Als der Todessturm losbrach - Daniela Behrens - E-Book

Als der Todessturm losbrach E-Book

Daniela Behrens

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jahresende 1738.
Das Auswandererschiff PRINCESS AUGUSTA, unterwegs ins gelobte Land Amerika, wird vom Unglück verfolgt. Das Kommando übernimmt der grausame und geldgierige Andrew Brooks, der sich sogleich daranmacht, die Flüchtlinge aus der Pfalz auszubeuten und zu quälen. Nur eine Handvoll aufrechter Männer, der Erste Offizier Charlie Field und die Auswanderer Johann Häussler und Anton Herzog gehören dazu, wagt es, dem erbarmungslosen Kapitän die Stirn zu bieten. Auch Anna Simon, eine starke Frau, wehrt sich nach Kräften. Hunger, Not und Elend peinigen die Passagiere, doch bei der Mannschaft sieht es kaum besser aus. Sie alle verlieren die Hoffnung darauf, noch rechtzeitig Land zu sichten, als ein Wintersturm losbricht und die See sich in ein brüllendes Ungeheuer verwandelt …
Brooks und seine ihm hörigen Leute, darunter Bootsmann Wenzel, verfolgen trotzdem weiterhin verbrecherische Pläne und treiben die Auswanderer in pure Verzweiflung.
Wird die Gerechtigkeit siegen oder trägt das Böse den Sieg davon?

Dieser abenteuerliche Roman reißt den Leser mit wie eine mächtige Woge ein Schiff.

Die Taschenbuchausgabe dieses Romans umfasst 195 Seiten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

Daniela Behrens

 

 

Als der Todessturm losbrach 

 

 

 

Abenteuerroman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv 

Cover: © by Steve Mayer nach Motiven, 2022

Korrektorat: Antje Ippensen

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

 

Die Handlungen dieser Geschichten sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Als der Todessturm losbrach 

1. Kapitel 

2. Kapitel 

3. Kapitel 

4. Kapitel 

5. Kapitel 

6. Kapitel 

7. Kapitel 

8. Kapitel 

9. Kapitel 

10. Kapitel 

11. Kapitel 

12. Kapitel 

13. Kapitel 

14. Kapitel 

15. Kapitel 

16. Kapitel 

17. Kapitel 

18. Kapitel 

19. Kapitel 

20. Kapitel 

21. Kapitel 

22. Kapitel 

23. Kapitel 

24. Kapitel 

25. Kapitel 

Folgende Bände von Daniela Behrens sind ebenfalls erhältlich, oder befinden sich in Vorbereitung 

 

Das Buch

 

 

Jahresende 1738.

Das Auswandererschiff PRINCESS AUGUSTA, unterwegs ins gelobte Land Amerika, wird vom Unglück verfolgt. Das Kommando übernimmt der grausame und geldgierige Andrew Brooks, der sich sogleich daranmacht, die Flüchtlinge aus der Pfalz auszubeuten und zu quälen. Nur eine Handvoll aufrechter Männer, der Erste Offizier Charlie Field und die Auswanderer Johann Häussler und Anton Herzog gehören dazu, wagt es, dem erbarmungslosen Kapitän die Stirn zu bieten. Auch Anna Simon, eine starke Frau, wehrt sich nach Kräften. Hunger, Not und Elend peinigen die Passagiere, doch bei der Mannschaft sieht es kaum besser aus. Sie alle verlieren die Hoffnung darauf, noch rechtzeitig Land zu sichten, als ein Wintersturm losbricht und die See sich in ein brüllendes Ungeheuer verwandelt …

Brooks und seine ihm hörigen Leute, darunter Bootsmann Wenzel, verfolgen trotzdem weiterhin verbrecherische Pläne und treiben die Auswanderer in pure Verzweiflung.

Wird die Gerechtigkeit siegen oder trägt das Böse den Sieg davon?

 

Dieser abenteuerliche Roman reißt den Leser mit wie eine mächtige Woge ein Schiff.

 

 

***

 

 

Als der Todessturm losbrach

 

 

1. Kapitel

 

 

Das Schweigen an Bord der PRINCESS AUGUSTA wurde vom Knarren des Tauwerks nicht beeinträchtigt. Die Segel killten. In regelmäßigen Abständen klatschte es außenbords. Die zwei Männer an der Reling bückten sich wieder. Zum letzten Mal.

Eine Frau schluchzte laut auf. Sie barg ihr Gesicht an der Brust des hageren Mannes, der neben ihr stand.

Andrew Brooks nickte. Die Matrosen hievten die Leiche des Kapitäns über Bord. Der Erste Offizier schlug die Bibel zu. Er wandte sich ab.

»Still, Anna! Wir gehen unter Deck. Du musst ausruhen. Es ist jetzt vorüber.«

Anton Herzog redete halblaut auf die schluchzende Frau ein. Er führte sie zum Niedergang und stützte sie, als sie die Treppe erreichten. Das Gesicht des Mannes war bleich. Er hatte eben erst die Vergiftung überstanden, die hundertvierzehn Menschenleben gefordert hatte. Darunter die Hälfte der Mannschaft und der Kapitän.

Anna Simon zwang sich zur Ruhe. Ihre Hände krampften sich um den Oberarm ihres Begleiters. Der Blick ihrer Augen wirkte leer und stumpf. Die Frau war zweiundzwanzig Jahre alt. Ihr abgehärmtes Gesicht, ihr gebeugter Gang, die tief in den Höhlen liegenden Augen und das strähnige Haar ließen sie um zehn Jahre älter erscheinen.

Anton Herzog, ihr Verlobter, nahm das überhaupt nicht wahr. Er wusste um die grausamen Wunden, die der plötzliche Tod von Annas Eltern gerissen hatte. Ihm erschien es jetzt noch wie ein Wunder, dass er und Anna die schwere Vergiftung überstanden hatten und noch lebten.

So wie Anton Herzog erging es auch den zweihundertvierzig Menschen an Bord. Noch am Tag vorher hatte niemand gezweifelt, dass der Tod allen sicher war. Die PRINCESS AUGUSTA hatte keine Fahrt gemacht. Wie ein Totenschiff hatte sie auf dem glänzenden, unbewegten Wasser gelegen. Stöhnen, Keuchen und Schreie Sterbender hallten durch das Schiff. Es hatte nach Verwesung gestunken. Unter Deck war nur geblieben, wer sich nicht erheben konnte, wer zu schwach war, sein Lager zu verlassen.

Unmenschliche Zustände mussten ertragen werden. Schon die Erinnerung daran schnitt Anton Herzog die Atemluft ab.

Das Paar wich einer Gruppe Frauen aus, die energisch die Planken scheuerten. Der Boden war feucht vom Seewasser. Sand knirschte unter den Tritten.

Anton Herzog blieb stehen. Er deutete auf einen Strohsack.

»Nur ein paar Minuten, Anna. Dann geht es dir wieder besser. Du bist noch schwach von der Krankheit. Und … es hat uns alle mitgenommen. Wir müssen dankbar sein, dass wir noch am Leben sind.«

Die Frau legte sich auf den Rücken. Sie hatte die Augen geschlossen.

»Am Leben?«, fragte sie leise. »Ich weiß nicht, was Leben überhaupt ist, Anton. Seit wir dieses Schiff betreten haben, verfolgt uns das Unheil. Wir haben die Heimat verlassen, weil wir dachten, unser Leben ist in Gefahr. Und fast die Hälfte unserer Leidensgenossen hat eben dieses Leben verloren. Alle haben geglaubt, wir würden in eine neue, glückliche Zukunft segeln. Und jetzt? Was steht uns noch bevor, Anton? Werden wenigstens wir diese glückliche Zukunft kennenlernen?«

Der bleiche Mann setzte sich auf den Strohsack.

»Du bist enttäuscht, weil du Schreckliches mitgemacht hast. Du glaubst nicht mehr an die Zukunft, weil dein Körper noch ausgezehrt ist. Du hast noch nicht die Kraft gefunden, zuversichtlich zu sein, Anna. Es werden wieder andere Zeiten kommen. Deine Wunden werden vernarben.«

Anton Herzog erhielt keine Antwort. Anna lag mit geschlossenen Augen da. Ihr Gesicht wirkte noch fahler als an Deck. Sie sah aus wie eine Tote.

Der Mann presste beide Hände vor das Gesicht. Er krallte die Finger in das lockige Haar.

Kommandos schollen über Deck. Und dann ging ein Ruck durch die PRINCESS AUGUSTA. Die Viermastbark nahm Fahrt auf. Das Leben hatte einen neuen Anfang genommen.

Anton Herzog sah den Mann nicht, der neben dem Niedergang stand und zu ihm herüberblickte. Er war groß, wirkte ein wenig klobig und unbeholfen. Seine Schultern waren breit, der Rücken kräftig. Jeder konnte dem blonden Mann ansehen, dass er hart gearbeitet hatte in seinem Leben. Sein Gesicht war flächig, der Mund eine Spur zu breit. Das Kinn war eckig. Es sprang etwas vor und schuf einen Ausgleich zu den breiten, hervorstehenden Backenknochen. Die Stirn war gefurcht, um die Augenwinkel lagen unzählige Falten.

Johann Häussler fuhr sich mit den schwieligen Händen über das kurzgeschorene Haar. Er wandte sich zur Treppe und stapfte nach oben.

Die um die Hälfte dezimierte Mannschaft hatte alle Hände voll zu tun, den Befehlen des Zweiten Offiziers nachzukommen.

Charlie Field stand auf dem Achterdeck. Sein Gesicht war von einem ungesunden Gelb überzogen. Seine Bewegungen wirkten fahrig, als er die Hand an die Stirn hob, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Mit der Linken stützte er sich am Kompasskessel auf. Seine Stimme klang noch schwach.

Johann Häussler blickte hinauf in die Wanten. Ihm wurde schwindlig, als er die Matrosen sah. Sie gaben sich redlich Mühe. Dennoch konnte keiner verbergen, dass seine Kräfte nur einen Teil dessen betrugen, was er sonst leisten konnte. Wenige nur waren ganz verschont geblieben von der furchtbaren Vergiftung, die so viele Opfer gefordert hatte.

Es war ein offenes Geheimnis, wie es zu dieser Katastrophe gekommen war. In den Trinkwasserbehältern hatten sich alte Weinreste befunden. Durch diese Rückstände waren die Trinkwasserreserven ungenießbar geworden.

Als die ersten Krankheitsfälle auftraten, hatte jeder an eine Seuche an Bord geglaubt. Als die wirkliche Ursache aufgedeckt wurde, war es für viele zu spät gewesen. Und der Verantwortliche?

Danach wagte keiner zu fragen. Die Mannschaft kannte ihn. Sie schwieg. Und dies aus gutem Grunde. Denn nach dem Tod des Kapitäns hatte Andrew Brook, der Erste Offizier an Bord der PRINCESS AUGUSTA, das Kommando übernommen. Wer diesen Mann kannte, hasste und fürchtete ihn. Wer ihn leiden konnte, kannte ihn nicht.

Der breitschultrige Pfälzer blickte hinaus auf die glänzende Wasserfläche. Katzenpfoten kräuselten sich. Eine leichte Brise kam auf und vertrieb endgültig den Todeshauch von der PRINCESS AUGUSTA. Sie blähte die Segel.

Charlie Field ließ jeden Fetzen Tuch setzen. Unsicher blickte er auf Brook, der unbemerkt neben ihn getreten war und den Sextanten in der Hand hielt.

»Nun, Mr. Field? Was halten Sie davon?«

Der hagere, schmächtige Mann räusperte sich verlegen. Er hüstelte nervös und zuckte die Schultern.

»Ich weiß nicht, Mr. Brook. Sieht aus, als sollte aus der Flaute ein Sturm entstehen. Meinem Gefühl nach bekommen wir schweres Wetter. Wir sollten möglichst rasch die Position bestimmen und den neuen Kurs abstecken. Falls wir Sturm … ich meine, dass wir bei schwerer See noch weiter vom Kurs abkommen und …«

Er hörte zu reden auf, schluckte ein paarmal trocken und zuckte wieder die Schultern. Der verächtliche Blick entging ihm nicht, den Brook ihm zuwarf.

Johann Häussler sah diesen Blick ebenfalls. Nicht zum ersten Mal. Er hatte schon öfter beobachtet, dass Andrew Brook für den Zweiten Offizier nur blanke Verachtung übrighatte.

Vielleicht lag das am Gegensatz der Charaktere. Brook war ein fülliger, fast fettleibiger Mann mittlerer Größe. Sein Kopf saß auf einem kurzen Hals und sah aus wie eine Kugel, die zwischen den Schultern liegt. Das dicke Gesicht glänzte. Die aufgedunsenen Wangen und eine breite Nase ließen seine Augen als dünne Schlitze erscheinen. Eine beträchtliche Stirnglatze vermittelte dem Betrachter das Bild eines glatten, abweisenden Menschen. Nichts an Brook strahlte die dicken Menschen nachgesagte Gemütlichkeit und Ruhe aus.

Unbemerkt hatte sich das Blau des Himmels am Horizont in bleifarbenes Grau verwandelt.

Johann Häussler hatte bereits einen Blick für die verschiedenen Farbtöne des Himmels. Zwei Monate auf See waren eine lange Zeit. Sechzig Tage, in denen auch eine Landratte vieles verstehen lernt.

Andrew Brook verließ seinen Platz. Er verschwand wieder unter Deck. Die Matrosen enterten nieder. Sie hatten weiche Knie von der Anstrengung und kamen Fields Kommando nur widerwillig nach, als seine dünne Stimme über Deck scholl: »Schotten dicht, Männer! Macht schon! Los, bewegt euch endlich!«

Johann Häussler fröstelte, als eine Bö in die Segel fuhr. Sie ließ die Bark leicht rollen. Der Bug schnitt tiefer ins Wasser und eine Gischtwolke sprühte auf. Feiner Wasserstaub wirbelte empor und benetzte das Gesicht des blonden Mannes.

Charlie Field blickte hinauf in die Takelage. Er runzelte die Stirn. Dann befahl er dem Rudergänger, die PRINCESS AUGUSTA dichter an den Wind zu bringen.

Johann Häussler verließ seinen Platz. Er ging an der Reling entlang in Richtung Achterdeck.

Das Achterschiff war für die gewöhnlichen Passagiere Sperrgebiet. Nur ein Dutzend Privilegierter hatte die Erlaubnis, sich auf dem ganzen Schiff frei zu bewegen. Privilegierte, die fast die doppelte Summe für die Überfahrt nach Philadelphia bezahlt hatten. Diesen Passagieren waren Unterkünfte auf dem Achterschiff zugewiesen worden.

Komfort wollte bezahlt sein. Eine Koje konnte sich leisten, wer auch bis jetzt höchst selten erfahren hatte, was Hunger für ein Gefühl ist.

Häussler überkam unwillkürlich ein Lächeln, als er daran dachte. Irgendwo gab es noch das, was Gerechtigkeit genannt wurde. Das war kein Trost, wurde von dem Mann aber als beruhigend empfunden. Vielleicht auch mit einer Spur Genugtuung.

Der Tod war gerecht. Er hatte auch vor den Begüterten nicht haltgemacht. Er hatte sie ebenso weggerafft wie die armen Teufel, die sich im Vorschiff auf faules Stroh betten mussten, und wie die anderen, die mittschiffs als einzigen Luxus Strohsäcke bekommen hatten.

Häussler blieb vor der Treppe stehen, die zum Achterdeck hinaufführte. Er bemerkte die hochgezogenen Brauen von Field, sah, dass der Rudergänger betont aufmerksam nach backbord starrte.

Der breitschultrige Mann atmete energisch aus. Dann setzte er den Fuß auf die Treppe. Sie knarrte, als er sein Gewicht verlagerte. Rasch legte er die fünf Stufen zurück und stand gleich darauf vor dem Zweiten Offizier.

Field starrte den Mann an, als hätte dieser vor seinen Augen eine Todsünde begangen. Er holte Luft, wollte etwas sagen. Doch dann glitt sein Blick über die kräftige Figur Häusslers. Field schien zu überlegen, ob es vernünftig war, Häussler zurechtzuweisen.

Der Blonde hielt dem Blick stand. Er merkte, wie der Mut des hageren Field in sich zusammenfiel.

Endlich öffnete Charlie Field den Mund.

»Was kann ich für Sie tun, Mister …?«

»Mir ist nur was eingefallen.« Häussler hatte eine raue Stimme. Er redete in einem kehligen pfälzischen Dialekt, den Field nur schwer verstand, obwohl er der deutschen Sprache mächtig war.

»Eingefallen?«

Häussler stemmte die Fäuste in die Hüften.

»Ja. Ich meine … weil doch so viele Menschen gestorben sind. Da muss doch jetzt mehr Platz auf dem Achterschiff sein. In den Kammern. Da vorne sind noch ein paar Kranke und zwei Frauen, die ein Kind erwarten. Kann man sie nicht da unten unterbringen?«

Field blickte den Mann ausdruckslos an. Seine Miene war starr wie eine Maske. Er gab keine Antwort. Häussler kam es vor, als hätte Field die Frage gar nicht gehört.

»Ist es … hm, erlauben Sie das, Herr Field?«

Der Angesprochene schrak auf. »Wie?«, fragte er zerstreut. »Was haben Sie gesagt?«

»Es ist wegen der Frauen, Herr Field. Ob man sie in den Kammern auf dem Achterschiff …?«

Charlie Field senkte den Kopf. Als er ihn wieder hob, blickte er den Mann vor sich mit einem Ausdruck von Mitleid an.

»Ich kann das nicht entscheiden, Mister … ich muss mit dem neuen Kapitän sprechen. Aber ich fürchte, er wird es nicht erlauben wollen.«

»Aber …«

Johann Häussler wollte widersprechen. In diesem Augenblick erschien Andrew Brook an Deck. Er ging zielstrebig auf die Männer zu. Sein linker Mundwinkel war leicht nach unten gezogen. Seine kleinen Augen wurden noch enger.

»Wer hat dir erlaubt, das Achterdeck zu betreten, du ungehobelter Lümmel?!«, fuhr er Häussler wütend an. »Wenn du dich nicht an die Vorschriften hältst, kommst du in Ketten! Hast du mich verstanden? Ich werde euch nicht mit Samthandschuhen anfassen, wie der Kapitän es immer getan hat. Gott sei seiner Seele gnädig.«

Brook war einen Kopf kleiner als der vor ihm stehende Häussler, der dagegen wie ein Riese wirkte.

»Ich wollte nur etwas fragen, Kapitän. Wegen der Frauen. Es ist, weil sie doch …«

»Was für Frauen? Was willst du? Verlass sofort diesen Platz, sonst kommst du in Eisen! Fragen kannst du an die Mannschaft richten. Hier ist der falsche Ort!«

Mit ausgestrecktem Arm zeigte Brook zum Vorschiff. Er atmete hastig.

Johann Häussler war ein gerader, aufrichtiger Mann ohne übertriebene Scheu, der sich für seine Überzeugung einzutreten getraute. Er wich noch nicht zurück. Noch einmal versuchte er, Brook zu sagen, was er Field schon mitgeteilt hatte.

»Aber Herr Brook … Kapitän, meine ich, die Frauen sollten wirklich in eine bessere Unterkunft kommen. Und jetzt, wo doch viel mehr Platz ist, muss es möglich sein, dass man sie im Achterschiff unterbringen könnte. Da vorn haben sie es viel zu schwer. Es ist eine Qual für sie.«

Anstatt ihm eine Antwort zu geben, wandte sich Brook um. Er war blutrot im Gesicht vor Zorn.

»He, Matrose! Du! Ja, dich meine ich! Komm her, Mann! Du bist doch der Wenzel?«

Der rothaarige Mann, den Brook angesprochen hatte, kam eilends herbei. Er war kräftig gebaut, hatte einen eckigen Schädel und große, abstehende Ohren.

»Aye, Kapitän.«

»Schaffe mir den Kerl aus den Augen! Mach mit ihm, was du willst! Meinetwegen wirfst du ihn über Bord! Er kommt mir nicht mehr auf das Achterdeck!«

Der Matrose warf Häussler einen abschätzenden Blick zu. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und ging mit kleinen Schritten auf den Mann zu.

Johann Häussler begriff, dass Brook nicht im Traum daran dachte, seinen Vorschlag zu überdenken. Er sah den Mann auf sich zugehen, überlegte, ob er sich wehren oder besser zurückweichen sollte.

Wenzel griff nach Häussler. Aber der Blonde wich rasch aus. Er ging rückwärts zur Treppe.

Stephan Wenzel grinste unheildrohend. Er folgte dem zurückweichenden Mann, holte aus und wollte zuschlagen.

Alles konnte Johann Häussler ertragen. Nur nicht, wenn ihn einer angriff, ohne dass er ihm einen Grund gegeben hatte. Er sah die Faust auf sich zuschießen, beugte sich blitzschnell nach links, dann griff er nach der Faust des Matrosen. Er umklammerte das Handgelenk und riss den Mann zu sich heran.

Der Rothaarige stieß einen dumpfen Überraschungslaut aus.

Der Schwung, mit dem Stephan Wenzel von Johann Häussler nach vorn gerissen wurde, war so heftig, dass der Rothaarige ihn nicht mehr abbremsen konnte vor der Treppe. Er ruderte verzweifelt mit dem freien Arm, versuchte, nach Häussler zu treten, dann verlor er das Gleichgewicht.

Mit einem Aufschrei stürzte er die Treppe hinunter und schlug mit einem dumpfen Poltern auf den Planken auf.

Charlie Field hatte den Mund aufgerissen. Er wagte nicht zu glauben, was er sah. Ein Passagier, der sich an einem Mitglied der Besatzung vergriff. Dafür konnte der Kapitän die Todesstrafe aussprechen.

Der dicke Brook stand da, als hätte ihn einer mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Seine Wangen röteten sich, die Zornesadern schwollen.

»Du Hund!«, brüllte er plötzlich los, als er sah, dass der breitschultrige Blonde mit einem gewaltigen Satz die Treppe hinuntersprang und sich auf den noch immer auf den Planken liegenden Matrosen stürzen wollte.

Johann Häussler ahnte, dass der Rothaarige für ihn eine erhebliche Gefahr darstellen würde, sobald der Mann erst wieder auf die Beine kam. Deshalb warf er sich auf Wenzel. Er hoffte, dass der Matrose klein beigeben würde, wenn er merkte, dass Häussler ihm überlegen war.

Aber Stephan Wenzel rollte herum. Er war flink und tückisch.

Der klobige Häussler bekam den Matrosen nur noch mit der Linken zu fassen. Er traf ihn mit der Faust am Brustkorb. Blitzschnell warf er sich herum.

Aber Stephan Wenzel war schon auf den Beinen. Er hatte, ohne dass Häussler das richtig bemerkte, einen Belegnagel an sich gerissen.

Häussler sah, wie der Matrose die Faust hob. Er starrte auf den Belegnagel, der pfeilschnell auf ihn zukam.

Mit einer verzweifelten Bewegung riss der Blonde den Kopf weg, wollte ausweichen. Aber zu spät.

Es klatschte dumpf, als der Belegnagel Häusslers linke Schulter traf.

Dem blonden Mann entfuhr ein lauter Schmerzensschrei. Er spürte einen heftigen, brennenden Stich, der durch die ganze linke Körperhälfte raste. Der ungeheure Schmerz trieb den Pfälzer wieder hoch. Er kam auf die Knie, er wollte sich schleunigst aufrichten.

Da schlug Wenzel wieder zu.

Dieses Mal traf der Belegnagel den Kopf des Blonden. Es krachte, als würde das Hartholz den Schädel des Mannes zermalmen.

Mit einem erstickten Ächzen sank Häussler zusammen. Sein schwerer Körper wurde schlaff, als er die Planken berührte.

Schwer atmend richtete sich Stephan Wenzel auf. Er wandte sich zu Andrew Brook um.

»Was soll mit dem Mann geschehen, Kapitän?«

Erleichterung zeigte sich in den Zügen von Andrew Brook. Er dachte ein paar Sekunden nach.

»Bring ihn ins Kabelgatt! Er braucht eine Weile, bis er wieder zu sich kommt. Vielleicht wird er vernünftig, wenn er eingesperrt ist. Wenn wir mehr von diesen Verrückten auf dem Schiff hätten, wäre die Hölle los.«

Wenzel nickte. Er bückte sich und packte mit beiden Händen den Bewusstlosen. Keuchend schleppte er den schweren Körper über Deck nach vorn zum Kabelgatt.

Brook hatte die Szene anscheinend schon wieder vergessen. Er blickte hinauf auf die See, auf der allmählich eine kräftige Dünung aufkam.

»Wir sind weit nach Norden vom Kurs abgekommen, Mr. Field«, erklärte der füllige Mann gelassen. »Wenn Sturm aufkommt, besteht Gefahr, dass wir noch weiter abkommen. Wir müssen die Brise aus Norden ausnützen. Geben Sie Kommando zum Halsen, Mr. Field! Kurs hart Südwest!«

»Alle Mann klar zum Halsen!«

Das Kommando trieb die müden und abgerackerten Matrosen an Deck. Charlie Field ließ ihnen nicht viel Zeit zum Verschnaufen.

»Brassen klar zum Laufen! Geit das Großsegel auf!«

Die Kommandos des Zweiten kamen präzise und rasch. Aufmerksam beobachtete Charlie Field die Reaktion der PRINCESS AUGUSTA. Er behielt den Rudergänger im Auge.

»Besansegel bergen!«

Die Bark verlor Fahrt.

»Auf das Ruder! Großrahen vierkantbrassen!«

Die PRINCESS AUGUSTA fiel ab. Field blickte auf den Kompass.

»Hart Südwest, Mann!«

Der Rudergänger schrak zusammen.

»Setzt das Besansegel! Großtopp anbrassen!«

Die Kommandos wurden rasch ausgeführt. Die Bark nahm wieder Fahrt auf.

Charlie Field wartete, bis die Segel getrimmt waren, dann gab er Befehl, das Deck aufzuklaren. Er schnupperte in die kalte Brise. Es roch nach Schnee. Waren sie schon so weit nördlich?

Der schmächtige Mann warf noch einen Blick auf den Kompass, bevor er zur Reling stapfte. Er spürte, wie die kalte Luft in seine Haut schnitt. Der Wind kam böig. Er ließ die PRINCESS AUGUSTA ächzen.

Mittschiffs stand eine Gruppe Auswanderer. Die Männer drängten sich eng zusammen. Sie hatten die Köpfe eingezogen und die Hände in den Taschen.

Field fragte sich, was die Männer miteinander besprachen. Er hörte einzelne Wortfetzen, konnte sie aber nicht verstehen.

Im Grunde hatte der Zweite Offizier der PRINCESS AUGUSTA Mitleid mit den armen Teufeln, die eine Passage nach Philadelphia gebucht hatten. Die meisten waren so arm, dass sie das für die Überfahrt nötige Geld irgendwie zusammengekratzt hatten. Wenn sie in Philadelphia ankamen, waren sie mittellos in einem fremden Land, hatten nichts zu beißen und suchten vergeblich nach den Orten, wo den Gerüchten nach Milch und Honig fließen sollten.

Immer wieder die gleichen Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen. Und immer wieder die gleichen Tragödien, die sich abspielten.

Wer die Passage ins gelobte Land lebend überstand, wurde mit einer rauen, oft unmenschlichen Wirklichkeit konfrontiert, die erst zum eigentlichen Kampf herausforderte. Wer zu schwach war oder zu alt, ging unter. Wer sich nicht zurechtfand, geriet erst wirklich in die Hölle. Überstand er auch die, hatte er Aussichten, ein Leben in bescheidenen Verhältnissen führen zu können.

Nur wenigen war es vorbehalten, ihr Glück zu machen. Und doch hoffte jeder auf die Gunst des Schicksals.

Es war schwer für einen Mann wie Charlie Field, diese Menschen zu verstehen, obzwar er die Notwendigkeit ihrer Schritte einsah. Er hätte sein Leben niemals aufgegeben, um es in einem unbekannten Land neu zu beginnen. Dort, wo Unsicherheit und dunkle Gefahren drohten, wo die übelsten Gerüchte über grausame wilde Teufel erzählt wurden, die Menschen massakrierten.

Für Charlie Field war es auch schwer, sich vorzustellen, dass diese ausgemergelten, abgehärmten Gestalten die Strapazen durchhalten würden, die ihnen noch bevorstanden. Sicher würde ein Teil der Passagiere, vornehmlich die begüterten, keine großen Sorgen haben, wenn sie sich eine neue Existenz aufbauten. Geld öffnete auch in der neuen Welt Tür und Tor.

Geld! Das Zauberwort, bei dem das Herz schneller schlug, das Blut rascher durch die Adern rollte.

Auf den Zweiten Offizier der PRINCESS AUGUSTA hatte dieser Zauber wenig Einfluss. Dafür mehr auf den bisherigen Ersten und jetzigen Kommandanten der Bark, Andrew Brook.

Der fettleibige Brook entstammte wie Field der bürgerlichen Mittelschicht Englands.

---ENDE DER LESEPROBE---