Als das Wünschen noch geholfen hat - Peter Handke - E-Book

Als das Wünschen noch geholfen hat E-Book

Peter Handke

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Beschreibung

"Inhalt: Leben ohne Poesie; Was soll ich dazu sagen?; Die offenen Geheimnisse der Technokratie; Die Reise nach La Défense; Blaues Gedicht; Die Geborgenheit unter der Schädeldecke; Jemand anderer: Hermann Lenz; Eine Zwischenbemerkung über die Angst; Die Sinnlosigkeit und das Glück."

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Seitenzahl: 75

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Peter Handke

Als das Wünschen noch geholfen hat

Gedichte, Aufsätze, Texte, Fotos

Suhrkamp Verlag

»In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle sehr schön …«

Brüder Grimm, Der Froschkönig

Leben ohne Poesie

Für A., für später

In diesem Herbst ist die Zeit fast ohne mich vergangen

und mein Leben stand so still wie damals

als ich aus Mißmut Schreibmaschine lernen wollte

und abends in dem fensterlosen Vorraum auf

den Beginn des Kurses wartete

Die Neonröhren haben gedröhnt

und am Ende der Stunde wurden die

Plastikhüllen wieder über die Schreibmaschinen gezogen

Ich bin gekommen und gegangen und hätte

nichts über mich sagen können

Ich nahm mich so ernst daß mir das auffiel

Ich war nicht verzweifelt nur unzufrieden

Ich hatte kein Selbstgefühl und kein Gefühl für

etwas anderes

Ich ging und stand unentschieden herum

wechselte oft den Schritt und die Richtung

Ein Tagebuch das ich schreiben wollte

bestand aus einem einzigen Satz

»Ich möchte mich in einen Regenschirm stürzen«

und das noch versteckte ich in Kurzschrift

Vier Wochen lang hat jetzt die Sonne geschienen

und ich bin auf der Terrasse gesessen

und zu allem was mir durch den Kopf ging

und zu allem was ich sah

habe ich nur »ja, ja« gesagt

Die Tage gingen wirklich ins Land

und Freunde die sonst arbeiten

haben mich besucht und sind mit mir

auf der Terrasse gesessen

»Wir haben bei der Arbeit schon ganz auf das

Leben vergessen«

sagten sie

aber ich habe die Rolle des Lebenskünstlers vor

ihnen nicht spielen können

und sie sind von ihrem Ausflug zufriedener an

ihre Arbeit zurückgekehrt

Es war die Zeit der Natur

und nicht nur die Müßiggänger sind naturfromm

geworden

Auch die Geschäftsleute begleiteten den

Austausch von Ware und Geld

mit Worten der Unlust darüber

daß sie »an einem Tag wie heute auf das

Geschäft aufpassen« mußten

und ich glaubte ihnen dabei

(mehr als sie sich selber)

Doch als dem Mietwagenfahrer vor mir über

dem Farbenspiel in der Landschaft das Herz aufging

habe ich ihm mürrisch vorgehalten daß es

unzulässig ist

bei Mietwagen die Anfahrt mitzuberechnen

Ich lebte in den Tag hinein und zum Tag hinaus

hatte Augen für nichts

Ich beneidete auch niemanden um seine Tätigkeit

nicht aus Faulheit

nicht aus Gleichgültigkeit

sondern weil mir mein Nichtstun im Vergleich

noch vernünftig vorkam

In meinem Stumpfsinn habe ich mich den

anderen überlegen gefühlt

ohne daß mir das freilich half

denn obwohl ich meinen Zustand für ein Symptom hielt

ging es nur um mich

und darum daß ich nicht wußte was ich wollte

und daß ich den ganzen Tag nur ein schlechtes

Gefühl hatte ‒

Vor allem habe ich die Augen zu Boden geschlagen

Der Kopf hat mir immer wieder die alten

Gedanken vorgespielt

»Basel SBB« las ich auf einer Zuganzeigetafel

im Hauptbahnhof

»Scheiß-Basel« habe ich sofort gedacht und bin

mit der Rolltreppe zur Post hinauf gefahren

ohne auch nur einen einzigen eigenen Schritt zu tun

Ein warmer Tag

Eine kalte kalte Nacht

»Jeden Tag kommen meine Kinder aus dem

Kindergarten mit einem neuen Lied nach Hause«

sagte ein Nachbar

»Ich habe heute noch ein großes Programm«

sagte ein anderer Nachbar

»Je länger ich nachdenke desto sibirischer

wird der Wind der durch mein Gehirn bläst«

las ich bei James Hadley Chase

In den Zeitungen stand alles schon schwarz auf weiß

und jede Erscheinung erschien von vornherein

als ein Begriff

Nur in den Feuilletons wurde noch aufgefordert

die Begriffe doch anzustrengen

aber die Begriffsanstrengungen der Feuilletonisten

waren nur ein Schleiertanz vor anderen

tanzenden Schleiern

Die Romane sollten »gewalttätig« sein und die

Gedichte »Aktionen«

Söldner hatten sich in die Sprache verirrt und

hielten jedes Wort besetzt

erpreßten sich untereinander

indem sie die Begriffe als Losungsworte gebrauchten

und ich wurde immer sprachloser

Ich hatte das Bedürfnis jemanden zu lieben

aber wenn ich mir vorstellte wie das im einzelnen wäre

wurde ich mutlos

Im »Mann ohne Eigenschaften« bin ich bis zu

dem Satz gekommen

»Ulrich sah sich den Menschen an«

(Auch »den Menschen« meinte Musil verächtlich)

da habe ich vor Ekel nicht weiterlesen können

Das war vielleicht ein Zeichen daß es mir schon besser ging

Manchmal ist mir mein Kind eingefallen

und ich bin zu ihm hingegangen

nur um ihm zu zeigen daß ich noch da war

Vor lauter schlechtem Gewissen

habe ich besonders deutlich zu ihm gesprochen

Einmal habe ich es umarmt

als es in einem längeren Satz das Wort

»sondern« gebrauchte

dann wieder fuhr ich es an

weil es Schluckauf bekam

Damals im Sommer

als das Gras noch dicht und lang war

lag buntes Spielzeug drin verstreut

und jemand sagte

»Das liegt im Gras wie der Traum von einem Kind«

(Bevor ich das schrieb

habe ich ganz innerlich lachen müssen

Aber es entsprach den Tatsachen ‒ ohne

Begriffsanstrengung)

»Ich bin oft glücklich gewesen«

sagte eine schöne ältere Frau

die gern auf dem Teppich saß

und sich mit der Hand unter der Bluse die Schulter strich

WIE oft?

Meine Schwester kam aus Österreich

und fing sofort an

das Haus zu putzen und aufzuräumen

Unwillig bemerkte ich wie sie mir den Tee bis

zum Rand voll schenkte

Dann ist mir eingefallen daß das alle ärmeren

Leute mit ihren Gästen so machten

und vor Traurigkeit bin ich mir fremd geworden

(Gleich darauf erlebte ich wieder

wie ich meine Mutter einmal böse angeschaut hatte

als sie zu einer Platte der Beatles ein bißchen

den Kopf wiegte)

Ich war nicht ganz untätig

gründete mit andern zusammen einen Kindergarten

beantragte eine Eintragung in das Vereinsregister

aber das sind nur Ornamente meines Dösens gewesen

wie wenn ein Kind seinen Kot auf dem Boden verschmiert

Ich unterhielt mich auch mit einigen Leuten

wir wiederholten immer wieder was wir gleich

anfangs einander gesagt hatten

einer frischte die Erinnerungen des andern auf

ich sprach als ob ich einem Lauscher immerzu

meine Harmlosigkeit beweisen wollte

Der Hals ist mir steif geworden

und wenn mir alles über war

wendete ich mich nicht weg

sondern schaute bloß ein kleines bißchen zur Seite

»Nun hör dir das an« sagte der Ben aus

»Schau heimwärts, Engel«

in den leeren Raum hinein

Genau so war es

und vor lauter kopflosem Reden

war ich so zerstreut daß ich nachher kein Buch lesen konnte

In dieser eintönig strahlenden Herbstwelt

ist mir auch das Schreiben unsinnig vorgekommen

Alles drängte sich so auf daß ich phantasielos wurde

Vor der äußeren Pracht der Natur gab es keine

Vorstellung von etwas anderem mehr

und in den täglich gleichen Gesamteindrücken

rührte mich keine Einzelheit

»Nein ich habe keinen Wunsch« sagte ich

und so verstand ich auch nicht die Wünsche des Kindes

Blind habe ich an den Nachmittagen immer

wieder nach dem Weinglas gegriffen

Ich durfte nicht voraus denken

Die Gedanken verkümmerten sofort

weil ich kein Gefühl dabei hatte

und fast keine Stunde verging ungezählt

»Immer noch besser als gerade verdursten«

habe ich einmal gedacht

Das Einschalten des Fernsehers am Abend habe

ich jeweils hinausgezögert

Der Vollblutpolitiker hatte seinen Blutdurst für

den Wahlkampf in ein immerwährendes

grausiges Lächeln versteckt

das für die Gläubigen franziskanisch aussehen sollte

(Er redete auch wirklich zu ihnen wie zu Spatzen

in seinem Handteller)

und dann spielten

Schauspieler

Sänger und

Kamerabilder

dem Publikum das Paradies der Gefühle vor

in dem die Bilder der Menschlichkeit so käuflich waren

die Herztöne so verfügbar

und die Mienen der Zuneigung so verpuppt

daß ich Stuhldrang bekam

In der Zeitung las ich den Ausspruch der Gattin

eines reichen adeligen Bankiers

»Unter dieser Regierung sind die Reichen noch

reicher geworden

Sie werden es mir nicht glauben

MEIN MANN IST SEHR BÖSE DARÜBER«

Das hat mich sinnlos aufleben lassen

Einmal saß vor mir eine Frau

so schön

und ich dachte »Ich muß ihr ganz nahe kommen

damit sich ihre

Schönheit entfalten kann«

aber als ich ihr näher kam

schrumpelte sie zusammen

Wenn ich am hellichten Tag aus der Ebene nach

Norden auf die Stadt zufuhr

war der blaue Himmel über dem Mittelgebirge so dunkel

als ob dahinter die Nachtgrenze sei

es war eine Gewitterstimmung ohne Gewitterwolken

bewölkte Augen bei strahlendem Sonnenschein

und die Sägen haben gekreischt daß ich dabei an

ein Unglück denken mußte

Die Kinder der Siedlung sind mit Rollschuhen

auf der Straße gefahren

»Wo ist deine Mutter?« habe ich eins im

Vorbeifahren fragen hören

»Die ist zum Großmarkt einkaufen«

Das ist mir wie ein Motto zu dem Leben hier erschienen

und ich bin momentan ganz fröhlich geworden

Ich ging zum Telephon und rief alte Bekannte an

Die Freundinnen nach denen ich mich erkundigte

gab es schon lange nicht mehr

immer mehr lebten gerade allein

Ich hob ein paar Brösel vom Teppich auf

Draußen auf der Terrasse lag noch vom Sommer

her der Gartenschlauch im Gras

Ich stieß ein Glas Aquavit um

der kalte Aquavit rann ganz langsam auseinander

wölbte sich an der Tischkante

ohne herunterzutropfen

aufdringlich sind überall die Fliegen gestorben

ich konnte sie sammeln und in den Papierkorb werfen

Wenn ich den Wasserhahn aufdrehte

erwischte ich immer gerade die Chlorbeigabe

die im Zehnminutenabstand erfolgen sollte

und gegen Sonnenuntergang

als ich zum Briefkasten ging