Allmende 115 – Zeitschrift für Literatur -  - E-Book

Allmende 115 – Zeitschrift für Literatur E-Book

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Beschreibung

Vieles hatte man erwartet. Doch seit dem erneuten Amtsantritt von Donald Trump am 20. Januar 2025 als US-Präsident verdüstert sich die Weltlage täglich, ungläubig verfolgt man die Nachrichten. Geradezu modellhaft wird in den USA die Demokratie sukzessive liquidiert, die Autokraten formieren sich – ein Prozess, der ebenso in Europa aufscheint und auch in Deutschland bereits fortschreitet. Dies wird durch die Wahlergebnisse in den Ländern und im Bund manifestiert und durch die sprachliche Aufrüstung deutlich gemacht. Was bedeutet das für die Kultur, wie können wir reagieren auf das „Rollback“? Wir wollen danach fragen, ob und wie diese Krise, auch angesichts des beschleunigten Antisemitismus und Rassismus, der Angriff auf die Diversität das künstlerische Bewusstsein verändert und wie die Kulturinstitutionen darauf reagieren können. Die „allmende – Zeitschrift für Literatur“, von einer Gruppe süddeutscher Schriftsteller und Kulturschaffender gegründet, darunter Martin Walser und Adolf Muschg, besteht seit 1981. Sie erscheint zweimal jährlich und beschäftigt sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen. 2003 übernahm die Literarische Gesellschaft Karlsruhe unter Federführung von Hansgeorg Schmidt-Bergmann die Herausgeberschaft, um die Zeitschrift zu erhalten. Internet: www.allmende-online.de

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2025

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EDITORIAL

Literaturhäuser ermöglichen Debatten jenseits medialeer Schnellschüsse, schaffen Aufmerksamkeit für Minderheitsperspektiven und historische Tiefenschärfe. Wer diese Institutionen schwächt, schwächt das kulturelle Gedächtnis – und damit die Fähigkeit zur Selbstkritik.

Benjamin-Immanuel Hoff

Vieles hatte man erwartet. Doch mit dem erneuten Amtsantritt von Donald Trump am 20. Januar 2025 als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika verdüstert sich die Weltlage täglich – und der brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine geht unvermindert weiter. Fast ungläubig verfolgt man die Nachrichten, Trumps Annäherung an Putin, nicht nur zu Lasten der Ukraine, die dauernden Drohungen an Kanada, Grönland, Panama, die Zollverordnungen als Schritte zum Handelskrieg, die Attacken gegen Europa und die NATO. Dazu die täglichen Meldungen aus den USA, die Geschwindigkeit der Gleichschaltung von Gerichten, Presse, Universitäten, Museen und die Verschärfung der Migration- und Einwanderungspolitik. Fast schon modellhaft werden die politischen, sozialen und kulturellen Institutionen sukzessive demontiert. Die Autokraten formieren sich nicht allein in den USA, sondern global gegen die demokratischen Lebensformen. Das hat Auswirkungen auch auf die europäische und die deutsche gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz – seit dem 6. Mai 2025 im Amt – hat den Ernst der Lage für die Demokratie in der Bundesrepublik offensichtlich nicht erkannt. Die AfD ist zu einem politischen Machtfaktor geworden und die erste Regierungsbeteiligung der Rechtsextremen in einem Bundesland ist absehbar. Die Neue Rechte ist ideologisch auf dem Vormarsch und nutzt die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten äußerst geschickt. Der Antisemitismus, der allgemeine Rassismus, die Unterhöhlung demokratischer Institutionen, Ressentiment, Hass und Militarisierung gehören zum Alltag. Aufklärung tut not, doch gerade den kulturellen Institutionen werden augenblicklich die finanziellen Mittel gekürzt und das im großen Maßstab. Mit der politischen und finanziellen Krise geht eine radikale Kürzung der Mittel für die Kultur in den Kommunen, Ländern und auch vom Bund einher Diese Kürzungen – bis zu 10 Prozent pro Jahr sind keine Ausnahmen – werden dazu führen, dass das kulturelle Leben in den nächsten Jahren ärmer werden wird. Die viel beschworene Notwendigkeit der Bildungsarbeit, gerade auch der außerschulischen, wird nur noch eingeschränkt möglich sein. Schon die Bewahrung und Vermittlung kulturellen Erbes in den Museen, Gedenkstätten, Theatern und Orchestern steht in Frage. Unter Druck stehen auch die öffentlichen Medien, kulturelle Sendeplätze werden weiter reduziert, Nachrichtenformate wie Phoenix sind bedroht, Tagezeitungen werden buchstäblich immer dünner, Verlage reduzieren ihr Programm. Das alles hat Folgen, nicht allein für das gesellschaftliche Bewusstsein, sondern die demokratische Öffentlichkeit.

Wir fragen danach, ob und wie diese Krise, auch angesichts des beschleunigten Antisemitismus und Rassismus und der Angriff auf die Diversität und die emanzipatorischen Farben des Regenbogens das künstlerische Bewusstsein verändert und wie die Kulturinstitutionen darauf reagieren können.

Ein großer Dank gilt allen BeiträgerInnen. Mit ihren Texten und Graphiken nehmen sie Stellung und unterstützen unsere Zeitschrift, die sich seit ihrer Gründung als ein Diskursforum für Demokratie und Aufklärung versteht.

Matthias Walz

Hansgeorg Schmidt-Bergmann

allmende Nr. 115

Juli 2025 · 46. Jahr

Herausgegeben von Hansgeorg Schmidt-Bergmann im Auftrag der Literarischen Gesellschaft, Karlsruhe

Redaktion

Hansgeorg Schmidt-Bergmann

Judith Samp

Matthias Walz

Literarische Gesellschaft

PrinzMaxPalais · Karlstr. 10

76133 Karlsruhe

Telefon: +49 (0) 72 196 498 835

[email protected]

www.literaturmuseum.de

Verlag

mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH

Bernburger Str. 2

06108 Halle (Saale)

Telefon: +49 (0) 345 233 22-0

Telefax: +49 (0) 345 233 22-66

[email protected]

www.mitteldeutscherverlag.de

Gesamtherstellung

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Bezug & Abo

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Eine Kündigung ist innerhalb eines Vierteljahres nach Lieferung des letzten Heftes möglich.

Preise

Einzelbezug 12,00 €/12,40 € (A)/16,80 sFr

Abobezug 10,00 €/10,80 € (A)/14,70 sFr

epub 9,49 € / 9,80 € (A) / 13,30 sFr

allmende erscheint 2 × jährlich

Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der Zustimmung des Verlages.

Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte

übernehmen wir keine Gewähr.

ISSN 0720-3098

Einzelbezug: ISBN 978-3-68948-019-6

Abobezug: ISBN 978-3-68948-020-2

epub: ISBN 978-3-68948-021-9

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und US-Präsident Donald Trump im Wortgefecht vor laufenden Kameras im Weißen Haus © picture alliance / Consolidated News Photos | Jim LoScalzo – Pool via CNP

Benjamin-Immanuel Hoff: © privat

“Wo bleibt die Kunst?” © Julia Bernhard

Ulrike Draesner: © Mellie Wang

“Game Over”: © Julia Bernhard

Nino Haratischwili: © G2 Baraniak

Daniela Danz: © Matthias Eckert

“Wer hat Angst vor der Mehrheitsgesellschaft?”: © Julia Bernhard

Luca Kieser: © Ina Aydogan

Slata Roschal: © Ksenia Laevskaia

Lea Streisand: © Stephan Pramme

“Familie”: © Julia Bernhard

Katharina Bendixen: © Gert Mothes

Dana von Suffrin: © Kyrill Constantinides

“Heteronormativität”: © Julia Bernhard

Sasha Marianna Salzmann: © Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag

Simon Strauß: © privat

“Sticker überall”: © Julia Bernhard

Martin Piekar: © privat

Romina Nikolic: © Sprachsalz-Yves Noi

Gert Loschütz: © Bogenberger / autorenfotos.com / Schöffling & Co. Verlag

Kurt Proedel: © Julia Sellmann

Marlen Hobrack, Jean Radvanyi und Enrique Winter: © Adrian Kasnitz

Alhierd Bacharevic: © Julia Cimafiejeva

Daniela Seel: © Dirk Skiba / Suhrkamp Verlag Nora Schramm: © Stefanie Kulisch

Daniel Kehlmann: © Heike Steinweg Dehnel Jacek: © Emilian Snarski

Lisa Kränzler: © Nane Diehl Ronya Othmann: © Paula Winkler

Abbas Khider: © Peter-Andreas Hassiepen Frank Witzel: © Maja Bechert

Jonas Lüscher: © Peter-Andreas Hassiepen Iris Wolff: © Maximilian Gödecke

Julia Bernhard: © Stephan Dingens

Dank für die großzügige Unterstützung durch die Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe und Prof. Dr. Matthias Siegmann

WO BLEIBT DIE KULTUR?

Hansgeorg Schmidt-Bergmann Matthias Walz Judith Samp

Editorial

Benjamin-Immanuel Hoff

„Land of Hope and Dreams“ – Kunst als Gegenfaktum in autoritären Zeiten

Julia Bernhard

Wo bleibt die Kunst?

Ulrike Draesner

6 Fragen – 6 Antworten

Julia Bernhard

Game Over

Nino Haratischwili

6 Fragen – 6 Antworten

Daniela Danz

MariupolKurze Geschichte der Kondensstreifen

Julia Bernhard

Wer hat Angst vor der Mehrheitsgesellschaft?

Luca Kieser

Privilegien eines Pink Elephant

Slata Roschal

Künstlerbedarf

Lea Streisand

noch nie so pleite

Julia Bernhard

Familie

Katharina Bendixen

Fallschule

Dana von Suffrin

„Meine Protagonisten sind neurotisch“ oder„Der jüdische Blick auf die Welt“

Julia Bernhard

Heteronormativität

Sasha Salzmann

6 Fragen – 6 Antworten

Simon Strauß

6 Fragen – 6 Antworten

Julia Bernhard

Sticker überall

Martin Piekar

Die unsichtbare Hand und wir: Wer unterliegt wem?

Romina Nicolic

Stay in your lane

kurzform

 

Essays, Interviews

BENJAMIN-IMMANUEL HOFF

„Land of Hope and Dreams“ – Kunst als Gegenfaktum in autoritären Zeiten

Am Vorabend des 4. Juli 2025, dem 249. Unabhängigkeitstag der USA, endete Bruce Springsteens „Land of Hope and Dreams“-Europatour. Während die Tour von Manchester bis Mailand lief, ließen in Washington die republikanischen Abgeordneten im Kongress und Repräsentantenhaus bis auf vereinzelte Ausnahmen das „One Big Beautiful Bill“ passieren. Es untersetzt auf 900 Seiten die Trump-Agenda finanziell.

Im Juni war der demokratische Senator Alex Padilla, Sohn mexikanischer Einwanderer, bei einer Pressekonferenz der Heimatschutzministerin Kristi Noem rabiat abgeführt und medienwirksam am Boden liegend von Bundesbeamten mit Handschellen gefesselt worden. Nur wenige Tage später wurden die demokratische Abgeordnete Melissa Hortman, die dem Parlament von Minnesota angehörte, und ihr Ehemann Mark erschossen. Derselbe Täter hatte zuvor den demokratischen Senator aus dem Parlament des Bundesstaats, John Hoffman, und dessen Ehefrau Yvette niedergeschossen und schwer verletzt.

Die konservative Mehrheit im Supreme Court hebelte parallel zu diesen Vorgängen die juristische Blockade verfassungswidriger Gesetze durch Bundesrichter aus und untergrub damit ein weiteres Mal die Checks-and-Balances der US-Demokratie. „In gleich mehreren Entscheidungen übernahm der Supreme Court die Trump’sche Rhetorik, dass Bundesgerichte, die Bundesrecht gegenüber der Regierung durchsetzen, irgendwie illegitim seien. Nicht das rechtswidrige Verhalten der Exekutive bedrohe demnach die Verfassung, sondern die Entscheidungen der Gerichte, die die Exekutive dabei einschränken“, kommentierte Leah Litman, Professorin an der Michigan Law School auf dem Verfassungsblog. Sie fügte hinzu: die Entscheidungen des Supreme Court „ergehen in einem politischen Klima, in dem eine Regierung immer mehr Macht beansprucht und zugleich dagegen ankämpft, dass die Exekutive dem Recht unterworfen ist und Bundesgerichte dieses Recht auch gegenüber der Exekutive durchsetzen dürfen.“1

Angesichts dieser Entwicklungen war die „Land of Hope and Dreams“-Tour Springsteens persönlicher Beitrag zu den „No Kings“-Protesten, an denen laut den Veranstaltern mehr als fünf Millionen Menschen in rund 2100 Städten teilgenommen hatten: „The mighty E Street Band is here tonight to call upon the righteous power of art, of music, of rock and roll in dangerous times“.

Zwischen den Songs kritisierte der Künstler die Trump-Administration in scharfen Ton und ließ seine Kritik auf den großen Leinwänden neben der Bühne in die jeweiligen Landessprachen der Tournee-Auftritte übertragen. Auf seinem Netzwerk „Truth Social“ verfasste Präsident Trump daraufhin mehrere zusammenhanglose Tiraden, in denen er dem Musiker mehr oder weniger verhohlen drohte, für den Zeitraum, an dem dieser wieder in die USA zurückkehren sollte.

Springsteen sprach auf der Bühne in Manchester einen bemerkenswerten Satz: „The America that I’ve sung to you about for 50 years is real“. Dieses Amerika, das er besingt ist ein Land der Hoffnung, der Würde, der Solidarität. In der Aussage, dass dieses Amerika real sei, wird die Realität als Möglichkeit verhandelt, nicht als Status quo. Es ist die utopisch überschießende Vorstellung eines Amerika, das (noch) nicht vollständig eingelöst, aber dennoch real ist, weil es gelebt, verteidigt und imaginiert wird.

Im Status Quo entmachtet die Erosion der „checks and balances“ die demokratischen Institutionen – nicht nur durch juristische Entscheidungen, sondern durch Erzähldeutung. Wenn der republikanisch dominierte Kongress, das Weiße Haus, Justiz- und andere Ministerien nicht mehr auf Wahrheit, sondern auf Tribalisierung setzen, dann werden die Institutionen zu Hüllen, nicht zu Bollwerken der Demokratie.

Dagegen stehen die Kathedralen des Wissens mit dem Normativ der Wahrheit und die Kunst als Ort der Re-Realität: Theater, Literatur oder Musik können alternative Wirklichkeiten imaginieren – nicht im Sinne der Unwahrheit sogenannter alternativer Fakten, sondern des Gegenentwurfs zur systematisierten Lüge. Deshalb stehen sie unter Druck und sind im Visier sowohl der Trump-Administration als auch des MAGA-Netzwerks.

Wie die rechte MAGA-Bewegung die autoritäre Transformation gesellschaftspolitisch flankiert, lässt sich an #bookban ablesen. Der Hashtag in den sozialen Netzwerken macht auf die grassierenden Buchverbote in den öffentlichen und schulischen Bibliotheken aufmerksam. PEN America dokumentierte nach eigenen Angaben2 seit 2021 fast 16.000 Buchverbote an öffentlichen Schulen in den USA – eine Zahl, wie sie zuletzt während der antikommunistischen McCarthy-Ära der 1950er-Jahre erreicht wurde. Diese Zensur wird von konservativen Gruppen betrieben und hat sich auf nahezu alle Bundesstaaten ausgebreitet. Entgegen dem öffentlichen Eindruck, dass es sich bei den Bestrebungen, Bücher aus öffentlichen Bibliotheken und dem Lehrkanon zu selektieren, um Initiativen aufgebrachter Eltern oder Einzelpersonen handeln würde, kamen Recherchen zu dem Ergebnis, dass es sich um das organisierte Vorgehen rechtskonservativer und religiöser Organisationen handelt. Gerichtet ist es vor allem gegen Bücher über Rassismus, People of Color sowie LGBTQ+-Themen – aber auch gegen Werke für ältere Leser:innen, die sexuelle Inhalte oder sexualisierte Gewalt thematisieren. Allein im Schuljahr 2023/2024 stellte PEN America mehr als 10.000 Buchverbote fest, die über 4.000 unterschiedliche Titel betrafen.

Wie Johannes von Moltke und Susanne Komfort-Hein nachweisen, geht es der US-amerikanischen Neuen Rechten im umkämpften Feld der Kinder- und Jugendliteratur darum, „die oft prägenden Lektüreerfahrungen junger Leser:innen frühzeitig in die Bahnen zu lenken, die für eine spätere konservative, nationalpatriotische und oft christliche Ausrichtung sorgen und gegen die Auseinandersetzung mit Differenz, mit Multikulturalität, mit Empathie oder auch mit ‚difficult histories‘ immunisieren“3, während für Erwachsene diesseits und jenseits des Atlantiks, neurechte Verlage, Zeitschriften, Bücher, Blogs, Podcasts und Videos literarische Texte publizieren, Lektürehinweise geben und Literaturkritik betreiben.

„Literatur und Lektüre [gehören] auf beiden Seiten des Atlantiks wesentlich zum Instrumentarium neurechter ‚Metapolitik‘“4 bilanzieren von Moltke und Komfort-Hein in der Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, die sich in Heft 4/2024 dem Schwerpunkt „Neurechte Literatur und Literaturpolitik“ widmete und damit den Scheinwerfer auf ein bislang vernachlässigtes Beobachtungsfeld neurechter Einflussnahme richtete.

Erneut deutlich wird, dass die globale Neue Rechte nicht vordergründig auf den Coup d’État für die autoritäre Transformation fokussiert. Vielmehr folgt sie – im Sinne Alain de Benoist’s 1985 erstmals publizierter und seither immer wieder neu verlegter Schrift „Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite“ – der Überzeugung, dass politische Mehrheiten nur auf dem Umweg über kulturelle Hegemonie stabil zu erreichen sind.

Gramsci formulierte seinerzeit in den „Gefängnisheften“: „Hegemonie ist Überzeugung gepanzert mit Zwang“ und betonte, dass moderne, westliche Gesellschaften nicht auf bloße Gewalt oder autoritären Zwang angewiesen sind, sondern Herrschaft insbesondere durch eine Kombination aus kultureller Zustimmung (Hegemonie) und latentem (oder offenem) staatlichem Zwang ausgeübt wird.

In diesem Sinne untergraben gegenwärtige autoritäre Regime staatliche Institutionen, Medien und Wissenschaft gezielt von innen – begleitet von einer kulturkämpferischen Erzählung, die den „Volkswillen“ gegen „Eliten“, „Woke Culture“ und „Deep State“ stellt. Die Überzeugung wird über digitale Narrative, christlich-nationalistische Symbolik und eine fiktionale Umdeutung der Geschichte verbreitet. Der Zwang äußert sich in der systematischen Erosion von Checks and Balances und der Beschränkung von Handlungsmöglichkeiten der tatsächlichen oder einer potenziellen Opposition.