Alpengold 304 - Heimatroman - Hanni Birkmoser - E-Book

Alpengold 304 - Heimatroman E-Book

Hanni Birkmoser

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Beschreibung

Geliebt, verdächtigt und gemieden Als der Bruder sein Glück zerstörte Von Hanni Birkmoser Mit versteinerter Miene nimmt Herbert Hambacher das Urteil des Richters zur Kenntnis. Er wird aus Mangel an Beweisen von dem Vorwurf freigesprochen, seinen Bruder Bernd in den Eisbach gestoßen und getötet zu haben. Nun ist Herbert zwar wieder ein freier Mann, doch nach dem Freispruch zweiter Klasse für immer mit einem Makel behaftet. Als er nach langen Wochen der Untersuchungshaft in sein Dorf zurückkehrt, begegnen ihm überall nur feindselige Blicke. Für die Dörfler ist er noch immer der Mörder seines Bruders. Und dann trifft den jungen Burschen noch ein Schlag, der jede Hoffnung auf einen Neuanfang zerstört: Marlene, das Madl, das er über alles liebt, sagt sich von ihm los ...

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Seitenzahl: 133

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Inhalt

Cover

Impressum

Geliebt, verdächtigt und gemieden

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: wernerimages / iStockphoto

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 9-783-7325-8447-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Geliebt, verdächtigt und gemieden

Als der Bruder sein Glück zerstörte

Von Hanni Birkmoser

Mit versteinerter Miene nimmt Herbert Hambacher das Urteil des Richters zur Kenntnis. Er wird aus Mangel an Beweisen von dem Vorwurf freigesprochen, seinen Bruder Bernd in den Eisbach gestoßen und getötet zu haben. Nun ist Herbert zwar wieder ein freier Mann, doch nach dem Freispruch zweiter Klasse für immer mit einem Makel behaftet.

Als er nach langen Wochen der Untersuchungshaft in sein Dorf zurückkehrt, begegnen ihm überall nur feindselige Blicke. Für die Dörfler ist er noch immer der Mörder seines Bruders. Und dann trifft den jungen Burschen noch ein Schlag, der jede Hoffnung auf einen Neuanfang zerstört: Marlene, das Madl, das er über alles liebt, sagt sich von ihm los …

Herbert, der junge Bauer vom Hambacherhof, saß seit Stunden in der dunklen Küche und wartete. Als er jetzt Stimmen auf der Straße hörte, stand er auf und trat ans Fenster.

Im Schein der Straßenlaterne konnte er die jungen Burschen sehen, die langsam dahinschlenderten und immer wieder stehen blieben, um in lautes Gelächter auszubrechen. Am lautesten und wildesten gebärdete sich wieder einmal sein Bruder Bernd. Er war der Anführer der Gruppe, die Nacht für Nacht im Gasthof saß und trank.

Jetzt blieb Bernd leicht schwankend stehen. Unter lautem Gelächter verabschiedete er sich von den Freunden und kam dann auf die Haustür zu.

Herbert hörte ihn vor sich hin lallen. Wahrscheinlich fand er den Hausschlüssel nicht, der wie gewöhnlich in einem Mauervorsprung lag.

Er verließ die Küche, um dem Bruder zu öffnen. Bernd riss erstaunt die Augen auf, als er den Bruder zu so später Stunde noch wach vorfand.

„Du spielst wohl den Aufpasser“, spottete er und wollte an dem Bruder vorbei. Doch der hielt ihn mit einem eisernen Griff am Arm fest.

„Ich hab auf dich gewartet, weil ich mit dir reden muss“, sagte er.

Noch immer lag das spöttische Lächeln auf dem Gesicht des Bruders. Er war gut einen Kopf kleiner als Herbert und glich in seinem Äußeren ganz der verstorbenen Mutter.

„Das kannst du morgen auch noch! Heute ist mir wirklich net nach einer Strafpredigt zumute“, meinte Bernd und wollte seinen Arm befreien. Doch der Bruder stieß ihn wortlos durch die offene Küchentür.

„Setz dich“, herrschte er ihn an, und Bernd gehorchte tatsächlich. „Heute warst du zum letzten Mal im Gasthaus“, sagte Herbert und setzte sich dem Bruder gegenüber, „morgen wirst du dich nach einem Arbeitsplatz umsehen.“

Das Lachen verschwand von Bernds Lippen, seine Augen wurden schmal.

„Das werde ich net tun. Net, solange ich noch Geld aus meinem Erbteil hab. Und du hast kein Recht, es mir vorzuenthalten. Oder reicht es dir noch net, dass du den Hof und alles geerbt hast, obwohl du der Jüngere von uns beiden bist? Von Rechts wegen gehört alles mir, verstehst du?“ Er hatte seine Hände zu Fäusten geballt.

„Wir haben beide nichts mehr, Bernd! Ich hab heute unseren Hof verkauft. Nur damit konnte ich unseren Namen in Ehren halten und die Schulden bezahlen, die du gemacht hast.“

Eine Stecknadel hätte man fallen hören können in der schwach beleuchteten Küche. Bernd saß auf der Bank und war mit einem Schlag nüchtern geworden.

„Das ist net wahr, du willst mir nur wieder drohen“, stieß er hervor.

„Ein Jahr ist der Vater nun tot, und ein Jahr hast du gebraucht, um alles zu zerstören. Nicht nur dein Erbteil, sondern auch den Hof, den der Vater mir überschrieben hat. Ja, ich bin der Jüngere, und alles hätte von Rechts wegen dir zugestanden. Aber hast du dir jemals Mühe gegeben, den Vater davon zu überzeugen, dass der Hof in deinen Händen gut aufgehoben wäre? Du hast gespielt und getrunken, schon zu seinen Lebzeiten. Und während wir auf dem Feld geschuftet haben, hast du in deiner Kammer gelegen und geschlafen.“

Bernd wollte etwas einwerfen, aber Herbert fuhr unbeirrt fort.

„Darum hat der Vater sein Testament geändert und mir überschrieben, was eigentlich dir gehören sollte. Er hat dir eine Chance gegeben und dir dein Erbteil ausbezahlt. Es war genug, um ein neues Leben anzufangen. Aber was hast du gemacht? Schulden und immer wieder nur Schulden! Wie oft hab ich dich gewarnt und dich beschworen, dich zu ändern? Es war alles umsonst! Nun stehen wir beide vor dem Nichts. Um den Namen des Vaters net in den Schmutz ziehen zu lassen, hab ich den Hof heute verkauft. Der Erlös war gerade so hoch, dass ich deine Schuldscheine bezahlen konnte.“

Bernds untersetzte Gestalt war in sich zusammengesunken. Was der Bruder da sagte, wollte immer noch nicht so recht in seinen Kopf.

„Alles kann doch net fort sein! Du willst mir was unterschlagen“, schrie er plötzlich den Bruder an, und es sah aus, als wolle er sich auf Herbert stürzen. Doch der blieb unerschrocken stehen.

„Komm zu dir“, forderte er mit harter Stimme. „Wie soll ich dir etwas unterschlagen können, wenn ich selbst nix mehr habe? Dort drüben auf dem Tisch liegen deine Schuldscheine. Zähl die Summe zusammen!“

Bernds Blicke gingen hinüber zum Tisch. Die Scheine kannte er. Der Bruder musste sie tatsächlich aufgekauft haben. Mit hängenden Armen stand er vor ihm. Dann kam ihm plötzlich ein Gedanke. Er schlug dem Jüngeren auf die Schulter.

„Dann bist du jetzt nimmer der Bauer vom Hambacherhof! Dann bist du frei wie ich. Bruder, was gibt es Schöneres? Wir werden zusammen in die Welt hinausziehen und uns frischen Wind um die Ohren wehen lassen. Aus diesem windigen Dorf sind wir niemals hinausgekommen.“

Ein vernichtender Blick aus den Augen des Bruders traf ihn.

„Dieses windige Dorf, wie du sagst, ist meine Heimat. Und ich liebe sie über alles. Geh du, wohin du willst, uns beide hat eh nie viel miteinander verbunden.“

Er wandte sich ab. Das aufgedunsene Gesicht des Bruders und die Schuldscheine auf dem Tisch – er konnte beides nicht mehr ertragen. Allein wollte er sein und die furchtbaren Stunden des heutigen Tages vergessen.

Der Schimmelbauer aus Saalfelden hatte seinen Hof gekauft, und den Glanz in seinen Augen hatte er wohl bemerkt. Unter Preis hatte er ihn verkaufen müssen, weil die Gläubiger des Bruders ungeduldig geworden waren. Und der Bauer hatte zu schätzen gewusst, welch gutes Geschäft er gemacht hatte.

Zwar war der Hambacherhof bei Weitem nicht der schönste und wohlhabendste Besitz im Dorf, aber die Felder waren gut, und im Stall stand stattliches Vieh. Eine Woche blieb ihm noch Zeit, sich nach einem neuen Zuhause umzusehen. In einer Woche kam der Schimmelbauer mit seiner Familie als neuer Bauer auf den Hof.

Herbert hatte sich in seiner Kammer auf das Bett gesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben. Seine Augen waren feucht geworden. Wenn er an den baldigen Abschied dachte, schien es sein Innerstes auseinanderzusprengen.

Ohnmächtiger Zorn auf den Bruder erfüllte ihn. Sie hatten sich niemals gut verstanden, aber jetzt war eine Kluft zwischen ihnen, die nie mehr überwunden werden konnte.

Er sprang auf. Unten hatte er die Haustür ins Schloss fallen hören. Weit beugte er sich aus dem Fenster, konnte unten aber nur eine dunkle Gestalt erkennen, die hastig über die Wiesen davonging.

„Bernd“, rief er mit halblauter Stimme, um das Gesinde nicht zu wecken. Doch der Mann war schon in der Dunkelheit verschwunden.

Herbert lief in die Kammer des Bruders. Dort drinnen sah es aus, als hätten Einbrecher da gehaust. Die Schranktüren standen offen, Kleidungsstücke lagen verstreut auf dem Boden. Bernd musste in aller Eile ein paar Sachen zusammengesucht haben.

Dann war er gegangen, ohne Abschied, ohne ein erklärendes Wort.

***

Das Verschwinden des Hambacher-Bernd fiel zunächst in dem kleinen Dorf nicht auf. Dass der junge Bursche – im Gegensatz zu seinem Bruder – nicht viel taugte, wusste jeder. Des Öfteren schon war er für einige Zeit verschwunden gewesen und hatte von dem Geld gelebt, das sein Vater ihm hinterlassen hatte.

Als aber bekannt wurde, dass Herbert seinen Hof verkauft hatte, da wurde man hellhörig. Was war geschehen auf dem alten Hof? Hatten sich die beiden Brüder gestritten? Es war kein Geheimnis, dass sie sich nie gut verstanden hatten.

Herbert rief das Gesinde zusammen. Es tat ihm weh, ihnen allen, die ihm und dem Vater gedient hatten, Lebewohl sagen zu müssen.

„Der Schimmelbauer übernimmt euch alle bei gleichem Lohn“, sagte er, „das hab ich beim Verkauf zur Bedingung gemacht. Keiner von euch soll seinen Arbeitsplatz verlieren.“

Der alte Seppl, der schon bei seinem Großvater als junger Knecht gearbeitet hatte, sah ihn bestürzt an.

„Wie hast du das übers Herz bringen können, Herbert? Du bist doch Bauer mit Leib und Seele!“

Herbert umarmte den alten Mann, und die Tränen schnürten ihm die Kehle zu.

„Der Himmel weiß, was es mich gekostet hat“, gab er leise zurück.

„Der Bruder ist schuld, gell?“, fragte der alte Seppl.

Herbert war versucht, dem alten Mann, der ihm seit seiner Kindheit vertraut war, sein Herz auszuschütten. Aber die bittere Wahrheit würde den Seppl nur belasten und ihm das Herz schwer machen. Und helfen konnte ihm niemand mehr.

„Dass ich den Hof niemals aus freien Stücken hergegeben hätte, das musst du wissen“, sagte der junge Bauer, und der alte Mann nickte schweigend. Da gab es etwas, das der junge Bauer nicht sagen wollte, und er konnte es verstehen.

Schwer legte sich die Hand des Knechts auf seine Schulter, und die wasserhellen Augen blickten ihn durchdringend an.

„Wo willst du denn hingehen, Herbert, wenn der neue Besitzer erst da ist? Wenn du willst, komm ich mit dir. Ich kann mich nimmer an einen neuen Herrn gewöhnen, jetzt, wo ich auf die siebzig zugehe.“

Herbert schüttelte den Kopf.

„Einen alten Baum soll man nimmer verpflanzen, Seppl! Und der Hambacherhof ist deine Heimat seit fünfzig Jahren. So gern ich dich mitnehmen tät, ich weiß ja selber noch net, wohin. Für die erste Zeit geh ich hinauf auf unsere Alm. Sie ist mir geblieben, der einzige Unterschlupf, den ich noch hab.“

„Dort oben ist kein Platz für zwei, und den Winter in der zugigen Hütte würde ich nimmer überleben“, sinnierte der Alte an seiner Seite.

Die nächsten Tage ging der Bauer seiner Arbeit nach, als wäre nichts geschehen. Und das Gesinde bewunderte ihn.

Wie schwer es ihm fiel, die Haltung zu bewahren, konnte keiner ahnen. Und niemand wusste auch um die vielen schlaflosen Nächte, die er oben in seiner Kammer verbrachte. Lange Nächte, in denen er nachgrübelte, warum alles so gekommen war. War er zu nachgiebig gewesen mit dem Bruder, hatte er ihn zu wenig ermahnt? Hätte er ihn hinauswerfen sollen aus dem Elternhaus und nicht mehr geradestehen für das, was er getan hatte?

Von Bernd war in diesen Tagen keine Nachricht gekommen. Herbert war nicht traurig darüber. Die Anwesenheit des Bruders, der Schuld an dem Unglück war, hätte alles noch viel schlimmer gemacht.

Noch einen schweren Gang hatte Herbert vor sich. Er musste dem Mädchen, dem sein Herz gehörte, die Wahrheit gestehen. Vielleicht war ihr schon etwas durch den Dorfklatsch zu Ohren gekommen. Kein Geheimnis mehr war es, dass der Hambacherhof nicht mehr ihm gehörte. Und Marlene, das Mädchen, das er heiraten wollte, sollte es aus seinem Munde erfahren. Sie kam nur immer am Wochenende heim, weil sie eine Wirtschaftsschule drüben in Lofer besuchte.

Für gewöhnlich holte er sie jeden Samstag am Bus ab und schloss sie überglücklich in seine Arme. Noch dieses Jahr war die Hochzeit geplant, aber jetzt, wo seine Zukunft ungewiss war, würden sie diese Heirat hinausschieben müssen. Würde Marlene es verstehen und vor allen Dingen ihr Vater, der Bürgermeister? Einem Habenichts würde er seine Tochter nicht geben wollen. Einem Mann, der außer einer windigen Almhütte keinen Besitz mehr hatte.

Er beschloss, das Mädchen im Bürgermeisterhaus zu besuchen. Dort konnten sie ungestört miteinander sprechen.

Marlene Schwaiger war ein bildhübsches Mädchen. Sie war das einzige Kind des Bürgermeisters von Maria Alm und der ganze Stolz des Vaters. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und hatte auch nachgegeben, als sie ihm gestanden hatte, den Herbert vom Hambacherhof heiraten zu wollen.

Er hatte nichts gegen den fleißigen, gut aussehenden jungen Bauern, aber viel lieber wäre es ihm gewesen, seine Marlene hätte ihm einen wohlhabenderen Schwiegersohn gebracht. Der Hambacherhof gehörte zu den Durchschnittshöfen, und außerdem war da der Bernd, der so gar nicht in eine anständige Familie passte.

Nun war es bereits im ganzen Dorf bekannt, dass Herbert seinen Hof hatte verkaufen müssen. Die Sache sah jetzt natürlich anders aus. Ein Bauer ohne Hof kam für seine Tochter nicht infrage. Der Bürgermeister hatte sich vorgenommen, den Herbert der Marlene auszureden.

An diesem Wochenende war sie wieder da, strahlend und lebensfroh, und fiel dem geliebten Vater um den Hals.

„Herbert hat mich net am Bus abgeholt. Ist etwas geschehen?“ Ihre großen Augen blickten den Vater fragend an.

Es war noch nie vorgekommen, dass der Liebste sie nicht sehnsüchtig erwartet hatte.

„Du wirst ihn mir doch net wieder ausreden wollen?“, fragte Marlene und setzte sich mit angezogenen Beinen auf die Couch.

„Der Hambacherhof ist verkauft“, sagte der Vater, „nächste Woche wird ihn der neue Besitzer übernehmen.“

Marlene setzte sich mit einem Ruck aufrecht hin. Noch lag ein kleines Lächeln auf ihren schönen Lippen.

„Mit so was scherzt man net, Vater. Warum bist du gegen Herbert? Ich hab ihn doch so lieb!“

„Mit so was scherzt man net, Mädel! Aber es ist die Wahrheit. Herbert hat seinen Besitz verkauft. Warum, das weiß niemand, darüber gibt es nur Vermutungen.“

Bernd! Er hat es wegen dem Bruder getan. Diese Erkenntnis kam dem Mädchen sofort. Die schönen Lippen wurden schmal.

„Du hast schon mit ihm gesprochen?“

Der Vater schüttelte den Kopf.

„Das wollte ich dir überlassen. Merkwürdig ist alles und unverständlich. Der Hof ist verkauft, sein Bruder verschwunden, und Herbert hat sich kein einziges Mal bei mir sehen lassen. Ich finde, seinem künftigen Schwiegervater wäre man schon eine Erklärung schuldig gewesen.“

Marlene war aufgestanden und ans Fenster getreten. Von dort aus konnte man hinüber zum Hambacherhof sehen.

„Ich werde gleich hinübergehen. Ich muss wissen, was geschehen ist.“

Auch der Vater hatte sich erhoben und hielt sie am Arm fest. Ihre Blicke kreuzten sich sekundenlang.

„Wenn Herbert ohne jeglichen Besitz ist, wird er dich net zur Frau bekommen. Das kannst du ihm ausrichten.“

Das Mädchen befreite sich ärgerlich.

„Noch wissen wir net, was geschehen ist, Vater! Für dich ist das alles ein willkommener Grund, Herbert abzulehnen. Aber du vergisst, dass ich ihn liebe.“ Sie lief hinaus, und der Vater sah ihr nach.

„Er wird sie nicht bekommen“, sagte er mit fester Stimme. „Ein Habenichts wird mein Mädel net unglücklich machen.“

Herbert stand am Holzstock und zerhackte Holz in Scheite, als er das geliebte Mädchen kommen sah. Sofort legte er seine Axt beiseite, um sie in die Arme zu nehmen. Als er ihr in die Augen schaute, ahnte er, dass sie alles wusste und dass er nichts mehr zu sagen brauchte. Sie hatte schon erfahren, was geschehen war.

„Warum?“, fragte sie, ohne ihm wie sonst einen langen Begrüßungskuss zu geben.

„Komm“, sagte er und nahm ihre Hand, „hier ist net der rechte Ort, um miteinander zu sprechen.“

Das Mädchen folgte ihm auf die Wiese hinterm Haus. Dort setzten sie sich ins Gras.

„Ich hätte es dir gern selber gesagt. Aber dein Vater ist mir anscheinend zuvorgekommen“, sagte Herbert bitter. Marlene nickte.

„Dass du den Hof verkauft hast, hat er als Erster erfahren. Warum hast du es getan? Wegen deinem Bruder, wegen Bernd? Hattet ihr Geldsorgen?“

Herbert hatte ihr bis zu diesem Tag verschwiegen, dass sein Bruder nicht nur Trinker, sondern auch Spieler war. Heute jedoch sollte sie alles wissen. Als Einzige im ganzen Dorf. Und das Mädchen hörte schweigend zu, was er zu sagen hatte. Es erfuhr von dem vergangenen Jahr, in dem Herbert sich verzweifelt bemüht hatte, den Bruder auf die rechte Bahn zu bringen und den alten Hof zu retten.