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Schier entsetzt ist die junge Sonnleitner-Bäuerin, als der Arzt ihr eine Kur verordnet. Ganz gewiss wird sie sich nicht erholen in der Fremde, solange die Sorge um Lukas an ihrem Herzen nagt. Elfi liebt ihren Mann zwar noch wie am ersten Tag ihrer Ehe, aber sie zweifelt inzwischen an seiner Zuneigung. Immer öfter lässt Lukas sie allein, und inzwischen munkelt man sogar in aller Öffentlichkeit über ihn und die fesche Hauser-Witwe. Neben der bildschönen Silvi fühlt sich Elfi nichtssagend und fad, doch anstatt aufzumucken und ihrem Mann die Leviten zu lesen, leidet sie still vor sich hin. Und nun soll sie ihn gar viele Wochen allein lassen?
Bekümmert tritt Elfi ihre Reise an, nicht ahnend, dass ihr Leben dadurch eine entscheidende Wende erhält ...
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ich wein' dir keine Träne nach
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Impressum
Ich wein' dir keine Träne nach
Wie sich die Sonnleitner-Bäuerin an ihrem untreuen Mann rächte
Von Hella Lichtenau
Schier entsetzt ist die junge Sonnleitner-Bäuerin, als der Arzt ihr eine Kur verordnet. Ganz gewiss wird sie sich nicht erholen in der Fremde, solange die Sorge um Lukas an ihrem Herzen nagt. Elfi liebt ihren Mann zwar noch wie am ersten Tag ihrer Ehe, aber sie zweifelt inzwischen an seiner Zuneigung. Immer öfter lässt Lukas sie allein, und inzwischen munkelt man sogar in aller Öffentlichkeit über ihn und die fesche Hauser-Witwe. Neben der bildschönen Silvi fühlt sich Elfi nichtssagend und fad, doch anstatt aufzumucken und ihrem Mann die Leviten zu lesen, leidet sie still vor sich hin. Und nun soll sie ihn gar viele Wochen allein lassen?
Bekümmert tritt Elfi ihre Reise an, nicht ahnend, dass ihr Leben dadurch eine entscheidende Wende erhält ...
»Na, was hat der Doktor gesagt?«, fragte Franziska Sonnleitner ihre Schwiegertochter Elfi, die gerade nach Hause gekommen war und sich erschöpft auf die Eckbank setzte.
Der Weg zum Sonnenhof, der ein ganzes Stück oberhalb des kleinen Bergdörfchens St. Wetzel lag, hatte die junge Frau wieder einmal sehr ermüdet.
»Er will mich unbedingt zur Kur schicken, Mutter«, berichtete Elfi resigniert.
»Zur Kur?« Franziska blickte ihre Schwiegertochter verdutzt an. »Ja mei, ich dachte immer, nur ältere Leute werden dahin geschickt. Mein Lebtag wär ich net auf den Gedanken gekommen, eine Kur machen zu müssen, wo wir doch hier eine so gute Luft haben. Der Doktor Neuberger ist halt so ein neumodischer Arzt. Der alte Doktor Steiner hat die Kranken auch ohne Kuren wieder in die Reihe gebracht.«
»Aber er meint, ich bräuchte eine Luftveränderung und medizinische Anwendungen, sonst dauert es ewig, bis ich wieder richtig auf die Beine komme. Ich bin ja auch net begeistert, Mutter, glaub mir«, murmelte Elfi schuldbewusst, denn sie wusste natürlich, wie sehr sie auf dem Hof fehlen würde.
Außerdem waren da noch Elfis Kinder, der zehnjährige Florian und die sechsjährige Susi, die die Mutter brauchten.
»Lukas wird auch net gerade begeistert sein, wenn er das hört«, meinte Franziska seufzend.
»Wovon soll ich net begeistert sein, Mutter?« Lukas Sonnleitner und sein Vater Vitus waren gerade vom Feld heimgekommen.
»Dass der Doktor deine Frau zur Kur schicken will«, antwortete Franziska und stellte die Teller auf den Tisch.
»Ist das wahr?« Lukas blickte seine Frau mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Ja. Er hat gar net mit sich reden lassen und gemeint, es sei unbedingt nötig. Wenn du willst, sollst du ihn selbst fragen«, sagte Elfi gepresst.
»Ich find, so wie jetzt geht es auch net weiter. Schaut sie euch doch an, zum Umblasen schaut sie aus, und allweil der schlimme Husten«, schlug sich Vitus Sonnleitner unerwartet auf die Seite seiner Schwiegertochter. »Am Ende kriegt sie es noch an der Lunge wie die Scheubler-Maria.«
Franziska trug die Suppe auf.
»Ich nehme ja schon Rücksicht, damit sie sich noch ein bisserl schonen kann«, murrte sie.
»Und wohin will der Doktor dich dann schicken?«, wollte Lukas nun wissen.
»Er hat von einem Kurheim am Tegernsee gesprochen, das ist nur für erholungsbedürftige Landfrauen und soll sehr schön sein. Ich wäre schon deshalb froh, wenn ich dort einen Platz bekäme, weil es net gar so weit weg ist«, sagte Elfi und seufzte leise.
»Man muss sich auch mal ein bisserl zusammenreißen können.«
Elfi senkte den Kopf. Indirekt warf ihr die Schwiegermutter damit vor, dass sie eben nicht so ein derbes, kräftiges Bauernmadl war wie andere. Sie war schließlich nur die Tochter des Briefträgers von St. Wetzel.
Die Sonnleitners hatten für ihren einzigen Sohn die Tochter eines ebenfalls wohlhabenden Bauern im Auge gehabt und waren sehr enttäuscht gewesen, dass Lukas ihre Pläne durchkreuzt hatte.
Lukas hatte Elfi geheiratet, als Florian unterwegs gewesen war, und man musste es anerkennen, dass er sie nicht hatte sitzen lassen.
Für Elfi war er die erste große Liebe gewesen, und damals hatte sie noch geglaubt, dass er ihre Gefühle erwiderte. Doch im Laufe der Jahre war ihr längst klar geworden, dass dem nicht so war und dass Lukas sie mehr oder weniger nur aus Anstand geheiratet hatte.
Der fesche Bursch, noch dazu Erbe des schönsten Hofes weit und breit, hätte eine ganz andere Frau bekommen können. Eine, die nicht nur einen Batzen Geld mit in die Ehe gebracht hätte, sondern die auch hübscher gewesen wäre, temperamentvoller und selbstbewusster.
Aber wie konnte Elfi ihm eine fröhliche Gefährtin sein, wenn sie sich von den Schwiegereltern nie ganz akzeptiert und von ihm nie richtig geliebt fühlte?
Denn Elfi entging nicht, wie gern Lukas anderen hübschen Madln nachsah oder mit ihnen scherzte und lachte. Das führte im Laufe der Zeit dazu, dass sie sich immer farbloser und unbedeutender neben ihm fühlte.
Lukas war groß und schlank, aber doch kräftig gebaut. Mit seinem gut geschnittenen Gesicht, dem braunen Lockenschopf und den dunklen Augen verkörperte er jene Art eines Naturburschen, der beim weiblichen Geschlecht nun einmal Chancen hatte. Wenn er lachte und seine schönen weißen Zähne zeigte, war Elfi immer wieder hingerissen.
Sie liebte ihn wie am ersten Tag, obwohl er es ihr nicht leicht machte mit seiner Gleichgültigkeit. Nicht, dass er etwa hässlich oder grob zu ihr gewesen wäre, aber sie spürte nun einmal, dass er in ihr mehr die Mutter seiner Kinder als die Frau sah.
Ihre Kinder waren fast nur noch die einzigen Bindeglieder zwischen ihnen, und das war zu wenig, fand Elfi. Gewiss, nach zehnjähriger Ehe lebte man nicht mehr in den Flitterwochen, aber Zuneigung, Wärme und Zärtlichkeit sollte man doch noch füreinander empfinden.
»Ja, dann wirst du halt fahren müssen«, sagte Lukas nun, ohne den Einwurf seiner Mutter zu beachten. »Hoffentlich hilft es dir, und es klappt bald, damit du zur Erntezeit daheim bist.«
»Ich hab dem Doktor gesagt, dass ich um diese Zeit da sein muss«, sagte Elfi erleichtert, denn eigentlich hatte Lukas die Nachricht ganz ruhig und ohne Murren aufgenommen.
»Wohin fährst du denn, Mama?«, fragte Florian, der gerade erst von der Schule heimkam. Er war ein hübscher kleiner Bursch, was Elfi immer wieder wunderte, denn er schlug mehr nach ihr und war so blond und blauäugig wie sie, während Susi ganz dem Vater glich.
»Der Doktor will mich zur Erholung schicken«, erklärte Elfi und tat ihm die Suppe auf.
»Bleibst du lange fort?«, wollte Florian wissen.
»Vier Wochen dauert so etwa in der Regel.«
»So lange?«, rief nun Susi und sah ihre Mutter erschrocken an.
»Vielleicht kommt ihr mich dort einmal besuchen. So weit weg ist der Tegernsee ja net.« Unwillkürlich blickte Elfi Lukas fragend an.
»Werden wir wohl müssen, damit du net vor lauter Sehnsucht nach den Kindern wieder krank wirst, wie?« Er grinste etwas schief. »Aber ob es überhaupt erlaubt ist?«
»Ach, ich glaub schon. So streng werden die Gebräuche dort hoffentlich nicht sein.«
»Was machst du denn da, Mama?«, fragte Susi.
»Den lieben langen Tag faulenzen, was sonst«, warf die Großmutter ein, ehe Elfi antworten konnte. Es sollte ein Scherz sein, aber Elfi merkte sehr wohl, dass diese Bemerkung gegen sie gerichtet war.
»Man bekommt Bäder und Packungen und muss viel ruhen und halt alles tun, um wieder gesund zu werden«, sagte sie nun.
»Packungen? Was ist denn das?« Florian grinste spitzbübisch. »Machen sie dir da überall Umschläge, dass du wie ein Paket ausschaust?«
»So wird's wohl sein, Bub.« Elfi lächelte. »Wie war es heute in der Schule?«, lenkte sie dann ab.
»Ganz gut, ich hab im Aufsatz eine Eins bekommen. Der Herr Lohmüller hat gesagt, ihr solltet mich doch net an der Realschule anmelden, sondern auf dem Gymnasium«, berichtete Florian stolz.
»Blödsinn, der setzt dir nur einen Floh ins Ohr, und am Ende bist du dir noch zu fein, einmal den Hof zu übernehmen, und willst ein Studierter werden, wie?«, meinte sein Großvater.
»Darüber reden wir noch«, sagte Lukas schnell, denn das war ein heikles Thema. Schon er wäre seinerzeit gern aufs Gymnasium gegangen, aber das hatte sein Vater nicht zugelassen. Wenn Florian das Zeug dazu hatte, dann hätte Lukas jedenfalls nichts dagegen.
»Bald komm ich auch in die Schule und krieg immer Einser«, sagte Susi eifrig.
»Ha, das denkst du dir so einfach!«, rief ihr großer Bruder überlegen. »Da musst du schon so gescheit sein wie ich.«
»Bescheiden bist du ja net grad, Bub.« Großmutter Franziska schmunzelte.
Von mir hat er sein gesundes Selbstvertrauen jedenfalls net, dachte Elfi, aber natürlich sprach sie es nicht aus. Froh war sie jedenfalls, dass die Sache mit der Kur nun geklärt war. Dass sie sich darauf freute, war allerdings nicht gerade der Fall. Sie betrachtete es vielmehr als notwendiges Übel.
Im Stillen graute ihr davor, so lange fort zu sein und mit vielen fremden Menschen zusammenzutreffen. Hier kannte einer den anderen, alles war einem vertraut. Aber es musste ja sein, wenn sie wieder ganz gesund werden wollte.
***
Alles kam dann schneller als erwartet. Ein Platz im Kurheim war frei geworden, weil jemand aus irgendwelchen Gründen hatte zurücktreten müssen. So konnte Elfi schon drei Wochen später ihren Koffer packen.
Lukas wollte sie hinfahren, und darüber war Elfi sehr froh. So war wenigstens bei ihrer Ankunft jemand bei ihr. Der Abschied von den Kindern fiel ihr schwer. Es war ja das erste Mal, dass sie für längere Zeit von ihnen getrennt sein würde.
»Jessas, du tust ja gerade so, als würdest du auf eine Weltreise gehen«, spottete Lukas, als sie die Kleinen mit Tränen in den Augen an sich drückte und sie bat, schön brav zu sein. »Jetzt steig endlich ein, damit wir fortkommen!«
Noch einmal presste Elfi ihre Kinder an sich, dann riss sie sich los.
»Also, servus, Mutter und Vater!«, wandte sie sich Franziska und Vitus zu.
»Ade, Madl, nun mach dir mal keine Sorgen wegen der Kinder.« Franziska klopfte ihrer Schwiegertochter auf die Schulter. »Denk jetzt nur daran, dass du wieder auf die Beine kommen willst.«
Es klang ungewöhnlich freundlich, und Elfi war ganz gerührt. Auch Vitus wünschte ihr eine gute Erholung, und alle standen vor der Tür, als Elfi und Lukas mit dem Auto losfuhren, und winkten ihr nach. Elfi winkte zurück, bis der Wagen um die nächste Wegbiegung gefahren war.
»Du schaust aus, als wär es ein Abschied für immer«, meinte Lukas kopfschüttelnd, als seine Frau sich verstohlen über die Wangen fuhr.
»Dir macht es wohl nix aus, dass ich wegfahre«, murmelte Elfi.
»Ich bin halt net so rührselig wie du. Du bist ja schließlich net aus der Welt. Ich würd mich freuen, einmal vier Wochen Ferien zu haben.«
»Wir können ja tauschen«, versuchte Elfi zu scherzen.
»Wär net übel«, erwiderte Lukas grinsend. »Am Ende lachst du dir noch einen Kurschatten an und willst gar nimmer heimkommen, wie?«
»So was traust du mir zu?«, fragte Elfi ein wenig empört.
»Eigentlich net.«
Klang das nicht fast, als bedauere er das? Wie eine eiskalte Hand legte es sich um Elfis Herz. Am Ende war doch etwas dran an Leni Hubers Andeutungen, und Lukas machte der hübschen Silvi Hauser schöne Augen?
Silvi war das Madl gewesen, das die Sonnleitners gern als Schwiegertochter gehabt hätten, denn sie stammte von einem großen Hof und hatte ihrem späteren Mann, dem Alfons Hauser, eine ansehnliche Mitgift in die Ehe gebracht. Vor einem knappen Jahr war Alfons plötzlich gestorben und hatte ihr und ihrem kleinen Buben den schönen Birkenhof hinterlassen. Silvi hatte nicht viel um ihren Mann getrauert, das war allgemein bekannt.
»Pass nur gut auf deinen Mann auf, Elfi«, hatte Leni, wegen ihrer spitzen Zunge nicht gerade beliebt im Dorf, mit scheinheiliger Fürsorglichkeit gemeint. »Seit eine gewisse Silvi zur lustigen Witwe geworden ist, streicht Lukas ganz schön um sie herum. Und du weißt ja: Alte Liebe rostet net.«
Alte Liebe, da war etwas dran, Elfi wusste es inzwischen. Um Silvi zu ärgern, weil sie ihn seinerzeit einmal versetzt hatte, hatte Lukas Elfi verführt. Gekränkte Eitelkeit hatte wohl auch dabei mitgespielt. Und sie war so naiv gewesen, seine schönen Worte für bare Münze zu nehmen, weil sie so blind verliebt in ihn gewesen war und insgeheim schon lange für ihn geschwärmt hatte! Einmal, als Lukas ein wenig angetrunken gewesen war, hatte er es dann ausgeplaudert.
»Würdest du mich denn betrügen?«, fragte Elfi nun leise.
»Herrschaft, jetzt fährst du mal ein paar Wochen fort und spielst auch noch die Eifersüchtige!«, rief Lukas aufgebracht aus, und eine tiefe Falte bildete sich zwischen seinen Brauen.
Warum wurde er gleich so heftig? Weil er ein schlechtes Gewissen hatte? Elfi schluckte. Nein, so was durfte sie sich nicht auch noch einreden, denn dann würde sie sich in den vor ihr liegenden Wochen ganz sicher nicht erholen!
»Du nimmst immer alles für bare Münze, wenn man mal einen Scherz macht«, brummte er nach einer Weile.
»Ich kann halt über solche Dinge net scherzen«, entgegnete Elfi leise.
»Immer nimmst du alles so bierernst. Warum musst du denn das Leben bloß so schwernehmen, anstatt über manches einfach zu lachen. Kannst du dir denn net vorstellen, dass man lieber in ein fröhliches Gesicht schaut als in ein trübseliges? Du hast doch wahrhaftig keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Manch anderer würd gern mit dir tauschen, glaub mir«, murrte Lukas.
Ja, davon war Elfi nur zu überzeugt! Aber vielleicht hatte er ja recht, und es lag an ihr, dass es zwischen ihnen nicht richtig klappte? Wie so oft war Elfi geneigt, die Schuld bei sich zu suchen. Eine so schwerblütige Person wie sie passte eben nicht zu einem so lebensfrohen Mann, das war es!
Da nützte es nicht viel, dass sie sich so viel Mühe gab, Lukas eine gute Frau zu sein, immer tat, was er wollte, und kaum widersprach. Vielleicht sollte sie ihm einmal sagen, was sie vermisste und warum sie oft so bedrückt war? Aber dazu war wohl jetzt nicht der rechte Augenblick.
