2,99 €
Neben Captain Henry Morgan und anderen legendären karibischen Kapitänen gibt es einen weiteren ruhmreichen See-Helden, doch bei diesem wilden, draufgängerischen Fechter und Kapitän handelt es sich nicht um einen Mann.
Rochelle Exquemelin ist eine außergewöhnliche Frau: verwegen, furchtlos, kämpferisch – und wunderschön. Zu einer Zeit, da Piraten- und Korsarenschiffe die Weltmeere unsicher machen, führt sie als Kapitänin ihr Schiff »Vainqueur«, eine ihr treu ergebene Mannschaft unter sich und das Indianermädchen Marita als Gefährtin an ihrer Seite. Selbst die wüstesten Korsaren kapitulieren vor Rochelles Intelligenz und Stärke; sie ist ebenso geschickt im Umgang mit Waffen wie mit Worten. Über die Liebe zu Männern spottet sie nur; Leidenschaft besteht für sie aus flüchtigen Augenblicken. Ein wahres, tiefes Gefühl verbindet sie einzig mit Marita.
Doch eines Tages begegnen die beiden jungen Frauen dem charismatischen Sänger Gabriel, der ein geheimes Ziel verfolgt …
In einem wilden Kampf auf hoher See spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu, und Rochelle macht eine Erfahrung, die sie nie zuvor für möglich gehalten hat.
Ein packender, klassischer Abenteuerroman, der die wilde Seeräuber-Epoche der Karibik auf besondere Weise lebendig werden lässt!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
Daniela Behrens
Die Draufgängerin
Ein Piratenroman
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer nach Motiven, 2022
Korrektorat: Antje Ippensen
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Die Draufgängerin
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
Von Daniela Behrens sind bei Bärenklau Exklusiv weiterhin erschienen oder befinden sich in Vorbereitung:
Neben Captain Henry Morgan und anderen legendären karibischen Kapitänen gibt es einen weiteren ruhmreichen See-Helden, doch bei diesem wilden, draufgängerischen Fechter und Kapitän handelt es sich nicht um einen Mann.
Rochelle Exquemelin ist eine außergewöhnliche Frau: verwegen, furchtlos, kämpferisch – und wunderschön. Zu einer Zeit, da Piraten- und Korsarenschiffe die Weltmeere unsicher machen, führt sie als Kapitänin ihr Schiff »Vainqueur«, eine ihr treu ergebene Mannschaft unter sich und das Indianermädchen Marita als Gefährtin an ihrer Seite. Selbst die wüstesten Korsaren kapitulieren vor Rochelles Intelligenz und Stärke; sie ist ebenso geschickt im Umgang mit Waffen wie mit Worten. Über die Liebe zu Männern spottet sie nur; Leidenschaft besteht für sie aus flüchtigen Augenblicken. Ein wahres, tiefes Gefühl verbindet sie einzig mit Marita.
Doch eines Tages begegnen die beiden jungen Frauen dem charismatischen Sänger Gabriel, der ein geheimes Ziel verfolgt …
In einem wilden Kampf auf hoher See spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu, und Rochelle macht eine Erfahrung, die sie nie zuvor für möglich gehalten hat.
Ein packender, klassischer Abenteuerroman, der die wilde Seeräuber-Epoche der Karibik auf besondere Weise lebendig werden lässt!
***
Ein Piratenroman
Der Himmel spannte seinen blauen Bogen über die kleine Antillen-Insel Martinique.
Noch schlief die Hafenstadt Saint Pierre an der Westküste. Am Hange des lichten Bergwaldes, der im Osten der Stadt langsam aus der Niederung aufstieg, träumte ein flaches, weißes Steinhaus in den jungen Sonntagmorgen hinein. Weiter nördlich qualmten die Krater des Volcano, und von Zeit zu Zeit konnte man das aus den Tiefen der Erde aufsteigende Grollen der kochenden Lava in der Stadt und ihrer Umgebung vernehmen.
Nahe dem weißen Hause am Hang gab es noch andere Geräusche. Vom wildromantischen Gasthaus auf der Felsenplattform, die nicht weiter als fünfhundert Fuß entfernt war, drang Lärm aus trunkenen Männerkehlen, klang schrilles Frauenlachen durch die Stille dieses warmen Augustmorgens herüber.
Die dunkelhaarige, grünäugige Rochelle Exquemelin, hochgewachsen und schlank wie ihre bretonischen Vorfahren, räkelte sich auf einer Couchette, die auf der Veranda an der Ostseite des Hauses stand. Die klare Morgensonne war über die Bergkegel heraufgestiegen und betupfte mit ihren wärmenden Strahlen die bronzefarbene Haut des unbekleideten Körpers der Ruhenden.
Rochelle hatte die leichte Decke zur Seite geworfen, um heute wie alle Tage, an denen sie auf Martinique weilte, ein Sonnenbad zu nehmen. Sie kümmerte sich nicht im Geringsten um die Blicke ihrer schwarzen Leibgardisten, die in einiger Entfernung ihren Schlummer und ihr Haus bewachten.
Neben dem Kopfende der einfachen Lagerstatt hing an einem bronzenen Dreibein ein Gong.
Höher hinauf kletterte die Sonne, und ihre Strahlen wurden wärmer und wärmer. Rochelle richtete sich auf, umfasste mit schlanken, sehnigen Fingern den Klöppelstiel und versetzte dem Gong einen kräftigen Schlag, dass der Ton weithin durch die Nachbarschaft schwebte und lange nachhallte, ehe er erzitterte.
Noch ehe er gänzlich verklungen war, trat mit ruhigen katzenhaften Bewegungen ein prachtvoll gewachsenes Indianermädchen von etwa achtzehn Jahren auf die Veranda und wünschte der nackten Hockenden mit einem leichten Neigen seines Kopfes freundlich einen guten Morgen.
Rochelle Exquemelin sprang lebhaft auf, zog das nur mit einem Mieder und einem Schamtuch bekleidete Mädchen an sich, küsste es heftig und strich ihm zärtlich über das blauschwarze Seidenhaar.
»Marita, meine kleine Süße, schon auf den Beinen? – Komm, leiste mir Gesellschaft beim Baden.«
Rochelle schob ihr die Hand unter den Arm und zog sie mit sich ins Haus.
Im Patio, einem viereckigen Innenhof, der von einem Säulengang umgeben war, befand sich ein aus dem Lavagestein herausgehauenes Schwimmbecken, das von einer höher am Berghang gelegenen, warmen Quelle gespeist wurde. An seinen Rändern standen künstlich eingesetzte, im Laufe der Jahre hochaufgeschossene Königspalmen, deren Kronen die Dachkanten des flachen Hauses beträchtlich überragten.
Die grazile Indianerin warf Mieder und Lendentuch ab und sprang als Erste in das warme Quellwasser.
Marita war nicht nur für die Begriffe ihrer eigenen Rasse eine Schönheit. Wenn sie durch die Straßen von Saint Pierre ging, um Bestellungen aufzugeben oder Einkäufe zu tätigen, dabei in Pariser Kleider gehüllt, die aus dem unerschöpflichen Vorrat Rochelles stammten und die Marita mit Anmut trug, mussten die Frauen ihre Ehemänner festhalten, damit sie nicht außer Rand und Band gerieten.
Marita, die ursprünglich Angst gehabt hatte, als sie die vielen Schwarzen in Rochelles Haus sah, war mit Hilfe ihrer jungen Mäzenin bald zur überlegenen zweiten Herrin des weißen Hauses am Hang geworden. Sie besaß den Sklaven gegenüber alle Vollmachten und für die oft langen Zeiten der Abwesenheit Rochelles die absolute Schlüsselgewalt im Hause.
Die fünfundzwanzigjährige Rochelle war dem sieben Jahre jüngeren Mädchen nicht nur in schwesterlicher Freundschaft zugetan. Skurril in ihren Gedanken, abseitig und selbstherrlich in ihrem Handeln, Sitten und Gebräuche der Gesellschaft, in der sie lebte, verachtend, ihre eigene, morbide Gefühlswelt zum einzigen Maßstab ihres Tuns erhebend, hatte sie ihre psychischen und physischen Beziehungen zu Marita behutsam ausgebaut, bis das naturhafte Indianermädchen selbst von glühender Leidenschaft zu ihr entflammt war.
Auch das ständige Bemühen der erstaunlich gebildeten Rochelle um Geist und Verstand Maritas war von vollem Erfolg gekrönt. Die Karibentochter, lernbegierig und voller Wissensdurst, las und schrieb heute Französisch, englisch, spanisch und holländisch fließend. Ihre Anweisungen wurden von den zahlreichen Sklavinnen und Sklaven, die zu Rochelles großem Haushalt gehörten, widerspruchslos ausgeführt. Und sie zögerte nicht, einem ungehorsamen Schwarzen gegenüber kräftigen Gebrauch von der Peitsche zu machen.
»Du«, flüsterte Rochelle, als sie nach langem Bad dem warmen Quellwasser entstiegen, »du musst mich heute zuerst mit warmem Palmöl massieren, meine kleine Süße.«
Aus dunklen Augen lächelte ihr Marita von unten herauf zu, als sie sich am Rande des Badebeckens so dicht gegenüberstanden, dass sie ihren Atem spürten.
»Ist das nicht ein bisschen ungerecht, Rochelle? Habe ich dich nicht gestern zuerst massiert?«
»Ach, sei doch nicht so«, hauchte Rochelle und zog Marita ungestüm an sich. »Du weißt, wie ich deine Hände liebe.«
»Und ich die deinen. Hör doch, Rochelle, welch einen Lärm sie oben in der Taverne wieder vollführen.« »Lass sie, die sich für die Helden von Martinique halten. Ihre Dummheit ist so groß wie ihr Maul. Und ich sage dir, es ist kein Mann unter ihnen, um den es sich lohnte, auch nur fünf Minuten einen schnelleren Herzschlag zu verspüren.« Sie legte der Karibin ihren hellen Arm um die dunkelbronzenen Schultern und ging mit ihr ins Haus.
Sie durchquerten den steinernen Flur und betraten dann die sonnenüberflutete Veranda.
»Komm«, fuhr Rochelle innig fort, »setz dich zu mir auf die Couchette, bis wir beide trocken sind.«
Als sie in der Sonne hockten, neugierig dem Lärm folgend, der drüben im Gasthaus auf der Plattform immer stärker wurde, stahl sich ein Lächeln auf Maritas Antlitz.
»Ob er wohl dabei ist?« Ihre Stimme hatte einen schwärmerischen Klang während dieser Frage, die Rochelle auch nicht beantworten konnte. Für einen Augenblick huschte der Schein des Unmuts über Rochelles Gesicht. Eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn, als sie der Freundin langsam den Kopf zuwandte. Bang klang ihre Frage:
»Wirst du mich wohl um dieses Mannes willen eines Tages verlassen, Marita?«
Die Gefragte wandte Rochelle schnell ihren vollen Blick zu.
»Ich habe nie ein Geheimnis vor dir gehabt«, antwortete sie, »du weißt, wie sehr ich dich liebe. Aber er ist ein Mann, und ich bin neugierig auf einen Mann … Es muss anders sein, neben einem Mann statt neben dir zu liegen – Ob es schöner ist? – Man muss es erfahren, um es zu beurteilen. Bist du mir böse, Rochelle?«
Die dunkelhaarige, grünäugige Bretonin hatte einen schwermütigen Schimmer in den Augen. Lange, wie suchend ruhten ihre Blicke auf der Freundin. Der Ausdruck der Zärtlichkeit war in ihnen und zugleich die Begierde nach jener Sensation, die es bedeuten würde, wenn ihr Marita eines Tages erzählen würde, wie es auf heißer Lagerstatt an der Seite des begehrten Mannes gewesen sei.
»Wie ein Schwert schneidet der Gedanke in meine Seele, kleine süße Freundin. Aber gleichzeitig packt mich die Lust, ihn mit dir gemeinsam zu sehen. Hassen – hassen könnte ich dich nie.«
Sie wandte den Kopf von der Freundin weg, richtete den Blick ins beruhigende Grün des Hanges.
»Es wäre eine Mischung aus wahnsinnigem Schmerz und übersteigender Lust«, fuhr sie sinnend fort, »wenn ich mir vorstelle, wie es sein müsste, wenn er dich nähme. – Ich hab’s mir überlegt, Marita, ich werde dir deinen Wunsch erfüllen, gegen alle Regeln, die auf See herrschen, werde ich dich auf die nächste Sklavenfahrt mitnehmen.
Ja, ja, Liebste, ich glaube schon, meine Seeleute werden dich respektieren, wie sie mich respektieren.« Maritas Kopf fuhr ruckartig herum, und ihre wilden, dunklen Augen funkelten im fiebrigen Glanz. Ungestüm schlang sie den Arm um die ältere Freundin und presste ihren samtenen Körper gegen Rochelle.
»Du wirst es wirklich tun, du wirst mich mitnehmen nach Afrika?« Rochelle befreite ihre Arme aus der Umklammerung Maritas und nahm dann deren Kopf in beide Hände. Tief blickte sie ihr in die Augen, als wolle sie mit ihrem Blick die dunkelsten Abgründe der karibischen Seele erforschen. Aber sie fand nur den Schimmer einer ungeheuren Erregung, die sich in der Iris Maritas spiegelte.
»Ich werde dir die Welt zeigen, ihre Schätze, ihre Menschen und ihre Sklaven, mein kleines Mädchen.« Der Ausdruck ihrer grünen Augen wurde ein wenig melancholisch. »Ja«, fuhr sie dann mit ihrer tiefen, glockenreinen Stimme fort, »ich werde um deinetwillen das höchste Seemannsgebot missachten. Frauen an Bord bedeuten Unglück, so sagt man. Und mein Vater hat mir das eingeschärft, seit ich den ersten Atemzug getan habe.«
»Aber du bist doch selbst eine Frau«, entgegnete Marita.
Ein weiches, schönes Lächeln stahl sich auf Rochelles Gesicht. »Ich bin nur hier Frau, wenn ich im weißen Haus bin oder drüben in Marseille an Land gehe und nach Paris fahre. Sonst bin ich der Kapitän meines guten Schiffes Vainqueur. Kapitän ist Kapitän. Und ein guter Kapitän muss allen seinen Männern überlegen sein, sei es beim Fechten, sei es beim Navigieren oder beim Trinken. Vom Janmaaten bis zum Steuermann müssen sie seine Bildung und sein Wissen respektieren. Und wehe dem Kapitän, kleine Marita, in dessen Mannschaft es Leute gibt, die klüger sind als er. Mein Vater hat mich gelehrt, die Männer so auszusuchen, dass sie sich in allen unerwarteten Situationen ohne ihren Kapitän verloren fühlen.«
Rochelle hatte den Kopf ihrer Freundin längst losgelassen. Während sie sprach, schien sie sich in ein anderes Wesen verwandelt zu haben. Sie redete wie jemand, der seinen Beruf über alles stellt und ihn über alles liebt. Und Marita hatte plötzlich den Eindruck, dass sie wahrhaftig keine Frau mehr sei, sondern trotz der steilen Brüste mit den rosa Spitzen, die sich der Morgensonne entgegenreckten, eine kraftvolle, männliche Erscheinung, ein echter, rechter Bukanierkapitän, der über eine Meute wilder Gesellen herrschte.
»Sklavenfahrer zu sein ist nicht einfach«, fuhr Rochelle fort. »Du musst viel wissen, wovon der Kapitän eines Kauffahrtenschiffes keine Ahnung zu haben braucht. Du musst Menschenkenner sein, ein guter Doktor, musst feilschen können wie ein armenischer Pferdehändler, damit dich die schwarzen Fürsten an der Goldküste nicht übers Ohr hauen können, und wenn du die Sklaven an Bord hast, dann brauchst du den Instinkt einer geschulten Gouvernante, um mit ihnen fertigzuwerden; denn sie sind wie ungebärdige Kinder, die über die Planken toben, als befänden sie sich beim Abendtanz noch auf ihrem Dorfplatz. Auf deine Matrosen musst du ein wachsames Auge haben; denn die jungen schwarzen Mädchen sind blendend gewachsene Naturkinder, die sich kokett in den Hüften wiegen, wenn irgendein Janmaat in der Nähe ist.«
Maritas Mine hatte sich jäh verdüstert, denn ganz in ihrem Innern stiegen Erinnerungen an die Erzählungen ihres Großvaters auf und drängten sich in ihr Bewusstsein. Hatte nicht der alte Mann oft mit Grimm in der Stimme von den verfluchten Weißen gesprochen, die ihre eigenen Vorfahren zu Sklaven gemacht und in ihre Gold- und Silberminen gezwungen hatten? Waren nicht Tausende und Abertausende in der Sklaverei gestorben? Und klang es nicht seltsam, wenn Rochelle in einer Art vom Sklavenhandel sprach, als berichte sie von einem Kinderfest?
Ihre freiheitsbewusste Seele bäumte sich zum ersten Male gegen die Sklaverei auf, obwohl ihre zierliche Besitzerin doch selbst schon die Peitsche über manchen schwarzen Rücken geschwungen hatte. Aber seltsamerweise schienen all die Schwarzen, die hier in dem großen Haus lebten, und sogar die Leibgardisten Rochelles keinen Anstoß an ihrem Dasein als Sklaven zu nehmen. Momba, die schwarze Köchin, die als Butlerin sozusagen die Oberaufsicht über das ganze Hauspersonal führte, hing mit verehrender Liebe an Rochelle. Und wie oft hatte sie, Marita, es selbst erlebt, dass die schwarzen Bewohner des weißen Hauses am Hang über Saint Pierre einen Freudentanz aufgeführt hatten, wenn unten die Vainqueur von einer ihrer Reisen in den Hafen zurückgekehrt war.
»Woher nehmt ihr eigentlich das Recht, ihr Weißen, andere Menschen für euch arbeiten zu lassen?«, fragte Marita mit merklich zurückhaltender Stimme.
Rochelles verschleierte Augen nahmen den Ausdruck eines gewissen Erstaunens an.
»Welch seltsame Gedanken führt dein kleines, hübsches Köpfchen, Marita.« Sie strich der Karibin zärtlich übers Haar.
»Ich will eine Antwort darauf haben«, beharrte Marita eigensinnig, ohne eine Reaktion auf die Zärtlichkeit der Freundin zu zeigen.
Rochelle stützte die schlanken Hände in die Hüften und begann mit wiegenden Schritten, den ausdrucksvollen Kopf gesenkt, vor der Couchette auf und nieder zu gehen. Die Sonne tauchte den Hang hinterm Hause, das Gasthaus drüben auf der Plattform, die weiter entfernten Gipfel der Pitons und die Felsentafeln der niedrigeren Mornes in flimmerndes Gold. Von der leichten Brise, die von der See her wehte, war hier auf der Veranda, die im Windschatten des Hauses lag, nichts zu spüren. Auf den Körpern der Mädchen, die vom Bade längst getrocknet waren, glitzerten kleine Schweißperlen.
Der Lärm, der vom Gasthaus auf der Plattform herüberklang, verebbte jetzt langsam. Das tobende Gesindel, das dort gefeiert hatte, schien endlich müde geworden zu sein.
»Jean Corneille und seine Banditen sind wahrscheinlich so betrunken, dass sie nicht einmal mehr lallen können«, sagte Rochelle und hielt den Kopf lauschend vorgestreckt.
Dann wandte sie sich zu Marita und lächelte. »Ob dein charmanter Sänger wohl auch in den Armen eines dieser Mädchen dort oben Ruhe gefunden hat? – Ich wollte dir nicht weh tun, mein kleines Mädchen.« »Warum sagst du dann so etwas? – Du hast ihn ja noch nie gesehen.« Viele Männer waren Rochelle schon begegnet, und mancher war unter ihnen gewesen, der ein Mädchenherz zu schnellerem Klopfen gebracht haben könnte. Und Rochelle hatte mit dem oder jenem ihr Vergnügen gehabt, aber auch die, die mit ernster Absicht zu ihr gekommen waren, hatten vor ihren Augen keine Gnade gefunden. Mit der flachen Klinge hatte sie den einen oder anderen Liebhaber, nachdem er ihr lustvolle Stunden geschenkt hatte, von ihrer Lagerstatt und aus ihrem Haus getrieben.
Um den Sittenkodex kümmerte sie sich nicht. So wenig wie ihr Vater es getan hatte, der in Henry Morgan den Mann gefunden hatte, mit dem zusammen er in der Karibik zum festen Begriff wurde.
Diese beiden galten als die gefürchtetsten Bukanierkapitäne.
Exquemelin war bei Henry Morgan geblieben. Er hatte die großen Raubfahrten, denen ganze Kauffahrtenflotten der Spanier und viele neu spanische Küstenstädte in Amerika zum Opfer gefallen waren, mitgemacht.
Verheiratet mit einer Bretonin, wählte er, reich wie ein Pascha, nach Henry Morgans Abtritt die Insel Martinique als Domizil. Und hier baute er auch das weiße Haus oberhalb von Saint Pierre, in dem seine einzige Tochter geboren wurde und seine Frau kurz darauf im Kindbettfieber starb.
War sein Leben auch bunt und bewegt gewesen, so verließ ihn doch niemals die Erinnerung an den harten Kampf um die protestantische Stadt La Rochelle. Zur Erinnerung an jene Stätte, nach deren Eroberung sein inneres und äußeres Dasein sich so entscheidend gewandelt hatte, nannte er sein Töchterchen Rochelle. Geübt in allen Waffen, mit hervorragenden Qualitäten des Verstandes ausgestattet, war er der heranwachsenden Tochter ein guter, wenn auch etwas zynischer Lehrer.
Rochelle hatte nicht viele Worte gemacht, als er gestorben war. Noch nicht ganz neunzehn Jahre alt, hatte sie die Zügel fest in die Hand genommen. Mit dem Degen in der Hand hatte sie einen betrügerischen Advokaten, der sie um einen Teil ihres Vermögens bringen wollte, zu zitternder Ehrlichkeit gezwungen. Und als sie zwanzig war, kaufte sie einem Seeräuber ein gekapertes Schiff ab, nannte es Vainqueur, sammelte eine Mannschaft rauer Gesellen um sich und ging als Kapitän von eigenen Gnaden auf große Fahrt.
Im Hause wurde es plötzlich lebendig. Zwei Gongschläge, die von der Westseite des Hauses, dort, wo der Eingang lag, herüberklangen, verkündeten den Mädchen, dass Besuch gekommen sei.
Rochelle blickte nach dem Stand der Sonne und stand auf.
»Noch nicht mal neun«, sagte sie. »Ich möchte wissen, wer um diese Zeit etwas von mir will. Komm, Kleines, wir ziehen uns an. Momba soll uns zwei Mädchen schicken, damit es schneller geht.«
Geraume Zeit verging, ehe Rochelle und Marita mit vornehmem Schwebegang über den Patio glitten, um im Empfangsraum des weißen Hauses am Hang die Gäste zu begrüßen.
Drei Männer erhoben sich höflich und vollführten eine tiefe Verbeugung. Trotz der fast höfisch vornehmen Kleidung, die sie trugen, sahen sie nur wenig vertrauenerweckend aus; denn die Gesichter von zweien der drei Besucher waren ausgesprochene Galgenvogelvisagen. Der dritte Mann, der auch der Sprecher zu sein schien, unterschied sich wohltuend von seinen Begleitern. Er stellte sich als Henri Guizot, erster Offizier des Korsarenschiffes Bourrasque, vor.
Rochelle erwiderte die Vorstellung mit kühler Gelassenheit. Sie hatte es bisher geflissentlich vermieden, irgendwelchen Kontakt zu den Korsaren aufzunehmen. Es waren nicht etwa moralische Bedenken gewesen, die sie davon abgehalten hatten. Wer bei ihnen mitmachte, musste sich auch dem gemeinsamen Gesetz dieser Leute fügen. Die Brigantine Bourrasque war das stärkste Korsarenschiff der westlichen Meere; seine Bestückung war größer als die der besten Kriegsschiffe der Spanier.
Der Besitzer und Kapitän, Jean Corneille, hatte sich kraft eigener Machtvollkommenheit zum Korsarenchef aufgeschwungen und bezeichnete sich selbstgefällig als Admiral Seiner Majestät, des Königs von Frankreich.
Wer zu den Korsaren stieß, musste sich seinem Kommando fügen. Und das war keineswegs nach dem Geschmack Rochelles.
»Madame«, nahm der Abgesandte Corneilles jetzt das Wort, »wir sind nur gekommen, um Ihnen die Einladung unseres Admirals zur Siegesfeier über fünf spanische Galeonen zu überbringen. Das Fest nimmt heute Abend oben im Gasthaus seinen Anfang. Der Admiral würde sich freuen, Sie, Madame, natürlich in Begleitung Ihrer Offiziere, begrüßen zu dürfen.«
Maritas Gesicht glühte vor Aufregung. Wenn die Korsaren ein Fest feierten, so würden sie wahrscheinlich auch den berühmten Sänger der Inseln angeheuert haben. Das Mädchen wusste nichts von den Sorgen der Freundin, deren Verstand in diesem Augenblick anfing, die Konsequenzen zu überdenken, die sich einerseits aus einer Ablehnung der Einladung, andererseits aus einer näheren Bekanntschaft mit den Korsaren ergeben würden. Denn Rochelle konnte sich sehr gut vorstellen, dass Jean Corneille sie nicht nur um ihrer schönen Gestalt willen einladen ließ. Während der erste Offizier der Bourrasque noch sprach, legte sie sich bereits eine sorgfältig formulierte Antwort zurecht:
»Übermitteln Sie Ihrem Kapitän Corneille meinen wärmsten Dank für seine Einladung, Monsieur. Richten Sie ihm aber auch bitte aus, dass mich eine solche Festivität bei der, wie ich mir vorstelle, kaum zu zügelnden Wildheit der feiernden Seeleute in Bezug auf die Anwesenheit von Damen mit einiger Sorge erfüllt. Ich nehme an, dass Sie, Monsieur, wie auch Ihr Kapitän es begreiflich finden werden, dass ich die lustige Ausgelassenheit Ihres Festes nicht durch meine Anwesenheit stören möchte.«
Der Korsarenoffizier war auf ein klares Ja oder Nein gefasst gewesen. Die Beschaffenheit seines Gehirns war nicht gerade die eines Gelehrten. Auf das, was die Frau geantwortet hatte, passte weder die scharfe Erwiderung, die ihm Jean Corneille im Falle einer Ablehnung der Einladung eingetrichtert hatte, noch die freundlichen Worte, die er bei einer Annahme gesprochen haben würde.
Ein wenig zögernd erhob er sich, brachte eine korrekte Verbeugung an und sagte, dass er die Antwort seinem Admiral so genau wie möglich übermitteln werde. Rochelle indessen wollte den Besuch, der kaum fünf Minuten gewährt hatte, nicht sofort als beendet betrachten. Freundliche Gesten, auch wenn sie nichtssagend sind, verursachen auch der Gegenseite eine entgegenkommende Stimmung.
So fragte sie Monsieur Guizot, ob er nicht zum Essen bleiben wolle, zumal ihre Köchin es vorzüglich verstünde, ein Brathähnchen auf indische Manier zuzubereiten.
Die drei Korsaren, durch lukullische Genüsse nicht sonderlich verwöhnt, im Allgemeinen anspruchslose Esser wie alle Seeleute, zögerten. Und während Marita, die die Situation klar erfasst hatte, dergestalt begriff, dass sie den dreien in anschaulichster Weise den köstlichsten Geschmack eines von Momba zubereiteten Hähnchens schilderte, lief den Männern das Wasser im Munde zusammen, und der schon anfänglich nur zögernd geleistete Widerstand brach gänzlich zusammen.
Momba bereitete in kürzester Zeit einen wahren Festschmaus, wie ihn Jack McDonald, der sparsame schottische Wirt vom Gasthaus auf dem Felsen, der wegen seiner riesigen roten Nase kurz Jamaika Jack genannt wurde, nie zustande gebracht hätte. Die drei Korsaren schmatzten und schnauften, dass die schwarze Köchin ihre Freude daran gehabt hätte, wenn sie hätte zugegen sein dürfen.
Mit jedem Glas Burgunder, das ihnen Rochelle von zwei aufgeputzten schwarzen Dienern kredenzen ließ, wuchs die freundliche Stimmung. Und als sie das gastliche Haus auf etwas unsicheren Füßen am frühen Nachmittag verließen, durfte Rochelle sicher sein, dass über die Lippen dieser Männer kein unfreundliches Wort gegen sie kommen würde.
Allein, im Laufe des Nachmittags sollte sich herausstellen, dass Jean Corneille keineswegs mit ihrer diplomatischen Antwort zufrieden gewesen war. Gegen fünf Uhr erschienen drei andere Gesellen und wiederholten die Einladung des Korsarenchefs mit der Versicherung, dass dieser selbstverständlich Sorge treffen werde, dass den Damen auch nicht die geringste Unhöflichkeit entgegengebracht werde. Im Übrigen wolle er Madame La Boucaniere wissen lassen, dass ihm selbstverständlich auch die gesamte Besatzung der Vainqueur willkommen sei. Er werde sich bemühen, dieses Fest zu. einem Erlebnis werden zu lassen, von dem man zwischen Cuba und Trinidad noch lange reden werde.
Rochelle Exquemelin wusste, dass sie die erste Runde des Spiels verloren hatte. Eine solch dringliche Einladung mit allen Garantien für ihre eigene Sicherheit durfte sie nicht abschlagen, wenn sie nicht beleidigend werden wollte. Es blieb ihr nichts übrig, als den Boten eine positive Antwort zu geben.
»Ich habe große Sorgen, Marita«, sagte sie später zu der Freundin, »ich fürchte, wir sind dem Gesindel nicht gewachsen. Meine Kraft, ihnen zu widerstehen, ist nicht groß genug. Sie reicht nur bis zur Spitze meines eigenen Degens, allenfalls bis zu den Entermessern meiner Jungen. Ich weiß, dass sich die Burschen nicht fürchten, den Teufel aus der Hölle zu holen; aber wir sind keine Piraten, sondern ehrbare Sklavenfahrer. Wir sind wohl in der Lage, die Vainqueur auf See gegen die meisten Piraten zu verteidigen; aber hier auf Martinique sind wir dem Willen dieses verdammten Corneille ziemlich schutzlos preisgegeben.«
»Vielleicht wird es nicht so schlimm«, entgegnete Marita, deren Gedanken sich allerdings nicht mit den allgemeinen Schwierigkeiten, sondern ausschließlich mit dem Sänger der Inseln beschäftigten.
Rochelle hatte sich der eleganten Kleider längst wieder entledigt und statt ihrer eine dünne, weiße Leinenhose und ein ebensolches Leinenhemd angezogen. Mit auf dem Rücken gefalteten Händen ging sie, den Kopf gesenkt, im prunkvoll eingerichteten, venezianischen Wohnraum auf und nieder.
Endlich schien sie einen Entschluss gefasst zu haben. Sie läutete nach dem Diener.
Wenig später trat ein grauhaariger Schwarzer ein, der mit einer Art römischen Tunica bekleidet war. An einem breiten Gürtel hing ein schwerer Krummsäbel und rechts steckten zwei doppelläufige Reiterpistolen in einer Lederschlaufe.
»Nathan«, sagte Rochelle kurz, »schick einen Boten hinunter in den Hafen und lass Monsieur Dareste ausrichten, er möge sofort jeden Landurlaub abbrechen und mit dem Steuermann und Monsieur de Broc zu mir kommen – Hast du verstanden?«
»Zu Befehl, Madame le Capitain«, entgegnete der grauhaarige Nathan, wobei er eine Art militärischer Haltung annahm.
»Bien«, nickte ihm Rochelle zu, und entließ ihn mit einer Handbewegung. Nathan machte wie ein Soldat auf dem nackten Absatz kehrt, fasste den Säbelknauf fest mit der Linken und marschierte aus dem Zimmer.
Im Gasthaus auf der Felsenplattform ging es hoch her. Alle Korsaren, die auf Martinique lebten, waren versammelt. Jamaika Jack, der Wirt, hatte das ganze Stück Felsplateau, auf dem das niedrige Gebäude aus Lavagestein stand, in den Festplatz mit einbezogen. In Ermangelung von genügend Tischen und Stühlen waren überall Holzkisten aufgestellt worden, und rings um das Gelände standen Fackelständer. Noch brannten sie nicht; denn es war erst acht Uhr, und die Sonne hatte noch genügend Zeit, um für die nächsten zwei Stunden Licht zu spenden.
Krüge mit funkelndem Wein gingen von Mund zu Mund, und die bunt gekleideten Gestalten, viele wilde Burschen und nicht ganz so viele schwarzhaarige Mädchen mit dunklen, blitzenden Augen wirbelten in wildem Tanz durcheinander.
Es war ein Kommen und Gehen. Jamaika Jack und seine Schankknechte hatten alle Hände voll zu tun, um genügend Wein aus den kühlen Kellern des Gasthauses auf den Felsen heraufzuschaffen. Unter den grünen Hemden, über die sie weiße Schürzen gebunden hatten, rann ihnen der Schweiß in Strömen den Körper hinunter; aber Jamaika Jack war bester Laune.
