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Anna lebt in einer Zeit, da die Frau sich um das Wohl der Familie zu kümmern hat. Eigene Bedürfnisse, Sehnsüchte, Träume haben in der Gesellschaft kaum Wertigkeit. Unverhofft bietet sich ihr jedoch die Möglichkeit, aus ihrem Alltag auszubrechen und einmal ihre eigenen Wünsche und ihre Vorstellungen von persönlichem Glück zu verwirklichen.
Gefangen in dem Spannungsfeld Ehe – Familie – Hausfrau und Mutter - hat Anne kaum Gelegenheit, ihrer eigentlichen Freude, der Musik, nachzugehen. Ihr Mann hat kein besonderes Interesse daran und ihre Kinder sehen in ihrer Mutter ohnehin nur jemanden, der dazu da ist, ihre Wünsche möglichst rasch zu erfüllen. Anne lebt das Leben einer Frauengestalt, die zwischen Aufopferung, Verzicht und Mutterglück lebt – bis eines Tages etwas eintritt, das nicht planbar war.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Daniela Behrens
Vergiss
die Liebe nicht
Schicksalsroman
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © Sofia Steinbeck nach Motiven, 2023
Korrektorat: Katharina Schönfeld
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Vergiss die Liebe nicht
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Anna lebt in einer Zeit, da die Frau sich um das Wohl der Familie zu kümmern hat. Eigene Bedürfnisse, Sehnsüchte, Träume haben in der Gesellschaft kaum Wertigkeit. Unverhofft bietet sich ihr jedoch die Möglichkeit, aus ihrem Alltag auszubrechen und einmal ihre eigenen Wünsche und ihre Vorstellungen von persönlichem Glück zu verwirklichen.
Gefangen in dem Spannungsfeld Ehe – Familie – Hausfrau und Mutter - hat Anne kaum Gelegenheit, ihrer eigentlichen Freude, der Musik, nachzugehen. Ihr Mann hat kein besonderes Interesse daran und ihre Kinder sehen in ihrer Mutter ohnehin nur jemanden, der dazu da ist, ihre Wünsche möglichst rasch zu erfüllen. Anne lebt das Leben einer Frauengestalt, die zwischen Aufopferung, Verzicht und Mutterglück lebt – bis eines Tages etwas eintritt, das nicht planbar war.
***
Anne schläft nicht mehr fest. Sie hört das leise Klicken auf der Stufe vor der Haustür, mit dem die Milchflasche auf den Stein gestellt wird.
Ein wenig später pfeift der Bäckerjunge: jeden Morgen die gleichen fünf Takte mit dem hohen Oberton, der in der Höhe abbricht, wahrscheinlich im gleichen Augenblick, da er den Brötchenbeutel an die Tür hängt.
Sie hört seine Schritte auf dem festgefrorenen Schnee zurück zur Gartenpforte. Und die Pforte knarrt.
Müsste geölt werden, denkt Anne, das Gesicht noch tief im Kissen, wenn ich nicht selbst daran denke … und ich denk nicht dran.
Sie wühlt sich tiefer und behaglich ein: Ah – schön ist das im Bett, am schönsten immer morgens. Warum ist das so?
Man müsste mal ausschlafen können, richtig faul und lange, so lange, wie man will. Dann ein heißes Bad und Frühstück und die Zeitung ans Bett gebracht, so wie der Franz es jeden Sonntag serviert bekommt. Der Franz …
Er hat die Decke hoch über den Kopf gezogen, so dass sie nichts als seinen dunklen Haarschopf sieht.
Ein kleines bisschen schnarcht er; tut er immer, wenn er besonders fest schläft.
Sie streckt die Hand aus, tastet nach dem Wecker und stellt das Läutwerk ab. In drei Minuten würde es geklingelt haben.
Aber sie ist ja wach – und Franz darf noch ein wenig weiterschlafen, noch eine kleine Viertelstunde lang. Bis sie im Badezimmer fertig ist.
Noch ganze drei Minuten …
Sie dreht sich auf den Rücken, schiebt die Arme bequem hinter den Kopf.
Die Dämmerung des frühen Wintermorgens liegt noch tief im Zimmer, nur schwach zeichnen sich die gewohnten Konturen der Möbel in ihr ab: das dunkle Nussbaumholz der Betten und des Schrankes, die helleren Stuhlpolster, die zart geschweifte Form der kleinen Frisiertoilette; ihr Spiegel schimmert wie ein runder tiefgetönter Opal.
Anne blinzelt faul. Ich bin noch gar nicht richtig da, denkt sie. Und dann: warum die Leute im Film wohl immer so viel Geld haben? Und richtig tolle Wohnungen mit allem Drum und Dran? Ich möcht’ mal wissen – wenn ich hier so ein Bett hätte wie die berühmten Schauspielerinnen, deren Bilder man immer in den Magazinen bewundern kann – mit Schleiervorhängen und goldenen Säulchen und mit Seidenkissen – was Franz wohl dazu sagen würde?
Sie kichert innerlich, zu drollig sich, den Dr. Franz Kienzel in so einer lackierten Muschel vorzustellen!
Ihn, der seit jeher nur für das peinlich Ordentliche, für das gutbürgerlich Gediegene ist. Diesen Zug hat er von seiner Mutter, der Hamburger Senatorentochter, wie er so gern betont.
»Nur keine unnötigen Launen«, pflegt sie oft zu sagen, die zierlich schlanke Dame mit dem täglich wie neu frisierten, schimmernd weißen Haar, das einmal schimmernd blond war. Sie stößt ein bisschen mit der Zunge an, sie tut es mit Bedacht. Sonst würde man nicht hören, dass sie tatsächlich aus der Alstervilla ist.
Sie mag die Schwiegermutter eigentlich, in ihrer leisen Kühle, die man Distinktion nennt. Tilly, die achtzehnjährige, ist ihr im Wesen ähnlich – oder sie gibt sich Mühe, es zu sein. Tilly liebt die Reserve.
Kat ist anders, zärtlich verträumt mit ihren sechzehn Jahren, zuweilen noch ein spielerisches Kind, so wie Anne selbst es gewesen war – vor langer, langer Zeit. Damals als sie sich kennen lernten, Franz und sie.
War doch sehr schön gewesen!
Und eine kleine Welle voll Zärtlichkeit taucht in ihr auf und geht zu dem männlichen Wuschelkopf im anderen Bett hinüber. Lieb ist er, der Franz. Man muss nur mit ihm umzugehen verstehen. Sie weiß schon, dass sie ihn verwöhnt hat – und warum denn nicht? Wozu ist eine Frau denn sonst da, wenn sie liebt? Liebe erschöpft sich niemals und in nichts. Daran kann auch der Alltag nichts ändern.
Der Film gestern – der hat Franz nicht gefallen. Na ja, sieht sie ja ein, ganz unrecht hat er nicht. Vieles darin war unecht.
Dennoch …
Leute im Film sind immer wohlhabend, sie rechnen niemals nach, ob’s noch zu einer zweiten Tasse Kaffee reicht. Sie reisen stets im Luxuszug, sie wohnen in den herrlichsten Hotels, sie trinken immer Sekt. Und wenn sie miteinander anstoßen, so Blick in Blick … dann ist es immer wie ein leises Knistern … wie ein Duft … wie eine ganz geheime prickelnde Melodie …
Wenn sie jetzt lächelt, weiß sie es nicht einmal. Die Finger ihrer Rechten spielen ein wenig auf der Steppdecke, ganz unbewusst … sie hat noch das Motiv im Ohr, süß und ein wenig kitschig:
»… die süße Melodie – der Liebe …«
Verrückt! Man liegt doch nicht um halb sieben im Bett, während man eigentlich längst aufstehen müsste, und denkt an einen dummen Film, obgleich das Badezimmer bereits wartet.
Denn wenn sie nicht als erste darin ist, dann kommt sie nie hinein, das weiß sie schon. Die anderen haben’s immer noch viel eiliger.
Raus also hilft nichts mehr! Muss eben sein. Wo sind die Hausschuhe?
Sie sitzt auf ihrem Bettrand, angelt träge … schlüpft in die weichen absatzlosen Schuhe, schlingt fröstelnd beide Arme um die eigenen Schultern; sie hätte gestern Nacht doch noch nachlegen sollen – obwohl Franz gar nicht gern im geheizten Zimmer schläft. Er findet es verweichlichend und falsch.
»Treib Morgengymnastik – dann wird dir schneller warm!«, ermahnt er sie, wenn sie beim Aufstehen friert.
Sie zieht den Mund ein wenig schief: der hat ’ne Ahnung! Ihr Morgensport sieht freilich anders aus!
Sie greift nach ihrem Schlafrock aus flauschigem Flanell. Er ist ein bisschen abgegriffen an den Ärmelkanten. Dann steht sie endlich auf den Füßen, spürt den weichgeschorenen hellen Teppich unter sich, auch so eine »Laune«, die sie Franz in viel geduldigem Wünschen abgerungen hat.
Franz findet diesen Teppich – Ranken und Blumen auf apfelsinenfarbenem Grund – zu ausgefallen für ein Schlafzimmer. Aber sie hat es durchgesetzt, dass sie ihn kaufen durfte. Er passt so gut zu ihrer zierlichen Frisiertoilette, an der sie sich seit Jahren allerdings kaum mehr frisiert, weil ja das Badezimmer dazu da ist.
Und jeden Morgen beim Aufstehen hat Anne ihre kleine unschuldige und fast ein wenig spitzbübische Freude an diesem weichen seidigen Plüsch, in den der Fuß so zärtlich einsinkt.
Sie zieht die Schlaufe ihres Gürtels zu, wandert zu beiden Fenstern und nimmt die Vorhänge zurück.
Noch immer ist es draußen fast dunkel. Nur der Schnee leuchtet blass vom Garten herauf, viel frischgefallener weicher Schnee. Da wird man wieder tüchtig kehren müssen.
Die Bäume sehen aus, wie von Filigran umhüllt, lauter verschwiegene Silbermärchenbäume.
Schön, denkt Anne versonnen, auch der Winter ist so schön. Man muss dabei ja nicht immer nur an Kehren und Heizen denken. Und dass das Frischgemüse nicht zu haben ist.
Sie überlegt: ich möchte einmal richtig Ski laufen! Aber dann denkt sie gar nichts mehr, als dass es höchste Zeit wird. Sie wirft noch einen schnellen Blick zum Bett hinüber, tatsächlich schläft Franz immer noch sehr friedlich.
Du alter Faulpelz, lächelt sie, na, schlaf nur, und schließt sehr leise hinter sich die Badezimmertür.
Schön, wie das warme Wasser in die Wanne läuft, es dampft förmlich, gleich wird sie nicht mehr frieren.
Der Spiegel über der blinkenden Glasplatte, auf der es, der vielen Zahnputzgläser, Ölflaschen und Rasiersachen wegen, niemals ordentlich aussieht, gibt ihr ein blasses, nicht ganz ausgeschlafenes Gesicht zurück – mit ein paar störenden, unerwünschten Fältchen unter den großen Augen.
Dennoch: es ist ein zartes, kaum gealtertes Gesicht, mit einem Mund, der sich auch ohne Lippenstift noch sehen lassen kann. Die Fältchen werden meistens nach dem Baden und Cremen ziemlich unsichtbar, oder sie lösen sich unter dem stets bereiten, noch immer seltsam mädchenjungen Lächeln auf.
Anne lacht gern. Viel öfter als ihr Mann. Sie kann auch lachen, ohne Grund zu haben.
Vielleicht nur, weil irgendjemand drollig aussieht – oder weil Walter einen Witz gemacht hat – mit siebzehn Jahren macht man sogar unfreiwillige Witze – oder weil Stobs, der Langhaardackel, furchtbar ulkig ist. Manches Mal ist es nicht Stobs, der ulkig ist … nur dass es Doktor Franz Kienzel sehr ärgert, wenn man sich über etwas an ihm lustig macht.
»Papa hat seine Hemmungen«, pflegt Tilly dann zu flüstern. Tilly hat über Psychoanalyse Vorlesungen gehört und kann auch sonst sehr frech sein. Frech und süß.
Tilly ist hübsch, das sieht man auch, wenn man nicht ihre Mutter ist. Man braucht’s ihr nicht zu sagen, denn sie weiß es.
Kat wird erst hübsch werden. Und Walter ist ein Schlaks.
Aber vielleicht wird er in zehn Jahren ein Doktor Kienzel sein.
Das Wasser dampft und sprüht und rauscht. Anne dreht rasch den Hahn ab. Sie drängt sich unter seine Wärme wie unter die Decke. So liegenbleiben, denkt sie sehnsüchtig … nichts denken … nur sich wohlfühlen – ein bisschen überlegen.
Aber es bleiben ihr zum morgendlichen Bad rund sechs Minuten Zeit.
Als sie ins Schlafzimmer zurückkommt, scheint Franz soeben aufgewacht. Er gähnt und streckt sich und wühlt alle zehn Finger durch sein Haar, so dass es noch zerraufter aussieht als vorhin.
»Mein Gott, Knirps – ist das denn schon wieder Morgen?«
Sie lacht und nickt. So schlimm scheint ihr die Tatsache nicht mehr, sie ist bereits gewaschen, gekämmt, ein ganz klein bisschen zurechtgemacht, nur so viel, dass es Franz für selbstverständlich echt hält. Ein leiser Duft von Frische und völligem Wachsein geht von ihr aus, er murmelt unzufrieden:
»Ich glaube, du brauchst überhaupt keinen Schlaf! Wie kann man am frühen Morgen schon so munter sein?«
Sie zuckt vergnügt die Achseln. Vergessen ist die halbe Stunde, da sie’s auch nicht war. Aber das braucht er nicht zu wissen. Im Grunde liebt er keine träge Frau.
»Komm«, sagt sie, »alte Schlafmütze – da ist dein Morgenmantel!« Sie reicht ihn hinüber, für einen Augenblick ist sie versucht, sich schnell mal zu ihm in sein Bett zu kuscheln, so richtig daliegen und verliebt wie früher. Er ist so nett mit seinem schläfrigen Gesicht und dem zerwühlten Haar. Sie denkt flüchtig: er hätte ruhig gestern nach dem Film mit mir noch etwas Nettes trinken können.
Sie weiß es gar nicht, dass sie plötzlich »Schade!« sagt; ganz laut und ohne jeglichen Zusammenhang für ihn.
So fragt er auch: »Wieso?« Jedoch scheint er nicht so richtig interessiert. Gähnend knipst er die Nachttischlampe an.
»Im Winter sollte man tatsächlich aufstehen, wenn es hell ist!« Sie hat schon seine Schuhe in der Hand, die frischen Socken legt sie auf den Stuhl: »Komm, Dicker, mach schon!« Er murmelt feindselig: »Ich brauch ein frisches Hemd! Hat die Stadler den blauen Anzug gestern ausgebürstet?«
Ich nehme an, sie hat, denkt Anne schuldbewusst. Die frischen Hemden liegen links im Schrankfach. Eigentlich weiß er das – aber sie stellt die Schuhe hin und holt das Hemd heraus.
»Nicht das – da gehen die Knöpfe immer so schwer ’rein! Wo ist das Graugestreifte?«
Sie sucht ein bisschen und erinnert sich: das Graugestreifte hat er erst am Freitag ausgezogen.
»Wird in der Wäsche sein, Franz, wir richte ’s dir dann bald!«
»Ihr richtet’s!«, wiederholt er tief gekränkt. »So ist’s doch jedes Mal, wenn ich es brauche.«
Missmutig schlurft er auf Filzschuhen zum Fenster. Sie denkt: zwei Dutzend Hemden hat er – aber ausgerechnet …!
Wahrscheinlich sind die Männer alle so, wie bockige kleine Jungs. »Wird schon ein anderes da sein«, meint sie unbekümmert. »Am besten suchst du’s selbst raus! Ich muss die Kinder wecken.«
»Schon wieder neuer Schnee«, hört sie ihn noch. »Da wird man wieder wie in Grießbrei fahren.«
»Stadlerin!«, ruft sie laut im Flur. »Geh, nimm die Schuhe! Ich stell sie dir dahin!«
Sie wartet noch ein bisschen und als nichts erfolgt, trägt sie die Schuhe selbst in die Küche.
Behäbig, keineswegs gestört, hantiert die Stadler am Küchenschrank. Niemand könnte von ihr behaupten, dass sie schön sei. Sie ist nicht einmal liebenswürdig – aber eine Seele. Das aber wissen Gott und Anne allein.
»Hast du den blauen Anzug gestern ausgebürstet?«
Die Stadler schüttelt Kaffeebohnen in die Mühle, sie dreht sich nicht erst um: »Kann schon sein«, meint sie kühl. Die Bohnen hören sich im Fall wie kleine Perlen an. Perlen an der gleichförmigen Schnur des Tages.
Aus dem Zimmer der beiden Mädchen tönt Radiomusik. Die sind also schon auf, dennoch öffnet Anne die Tür.
Sie sieht ihre jüngste Tochter im Handstand, während Tilly die schlanken Finger sinnend durch den Strumpf führt.
»Morgen Mädels! Beeilt euch! Papa kommt gleich aus dem Badezimmer! Stellt doch das Radio nicht so furchtbar laut ein!«
»Warum denn nicht? Wer soll noch schlafen?«, fragt Tilly erstaunt. Sie hat die großen grauen Augen ihrer Mutter, aber sie ist nicht Annes blonder Typ; ihr kurzgeschnittenes dunkles Haar drängt sich in kleine Locken über dem bräunlichen schmalen Gesicht, der hübsche Mund ist durchaus selbstbewusst.
Tilly ist ein modernes junges Mädchen, das nicht zu viel für Träume übrighat. Sie hat ihr Abitur mit jener lässigen Selbstverständlichkeit bestanden, mit der sie alles tut. Sie bildet sich jetzt in der Schule von Madame Cunningham zur Dolmetscherin aus, treibt Sport, tanzt gern und viel und nennt den jungen Fredy Galsberg (Galsberg und Söhne, Herde- und Heizröhrenfabrik) ihren Freund.
Tilly weiß, was sie will. Kat weiß es nicht immer. Sie ist zu jung dazu, meint Anne zärtlich und weiß tief insgeheim, dass dieses Wesen nicht nur in seiner Jugend zu begründen ist.
»Zieht euch warm an«, sagt sie schon im Hinausgehen, »es hat wieder geschneit. Und frieren tut es auch. So dünne Strümpfe, Tilly!«
Tilly zuckt kurz die Achseln hinterdrein: »Wenn’s nach Mama ginge, müsste ich Selbstgestrickte anziehen, wie die Stadler. Schon wieder eine Laufmasche – ich werd’ verrückt! Wenn ich einmal verdiene, kauf ich mir auf einmal zwei Dutzend Strümpfe.«
Kat schlüpft ins Unterkleid.
»Was heißt bei dir: verdienen? Du heiratest doch einmal einen reichen Mann!«
»Ich mache mich trotzdem nicht abhängig«, erklärt Tilly großartig. »Das liegt mir keineswegs. Meinst du, ich bettle um gut Wetter für jeden Pfennig Wirtschaftsgeld, wie Mam?«
»Wir kosten eben viel«, meint Kat vernünftig.
»Klar kosten wir, das wussten sie vorher«, stellt Tilly kühl fest. »Ich werd’ auch einmal nicht drei Kinder haben. Und Söhne lass ich überhaupt im Internat erziehen.«
Sie kniet vor ihrem Schubfach und sucht Strümpfe, wirft ziemlich wahllos alles durcheinander: »Herrgott – wo sind sie denn? Ich hab’ erst gestern … da hat sicher Mama wieder herumgeräumt!«
»Warum räumst du nicht selbst auf?«, fragt Kat. »Alles darf Mami für dich tun, wo die schon überhaupt kaum fertig wird.«
»Dann soll sie ihre Stadler besser erziehen. Aber so ’n altes übernommenes Inventar – Mam hat ja Angst vor ihr. Und außerdem –«
»Was: außerdem?«, fragt Kat, ihren karierten Wollrock ernst betrachtend.
»Sie hat auch Paps zu sehr verwöhnt, das ist es. Sie ist ja unentwegt hinter ihm drein.«
Kat findet, dass der Rock zu bügeln wäre. »Würdest du deinen Fredy nicht verwöhnen?«
Tilly hat endlich ihre Strümpfe gefunden. Genießerisch zieht sie das hauchdünne Gewebe über ihre schlanken Beine: »Ich denke nicht daran. Da wäre ich schön dumm. Nee du, mein Mann muss völlig anders sein.«
Kats Hand streicht langsam über den karierten Rock. Plötzlich scheint sie zerstreut: »Ach – wie denn?«
Tilly knüpft den Strumpfhalter ein, sie tut das sorgsam und streng auf die Naht achtend.
»Männlich vor allem! Weißt du … so … so eine Mischung von brutal und … na, vor allem: Kavalier. Vom Scheitel bis zur Zehe. Den erzieh ich mir, mein Liebling, glaub es mir!«
So wie Kat Fredy kennt, glaubt sie es unbedingt. Das Radio spielt mit viel Gefühl: »I love you, Darling – kiss me …«
Ob er wohl heute wieder an der Ecke wartet?, denkt Kat verträumt. Ob er wohl wieder da ist? Er soll mich aber nicht wieder so ansehen – doch, er soll! Es ist so aufregend … irgendwie wunderschön. Brutale Männer? Nein! Es gibt auch andere.
In Walters Zimmer herrscht noch tiefster Schlaf. Es riecht darin nach Leder, Skiwachs und nach Stobs.
Anne macht zuerst das Fenster auf. Natürlich liegt Stobs wieder auf dem Bett, was er durchaus nicht soll. Ohne die Schnauze zu bewegen, misst er Anne mit einem schiefen Blick.
Die Drohung: »Gehst du gleich…!«, scheint er zu überhören. Walter ist niemals leicht zu wecken, es erfordert Kraft. Sein Wecker ist längst abgelaufen, erst die kalte Luft, die von dem offenen Fenster her weht, macht ihn munter. Er räkelt sich und stöhnt. Er hat den gleichen dunklen Schopf wie Franz, nur noch viel dichter. Die gleiche liebenswürdige Art, den Morgen zu begrüßen: »Oh – verdammt!«
Sein Zimmer ist nur selten aufgeräumt. Wenn man sich darin umsieht, könnte man zaghaft werden. Er selbst nennt das kühne Durcheinander von Büchern, Heften und Sportsachen: künstlerische Symmetrie.
»Walter – du sollst den Hund nicht immer auf die Decke nehmen. Er hat gestern Abend noch im Schnee gewühlt!«
»Hat’s wiederum geschneit?«, kommt die Rückfrage, »dann muss ich nämlich den Anorak anziehen – wo ist er?«
»Im Mottensack. Hättest du das nicht früher sagen können?«
»Hat’s denn früher geschneit? Jetzt – stinkt er selbstverständlich?«
»Nicht schlimmer als dein Stobs. Ich hol ihn gleich heraus.«
»Prima. Und bisschen lüften – ja? Machst du dem Stobs ein bisschen Milch warm, ja? Die Stadlerin kennt keine Temperatur, da verbrüht er sich die Schnauze.«
Als Anne zur Küche will, hält Kat sie auf dem Flur fest, sie schiebt ihr den »Karierten« förmlich in den Arm:
»Geh, Muttilein, sei süß – kannst du ihn mir schnell bügeln? Ich muss ihn gleich anziehen!«
»Aber du hast doch noch den blauen, Kind!«
»Och – den? Und außerdem – ist er am Saum zu kurz, ja wirklich, Mutti, weißt du, ich kann doch nicht –«
»Na, gib schon her«, sagt Anne. »Lauf zur Stadlerin, sie soll das Eisen einstecken, ich komm gleich. Ich muss zuerst den Anorak vom Walter –«
»Stadlerin!«, schreit Kat mit Lungenkraft, und aus der Tür des Mädel Zimmers ruft Tilly höchst empört nach ihrem roten Gürtel.
»Ich habe ihn dir in das oberste Schubfach gelegt!«, ruft Anne zurück und muss erfahren, dass er da nicht ist, es muss ihn jemand wieder fortgenommen haben.
»Erlaube mal!«, fühlt Kat sich angegriffen. Walter schießt wie ein Streckenläufer vor dem Ziel an ihr vorbei ins Bad, kläffend japst Stobs ihm hinterdrein mit fliegendem Behang.
Und oben an der Treppe steht Franz mit düsterem Blick im Unterhemd.
»Am Hemd, das ich da anziehen soll, fehlt der oberste Knopf!«
»Aber wieso denn?«, fragt Anne hinauf. »Ich seh’ doch immer alle Hemden durch!«
»Wahrscheinlich doch nicht«, rügt er mit Grandezza. Wozu jetzt sagen, dass er den Knopf beim Überstreifen selber abgerissen hat! Das wäre ihm auch nicht passiert, wenn man die Knöpfe einmal richtig annähen würde.
»Gib her!« Das Hemd fliegt Anne auf den Arm. Die Stimme oben grollt: »Aber ich hab’ es eilig!«
Und Anne nickt und läuft. Sie weiß: so ist das eigentlich an jedem Morgen. Sie sucht den Anorak hervor und hängt ihn auf die offene Terrasse. Sie näht in Windeseile den verlorenen Knopf an und springt wieder hinauf, wo Franz wartet. Sie springt hinunter in die Küche, wo die Stadler in einer Ruhe ohnegleichen noch beim Kaffeeaufgießen ist.
»Das Bügelbrett, Frau Stadler! Kat – hast du denn nicht –?«
»Ich hab’ das Eisen ja schon eingesteckt, Mami, du brauchst bloß bügeln!«
Die Stadler wendet ihre Leibesfülle gewichtig nach Kat um: »Warum bügelst du denn nicht selbst?«
»Ich kann nicht – muss noch schnell Grammatik lernen!« Schon ist sie draußen, und die Stadler nickt; sie kann so herzerfrischend niederträchtig nicken.
»Nun lass schon, Stadler«, lächelt Anne. »Ich mach’s schon. Pass du auf die Eier auf, sind sie schon weich? Tilly will doch ihr Spiegelei, und Walter liebt es hart!«
»Hier ist nicht kein Hotel«, nuschelt die Stadler. »Wenn man so machen möcht, wie jeder will, dann misst man nachts aufstehen!«
»Ich weiß«, begütigt Anne. »Ist noch Honig da? Mein Mann will keine Marmelade mehr, sie ist für ihn zu süß.«
Die Stadler brummelt etwas, das heiße Wasser gießt sie dampfend in die vorgewärmte Kanne: »Der Bäckerjunge, der Schlawiner, hat wiederum ein Brötchen zu wenig – ich glaub’, der frisst sie selbst … na, ist doch wahr, der kriegt beim Meister nichts, die Kuhnerts von nebenan sagt’s auch –«
»Ist das so wichtig, Stadler?«
Halt – aufpassen! Das Eisen ist zu heiß, der Rock ist schwer zu bügeln, oder sie ist nervös, sie kriegt die eine dumme Falte immer wieder ’rein. Und da ist Walter.
»Der Anorak, Mutter! Ich brauch ihn doch!«
»Hängt draußen, hol ihn dir!«, ruft die Stadler.
»Kann nicht, Frau Stadler?«
»Wer selbst Füße hat, der lauft«, erklärt die Stadlerin, die das Tablett hineinträgt.
Walter zieht sich zurück, hinter ihm quiekt es auf, Franz ist dem Dackel auf den Fuß getreten.
»Sag’ mal«, meint er, halb in der Küchentür, »musst du jetzt gerade bügeln? Ihr Frauen habt doch eine Einteilung! Man könnte euch beneiden. Du, übrigens – im Wintergarten da … die Blumen sind pulvertrocken!«
»Ja – ich mach’s dann gleich –«
»Und außerdem: dein Gockel draußen kräht wie ein Staatsanwalt! Haben die Hühner Futter?«
»Ich konnte heute noch nicht – ich mach das gleich nachher!«
Tilly drängt sich an Franz vorbei, streift flüchtig mit den Lippen seine Wange: »Tag, Paps – oh, fein rasiert! Du, Mam, gibt’s heut’ kein Frühstück?«
Es gibt Frühstück. Sie sitzen alle um den runden Tisch, und draußen wird es langsam hell, während im Zimmer noch das Oberlicht brennt. Helles freundliches Zimmer, liebgewohnt, heimelig, warm, gemütlich, die liebsten Menschen um den Tisch herum, schön ist das!
Nur, dass die Stadlerin nachlässig deckt, man kann es ihr nicht abgewöhnen. Anne holt das vergessene Salz, den Zucker, die Servietten, natürlich ist das Ei, das Walter hat, zu weich, Franz findet, dass es zieht, Anne weiß zwar nicht, woher, aber sie geht und macht die Tür zum Wintergarten zu.
»Setz dich doch einmal hin«, sagt er, »sei nicht so ungemütlich!«
Sie sitzt, sie lächelt, antwortet, schmiert Brote.
»Nicht immer Speckwurst«, tadelt Tilly, »die gibt so schlechten Teint. Leg mir doch Schinken auf.«
Walter holt sich die Butterdose näher ’ran: »Wenn du erst deinen Fredy hast, gibt’s morgens Kaviar!«
»Idiot!«, sagt Tilly kühl. Der Vater macht: »Na, na!« Es klingt nicht sehr bedrohlich, mehr um die Form zu wahren, Tilly ist sein Liebling. Und in Gedanken streicht er ihr ganz schnell mal übers Haar.
»Wie war’s gestern im Kino?«, fragt Kat kauend.
»Hübsch«, sagt Anne vergnügt. »Nette Musik dazu – ich hab’ sie noch heut’ früh im Ohr gehabt.«
»So?«, fragt Tilly und pfeift exakt: »Die Melodie – der Liebe?« Anne nickt. Aber Tilly soll trotzdem am Tisch nicht pfeifen.
»Ich weiß nicht«, meint Franz, »was ihr an solchen Filmen habt? Mir tut das Geld leid. Mehr oder weniger ist doch alles Kitsch. Ein anständiges Bier wäre mir lieber.«
»Paps als Gefühlsbanause!«, kichert Tilly.
Anne sucht das Cellophan Papier. Es ist nicht mehr im Schubfach der Anrichte. Wo ist es aber dann? Halt – hier, unter dem Kasten mit den Löffeln. Warum hat es die Stadler denn dahin gepackt?
Sie wickelt schnell die Butterbrote ein, holt rote Winteräpfel aus der Schale. Dabei sieht sie, dass Mautz hinter der Fensterscheibe sitzt, der kleine graue Kater.
»Wo hast du dich herumgetrieben?«, flüstert sie, macht schnell das Fenster auf und lässt ihn ein. Sein silbergraues Fell ist feucht. Er streicht an ihr vorbei zu seinem Futterplätzchen.
Aber sein Napf ist leer – wie Stobs auch; sie kriegen beide ihre warme Milch; einander scharf beobachtend schlecken sie eilig.
Und dann muckst Tilly auf, sie hat einen Butterfleck auf ihrer neuen Bluse. Anne springt zu: »Warte, ich putz ihn raus, ich hol schnell warmes Wasser!«
Franz trinkt den letzten Schluck Kaffee und zündet sich mit der gewohnten Sorgsamkeit die Frühstückszigarre an. Wie immer entspannt sich dabei sein Gesicht, er ist geneigt, Fehler zu übersehen und den Morgen annehmbar zu finden.
»Anne, hast du meine Landkarten verlegt? Ich meine, die große Autokarte, die im Wagen war?«
»Soviel ich weiß, ist sie in deiner Mappe.«
»Da ist sie nicht«, sagt Franz mit Überzeugung. Doch Anne weiß: er hat sie selbst hineingelegt – erst gestern. Sie muss ein bisschen lächeln, nur so, wie jede Frau es tut, wenn sie den Gegner überführt sieht.
»Moment mal«, sagt sie sanft und geht ins Nebenzimmer. »Ja – und der Fleck in meiner Bluse?«, jammert Tilly.
»Du kannst auch gar nichts selbst«, hält Kat ihr vor. Tilly hält es für besser, diesen schwesterlichen Einwurf glatt zu überhören.
»Ich weiß nicht«, meint Walter, den Kopf über dem Sportteil der Morgenzeitung, »Mutter ist in letzter Zeit … ich meine … sie sollte sich vielleicht eine Liste aller Gegenstände zulegen, nach denen sie fortwährend suchen muss!«
»Ich muss nicht suchen«, sagt Anne freundlich. Sie bringt die Karte und in der anderen Hand ein Töpfchen heißes Wasser und ein frisches Leinentuch. »Sie war ja in der Mappe – bitte, Franz.«
»Mir unbegreiflich«, murmelt er, sie auseinanderbreitend, über die Tassen und die Teller weg. Der Frühstückstisch wirkt damit nicht mehr sehr gemütlich, und Anne denkt: Warum muss er das jetzt machen, was will er denn damit?
Franz raucht und sucht, fährt mit dem Zeigefinger den Linien nach, die alle Straßen vorstellen, Straßen mit Schnee und leuchtend weißen Bäumen, mit Dörfern in verschwommener Silberferne und Kirchtürmen und dem Gesicht der Berge, gelagert in Perlmutt und Wolkenschaum.
»Du reibst so langsam, Mutti«, rügt Tilly, »so geht er nie heraus … hier noch ein bisschen!«
Einmal fortfahren, denkt Anne, einmal woanders sein – wo man nicht selbst Frühstück machen muss – und keine Kinder tausend Wünsche haben – ausschlafen und die Fenster öffnen in die reine Luft, in die flimmernde Sauberkeit, in der die Berge atmen.
Franz pfeift beim Suchen leise durch die Zähne. Das tut er immer, wenn er eifrig wird. Stobs fasst das anders auf. Er setzt sich in Positur und hebt die Ohren an.
»Was ’n los?«, fragt Walter und knüllt die Zeitung auf den nächsten Stuhl. Er ist verärgert. Vorigen Sonnabend hat er für Schalke getippt. Schalke hat nicht gewonnen.
»Du hast wohl Zeit zu warten?«, fragt Franz zurück. Walter mault: »In fünf Minuten muss ich draußen sein. Wir haben zuerst Mathe beim Bucky, ich muss noch eine Formel ausknobeln!«
»Abschreiben, meinst du wohl?«, fragt Kat vorwitzig.
Walter tippt höhnisch an die eigene Stirn und Kat tippt höhnischer zurück. Und Anne, die mit Tillys Bluse fertig ist, denkt: Gott, was sind das alles noch für Kinder!
»Jetzt hört mal zu«, sagt Franz genussreich. »Wartet mal – wo ist … wo ist denn nur …? Hat jemand vielleicht ’n Bleistift?«
Anne sieht gedankenschnell den silbernen Drehbleistift, den sie ihm geschenkt, oben im Schlafzimmer auf seinem Nachttisch liegen. Da hat er ihn vergessen. Er vergisst ihn oft.
»Wo ist denn nun der Bleistift?«, fragt er leicht gereizt.
Eigentlich könnten Walter oder Tilly oder Kat jetzt einen Bleistift holen. Kommt keinem die Idee?, denkt Anne.
Keinem kommt sie. Also läuft sie und holt den Bleistift aus der Schale vom Schreibtisch. Und Gott sei Dank, ist er gespitzt. Franz fährt mit ihm blaue und rote Straßenlinien nach:
»Jetzt schaut mal her, ihr Bande!«
Er legt den Kopf ein bisschen schief, weil ihm der Qualm seiner Zigarre in den Augen beißt, jedoch er nimmt sich keine Zeit, sie aus dem Mundwinkel zu nehmen; die anderen stehen plötzlich um ihn herum, vielleicht ahnen sie, was kommt und dass es eine tolle Überraschung geben kann:
»Nu mach schon, Paps! Nu sag’s schon!«
»Na?«, fragt er breit, behaglich. »War das was? Wir fahren am Sonnabend früh ein bisschen in die Berge? Ich nehme mir drei Tage frei – ihr auch! – Da – seht ihr, da – fahren wir hinunter, nach Tirol!«
Sie schreien alle furchtbar durcheinander, Stobs kläfft wie ein Verrückter, der Kater springt beleidigt auf die Fensterbank.
Anne lächelt; sie lächelt schwebend in den Lärm hinein. Sie denkt: Wie schön. Hat er gewusst, dass ich mir das gewünscht hab’?
Natürlich hat er’s nicht gewusst, wieso denn? Aber die Herrlichkeit bleibt darum doch. Sie ist versucht, ihm schnell über das dunkle Haar zu streichen, das jetzt so ordentlich gebürstet überm Scheitel liegt.
»Ich hab’ nämlich in Innsbruck …«, murmelt er am Rande. »Aber das geht ganz schnell, wir könnten es verbinden. Was sagt ihr nun dazu?«
Sie sind begeistert, sie überfallen ihn mit ihrer schrankenlosen Dankbarkeit. Dazwischen schlägt die Uhr, und es wird höchste Zeit, zuerst einmal für Walter.
Er stößt noch einen Wildwest-Schrei hervor, knuddelt den Dackel, der das übelnimmt, vergisst beinahe sein Frühstück, das ihm Anne nachreicht, saust von der Tür nochmals zurück: »Nehmen wir die Bretter mit?«
»Na selbstverständlich.«
»Prima primissima!«
Er poltert ab, und einige Sekunden später dröhnt die zufallende Haustür wie ein Kanonenschlag.
Wenn das heute was in der Mathematik wird, denkt Anne.
»Kann heute etwas später mit dem Essen werden«, meint ihr Mann. »Ich muss den Wagen noch abschmieren lassen. Schneeketten werden drauf müssen. Und Anne – du suchst vielleicht heute Vormittag die Koffer aus, den kleinen braunen und den karierten Sack. Das dürfte wohl genügen. Die Mädels sollen nicht zu viel einpacken, man schleppt’s bloß mit sich ’rum. Besorge auch ein bisschen Obst und Schokolade für die Fahrt, du weißt ja schon. Und meine hellen Sportsocken, die mit dem weißen Rand – die müssten, glaub’ ich, erst gewaschen werden. Ich nehme auch den dunklen Anzug mit, die Stadler soll ihn bürsten. Und … ja, was ich noch sagen wollte …
Aber es fällt ihm nicht mehr ein – und für die Mädels wird es langsam Zeit.
»Gell, Mutter, meine beiden weißen Pullis, die wäschst du doch? Aber sie dürfen nicht beim Trocknen Falten schlagen, pass gut auf. Ja und –«
»Ich hab’ kein einziges Taschentuch«, klagt Kat, »könnte man nicht gleich mit … und Mutti, in meinem Anorak, oben am Kragen – da ist die Naht offen! Schau doch mal später nach, ja?«
Franz legt die Karte säuberlich zusammen. An einer Ecke hat sie einen Fettfleck abgekriegt, dort, wo sie auf der offenen Butterdose lag: »Hättest du schließlich sehen können, Anne!«
»Ihr müsst gehen«, sagt sie nur, »es wird schon wirklich spät. Du, Franz – ich muss ein bisschen Geld haben!«
»Schon wieder?«, fragt er stirnrunzelnd. »Wie kommt das? Ich hab’ dir doch erst vorige Woche – oder nicht?«
»Ich hab’ Strom zahlen müssen, Franz, und Walters Skistiefel wurden besohlt.«
»Ein bisschen einteilen«, meint er besorgt, »nicht alles kaufen, was man sieht, Knirps. Ich hab’ ja schließlich auch nur mein Einkommen!«
Aber ein ziemliches, denkt Tilly aufstehend. Lächerlich, dass er ihr immer Vorhaltungen macht. Soll mir mal nicht passieren!
»Los, Mädels«, fordert Franz, die Brieftasche hervorholend, die Töchter auf, »macht euch schon fertig, ich nehme euch ein Stück im Wagen mit.«
Es ist Kat, die ein wenig zögernd meint: »Ach – eigentlich könnt’ ich auch gut zu Fuß gehen. Man kommt so wenig an die Luft.«
»Unsinn, fahr mit«, sagt Anne schnell. Sie denkt flüchtig: Was hat sie denn? Sie ist in letzter Zeit zuweilen merkwürdig.
Die Mädels trollen sich, und Franz zählt einige Scheine auf den Tisch: »Der Haushalt kostet allerhand, Anne. Lässt sich nicht hier und da …? Ich denke an meine Mutter, die konnte fabelhaft einteilen, weißt du.«
»Franz, ich kann es auch. Ich spare wirklich, wo ich irgend kann. Aber gut essen wollt ihr auch?«
»Natürlich wollen wir das. Von dem, was ich dir gebe, ist das wohl auch möglich. Kollege Grau hat fünf Kinder – aber seine Frau kommt mit weniger aus.«
Woher weißt du das so genau?, denkt Anne aufgebracht. Sie hasst das Feilschen um das Wirtschaftsgeld. Besonders heute Morgen.
»Sag, Franzi«, fragt sie, nestelt an seinem Rockaufschlag, »warum hast du mir das nicht gestern schon gesagt, das mit der Reise?«
»Warum? – Ach so – eigentlich bin ich erst heute Nacht zur Überlegung gekommen. Es passt nämlich ganz gut. Es handelt sich um eine Erbschaftsangelegenheit, die ich von Dr. Printen übernommen habe. Der Hauptzweig der Familie sitzt in Innsbruck, ich hätte gern persönlich vorgesprochen. Und ein paar Spesen fallen auch mit an. Da wollte ich euch eine Freude machen.«
Sie legt die Hände schnell um seinen Hals: »Du bist sehr lieb, Franzi! Die Kinder freuen sich.«
»Du nicht?«, fragt er mit einem kleinen lieben Lächeln, das er eigentlich gar nicht oft aufsetzt. Sie küsst ihm dieses Lächeln von den Lippen fort:
»Nein – gar nicht!« Er weiß, wie sie es meint.
Er klopft ihr flüchtig auf den Rücken, lässt sie los. Jetzt hat er’s wieder eilig: »Wo sind denn jetzt die Mädels?«
Es gibt noch fünf Minuten Hast, bewegte Unruhe, ein Hin und Her. »Und Mutti, vergiss nicht … Mami, gell, meine braunen Schuhe? Nimm auch ein Zentimetermaß zur Hand – den Kofferraum ausmessen – wo ist denn mein Schal?«
Dann sind sie fort. Sie hört den Wagen aus der Garage fahren.
Erschöpft bleibt sie im Flur stehen, streicht sich mechanisch eine verirrte Strähne aus der Stirn. Ein bisschen ist sie müde – schon am frühen Morgen.
Aus der Küche stolpert die Stadler mit dem Staubsauger heran, der lange gegliederte Metallschlauch scheppert hinter ihr drein. Anne fährt auf: Die Hühner!
»Frau Stadler, fangen Sie doch schon im Arbeitszimmer an, ich will nur schnell erst füttern. Dann räum’ ich selbst den Tisch ab.«
»Damit ich wohl nicht sehen soll, wie Sie wieder nicht zum Kaffeetrinken gekommen sind? Jetzt wird er ja nur kalt sein.« Ihr Blick ist der personifizierte Vorwurf, doch Anne übersieht ihn vollständig: »Stadler, wir fahren übers Wochenende weg! Zum Skifahren nach Tirol!«
Ein kleiner Jubel schwingt in ihrer Stimme, die Stadler nickt: »Wird auch mal Zeit für Sie. Bleiben die Kinder da? Ich wollt’ nur sagen, dass ich dann nicht fertig werde, bitte.«
»Sie kommen mit, wir kommen alle mit!«
Die Stadler schaut ihr nach. Sie denkt gerührt: Manches Mal ist sie noch wie damals – wie als junges Mädchen.
Anne läuft hinaus. Die Winterluft ist klar und frisch, es friert ganz tüchtig. Ein duftiger Nebelhauch schwebt noch über den Bäumen.
Im Stall empfängt sie heftiges Gegacker, der Gockel stelzt gravitätisch auf sie zu, es scheint ihm selbstverständlich, dass er erst bedient wird.
»Bist du auch nett zu deinen Damen?«, scherzt sie, »bist du ein Kavalier?«
Sie streut die Körner hin, sieht zu, wie sie sie picken. Die Hühner sind sozusagen ihr eigenster Besitz, ihr eigenes Bereich. Ein wenig kommt sie sich dabei wie früher auf dem väterlichen Gutshof vor, weit hinten in Ostpreußen, das es nicht mehr gibt.
Später trinkt sie den kalten Kaffee, isst das letzte Brötchen.
Die Morgenzeitung ist zwar nicht mehr in allen ihren Seiten voll lesbar, Stobs hat ein paar Ecken aus ihr gezupft. Abwartend, aber keineswegs bedrückt, sitzt er unter dem Tisch.
Ich muss die Pflanzen gießen, überlegt sie. Franz ist auf seinen winzigen Wintergarten so unheimlich stolz. Nur vergisst er gewöhnlich, ihn selbst zu pflegen.
Franz … zwanzig Jahre ist sie jetzt mit ihm verheiratet. Eigentlich eine lange, lange Zeit. Nur wie ein Tag so kurz – wenn man sie jetzt ansieht. Ein ruhiges, schönes und gereiftes Glück.
Und sie ist dankbar. Immer ist sie das. Sie ist noch immer in ihren Franz verliebt – mehr als er ahnt wahrscheinlich.
Merken Männer das überhaupt?
Man hat zu wenig voneinander, denkt sie, zu wenig Zeit, um zu empfinden, dass man glücklich ist. Ich habe meine Arbeit – er hat seinen Beruf, dazwischen sind die Kinder, diese junge Horde, die einen so in Anspruch nimmt.
Muss man darum zurückstehen? Gehört man wirklich schon zur sogenannten »älteren Generation«? Obwohl man sich so jung fühlt.
Wenn man Franz ansieht, könnte man es hier und da schon glauben. Er ist gesetzt geworden, der Herr Rechtsanwalt, ein ernst zu nehmender Familienvorstand, der in der Wirtschaftskasse gern auf Ordnung sieht.
Ach – manches Mal möchte sie ihn wie früher haben, als sie noch beide ganz allein gewesen waren.
Damals liebte er ihr Klavierspiel. Jetzt vergisst er es. Und darum hat sie es auch fast vergessen. Sie hat ja auch kaum mehr zum Spielen Zeit, geschweige denn zum Üben. Sie wurde ja auch Hausfrau, keine Pianistin, wie sie’s als schwärmerischer Backfisch gern geträumt hatte.
Doch manches Mal – ganz insgeheim gedacht – möchte sie doch gern wieder Klavierspielen und hier und da ein schönes Konzert hören und jemand haben, mit dem man drüber spricht.
Franz ist nicht für Konzerte, er langweilt sich darin. Es ist nicht schön, neben jemand zu sitzen, der nur aus purer Höflichkeit zuhört und Strauß nicht immer von Strawinsky unterscheidet.
Na ja, seine Talente liegen auf anderem Gebiet. Und darauf ist sie stolz. Jawohl, das ist sie.
Sie hat das Läuten draußen überhört, die Stadler bringt die Post. Mit einigem Nachdruck legt sie sie vor Anne hin:
»Da war schon wieder einer aus – dem Zürich.«
Anne greift ihn sich heraus, den länglichen zitronenfarbenen Umschlag mit dem Schweizer Stempel. Und mit dem schwachen, nach Verbenen duftenden Parfümhauch am Papier.
Hat sie nicht eben an Musik gedacht? Als hätte sie den Brief vorausgeahnt. Er kommt von Jeanne.
Wenn man an Jeanne denkt, ist immer etwas von Musik dabei … etwas Chopin und eine Spur Delibes … und auch so etwas wie ein ganz kleines, prickelndes Chanson, wie es vom Bois her weht, vom Duft und Glanz der Seine, in deren schönster Stadt Jeanne Löhr geboren wurde.
Sie lächelt ein wenig vor sich hin, sie denkt: du rührend treue, liebe, kleine Jeanne … als sie, fast wissend; was im Brief steht, seinen Umschlag aufmacht.
Dr. Kienzel setzt seine Töchter einzeln ab: Tilly vor einer eleganten Parfümerie, in der sie sich ihre Hautcreme kaufen will, die kleine Kat fährt er ein Stückchen weiter, bis zum Landgericht; von dort aus hat sie nur noch einen Sprung bis zu ihrer Schule.
»Mach’s gut, Küken«, sagt er mit einem Kuss. »Komm nicht zu spät zum Essen. Oder noch besser: Hol mich später ab, ich bin um ein Uhr fertig im Gericht. Wir fahren dann noch schnell den Wagen in die Werkstatt.«
»Ja, Paps«, sagt Kat gehorsam und klettert aus dem Wagen. Dr. Kienzel entgeht der Blick, mit dem sie sich scheu umsieht. Und da er gleich scharf um die Ecke zu seinem gewohnten Parkplatz fährt, entgeht ihm auch der Herr im grauen Mantel mit dem tief in die Stirn gedrückten, nicht mehr ganz neuen Hut, der sich, nur ein paar Schritte weiter, seiner Tochter nähert.
»Wie schön, dass wir uns treffen«, flüstert er dem jungen Mädchen zu, und Kat errötet und geht zögernd weiter, während er dicht an ihrer Seite bleibt, so dicht, dass ihre Arme sich berühren.
»Mein Vater kann uns sehen«, murmelt Kat.
Er schaut sich vorsichtig nach dem braunen Mercedes um, aber der ist bereits verschwunden.
»Nein, er sieht uns nicht. Oh, kleine, liebe Kathrin, der Tag war gestern lang. Ich habe viel an - an ein sehr süßes und sehr scheues Reh gedacht.«
Er hat eine weiche biegsame Stimme mit einem dunklen Unterton, der alles, was er sagt, so sonderbar intim macht. Sein grauer Ulster ist ein bisschen schäbig, aber sorgsam gebürstet, und der seidengraue Schal dazu hebt seine letzte Spur gewesener Eleganz.
Der Mann ist schmal, man möchte sagen: schmächtig. Er hat ein blasses Gesicht mit Augen, die sehr zärtlich blicken können, und einen unruhigen, etwas weichlichen Mund.
»Sehen wir uns heute?«, fragt er. »Ich wüsste ein neues, kleines Café in der Vorstadt, wo uns niemand sieht. Da du doch stets so Angst hast, kleines Ritterfräulein!«
»Ich werd’ nicht können«, flüstert sie erregt.
»Du wirst nicht wollen«, flüstert er zurück. In seiner Stimme vibriert der Vorwurf.
Sie hält den Blick gradaus, gleich muss die Schule kommen, er ist so unvorsichtig, wenn sie ein Lehrer … eine Kameradin sieht!
Doch dieses Unvorsichtige lockt sie an, weil es so wunderbar romantisch ist. Die Stimme lockt sie, die Nähe seines Armes, seiner Lippen.
Er hat sie schon geküsst. Er küsst sie immer wieder, an verschwiegenen Orten, in kleinen abgelegenen Cafés, auf einsamen Parkwegen, dort, wo es niemand sieht. Und diese Küsse geben ihren Augen zuweilen ein versonnenes, vertieftes Licht.
Er hat ihr auch gesagt, dass er sie liebe, trotz des Altersunterschiedes. Sie sei das Süßeste, das ihm begegnet sei, die Frau, auf die er eigentlich ein Leben lang gewartet habe. Er redet von Bestimmung und von Schicksal und vom Recht der Liebe. Alles versteht sie nicht, aber es klingt so herrlich. Und seine Stimme ist dabei seltsam verhüllt und zärtlich, er kann auch mit der Stimme küssen, findet sie – und das geht wie ein leises unbekanntes Fieber ins Blut und lässt sie ihm gehorchen, wenn er bittet:
»Sag, wann sehen wir uns?«, drängt er.
»Ich weiß nicht … doch … ich will versuchen …«
»Süße!«
»Vielleicht heute zwischen sechs und halb sieben. Wo ist denn das Café?«, gibt sie nach.
»Ich werde auf dich warten – am gewohnten Platz. Ich werde dich hinführen.«
»Ja, bitte. Aber – ich weiß es nicht genau … ich komme, wenn ich kann …«
»Wenn ich das sagen würde? Ich habe gerade in diesen Tagen viel zu tun, sehr wichtige Besprechungen. Vielleicht muss ich verreisen.«
Sie nickt, sie schluckt: »Ich komme ganz bestimmt. Jetzt – jetzt muss ich aber gehen – bitte!«
»Liebste – liebst du mich?«
Sie nickt noch einmal, ja, sie liebt ihn, ginge sie sonst hier? Sie hat nur nie gewusst, dass Liebe so gefahrvoll und so beunruhigend ist, genau wie in den Büchern, die Tilly immer liest – und die sie später achtlos in ihr offenes Schubfach wirft.
Er bleibt zurück, löst sich von ihrer Seite; sie geht beflissen weiter, ernst und blass, ein kindlich junges, kindlich zartes Mädchen, ein wenig neugierig, ein wenig auf gestört … mit einem Funken fremder Angst im Herzen mit einer leisen süßen Furcht … und sie weiß nicht, wovor …
Anne hält noch immer Jeannes Brief in Händen. Sie lächelt versonnen vor sich hin. Jeanne ladet sie zum fünften Male auf »une toute petite visite« zu sich nach Zürich ein. Sie müsse einfach kommen – tout de suite!
Sie schreibt ein holdes Kauderwelsch, deutsch und französisch durcheinander, genauso, wie sie spricht. Doch in den Zeilen atmet unwiderstehlich und lebendig nah ihr ganzes frohes, liebenswürdiges und treues Herz.
So war sie auch auf der Musikhochschule in Salzburg, wo diese Freundschaft einst geboren wurde: ein quicklebendiges, zu tausend Streichen aufgelegtes charmantes Bachfischlein. Hochbegabt, aber sprunghaft, dem Leben immer fröhlich zugeneigt, mit immerhin durchaus konkreten und zielbewussten Träumen.
Nun, Jeanne hat diese Träume durchgesetzt: sie hat einen nicht nur sehr reichen, sondern auch sehr netten Mann geheiratet, der sie, wie sie es schreibt, auf Händen trägt. Sie hat ein schönes und gepflegtes Heim in Zürich, sie macht viele Reisen, besucht Theater und Konzerte, wo und wann sie will und weiß wahrscheinlich die Roben aus der Modefirma »Löhr et fils« mit sehr viel Charme zu tragen.
Es wird ein wenig schwer sein, ihr nun abermals zu sagen, dass Anne jetzt nicht wegkommen kann. Dass es im Augenblick unmöglich sei – vielleicht später.
Sie weiß genau: Jeanne wird an dieses Später nicht mehr glauben wollen, sie wird vielleicht sogar beleidigt sein. Denn was weiß Jeanne von halberwachsenen Kindern, von einem Haushalt, den man selbst führen muss, von einem Mann, der gern verwöhnt sein will – und der es auch verdient. Was weiß Frau Löhr von Haushaltungssorgen, vom Zwang zum Sparen, von den Wünschen der heranwachsenden Kinder, von der Planung des Familienlebens und Zeitmangel.
Wenn Anne ihr darüber schreibt, geht sie darauf nicht ein, sie schreibt einfach zurück: du musst für dich Zeit haben!
Oh, Jeanne – gut gesagt. Aber nicht auszuführen.
Im Nebenzimmer staubt die Stadler mit viel Geräusch ab; alles, was sie nicht gerade gern tut, tut sie mit Geräusch. Im Augenblick ist sie beim Flügel angekommen. Als sie über die Tasten wischt, schlägt oben im Diskant ein Ton an: zart und dünn, wie eine kleine mahnende Erinnerung.
Ich hab’ sehr lange nicht gespielt, weiß Anne, zu lange nicht. Aber ich komme ja nicht dazu, den Deckel aufzumachen. Und außerdem: der Flügel müsste längst gestimmt werden.
Wozu? Für wen? Außer ihr will niemand spielen. Die Kinder haben ja das Radio, Tilly hat ihre Platten.
Es ist allerdings nicht viel darunter, was an Mozart oder Bach erinnert. Tilly liebt rasche Jazzrhythmen, nach denen man das Neueste tanzen kann.
Franz ist nicht übermäßig musikalisch, dennoch hat er ihr früher sehr gern zugehört. Im Anfang ihrer Ehe hat sie zuweilen kleine Hauskonzerte arrangiert, dann fand sie immer weniger Zeit dazu, es fanden sich auch nicht die richtigen Leute. Der Krieg kam und die schwierige Nachkriegszeit, das Leben wurde hart; die Kinder wuchsen auf, sie nahmen Zeit und Pflege ganz für sich in Anspruch. Der Faden riss nie ab. Nur das Klavierspiel schwieg.
Noch immer hält Anne den zitronenfarbenen Briefbogen in der Hand, wie eine Spur von Leichtsinn weht ein Hauch von Verbenen aus den Buchstaben. Ach – schön müsste es sein, einmal verwöhnt zu werden, es so nett zu haben – nach langer Zeit wieder ein kleines Stück der großen Welt zu sehen, Menschen, schöne Kleider.
Und Musik zu hören. Eine Symphonie – ein Bachkonzert! Einen großen Liederabend.
Na ja, es geht mal eben nicht. Man kann vom Leben nicht zu viel verlangen.
Und außerdem: im Augenblick ist ihre Garderobe gar nicht so im Stande, dass sie damit zur eleganten Freundin fahren möchte. Ein bisschen ist man ja wohl auch noch Frau.
Tilly braucht zuerst den neuen Wintermantel, Franz den grauen Anzug; die Nachhilfestunden Walters in der Mathematik kosten ein schönes Geld. Kohlen hat man bezahlen müssen, noch so allerlei, zwei »Mussgesellschaften« sind auch darunter, Franz ist das seiner Stellung schuldig, da ist nichts zu machen.
Sie fühlt sich keineswegs bedauernswert, sie fährt ja übermorgen in die Berge. Mit allen ihren liebsten Menschen, das wird wundervoll.
Sie trägt die Post in Franzens Arbeitszimmer, den Brief aus Zürich hebt sie selbst auf.
