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Wunderbare Geschichten, bei denen uns auch ein kleiner Schauer über den Rücken laufen kann. Das Leben fließt mit all seinen Veränderungen. Diese Alltagsminiaturen sind Momentaufnahmen einer Gedankenwelt, die wir zu kennen glauben, wenn wir genau in uns hineinhören. Kleine Exkursionen in Innere Welten mit feinem Humor.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Wunderbare Geschichten, bei denen uns auch ein kleiner Schauer über den Rücken laufen kann.
Das Leben fließt mit all seinen Veränderungen
Diese Alltagsminiaturen sind Momentaufnahmen einer Gedankenwelt, die wir zu kennen glauben, wenn wir genau in uns hineinhören.
Kleine Exkursionen in „Innere Welten“ mit feinem Humor.
Tom Witkowski (Hrsg.)
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Umstehende sahen verwundert auf den Mann, der, ohne erkennbaren Grund, sich am Fuß der Treppe plötzlich auf die Knie niederließ und begann, den Boden abzutasten, Handbreit für Handbreit, wie auf der Suche nach dem Lichtschalter im nachtdunklen Zimmer. Die Drei am Aufzug verfolgten sein Tun, bis sich die Tür hinter ihnen schloss. Neben der Treppe hatte er Rucksack und Sturzhelm abgelegt. Stoßweise kamen die Mitarbeiter aus den Büros herab, in Grüppchen zumeist, manche einzeln, es war Mittagspause. „Was verloren“, antwortete er im Hochblicken, wenn jemand fragte und machte mit der Hand eine entschuldigende Geste, weil er als Hindernis im Weg kniete und die scharweise Herabkommenden sich an ihm vorbei teilen mussten. Mitunter blieb einer stehen, bot an zu helfen. Dann hielt er inne und verneinte kopfschüttelnd.
„Danke, ich hab’s gleich.“
Bisweilen machte er auf der untersten Stufe Pause, schaute in der leeren Eingangshalle umher und setzte das Tasten am Boden fort, sobald er wieder eine Gruppe die Treppen herabkommen hörte. Er spürte am Vibrieren des Bodens den Aufzug näherkommen, die Fahrt verlangsamte sich, er hielt, dann schwang die Tür zurück, eine einzelne junge Frau, sein Alter vielleicht, verließ ihn. Aus den Augenwinkeln verfolgte er, wie sie sich näherte. Hinterher hätte sie nicht sagen können, warum sie auf den jungen Mann am Boden zugegangen war, denn der Weg zum Ausgang führte nicht an ihm vorbei. Jetzt stand sie neben ihm, trat aber sogleich einen Schritt zurück, sobald sie seinen verstohlenen Blick gewahrte, wie er an ihren Beinen hoch glitt, kurz verweilte an der Stelle, wo sie in dem gelben Rock verschwanden, dann weiter aufwärts, und schließlich suchten seine Augen ihre. Es war unbehaglich, als berührten und begutachteten Hände sie überall, und sie konnte sich dem nicht entziehen. Ihre Augen trafen sich, und sogleich verzog er sein Gesicht zu einem schelmischen Grinsen. Die wortlose Stille wurde ihr unangenehm, daher fragte sie:
„Suchen Sie was?“
„Kontaktlinse rausgefallen.“
„Oh, hier auf dem Marmor, das wird schwierig sein.“
Sie ließ sich auf die Fersen nieder und presste die Knie zusammen.
Vorüberkommende verfolgten belustigt das Tun der Beiden, wie sie mit den Handflächen vorsichtig den Boden abtasteten. Bisweilen fiel eine launige Bemerkung. Der junge Mann rutschte auf den Knien über die Fliesen, die Frau setzte nach Art der Gänse einen Fuß vor den anderen.
„Das ist aussichtslos hier auf dem gesprenkelten Untergrund“, sagte sie nach wenigen Augenblicken und machte sich daran aufzustehen. Im selben Moment rief er „Hier!“ Triumphierend balancierte er das winzige Stück Plastik auf der Spitze seines Zeigefingers, und damit sie es auch wirklich sähe, hielt er es ihr unter die Nase.
„Sie haben mir Glück gebracht, Prinzessin.“
Und wieder hatte sein Lächeln dieses Schalkhafte.
„Ich wär ganz schön aufgeschmissen gewesen. Ohne bin ich fast blind.“
„Wie ein Nacktmull“, setzte er im Aufstehen hinzu. Sein lautes Lachen erfüllte die Halle. Nacktmull kannte sie nicht, wollte auch nicht fragen, da ihr das Wort unanständig erschien. Warum sonst lachte er so? Sein ein-dringlicher Blick machte sie verlegen, wie er versuchte, seine Augen in ihren zu versenken, dann ging das Lachen in Lächeln über und an seinen Wangen entstanden Grübchen. Verschämt wendete sie sich ab.
„Ich trag auch Linsen“, sagte sie, und es klang verwundert. „Mir ist noch nie eine rausgefallen, wie ist das passiert, ausgerechnet hier?“
Augenscheinlich hatte er die Frage nicht gehört.
„Danke fürs Mitsuchen, Prinzessin.“
Während er sich nach Helm und Rucksack bückte, strich sie den Rock glatt, und wie selbstverständlich begleitete er sie zum Ausgang.
„Was ist mit der Linse?“ fragte sie.
Er klopfte auf seine Hosentasche. Sie hatte wahrgenommen, wie er sie achtlos hineingesteckt hatte.
„Erst sauber machen.“
Zufällig hatten sie denselben Weg.
Richtig wohl fühlte sie sich nicht in seiner Begleitung. Er wirkte auf sie etwas heruntergekommen, nein, vielleicht das nicht, aber ungepflegt, ein bisschen schlampig. Sie selbst und die Menschen aus ihrer Umgebung legten Wert auf eine ansprechende Erscheinung, schon ihr Beruf erforderte es. Aber er lachte so schön, und erst sein Lächeln! Das hatte es ihr an-getan, schon beim ersten Sehen. Auf den Wangen entstanden Grübchen und Fältchen seitlich der Augen. Und er sagte spaßige Sachen mit einer Stimme wie die des Tagesschausprechers, den sie verehrte.
„Hier gehe ich mittags meistens hin“, sagte sie und blieb an der Tür des Thai stehen.
„Das trifft sich. Da wollte ich auch gerade rein, für thailändisch lasse ich jede Currywurst stehen.“
Höflich hielt er die Tür auf.
„Nach Ihnen, Gnädigste.“
Die Mittagspause war viel zu kurz, und über dem angeregten Plaudern wurde das Essen kalt. Wiederholt griff sie zur Serviette und fing die Lach-tränen ab, bevor sie die Wangen hinab liefen. Selten hatte sie jemand so witzig unterhalten. Was, wenn sie in der Abteilung anrief, eine Migräne vorgab und den Nachmittag mit ihrem neuen Bekannten verbrachte? Undenkbar!
„Kein Käffchen, Madame?“
Sie war bereits aufgestanden.
Am nächsten Mittag sah sie durch die Glastür des Restaurants seinen Rücken, die abgeschabte Lederjacke und neben ihm Rucksack und Sturzhelm, vor ihm ein Tässchen.
„Was für ein Zufall!“
Im Nu hatte er den Nebenstuhl freigeräumt, doch sie zog den Platz ihm gegenüber vor, so konnte sie sein Lächeln sehen.
„Ich hab Sie noch nie hier gesehen“, sagte sie im Ton einer Frage.
„Harald, Prinzessin“, sagte er und reichte ihr die Hand über den Tisch.
Sein Griff war schmerzhaft. Er ließ nicht los, sie spürte die rissige Haut und sah die bräunlichen Fingernägel. Schmutzig waren sie.
„Simone.“
Sie zog die Hand zurück.
„Ich hab dich noch nie hier gesehen, Harald.“
„Hab grad in der Gegend zu tun.“
„Verstehe, und was machst du so?“
„General Purpose Manager.“
„Nie gehört, das klingt wichtig, was ist das?“
„Ich mach dies und das, alles Mögliche.“
Als hätten sie sich gerade erst gesetzt, war die halbe Stunde Mittagspause verflogen.
„Ich muss wieder. Hast du noch länger hier zu tun?“ fragte sie im Aufstehen.
„Hängt davon ab.“
Simone ließ sich die Enttäuschung nicht anmerken. Konnte er nicht ein-fach ja sagen, sie hatte darauf gehofft. Hängt davon ab.
Mit „Also dann, mach’s gut“ verließ sie das Lokal.
Am nächsten Mittag klopfte ihr Herz mit jedem Schritt schneller, bis sie um die Ecke bog und in das Innere des Restaurants sehen konnte. Da war er wieder! Sie hatte es sich so gewünscht. Auf demselben Platz, neben ihm Sturzhelm und Rucksack, die Lederjacke hatte sie sogleich erkannt. Auch tags darauf, dann wieder und alle folgenden Tage das gleiche Bild, wie er da saß, eine kleine Tasse vor sich und auf dem Nebenstuhl seine Aus-rüstung. Wieder sagte er „Prinzessin“, so hatte sie niemand genannt. Alle bemerkten die Veränderung. Es war, als hätte Simones gleichförmiger Tagesablauf bunte Tupfen bekommen, Sie kleidete sich adrett wie eh und je, schminkte sich dezent wie immer, duftete Tag für Tag nach demselben Parfum und trug die gleiche Frisur, und doch strahlte sie etwas aus, das keiner benennen konnte, etwas Neues
„Simone ist irgendwie anders, habt ihr das auch bemerkt?“
„Das ist die Aura.“
„Ich glaube, das hängt mit dem Typen zusammen, den sie jetzt jeden Mittag trifft.“
„Wie heißt der nochmal?“
„Hat sie nicht gesagt, Heinz? Heißt der nicht Heinz oder so?“
„Kennt den Eine von euch?“
„Ich hab den das erste Mal da unten in der Halle gesehen, als er auf dem Boden rumgekrochen ist.“
„Mir kommt der komisch vor, also ganz geheuer ist er mir nicht.“
„Was du hast, ich finde, der tut ihr gut.“
„Aber der passt doch überhaupt nicht zu ihr.“
„Ich find ihn auch strange.“
„Eklig, die Tätowierungen am Hals.“
„Ja, Mensch, habt ihr den Löwenkopf am Arm gesehen?“
„Tattoos haben jetzt alle, guck doch die Fußballer an! Du hast doch auch so ein Arschgeweih.“
„Das Goldkettchen am Handgelenk, wie der Bundeskanzler damals.“
„Wie ein Zuhälter.“
„Fehlt nur noch die Rolex.“
„Und ein Kampfhund.“
„Was für ‘n Auto gehört eigentlich zu so einem?“
„Mein Nachbar hat mal gesagt, jeder, der ein größeres Auto fährt als er, ist ein Zuhälter.“
„Simones Typ fährt Motorrad.“
„Ihr habt abwegige Gedanken. Aber ungepflegt sieht er schon aus, oder?“
„Ich finde, der lacht schön.“
„Aber die Haare sind ätzend!“
„Ob die so riechen, wie sie aussehen?“
„Und erst die Fingernägel!“
„Der hat was mit Simone gemacht, die hat so was Positives jetzt.“
Alle nickten beifällig.
„Ihre Aura stimmt.“
„Du mit deiner Aura!“
„Ich finde sie jetzt richtig charmant“, fügte eine hinzu.
„Tolle Frau geworden, find ich auch“, sagte der Kollege, der im Vorbeigehen einen Gesprächsfetzen mitbekam und jetzt im Türrahmen lehnte.
„Schleich dich, Ede, das ist nicht dein Thema.“
Die der Tür am nächsten saß, warf sie zu.
Den Grund ihrer Veränderung sahen sie weiterhin täglich beim Mittagessen, und eines Abends erwartete er sie am Ausgang.
„Zwei Helme?“ fragte Simone. Sie kannte die Antwort bereits und fürchtete sich vor ihr. Er hielt ihr einen hin.
„Heute fahr ich dich mit dem Moped nach Hause. Mal probieren, ob er passt.“
„Nicht hier, ich will nicht, dass die das sehen. Meine Kolleginnen reden schon.“
Der Helm hatte Kratzer, viele Kratzer. Nicht nur der Helm, alles an Harald sah gebraucht aus. Die Jacke war an manchen Stellen rau und ohne Farbe. Sonst trug er schwarze abgewetzte Schnürstiefel, heute abgerissene Turnschuhe, an den Spitzen waren sie fadenscheinig. Das karierte Holzfällerhemd mochte sie nicht. Simone deutete fragend auf ein Loch am Ärmel der Jacke.
„Die beschissene Nordschleife auf dem Nürburgring. Mit zweihundert hat‘s mich aus der Kurve gefetzt, Moped kaputt, sonst nix passiert.“
„Aus deinen Schuhen gucken bald die großen Zehen raus.“
„Sneakers sind das, geile Laufschuhe, die trag ich meistens. Einen Haufen Bimbes hab ich dafür gelöhnt. Ja, bisschen dünn das Gewebe. Aber solange sie halten.“
„Bimbes?“
„Kennst du nicht? Kohle, Asche, Knete.“
Simone erschrak, als er sie zu dem Ungetüm am Straßenrand zog und hoffte, es wäre nicht seins.
„Ich denke, du fährst Moped.“
„So sagen wir unter Bikern.“
„Ich hab Angst.“
„Komm Prinzessin, stell dich nicht so an.“
Die riesige schwarze Maschine machte ihr Herz klopfen, die Hände wurden feucht, und sie konnte sich nicht vorstellen da hochzuklettern.
„Ich hab noch nie auf einem Motorrad gesessen.“
„Das erste Mal ist immer das erste Mal. Nullo Problemo, ich helf dir.“
„Du fährst aber nicht schnell!“
„Keine Sorge, schön langsam.“
Warum traute sie ihm nicht?
„Wieso hast du immer die Sonnenbrille oben auf dem Kopf, noch nie hab ich sie auf deiner Nase gesehen.“
Simone wollte Zeit gewinnen, vielleicht gelang es ihr, die Herausforderung abzuwenden.
„Die ist ja ganz verschmiert von deinen Haaren. Da siehst du ja gar nichts mehr durch.“
„Hör mal gut zu, Kleines, du hast an meinen Schuhen was auszusetzen und an meiner Kutte, jetzt noch die Brille. Was ich anzieh, wie ich ausseh, das geht keine Sau was an.“
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken.“
Wortlos klappte er die Brille zusammen und steckte sie vorn in sein Hemd. Sonst sagte er immer „Prinzessin“, jetzt „Kleines“, und wieso in diesem schroffen Ton? Hatte er Grund, die Stirn zu runzeln und mürrisch dreinzuschauen? Doch als wäre ein Gewitter dem Sonnenschein gewichen, setzte er sein gewinnendes Lächeln auf.
„Hast du schon mal einen Helm aufgehabt, Comtesse?“
Er strich ihr die Haare aus der Stirn, hielt mit einer Hand sanft ihren Kopf und stülpte behutsam den Sturzhelm darüber. Wie zart er sein konnte.
„Passt doch!“
Immer noch tat sie, als lehnte sie sich auf, doch innerlich hatte sie den Widerstand aufgegeben. Wie viele mochten schon vor ihr den Helm getragen haben? War das eingetrocknete Spucke, nach der er innen roch? Galant reichte er ihr die Hand, stellte ihren Fuß auf die Raste und stützte sie, als sie das andere Bein über die Sitzbank schwang. Anders ging es nicht, sie spreizte die Knie und rückte sich zurecht.
„Fürs erste Mal stellst du dich ganz geschickt an“, sagte er lachend mit einem Blick auf das, was der hochgerutschte Rock preisgab. Dieses Lob war eine Lüge, das wusste sie. Zum Glück sah sie keiner unter dem Helm erröten. Wo sollte sie sich jetzt festhalten? Das Motorrad hatte nirgends einen Handgriff. Sie scheute die Berührung seines Körpers und krallte die Finger in das Leder seiner Jacke, nachdem er vor ihr saß und der Motor unter ihr orgelte.
„Hier gehören die Hände hin.“
Harald löste ihren Griff und legte ihre Arme um seinen Bauch.
„Sonst fällst du runter.“
Er zog das Gas auf, ließ die Kupplung kommen und das Vorderrad stieg hoch. Ihren Aufschrei hatte er erwartet und drehte sich lachend um.
„Gut festhalten!“
„Nicht so schnell“, schrie sie, als er auf die Autobahn bog und der Fahrtwind an ihr zerrte. Aber wie sollte er das hören. Es half auch nicht, dass sie auf seinen Rücken schlug. Sie fror, das war die Angst, und als sie an ihm vorbei die Tachoanzeige auf 160, 170, immer höher klettern sah, schloss Simone die Augen und ergab sich. Sie war ihm ausgeliefert. Wenn sie stürzten, wenn sie auf ein Auto knallten, dann wäre es eben so. Sie wollte es nicht sehen, schmiegte sich dicht an ihn und presste den Kopf gegen seinen Rücken. So riss der Wind nicht mehr an ihr und sie überließ sich Haralds Nähe und Wärme, hörte das Rauschen des Windes, das Dröhnen des Motors, spürte die entfesselte Kraft der Maschine und die Angst schwand. Tief unten im Bauch ein unbekanntes wohliges Kribbeln, gewiss war es das Brummen des Motors. Enger noch schmiegte sie sich an ihn. Wie Harald das mächtige Motorrad beherrschte! Sie fühlte sich sicher.
„Na, Hose voll, Madame?“ fragte er grinsend, als sie mit zittrigen Beinen abstieg. Warum diese Häme?
„Sprich nicht so! Du hast mir versichert, nicht so schnell zu fahren. Schön langsam, hast du gesagt.“
„Du musst noch viel lernen.“
Simone schwieg. Nein, nicht sie, er würde von ihr lernen. Sie würde ihm beibringen, sich zu benehmen. Dass er nicht beim Essen schmatzte, nicht rülpste. Oft fand sie sein Sprechen ordinär, das würde sie ihm abgewöhnen. Und ordentlich kleiden müsste er sich. Und dass er besser roch, auch dafür würde sie sorgen. Jawohl, wenn er selbst nicht auf sich hielt, würde sie es für ihn tun. Und er sollte nicht mehr rauchen.
„Pass auf, so macht man das.“
Harald öffnete die blaue Flasche. Er hatte sie mitsamt ein paar Zitronen aus seiner Jackentasche gezogen und auf den Tisch vor Simones rotem Sofa gestellt. Simone besaß keine Schnapsgläser, also goss er den Tequila in zwei Eierbecher, halbierte eine Zitrone und streute Salz auf seine Hand, in die Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger, kippte den Schnaps in einem Schluck hinunter und biss in die Zitrone. Dann goss er sich nach.
„So, jetzt zusammen.“
Sein Arm um ihre Schulter hielt sie fest; so konnte sie nicht flüchten. Seine raue Hand ergriff ihre und seine eklige Zunge beleckte die Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger. Angewidert empörte sie sich wortlos.
„So hält das Salz besser.“
Er ließ den Tequila in den Becher gluckern.
„Erst ablecken, dann austrinken, dann die Zitrone.“
Wiewohl sie wusste, dass er gleich aufbrausen würde, drehte sie den Kopf weg. Sie hasste das scharfe Zeug.
„Ich mach’s dir nochmal vor, dann du.“
Voller Verachtung ertrug sie das Beißen auf der Zunge und wenn es wie Feuer hinunter rann und Tränen in die Augen trieb.
„Schatz, wir müssen alles gemeinsam machen. Ich liebe dich unsäglich, das weißt du.“
Warum hörte sich das so falsch an?
Und doch machte sie alles mit, ihm zuliebe, denn sie wollte an seine Liebe glauben. Ihm zuliebe ging sie mit, wenn er Poker spielte. Immer spielten sie um Geld, viel Geld. Simone staunte, welche Scheine Harald aus seiner Jacke zog. Wie die Karten heißen, wie das Setzen geht, die Strategie, dass man bluffen muss und selbst mit einem schlechten Blatt den Pot gewinnen kann. Und dann musste sie spielen.
„Bring ein paar Riesen mit“, trug er ihr auf und meinte die grünen Geldscheine. Eines Abends sprang er wütend auf, warf die Karten hin und herrschte sie an:
„Gar nichts hast du kapiert! Geht das nicht in deinen Kopf, dass du mit einem Full House auf der Hand nicht aussteigst?“
