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Ophelia und Franka – Cousinen, Gefährtinnen, zwei Seelen im selben Takt. Seit ihrer Kindheit sind sie durch Erinnerungen verbunden, durch Lachen, durch ein dunkles Geheimnis, das nur sie beide kennen. Dann trennen sich ihre Wege: Ophelia folgt ihrer Musik nach Yale, Franka verliert sich zwischen Städten, Affären und dem Versuch, irgendwo anzukommen. Als sie in New York wieder aufeinandertreffen, scheint die Nähe von früher zurückzukehren – zart, vertraut, gefährlich. Doch dann flackern Zweifel auf: Hat Ophelia das Geheimnis verraten, das Franka ihr anvertraut hat? Ein Roman über Freundschaft und Verrat, über das, was uns formt – und darüber, wie leicht ein einziger Moment alles zum Einsturz bringen kann. "Eindrucksvoll." Hamburger Abendblatt "Aufwühlend." HÖRZU
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Als der Himmel fiel
JULIE VON KESSEL ist Journalistin und freie Autorin. Seit vielen Jahren arbeitet sie beim ZDF in Berlin. Bislang sind von ihr die Romane Altenstein, Als der Himmel fiel und jüngstens Die andern sind das weite Meer erschienen. Sie wuchs in Helsinki, Wien, Zagreb, Bonn und Washington D. C. auf und lebt heute mit ihrer Familie in Berlin.
Die Cousinen Ophelia und Franka wachsen zusammen am Rhein auf und sind seit Kindheitstagen beste Freundinnen. Bei aller geteilten Freude verbindet sie ein dunkles Geheimnis, das Franka nur Ophelia anvertraut hat und keinem anderen Menschen auf der Welt. Nach der Schulzeit hält ihr inniges Band an, auch wenn sich die zwei Cousinen in unterschiedliche Richtungen entwickeln: Ophelia studiert in Yale Violine, während sich Franka von Praktikum zu Praktikum, von Affäre zu Affäre hangelt. Als sie einen Job in einer New Yorker Galerie findet, ist sie froh, endlich wieder in Ophelias Nähe zu sein. Dann überschlagen sich in New York die Ereignisse, und es mehren sich die Anzeichen dafür, dass Ophelia Frankas Geheimnis verraten hat …
Julie von Kessel
Roman
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Die Originalausgabe erschien 2019 bei Rowohlt Kindler.© 2019 Julie von Kessel© 2026 Julia Eisele Verlags GmbH, Lilienstraße 73, 81669 MünchenUmschlaggestaltung: FAVORITBUERO, MünchenUmschlagillustration: © Julian Barrow/Bridgeman ImagesAutorinnenfoto: © Renate NederBei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected] behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text undData Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Alle Rechte vorbehaltenE-Book powered by pepyrus
ISBN 978-3-96161-277-2
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Titelei
Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
Prolog
Winter
1
2
3
4
5
6
Frühling
1
2
3
4
5
6
Sommer
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
Herbst
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
Anhang
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Für R. M.
Helle Papierschnipsel rieseln durch die milchige Luft, langsam und lautlos, wie zarte Schneeflocken. Sie liegt auf der Seite, ohne sich zu rühren. Sie muss noch auf der Straße sein, doch alles sieht anders aus, eine weiße Winterlandschaft, in der sie völlig allein ist, abgeschnitten von der Welt, von der sie nicht mehr weiß, ob es noch ihre ist. Es ist ganz still. Ihr Gesicht brennt, die Haut fühlt sich an, als wäre sie übersät von winzigen Glaspartikeln. Sie traut sich nicht, ihre Wangen zu berühren.
Es brennt die Hand, es brennt das Haar.
Ihr Mund schmeckt nach Metall.
Vorsichtig stemmt sie sich hoch und setzt sich auf. Ihr ist schwindelig, das Bild vor ihren Augen dreht sich nur langsam mit. Sie sieht sich um, doch sie erkennt nichts, woran sie sich orientieren könnte. Ihr rechtes Knie ist aufgeschlagen, sie fasst an die Wunde und betrachtet das Blut an ihren Fingern.
Plötzlich ist es so, als habe jemand den Ton wieder angedreht, die Geräusche ihrer Umgebung kehren zurück, erst ein Fiepen, das immer lauter wird, dann kommt das Dröhnen einer Auto-Alarmanlage dazu, die heulenden Sirenen der Löschfahrzeuge. Auf der anderen Straßenseite erkennt sie Menschen, sie sind alle mit einer dicken Staubschicht bedeckt und eilen in dieselbe Richtung. Sie steht auf und humpelt ihnen hinterher, so gut es geht. Ihre Schuhe hinterlassen Spuren in der weißen Asche, als wäre sie Neuschnee.
Das Flugzeug tauchte in einem steilen Winkel abwärts und durchbrach die hellgraue Wolkendecke. Unter sich erblickte Franka die endlosen Vororte New Jerseys: symmetrisch angeordnete Miniatur-Städtchen wie auf einem Monopoly-Spielbrett, winzige, quadratische Holzhäuser, die fein säuberlich die Straßen säumten. Ab und zu störte ein Kirchturm oder ein Baseballfeld die Ordnung. Sie flogen tief, der Flughafen konnte nicht mehr weit sein.
Die Passagiere, eingezwängt auf ihren Plätzen und bis vor wenigen Augenblicken noch lethargisch vom achtstündigen Flug, wurden lebendig und rissen die Sichtblenden ihrer Fenster hoch, um einen Blick auf die Stadt zu erhaschen. Es gab einen Knall. Franka zuckte zusammen auf ihrem Platz in der vorletzten Reihe der Kabine. Sie drückte den runden Stein, den Ophi ihr auf ihrer gemeinsamen Sinai-Reise geschenkt hatte, in ihrer Handinnenfläche. Er schmiegte sich passgenau hinein, er war glatt und angenehm kühl. Der Pilot fuhr das Fahrwerk aus.
Sie flogen tiefer. In dem trüben Licht des Winternachmittags konnte sie die Adventsdekoration an den Häusern erkennen, rot-weiße Weihnachtsmänner, die in großen Schlitten von Rentieren über die Dächer gezogen wurden oder Balkone hinaufkletterten. Bunte Sterne in den Fenstern, Lichterketten in den Bäumen. Je ärmlicher die Gegend, desto ausufernder der Adventskitsch, hatte sie mal gelesen.
Am Horizont ragte die Skyline Manhattans in den blassgrauen Winterhimmel. Frankas Herz schlug schneller. Sie durfte es nicht versauen, dieses Mal nicht.
Die Maschine setzte mit einem dumpfen Schlag auf, rollte aus und kam zum Stehen. Franka bahnte sich schlaftrunken ihren Weg durch das Flughafengebäude, hinunter zur Passkontrolle, wo sie sich in die lange Schlange der Nicht-Amerikaner einreihte. Immer noch spürte sie Druck auf den Ohren, sie fühlte sich wie in Watte gepackt, die Welt lag hinter einem dämpfenden Schleier. Ein paarmal gähnte sie in der Hoffnung, dass sich ihre Gehörgänge wieder öffnen würden. Schließlich ließ man sie ins Land, sie zerrte ihre Koffer und den Seesack vom Gepäckband und folgte den Pfeilen Richtung Exit. Im Bus nach Manhattan nickte sie ein.
Am Abend zuvor hatten ihre Mutter und ihr Stiefvater ein Essen gegeben, ursprünglich war es als Abschied für sie und Ophelia geplant gewesen, doch dann hatten Inès und Alexander im letzten Moment abgesagt. Ein Notfall an der Klinik. Marianne war kurz irritiert gewesen (»Am zweiten Weihnachtsfeiertag? Und gilt das auch für Inès, muss sie in der Klinik tanzen?«), dann hatte sie umdisponiert und anstelle ihres Bruders und seiner Frau ein paar Kollegen von Christian eingeladen, außerdem den jungen Kunsthistoriker aus Frankreich, der am Museum gerade ein Jahr lang für seine Doktorarbeit über bayerische Kirchenskulpturen recherchierte.
Franka hörte Stimmen, als sie in den dunklen, langen Flur der weitläufigen Berliner Altbauwohnung ihrer Eltern trat. Sie zog ihren Mantel aus, warf ihn auf einen Berg von Schals und Jacken auf dem Diwan in der Garderobe und eilte ins Wohnzimmer. Der Tisch war gedeckt, die Kerzen brannten schon in den Lüstern und spiegelten sich in den hohen Fenstern, der Christbaum stand immer noch vor dem Kamin. Christian und Marianne saßen auf dem Sofa in der Bibliothek und hielten Champagnergläser in der Hand, sie im hellen Kaschmirpullover, er in einem blauen Hemd mit Manschettenknöpfen. Aus einem Sessel winkte Ophelia ihr zu. Der französische Gast war auf der Chaiselongue platziert worden, ein gutaussehender schwarzhaariger Typ Ende zwanzig. Er lächelte, als er sie sah.
Christian war als Erster bei ihr und umarmte sie, bis Franka sich ihm entwand. Sie strich sich die Haare zurück, begrüßte ihre Mutter, ihre Cousine und streckte dann dem Gast die Hand entgegen.
»Sie sind also der Franzose.«
»Jean-Claude.« Er blickte ihr unverwandt ins Gesicht. »Sehr erfreut«, sagte er.
»Schön, dass du endlich da bist.« Christian legte erneut den Arm um sie. Plötzlich fiel Franka etwas ein. »Die Kartons!« Sie machte einen Satz zur Seite. »Die kann ich unmöglich im Auto stehen lassen. Ophi, hilfst du mir?«
»Hast du deine Wohnung doch untervermietet?«, fragte ihr Stiefvater streng, doch Franka, die mit Ophi schon im Flur war, tat, als habe sie ihn nicht gehört. Fluchtartig verließen die beiden Cousinen die Wohnung.
»Oh Gott, wie ist es?« Franka lehnte sich an den antiken Spiegel im Aufzug und seufzte dramatisch. Ophelia lächelte. Sie trug das dunkelblaue, hochgeschlossene Kleid, das sie bei solchen Anlässen immer hervorholte. »Es ist doch nett von deinen Eltern.«
Franka verzog das Gesicht. »Ja, ja.«
»Hast du gepackt?«
»Was denkst du denn? In ein paar Stunden geht mein Flug. Natürlich nicht!«
Als sie zurückkamen, waren Christians Kollegen eingetroffen, Marianne bat alle an den langen Tisch.
»Und was gibt es so Spannendes in Bayern, abgesehen von Skulpturen vom Christuskind?« Franka schob sich eine Gabel Bœuf bourguignon in den Mund.
»Ignaz Günther«, sagte Jean-Claude mit starkem französischem Akzent. »Er ist ein Bild-auer aus dem achtzehnten Jahr-undert.«
»Hmm.« Die Blicke der Cousinen trafen sich kurz, und Franka, die schon Sekt und Rotwein getrunken hatte, musste sich sehr zusammenreißen, um nicht loszuprusten.
»Und Sie ziehen nach New York?«
»Ja, ich habe einen neuen Job«, sagte Franka. »Bei Lucius Braun in der Galerie. Und Ophi« – sie drehte sich zu ihrer Cousine um, die gerade brav ein Gespräch mit Christians Kollegen angefangen hatte – »zieht mir im Januar nach.« Ihre Cousine grinste. Es war andersherum, sie hatte zuerst die Zusage von Yale erhalten, Franka hatte erst durch Zufall vor zwei Wochen einen schlechtbezahlten Galeriejob in Manhattan ergattert.
»Ich darf nur nach New Haven, leider.«
»Ah, Sie gehen dort zur Uni, ja?«
Ophelia nickte. »Ich nehme Unterricht bei Harry Rosen, er ist Musiker. Ich spiele Geige.«
Jean-Claude wollte sie gerade etwas fragen, da beugte Franka sich vor. »Ich habe Lucius Braun hier in Berlin kennengelernt, über Christian. Jetzt allerdings will er davon nichts mehr wissen. Kennen Sie ihn, ich meine Lucius?«
»Ich glaube schon«, sagte Jean-Claude nachdenklich. »Er ist der Sohn?«
»Dass du dafür deine Wohnung aufgegeben hast!« Christian schüttelte den Kopf. Er nahm seine Hornbrille ab und fasste sich an die Nasenwurzel. »Für dieses Windei! Lucius Braun … ohne seine Herkunft hätte der es in der Kunstbranche niemals zu etwas gebracht.«
Franka kniff unter dem Tisch in Ophelias Oberschenkel.
Es folgte ein trotz allem eigentlich recht lustiger Abend. Ophi kündigte wie immer schon um halb zehn an, gehen zu wollen, als Franka gerade mit Jean-Claude auf dem Balkon stand und rauchte. »Was? Wir gehen jetzt aus. Jean-Claude muss doch noch was anderes von Deutschland sehen als Kirchen. Komm, Ophi – einen Drink!«
Ophelia schüttelte entschuldigend den Kopf und umarmte ihre Cousine. Jean-Claude verzog sich diskret in die Wohnung.
»Tschüs, Frankie. Wir sehen uns in zwei Wochen.«
»Erst in zwei Wochen? Wann ist dein Flug?«
»Ich weiß nicht genau – Halt! Bevor ich es vergesse.« Ophelia zog ein rechteckiges, aufwendig verpacktes Geschenk aus ihrer Tasche und reichte es Franka, zusammen mit einem Briefumschlag. »Hier, wie besprochen.«
»Ophi!« Franka griff nach ihrer Hand. »Du bekommst es sofort zurück, versprochen!«
»Auf keinen Fall!«
»Wir wollen uns nie …«, setzte Franka an.
Ophelia lachte. »Verlassen! Ja, ja, Frankie! Nur jetzt. Für zwei Wochen.«
Ein überwältigender Gestank nach Abfall und Abgasen empfing Franka, als sie an der Penn Station ausstieg. Sie zog ihre Habseligkeiten aus dem Bauch des Busses und warf einen Blick auf den Zettel mit der Adresse, die Lucius ihr geschickt hatte. Die Wohnung konnte nicht weit sein, Chelsea war nur wenige Querstraßen entfernt, das hatte sie auf dem antiken, eingerahmten Stadtplan gesehen, den Ophi ihr am letzten Abend geschenkt hatte. Sie stapfte los durch den grauen Schneematsch, vorbei an den weißen Plastiksternen, die immer noch von den Straßenlaternen hingen, den Obdachlosen, die auf gefalteten Pappkartons entlang des Bürgersteigs lagen, an den hupenden Taxis, die die Zebrastreifen versperrten, und an den Bussen, die beim Anfahren dunkelgrauen, rußigen Qualm ausstießen. Trotz der Kälte merkte Franka, dass sie schwitzte, die Haare klebten ihr nass im Nacken. Sie hatte Kopfschmerzen, ihr war heiß und kalt. Sie durfte nicht krank werden, nicht jetzt. In wenigen Tagen würde ihr Job in der Galerie beginnen. Es wäre der schlechteste Zeitpunkt.
Der Gurt des Seesacks schnitt ihr tief in die Schulter. Sie sah wieder auf ihren Zettel. Noch fünf Kreuzungen.
219 West 25th Street war ein altes ehemaliges Fabrikgebäude aus Backstein. An der Fassade rankten sich Feuerleitern empor, aus den hohen, schmutzigen Fenstern hingen alte Klimaanlagen. Im Erdgeschoss befand sich ein italienisches Restaurant, ein Mann in einer weißen Schürze trug gerade mehrere Müllsäcke heraus und warf sie schwungvoll auf den Bürgersteig.
Hier lag also ihr eintausend Dollar teures WG-Zimmer. Lucius Braun hatte es ihr vermittelt, eine Bekannte von ihm war gerade ausgezogen. Erst hatte Franka geglaubt, sich verhört zu haben, als er ihr die Miete am Telefon genannt hatte, es war kaum weniger, als sie in der Galerie verdienen würde. Trotzdem sagte sie sofort zu, so schnell hätte sie nichts anderes finden können. Außerdem wollte sie ihrem künftigen Chef zeigen, dass sie es ernst meinte mit New York und dem Job. Sie hoffte nur, dass er das auch tat.
Sixth floor walk up stand unter der Adresse. Sie hatte sich erkundigt, was das bedeutete: kein Aufzug, sie musste ihre Sachen selbst hochschleppen, kein doorman, der sie uniformiert unter einer Markise mit einem freundlichen Good Evening, Ma’am empfangen oder ihr die Tür ihres Taxis öffnen würde. Aber sie hatte sich ohnehin geschworen, nie wieder Taxi zu fahren. Sie würde sich jeglichen Luxus verkneifen. Franka warf sich den Seesack über die Schulter und hievte Stufe um Stufe die Koffer hinauf.
Als sie oben ankam, sperrte sie die vier Sicherheitsschlösser auf und stieß die Tür auf. Vor ihr lag ein loftartiges Wohnzimmer mit einer offenen Küche und unverputzten Backsteinwänden. Licht fiel durch die drei riesigen Fenster, über ihr war eine Dachluke, Staubkörner tanzten in der Sonne. Franka rief einen Gruß in die Wohnung, doch zum Glück antwortete niemand, ihre beiden Mitbewohner mussten wohl gerade das Geld für ihre Behausung verdienen. Sie stellte ihre Koffer ab und ging hinein, das helle Holzparkett knarzte unter ihren Füßen. Auf einem langen Tisch in der Mitte des Raumes lag ein Zettel: Willkommen in New York, dein Zimmer ist das neben dem Eingang, die Heizung ist leider nur mit Zange zu bedienen und die Miete für Januar schon morgen fällig. Viele Grüße, Brian und Stacy. Lucius hatte ihr ein paar rudimentäre Fakten über die beiden mitgeteilt, Brian war wohl IT-Spezialist, ein klassischer Nerd also, Stacy arbeitete in einer Konditorei.
Frankas Zimmer war hell und staubig. Ein altes Doppelbett von der Vormieterin stand vor dem verrußten Fenster, das zur Seite des Gebäudes auf das brachliegende Nachbargrundstück hinausging, daneben ein wackeliger Nachttisch. An der Decke verliefen Gas- und Wasserrohre, um die jemand eine Lichterkette gewickelt hatte. Franka setzte sich auf das Bett und sah hinaus: ein schmaler Streifen des Hinterhofs war zu erkennen, die Straße, die sich langsam mit dem Feierabendverkehr füllte, hupende Taxis, die sich ungeduldig vor der roten Ampel drängelten. Sirenengeheul drang hoch zu ihr. An dem Haus gegenüber prangte eine fassadengroße schwarz-weiße Calvin-Klein-Reklame.
Ein eisiger Luftzug wehte durch die Fensterrahmen, Franka fröstelte und zog ihre Strickjacke fester um sich. Sie war immer noch völlig verschwitzt von dem Aufstieg, ihr Kopf dröhnte, jetzt merkte sie, dass sie Halsschmerzen hatte. Bestimmt wurde sie krank. Vielleicht sollte sie eine Apotheke suchen und sich Medikamente besorgen, doch der Gedanke an die fünf Stockwerke ließ sie den Plan verwerfen. Am liebsten hätte sie Ophi angerufen, aber selbst dazu fehlte ihr die Kraft.
Sie unternahm noch einen halbherzigen Versuch, ihren Koffer auszupacken. Den eingerahmten Stadtplan Manhattans stellte sie auf dem Fenstersims neben dem Bett auf, daran lehnte sie ein Foto von sich und ihrer Cousine aus dem Sinai. Beide saßen auf einem Dromedar, Ophelia schützte ihre helle Haut mit einem Safarihut, Franka trug einen Turban, und sie formten beide ein O aus Daumen und Zeigefinger, ein »Alles klar«. Franka betrachtete eine Zeitlang das Bild, legte den runden Stein davor, dann schlief sie ein.
Das Schrillen des Telefons weckte sie. Um sie herum war es stockdunkel. Franka tastete schlaftrunken um ihr Bett. Einen Moment lang konnte sie sich nicht erklären, wo sie war und warum, allein das schreckliche Gebimmel war der Beweis dafür, dass sie sich zumindest in irgendeiner Realität befand, wenn sie auch nicht wusste, in welcher. Sie hoffte inständig, dass das Klingeln von selber aufhören würde. Schließlich fand sie den Hörer.
»Frankie war allein zu Haus, die Eltern waren beide aus«, gurrte die Stimme am anderen Ende. »Als sie nun durchs Zimmer sprang mit leichtem Mut und Sing und Sang – «
Franka stöhnte laut auf. »Ophi.« Sie rieb sich die Augen. »Wie spät ist es?« Sie griff nach dem Wecker und hielt ihn sich direkt vors Gesicht, sah die Zeiger, ohne die Uhrzeit ablesen zu können. In welcher Zeitzone befand sie sich?
»Bei dir ist es, glaube ich, kurz nach Mitternacht – eigentlich unsere klassische Telefonier-Zeit!« Ophelias Stimme klang wach und hell, in Deutschland war es früh am Morgen.
Franka drehte sich im Bett um, wobei sich die Telefonschnur um ihren Oberkörper wickelte. »Ich springe nicht durchs Zimmer, Ophi. Ich werde krank. Bin krank.« Um ihren Hals lag ein brennender Ring, sie konnte kaum schlucken, ihr Kopf fühlte sich an, als klemme er in einem Schraubstock.
Ophelia ergoss sich in den für sie typischen Mitleidsbekundungen. »Oh nein, mein aaaarmes Frankielein. Was ist denn los?«
Vielleicht lag es an Ophelias Stimme, vielleicht am Fieber, dem Jetlag – Franka konnte es sich selber nicht genau erklären –, aber sie begann zu schluchzen. »Ich fühle mich so scheiße. Dabei muss ich doch fit sein.«
»Oh, Frankie, nein!«
»Ich kann es nicht versauen, Ophi.«
»Das wirst du doch nicht.« Ophelias Mitgefühl war wie ein warmes Bad, in das Franka sich seit ihrer Kindheit nur zu gerne gleiten ließ.
»Kannst du nicht früher kommen, Ophi?«, murmelte Franka noch, bevor sie wieder in den Schlaf driftete. »Kannst du nicht umbuchen?«
In Frankas Leben hatte es nie eine Zeit ohne ihre Cousine gegeben. Schon auf ihren Kindheitsfotos waren sie zusammen abgebildet: Franka als strammes, rotwangiges Baby mit schwarzen Augen, dunkelbraunen Locken, das fordernd in die Kamera sah, daneben, drei Jahre älter, aber kaum größer, Ophelia mit ihrem zarten Puppengesicht und dem hellblonden, mit einer Haarspange fixierten Pagenkopf, den Blick verträumt in die Ferne gerichtet.
Immer waren sie zusammen. Bei Geburtstagen, Weihnachtsfesten und an unzähligen Wochenenden im Haus ihrer Großmutter Ruth. Schneeweißchen und Rosenrot, rief diese die beiden oft im Spaß. Wir wollen uns nie verlassen, antworteten die Mädchen dann unisono mit einem Satz aus dem Märchen. Es war ihre Großmutter, die schon früh die Persönlichkeiten der beiden bestimmte, und wie so oft wurde ihr Urteil von allen Familienmitgliedern ungefragt übernommen. »Du bist ja ein ganz feinsinniges, vernünftiges Kind«, hatte sie liebevoll gesagt, als sie sich das erste Mal über Ophelias Kinderwagen beugte. Die wenige Stunden alte Franka dagegen bekam einen Schreikrampf, als sie zum ersten Mal in Ruths Arme gelegt wurde, und reckte die kleine Faust in die Höhe. »Vorsicht vor dem kleinen Stier!«, hatte Ruth streng gesagt. »Mit dem Kopf durch die Wand!« So jedenfalls ging die Familienlegende.
Fast jedes Wochenende verbrachten Franka und Ophelia in Ruths alter Villa am Rhein, in der es nach Staub und Mottenkugeln roch. Stundenlang spielten sie alleine in den hohen, kühlen Räumen hinter den schweren Vorhängen oder draußen zwischen den schattigen Bäumen im Garten. Im Herbst sammelten sie Kastanien, die sie tütenweise bei der Haribo-Fabrik gegen Süßigkeiten eintauschten (auf dem Gelände befand sich ein Tierpark), im Winter warfen sie Steine auf die Eisschollen, die sich am Ufer des Rheins bildeten. Obwohl Franka jünger war, hatte sie immer neue Ideen, schuf neue Welten, dachte sich neue Stücke aus, die sie aufführte. Ophelia übernahm die Rollen, die ihre Cousine ihr zuwies.
Nur abends verbrachte Ruth Zeit mit ihren beiden Enkelinnen. Ophelia durfte dann die schwere, alte Ausgabe des Struwwelpeters aus dem Regal holen. »Du bist noch zu klein, Franka.« Dann las Ruth ihnen mit getragener Stimme daraus vor. Jeden Abend trug Ruth ein Kapitel vor, wohl in der Hoffnung, dass die erzieherische Wirkung auch auf ihr jüngstes Enkelkind abfärbte.
Franka liebte den Klang von Ruths tiefer Stimme, den Singsang ihres Vortrags, doch sie hasste die Geschichten. Sie gruselte sich vor den Flammen, die Paulinchen erfassten – Es brennt die Hand, es brennt das Haar, es brennt das ganze Kind sogar –, und ekelte sich vor dem Häuflein Asche, zu dem das Mädchen aufgrund seines unverbesserlichen Hangs zum Kokeln wurde. Am schlimmsten war Konrads Schicksal. Jedes Mal zuckte sie bei Ruths knarrendem BAUZ! zusammen, egal, wie sehr sie versuchte, sich innerlich darauf vorzubereiten. Da geht die Türe auf! Das Bild des Schneiders, der gebückt und lang vor Gier ins Zimmer sprang, brannte sich ebenso in ihr Gehirn wie Konrads blutende Daumen.
Nie hätte sie gegen Ruths Lektüre protestiert, auch wenn sie oft stundenlang danach wach lag. Ihre Großmutter war nicht jemand, dem man widersprach. Außerdem spürte Franka schon früh, dass Ruth Ophelia vorzog, sie wollte ihr nicht noch einen Grund geben, sie weniger zu mögen. Nach der Geschichte öffnete Ruth immer das Schlafzimmerfenster und löschte das Licht. Wenn ihre Schritte verklungen waren, krabbelte Franka in Ophelias schmiedeeisernes Bett. Dort lagen die Mädchen dann und lauschten den tuckernden Schiffen, die den Rhein hinauf- und hinabschipperten. Oft hatte Franka Angst. »Hast du die Tür geschlossen? Ophi! Der Schneider!« Sie schob ihre klebrige Hand in die ihrer Cousine.
Ophelia strich Franka dann durch die Haare, oder sie erfand eigene Geschichten, um sie abzulenken – helle, bunte Welten, Abenteuer, die sie zusammen in fremden Ländern erleben würden –, bis sie in den frühen Morgenstunden endlich einschliefen.
Als Franka das nächste Mal die Augen öffnete, schienen ein paar Sonnenstrahlen auf ihre Bettdecke. Sie stand auf und schlurfte benommen ins Wohnzimmer. Sie hatte hämmernde Kopfschmerzen, ihr Hals brannte, sie fühlte sich schwach. Bestimmt hatte sie Fieber. Wieder war die Wohnung leer, nur ein paar Zeitschriften auf dem Tisch und ein Kaffeebecher im Müll deuteten darauf hin, dass zwischendurch jemand hier gewesen war. Sie zog sich den Mantel über den Schlafanzug und schleppte sich hinunter auf die Straße, wo sie in einer hell erleuchteten Drogerie zwei Flaschen Hustensaft kaufte. Diese lausige Grippe. Ihre Ankunft in New York hatte sie sich anders vorgestellt.
Als sie das Wechselgeld entgegennahm, fiel ihr das Geld ein, das sie Ophelia schuldete. Ohne sie hätte sie niemals hierherziehen können. Ihr Konto in Deutschland war bis zum Limit ausgereizt. Sie musste es ihr unbedingt bald zurückzahlen, gleich von ihrem ersten Gehalt.
Hoffentlich klappte alles mit dem Job in der Galerie. Sie dachte an Christians mahnende Worte. »Der Typ ist ein Scharlatan, was ist, wenn du deinen Job nach einem Monat verlierst? Hast du irgendeinen Vertrag?« Ihr Stiefvater hatte sich in den letzten Jahren zu einem unverbesserlichen Pessimisten entwickelt. Allerdings musste sie zugeben, dass er oft recht behielt, beruflich hatte sie nicht viel vorzuweisen, sie hatte tatsächlich ihr Studium abgebrochen, zwei Praktika geschmissen, und das mit dem Job im Auktionshaus hatte auch nicht lange geklappt.
»Ach was, Pessimisten haben immer irgendwann recht«, hatte Ophelia tröstend gesagt, als Franka ihr davon erzählt hatte. »Irgendwann verliert man tatsächlich seinen Job, versemmelt eine Prüfung, wird vom Freund verlassen und so weiter.« Du nicht, dachte Franka, aber sie genoss es, dass ihre Cousine wie immer bedingungslos zu ihr hielt.
Als sie wieder oben in der Wohnung ankam, hatte Ophelia ihr eine lange, atemlose Nachricht mit den üblichen Zärtlichkeiten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Mittendrin hatte das Gerät sie abgeschnitten, wahrscheinlich weil sie schon zu lange geredet hatte, sodass die zweite Nachricht nur aus ihrem hellen, perligen Lachen bestand. Franka schlurfte in die Küche. Sie hatte sich bei ihrem Ausflug nichts zu essen gekauft. Mist. Sie öffnete den Kühlschrank, der nichts außer Milch und Sojasoße enthielt, und durchforstete die Schränke. Schließlich fand sie eine alte Packung Cornflakes, die sie sich in eine große Schüssel schüttete und mit aufs Zimmer nahm. Dort öffnete sie eine Flasche Hustensaft und trank sie, ohne darüber nachzudenken, komplett aus, wohl auch aus Hunger. Kurz starrte sie entsetzt die leere Flasche an.
War in dem Zeug nicht auch ein starkes Schlafmittel? Das war wieder einmal typisch für sie und ihre unbändige Gier, nun hatte sie die dreifache empfohlene Dosis eingenommen. Schnell löffelte sie die pappigen Cornflakes hinterher, um noch etwas im Magen zu haben, dann versank sie in einem dichten Nebel.
Den nächsten Tag verbrachte sie in einem tranceartigen Dämmerzustand, aus dem sie selten emporstieg. Oft wälzte sie sich im Bett, ohne zu wissen, ob es Tag oder Nacht war. Jedes Mal, wenn sie die Augen öffnete, bot sich ihr derselbe Anblick: das Fußende ihres Bettes, das Fenster zu ihrer Linken, rechts das leere Zimmer, die unausgepackten Koffer. Als sei die ganze Welt auf diesen Raum geschrumpft, in dem sich lediglich mit der Tageszeit das Licht änderte. Etwas lag bleiern auf ihren Gliedern und drückte sie ins Bett, wenn sie versuchte aufzustehen. Ab und zu klingelte das Telefon.
Gegen Abend hörte sie gedämpfte Stimmen vor ihrer Zimmertür: ihre Mitbewohner. Das Wort hallte in ihrem Kopf, sie musste sich endlich aufraffen, bestimmt lag sie schon zwei Tage im Bett. Sie rappelte sich schwerfällig hoch und schlurfte in die Küche.
Eine kleine, rothaarige Person stand an der Kochinsel, vor sich hatte sie ein paar weiße Papiertüten aufgereiht.
»Hi, ich bin Stacy«, sagte sie und lächelte freundlich.
Franka winkte ihr von der Tür aus zu. »Hallo, ich komme lieber nicht näher, ich bin krank.« Sie wurde sich auf einmal bewusst, wie schlimm sie aussehen musste, und klemmte sich eine fettige Haarsträhne hinters Ohr.
»Oh, du Arme. Hier!«
Stacy reichte ihr eine weiße Papiertüte, auf der Magnolia Bakery stand. »Dort arbeite ich«, sagte sie stolz.
»Ah!« Franka nickte anerkennend, als wisse sie, worum es sich handele. Stacy fing an, von der Bäckerei zu schwärmen, deren Kuchen absolut die besten der Stadt seien. Und die Muffins erst! Franka öffnete die Tüte und zog ein kleines Küchlein mit weißem Zuckerguss hervor. Sie biss zaghaft hinein, das Zeug war abartig süß, sofort schmerzten ihre Vorderzähne. »Köstlich!«
Stacy redete immer weiter, sie erklärte ihr etwas zu den Mülleimern im Hof, Franka verstand nur die Hälfte, das lag wohl noch an dem Hustensaft. Schließlich zog Stacy ihren Mantel an, griff nach der Mülltüte und verschwand. Franka schleppte sich zurück ins Zimmer, schon dieses kurze Gespräch hatte sie ihre gesamte Kraft gekostet. Sie nahm einen tiefen Schluck von der grünen Flüssigkeit und glitt wieder in den Schlaf. In ihrem Kopf hallte das kurze Gespräch mit Stacy nach, ihre Träume pulsierten und rasten, sie schwamm durch bunte Bilderwelten, sie sah sich im Flugzeug sitzen, dann New York von oben, dicht gedrängte Hochhäuser, plötzlich war sie in Ruths alter Villa am Rhein.
Es war Franka, die das verlassene Haus zuerst fand. Sie hatte es bei ihren einsamen Streifzügen am Rhein entdeckt: Wenn man sich hinter Ruths Garten durch die Brombeerbüsche zwängte und das Waldstück durchquerte, kam man zu einem kleinen Pfad, der am Ufer entlangführte. Hier gab es kaum noch Häuser, nur Schienen, über die einmal pro Stunde der Regionalzug ratterte. An dieser Stelle stand – eingekesselt zwischen Fluss und Bahntrasse – eine alte Villa, noch größer und prächtiger als Ruths, aber völlig verfallen. Die Fenster waren vernagelt, das Eingangsportal hatte man zugemauert. Eine Sekte hauste hier, da war sich Franka ganz sicher. Sie entführten Kinder und ketteten sie im Haus an. Das hatte sie von Ruth gehört.
Da Franka mehr Zeit bei Ruth verbrachte als Ophelia, war sie die Expertin für alles, was die Gegend betraf. Einmal war ein Junge beim Spielen vom Zug erfasst worden, man hatte die Stelle abgesperrt und in beide Richtungen einen Sichtschutz aufgebaut, um die Leichenteile zusammenzusuchen. Franka war der festen Überzeugung, dass auch er von den Sektenmitgliedern gekidnapped worden war.
»Sie leben da drin, angekettet wie Tiere.« Frankas große braune Augen waren weit aufgerissen. Ophelia betrachtete sie skeptisch, Franka liebte gute Geschichten, ob sie stimmten, war zweitrangig. »Und was müssen sie machen?«
Franka dachte nach. »Putzen, sie schrubben den Steinboden. Ein Aufseher geht hinter ihnen auf und ab und überwacht sie. Wirklich, das weiß ich von Ruth!«
»Und dann?«
Doch weiter reichte die Phantasie nicht, sie konnte sich nicht vorstellen, was dann mit den Kindern geschah. Oder es war unaussprechlich. Über die Sekte und ihre Mitglieder konnten die Mädchen stundenlang spekulieren. Trugen sie einheitliche Gewänder, beteten sie eine Gottheit an, gab es einen Anführer?
Irgendwann, als die Mädchen sich wie so oft durch das Gebüsch angeschlichen hatten, stand die hintere Tür der Villa plötzlich offen. Frankas Herz pochte vor Aufregung. Ophelia wollte sofort wieder umkehren, aber sie verbot es ihr. Zum ersten Mal ein Beweis, dass hier Menschen lebten! Noch nie waren sie der Sekte so nah gekommen. Licht brannte im Flur, neben dem Hintereingang standen weiße Säcke. Eine Zeitlang verharrten sie untätig im Gebüsch.
»Ich gehe hinein«, sagte Franka schließlich.
»Das wirst du nicht tun.«
»Aber wir müssen die Kinder retten.«
»Wir laufen jetzt nach Hause und sagen es Ruth.«
»Ruth wird es niemals glauben.«
»Ich dachte, sie war es, die dir von ihnen erzählt hat?«
Aber Franka schlich bereits auf die offene Tür zu. Was danach passierte, konnten sie später nur mühsam rekonstruieren – Franka sagte, sie sei bis zum großen Saal vorgedrungen und habe dort weiß gekleidete Männer gesehen (»Sektenanführer«, behauptete sie. »Quatsch: Handwerker«, antwortete Ophi trocken, »oder Kammerjäger«), sie hätten nach ihr gerufen! Auf ihrer Flucht war Franka dann in einen Nagel getreten, der sich durch die dünne Sohle ihres Turnschuhs bohrte, und musste von Ophelia gerettet werden.
Von den entführten Kindern war nicht mehr die Rede.
In der dritten oder vierten Nacht wachte Franka auf. Die Heizung zischte und pochte laut, ihr Magen knurrte, aber das Brennen im Hals war weg. Sie stand auf und ging ans Fenster. Draußen rieselte es in dicken Flocken, eine weiße Schneedecke lag bereits auf der Straße, sie glänzte im Schein der Laterne und war noch unberührt, nur ein paar schmale Reifenspuren durchzogen die Fahrbahn. Es war still, die Stadt leuchtete. Wieder war die Wohnung leer.
Sie ging in die Küche und klaute sich erneut eine Schüssel Cornflakes, die sie in sich hineinschaufelte, während sie stumpf auf die grünen Zahlen der Digitaluhr auf der Mikrowelle starrte: 23 : 48.
Wo war Stacy, wo war dieser Brian? Warum schienen sie fast nie in der Wohnung zu sein? Das Telefon in ihrem Zimmer fing an zu bimmeln. Franka wunderte sich, warum rief jemand kurz vor Mitternacht an? Plötzlich fiel es ihr ein: Silvester! Zwölf Minuten vor Neujahr! Hatte sie jemals einen trostloseren Jahreswechsel verbracht? Allein, im Pyjama, mit fettigen Haaren und einer frischen Hustensaft-Abhängigkeit? Wenn doch nur Ophi da wäre.
Ophi!
Franka stürzte zum Hörer.
»It’s almost sse new year!«, krächzte es am anderen Ende der Leitung. »Zis year is going to be totally different from sse old – «
»Ophi, ich bin gerade aufgewacht, ich habe vier Tage lang nur geschlafen!« Franka lachte. »Ich muss raus!« Schnell zog sie sich frische Kleider an, band ihre Haare zu einem Zopf und sammelte die leeren Hustensaftflaschen ein, die sie in einen Müllsack warf. Sie schob sich den Sinai-Stein in die Hosentasche, dann rannte sie die fünf Stockwerke nach unten. Dabei nahm sie immer mehrere Stufen gleichzeitig, sie fühlte sich auf einmal kräftig und energiegeladen, als hätte sie eine Aufbaukur hinter sich und keine Grippe.
Die Luft draußen war klar und klirrend. Franka trat in den Hof, wo eine dicke weiße Schneeschicht die Mülltonnen bedeckte. Aus dem Restaurant vorne schallte laute Musik. Sie knotete ihre Tüte zu und schleuderte sie – gemäß Stacys Anweisungen – aus mehreren Metern Entfernung auf den Haufen. Als der Sack klirrend aufschlug, sprangen drei oder vier Ratten aus dem Berg hervor und rannten quiekend durch den Schnee in den sicheren Unterschlupf der Brandmauer.
Auf der Straße öffnete sich gerade die Doppeltür des Restaurants, und Dutzende Gäste strömten heraus, lachend und kreischend. Sie versuchten, auf dem Bürgersteig zu tanzen, rutschten immer wieder auf dem Eis aus, die Musik war laut. Ein paar begannen, sich mit Schneebällen zu bewerfen. Der Barkeeper – ein kleiner, untersetzter Mann – brachte ein Tablett mit Champagnergläsern auf die Straße, unter seinem Arm klemmte ein kleiner Rauhaardackel, der einen spitzen bunten Partyhut trug und die Gäste ankläffte. Auch Franka bekam ein Glas in die Hand gedrückt.
Eine Frau blickte auf ihre Armbanduhr. »Quiet!«, schrie sie die Feiernden an, dann: »Ten, nine, eight … !« In dem Moment hielten zwei Taxis, aus denen sich weitere Partygäste ergossen. Die Frau zählte laut die letzten Sekunden herunter, alle anderen stimmten mit ein, auch Franka, und dann war es Mitternacht: »Happy New Year!«
Franka sah noch eine Weile unschlüssig zu, während sich die Partygäste in den Armen lagen. Was sollte sie jetzt tun? Wieder hinaufsteigen und ins Bett gehen? Ophi anrufen? Aber das neue Jahr in New York oben im Lazarett einzuläuten, kam ihr wie ein schlechtes Omen vor. Außerdem fühlte sie sich wach wie lange nicht mehr. Plötzlich hatte sie eine Idee. Sie drehte sich in alle Himmelsrichtungen, um sich zu orientieren, wo war noch mal Westen? Schließlich stapfte sie durch den Schnee in Richtung Broadway, auf dem sie rechts abbog und nach Süden lief.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, zu Silvester allein in der Fremde zu sein. Kleine Maus in großer Stadt. Sie stellte sich vor, wie sie aus der Vogelperspektive wohl aussah, eine winzige Figur, die sich an Kreuzungen durch die Menschenmassen schlängelte, den Schneewehen auswich, die Baustellen umrundete. Jetzt wieder rechts, dann links.
Ein paar Ecken weiter stand ein Mann hinter einem klapprigen Tisch, auf dem etwa zwanzig Schneebälle lagen, fein säuberlich aufgereiht, immer im gleichen Abstand zueinander. Snowballs 5 $, stand in krakeliger Schrift auf einem Pappschild daneben, darunter: hand-made, und, etwas kleiner: each is unique. Franka blieb stehen. Sie wünschte, sie könnte ein Foto für Ophelia machen. Lächelnd sah sie den Verkäufer an und zeigte auf seine Ware.
»Funny.«
»Excuse me?« Der Mann musterte sie grimmig. »Can I help you?«
Franka machte einen Schritt zurück. Sie schüttelte den Kopf. Hatte sie etwas falsch verstanden, war dieser Stand völlig ernst gemeint? »No, thank you«, sagte sie kaum hörbar. Der Mann sah bereits in eine andere Richtung.
Die Canal Street war noch belebt, Touristen und Feiernde schoben sich an den Straßenständen vorbei, an denen Prada-Handtaschen-Imitate angeboten wurden, gefälschte Rolex-Uhren, kopierte Chanel-Sonnenbrillen, winkende Katzen oder lachende Buddhas. Die Händler standen daneben, traten von einem Bein aufs andere und hauchten sich warme Luft in die frierenden Hände.
Franka eilte daran vorbei und erreichte schließlich die Ecke Elizabeth Street. Das Backsteingebäude, in dem sich die Galerie befinden sollte, war ein Stockwerk höher als die restlichen Häuser und stach aus der Reihe hervor wie ein langer Eckzahn. Eiserne, mit schweren Schlössern gesicherte Rollläden hingen im Erdgeschoss vor der Fensterfront. Kein Schild wies auf eine Galerie hin, am Haus prangten chinesische Schriftzüge. Franka bekam Zweifel. Hatte sie sich in der Adresse geirrt?
»Ich ziehe demnächst nach Chinatown«, hatte Lucius Braun ihr an dem Abend in der Bar in Berlin stolz verkündet.
»Aha, ist das irgendwie etwas Besonderes?«, fragte sie provokativ.
Er lachte. »Na ja, ich will es eben anders machen. Nicht ins schicke Chelsea zu den anderen Galerien.«
Franka grinste. »Stimmt, dass du ein Rebell bist, habe ich schon daran erkannt, dass du mit Barbour-Jacke und hellblauem Hemd in einer Berliner Kneipe aufkreuzt.«
Trotzdem fand sie es schwer zu glauben, dass dies wirklich der Ort war, an den er seine Galerie verlagert hatte, zwischen all den China-Trash-Läden. Sie machte ein paar Schritte zurück. War das Haus nicht viel zu schmal, hatte eine Galerie hier überhaupt Platz?
Langsam wurde ihr mulmig zumute. Was, wenn es gar keine Galerie gab? Wie würde sie dastehen, wenn sie jetzt nach Berlin zurückkehrte? Gescheitert, nach nur einer Woche.
Einer der Rollläden war kaputt, ein Stück einer Lamelle war herausgebrochen. Franka stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick in den Laden zu werfen. Licht fiel von außen hinein, sie sah nicht viel außer einem weißen Fußboden. Schließlich fiel ihr Blick auf einen schwarzen Schriftzug: L. Braun Gallery.
Es fing wieder an zu schneien, dicke Flocken rieselten dicht und träge vom Nachthimmel. Franka wickelte sich den Schal um den Kopf und lief in Richtung Süden, wo sie das Feuerwerk hörte. Als sie das Wasser erreichte, sah sie die Brooklyn Bridge vor sich, hell erleuchtet und majestätisch. Sie ließ sich vom Strom der Touristen mitziehen. Der Gehweg zu den beiden gotischen Bögen war voller Menschen, die sich umarmten, einander zuprosteten, feierten, mit roten Wangen und Schals, die im eisigen Wind flatterten, ein Hund zog eine Frau auf Langlaufskiern in Richtung Brooklyn. Franka blickte ihr nach. Es war ein gutes Gefühl, niemanden zu kennen, mit niemandem etwas zu verbinden. In einer Stadt zu leben, in der jedes Gebäude, jeder Stein für einen neu war, und jedes Gesicht, in das man sah, unbeschrieben.
In der Mitte der Brücke standen ein paar junge Musiker und spielten eine Melodie, die Franka an Silvester schon oft gehört hatte. Wie hieß das Lied? Ophi hätte es gewusst. Franka sah nach oben. Das Feuerwerk schien jetzt seinen Höhepunkt zu erreichen, rote und blaue Kugeln erleuchteten den schwarzen Nachthimmel über Manhattan, immer schneller folgten sie aufeinander, dann kam als Finale ein Silber- und Goldregen, der auf die Hochhäuser herniederrieselte. Eine Zeitlang stand Franka noch da und blickte auf die Stadt, die das neue Jahr begrüßte.
Hillrose Avenue galt als eine der schönsten Straßen New Havens, was nicht viel hieß, denn der Rest der Stadt war ziemlich heruntergekommen. Hier aber reihte sich eine herrschaftliche Villa an die andere, und fast alle gehörten sie zur Universität. Hohe, ausladende Buchen säumten den breiten Bürgersteig.
Der Musik-Fachbereich lag in einem viktorianischen Backsteingebäude mit schmalen, hohen Fenstern im Erdgeschoss. Säulen flankierten den Eingang, eine dicke Schneeschicht bedeckte das Dach. Der Himmel färbte sich gerade tiefblau, in wenigen Minuten würde es dunkel sein. Warmes, goldenes Licht fiel aus den Fenstern, in denen einige Gäste zu erkennen waren.
Ophelia stand vor dem Gartentor und zögerte. Sie hatte keine Lust auf die Party. Sie war gerade erst gelandet, hatte lediglich die Koffer in ihrem winzigen Studentenzimmer abgestellt und sich hastig umgezogen.
Am liebsten hätte sie abgesagt, aber sie hatte Harry versprochen zu kommen. Er war so begeistert gewesen, dass sie genau am Tag des Neujahrsempfangs landete, es sei eine tolle Gelegenheit, alle kennenzulernen, die Partys der Musik-Fakultät seien zudem legendär, hatte er ins Telefon gerufen und dann aufgelegt, bevor sie widersprechen konnte.
Also gut. Sie drückte auf die Klingel. Vielleicht würde das Läuten ja in dem Gemurmel und der Musik untergehen.
