Als der Hahn Caruso mal nicht krähen konnte - Eckart zur Nieden - E-Book

Als der Hahn Caruso mal nicht krähen konnte E-Book

Eckart zur Nieden

0,0

Beschreibung

Eine gut erzählte Geschichte bleibt uns oft länger im Gedächtnis als abstrakte Theorie – das wusste auch Jesus. Er erzählte zahlreiche Gleichnisse und gebrauchte vertraute Bilder, um den Menschen das Himmelreich zu erklären. Jetzt folgt der leidenschaftliche Geschichtenerzähler Eckhart zur Nieden erzählerisch seinen Spuren. Mit seinen 50 humorvollen Tiererzählungen regt er dazu an, geistliche Wahrheiten, den Kern des Evangeliums und die Andersartigkeit des Himmelreichs mit Herz und Sinn zu begreifen. Ein erfrischend kluges und lebensechtes Buch zum Schmöckern und Genießen – und eine wunderbare Gelegenheit, selbst tiefer ins Himmelreich einzutauchen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über den Autor

ECKART ZUR NIEDEN, Jg. 1939, begann nach Abschluss einer technischen und anschließend theologischen Ausbildung zunächst eine missionarische Tätigkeit. Ab 1969 arbeitete er als Rundfunkredakteur beim Evangeliumsrundfunk (heute ERF) und baute später die Fernsehabteilung mit auf. Nebenher schrieb er Bücher für Kinder und Erwachsene. So sind inzwischen über sechzig Titel erschienen.

Über das Buch

Erzähle mir vom Himmelreich …

Eine gut erzählte Geschichte bleibt uns länger im Gedächtnis als abstrakte Theorie. Der leidenschaftliche Geschichtenerzähler Eckhart zur Nieden regt mit seinen 50 humorvollen Tiererzählungen dazu an, geistliche Wahrheiten, den Kern des Evangeliums und die Andersartigkeit des Himmelreichs mit Herz und Sinn zu begreifen. Ein erfrischend kluges und lebensechtes Buch zum Schmöckern und Genießen – und eine wunderbare Gelegenheit, selbst tiefer ins Himmelreich einzutauchen.

Stimmen zum Buch

Einen üppigen Geschenkkorb mit humorvoll verpackten Lebensweisheiten überreicht uns Eckart zur Nieden hier: In tierischer Verkleidung – von A (wie Ameise) bis Z (wie Zebra) – begegnen uns menschliche Schwächen zusammen mit himmlischen Ratschlägen. Kleine Geschichten eines großen Erzählers.

MANFRED SIEBALD, Autor und Liedermacher

ECKART ZUR NIEDEN

Als derHahn Carusomal nichtkrähen konnte

50 GLEICHNISHAFTEERZÄHLUNGEN

Hänssler

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

ISBN 978-3-7751-7666-8 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-6291-3 (lieferbare Buchausgabe)

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

© 2025 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen haenssler.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen.

Weiter wurden verwendet:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Used by permission. (LUT)

Bibeltext der Schlachter Bibelübersetzung. Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung.

Alle Rechte vorbehalten. (SLT)

Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de

Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, www.spika-design.de

Titelbild und Illustrationen im Innenteil: Erik Pabst, www.erikpabst.de

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Inhalt

Über den Autor

Über das Buch

Stimmen zum Buch

Vorwort

Als der Hahn Caruso mal nicht krähen konnte

Die Unterwasseruni

Die zwei Schmetterlinge oder: Titel sind Schall und Rauch

Die Fliege Ikarus und die unsichtbare Wand

Der kleine Kabeljau

Das Gewitter oder: Zehn Kühe und ein Waschbär

Die drei verirrten Gefährten

Der Kohlweißling und das Zeitproblem

Gans oder Schwan?

Die geschwätzige Schwalbe und der misslungene Nestbau

Der Maulwurf als Lebensretter

Die erste Reise der Schneegans

Die schlaue Gazelle und das große Lachen

Streithähne

Das Kuckucksei

Der Gamsbock Alois und der Eindringling

Das Gerücht oder: »So was weiß man eben!«

Die neidischen Vögel

Die Beute des Leoparden

Als die Ameise nach Afrika flog

Revierkampf zweier Könige

Das entführte Bärenkind

Zwei von edlem Geblüt

Die traurige Geschichte von dem etwas umständlichen Vogel Theophil

Der Pottwal und die Gefahr des süßen Lebens

Der äußerst seltsame Pinguin

Der bequeme Schmetterling und die fleißige Biene

Das ängstliche Lämmchen

Die bildschöne Rehdame

Die gedemütigte Schnecke und ihr Racheplan

Das verliebte Eichhörnchen und die poetische Ziege

Wenn Tiere schreiben könnten

Der kleine Polarfuchs

Von der Spinne, die wartete und wartete und wartete

Manchmal kommt es anders, als man denkt

Fuchs und Hase

Das ungewöhnliche Küken Okuli

Das wertlose und doch wertvolle Geschenk

Das Abenteuer der drei Welpen

Drachenspiele

Im Rachen des Krokodils

Der Elefant und die Maus

Der Hamster Nurmi und sein endloser Weg nach Hause

Der Frosch und die verändernde Kraft der Liebe

Die zwei Tauben und die belagerte Stadt

Das Mäuschen und der Distelfink

Die Katze und das Hermelin

Alte Bekannte

Der gefährliche Fluss

Eine mutige Entscheidung

Vorwort

Jesus hat viele Gleichnisse erzählt. In Matthäus 13,34 steht sogar, dass er nie eine Rede ohne Gleichnisse gehalten hat. Warum?

Ein Grund ist sicher, dass wir Menschen das »Himmelreich«, also die unsichtbare Welt Gottes, nicht so verstehen können, wie wir unsere Welt verstehen. Es gibt keine Erfahrungen, keine Worte in unserer Sprache für jene andere Welt. Darum gebrauchte Jesus uns vertraute Bilder und Geschichten und sagte: »Das Himmelreich ist damit vergleichbar«, ähnlich also.

Ein anderer Grund ist vermutlich, dass Geschichten und Bilder die Aufmerksamkeit der Zuhörer eher fesseln, tiefer ins Bewusstsein dringen und länger im Gedächtnis bleiben als abstrakte Wahrheiten.

Aber – ist damit nicht auch die Gefahr von Missverständnissen verbunden? In Matthäus 13 wird zum Beispiel berichtet, dass Jesus ein Gleichnis erzählte (das vom »vierfachen Ackerfeld«) und anschließend seinen Jüngern erklärte, was es bedeutete. Wenn schon seine Leute eine Erklärung brauchten, werden die anderen es doch erst recht nicht ohne verstanden haben! Warum hat Jesus dann die Erklärung nicht gleich mitgeliefert?

Kann es vielleicht sein, dass er seine Zuhörer dazu bringen wollte, selbst nachzudenken? Wenn wir den Sinn einer Gleichnisgeschichte herausfinden, trifft uns die Bedeutung eher und beeindruckt uns mehr als etwas »Vorgekautes«. Denn was wir selbst »entdecken«, leuchtet uns mehr ein und bleibt länger im Gedächtnis.

All diese Beobachtungen und Überlegungen haben mich zu dem Versuch gebracht, geistliche Wahrheiten mit gleichnishaften Fabeln zu erzählen. Fabeln sind traditionell erfundene Geschichten, in denen Tiere denken und reden wie Menschen, wobei den Tierarten oft bestimmte Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Fabeln halten uns Menschen einen Spiegel vor. Und sie dienen dem Zweck, abstrakte Wahrheiten greifbarer zu machen. Gottes Wahrheiten sind so einfach, dass selbst Kinder sie verstehen können – und so können wir aus diesen Geschichten ganz viel über das »Himmelreich« lernen.

Ich habe nach jeder Erzählung ein Bibelwort und meistens einen kurzen Kommentar angefügt, aber wenn Sie diese Erklärungen unbeachtet lassen – auch gut! Ich freue mich für jeden, der einfach die Geschichten liest und auf sich wirken lässt. Falsch verstehen kann man sowieso nicht viel.

Nun wünsche ich Ihnen manches Aha-Erlebnis und viel Freude an dem, was die Bibel Evangelium, das heißt »frohe Botschaft«, nennt. Und ich wünsche Ihnen den Mut, das Erkannte in Tat und Leben umzusetzen.

Als der Hahn Caruso mal nicht krähen konnte

Caruso, der Hahn, hatte Mühe, richtig wach zu werden. Er fühlte sich nicht wohl. Ob er sich ein wenig erkältet hatte? Aber es half alles nichts – er musste aufstehen und seinen Pflichten nachkommen. Er musste den ganzen Hof wecken mit seinem Krähen, Menschen und Tiere. Ja, viel mehr als den Hof – die ganze Welt um ihn herum. Wenn er das Signal gab, dann ging die Sonne auf, die Bäuerin ging zum Melken in den Stall, Max, ihr Sohn, fuhr mit dem Fahrrad in die Schule, und Lisa, die Tochter, wurde vom Bauern in den Kindergarten gebracht. Und natürlich wurden alle Tiere wach: die Kühe, die Schweine, die Katze und auch die Hühner, Carusos eigener Haushalt.

Mühsam stieg der Hahn auf den Misthaufen. Er musste wirklich gesundheitlich etwas angeschlagen sein, denn das strengte ihn sonst nicht so an.

Aber er schaffte es bis oben.

So, nun aber: tief Atem holen und krähen, dass all die faulen Langschläfer aus den Betten fallen!

Aber – o Schreck – er brachte keinen Ton heraus! Nur ein leises Röcheln und Krächzen war zu hören. Das musste wohl von der Erkältung kommen. Er versuchte es noch einmal und immer wieder, mit wachsender Panik. Umsonst!

Was nun? Wenn er nicht das Startsignal für den Tag gab, würden alle verschlafen! Bauer und Bäuerin, die Kinder, die Tiere, ja, auch die Sonne! Alles würde durcheinandergeraten, und er, Caruso, wäre schuld! Er hätte versagt! Nicht auszudenken, was für eine Katastrophe das wäre!

Noch ein verzweifelter Versuch – nichts! Kein Ton, nur der Hals tat ihm weh.

Was war das denn? Es wurde heller! Er blickte zum Wald hinüber, über dem morgens immer die Sonne erschien. Das kann doch nicht wahr sein, dachte Caruso, da geht ja die Sonne auf! Schon schickte sie ihre ersten Strahlen auf den Hof. Und das, ohne dass Caruso gekräht hatte!

Eine Frechheit war das! Die Sonne hatte zu warten, bis Caruso das Startsignal gab! Und da – die Bäuerin ging mit dem Milcheimer in den Stall! Und Max holte sein Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr los! Und alles ohne sein Signal! Ja, macht denn hier jeder, was er will?

Caruso schluckte, erstens wegen der Halsschmerzen und zweitens wegen der Beleidigung, die ihm da widerfuhr. Jahrelang hatte er in großer Treue darauf geachtet, dass alles Tagewerk einen disziplinierten Anfang nahm – alles, was kommen sollte, hing von ihm ab –, und auf einmal schien überhaupt niemand auf ihn zu achten! Als wäre er gar nicht da!

Traurig und geknickt stieg Caruso vom Misthaufen herunter. Wenn alles ohne ihn funktionierte – was hatte dann sein Leben noch für einen Sinn?

Er blickte vorwurfsvoll nach oben. Es war ihm, als würde die Sonne lächeln.

Lächelte sie spöttisch oder freundlich?

David dichtete: »Wenn ich den Himmel betrachte und das Werk deiner Hände sehe – den Mond und die Sterne, die du an ihren Platz gestellt hast –, wie klein und unbedeutend ist da der Mensch« (Psalm 8,4-5). Der Mensch tut gerne so, als sei er der Mittelpunkt der Welt und der Geschichte. Welch ein Irrtum! Und was für ein Hochmut!

Die Unterwasseruni

Der Haifisch erhob seine Stimme, damit alle versammelten Meerestiere ihn gut hören konnten: »Im Namen des Forschungsinstituts der UMG, der Universität des Mittelatlantischen Gebirgsrückens, heiße ich alle willkommen. Ich begrüße herzlich Professor Manta, der uns einen Vortrag halten wird zum Thema: Die Grenzen unserer Lebenswelt. Bitte, Herr Professor!«

Der große Rochen schwamm nach vorn, räusperte sich und begann: »Meine Damen und Herren, verehrte Fische, Oktopusse, Quallen, Seepferdchen, Seesterne, Seegurken und alle anderen Anwesenden! Der Hauptsinn meines Vortrags ›Die Grenzen unserer Lebenswelt‹ ist es, wissenschaftlich erwiesene Tatsachen zur Grundlage unseres Denkens zu machen und damit all jenen Scharlatanen entgegenzutreten, die darüber spekulieren, dass es außerhalb unseres Meeres noch eine andere Lebenswelt gäbe. Es kursieren ja erstaunliche Fantasien über einen Bereich über uns, im Trocknen, wo es blühende Pflanzen in leuchtenden Farben geben soll, und sogar Tiere. Die sollen natürlich nicht schwimmen können und darum auch keine Flossen haben. Stattdessen haben sie angeblich Beine, also lange Gliedmaßen, auf denen sie sich fortbewegen. Ersparen Sie mir weitere Schilderungen dieser utopischen Welt! Lassen Sie mich stattdessen betonen, dass jeder, der nicht spekulieren, sondern sein Weltbild auf empirisch untersuchte Fakten stellen will, erkennen muss: Unsere Lebenswelt hat eine Grenze nach unten – den Meeresboden – und eine Grenze nach oben – die Wasseroberfläche. Darüber ist nur Luft, und da kann niemand leben. Ich sehe gerade, der Krake hebt einen Tentakel. Möchten Sie etwas fragen?«

Der Krake sagte: »Was ist aber mit den fliegenden Fischen?«

»Ich danke für den hilfreichen Hinweis. Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen. Die fliegenden Fische sind ja immer nur sehr kurz außerhalb des Wassers und fallen schnell wieder zurück. Dadurch sind sie nicht gezwungen, draußen zu atmen oder gar Nahrung zu sich zu nehmen. Es handelt sich also dabei nur um einen zeitlich sehr eng begrenzten Ausflug in eine sonst tote Welt. Lassen Sie mich noch ein paar grundsätzliche Bemerkungen machen zum Erkenntnisgewinn. Solange nicht jemand außerhalb des Meeres war, zurückkehrt und Erfahrungen, am besten sogar Beweise, vorlegen kann, dass ein Leben in der gasförmigen Welt nicht nur möglich ist, sondern auch tatsächlich …«

Der Delfin rief dazwischen: »Damit kann ich dienen!«

»Äh – womit?«

»Ich bin es gewohnt, außerhalb des Wassers zu atmen. Wenn ich längere Zeit keine Möglichkeit hätte, Luft zu schnappen, würde ich ersticken.«

»Aber Herr Delfin! Muten Sie uns etwa zu, Ihnen das zu glauben? Wie soll das möglich sein …«

»Sie könnten es ja mal empirisch untersuchen, Herr Professor Flachmann … äh, Herr Professor Manta. Ebenso die Wale …«

»Wir sind hier nicht zusammengekommen, um solche unsinnigen Beiträge ernst zu nehmen, Herr Delfin!«

»Ich habe sogar schon Lebewesen gesehen, die nur an der Luft leben. Sie können gar nicht hier unten schwimmen, sondern treiben mithilfe von technischen Geräten, die sie Boote oder Schiffe nennen, auf dem Wasser, damit sie nicht untergehen in die für sie lebensfeindliche Welt.«

Der Professor räusperte sich und sagte mit leicht erhobener Stimme: »Wir wollen doch wieder zur ernsthaften Wissenschaft zurückkehren, und ich möchte Sie ersuchen, den Vortrag nicht durch Ihre Außenseitermeinung zu stören.«

Der Orca schwamm neben den Delfin und sagte leise: »Komm, mein Freund, wir verschwinden. Gegen empirischen Starrsinn kannst du sowieso nichts machen.«

»Narren sagen sich: ›Es gibt keinen Gott‹« (Psalm 14,1). Oder sie sprechen: »Ich glaube nur, was ich sehe.« Oder: »Es gibt nur das, was mir einleuchtet, oder das, was sich beweisen lässt.« Dabei ist die Wirklichkeit mehr als das Bewiesene und die Wahrheit mehr als das Einleuchtende.

Die zwei Schmetterlinge oder: Titel sind Schall und Rauch

Zwei Schmetterlinge saßen auf einem Zaun. Auf einer Spitze – der linken vom Garten aus gesehen – saß ein Monarchfalter, auf der benachbarten ein Admiral. Es begann mit einem harmlosen Geplauder über die Farben ihrer Flügel, aber bald entspann sich ein heftiger Streit.

»Weißt du überhaupt, was ein Monarch ist?«, schimpfte der linke. »Ein absoluter Herrscher ist das! Ein König oder mindestens ein Großherzog! Da kann ich doch wohl von einem Seemann etwas mehr Achtung erwarten!«

»Seemann?«, erboste sich der rechte. »Du nennst mich einen Seemann? Ein Admiral bin ich, der höchste aller Marineangehörigen …«

»Na, siehst du, aber doch ein Seemann. Ich dagegen herrsche nicht nur über ein paar Kähne, sondern über ein ganzes Land, mitsamt seinen See- und Landstreitkräften!«

»Aber warum herrschst du? Nicht etwa, weil du dafür besonders tüchtig wärst, sondern allein aus dem Grund, dass du erstgeborener Sohn eines früheren Monarchen bist. Der größte Trottel kann erstgeborener Sohn sein.«

»Unverschämt, wie du einen Herrscher von edlem Geblüt …«

»Papperlapapp! Du hast dein Amt nicht verdient. Ich aber sehr wohl! Vom einfachen Seemann habe ich mich durch Fleiß und Können emporgearbeitet. Darum ist ein Admiral ungleich mehr als ein Monarch, weil sein Titel sein Können beweist.«

In diesem Moment landete ein Vogel auf einem dritten Pfosten. Die beiden bunten Schmetterlinge waren so in Rage, dass sie es kaum bemerkten.

»Ihr schmückt euch mit fremden Federn!«, zwitscherte der Vogel.

»Was ist?«, zischte der Monarchfalter, als er seine Wut etwas unter Kontrolle hatte.

»Wieso Federn?«, knurrte der Admiral. »Wir haben keine Federn. Wir haben prächtige Flügel, die …«

»Ich gebrauchte nur eine Redewendung«, erklärte geduldig der Vogel. »Die besagt, dass ihr euch einen Ruhm anmaßt, den ihr gar nicht verdient habt. Weder ererbt noch erworben.«

»Wieso nicht?«

»Woher willst du das wissen?«

»Was geht das dich überhaupt an?«

»Niemand nimmt uns unsere Ehre!«

So redeten die Schmetterlinge durcheinander.

»Eure Ehre ist nur Einbildung«, sagte der Vogel und lächelte. »Du bist ja kein Monarch, sondern nur ein Monarchfalter. Und du bist kein Admiral, du hast nur Flügel, die mit Farbe und Zeichnung an die Uniform eines Admirals erinnern. In Wirklichkeit seid ihr lächerliche kleine Figuren, machtlose Tierchen, denen ihr buntes Äußeres zu Kopf gestiegen ist. Ihr verwechselt Sein und Schein. Ihr nutzt euer Aussehen, um euer mickriges, bedeutungsloses Leben etwas aufzumotzen. Ihr solltet …«

»Was fällt dir ein!«, versuchte der Admiral sich zu wehren. Dem anderen blieb vor Empörung ganz die Spucke weg, und er fand keine Worte.

»Ich bin gespannt«, sagte der Vogel grinsend, »ob ihr auch so gut schmeckt, wie ihr ausseht.« Und schon schnellte sein Schnabel vor und verschlang den Admiral. Der Monarchfalter war starr vor Schreck. Während der Vogel noch damit beschäftigt war, seine Beute hinunterzuwürgen, fand er seine Sprache wieder. Aber er konnte nur ängstlich hauchen: »Wer … wer bist du?«

»Ich bin der Zaunkönig«, erklärte der Vogel. Dann verschlang er auch den anderen Schmetterling und flog davon.

Der weise König Salomo wusste: »Stolz kommt vor dem Verderben und Hochmut vor dem Fall« (Sprüche 16,18).

Die Fliege Ikarus und die unsichtbare Wand

Krach – die dicke Stubenfliege flog mit voller Wucht gegen die Fensterscheibe. Sie fühlte sich ein wenig benommen. Nicht so wie andere, größere, sich in so einem Fall fühlen würden, denn sie war leicht und hatte einen ziemlich harten Schädel. Aber es war trotzdem unangenehm. Und vor allem war es seltsam. Wogegen war sie da gestoßen?

Sie versuchte es noch einmal. Aber wieder kam sie nicht durch diese unsichtbare Wand.

Warum ging das nicht? Sie sah doch die Blumen draußen, den sonnenbeschienenen Garten, die Bäume. Warum konnte sie nicht dahin kommen?

Ein dritter Versuch, ein vierter. Alle ergebnislos, wenn man mal von dem Ergebnis absieht, dass die Fliege allmählich Kopfschmerzen bekam.

Und noch einmal! Es musste doch gelingen! Das war doch entgegen aller Erfahrung, dass sie etwas nicht erreichen konnte, was sie vor Augen sah. War das eine Art Zauber? Sie konnte es sich nicht erklären.

Aber sie weigerte sich, aufzugeben.

Vielleicht hatten die vielen Schläge gegen ihren Kopf sie auch so benebelt, dass sie nicht mehr ganz Herrin ihrer Sinne war. Dass sie vergaß, oder einfach ausblendete, wie viele Anläufe sie bereits genommen hatte, und beim dreiundsechzigsten Versuch meinte, dies sei erst der zweite oder dritte.

Plötzlich hörte sie jemanden sagen: »Nun gib endlich auf, dumme Fliege!«

»Was … wer spricht da?«

Die Fliege setzte sich auf die Fensterbank und ruhte sich ein wenig aus.

»Ich. Hier oben in der Ecke.«

»Ach, eine Spinne.«

»Ich heiße Oktogon und habe hier mein kleines Netz gebaut. Und wie heißt du?«

»Äh … lass mich überlegen! Diese Schläge haben mich ziemlich mitgenommen. Ach, jetzt weiß ich’s wieder: Ich heiße Ikarus.«

»Lass dir von mir eine wichtige Lebensweisheit sagen, Ikarus: Wenn man merkt, dass etwas nicht geht, auch nach zwei oder drei Versuchen nicht, dann ist es dumm, es noch fünfzigmal zu probieren. Ja, diese fünfzig unnötigen Versuche können unter Umständen die Dummheit noch verstärken.«

»Meinst du?«

»Na, du hast es doch selber gerade erlebt!«

»Ja, das stimmt, Oktober.«

»Oktogon. Wegen meiner achteckigen Netzkonstruktion.«

»Ach so, verstehe«, sagte Ikarus, obwohl er überhaupt nichts verstand. »Aber sag mal, Ok…«

»Oktogon.«

»Oktogon, sag mal, was soll ich denn sonst machen?«

»Erstens: Pause machen und still werden und zu Kräften kommen. Zweitens: nachdenken, ob es nicht einen anderen Weg gibt. Und drittens: nach einem solchen Weg suchen. Zufällig weiß ich, dass es einen gibt. Nebenan ist ein Fenster leicht gekippt. Da kannst du durch.«