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In "Alles wird ethisch" aus dem Kursbuch 176 bespricht Irmhild Saake die Funktion von Ethikkommissionen am Beispiel der Versorgung von Frühchen. Die Kommissionen nehmen den Mitarbeitern nicht die Argumentation ab, sondern wollen Raum bieten, um Gruppen wie Ärzten und Pflegekräften einen Austausch zu ermöglichen.
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Seitenzahl: 24
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Irmhild Saake
Alles wird ethisch
Gremienethik als neue Herrschaftskritik
Ethische Gremien stehen im Verdacht, Parkplätze für diejenigen Mitarbeiter zu sein, die – vielleicht wegen ihrer vielen guten Ideen – weggelobt werden. Die Legitimation von solchen Gremien ist oft ungeklärt und wird sogar bestritten – wie etwa im prominenten Fall des Deutschen Ethikrates, der als Nachfolgeinstitution des Nationalen Ethikrates eine politisch deutlich beschränkte Reichweite hat. Aber auch andere Versammlungen, Arbeitsgruppen und Komitees, die das Etikett »ethisch« tragen, gelten als Alibiveranstaltung. Sie machen Arbeit, stören ansonsten nicht und verschaffen allen ein gutes Gewissen. Außerdem schaffen sie Arbeitsplätze für Philosophen und Theologen, in deren Hände man gerne die Moderation der Sitzungen gibt.
Das sind alles zynische Beschreibungen, die aber nicht erklären können, warum überall solche ethischen Gremien entstehen und auch alle sie für plausibel halten. Julian Nida-Rümelin hat einmal ein Modell zur Selbstkontrolle der Wissenschaft entworfen, bei dem auf allen institutionellen Ebenen Ethikgremien etabliert werden sollten.1 Krankenhäuser haben heute Ethikkomitees, Ethikkonzile oder Ethikkommissionen. In Wirtschaftsorganisationen gibt es eine Corporate Social Responsibility, und je mehr mit Menschen und am Menschen gearbeitet wird, desto plausibler findet man es, wenn man sich auch ethisch über die Arbeit verständigen kann.
Hinter diesem Etikett verbirgt sich aber mehr als nur eine Gelegenheit, um über problematische Themen zu reden. Es ist nämlich gar nicht so leicht, mit allen an einem Problem Beteiligten zu reden. Die dafür Zuständigen finden sich oft in verschiedenen Statusgruppen wieder, in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und mit Ausbildungswegen, die nur wenig Berührungspunkte füreinander bieten. Wie kann es da gelingen, eine gemeinsame Ethik zu schaffen? Was ist überhaupt eine Ethik?
Ethik als Herrschaftskritik
Was die Ethik als ein so schwieriges Thema erscheinen lässt, ist ihre Abstraktheit. Max Weber hat eigentlich in seiner Theorie der Rationalisierung vor allem darüber geschrieben, wie sich nach und nach eine Tradition des begrifflichen Denkens entwickelt, die sich nur noch auf sich selbst und nicht mehr auf den verlorenen Sohn bezieht, über den sich der Gott des Neuen Testaments noch freuen konnte wie ein »Weib über den wiedergefundenen Groschen«2. Es geht bei diesem neuen »System« des Denkens nicht mehr um die magischen Momente, aus denen heraus sich die ersten Ideen des Wirkens einer jenseitigen Macht entwickeln konnten: Wenn der falsche Baum gefällt wird, rächen sich die Geister und man wird zur Strafe vom Unglück verfolgt. Solche konkreten Zusammenhänge gibt es in der Ethik nicht mehr, weil das Alltagsgeschehen sich so nicht berechnen lässt. Das kann jeder Anhänger einer magischen Weltsicht an sich selbst erleben: Man ist unter der Leiter durchgegangen und hat doch kein Unglück gehabt.
