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Barbara Geißendörfer gibt sich keinen Illusionen hin: Sie wird nur deshalb auf dem Lärchenhof von ihren Schwiegereltern geduldet, weil sie das Kind des tödlich verunglückten Hoferben erwartet. Dieses Kind ist auch der Grund, weshalb Barbara und Toni überhaupt geheiratet haben. Liebe war schon längst nicht mehr im Spiel. Aber wer kann es Barbara verdenken, dass sie ihrem Baby einen ehrlichen Namen und ein Zuhause sichern wollte?
Doch die Situation auf dem Lärchenhof wird für Barbara immer unerträglicher, die Ablehnung der Schwiegereltern immer eisiger. Und als die beiden Alten von ihr verlangen, dass sie gleich nach der Entbindung den Hof verlässt und auf ihr Kind verzichtet, will Barbara verzweifeln. Doch in der Stunde allergrößter Not erhält sie plötzlich von einer Seite Hilfe, von der sie es am wenigsten erwartet hätte. Ausgerechnet Robert, der Bruder des verstorbenen Hoferben, macht ihr ein verlockendes Angebot ...
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Heimlich wurden sie getraut
Vorschau
Impressum
Heimlich wurden sie getraut
Wie aus seiner seltsamen Ehe eine große Liebe wurde
Von Hella Lichtenau
Barbara Geißendörfer gibt sich keinen Illusionen hin: Sie wird nur deshalb auf dem Lärchenhof von ihren Schwiegereltern geduldet, weil sie das Kind des tödlich verunglückten Hoferben erwartet. Dieses Kind ist auch der Grund, weshalb Barbara und Toni überhaupt geheiratet haben. Liebe war schon längst nicht mehr im Spiel. Aber wer kann es Barbara verdenken, dass sie ihrem Baby einen ehrlichen Namen und ein Zuhause sichern wollte?
Doch die Situation auf dem Lärchenhof wird für Barbara immer unerträglicher, die Ablehnung der Schwiegereltern immer eisiger. Und als die beiden Alten von ihr verlangen, dass sie gleich nach der Entbindung den Hof verlässt und auf ihr Kind verzichtet, will Barbara verzweifeln. Doch in der Stunde allergrößter Not erhält sie plötzlich von einer Seite Hilfe, von der sie es am wenigsten erwartet hätte. Ausgerechnet Robert, der Bruder des verstorbenen Hoferben, macht ihr ein verlockendes Angebot ...
Nur wenige Reisende verließen den Zug, als er an der kleinen Bahnstation hielt. Unter ihnen war eine hübsche, städtisch gekleidete junge Frau, die einen schweren Koffer schleppte und zögernd auf den Stationsvorsteher mit der roten Mütze zuging.
»Ach, bitte, können Sie mir sagen, wie ich nach Hirschenegg komme?«, erkundigte sie sich ein wenig atemlos und setzte den Koffer ab.
»Eigentlich gibt es einen Bus, aber der letzte ist bereits vor einer halben Stunde abgefahren«, gab der Mann Auskunft und musterte die junge Frau neugierig.
»Jesses, was mache ich denn da bloß?«, murmelte Barbara Geißendörfer ratlos.
»Übernachten Sie doch hier im Wirtshaus ›Zum Goldenen Adler‹«, schlug der Beamte vor. »Dann können Sie morgen gleich den Frühbus nehmen. Werden Sie denn in Hirschenegg erwartet?«
»Net direkt«, erwiderte Barbara. »Ja, dann haben Sie vielen Dank. Wo finde ich das Wirtshaus denn?«
»Die Straße ein Stückerl hinunter, da finden Sie es gleich auf der linken Seite. Es ist net weit. Wenn Sie mögen, können Sie den Koffer hier aufgeben.«
»Ja, das wäre gut«, stimmte Barbara erleichtert zu. »Ob ich irgendwo mein Nachtzeug aus dem Koffer nehmen kann?«
»Am besten kommen Sie mit in mein Dienstzimmer«, bot der Stationsvorsteher ihr freundlich an. Ohne Barbaras Antwort abzuwarten, griff er nach dem Koffer. »In Ihrem Zustand sollte man net so schwer tragen«, fügte er hinzu.
»Vielen Dank«, murmelte Barbara und folgte ihm.
Die Dinge, die sie für eine Nacht brauchte, waren schnell umgepackt. Gleich darauf ging sie dann die Dorfstraße von Oberöttingen hinunter, einem Nachbarort von Hirschenegg. Wenig später betrat sie die schon etwas verräucherte Gaststube des Gasthauses »Zum Goldenen Adler«. Nur wenige Gäste saßen darin.
Als Barbara nun auf die Theke zuging, wandten sich ihr aller Augen zu. Fremde fielen in solchen kleinen Bergdörfern sofort auf.
»Kann ich bei Ihnen für diese Nacht ein Zimmer bekommen?«, fragte Barbara den älteren Mann hinter der Theke. Der Wirt, wie es schien.
»Freilich.« Der Mann nickte. »Ein Einzelzimmer wohl, gelt?«
»Richtig. Und wenn Sie mir gleich noch sagen könnten, wann morgen früh der erste Bus nach Hirschenegg fährt, damit ich ...«
»Nach Hirschgenegg wollen Sie?« Einer der Männer, die an der Theke standen, wandte sich ihr zu. Er mochte um die Dreißig sein, war groß und kräftig gebaut, mit einem etwas zu ernsten, aber nicht unsympathischen Gesicht.
»Ja. Der letzte Bus ist gerade weg, wie ich hörte.«
»Ich bin aus Hirschenegg und könnte Sie mitnehmen, wenn Sie wollen«, schlug der junge Mann vor und wandte sich dann an den Wirt. »Net, dass ich dir einen Gast wegnehmen will, Franz, aber wo ich eh heimfahre ...«
»Schon gut, Robert«, erwiderte der grinsend, »deswegen gehe ich net gleich bankrott.« Er sah Barbara an. »Sie können das Angebot unbesorgt annehmen, bei dem Robert haben S' nix zu fürchten.«
»Ja, wenn es Ihnen nix ausmacht«, sagte Barbara zögernd.
»Ich sage ja, ich wollte eh gerade fahren. Franz, ich möcht' zahlen, für den Wastl gleich mit.«
»Es ist nur ... ich habe meinen Koffer auf dem Bahnhof gelassen«, wandte Barbara ein.
»Auf dann, da müssen wir uns sputen, denn wenn der letzte Zug durch ist, machen die den Laden dicht.« Der junge Mann zahlt die Zeche und nahm Barbara ihre Tasche ab. »Mein Auto steht draußen.«
Sie verließen die Gaststube. Barbaras Begleiter ging auf einen Kombi zu, öffnete die Tür zum Beifahrersitz und ließ Barbara einsteigen. Vor dem Bahnhofsgebäude hielt er und ließ sich von Barbara den Aufbewahrungsschein für ihren Koffer geben.
»Wollen Sie in Hirschenegg Urlaub machen?«, erkundigte er sich, als er den Koffer verstaut hatte und nun in ein schmales Sträßchen einbog, das sich in engen Serpentinen an der Flanke des Berges hinaufzog.
»Nein, das eigentlich net«, entgegnete Barbara.
»Das hätte mich auch gewundert, denn um diese Jahreszeit kommen die Fremden in der Regel noch net. Sie machen also einen Besuch? Oder bin ich zu neugierig?« Der Mann lächelte und zeigte auffallend schöne weiße Zähne.
»Ja, ich will zum Lärchenhof, zu den Geißendörfers«, gab Barbara Auskunft und wunderte sich, wie überrascht der Mann sie daraufhin anstarrte.
»Da schau an«, murmelte er. »Sind Sie mit denen denn verwandt?«
»Kennen Sie die Familie gut?«, antwortete Barbara mit einer Gegenfrage.
»Mei«, der Mann lächelte, »so gut halt, wie man seine eigene Familie kennt.«
Nun war Barbara überrascht. »Dann können Sie nur Robert sein! Komisch, darauf wäre ich net gekommen, denn Sie ähneln Ihrem Bruder net sehr.«
»Aha, dann sind Sie also die Barbara, meine Schwägerin?« Robert hielt an, nahm die Hände vom Lenkrad und wandte sich ihr zu. »Das ist allerdings eine Überraschung!«
»Ja, ich bin Barbara. Sagen Sie bloß, Sie haben geahnt, dass ich gerade heute Abend komme?«
»Nein, ich wusste noch nicht einmal, dass Sie überhaupt kommen wollten.« Robert Geißendörfer verzog den Mund. »Ich erfahre nie etwas. Allerdings wohne ich auch nimmer auf dem Lärchenhof. Toni hat Ihnen das wohl erzählt und auch, wie ich zu meinen Eltern stehe, oder?«
»Toni hat es erwähnt. Aber wenn Sie mit Ihren Eltern zerstritten sind, so ist es Ihnen vielleicht unangenehm, mich zu ihnen zu bringen?«
»Nein, nein, wir sind ja net gerade verfeindet. Ich frage mich nur, weshalb die Eltern Sie eingeladen haben, nachdem ...« Er stockte.
»Nachdem ich ihnen als Schwiegertochter doch gar net genehm war?« Barbara verzog den Mund. »Nun ja, ich habe ihnen mitgeteilt, dass ich schwanger bin.«
Nun erst merkte Robert Geißendörfer, der seine Schwägerin noch nie gesehen hatte, dass ihre Rundungen damit zusammenhingen.
»So ist das also«, murmelte er und lächelte dann. »Wie dem auch sei, wir sind nun verschwägert und sollen du zueinander sagen. Ich bin der Robert, das weißt du ja, und du bist die Barbara. Es tut mir leid, dass wir uns erst jetzt kennenlernen und unter so traurigen Umständen, Barbara.« Er war wieder ernst geworden.
»Ja, es war schlimm. Toni war so ein ... ein lebenslustiger Mensch, und nun musste er so früh sterben«, sagte Barbara, aber es klang seltsam unbeteiligt.
»Ja, es hat uns alle getroffen, am meisten natürlich die Eltern. Er sollte schließlich den Hof erben, nachdem ich darauf verzichtet hatte. Und überhaupt, er war ihnen halt das Liebste von uns Kindern.« Robert sagte es ohne Bitterkeit.
»O ja, er hat's immer verstanden, die Menschen für sich einzunehmen, wenn er wollte.« Barbara presste die Lippen zusammen.
»Das klingt aber net gerade so, als ob ...«
»Als ob ich glücklich mit ihm gewesen wäre? Nein, Robert, das war ich auch net. Er hat mich gegen den Willen seiner Eltern geheiratet, als ich schwanger war, und das war mehr, als ich erwartet hatte. Liebe war da schon nimmer im Spiel, und ich habe ihn nur des Kindes wegen geheiratet, damit es net sein Leben lang darunter leiden sollte, unehelich zu sein. Toni hat mich net geheiratet, weil er so etwas wie Verantwortungsgefühl hätte.«
»Sondern? Warum denn dann?«, fragte Robert betroffen.
»Vielleicht einfach nur, weil's der einfachere Weg war. Toni ist Schwierigkeiten lieber aus dem Weg gegangen. Ich weiß, es klingt net schön, wenn man so etwas als junge Witwe kurz nach dem Tod des Ehemannes sagt, aber glaub mir, es war net leicht für mich, als ich gemerkt habe, was für ein Mensch wirklich hinter dem charmanten Burschen steckte, in den ich mich verguckt hatte. Und dir sag ich deshalb, wie es ist, weil Toni und du ja auch net gerade eine große brüderliche Zuneigung füreinander gehabt habt. Toni jedenfalls ...« Barbara verstummte.
»Hat mich als einen Deppen hingestellt, ich weiß. Er hat nie begriffen, wie ich auf den Hof habe verzichten können.«
»Und warum hast du es getan?«, wollte Barbara wissen.
»Weil mein Vater in mir immer bloß einen dummen Buben gesehen hätte. Ich habe andere Vorstellungen von der Landwirtschaft, dauernd sind wir aneinandergeraten. Das habe ich net länger ertragen. So habe ich mich auszahlen lassen und mir einen eigenen Hof gekauft, auf dem ich nun schalten und walten kann, wie ich will. Von da ab hat für Vater nur noch Toni gezählt. Ihn hat er auch auf die Landwirtschaftsschule nach München geschickt, was er mir verwehrt hatte. Ich könnte ja alles von ihm lernen, hat er gemeint.«
»Dabei wollte Toni bloß eine Zeit lang weg von daheim!«
»Fast habe ich es mir gedacht. Er hat ja auch ein flottes Leben geführt und ist mit dem Geld, das er vom Vater bekam, nie ausgekommen.«
»Dich hat er also auch angepumpt«, bemerkte Barbara bitter.
»Andere etwa auch?«
»Ja. Gleich nachdem er mit dem Auto verunglückt ist, sind sie alle gekommen und wollten ihr Geld zurück. Da habe ich meine ganzen Ersparnisse dafür hingelegt, um seine Schulden zu bezahlen. Es war hart erarbeitetes Geld, Robert. Nun stand ich da ohne einen Cent, und bald kommt das Kind. Das war der Grund, weshalb ich deinen Eltern geschrieben habe. Du weißt ja, nicht einmal zur Beisetzung wollten sie mich da haben! Erstaunlicherweise hat dein Vater gleich geantwortet und mir angeboten, das Kind hier zu bekommen. Dir haben sie von alledem nix gesagt?«
Robert schüttelte den Kopf. »Hast du net den Verdacht, dass es ihnen nur um das Kind geht?,« fragte er nach einer Weile.
»Du meinst, ob sie mich überreden wollen, es ihnen zu überlassen?«
»Es könnte doch sein.«
»Doch, es ist mir auch durch den Kopf gegangen. Aber vielleicht wäre es gar net so schlecht für das Kind? Ich muss schließlich wieder arbeiten, und bei den Großeltern wäre es sicher besser aufgehoben als bei fremden Leuten.«
»Deine eigenen Eltern leben nimmer?«
»Nein. Der Vater ist kurz nach meiner Geburt gestorben und die Mutter, als ich gerade zehn war. Ich bin im Heim groß geworden. Als ich Toni kennengelernt habe dachte ich, er ist meine große Liebe. Ich habe mir immer so sehr eine eigene Familie gewünscht und hoffte ...« Barbara unterbrach sich. »Lass uns weiterfahren Robert, ich kann net zu nachtschlafender Zeit bei deinen Eltern ankommen.«
»Du hast viel Schweres durchgemacht, Barbara«, sagte Robert mitfühlend.
Er glich seinem jüngeren Bruder weder äußerlich noch im Wesen, fand Barbara. Toni hatte ihn als verschrobenen Eigenbrötler hingestellt, doch je besser Barbara Toni kennengelernt hatte, desto weniger glaubte sie ihm noch. Dieser Robert war bestimmt kein Hallodri wie sein Bruder, das merkte man gleich.
»Ich hoffe, es kommen auch einmal bessere Zeiten, Robert«, erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln.
»Ganz sicher, Madl.« Robert setzte den Wagen wieder in Gang. »Und wenn du mal Sorgen haben solltest, so komm zu mir, hörst du? Ich will dich gewiss net bange machen, aber mit den Eltern ist net so leicht auszukommen. Sie sind ...«
»Ach, Robert, ich kann mir schon denken, dass sie mich net mit großer Herzlichkeit empfangen werden«, fiel Barbara ihm ins Wort. »Sie haben net zugelassen, dass ich an der Beisetzung von Toni teilnahm, nachdem man ihn hierher überführt hatte, das sagt ja wohl alles. Jetzt geht es ihnen um das Kind, ich weiß es wohl.«
»Na gut, wenn du dir keine Hoffnungen machst, kannst du wenigstens net enttäuscht werden. Und nun schau, gleich sind wir da. Viel kannst du in der Dämmerung nimmer sehen, aber Hirschenegg ist ein schönes Fleckerl Erde, glaube mir.« Robert sagte es nicht ohne Stolz, fügte aber gleich hinzu: »Fragt sich allerdings, ob es jemanden gefällt, der aus der Stadt kommt und hier sicher vieles vermissen wird.«
»Mir steht der Sinn net nach Vergnügungen, falls du das meinst. Außerdem bin ich sehr gern auf dem Lande. Eine Tante von mir hatte einen kleinen Bauernhof, und da fand ich es immer herrlich. Ich wollte gar nimmer weg.«
»Ich wünsche dir, dass du dich hier auch so wohl fühlst, Barbara«, sagte Robert herzlich.
Mit etwas gemischten Gefühlen blickte Barbara wenig später an dem schönen Bauernhaus hinauf, vor dem sie anhielten.
Was erwartete sie hier?
***
Sie betraten eine blitzsaubere Diele. Auf dem frischgewachsten Holzfußboden lag ein bunter Fleckerlteppich, in einer Ecke stand eine wunderschöne alte Truhe. Alles wirkte sehr gediegen.
»Sie werden in der Küche sein.« Robert ging auf eine der hinteren Türen zu, winkte Barbara, ihm zu folgen und öffnete sie.
»Grüß Gott, Mutter, schau ich habe jemanden mitgebracht«, sagte er und zog Barbara herein.
