam jedoch drei Tage vor mir auf die Welt. Er war früher, doch ich war schneller. Das hatte sich bis heute nicht geändert. Seit damals waren gut und gerne neunzehn Jahre ins Land gezogen, aber in dieser langen Zeit hatte es kaum einen Tag gegeben, an dem wir uns nicht gesehen hatten. Manche dachten, wir wären Geschwister, andere hielten uns für das perfekte Paar. Doch das war so eine Sache…
„Wie läuft’s mit Edwin?“ Slany holte mich aus meinen Gedanken und blickte mich fragend an. Ich musste mir ein Lachen verkneifen, denn mir war sein zynischer Unterton nicht entgangen.
„Gar nicht… Hab’ schon eine ganze Weile nichts mehr von ihm gehört.“ Es war jedes Mal dasselbe. Wir schworen uns immer wieder aufs Neue, in Sachen Liebe totale Freiheit zu gewähren. Was auch ganz gut ging. Zumindest bis einer von uns eine Beziehung einging…
„Komm Süsse, pack zusammen, wir müssen raus.“ Wir verliessen den Zug und ich schlenderte hinter meinem Freund her. Gedankenverloren griff ich in meine Tasche, um mir eine meiner heissgeliebten Camel Filters herauszuholen. Noch im selben Augenblick fuhr ich erschrocken zusammen, warf meine Tasche in den Schnee und hechtete in den Wagon zurück. Ich schaffte es gerade noch auszusteigen, als sich die Bahn bereits wieder in Bewegung gesetzt hatte. Slany schüttelte schmunzelnd den Kopf. Den alltäglichen Weg zur Uni gingen wir schweigend. Am Eingang verabschiedeten wir uns, denn von da an trennten sich unsere Wege. Ich schlurfte den farblosen Flur hinunter. Irgendwie kam mir alles etwas trostlos vor. Warum, um alles in der Welt sass ich nur Tag für Tag in diesem Kerker? Das hatte ich mich in der letzten Zeit nicht nur einmal gefragt. Doch es war zu spät. Ich hatte mich dazu entschlossen, Psychologie zu studieren und nun musste ich es wohl oder übel auch durchziehen. Zumindest bis mir eine bessere Idee kam. Anfänglich habe ich mich auch wirklich auf das Studium gefreut. Endlich konnte ich mich mit dem befassen, was mich auch interessierte und musste mich nicht mehr mit Dingen abgeben, die ich totlangweilig fand. Doch mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass es doch nicht so toll war, wie ich mir das vorgestellt hatte. Slany erging es in dieser Hinsicht vollkommen anders. Er blühte förmlich auf mit seinem Geschichtsstudium. Die ‚alten Stories‘, wie er zu sagen pflegte, faszinierten ihn. Seine Begeisterung war so gross, dass er es sogar schaffte, mich ein wenig aufzumuntern, wenn ich wieder einmal down war.
„Violet!“ Eine schrille Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich verlangsamte meine Schritte, drehte mich jedoch nicht um. Wozu auch… Schliesslich gab es nur eine Person, die es fertig brachte, meinen Namen so falsch wie es nur ging zu betonen. „Na, hast du ihn gefragt?“ Erwartungsvoll blickte sie mich an. Ich nickte lahm und im selben Moment zog sich ein Strahlen über das Gesicht meines Gegenübers. Lisa war zweifelsohne bildhübsch. Sollte man in Betracht ziehen, sich einer plastischen Operation zu unterziehen, wäre man nicht schlecht bedient gewesen, wenn man dem Doktor ein Bild von ihr als Vorlage gegeben hätte. Auch die männliche Spezies war der Ansicht, dass sie durchaus eine Sünde wert war. Ich kannte weit und breit keinen, der ihr wiederstehen konnte. Wobei, das stimmte nicht ganz. Lisa hatte sich in den Kopf gesetzt, Slany mit ihrer schrillen Stimme zu beglücken, doch den hatte Amors Pfeil anscheinend noch nicht erreicht. Und da hatte sie kurzerhand beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Was in diesem Fall bedeutete, dass sie sich an die beste Freundin des Opfers, pardon, des Angebeteten heranmachte. Womit ich gemeint war.
„Und, was hat er gesagt?“ Neugierig drückte sie sich im Hörsaal an mich.
„Er hat sich gefreut.“
„Und sonst?“ Gott, die hatte es wirklich erwischt. Was sollte ich ihr antworten? Das Slany sich zwar geschmeichelt gefühlt hatte, aber sein Interesse gegen Null tendierte? Es erschien mir doch ein wenig hart, ihr das so direkt ins Gesicht zu sagen. Doch ehe ich mir die passenden Worte zurechtlegen konnte, trat der Professor in den Raum und begann mit seiner Vorlesung.
❖
Gedankenverloren sass ich in der Kantine. Was wollte ich mit meinem Leben anfangen? War Seelenklempnerin wirklich die Erfüllung? Wenn ich doch bloss eine Antwort auf diese Frage gehabt hätte. Den ganzen Vormittag über war ich geistig vollkommen abwesend gewesen, weil mir immer wieder diese nervenaufreibenden Gedanken im Kopf herumgeschwirrt waren. Nur etwas wusste ich mit Sicherheit, wenn nicht bald etwas Bahnbrechendes passieren würde, konnte ich für nichts mehr garantieren.
„Mann, Violet, ich muss dir was total Verrücktes erzählen!“ Slany warf sich strahlend auf den freien Stuhl neben mir. Verdutzt blickte ich ihn an. „Ich hab in den Semesterferien einen Job. Und nun rate mal wo?“ Emotionslos zuckte ich mit den Schultern. „In London! Na, was sagst du dazu?“
„Toll!“, erwiderte ich, wobei sich meine Aussage mehr wie eine Frage anhörte und Slany mich stirnrunzelnd musterte.
„Hast du was? Du schaust aus der Wäsche wie sieben Tage Regenwetter.“
„Was?“ Ich war sichtlich immer noch nicht richtig anwesend. Slany schüttelte den Kopf und erhob sich wieder.
„Melde dich, wenn du wieder ansprechbar bist.“ Ich nickte mechanisch. Nun reichte es also nicht, dass ich mit mir selbst nicht klar kam, nein, dem musste das Universum noch eins oben draufsetzen. Mein bester Freund haute einfach so ab und liess mich schnöde im Stich. Danke für gar nichts. Ich fühlte mich von der ganzen Welt verstossen. Ja, in Selbstmitleid baden, konnte ich gut. Ich zog eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Doch selbst diese schien sich gegen mich verschworen zu haben, denn sie wollte einfach nicht brennen. Nach dem dritten Versuch gab ich es auf. Das war ja mehr als deutlich.
❖
Ich lag auf meinem Bett und starrte zum Fenster hinaus. Der Schneefall war in Regen übergegangen und die Tropfen klatschten nun so laut an die Scheiben, dass ich mein eigens Wort nicht mehr verstand. (Nicht, dass ich gerade einen Monolog hielt…) Es schien beinahe so, als wollten sie um Einlass bitten. Wer weiss, vielleicht waren diese Tropfen ja verzauberte Menschen, die erst wieder ihre normale Gestalt annehmen konnten, wenn man sie ins Warme liess. Beflügelt von dem Gedanken sprang ich hoch und öffnete das Fenster. Sofort tropfte das kühle Nass auf den Boden, wo sich innerhalb weniger Minuten ein kleiner See bildete. Vergeblich wartete ich darauf, dass etwas passierte. (Zum Beispiel, dass einer der Tropfen sich in einen wunderschönen Prinzen verwandelte.) Mürrisch gab ich dem Fenster einen Stoss und kroch unter meine Bettdecke. Ehe ich mir eine neue haarsträubende Geschichte ausdenken konnte, klopfte es an der Türe und Slany steckte seinen Kopf herein.
„Na, Süsse, geht’s dir besser?“ Ich nickte, doch so richtig überzeugend wirkte das wohl nicht. „Nun komm, lach mal wieder.“ Schwungvoll warf er sich neben mich aufs Bett. Er gab alles, um mich in bessere Stimmung zu versetzen. Doch der Versuch kam etwa dem gleich, einer Kuh das Fliegen beizubringen. „Enspann’ dich.“ Slany begann, mir den Rücken zu massieren. Das hatte bisher noch immer funktioniert. Tatsächlich wurde ich etwas umgänglicher. Ich liess mich sogar dazu breitschlagen, ihm zu erzählen, was mich beschäftigte.
„Nun sieh das doch nicht so eng. Ich bin doch nur drei Monate weg.“ Das war ja wieder mal typisch! Er hatte überhaupt nicht kapiert, worum es ging. Warum zum Teufel dachten Männer immer, alles müsse sich nur um sie drehen? Genervt stand ich auf und stapfte in die Küche, um mir eine heisse Schokolade zu machen. Slany hielt es wohl für besser, mir nicht zu folgen. Ich sass etwa eine halbe Stunde vor meiner Schokolade, als ich im Flur Schritte vernahm.
„Muss nochmal weg!“ Noch ehe er den Satz beendet hatte, fiel die Türe von aussen ins Schloss. Weg war er. Doch es kratze mich nicht weiter. Im Gegenteil. Mir stand der Sinn sowieso nicht nach einer weiteren Unterhaltung.
❖
Die Sonne versuchte vergeblich, die winterliche Kälte zu vertreiben. Ich lehnte gegen das Treppengeländer und träumte mit geschlossenen Augen von fernen Ländern. Ich lag an einem Strand und liess es mir gutgehen.
„Auf welcher Wolke schwebst du denn?“ Slanys Stimme holte mich in die Realität zurück.
„Zerstörer!“, zischte ich ihm zu, worauf er lediglich grinste. „Können wir los?“ Ich hob meinen Rucksack vom Boden auf.
„Nein, ich habe Pat versprochen, auf ihn zu warten.“
„Pat? Welcher Pat?“ In Gedanken ratterte ich sämtliche Namen herunter, doch ein Pat liess sich beim besten Willen nicht finden.
„Er studiert erst seit einer Woche hier…“, erlöste Slany mich. „Er muss auch in unsere Richtung.“
„Und weiter…“
„Er studierte zuerst in Oxford, doch dann… Ah, da kommt er ja, nun kannst du ihn selbst alles fragen, was du wissen willst.“ Slany deutete auf die Eingangstüre, wo gerade ein schmächtiger Typ mit Brille heraustrat. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Slany stiess mich in die Rippen, worauf ich mich auch prompt verschluckte.
„Darf ich dir Pat vorstellen?“ Mittlerweile hatte er uns beide erreicht. „Pat, das ist Violet, das tollste Girl weit und breit.“ Ich hatte mich halbwegs erholt und brachte sogar ein krächziges ‚Hallo‘ zustande. Doch im selben Augenblick suchte mich ein erneuter Hustenanfall heim. Pat reichte mir seine Cola. Dankend nahm ich einen Schluck und beruhigte mich wieder.
„Das ist unsere Violet wie sie leibt und lebt. Sie muss sich immer ein wenig in Szene setzen.“ Slany grinste, worauf ich ihm einen strafenden Blick zuwarf.
„Da wir nun ja alles geklärt haben, können wir nun endlich los, oder?“
„Du sprichst mir aus der Seele, Süsse.“ Nun reichte es aber langsam. Doch als ich seine glasigen Augen bemerkte, war mir alles klar.
„Du meine Güte, sieh sich einer deine Augen an. Geht’s dir auch gut? Du siehst ganz und gar nicht so aus. Hast du eine Entzündung?“ Eins zu null für mich, mein Freund. Ich wusste ganz genau, wie er es hasste, blossgestellt zu werden und genau das hatte ich erreicht. Selbstzufrieden grinste ich ihn an.
„Ach, lass mich doch in Ruhe.“ Wütend stapfte er davon.
„Wie du willst, aber hast du nicht noch was vergessen?“ Abrupt hielt er inne, wendete und riss mir ohne Worte seine Tasche aus der Hand.
„Take it easy, make a point and smoke a joint! “ Ich konnte es einfach nicht lassen.
❖
„Klopf, klopf, jemand zuhause?“ Vorsichtig öffnete ich die Türe.
„Hau ab!“
„Ach, ist mein Teddybär immer noch sauer?“ Schmollend sass Slany auf seinem Sofa und starrte auf den Bildschirm des Fernsehers. Ich setzte mich zu ihm. Einige Minuten verstrichen, ohne, dass einer ein Wort sagte. Dann wurde es mir zu langweilig. Behutsam robbte ich nach vorne, bis ich direkt vor ihm sass. Er versuchte, mich zu ignorieren, doch ich schnitt solche Grimassen, dass er unfreiwillig lachen musste.
„Na, wieder Freunde?“ Ich streckte ihm versöhnlich die Hand entgegen. Nachgebend schlug Slany ein.
„Eigentlich, wollte ich dich heute ja überraschen. Aber das muss ich mir wohl nochmals gründlich überlegen.“
„Was ist es? Komm schon Slany, spann mich nicht auf die Folter!“ Doch er blieb standhaft. „Oh du… bitte, bitte, sag es mir.“ Theatralisch fiel ich vor ihm auf die Knie.
„Nein.“ Er nützte meine Neugierde voll aus. „Was bietest du?“ Nun also auf diese Tour. Das konnte er haben.
„Alles, was du willst, grosser Meister. Aber bitte, spann mich nicht länger auf die Folter.“ Mein Gewinsel schien Wirkung zu zeigen.
„O.k. ist ja schon gut. Ich hab ’nen Job für dich in England. Bin ich nun der Grösste, oder nicht?“ Slany genoss die Rolle des Wohltäters. Ich wurde bleich, es hatte mir doch glatt die Sprache verschlagen. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Auf einmal schien ich zu begreifen und ich fiel Slany stürmisch um den Hals. Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, fand ich auch meine Sprache wieder.
„Wie um alles in der Welt hast du das geschafft?“
„Ich hab’ da so meine Connections.“ Wichtig schob Slany sein Kinn vor, was ehrlich gesagt ziemlich bescheuert aussah. Ich musste lachen.
„So, so, deine Connections. Und wer soll das sein?“
„Wird nicht verraten.“ Er tippte mit dem Zeigfinger an meine Nase.
„Na gut, dann sag’ mir wenigstens, um was es sich bei deinem mysteriösen Job handelt.“ Slany holte tief Luft.
„Also, du weisst ja, heutzutage ist das Angebot gross und da verlangt es natürlich Fingerspitzengefühl das Richtige zu finden. Nach mehreren Recherchen…“
„Slany! Komm zum Punkt!“
„Du hast einen Job in ’ner Bar. Das war das Naheliegendste, da du ja bereits einige Zeit im Blades gekellnert hast.“
„Hört sich verlockend an.“
„Das hört sich nicht nur so an, das ist auch so. Pat hat mir erzählt, dass es ein erstklassiger Laden wär.“ Ich lächelte. Slany war eben doch der tollste Kerl auf Erden. Wer hätte sich schon die Mühe gemacht, für einen anderen einen Job zu suchen. Wenn man es genau betrachtete, hatten die Leute gar nicht mal so unrecht. Wir beide gehörten einfach zusammen. Obwohl ich es mir eigentlich nicht eingestehen wollte, so hing ich doch sehr an Slany. Ich kam mir ja schon verlassen vor, wenn er einmal krank war. Die drei Monate wären die reinste Qual für mich geworden. Was natürlich nicht heissen sollte, dass ich mich gleich verkroch, wenn mein bester Freund nicht zur Stelle war. Im Gegenteil. Ich gehörte zu jenen Menschen, die jeder respektierte und gern hatte. Aber obwohl ich mit allen gut zurechtkam, sie konnten Slany nicht ersetzen. Wir waren schon ein verrücktes Paar. Und nun gingen wir also zusammen nach London. Ich konnte es noch immer nicht fassen. In meinem Hinterkopf schwirrte immer noch der Gedanke, dass ich das alles nur träumte und ich im nächsten Moment aufwachen würde. Drei Monate England, drei Monate Fun pur. So oft hatten wir davon geträumt, wie wir zusammen am Picadilly Circus abhingen und nun sollte es tatsächlich wahr werden.
2
Riesige Regentropfen fielen vom Himmel. Nervös schaute ich alle fünf Sekunden auf die Uhr. Wo blieb Slany nur? Wir hatten uns um neun verabredet und nun war es bereits zehn nach. Ich tigerte im Zimmer auf und ab. Geistig ging ich nochmals durch, ob ich auch alles eingepackt hatte. Zahnbürste, Pullover, Socken… Das Klingeln der Glocke riss mich aus meinen Gedanken.
„Na, bist du reisefertig?“ Slany strahlte mich an.
„Wo, zur Hölle bleibst du denn so lange?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, packte ich meine Tasche und ging an ihm vorbei nach draussen. Slany kümmerte sich um mein restliches Gepäck. Als alles verstaut war, liess ich mich erschöpft auf den Beifahrersitz fallen.
„Oh Mann, wie ich diesen Stress hasse!“ Nervös fingerte ich an meiner Handtasche herum und suchte nach einer Camel.
„Nun komm Süsse, beruhige dich mal wieder. Sonst erleidest du noch ’n Herzinfarkt und wirst London nie zu Gesicht bekommen.“ Slany tätschelte mein Bein.
„Wären wir doch nur schon da“, knurrte ich. Nach einigen Zügen an meiner Zigarette wurde ich etwas ruhiger. Aber wirklich nur etwas. Das war auch wieder so etwas, wodurch ich mich von Slany unterschied. Er war die Ruhe selbst. Ganz nach dem Motto: Komme ich heute nicht, komme ich halt morgen. Ich war da ganz anders. Wenn ich einen Termin hatte, war ich mindestens zehn Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt vor Ort. Ich hasste es, zu spät zu kommen.
„Siehst du, schon haben wir unsere erste Station erreicht.“ Ich blickte auf und konnte gerade noch das Schild im Vorbeifahren erkennen, das zum Flughafen wies.
„Ich muss noch Sam anrufen.“ Slany zog an meinem Ärmel, als wir durch die Halle schritten.
„Warum das denn?“
„Sag’ ich dir gleich.“ Eilig entfernte er sich. Ich sah nur noch, wie er einem Typen die Telefonzelle vor der Nase wegschnappte. Ich setzte mich in der Zwischenzeit und begann, die Leute zu studieren.
„So, da bin ich wieder.“ Slany lachte mich an.
„Toll“, liess ich sarkastisch von mir vernehmen. „Könntest du mir nun freundlicherweise verraten, was so dringend war?“
„Klar. Sam kümmert sich um unser Auto. Ich bin schliesslich kein Krösus und kann mir eine Parkgebühr von drei Monaten leisten.“ Das erschien mir logisch. Wir packten unsere Sachen und begaben uns zur Passkontrolle. Ich nervte immer noch herum und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Slany war sich nichts anderes von mir gewohnt. Als wir vor zwei Jahren zusammen nach Irland geflogen waren, war mein Verhalten nicht anders gewesen. Durch die Sprechanlage vernahmen wir, dass unser Flugzeug eine halbe Stunde Verspätung hatte, was sich nicht gerade förderlich auf meine Laune ausübte. Im Gegenteil. Mittlerweile hatte ich das Gefühl, ich würde im Stand durchdrehen.
„Wir werden nie in London ankommen…“, jammerte ich, „ist ja auch klar… alles, was mit mir zu tun hat, muss schief gehen… du hättest mich nicht mitnehmen sollen… das gibt ’ne Katastrophe, ich fühl es…“
„Violet! Violet, sieh mich an!“ Slany packte meinen Kopf. Ihm wahrsten Sinne. Ich kam mir wie in einem Schraubstock vor. „Es ist nichts passiert. Das Flugzeug hat lediglich eine halbe Stunde Verspätung. Wir kommen trotzdem nach England.“ Ich wollte ihm widersprechen, doch er drückte mir seinen Finger auf die Lippen und deutete mir, still zu sein. „Komm, ich hol’ dir jetzt einen Kaffee, dann geht’s dir gleich besser.“ Ehe ich ein Wort sagen konnte, stapfte er zum nächsten Getränkeautomaten.
„Slany, ich…“ Ich versuchte, ihn aufzuhalten, doch er winkte ab. Als er mir die braune Brühe wie eine Trophäe entgegenstreckte, verkniff ich mir, was ich eigentlich hatte sagen wollen. Normalerweise wusste er, dass ich keinen Kaffee trank, doch ich schien ihn mit meiner Hysterie durcheinandergebracht zu haben. Ich fand es rührend wie er sich bemühte und das war alles, was zählte. Dankend nahm ich ihm also den Becher ab und trank brav einen Schluck. Bemüht, kein allzu ekelerregendes Gesicht zu ziehen. Mittlerweile war unser Flugzeug eingetroffen und wir wurden ausgerufen. Meine Nervosität schlug mit einem mal wieder wie eine Bombe ein. Ich stürmte zum Schalter, als würde es um Leben und Tod gehen. Dann ging alles rasant und ehe wir uns versahen, sassen wir schon auf unseren Plätzen. Kurz nachdem das Flugzeug abgehoben hatte, schlief ich ein.
Slany schmunzelte und strich Violet liebevoll über die Haare. Als er sie so betrachtete, musste er an ihre erste gemeinsame Reise nach Irland denken. Das war ein Trip, den sie wohl so schnell nicht vergessen würden. Es fing damit an, dass ihr Flugzeug vier Stunden Verzögerung gehabt hatte. Als sie schliesslich um ein Uhr in der Nacht in Dublin eingetroffen waren, hatte sich das Wetter zusehend verschlechtert. Nach zwei Stunden Autofahrt waren sie bei einem kleinen Kaff angekommen. Doch der Nebel war so stark gewesen, dass sie keine fünfzig Meter weit gesehen hatten. Das alles wäre an sich nicht weiter schlimm gewesen, doch die Strassenschilder waren nicht in Englisch sondern in Gälisch, der Landessprache, angeschrieben gewesen. Kurz gesagt, die Lage war völlig aussichtslos erschienen. Sie hatten sich bereits mit dem Gedanken angefreundet gehabt, die Nacht im Auto zu verbringen. Wenn sie heute daran zurück dachten, wussten sie immer noch nicht wie sie damals trotzdem zu ihrem Hotel gefunden hatten. Slany lachte leise vor sich hin. Es war wirklich eine verrückte Geschichte. Ein Blick zu den kleinen Fenstern hinaus, beteuerte ihm, dass ihnen heute die Naturgewalten gut gesinnt waren. Die Stewardessen fuhren mit ihren Trolleys herein und tischten den Passagieren das übliche Flugzeugessen auf. Viele waren der Meinung, dass man diesen Frass nicht essen konnte. Slany stimmte ihnen nicht zu. Er liebte diese kleinen Sachen. Diese Liebe ging sogar so weit, dass er jedes Mal irgendwelche Souvenirs mitnahm. Sei es nun eine Plastikgabel oder einen Zuckerbeutel. Das Witzige an dem Ganzen war, dass er sie auch wirklich aufbewahrte. Wenn man ihn darauf ansprach, meinte er nur, dass eben jeder so sein Hobby habe. Die einen würden Briefmarken sammeln, er nun eben Flugzeugbesteck. Durch das Klappern des Geschirrs wachte ich auf. Verschlafen blickte ich Slany an. Beim Anblick des Essens, war ich schlagartig wach, denn mein Magen knurrte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich heute noch gar nichts gegessen hatte. Gierig machte ich mich über den Lunch her.
„Na, geht’s dir besser?“ Slany grinste mich an. Ich nickte mit vollem Mund und deutete im selben Moment auf seinen Kuchen.
„Isst du den noch?“
„Nein, bedien’ dich.“ Als die Stewardessen abgeräumt hatten, lehnte ich mich zurück und lächelte gutgelaunt. Kein Magenknurren mehr und meine Müdigkeit war auch wie weggeblasen.
„Bitte stellen Sie das Rauchen ein und schnallen Sie sich an, wir werden in wenigen Minuten in London Heathrow landen.“ Mein Herz begann wie wild zu pochen. Dieses Mal allerdings vor Freude, endlich in der ersehnten Stadt einzutreffen. Das Flugzeug bestätigte mit einem Ruck, dass wir uns wieder auf dem Boden befanden. Neugierig spähte ich aus dem Fenster. Für einen Moment konnte ich nur das Flughafenareal sehen. Erst als sich der Vogel drehte, liessen sich in der Ferne einige Häuser erkennen. Die Stewardessen öffneten die Türen, worauf sogleich alle Passagiere dem Ausgang entgegenstürmten. Ein Stau war unvermeidlich. Genervt trommelte ich auf der Sitzlehne herum, als ob dies etwas bewirken hätte können. Slany schien alles wie immer völlig cool zu lassen. Im Grunde hatte er ja recht, durch mein stressiges Getue ging es auch nicht schneller. Doch ich wollte nun endlich aussteigen. Mit einem Mal schien sich das Gedränge aufzulösen. Ich tastete nach Slanys Hand, denn ich hatte null Bock, ihn am Ende noch zu verlieren. Nicht nach all dem, was meine Nerven bis jetzt hatten aushalten müssen. Und die sollten noch um einiges mehr strapaziert werden. Als wir beim Rollband, das das Gepäck transportierte, ankamen, liessen sich meine Taschen nirgends finden. Mir schien, als würde mir jemand den Boden unter den Füssen wegziehen. Meine Augen wurden wässerig. Tapfer biss ich die Zähne zusammen. Slany zog mich zur nächsten Sitzgelegenheit.
„Bleib du erst mal hier und rauch ’ne Camel. Ich mach mich auf die Suche nach deinen Taschen.“ Niedergeschlagen nickte ich. Eine gute halbe Stunde hatte ich so dagesessen, ehe Slany zurückkam.
„Sie wollten sich wohl ein wenig mit dem Gepäck aus Australien unterhalten.“ Schmunzelnd warf er mir einen Beutel zu. Mir liefen die Tränen über die Wangen, doch ich lächelte. Schluchzend stammelte ich ein „Danke!“
❖
Das kleine Café war hübsch eingerichtet. Schlicht, aber gemütlich. Wenn man zum Fenster hinausblickte, sah man direkt auf die Regent Street. Um diese Zeit war reger Betrieb. Die Lieferanten brachten mit ihren Lastwagen frisches Gemüse. Verträumt sass ich vor meiner heissen Schokolade. Fing der Tag nicht mit diesem süssen Getränk an, konnte man ihn sowieso schon vergessen. Plötzlich klatschte jemand mit seiner flachen Hand gegen die Scheibe. Durch den dumpfen Knall und die aus dem Nichts kommende Person, fuhr ich erschrocken zusammen. Ehe ich erkennen konnte, wer sich da einen Scherz mit mir erlaubt hatte, konnte ich niemanden mehr sehen. Obwohl ich mit dem Rücken zur Türe sass, wusste ich, dass jemand hereingekommen war. Jedoch weniger wegen meiner hellseherischen Fähigkeiten, als dem kühlen Windstoss, der meine Beine umstrich.
„Na, hast du wieder von irgendeinem Prinzen in schimmernder Rüstung geträumt, den es nicht gibt?“ Slany setzte sich schmunzelnd zu mir. Seine Haare standen in alle Richtungen von seinem Kopf ab. Dabei hatte er sich an diesem Morgen so viel Mühe gegeben, toll auszusehen. Dafür hatte sogar eine halbe Tube Haargel herhalten müssen. Ich konnte mir ein Lachen nur schwer verkneifen, als er sich mir stolz präsentierte. Der Nadelstreifenanzug und die zerzauste Frisur waren wie die Faust aufs Auge. Obwohl, in diesem Aufzug sah ihm wohl so manche Frau hinterher. Ich für meinen Teil mochte ihn sowohl in Anzug wie in Jeans und T-Shirt.
„Und, wie ist’s gelaufen?“ Ich wollte wissen, ob sich die Strapazen gelohnt hatten.
„Na was denkst du? Sie waren natürlich schwer beeindruckt von meinem eleganten Outfit!“ Demonstrierend stellte er seinen Kragen hoch und zog eine machohafte Grimasse. „Sie haben mir ’ne wirklich coole Bude zur Verfügung gestellt.“
„So, so, zur Verfügung gestellt“, äffte ich ihn nach.
„Ich muss doch üben“, verteidigte er sich. „Na, was ist, wollen wir unsere Behausung nun einweihen, oder hast du vor, den ganzen Tag hier zu verbringen?“ Ich schüttelte den Kopf und stand auf.
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Unser neues Zuhause konnte sich wirklich sehen lassen. Es war zwar nicht gerade ein Palast, aber die Tatsache, dass es sich um eine Dachwohnung handelte, machte die Minuspunkte allemal wett. Ich hatte immer schon von einer solchen Wohnung geträumt.
„Es ist richtig gemütlich hier, findest du nicht?“ Slany blickte sich glücklich in dem noch etwas spärlich eingerichteten Zimmer um.
„Wie wird es erst sein, wenn einmal Möbel drin stehen“, meinte ich mit einem leicht sarkastischen Unterton.
„Super wird das sein.“ Slany hatte noch nicht mitbekommen, dass ich ihn auf die Schippe nahm. Erst als er mein dümmliches Grinsen bemerkte, dämmerte es ihm.
„Ja, ja, mach nur weiter so… lachst du immer noch, wenn du draussen in der Kälte pennen darfst?“ Eins zu null für ihn. Manchmal veranstalten wir regelrechte Wettkämpfe, wer von uns mehr Tiefschläge austeilen konnte. Natürlich war das nie ernst gemeint. Zum momentanen Zeitpunkt hatte ich allerdings keine grosse Lust, mir weitere Gemeinheiten auszudenken. Ich hatte im Hotel, in dem wir unsere erste Nacht verbracht hatten, kein Auge zugetan. Dementsprechend müde war ich jetzt. In meinem Kopf hatte nur noch der Gedanke an ein Bett Platz. Doch da schien sich ein Problem anzubahnen, das im Grunde genommen gar keins war. Zumindest nicht, wenn es uns beide betraf. Da die Wohnung eigentlich nur eine Person beherbergen sollte, gab es logischerweise auch nur eine Schlafgelegenheit. Mir stand also eine etwas enge Nacht bevor. Ich seufzte und kroch unter die noch kalte Decke. Kurz darauf sprang Slany wie ein Verrückter auf die Matratze, so, dass ich alle Mühe hatte, nicht aus dem Bett zu fallen. Na toll, nun fing das Ganze schon wieder an. Slany war der Inbegriff eines aufgescheuchten
