2,99 €
Eva Maria Weidner verdient sich ihr Geld als Näherin, In diesen wirtschaftlich boomenden Nachkriegsjahren, den frühen Fünfzigerjahren, muss sie sich als alleinstehende junge Frau durchschlagen und glaubt, nur vom Glück träumen zu können. Doch dann passiert das Wunder. Eva Maria bekommt die Eintrittskarte in eine Gesellschaft, die üblicherweise ihresgleichen verschlossen bleibt. Ab jetzt wäre eigentlich alles so einfach – wenn da nicht das Schicksal für manche Irrwege sorgen würde.
Die Taschenbuchausgabe dieses Romans umfasst 178 Seiten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Daniela Behrens
Auf verschlungenen Pfaden zum Glück
Schicksalsroman
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer nach Motiven, 2022
Korrektorat: Roland Heller
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
Die Handlungen dieser Geschichten sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.
Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Auf verschlungenen Pfaden zum Glück
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Folgende Romane von Daniela Behrens sind ebenfalls erhältlich, oder befinden sich in Vorbereitung
Eva Maria Weidner verdient sich ihr Geld als Näherin. In diesen wirtschaftlich boomenden Nachkriegsjahren, den frühen Fünfzigerjahren, muss sie sich als alleinstehende junge Frau durchschlagen und glaubt, nur vom Glück träumen zu können. Doch dann passiert das Wunder. Eva Maria bekommt die Eintrittskarte in eine Gesellschaft, die üblicherweise ihresgleichen verschlossen bleibt. Ab jetzt wäre eigentlich alles so einfach – wenn da nicht das Schicksal für manche Irrwege sorgen würde …
***
»Fräulein Eva, es ist höchste Zeit. Sie müssen aufstehen!«
Es war die Stimme der stets mütterlich besorgten Frau Radelmoser, die Eva Maria Meidner aus dem Schlaf riss. Im ersten Moment hatte sie das heftige Pochen an der Tür, das sie aus ihrem Traum riss, für die Donnerschläge eines schrecklichen Unwetters gehalten – doch nicht der Donner pochte an die Tür.
Süß war dieser Traum gewesen, sehr süß, denn ein großer, schlanker Mann mit ungebärdigem blondem Haar und blitzenden blauen Augen hatte sich vor ihr verbeugt und sie gefragt: »Darf ich Sie des schrecklichen Wetters wegen in mein Haus bitten, gnädiges Fräulein?« Und sie hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt und war ihm in seine Traumvilla gefolgt, die man schon fast ein Schloss nennen konnte.
Noch nie hatte im wirklichen Leben jemand »gnädiges Fräulein« zu der neunzehnjährigen Eva Maria gesagt, denn sie war ja nur eine kleine Näherin.
Jetzt dehnte und streckte sie sich in dem Bett, das Frau Radelmoser gehörte und das Eva zusammen mit allen anderen Einrichtungsgegenständen dieses Zimmers für monatlich einhundertfünfzig Mark gemietet hatte. Sie rieb sich die Augen, und dann schlug sie sie auf, um besorgt auf den Wecker zu schauen.
Es war tatsächlich schon sieben Uhr, und die helle Sonne eines Septembermorgens schien durch den Spalt zwischen den beiden dunkelgrünen Vorhängen herein.
»Wenn Sie jetzt nicht aufstehen, Kindchen, dann bekommen Sie den Bus um sieben Uhr fünfundvierzig bestimmt nicht mehr.«
Das war wieder Frau Radelmosers Stimme, die jeden Morgen eigens zu dem Zweck aufstand, ihrer Mieterin einen heißen, duftenden Kaffee aufzubrühen und eine Scheibe Weißbrot mit Butter und Marmelade zu bestreichen.
Sie hätte das nicht nötig gehabt, die Frau Radelmoser, denn Eva Maria Meidner hätte auch ohne diese Fürsorge ihre Miete pünktlich gezahlt. Sie gehörte nun einmal zu den zuverlässigen und pflichttreuen Menschen, für die das Bezahlen eine Selbstverständlichkeit ist.
Aber Frau Radelmoser tat es trotzdem, weil ja das Kind niemanden auf der Welt mehr hatte und somit ein armes Hascherl war, das ihr leidtat. Die brave Witwe eines Postbeamten hatte nie eigene Kinder gehabt, und es machte ihr ganz einfach Freude, solch ein einsames, junges Menschenkind zu bemuttern.
Eva setzte sich mit einem Ruck auf, schleuderte die Bettdecke beiseite und schwang die Beine aus dem Bett.
»Vielen Dank, liebe Frau Radelmoser, und einen recht schönen, guten Morgen!«, rief sie.
Dann schlüpfte sie in ihre Pantoffeln, warf sich den Bademantel über und knotete den Gürtel um die Taille. Sie ging zum Fenster, zog die grünen Vorhänge weg und schaute hinaus.
Von der anderen Seite der Finkengasse her sahen sie graue Häuserwände an. Die Fassaden waren alle gleich hässlich, grau und schmutzig das Straßenpflaster, und kein einziger grüner Baum ließ das triste Einerlei wenigstens für kurze Zeit vergessen.
Aber der Himmel spannte sich herrlich blau und faltenlos wie ein Stück kostbarer Seide über den steilen Dächern, und sein Anblick ließ das einsame junge Mädchen aufseufzen. Wie sehnte sie sich nach Luft und Sonne, nach einem langen Spaziergang durch Wiesen und Felder, die den Blick nicht einengten, und danach an einem Sonnentag wie dem, der soeben begann und sicherlich recht warm werden würde, in der Mittagshitze im schattigen Wald zu ruhen.
Doch solche Wünsche waren für Eva Maria Meidner unerfüllbar. Ihre Eltern lebten nicht mehr. Der Vater, der Lastwagenfahrer gewesen war, hatte einen tödlichen Unfall mit seinem Wagen gehabt. Die Mutter, eine Spanierin, die der Vater einstmals stolz von einer Fahrt mit nach Deutschland gebracht hatte, war an einem Frauenleiden gestorben.
Eva Maria war dreizehn Jahre alt gewesen, als sie in ein Kinderheim mit Lehrwerkstätten vor den Toren Münchens gekommen war. Dort machte sie eine Lehre als Schneiderin durch, weil sie geschickte Hände, einen guten Geschmack und viel Sinn für modische Effekte besaß. Nach der Abschlussprüfung vermittelte das Arbeitsamt ihr eine Stellung bei Mila Wronski, deren Laden an der Ludwigstraße mit einem Reklameschild ausgestattet war, dessen Aufschrift lautete: »Milas elegante Modelle für Mollige.«
Eva Maria arbeitete dort als Änderungsschneiderin. Die Kleider, Röcke und Blusen, die die Kundinnen erstanden, musste sie je nach Bedarf kürzer oder länger machen, weiter oder enger.
Eva besaß keinen Menschen, der ihr etwas dazugab, wie zum Beispiel Ilse, ihre Kollegin, die ihr im Hinterzimmer von Milas Modesalon gegenübersaß. Ilse wohnte bei ihren Eltern, brauchte keine Miete zu zahlen und bekam Frühstück und Abendessen umsonst.
»Ich kann mir nicht so viel leisten wie du«, sagte Eva Maria manchmal. »Wenn man von einem so kleinen Gehalt alles bestreiten muss, Miete und Licht, Busfahrten und Verpflegung, Reinigung und Kosmetik, na ja, und ab und zu mal ein Kleidungsstück oder ein Paar Schuhe, dann bleibt nichts übrig für Extrawünsche.«
»Du hättest eben einen anderen Beruf erlernen sollen«, meinte Ilse dann. »Gut und gerne hättest du auf die Oberschule gehen können. Das Köpfchen dazu hast du ja.«
»Geh mal auf die Oberschule, wenn du dreizehn bist und in einem Waisenhaus lebst!«, versuchte Eva ihr dann jedes Mal klarzumachen. »Die Behörden mussten für mich den Fürsorgesatz zahlen und wollten, dass ich möglichst bald auf eigenen Füßen stehen konnte.«
Mit einem kleinen Seufzer wandte Eva Maria Meidner sich vom Fenster ab und schob den Wunsch nach einem weiten Spaziergang als unerfüllbar in den hintersten Winkel ihres Herzens. Es lag nicht allein am Geld, sondern auch an der fehlenden Begleitung. Allein durch eine einsame Landschaft zu wandern, machte keinen Spaß und war außerdem noch gefährlich für ein schutzloses, junges Mädchen.
Eva huschte ins Bad und beschäftigte sich mit ihrer Morgentoilette. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken sah ihr ein ausgeschlafenes Gesicht mit geröteten Wangen entgegen, das von leichtgewelltem, dunklem Haar umflossen wurde. Klar und wach blickten die großen, dunklen Augen in die Welt, aber sie offenbarten auch Herzenswärme und die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Dieses Mädchen war ganz gewiss nicht egoistisch.
Der Mund war gut geschnitten, nicht zu groß und nicht zu klein, und er lag wie eine unerschlossene Blüte in dem zarten, oval geformten Gesicht. Ja, sie war wirklich schön, die kleine Näherin, denn eine gute Figur kam noch hinzu, und sie verstand, etwas aus sich zu machen, denn sie kleidete sich mit bescheidenen Mitteln geschmackvoll und gewann fast alle Herzen durch ihre gleichbleibende Freundlichkeit.
»Der Kaffee ist fertig!«, trompete Frau Radelmosers Stimme.
»Oh, da muss ich mich aber beeilen!«
Sie flog wieder hinüber in ihr Zimmer, um in die Kleider zu schlüpfen. Rasch das Haar gebürstet, das ohnehin seidenweich und glänzend war, und einen kleinen Hauch von Rouge auf Wangen und Lippen getupft, dann war Eva Maria fertig und hatte noch zehn Minuten Zeit, Frau Radelmosers ausgezeichneten Kaffee zu loben und sich das Marmeladenbrot schmecken zu lassen.
»Und wenn der Scherlat, dieser rothaarige Verkaufsfahrer mit den vorstehenden Froschaugen, wieder an der Ecke wartet und Sie in seinem Lieferwagen mitnehmen will, dann tun Sie einfach, als ob Sie ihn nicht sehen, Kindchen! Es ist sehr gefährlich für ein junges Mädchen, zu einem Mann in ein Auto zu steigen, denn damit begibt es sich ja in seine Gewalt. Wenn er es nicht aussteigen lassen will, dann braucht er halt nur immer weiterzufahren, und es kann bitten und weinen, soviel es will, es nützt ihm nichts. Wie oft liest man doch in der Zeitung, dass ein Mädchen an einen einsamen Ort verschleppt worden ist, wo ihm dann etwas Böses zugefügt wurde!«
»Sie vergessen, Frau Radelmoser, dass Gustav Scherlat genau wie ich um acht Uhr fünfzehn im Dienst zu sein hat, wenn er seine Stellung nicht riskieren will, und dazu hat heutzutage niemand Lust! Aber keine Angst, ich steige nicht zu ihm ein! Ich mag ihn nämlich nicht.« Damit war sie zur Tür hinaus, und Frau Radelmoser schloss seufzend hinter ihr ab.
Das Thema »Wie muss ein Mann beschaffen sein, der mir gefällt?« beschäftigte am Vormittag dieses Tages auch Evas Kollegin Ilse im Modesalon von Mila Wronski.
Beide Mädchen saßen einander am Arbeitstisch gegenüber und führten flink die Nadel durch den Stoff. Dabei konnte man sich gut unterhalten, und Ilse machte stets eifrig Gebrauch davon, während es Eva Maria manchmal lieber gewesen wäre, sie hätte schweigen und sich ein wenig ihren eigenen Gedanken hingeben können.
»So, du schwärmst also für blond«, stellte Ilse soeben fest. »Dass er groß und schlank sein soll, der Mann deiner Träume, das hast du mir auch schon gesagt. Ich nehme an, dass du eine sportliche Erscheinung bevorzugst. Aber vielleicht willst du auch einen Kleiderschrank, an den du dich anlehnen kannst, oder einen Teddybär zum Knubbeln?«
Eva musste über diese Vorstellung lachen. »Ich kann ihn dir schlecht beschreiben, den Traummann«, gestand sie, »obwohl ich ihn im Geiste ganz deutlich vor mir sehe.«
»Am besten könntest du mir das an einem Beispiel klarmachen«, schlug Ilse vor. »Gibt’s nicht einen Filmstar, der in etwa deinem Geschmack entspricht?«
Eva dachte angestrengt nach und legte dabei die Stirn in Falten, aber das geeignete Beispiel wollte ihr nicht einfallen.
In diesem Augenblick erklang nebenan im Verkaufsraum eine Männerstimme, die sie aufhorchen ließ. Ziemlich tief war sie, warm und volltönend. Diese Stimme gefiel ihr über alle Maßen gut.
»Ich bin gerade in der Stadt, Frau Wronski«, sagte der Besucher, »und meine Mutter hat mich beauftragt, bei Ihnen nachzufragen, ob der Rock fertig ist, den sie neulich gekauft hat. Es war noch eine kleine Änderung daran vorzunehmen.«
»Gewiss, Herr Stolten, der Rock ist fertig«, versicherte Frau Wronski ihm geradezu überströmend freundlich. »Einen Augenblick, bitte, ich packe ihn sofort ein!«
»Gar so große Mühe brauchen Sie sich mit dem Verpacken nicht zu machen. Ich habe ja den Wagen vor der Tür.«
»Aber wir wollen doch nicht, dass der Rock vielleicht einen Fleck bekommt, Herr Stolten! Es würde mir sehr leidtun, wenn Ihre Frau Mutter unzufrieden wäre. Sie haben sicher noch viele andere Sachen in der Stadt zu erledigen, und bis Wolfratshausen ist es ja noch weit.«
»Nennen Sie das wirklich weit?«, fragte der junge Mann lachend. »Für einen schnellen Wagen ist das doch nur ein Katzensprung.«
Eva war inzwischen aufgestanden und dicht an den grauen Samtvorhang herangetreten, der das Hinterzimmer vom Laden trennte.
Sie lugte durch den Vorhangspalt, und ihre Augen wurden vor Erstaunen ganz groß, denn da vorn im Laden stand er leibhaftig und in voller Größe: der Mann ihrer Träume. Genauso hatte sie sich in ihrer Phantasie denjenigen immer vorgestellt, den sie eines Tages lieben wollte.
»Na, was ist denn? Wie sieht er aus?«, wisperte Ilse.
»Komm her und schau ihn dir an!«, forderte Eva Maria sie leise auf. »Das ist genau der Typ, den ich mag. Ich sollte dir ja ein Beispiel zeigen. Da hast du es.«
In Windeseile legte Ilse das Teil, an dem sie nähte, beiseite und verfügte sich ebenfalls zum Vorhangspalt. Ohne dass der junge Mann im Laden es bemerkte, wurde er von den beiden Mädchen begutachtet.
»Donnerwetter, der ist ja ganz große Klasse!«, flüsterte Ilse Eva Maria zu. »Dieser elegante Straßenanzug hat sicher ein Vermögen gekostet. Und ich wette mit dir, die Schuhe sind handgenäht. Der trägt maßgeschneiderte Hemden, und einen Siegelring hat er auch am Finger.«
Alle diese Dinge hatte Eva Maria noch gar nicht wahrgenommen. Für sie gab es nur das schmale, sonnengebräunte Gesicht mit den blitzenden blauen Augen, der kühn vorspringenden Nase und dem im Gegensatz dazu zärtlich geschwungenen Mund.
Sie hätte ihm mit den Fingern durch das locker in die Stirn fallende Blondhaar streichen mögen. Sicher fiel ihm diese eine lose Strähne immer in die Stirn und verlieh ihm etwas Jungenhaftes.
Der junge Mann hatte die Rechnung bezahlt, nahm den in Papier eingepackten Rock, verabschiedete sich und ging. Und die beiden Mädchen kehrten an ihren Arbeitsplatz zurück.
Kopfschüttelnd bemerkte Ilse: »Ich habe dir zwar immer geraten, dir einen zahlungskräftigen Freund zu suchen, damit du mehr von deinem Leben hast, aber so hoch darfst du dich nicht gleich versteigen. Das sind doch Wünsche, die unerfüllbar sind. Man sieht es ihm ja an, dass er zu den oberen Zehntausend gehört. Der beachtet doch solche Mädchen wie uns überhaupt nicht. Nein, du musst dir einen kaufmännischen Angestellten suchen oder einen Handwerker, die verdienen immer ihr Geld. Wenn du dir einen kleinen Beamten nimmst, dann musst du ja sicher Abstriche machen, aber dafür wartet eine sichere Zukunft auf dich, wenn du ihn heiratest.«
Jetzt war es Eva, die den Kopf schüttelte und mit einem verträumten Lächeln vor sich hinsah.
»Es tut mir leid, Ilse«, sagte sie, »aber so kann ich nicht denken. Verstand und Gefühl sind zwei ganz verschiedene Dinge. Wenn ich mein Herz verschenke, dann rechne ich nicht. Das käme mir vor, als würde etwas Wunderschönes, ja das Schönste, das es auf dieser Welt gibt, beschmutzt.«
»Das ist aber eine Einstellung, mit der du nicht weit kommen wirst, meine Liebe«, rügte Ilse, und sie dachte: Die Kleine ist noch ein rechtes Kind. Du lieber Himmel, wie romantisch! Aber das legt sich mit der Zeit. Wenn sie erst einmal anfängt, Erfahrungen zu sammeln, vergeht das von selbst.
Von diesem Tage an träumte die kleine Näherin Eva Maria Meidner nur noch von dem blonden jungen Mann mit der angenehmen Stimme und den blitzenden blauen Augen.
Gar zu gerne hätte sie gewusst, was für einen Beruf er hatte und wo und wie er in Wolfratshausen wohnte, denn dass er dort zu Hause war, hatte er ja in dem kurzen Gespräch mit Mila Wronski selbst verraten.
Wie alt mag er wohl sein?, überlegte sie. Vielleicht sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig? Eine gewisse Reife, Männlichkeit und Welterfahrenheit hatte bereits aus seinen Zügen gesprochen. Außerdem verfügte er über ein sehr sicheres Auftreten. Vielleicht verlieh ihm das der Reichtum des Hauses, aus dem er stammte. Aber auch die glänzendsten Verhältnisse vermögen keine Persönlichkeit zu schaffen, und dieser junge Mann besaß Selbstbewusstsein, ohne anmaßend aufzutreten. Er wirkte ganz so, als ob er bereits einen festen Platz im Leben gefunden und sich darauf bewährt hätte.
Im Modesalon von Mila Wronski gab es ein Telefonbuch von München und eins von der näheren Umgebung.
Am nächsten Tag gelang es Eva, einmal unbeobachtet darin zu blättern. Sie schlug das Verzeichnis von Wolfratshausen auf und suchte unter dem Buchstaben S nach dem Namen Stolten.
Da machte sie eine Entdeckung, die sie zusammenzucken ließ, und der traurige Ausdruck ihrer Augen wollte dann den ganzen Tag nicht mehr weichen.
In Wolfratshausen gab es eine Papierfabrik. Es schien ein großes, bedeutendes Unternehmen zu sein, denn da standen gleich mehrere Telefonnummern, und es nannte sich Stolten KG. Der Besitzer schien Alwin Stolten zu heißen, und er musste sehr reich sein, denn hinter seinem Namen las man: Rittergut Sperberwald.
Vielleicht ist das sein Vater, dachte die kleine Eva und wurde völlig mutlos. Ilse hatte wirklich recht, ein junger Mann, der aus solchen Verhältnissen stammte, würde nicht einmal einen Blick an eine kleine Näherin wie sie verschwenden.
Andere Stoltens, die nichts mit der Papierfabrik zu tun hatten, schien es in Wolfratshausen nicht zu geben, und damit stand es für Eva fest, dass der nette junge Mann der Sohn und Erbe war.
Sicherlich ist er als Juniorchef im Werk tätig, reimte sie sich zusammen. Er trägt bereits eine große Verantwortung und muss Entscheidungen treffen; daher dieses Auftreten.
In der folgenden Nacht träumte sie von ihm, und in ihrem Traum ritt er auf einem wunderbaren goldbraunen Pferd durch die immer noch sommerliche Landschaft.
Wie bitter war nach einer solchen Nacht das Erwachen in der Finkengasse, wo es nur die schmutziggrauen Häuserfassaden gab!
Am Nachmittag dieses Tages gab es ein Gewitter. Ein Platzregen ging nieder und überschwemmte die Stadt, und danach wollte es gar nicht mehr zu regnen aufhören.
Eva Maria hatte weder einen Schirm noch einen Mantel bei sich, nicht einmal eine Jacke, denn im strahlenden Sonnenschein war sie am frühen Morgen zum Dienst gefahren.
Außerdem musste sie ausgerechnet an diesem Tage länger arbeiten, weil unbedingt eine eilige Änderung noch fertig werden musste. So kam es, dass sie den Omnibus verpasste, der sie in den Münchener Norden zu ihrer Bleibe bei Frau Radelmoser bringen sollte.
Unschlüssig stand sie in dem Torbogen der Hofeinfahrt, als es hinter ihr hupte.
Es war Gustav Scherlat im Firmenwagen, mit dem er den ganzen Tag durch die Stadt kutschierte und die bestellten und geänderten Kleidungsstücke den Kunden ins Haus brachte. Er holte auch die frisch eingetroffenen Sendungen von der Bahn ab oder von den Kleiderfabriken in und um München. Und ab und zu musste er auch für Mila Wronski private Dinge erledigen.
Gustav Scherlat war fünfundzwanzig Jahre alt, rothaarig, blauäugig, ledig und hatte es auf Eva Maria Meidner abgesehen.
Die kleine Näherin wohnte in der Finkengasse, und Gustav Scherlat hatte sein möbliertes Zimmer gleich um die Ecke in der Elsternstraße, die noch ein bisschen grauer und schmutziger war.
