Alles Spinner oder was? - Sarah Pohl - E-Book

Alles Spinner oder was? E-Book

Sarah Pohl

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Beschreibung

Wenn der Bruder oder die beste Freundin plötzlich an vermeintliche Verschwörungstheorien glauben, führt das oft zu Auseinandersetzungen und Beziehungskrisen. Viele haben das Gefühl, den anderen nicht mehr zu erreichen und gegen eine Wand zu reden. Konflikte in Familien, Partnerschaften oder Freundschaften spitzen sich zu und manchmal werden Kontakte sogar abgebrochen. Oft besteht auf beiden Seiten der Wunsch, den anderen von der eigenen Meinung oder vermeintlichen Wahrheit zu überzeugen. Wenn die innersten Überzeugungen angegriffen werden, lässt das keinen kalt. Dieses Buch vermittelt Strategien, wie Sie mit solchen Konfliktsituationen lösungsorientiert umgehen können. Es verhilft zu einem besseren Verständnis für diejenigen, die an Verschwörungsmythen glauben. Denn verstehen, weshalb jemand solchen Überzeugungen anhängt, ist ein erster Schritt, um diesem Menschen mit einer veränderten Haltung zu begegnen.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sarah Pohl/Isabella Dichtel

Alles Spinner oder was?

Wie Sie mit Verschwörungsgläubigen gelassener umgehen

Unter Mitarbeit von Caja Gröber

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, D-37073 GöttingenAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: AlessandroBiascioli/shutterstock.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99466-6

Inhalt

Vorwort

Keine Lust mehr auf zermürbende Streitereien oder anhaltende Funkstille? Hier sind Sie richtig!

Teil 1: Verschwörungsgläubige verstehen: Nützliche Hintergrundinformationen

Hinein in den begrifflichen Dschungel: Was sind Verschwörungstheorien eigentlich?

Nachgefragt: Wo hört Kritik auf und fängt Verschwörungstheorie an?

Jetzt wird’s grenzwertig: Verschwörungstheorien, Rechtsradikalismus und Esoterik

Alles Spinner oder was: Wer sind die »Verschwörungsgläubigen«?

Verstehen leichter gemacht: Wofür ist ein Verschwörungsglaube gut?

Die Kraft der Überzeugungen: Warum Sie das Gefühl haben, gegen eine Wand zu reden

Filterblasen und Echokammern: Verschwörungstheoretiker ist man selten allein

Phasen der Verschwörungsgläubigkeit: In welchem Stadium befindet sich der andere?

Der Blick in den Spiegel: Und wo stehe ich?

Teil 2: Mit Verschwörungsgläubigen umgehen: Ein Kompass

Eine Frage des Anliegens: Was treibt Sie um?

Eine Frage der Ziele: Was möchten Sie erreichen?

Eine Frage des Schauplatzes: Wo trifft Sie der Konflikt?

Eine Frage der Streitkultur: Wie Sie Konflikttypen und Konfliktmuster erkennen

Eine Frage der Perspektive: Jede Medaille hat zwei Seiten

Eine Frage der Dynamik: Wie Sie die Stufenleiter der Eskalation nach oben klettern – oder nicht

Eine Frage der Einordnung: Gibt es Schubladen für Verschwörungsgläubige?

Eine Frage der Haltung: Wie Sie mindestens die halbe Miete einfahren

Eine Frage der Grundsätze: Hat Meinungsfreiheit Grenzen?

Teil 3: Mit Verschwörungsgläubigen reden: Richtig streiten, argumentieren und deeskalieren

Miteinander streiten: Einige Praxistipps

Gewaltfreie Kommunikation: Die eigene Position vertreten, ohne andere zu verletzen

Wertekonflikte: Grundsatzdebatten aufweichen

Deeskalation: Die Kunst der Versöhnung

Lösungen finden: Einige Verhandlungsrezepte

Eine Frage kostet nichts: Ein Plädoyer für das Fragen

Überzeugen um jeden Preis? Zutaten für eine gelingende Diskussion

Fake News oder Verschwörungstheorien erkennen: Trainieren Sie Ihre Medienkompetenz

Konflikte als Veränderungs- und Wachstumschance wahrnehmen: Hier sind Sie richtig!

Buchempfehlungen

Literatur

Vorwort

»Um eine Kultur zu schaffen, genügt es nicht, mit dem Lineal auf die Finger zu klopfen.«Albert Camus

Gerade in turbulent wirkenden Zeiten wie diesen scheint das Zitat Albert Camus’ noch mehr als damals an Bedeutung zu gewinnen. Es ist wahrlich eine herausfordernde Situation, nicht nur für die Politik, sondern für jeden Einzelnen in der Gesellschaft! Solidarität, Verantwortung und vor allem Geduld sind nur ein Teil der Erwartungen, die an uns alle im Augenblick gestellt werden. Es genügt nicht, schlichtweg nur zu kritisieren. Vielmehr ist eine Kultur des konstruktiven Miteinanders das Ziel, deren Grundlage Aufklärung und Bildung sein sollte. Der Ratgeber soll zum hoch brisanten Thema der Verschwörungstheorien genau diesen wichtigen Beitrag leisten.

Er enthält Antworten auf die Fragen, die uns gerade jetzt unter den Fingernägeln brennen: Welche Anziehungskraft haben Verschwörungstheorien? Welche Bedeutung haben sie für unsere soziale Existenz? Wie bahnen sie ihren Weg ins Innere und wie bilden sie einen scheinbar stabilen und kaum aufzulösenden Charakter? Welche Rolle spielt dabei die Schule?

Zielsetzungen – Strategien – Konsequenzen: Dies sind zentrale Begriffe, die dieser Band auch vor dem Hintergrund der Entwicklungen in Zeiten einer Pandemie aufspannt, um die Leserinnen und Leser für das komplexe Thema und dessen Konfliktfelder zu sensibilisieren.

Ein gerade jetzt wichtig gewordener Ratgeber also, der die Menschen durch eine immer herausforderndere und unüberschaubarer werdende Welt begleitet und hilft, Handlungs- und Reflexionsräume zu schaffen, um nicht in dem Wirrwarr der Verschwörungstheorien verloren zu gehen.

Diese Herangehensweise ergänzt theoretische und praxisorientierte Ansätze, die den Rahmen einer ganzheitlichen Betrachtung des Themas öffnen. Gestützt auf tiefgehende praktische Erfahrungen aus der vom Kultusministerium geförderten Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg (ZEBRA/BW), bietet dieses Buch bedeutende Erkenntnisse aus der unmittelbaren Alltagsumgebung und damit Handlungsstrategien sowie psychologische Hintergründe in Bezug auf dieses komplexe Themenfeld an.

Im Fokus steht nicht die Beantwortung der Fragen, was für Verschwörungstheorien es gibt oder welche Argumentationen zu ihrer Entkräftung entgegengehalten werden können. Vielmehr ist das Anliegen dieses Ratgebers, praktischen Umgang mit Betroffenen auf der Basis kommunikationstheoretischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Methoden an die Hand zu geben, um sich im Sinne einer Prävention oder gegebenenfalls auch Intervention auf den Umgang mit Verschwörungstheoretikern einzulassen. Schlussendlich werden Aktions- und Interaktionsspielräume definiert, welche auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht die Handlungsfähigkeit des Einzelnen sichern.

Mir ist dieser dringend benötigte Ratgeber besonders wichtig. Er gibt den Leserinnen und Lesern ein Werkzeug an die Hand, welches zugleich eine Lösungsstrategie für die von Camus angesprochene Problematik bietet. Bildung schafft eine Kultur des Verständnisses und Miteinanders.

Ich möchte mich daher ausdrücklich bei den Autorinnen sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von ZEBRA/BW für diesen Beitrag und ihre geleistete sowie für ihre zukünftige Aufklärungs- und Beratungsarbeit bedanken.

Mirijam Wiedemann

Leiterin der Geschäftsstelle für gefährliche religiös-weltanschauliche Angebote beim Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Keine Lust mehr auf zermürbende Streitereien oder anhaltende Funkstille? Hier sind Sie richtig!

Wenn Menschen neue Weltanschauungen, Religionen oder Theorien für sich entdecken, dann kann dies gravierende Auswirkungen haben. Die Veränderung einer Gesinnung bedeutet für das Umfeld zumeist eine Herausforderung. Denn plötzlich ist das ehemals so vertraute Gegenüber wie ausgewechselt. Er oder sie redet nur noch von den neuen Theorien, versucht alle anderen davon zu überzeugen, wirkt glücklich, ja beinahe schon euphorisch. Das kann doch nicht »normal« sein!

Gerade in Zeiten von Corona geschieht dies immer häufiger. Unter Freunden, Kolleginnen oder in der Familie entstehen regelrechte Glaubenskriege. Auf der einen Seite haben sich die vermeintlichen Verschwörungstheoretiker und Verschwörungstheoretikerinnen in ihrem Schützengraben verschanzt, doch auch von der anderen Seite wird mit scharfer Munition geschossen. »Dummheit, Intoleranz, Faktenleugner, Demokratiefeindlichkeit, Antisemitismus, Herdenschaf, Lügenpresse, verdorbene Eliten, …« sind Projektile, die da hin und her fliegen. Mit dem Buch wollen wir uns auf dieses verminte Gelände wagen. Nicht um der einen oder anderen Seite Schützenhilfe zu leisten, sondern mit weißer Flagge in der Hand.

Ziel des Ratgebers ist es, Menschen dabei zu begleiten, ihre (familieninternen) Glaubenskriege und Wahrheitsfehden zu befrieden. Auch dann, wenn es nicht gelingt, den anderen von der eigenen Wahrheit zu überzeugen. Denn die Geschichte lehrt: Angriffe provozieren Gegenangriffe. Besonders dann, wenn die eigenen Überzeugungen infrage gestellt werden, reagieren Menschen recht empfindlich. Das Problem sind also nicht nur »die Verschwörungstheoretiker«, sondern eine auf beiden Seiten zunehmende Intoleranz, ein auf beiden Seiten zunehmendes Schwarz-Weiß-Denken und eine beidseitige Abwertungsspirale.

Beim Schreiben dieses Buches haben wir uns gefragt: Wenn Abwertung bereits mit stigmatisierenden und etikettierenden Begriffen wie »Verschwörungstheoretiker« beginnt, tragen wir dann nicht zu genau diesem Schubladendenken bei, wenn wir diesen Begriff aufgreifen? Mal abgesehen davon, dass er an sich unscharf ist und eigentlich der Sache gar nicht gerecht wird. Denn eine Theorie ist eine wissenschaftlich nachprüfbare Annahme – jedoch das, was wir umgangssprachlich als »Verschwörungstheorien« bezeichnen, ist zumeist nicht wissenschaftlich nachprüfbar (Nocun u. Lamberty, 2020, S. 20). Andererseits brauchen wir einen Namen für »Verschwörungstheoretiker«, bei dem Sie und wir wissen, wer gemeint ist. Einigen wir uns also auf folgenden Kompromiss: Wir erlauben uns, der Verständlichkeit halber von »Verschwörungstheoretikern« zu sprechen, meinen das aber weder abwertend noch geringschätzig, sondern beanspruchen, den Begriff wertneutral zu gebrauchen. (Sollte uns dies nicht gelingen, dürfen Sie uns vorwerfen, von den bösen Eliten indoktrinierte Autoren zu sein, und uns hasserfüllte Mails schicken.)

Hat man früher noch diese schrägen Vögel, die glaubten, Hitler logiere samt einem Geschwader Reichsflugscheiben in der hohlen Erde einfach nur belächelt, so erbrennen derzeit regelrechte Kleinkriege. Warum? Verschwörungstheorien sind doch nichts Neues, sollte man meinen. Nicht erst seit Corona gibt es sie. Einen Sündenbock in Krisenzeiten zu küren, ist normal.

Neu ist, dass sich solche Theorien, dem Internet sei Dank, rasant verbreiten. Neu ist auch die weltweit kollektive und unmittelbare Betroffenheit von einer Krise, wie derzeit bei Corona. Zwar sind wir auch alle von der Klimakrise betroffen, doch die Auswirkungen sind im Alltag längst nicht so spürbar wie bei Corona. Sind solche Theorien ein Problem? Nicht für diejenigen, die daran glauben. Denen geht es zunächst meist gut: Sie haben eine Gruppe Gleichgesinnter und das neue Weltbild verhilft zu Stabilität und reduziert Komplexität. Auf einmal ergibt alles einen Sinn und scheint damit wieder versteh- und kontrollierbarer. Einerseits reduzieren solche Theorien für deren Anhänger und Anhängerinnen schwer aushaltbare Probleme, andererseits schaffen sie neue Probleme, etwa für Freunde und Angehörige. Diese kann der Gesinnungswandel eines nahestehenden Menschen regelrecht in den Wahnsinn treiben. Ein normales Gespräch ist kaum mehr möglich, ständig dreht sich alles um diese verrückten Theorien, jede Diskussion endet im Streit …

Und wer ist schuld daran? Natürlich derjenige, der andersgläubig ist, sich partout nicht von Fakten überzeugen lassen will und glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ist das nun der Verschwörungstheoretiker oder der, der dieses stigmatisierende Etikett verhängt?

»Zu Verschwörungstheorien gehören mindestens zwei«, das ist eine Hypothese, welcher wir in diesem Buch folgen. Damit gehen wir gezielt weg von der Benennung eines Sündenbocks und möchten dazu einladen, beide Seiten gleichermaßen im Blick zu behalten. Die Seite derer, die neuerdings mit einem Q auf dem Shirt zu Demonstrationen gehen, und die Seite, die die »dummen Aluhütler« lächerlich macht. Beide Fraktionen verbindet so einiges, an vorderster Front zumeist ein Mangel an Toleranz für andere Weltbilder und Weltsichten sowie die Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein. Es verwundert also nicht, dass Verschwörungstheorien zu einem Kampfbegriff geworden sind. Dieser Kampf wird nicht nur in den Medien ausgetragen, sondern auch dort, wo sich andersgläubige und andersdenkende Menschen begegnen. Genauso wenig, wie es »die Lügenpresse« gibt, gibt es »die Verschwörungstheoretiker«.

Mit diesem Buch wollen wir dazu ermuntern, unsere Streit- und Diskussionskultur zu überdenken. Wir wollen praktische Strategien an die Hand geben, mit denen es gelingen kann, den Stellungskrieg zu beenden, wir wollen eine Lanze brechen für Menschen, die kritisch denken und Dinge hinterfragen. Gleichzeitig jedoch sollen auch Grenzen der Toleranz diskutiert werden. Dieser Ratgeber möchte Strategien vermitteln, um mit den Verschwörungstheoretikern in gutem Kontakt zu bleiben sowie Streitigkeiten zu deeskalieren, und dazu anregen, sich selbst und die eigene Sicht auf die Dinge zu hinterfragen. Ist wirklich alles so, wie es scheint? Oder gilt: »Nichts ist, wie es scheint« (Butter, 2018a)?

Im ersten Teil geht es darum, den inflationär missbrauchten Begriff der Verschwörungstheorie einzugrenzen: Wann wird eine Theorie eigentlich zur Verschwörungstheorie? Wo wird dieser Begriff unscharf und welche Gefahren birgt ein inflationärer Gebrauch dieses Begriffs? Was haben Verschwörungstheoretiker mit Psychotikern gemeinsam und was nicht? Und warum bieten Krisen einen guten Nährboden für solche Theorien? Ist es gefährlich, diesen Theorien zu verfallen, oder bieten Verschwörungstheorien womöglich auch Ressourcen, etwa zur psychischen Verarbeitung krisenhafter Zeiten?

Solchen und vielen weiteren Fragen soll auf den Grund gegangen werden. Allerdings nicht in der Ausführlichkeit, wie es andere Bücher zu dem Thema bereits mehrfach getan haben. Denn unser Schwerpunkt wird ein anderer sein. Bisher gibt es kaum Ratgeber und Ratschläge dazu, wie man nun eigentlich umgeht mit Verschwörungstheoretikern. Man weiß zwar eine Menge darüber, wie solche Theorien funktionieren und was das für Menschen sind, die an solche Theorien glauben, allerdings gibt es kaum Literatur, die sich mit der Frage beschäftigt, wie mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, umgegangen werden kann.

Wir haben es uns als staatlich geförderte Einrichtung (Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen BW) auf die (weißen) Fahnen geschrieben, Ratsuchende zu begleiten, die durch Verschwörungstheorien in Beziehungskrisen gestürzt werden. Deswegen legen wir im ersten Teil den Fokus gezielt auf psychologische Hintergründe zum besseren Verständnis von Verschwörungstheoretikern. Verschwörungstheoretiker sind immer die anderen. Keiner würde sich selbst so bezeichnen. Wir interessieren uns dafür, was das eigentlich für Menschen sind, die an Verschwörungstheorien glauben. Sind es, wie man vermuten würde, die schrulligen Nerds, gescheiterte Existenzen, Außenseiter, die zu »Superspreadern«1 werden, oder »ganz normale« Menschen wie Sie und Ich? Im Weiteren werden wir Hypothesen sammeln, die erklären, weshalb es für manche Menschen sinnvoll sein kann, sich einen Verschwörungsglauben zuzulegen. Wir wenden den Blick auf Ressourcen und das persönliche Potenzial, welches in solchen Theorien liegt. Und letztlich geht es auch um eine Diskussion über Toleranz und deren Grenzen. Wann lohnt es sich, den Mund aufzumachen, und wann sollte man besser schweigen?

Im zweiten Teil möchten wir Ihnen einen Einblick in unsere Arbeit in der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen (ZEBRA/BW) geben. Wie ergeht es Familien, Freunden und Paaren, wenn einer plötzlich zum Verschwörungsgläubigen wird? Wir zeigen anhand einiger Fallbeispiele Auswirkungen auf und diskutieren einzelfallbezogen Möglichkeiten zur Reaktion und Intervention. Was könnte man anders machen, damit es nicht ständig zu Streit kommt? Nicht immer ist es der beste Weg, sich über unterschiedliche Überzeugungen zu streiten. Doch auch Schweigen ist nicht immer Gold. Teil 2 soll vor allem dabei helfen, einen differenzierteren Blick zu entwickeln und nicht alle Verschwörungstheoretiker in einen Topf zu werfen. Außerdem möchten wir mit Ihnen evaluieren, in welchem Konfliktstadium Sie sich im Augenblick befinden: Ist das Kind (oder der Verschwörungstheoretiker) schon in den Brunnen gefallen, oder stehen Sie erst ganz am Anfang?

Auf jeden Fall werten wir es als ein gutes Zeichen, dass Sie sich diesen Ratgeber besorgt haben. Das zeigt Ihren guten Willen, es miteinander besser machen zu wollen. Statt alle Verschwörungstheoretiker und Verschwörungstheoretikerinnen in eine Schublade zu stecken, werden wir in diesem Kapitel viele verschiedene Schubladen öffnen, vielleicht finden Sie ja zum Beispiel heraus, dass »Ihr« Verschwörungstheoretiker in Wirklichkeit gar keiner ist, sondern nur ein »Fencesitter« (also jemand, der nur mit Verschwörungstheorien liebäugelt, sich jedoch noch nicht festgelegt hat). Letztlich wird es in diesem Teil auch um die Frage gehen, mit welcher Haltung Sie einander begegnen können. Denn manchmal kann eine veränderte Haltung mehr bewirken als jede weitere Intervention. Und das Praktische ist: Um die Haltung zu verändern, muss man gar nicht beim anderen ansetzen. Dies kann man ganz allein für sich machen und es bewirkt trotzdem viel Veränderung im zwischenmenschlichen Kontakt.

Der dritte Teil widmet sich praktischen Methoden, um die Kommunikation zu verbessern. Wir stellen Ihnen verschiedene Ansätze vor, die bei der Lösung von Konflikten hilfreich sein können. Sie dürfen sich hier herauspflücken, was Ihnen gefällt und entspricht. Ganz zum Schluss geben wir Antwort auf die Frage, wie es gelingen kann, einen Sturkopf von der eigenen Meinung abzubringen und für sich zu gewinnen. Dass dies nicht immer so einfach ist, haben Sie in den vielen Diskussionen mit »Ihrer Verschwörungstheoretikerin« sicherlich schon festgestellt. Und umgekehrt wird sie ebenfalls festgestellt haben, dass sie sich an Ihnen die Zähne ausgebissen hat.

Dieses Buch entspringt der Feder unterschiedlicher Autorinnen. Während Teil 1 und Teil 2 vorwiegend von Sarah Pohl geschrieben wurde, ist der dritte Teil ein Gemeinschaftswerk des ZEBRA/BWTeams. Isabella Dichtel bereichert Teil 3 durch ihren kommunikationstheoretischen Hintergrund und Caja Gröber bringt in den Abschnitten zu Fragen und Lösungen eine psychologische Perspektive mit ein. Und Sarah Pohl zeigt hier Strategien zum »Überzeugen um jeden Preis« sowie Ansätze zur Versöhnung auf, wenn es eben doch nicht so geklappt hat mit der manierlichen Diskussion. Die verschiedenen Blickwinkel und Betrachtungsarten werden Ihnen vielleicht beim Lesen des dritten Teils auffallen. Unser Ziel war es, Lösungsansätze und Interventionsstrategien aus verschiedenen Richtungen vorzuschlagen und anzubieten und dadurch Perspektiven zu weiten.

 

1Der Begriff wird in diesem Buch nicht in seiner viren-, sondern in seiner nachrichtenrelevanten Bedeutung verwendet.

Teil 1: Verschwörungsgläubige verstehen: Nützliche Hintergrundinformationen

Verständnis baut Vorurteile ab und sorgt für weniger Konflikte. Wenn es gelingt, zu verstehen, weshalb etwa der Vater oder die beste Freundin neuerdings diesen eigenartigen Theorien Glauben schenken, fällt es schwer, diese Personen zu verurteilen, zu verspotten oder sich darüber zu erheben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Theorien selbst verstanden werden müssen, sondern der Mensch und dessen Bedürfnisse. Wir setzen deswegen den Schwerpunkt zunächst gezielt auf psychologisches Hintergrundwissen zu Verschwörungstheorien und klammern historische, politische oder soziologische Aspekte weitestgehend aus. In unserem Literaturverzeichnis finden Sie jedoch eine reichhaltige Auswahl an entsprechender weiterführender Literatur.

Vermutlich kommt unsere Gesellschaft nicht mehr daran vorbei, sich Gedanken über einen anderen Umgang mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, zu machen. In repräsentativen Studien konnte gezeigt werden, dass Verschwörungstheorien hierzulande immerhin bei mehr als einem Drittel der Befragten auf Gehör stoßen (z. B. Roose, 2020). »Pointiert gesagt fürchten sich also momentan die einen vor Verschwörungen und die anderen vor Verschwörungstheorien« (Butter, 2018b). Vielleicht tragen die nachfolgenden Überlegungen dazu bei, die Furcht vor den Verschwörungstheorien etwas abzubauen und den Umgang miteinander positiv zu verändern.

Hinein in den begrifflichen Dschungel: Was sind Verschwörungstheorien eigentlich?

War die Mondlandung nur inszeniert? Ein großer Coup aus den amerikanischen Filmstudios? Und was ist mit 9/11? War es wirklich so, wie die Medien uns glauben machen wollen? Lebt der King of Rock ’n’ Roll (Elvis) möglicherweise noch? Stammt das HI-Virus (oder neuerdings das Coronavirus) aus einem geheimen Testlabor und wurde gezielt in Umlauf gebracht, um die Menschheit zu dezimieren?

Verschwörungstheorien gibt es viele. Wir wiederholen hier bewusst nicht allzu viele – denn leider ist es so, dass sich falsche Nachrichten manchmal im Gehirn verankern und man hinterher gar nicht mehr so genau weiß, was eigentlich stimmt und was nicht. Deswegen sollten falsche Nachrichten so wenig wie möglich wiederholt werden! Aber das nur am Rande.

Was unterscheidet bzw. verbindet Elvis, die gefakte Mondlandung und Coronamythen? Zunächst einmal haben all diese Theorien eine große Gemeinsamkeit: Die offizielle Version eines Ereignisses wird angezweifelt. Man unterstellt der Berichterstattung, den Medien, den Politikern, den Eliten oder wem auch immer, die arglose Bevölkerung bewusst und willentlich zu täuschen. Aber handelt es sich deshalb automatisch um eine Verschwörungstheorie, wenn die Wirklichkeit bzw. das, was uns als Wirklichkeit präsentiert wird, kritisch hinterfragt wird? Und die Sache mit Elvis hat nun wirklich wenig mit den Coronamythen unserer Zeit zu tun – oder etwa doch? Es ist also an der Zeit, etwas System und Ordnung in den begrifflichen Dschungel der Verschwörungstheorien zu bringen.

In den Topf geschaut: Zutaten für eine Verschwörungstheorie

Grundsätzlich ist nicht alles eine Verschwörungstheorie, was heutzutage in diesen Topf geworfen wird. Allerdings werden Systemkritiker, Zweiflerinnen und Skeptiker in jüngster Zeit häufiger mit dem Etikett »Verschwörungstheoretiker« gelabelt, obwohl deren Aussagen und Ansichten keinesfalls die notwenigen Ingredienzen für eine Verschwörungstheorie aufweisen. Was brauchen wir also, damit eine Theorie zur Verschwörungstheorie wird?

Man nehme:

–eine Gruppe von vermeintlichen Verschwörern (z. B. die Eliten, die Rothschilds, die Echsenmenschen, die Lügenpresse);

–ein Ereignis (gern etwas, das emotional erschüttert und die Gemüter bewegt – eine Krise eignet sich hervorragend –, es sollte möglichst ein Ereignis größeren Ausmaßes sein);

–eine Idee, mit welchem Ziel die vermeintlichen Verschwörer das Ereignis angezettelt haben (beliebte Ziele sind beispielsweise Gewinnmaximierung, Macht, politische Unterwanderung).

Dieses Ereignis wird nun als Produkt der Verschwörer deklariert. Dabei kann es sich um einen Flugzeugabsturz, den Autounfall einer berühmten Person oder die Verbreitung einer Krankheit handeln, Hauptsache, das Ereignis hat eine gewisse »Wichtigkeit« und fühlt sich kollektiv bedrohlich an (Nocun u. Lamberty, 2020, S. 16). Selbstverständlich agieren die Verschwörer im Geheimen. Keiner weiß davon (außer natürlich der Whistleblower). Damit die Glaubwürdigkeit erhöht wird, braucht man natürlich Beweise. Als Beweise eignet sich allerhand: Aussagen vermeintlicher Experten oder Expertinnen, angeblich strenggeheime Dokumente, Interviews von sogenannten Überläufern.

Damit diese Mixtur jedoch eine richtige Verschwörungstheorie wird, braucht es zudem eine klare Einteilung der Welt in Gut und Böse. Die Bösen sind selbstverständlich die Verschwörer. Diese haben unlautere Ziele, wie beispielsweise Machtgewinn, Weltherrschaft oder Kapitalzuwachs. Nun haben wir beinahe alle Zutaten für eine ordentliche Verschwörungstheorie. Wichtig ist es, keinesfalls den Zufall ins Spiel zu bringen. Ereignisse werden als absichtlich gesteuerte Ereignisse deklariert, die von demjenigen zu verantworten sind, dem diese nützen: Cui bono?! – also auf Deutsch: Wem (ist es) zum Vorteil, wer hat etwas davon?!

DO IT YOUR SELF!

Wenn Sie verstanden haben, wie eine Verschwörungstheorie aufgebaut ist, dann laden wir Sie ein, kreativ zu werden. Suchen Sie sich zwei Mitspieler. Nun erhält jeder einen Auftrag. Spielerin A notiert unterschiedliche potenzielle Verschwörer (die Reptiloiden, Katzen, Hutträger, Opelfahrer …). Spieler B sammelt eine Anzahl möglicher Ereignisse und Spielerin C darf Ideen und Ziele sammeln. Schreiben Sie diese auf Karteikarten. Nun ziehen Sie jeweils unterschiedliche Karten vom Stapel und kombinieren je nach Lust und Laune. So können Sie Ihre eigenen Verschwörungstheorien kreieren. Viel Spaß!

Nichts Ungewöhnliches: Verschwörungstheorien als Krisensymptom

Arndt2, 46 Jahre: »Los ging es mit Corona. Vorher war sie eigentlich ganz normal. Zumindest ist mir nichts aufgefallen. Gut, etwas esoterisch angehaucht war sie schon immer, machte Reiki, nahm an schamanischen Heilreisen teil. Und dann während Corona radikalisierte sie sich. Sie ließ keine Demo aus, reiste sogar extra nach Berlin. Sie sagte: ›Das Maß ist voll.‹ Wir dürften uns dies nicht mehr gefallen lassen. Sie trägt ein Shirt von QAnon.«

Blicken wir in die Geschichtsbücher, lässt sich feststellen: In Krisenzeiten ist es beinahe schon normal, einen Sündenbock zu benennen. Dieses Verhalten scheint ein kulturübergreifendes Phänomen, das offenbar auch der Stabilisierung von Gruppen und Kanalisierung von Gewalt dient (Girard u. Palaver, 2010). Waschinski (2020) greift in seinem Artikel über Sündenböcke in der Coronapandemie diese Überlegungen auf. In Zeiten der Pest waren Juden die Sündenböcke, Aids wurde als die »Homosexuellenseuche« bezeichnet. Schuldzuweisungen in Krisenzeiten sind also erst mal nichts Ungewöhnliches und tragen dazu bei, ein System zu stabilisieren, ändern jedoch weder etwas an der Pest noch an Aids – das eigentliche Problem bleibt also bestehen. Zusätzlich entstehen durch die Stigmatisierung der Sündenböcke neue Probleme. Und ebenso verheerend sind die Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene. Denn Schuldzuweisungen tragen dazu bei zu spalten. Alte Feindbilder werden bedient, neue entstehen, die Skepsis gegenüber den Eliten bzw. der Politik nimmt zu. Dies alles hat auf gesellschaftlicher Ebene keine stabilisierende, sondern eine fragmentierende Wirkung. Martenstein (2020) macht darauf aufmerksam, inwiefern derzeit Kritiker als Verrückte hingestellt werden und Opposition zur neuen Geisteskrankheit erklärt wird.

Oft werden solche Personen/Gruppen zum Sündenbock, die uns fremd sind und sich in diversen Merkmalen oder Überzeugungen von uns unterscheiden. In der Benennung eines Schuldigen kann sich also auch Angst vor Veränderung und Angst vor Fremden ausdrücken.

Gleich und doch nicht gleich: Klassifizierungsversuche

In der Tat: Die Verschwörungstheorien, welche sich um Elvis oder Lady Di ranken, haben eine andere Qualität als solche, welche ganze Systeme in den Fokus rücken. Butter (2018a) teilt Verschwörungstheorien folgendermaßen ein:

–Ereignisverschwörungstheorien: Einzelne Ereignisse – wie die Mondlandung, der Tod von Lady Di oder das Attentat auf John F. Kennedy – werden als Verschwörungsereignis interpretiert.

–Systemverschwörungstheorien: Es wird von Netzwerken aus Verschwörern ausgegangen, die illegitime Ziele verfolgen – wie etwa die Reptiloiden, die Juden.

–Supersystemverschwörungstheorien: Meist handelt es sich hier um ein Konglomerat aus vielen Ereignisverschwörungstheorien und Systemverschwörungstheorien. Alles wird miteinander in Verbindung gebracht.

Am Beispiel von Corona lässt sich die Vielfalt der bunten Blüten, welche Verschwörungstheorien derzeit treiben, gut veranschaulichen. So gibt es die ganz simplen Ereignisverschwörungstheorien, welche beispielsweise behaupten, das Virus sei auf das 5G-Netzwerk zurückzuführen oder bewusst gezüchtet worden zur Bevölkerungsdezimierung. Dann gibt es Theorien, welche in den Bereich der Systemverschwörungstheorien einzuordnen sind. Sie gehen beispielsweise davon aus, dass Big Pharma die Finger im Spiel haben muss, weil die ja von dem Virus profitiere, da Impfstoffe tonnenweise auf den Markt gebracht werden können (Cui bono?!). Die Supersystemverschwörungstheorien gehen hier noch einen Schritt weiter: Man glaubt ja bereits seit dem letzten US-Wahlkampf zu wissen, dass ominöse Eliten Kinder in Kellern gefangen halten, um aus deren Blut einen Stoff zu gewinnen, der high machen und verjüngend wirken soll. Diese Verschwörungstheorie wird nun auf die aktuelle Pandemie übertragen. Corona, so glauben QAnon-Anhänger, diene in Wirklichkeit dazu, abzulenken von einer gigantischen Befreiungsaktion der verschleppten Kinder, die da gerade im Hintergrund laufe.

DO IT YOUR SELF!

Kleine Übungsaufgabe: Sie können einmal versuchen, unterschiedliche Verschwörungstheorien, die Ihnen in nächster Zeit begegnen, unter dieser Dreiereinteilung zu betrachten. Wahrscheinlich werden Sie feststellen, dass die Grenzen fließend sind.

Die meisten Menschen, denen wir in unserer Beratungsarbeit begegnen, starten bei den Ereignisverschwörungstheorien und landen im ungünstigsten Fall irgendwann bei den Supersystemverschwörungstheorien. Es entsteht der Eindruck, dass Supersystemverschwörungstheorien, gerade auch durch Bewegungen wie QAnon, derzeit Hochkonjunktur haben. Auch Laufer (2020) stellt fest: »Die Dimensionen, die dieses Phänomen dieser Tage erreicht, sind für Deutschland neu. Ein Blick in die USA zeigt, welche gravierenden Folgen diese Entwicklung haben könnte. Im Netz verbreitete Verschwörungserzählungen haben dort bereits den Weg in den Mainstream gefunden, in Form von QAnon, einer Art Superverschwörungsmythos.«

Doch nicht nur Umfang und Qualität der Verschwörungstheorien können entsprechend klassifiziert werden. Eine weitere grundlegende Einteilung betrifft die Frage, wer eigentlich die Verschwörungstheorien verbreitet. Hierzulande entstehen die meisten Theorien derzeit innerhalb der Bevölkerung, also von unten. Dabei werden »die Eliten« oder »die Regierung« dafür verantwortlich gemacht, dass Dinge schieflaufen, wobei bewusste Manipulation unterstellt wird. Solche Verschwörungstheorien von unten schüren Argwohn und Ärger auf die Politik und können Gesellschaften spalten, nationalistische Tendenzen begünstigen und demokratische Strukturen aushöhlen.

Aber wenn wir uns genauer anschauen, wie derzeit andere Länder mit dem Coronavirus umgehen, was beispielsweise seitens diverser Politiker und Staatsoberhäupter an Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht wird, dann stellen wir fest: Es geht auch andersherum. Verschwörungstheorien können auch »von oben« entstehen und verbreitet werden. Dies bedeutet, dass die Regierung eines Landes eine Verschwörungstheorie zur offiziellen Meinung erhebt (ein trauriges Beispiel dafür ist das Hitler-Regime). Wenn Regierungen vermeintliche Sündenböcke benennen, hat das zumeist einen stabilisierenden Effekt auf das restliche Volk, man fühlt sich einander verbunden, die Verantwortung für das, was schiefläuft, wird nach außen delegiert (Butter, 2018a, S. 30 f.).

Was ist was? Echte Verschwörungen, Verschwörungsmythen und Verschwörungstheorien

»Gefährliche Wahrheiten werden gerne mal an den Katzentisch für Verschwörungstheorien gesetzt.«Thom Renzie (www.zitate.de)

Wie schon zu Beginn erwähnt, sind wir uns durchaus bewusst, wie irreführend der umgangssprachliche Begriff der Verschwörungstheorien ist. Ein zentrales Merkmal von Theorien ist schließlich deren wissenschaftliche Überprüfbarkeit, was gerade bei den meisten Verschwörungstheorien nicht der Fall ist.

Schaut man sich um, was andere Autoren tun, um diesem Dilemma zu entkommen, stellt man fest: Unterschiedliche Begrifflichkeiten sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Hier stellen wir Ihnen die gängigsten Begriffe vor und nehmen es gleich vorweg: Wir bleiben in dieser Veröffentlichung bei dem umgangssprachlichen (und nicht immer korrekten) Begriff der Verschwörungstheorien, ganz einfach deshalb, weil alle wissen, was damit gemeint ist, und wir keine weiteren Verwirrungen stiften wollen.

–Verschwörungshypothesen: Damit gemeint sind Verschwörungstheorien im wissenschaftstheoretischen Sinne. Verschwörungshypothesen kann man überprüfen und korrigieren bzw. gegebenenfalls verwerfen.

–Verschwörungsideologien: Wenn an einer Verschwörungstheorie trotz uneindeutiger oder negativer empirischer Belege festgehalten wird und ein absoluter Wahrheitsanspruch besteht, spricht man von Verschwörungsideologien.

–Verschwörungstheorien: Im umgangssprachlichen Gebrauch verwendet man diesen Begriff oft anstelle von Verschwörungsideologie.

–Verschwörungsmythos: Dabei handelt es sich um eine übersteigerte Verschwörungsideologie. Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg sieht den Unterschied zwischen Verschwörungsideologie und Verschwörungsmythos in der Gruppe der Verschwörer: Einmal handele es sich um eine real existierende Gruppe, im anderen Fall um eine fiktive Gruppe (Landeszentrale für politische Bildung BW, 2020)

–Verschwörungsgerüchte: Verschwörungsgerüchte sind die Vorstufe einer Verschwörungstheorie. Sie arbeiten mit Andeutungen und bleiben meist vage. Durch Verschwörungsgerüchte werden Zweifel gesät an offiziellen Versionen. Weil sie vage bleiben, ist eine Kritik oft schwer (Butter, 2018a, S. 140).

–Fake News: