Als die Gletscher schmolzen - Reinhard Köhrer - E-Book

Als die Gletscher schmolzen E-Book

Reinhard Köhrer

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Im Mesolithikum Oberbayerns vor 9000 Jahren wird nach dem gewaltsamen Tod des Schamanen Karuno Hagun zu seinem Nachfolger ernannt. Da es dem schlaksigen jungen Mann an Erfahrung für das Erbe des Schamanen fehlt, schickt ihn das Dorfoberhaupt Kundar zum Zauberer des Nachbardorfes am gegenüberliegenden Ende des Großen Sees in die Lehre. Als Hagun nach tiefgreifenden Erfahrungen in sein Heimatdorf zurückkehrt, bringt er nicht nur einen Wolfsgeist, sondern auch ein blondhaariges Mädchen mit, das sich Gadil nennt und dem idealen Frauenbild entspricht. Dass sein Name eigentlich Jessica ist, es von einem anderen Planeten kommt, und es vor seiner Verwandlung ein Geschöpf mit runden Eulenaugen, Oktopusarmen und einem lindgrünen Chamäleonkörper war, verrät es natürlich niemandem.
Als Fremde in das beschauliche Fischerdorf einfallen, die den ›Einsiedler‹, der seit vielen Jahren zur Dorfgemeinschaft gehört, suchen, weil er den ›Stein des Wissens‹ aus Chandor, einem Ort weit jenseits des Gebirges, gestohlen hat, kann Hagun nur durch eine List Schlimmeres verhindern …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

Reinhard Köhrer

 

 

 

Als die Gletscher schmolzen

 

 

 

 

 

Science-Fiction

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv 

Cover: © Steve Mayer nach Motiven, 2023 

Korrektorat: Bärenklau Exklusiv 

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

 

Die Handlungen dieser Geschichten sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Prolog 

Erstes Buch 

Hagun 

Tage im Herbst 

Überfahrt 

Im Geisterhain 

Die Spur der Pferde 

Zweites Buch 

Die Suche nach dem Stein 

Wintereinbruch 

Am Dunklen Berg 

Barlags Rache 

Epilog 

Nachwort 

Folgende Titel von Reinhard Köhrer sind ebenfalls erhältlich oder befinden sich in Vorbereitung 

 

Das Buch

 

 

 

Im Mesolithikum Oberbayerns vor 9000 Jahren wird nach dem gewaltsamen Tod des Schamanen Karuno Hagun zu seinem Nachfolger ernannt. Da es dem schlaksigen jungen Mann an Erfahrung für das Erbe des Schamanen fehlt, schickt ihn das Dorfoberhaupt Kundar zum Zauberer des Nachbardorfes am gegenüberliegenden Ende des Großen Sees in die Lehre. Als Hagun nach tiefgreifenden Erfahrungen in sein Heimatdorf zurückkehrt, bringt er nicht nur einen Wolfsgeist, sondern auch ein blondhaariges Mädchen mit, das sich Gadil nennt und dem idealen Frauenbild entspricht. Dass sein Name eigentlich Jessica ist, es von einem anderen Planeten kommt, und es vor seiner Verwandlung ein Geschöpf mit runden Eulenaugen, Oktopusarmen und einem lindgrünen Chamäleonkörper war, verrät es natürlich niemandem.

Als Fremde in das beschauliche Fischerdorf einfallen, die den ›Einsiedler‹, der seit vielen Jahren zur Dorfgemeinschaft gehört, suchen, weil er den ›Stein des Wissens‹ aus Chandor, einem Ort weit jenseits des Gebirges, gestohlen hat, kann Hagun nur durch eine List Schlimmeres verhindern …

 

 

***

 

 

 

Als die Gletscher schmolzen

 

 

 

Ich widme diese Zeilen meinen Vorgängern, den grauen Erdenpilgern längst verflossener Epochen.

Ihre Erinnerungen ruhen hinter den Mauern der Vergangenheit, begraben im Schutt der Jahrtausende. Auf dem Pfad der Träume: stumme Blicke aus uralten Augen, dunkle Gestalten im Nirgendwo, ohne Gesicht und Eigenart, unendliche Reihe schweigender Schatten am Horizont der Zeit.

 

Nur manchmal, zur Stunde des Mondes,

durchdringen ihre Stimmen

den Nebel des Gewesenen,

streifen einem Windhauch gleich

rastlose Menschengedanken,

sanft und ohne jede Spur,

sterbendes Echo rätselhafter Klänge

- ebenso fremd und rätselhaft

wie unser Dasein,

wenn es dereinst aufschimmert

im Spiegel der Zukunft.

 

 

 

Prolog

 

 

»Jessica«, sagte das Gehirn, »wir haben ein Problem.« Und nach einer Kunstpause, die eines gewissen dramatischen Effekts nicht entbehrte, fügte es hinzu: »Es scheint sich zu rächen, dass du meine Bedenken als Panikmache bezeichnet hast.«

Jessica gab keine Antwort. Stöhnend hing sie in ihrem pneumatischen Sessel, verzweifelt bemüht, den Schock des Dimensionssprungs zu überwinden. Das Gehirn erkannte mit computertypischer Logik, dass die Meldung zum falschen Zeitpunkt erfolgt war. Es murmelte eine undeutliche Entschuldigung und hüllte sich anschließend in pietätvolles Schweigen.

Die Zentrale des Sternenschiffes, in rötlichem Licht schwimmend, war bis in den letzten Winkel vollgepfropft mit Armaturen, Steuerkonsolen und unzähligen Kontrolldisplays. Jessica saß dicht vor dem Panoramabildschirm, auf dem ihr schwarz und schweigend das Weltall entgegenstarrte. Im freien Fall schwebte der Flugkörper durch die Unendlichkeit des interstellaren Raumes. Einige ferne Sonnen stachen wie glühende Nadelspitzen aus der Finsternis, ohne indes den Eindruck absoluter Leere mildern zu können.

Die Frau zitterte: Nicht nur der ziehende Schmerz der Wiederverstofflichung trug zu dieser Reaktion bei, sondern auch der deprimierend gleichförmige Anblick des Universums. Jessica fühlte sich sehr einsam und verloren, und zudem empfand sie mehr instinktiv als bewusst eine Ahnung nahenden Unheils. Zwar war es ihre eigene Idee gewesen, in einer von Trotz geprägten Kurzschlusshandlung die heimatlichen Gefilde zu verlassen und in die Außenregionen der Galaxis zu flüchten, doch allmählich wurde ihr klar, dass das selbstgewählte Exil völlig andere Eigenschaften besaß, als sie erhofft hatte – von wegen stilles Refugium zur Erlangung des inneren Friedens, von wegen abgeschiedener Schmollwinkel, in dem man über die Schlechtigkeit der Welt grübeln oder mit klammheimlicher Schadenfreude an den Familienclan zu Hause denken konnte, der, von Selbstvorwürfen getrieben, sämtliche Routen nach der Verschollenen absuchen würde.

Die angestrebte Ausgeglichenheit stellte sich mitnichten ein, vielmehr geriet Jessica in die Fänge einer unterschwelligen Angst, die sich zunehmend steigerte und von ihrem ganzen Wesen Besitz ergriff. Die Ausreißerin bereute ihre überstürzte Aktion zutiefst. Sie spürte Sehnsucht nach der Heimat, Sehnsucht nach dem strahlenden Lichtgewölbe des Großen Stroms, gebildet von den Milliarden Sternen des Milchstraßenzentrums, die aus den Nächten ihres Planeten ein silbrig glänzendes Schauspiel machten – während hier, in dieser auszehrenden Öde, die meisten der kümmerlichen Konstellationen von bizarr geformten Dunkelwolken verschluckt wurden.

Die Familie wird sich Sorgen machen, dachte Jessica zerknirscht. Das Gehirn ließ sofort die Koordinaten für den Rückflug berechnen. Was sollte eigentlich das Gefasel von einem Problem?

Sie atmete tief ein und stakste durch den kreisförmigen Kommandoraum: ein menschengroßes Geschöpf mit dem Mund einer Seeanemone, mit runden Eulenaugen, Oktopusarmen und Chamäleonkörper – dieser allerdings unveränderlich in einem blassen Lindgrün schimmernd. Und natürlich hieß sie auch nicht Jessica, sondern … nun, sie besaß einen ziemlich ungewöhnlichen Namen, der schriftlich fixiert eine bandwurmartige Reihung der Konsonanten »c«, »s« und »z« ergeben hätte. Beides jedoch – äußere Erscheinung wie Name – wurde von ihrer Umgebung als sehr hübsch empfunden, und Jessica hatte sich schon oft in der Gewissheit gesonnt, dass sie dem allgemeinen Schönheitsideal nahezu perfekt entsprach.

Das Gehirn gab seine zeitweilige Zurückhaltung auf.

»Wie fühlst du dich?«, fragte es im harmlosesten Tonfall.

»Die Schmerzen sind abgeklungen. Übrigens: Falls es ein Problem gibt, erwarte ich, dass du es unverzüglich behebst. Auf eine Verzögerung lege ich keinen Wert.«

»Ich fürchte, genau das wird der Fall sein. Wobei das Wort Verzögerung gewisse Umstände eher verniedlicht.«

Das Gehirn schwieg erneut. Offenbar war es entschlossen, seiner Reisegefährtin die Wahrheit in Raten mitzuteilen. Misstrauisch lugte Jessica zu mehreren blinkenden Objektiven empor, die zum Rezeptorensystem ihres Gesprächspartners gehörten. Die Frau begriff nicht, weshalb sich das Gehirn derart umständlich ausdrückte. Die Hinhaltetaktik verstärkte ihre Gereiztheit.

»Leidest du an Rostfraß, oder was?«, polterte sie. »Ich verlange einen zusammenhängenden Bericht!«

»Du brauchst mich nicht anzuschreien, ich habe nur dein Bestes im Sinn. Also gut, hier sind die Fakten: Beim letzten Dimensionssprung ist beim Wiedereintritt in das Raum-Zeit-Kontinuum ein sehr wichtiges Teil des Strukturwandlers – nämlich der Spannungsregler – infolge eines implosiven Schmelzprozesses zerstört worden. Das bedeutet die Unmöglichkeit weiterer Transitionen. Das Schiff müsste unverzüglich eine Reparaturwerft ansteuern. Bedauerlicherweise ist die nächste Wartungsstation fünfzehntausend Lichtjahre entfernt. Das wäre kein Grund zur Beunruhigung, wenn du nicht den glorreichen Gedanken gehabt hättest, die Hyperfunkanlage von einem stupiden Kantinenroboter demolieren zu lassen.«

»Ich musste das tun«, verteidigte sich Jessica, die fatalen Folgen ihrer Eigenmächtigkeit nur bruchstückhaft überblickend. »Du weißt genau, dass jedes Hyperfunkgerät ein Permanentsignal ausstrahlt. Wäre die Anlage in Betrieb gewesen, hätte ich nie unbemerkt verschwinden können.«

Von leichter Konfusion ergriffen suchte das Gehirn nach einem Individualschema, dem es sich wirkungsvoll anpassen konnte. Wie sollte es dieses naiv-verzogene Persönchen behandeln? Mit autoritärer Strenge? Doch dann bestand die Gefahr einer Neurose. Oder mehr väterlich? Auch diese Möglichkeit stellte den Computer nicht zufrieden – es wäre ein Spiel mit dem Feuer gewesen, eingedenk Jessicas Bruch mit ihrer Familie. Das Gehirn kam zu der Überzeugung, dass die aufmüpfige junge Dame vordringlich einen Therapeuten benötigte, und daher unternahm es den Versuch, die kommende Krise mit psychologischer Raffinesse zu steuern.

»Dein Vorgehen entbehrt nicht einer gewissen Planung. Ein Verschwinden bei aktiviertem Permanentsignal wäre natürlich unmöglich gewesen. Allerdings sind weder der Spannungsregler noch die Hyperfunkanlage mit Bordmitteln zu reparieren. Daraus resultiert, dass eine Rückkehr ausgeschlossen ist – wir können weder einen Hilferuf abstrahlen noch einen Überlichtflug durchführen. Doch zur Panik besteht kein Anlass. Ich habe bereits eine interessante Alternative entwickelt, die ich dir gerne unterbreiten würde.«

Jessica schwenkte verächtlich ihre vier Tentakelarme hin und her.

»Ich will nach Hause!«

Eine derartige Sturheit überstieg die Ratio einer künstlichen Intelligenz und stellte das Gehirn demzufolge vor einige Rätsel. Zwar enthielten seine Datenspeicher ein umfangreiches empirisches Wissen, doch ein pädagogischer Leitfaden für den Umgang mit frustrierten Teenagern befand sich nicht darunter. Somit war der Rechner zur Improvisation gezwungen.

»Dank deiner sozialen Stellung hast du materielle und persönliche Krisen nie kennengelernt«, formulierte er so behutsam wie möglich. »Man war stets bestrebt, dir ein konfliktfreies Dasein zu bieten. Das könnte sich nun grundlegend ändern.«

Im Klartext hieß das so viel wie: Du bist ein verwöhntes und egozentrisches Mädchen, das seit früher Kindheit nach allen Regeln der Kunst verhätschelt wurde. Deine Familie verfügt über ausgedehnte Ländereien, Industriewerke und eine Flotte von Handelsraumschiffen. Irgendwann wärest du die Alleinerbin all dieser Dinge geworden. Bis dahin hättest du faul in den Tag hineingelebt und deine Untergebenen nach Lust und Laune herumkommandiert. Als man dich mit einem männlichen Wesen aus einer anderen einflussreichen Sippschaft verkuppeln wollte, äußerte sich deine Ablehnung in einer kindischen Trotzreaktion. Als Folge davon sitzt du hier fest. Die Vergangenheit ist tot. Dein Name und dein Reichtum bedeuten nichts mehr. Nur das Leben ist dir geblieben, und um dieses wirst du kämpfen müssen.

Jessica fehlte in der momentanen Situation jedes Gespür für Zwischentöne. Sie weigerte sich beharrlich, ihre Notlage zu akzeptieren, forderte stattdessen lautstark Unterstützung an, vermutete eine funktionelle Störung ihres Ratgebers, wiederholte den Wunsch nach rascher Heimkehr und greinte schließlich missgelaunt vor sich hin.

Das Gehirn war für einige Nanosekunden rat- und sprachlos. Dann sah es ein, dass etwas Durchgreifendes geschehen musste. Zwar war es laut Programm zu einer neutral-sachlichen Konversation verpflichtet, doch die Uneinsichtigkeit des Passagiers zwang zu massiven Argumenten.

»Würdest du mir bitte wie ein vernünftiges Geschöpf zuhören? Du kannst nicht zurück, begreif das endlich! Mit den Normaltriebwerken sind wir in rund zwanzigtausend Jahren am Ziel deiner Wünsche, wobei du wesentlich früher als Mumie herumsitzen würdest – die mitgeführten Nahrungsmittel reichen höchstens zwei Jahre, und der Sauerstoffvorrat ist bereits nach sechs Monaten verbraucht. Das heißt: In einem halben Jahr bist du tot. Hilfe von außen ist nur durch einen äußerst unwahrscheinlichen Zufall zu erwarten. Sicher wirst du gesucht, aber bekanntlich umfasst die Galaxis vierhundert Milliarden Sterne. Ergo: Wir müssen einen Planeten finden, auf dem du überleben kannst. Und du wirst es nicht glauben – ein solcher befindet sich direkt in der Nähe.«

Jessica blubberte empört.

»Ich will nicht in dieser Gegend hausen! Steck dir deinen blöden Planeten irgendwo hin …!«

Sie stampfte auf den Boden, warf ein Chronometer an die Wand und bedachte das Gehirn mit heftigen Schmähungen. Doch seltsam: Ein Teil von ihr wurde nicht von dem Gefühlssturm erfasst, ein vager, unbestimmbarer Bereich ihres Wesens blieb trotz allem kühl und gelassen. Irgendwo in Jessicas Bewusstsein existierten noch Aufrichtigkeit und Vernunft, und diese Eigenschaften gewannen schließlich die Oberhand: Alles Sträuben half nichts, sie musste das Unvermeidbare akzeptieren, musste eine hoffnungsvolle Zukunft gegen ein unsicheres, gefährliches und vielleicht düsteres Leben eintauschen.

Eine neue Erkenntnis tauchte auf: Die Wut, die sie so tief und ausgeprägt empfunden hatte, war nur scheinbar gegen die Umwelt gerichtet. In Wirklichkeit war sie selbst das Ziel ihres Unwillens, weder der Familie noch dem Gehirn konnte die Schuld an den Ereignissen zugeschoben werden – sie allein hatte durch bodenlosen Leichtsinn diese missliche Lage heraufbeschworen. Jessica spürte, wie der Zorn verrauchte und tiefer Trauer Platz machte. Das Gefühl der Verlassenheit breitete sich aus wie ein körperlicher Schmerz. Weinend saß sie während der folgenden Minuten in ihrem pneumatischen Sessel, und plötzlich geschah das Wunder: Sie hob den Kopf, schniefte ein letztes Mal und sagte mit belegter Stimme: »Was weißt du über den Planeten?«

Wenn das Gehirn in seinem elektronischen Dasein jemals ein Äquivalent zur Freude empfunden hatte, dann in diesem Augenblick. Beflissen begann es seinen Vortrag.

»Der Planet gehört zu einem zwei Lichtwochen entfernten Sonnensystem, dessen Zentrum von einem stabilen Hauptreihenstern gebildet wird. Trotz des Triebwerksschadens ist das System innerhalb einer vertretbaren Zeitspanne zu erreichen. Alle Daten über das kosmische Objekt sind in den Speicherbänken des Schiffes verankert. Da meine Erbauer die hiesigen Regionen nie katalogisiert haben, stammen die Unterlagen von den Ternilen, die Pionierarbeit bei der Erforschung der Außensektoren leisteten.«

Jessica zischte bejahend. Darüber wusste sie Bescheid: Im Geschichtsunterricht hatte sie meistens aufgepasst. Mit zufriedenem Unterton setzte das Gehirn sein Referat fort.

»Obwohl du mir befohlen hast, mich um keine Routen zu kümmern, habe ich ausschließlich bekannte Koordinatensysteme benutzt. Deshalb besitze ich über den fraglichen Planeten auch lückenlose Informationen. Es ist eine normale Stickstoff-Sauerstoff-Welt mit gravitatorischen Standardwerten. Der Himmelskörper befindet sich geologisch gesehen im Stadium einer ausklingenden Eiszeit, er hat ausgedehnte Meere, eine relativ dichte Vegetation sowie eine sehr verzweigte und spezialisierte Fauna. Außerdem ist er die Heimat von intelligenten Wesen – Säugetierabkömmlinge -, deren Kultur allerdings noch Zeit benötigt, um zu reifen. Zwar fand die Erforschung des Planeten bereits vor zweitausend Jahren statt, doch dürften sich die Verhältnisse dort kaum geändert haben. Eines ist allerdings klar: Das Vorhandensein einer intelligenten Lebensform würde deinem Aufenthalt eine pikante Note verleihen.«

Jessica starrte rundäugig in das Linsensystem der Digitalkameras.

»Pikante Note?«, wiederholte sie verständnislos.

Das Gehirn zögerte kurz.

»Eine rein verbale Erklärung dürfte nicht ausreichen. Ich werde ein Imago verwenden.«

Unterhalb des Panoramabildschirms leuchtete ein kleinerer Monitor auf. Linien und Farbflächen flossen zu strukturierten Mustern zusammen, aus denen schließlich eine höchst naturgetreue Abbildung wurde – die fotorealistische Darstellung eines nackten Menschenpaares.

Jessica röchelte entsetzt, hüpfte nach oben, wobei sie fast aus dem Sessel gefallen wäre, ihre Gesichtsfarbe wechselte in ein hektisches Rosa, und die Kehle war wie zugeschnürt.

Aus der Wandverkleidung schob sich ein hydraulisch bewegter Roboterarm und reichte ihr einen Becher mit giftgrüner Flüssigkeit – das Gehirn hatte in weiser Voraussicht frühzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen, um die Übelkeit seiner Schutzbefohlenen zu lindern. In blinder Hast grapschte Jessica nach dem Gefäß und leerte es in einem Zug. Dann lehnte sie sich zurück, schloss die Augen und wartete gottergeben auf eine Besserung ihres Zustandes. Als sie nach zwei Minuten vorsichtig in Richtung des Monitors blinzelte, konnte sie dort weiterhin die Horrorprojektion bewundern. Immerhin gelang es ihr, die beiden Gestalten ruhig zu mustern.

»Schauderhaft wäre geschmeichelt«, sagte sie, von Ekel geschüttelt. »Die Hautfarbe und diese knochigen Extremitäten … einfach widerlich! Und wozu dient dieses seltsame Gespinst? Besonders das linke Exemplar ist davon förmlich übersät.«

»Das sind Haare«, erklärte das Gehirn. »Reste eines ehemaligen Fellbewuchses. Ich erwähnte bereits, dass die Wesen zu den Säugetieren gehören.«

»Säugetiere?«

»Eine sehr seltene Spezies, meist nur Kosmobiologen bekannt.«

Jessica schluckte und betrachtete die beiden exotischen Zweibeiner genauer. Offenbar handelte es sich um die Vertreter der jeweiligen Geschlechter, aber sie konnte beim besten Willen nicht den männlichen oder weiblichen Teil bestimmen.

»Wie … äh … pflegen sich die Ungeheuer zu lieben? Ich sehe keinerlei Fortpflanzungsorgane.«

Das Standbild erwachte abrupt zum Leben. Das Gehirn fühlte sich verpflichtet, den Vorgang mit äußerster Präzision darzustellen; es zeigte die Szene aus verschiedenen Blickwinkeln, vermittelte die wichtigsten Ereignisse in Zeitlupe und Nahaufnahme und verfiel abschließend auf den Gedanken, das Ganze mit den entsprechenden Tönen zu unterlegen – verzweifelt griff Jessica nach einem weiteren Becher des grünen Beruhigungsgetränks. Ihr einziger Kommentar zu der Computeranimation erschöpfte sich in einem gehauchten »Reiner Kannibalismus!«, ehe sie in dumpfes Brüten versank.

Nach einer Pause meldete sich das Gehirn erneut. Vorher löschte es das Imago. Aus den Menschen wurden ein paar bunte Kringel, die sich im Grau der Projektionsfläche verliefen.

»Jessica, wie geht es dir?«

»Umpf.«

»Deine Begeisterung hält sich offenbar in Grenzen. Vergiss aber nicht, dass dein Abscheu von den Bewohnern dieses Planeten erwidert werden dürfte. Wenn sie dich sehen, hast du ausgezeichnete Chancen, als böser Dämon zu fungieren. Die Einheimischen werden in den seltensten Fällen anbetend zu Boden sinken, sondern eher versuchen, dich zur Hauptperson eines Opferrituals zu machen.«

»Die Ungeheuer sollen es wagen! Schließlich besitze ich dieses Raumschiff und damit ein nahezu unbegrenztes Machtpotential. Und außerdem …«

»Gestattest du eine Zwischenfrage?«, unterbrach das Gehirn den Redefluss. »Kennst du zufällig den Paragraphen 7 des Planetenschutzgesetzes?«

»Nein«, murrte sie erbost. »Die Jurisprudenz ödet mich an.«

»Dann werde ich den Paragraphen 7 wohl zitieren müssen: Zum Schutze eingeborener Bevölkerungen und zur Wahrung der kontinuierlichen Entwicklung ihrer Kulturen ist es allen staatlichen und privaten Beförderungsbehältnissen, die laut Nomenklaturliste 20b als Raumschiff, Station, Sonde oder als Teile davon definiert werden können, strengstens untersagt, auf Planeten oder planetenähnlichen Monden zu landen respektive deren Lufthüllen zu durchfliegen, die im Sinne der Raumerschließungsverordnung § 3 Absatz 2 in das Immunitätsregister eingetragen sind. Ausnahmen sind gestattet bei schwerer Havarie oder in Notsituationen, die im Allgemeinen Raumschiffahrtsgesetz Anhang C ab solche erläutert werden. In diesem Falle tritt die 4. Ausführungsbestimmung zur Resolution der Galaktischen Allianz in Kraft, welche besagt, dass hierbei das Beförderungsbehältnis, dessen Einrichtung sowie die persönlichen Güter ungeachtet der Besitz- und Nutzungsrechte innerhalb einer angemessenen Frist, die sich durch die Evakuierung der Besatzung ergibt, vom Bordgehirn zu desintegrieren sind. In diesem Zusammenhang ist die spezifische Rolle des Bordgehirns von besonderer …«

Jessica brach in lautes Schluchzen aus. Diesmal hatte sie sofort begriffen, was die Mitteilung bedeutete.

»Das ist gemein! Du willst mich den bleichen Ungeheuern zum Fraß vorwerfen. Ohne mich! Lieber bleibe ich hier und sterbe in vertrauter Umgebung.«

»Keine vorschnellen Urteile! Natürlich darfst du deine künftige Heimat nicht in deiner wahren Gestalt betreten. Weil wir gerade bei diesem Thema sind: Weißt du eigentlich, welches Schiff du deinem Vater entwendet hast?«

Jessicas Gedanken überschlugen sich. Was brütete das absonderliche Gehirn nun wieder aus?

»Gehört es vielleicht zur Handelsflotte?«

»Falsch! Du befindest dich auf einem hochmodernen Forschungsschiff, das sogar die staatliche Alpha-Lizenz besitzt. Nach welchen Kriterien hast du es ausgewählt?«

Sie schaute unschuldig in die Optik.

»Och – es war so schön gelb angestrichen.«

Das Gehirn hielt es für besser, nicht näher auf diese Argumentation einzugehen.

»Nur zertifizierte Forschungsschiffe sind berechtigt, Planeten anzufliegen, die in das Immunitätsregister eingetragen sind.«

»Schon wieder dieser Paragraph 7 …«, entfuhr es Jessica.

»Ein sehr logischer Paragraph«, stellte das Gehirn nüchtern fest. »Die Gesetzgebung schreibt vor, dass primitive Kulturen unter allen Umständen respektiert werden müssen. Darum hat zum Beispiel das Bergungsmanöver zur Rettung einer havarierten Besatzung absolut unbemerkt von den Einheimischen zu erfolgen. Somit verfügen die Spezialeinheiten mit Alpha-Lizenz über Deflektorschirme, autark agierende Sonden, Gehirnwellendetektoren und ähnliches mehr. Das wichtigste Gerät in diesem Zusammenhang ist allerdings der Bio-Transformer. Sagt dir der Name etwas?«

Jessica stockte der Atem. Der Bio-Transformer! Nun wusste sie, worauf das Gehirn abzielte.

»Du … du willst mich umwandeln! Aus mir soll ein Monster werden!«

»Du hast keine andere Chance! Die biochemische Struktur der zweibeinigen Intelligenzen ist in der Transformations-Matrix gespeichert. Das heißt, dir wird keine Maske aufgesetzt, und es erfolgt auch keine oberflächliche Retusche oder Manipulation. Du wirst bis zur letzten Zelle eine echte Einheimische – einschließlich der Fähigkeit, Kinder zu gebären.«

In Anbetracht dieses Perspektive nahm Jessicas Gesicht erneut einen rosa Schimmer an, und unwillkürlich schielte sie zu jener Klappe der Wandverkleidung, hinter der sie den Roboterarm mit dem Beruhigungsmittel wusste.

Diesmal ignorierte das Gehirn die psychischen Auflösungserscheinungen.

»Die Umwandlung wäre zwecklos, wenn dein ästhetisches Empfinden bestehen bliebe. In deiner künftigen Heimat bist du auf eine Gemeinschaft angewiesen, aber du wirst ihre Mitglieder hassen und deren Nähe verabscheuen. Auch dein Körper wird dir zur Qual werden – ein fremder, abstoßender Organismus, in dem du zeitlebens gefangen wärst. Deshalb muss ich das Wissen über Herkunft und ursprüngliches Aussehen aus deinem Gedächtnis löschen, wobei die übrigen Erinnerungen und dein Intellekt in keiner Weise angetastet werden. Du bekommst nur einen neuen Sinn für Schönheit, der dein Leben erleichtert. Du wirst den Anblick des hiesigen Sternenhimmels herrlich finden, und dir werden Dinge gefallen, die du jetzt verabscheust. Leider ist das kein Schutz vor gewissen gesellschaftlichen Mängeln.«

»Welche Mängel?«, hakte Jessica etwas irritiert nach.

»Eher ein psychischer Defekt: Mitunter scheinen die männlichen Vertreter ihre Partnerinnen bei der Paarungszeremonie nicht um ihr Einverständnis bitten zu wollen.«

Jessica war erschüttert. Das turbulente Imago-Bild erschien vor ihrem geistigen Auge. Selbst eine freiwillige Beteiligung an dem Durcheinander betrachtete sie als absolute Zumutung.

»Ja … und?«

»Vielleicht solltest du eine Geschlechtsumwandlung in Erwägung ziehen.«

Der Vorschlag stieß auf krasse Ablehnung.

»Untersteh dich! Ich bleibe eine Frau, und zwar eine wunderhübsche! Die Kerle sollen nur kommen!«

»Wie du willst. Aber denke daran – die Entscheidung ist endgültig. Ich wollte nur das Risiko minimieren. Immerhin musst du Dinge lernen, die für die Einheimischen Alltagsroutine sind. Das fängt schon bei der Sprache an. Meine Informationen sind in dieser Beziehung keine Hilfe, da sie wie gesagt vor zweitausend Jahren gesammelt wurden. Du wirst in der Lage eines Kindes sein, das in fremder Umgebung auf sich allein gestellt ist.«

»Von wegen Kind«, murmelte Jessica bitter. »Ich fühle mich schon jetzt wie ein Baby – das kommt der Sache wohl näher.«

Dem konnte das Gehirn ausnahmsweise nichts hinzufügen.

 

 

 

Erstes Buch

 

 

Der Zauberer vom Großen See

Wie alle Knaben, liebte und beneidete ich manche Berufe: den Jäger, den Flößer, den Fuhrmann, den Nordpolfahrer. Weitaus am liebsten aber wäre ich ein Zauberer geworden. Dies war die tiefste, innigst gefühlte Richtung meiner Triebe, eine gewisse Unzufriedenheit mit dem, was man die »Wirklichkeit« nannte und was mir zuzeiten wie eine alberne Vereinbarung der Erwachsenen erschien; eine bald ängstliche, bald spöttische Ablehnung dieser Wirklichkeit war mir früh geläufig, und der brennende Wunsch, sie zu verzaubern, zu verwandeln, zu steigern.

(Hermann Hesse, Traumfährte)

 

 

 

Hagun

 

 

Sie fanden Karuno nach knapp zweistündiger Suche. Er lag blutüberströmt am Fuße einer Sandbirke inmitten hohen Wollgrases, das sich im Herbstwind sanft hin und her neigte, den Körper des Mannes fast bedeckte und nur an einigen Stellen wie von riesigen Füßen niedergetrampelt war. Der Bastkorb des Toten war umgekippt und hatte seinen Inhalt – darunter etliche Büschel Bilsenkraut sowie eine Handvoll verschrumpelter Pilze – zwischen die Grasnarben verstreut.

Hagun und Garail betrachteten schweigend den Leichnam. Letzterer erkannte sofort, dass für den Zauberer jede Hilfe zu spät kam, und auch die Ursache des Unglücks blieb ihm nicht verborgen – der Übeltäter hatte zahlreiche Spuren in der Vegetation hinterlassen. Hagun allerdings starrte kurzsichtig und ziemlich belämmert auf die verkrümmte Gestalt seines Lehrmeisters.

»Ein Bär«, sagte Garail. Er war es gewohnt, dem Freund jene Umweltdetails zu schildern, die dieser aufgrund seines geschwächten Sehvermögens nur unvollständig wahrnahm. »Hier wimmelt es von Fährten.«

Garails forschender Blick glitt durch den Birkenhain. Für ihn barg die Chronologie der Ereignisse keinerlei Rätsel.

»Eine Bärin und ihr Junges, das durch die Gegend hopste und dabei Karuno beschnuppern wollte. Die Alte war davon nicht begeistert … tja, wütende Bärenmütter sind bekanntlich mit Vorsicht zu genießen.«

Der muskulös gebaute junge Mann schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Mir hätte das nicht zustoßen können?, dachte er selbstgefällig.

Trauer empfand Garail nur in sehr schwacher Ausprägung. Seine Beziehung zu dem Verstorbenen war durch ständige Konflikte belastet gewesen: Karuno hatte das eigenbrötlerische Verhalten von Haguns Freund, in seinem Lebensstil dem Vorbild der Ahnen nachzueifern, stets ins Lächerliche gezogen und als Beweis unheilbarer Dummheit gedeutet. Dabei war Garail ein ungemein geschickter Jäger, der so ziemlich allem nachstellte, was ein Fell und vier Beine besaß – in einer Gemeinschaft, die den Fischfang zum Maß aller Dinge erklärt hatte, ein etwas dubioser Zeitvertreib.

Hagun ging in die Hocke und musterte den Toten aus der Nähe. Nun erst gewahrte er das ganze Ausmaß der Verletzungen: Die Bärin hatte mit einem furchtbaren Prankenhieb die linke Schulter zerschmettert, dabei die Halsschlagader durchtrennt und sich anschließend in den Oberarm verbissen. Der Zauberer hatte wohl das Bewusstsein verloren und war dann innerhalb kürzester Zeit verblutet.

»Wir müssen ihn ins Dorf tragen«, äußerte Hagun mit belegter Stimme und schaute mit gemischten Gefühlen nach Westen, wo die allmählich niedersinkende Sonne der Hügelkette am anderen Ufer des Großen Sees entgegenstrebte.

Garail nickte gleichgültig.

»Wenn du meinst …« Er stockte, und über sein Gesicht glitt ein schadenfrohes Grinsen. »Eines ist jedenfalls klar.«

»Was?«

»Karuno hatte einen blöden Namen.«

Hagun zuckte zusammen, sofort begreifend, was die Anspielung bedeutete. Karuno hieß soviel wie Bruder des Bären – mit diesem mystisch verbrämten Ehrentitel hatte der Zauberer ein geisterhaftes Bündnis mit den Braunpelzen dokumentieren wollen, durch das er nicht nur die Ergebenheit des Bärenvolks, sondern auch übernatürliche Kräfte gewann. Stirnrunzelnd dachte Hagun an die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität: Hatte sein Lehrmeister die gesamte Dorfbevölkerung hinters Licht geführt, indem er nur zum Schein behauptete, die Gunst höherer Mächte zu besitzen?

Beliebt ist Karuno nicht gewesen, grübelte er. Aber alle glaubten an ihn. Sein Tod ist reichlich merkwürdig … 

»Packen wir’s an!«, platzte Garails Stimme in seine Gedanken. »Nimm seine Fußgelenke, ich trage ihn unter den Achseln.«

Schwerfällig setzten sie sich mit ihrer menschlichen Last in Bewegung. Hagun schlurfte voraus: eine lange, hagere Gestalt, leicht nach vorne gebeugt. Er war in ein speckiges Hirschfell gehüllt, dessen Saum die Knie umspielte und am oberen Ende die Arme frei ließ. Die Kleidung bestand aus mehreren grob zurechtgeschnittenen und mit ungelenken Stichen vernähten Teilen. Das schwartige Äußere und insbesondere der Geruch verrieten, dass das gute Stück eine Vielzahl klimatischer Wechselbäder bereits hautnah miterlebt hatte. In Haguns blassem Gesicht dominierte die fleischige, etwas gebogene Nase, und der Blick seiner blaugrauen Augen wirkte durch das ständige Zusammenkneifen oft abweisend. Da er regelmäßig einen Schaber benutzte, besaß er keinen Bart, dafür bildete das dunkelblonde Haupthaar ein wirres Durcheinander: Es hing strähnig in die Stirn, ringelte sich fettglänzend im Nacken und fiel wellig über die Ohren.

Garails Erscheinung gestaltete sich ähnlich rustikal. Auch er ließ das Haar wachsen, wie es diesem gerade einfiel, und seine Kleidung war ebenfalls aus gegerbter Wildhaut geschneidert. Der Jäger war kleiner als sein Gefährte, dafür bedeutend breiter und muskulöser, und sein mit Pickeln verziertes breitflächiges Gesicht spiegelte sowohl Gutmütigkeit als auch einen Hang zum Draufgängertum wider.

Die Wurzeln ihrer beiderseitigen Freundschaft reichten bis in die Kindheit zurück. Sie waren gleich alt, und ihre unterschiedlichen Charaktere hatten sich eher ergänzt als abgestoßen. Hagun neigte zu wortkarger Zurückhaltung (was gelegentliche Anfälle von Redewut und spitzer Ironie nicht ausschloss), zeigte sich im Kontakt mit anderen eher unbeholfen und verband eine analytische Intelligenz mit ausufernder Fantasie, wodurch den Mitmenschen regelmäßig Gelegenheit zu bedauerndem Kopfschütteln geboten wurde.

Garail hingegen bildete dank seines Waldläuferdaseins bei Feiern und Zusammenkünften stets den Mittelpunkt. Er konnte spannend erzählen und die heranwachsende Jugend mit Abenteuergeschichten und seiner Waffensammlung beeindrucken. Zudem verfügte er über einen etwas derben Humor und ein umgängliches Wesen. Im Unterschied zu Hagun entzündete sich seine Fantasie mehr an handgreiflichen Dingen – sein Interesse galt guter Verpflegung, der Perfektionierung der Jagdtechnik sowie gewissen Personen weiblichen Geschlechts.

Mit stoischer Gelassenheit marschierte Garail auf das Dorf zu, das in siebenhundert Metern Entfernung direkt am Ufer des Großen Sees lag, während Hagun immer nervöser wurde. Ihm dämmerte Fürchterliches: Da Karuno nunmehr bei den Ahnen weilte, würde man ihn, den unbedarften Gehilfen des Verblichenen, zum neuen Zauberer ernennen. Der Lange fühlte sich von dieser Aufgabe restlos überfordert. Schließlich war ihm nur ein knappes Jahr vergönnt gewesen, um sich auf dieses Amt vorzubereiten. Nun ruhte die Verantwortung allein auf seinen Schultern, welche Pflanzen zu Aufgüssen und Salben verarbeitet wurden, giftige oder halluzinogene Gewächse hatte er mit äußerstem Respekt zu behandeln, Krankheiten sollte er ohne Fehl und Tadel diagnostizieren und natürlich heilen können – und nicht zu vergessen das Wichtigste: Als grundlegende Voraussetzung für eine Berufspraxis als Magier musste er lernen, seine Seele mit dem Jenseits zu verbinden. Karuno hatte oft genug erklärt, dass Zauberer ohne Kontakte zur Geisterwelt Zeit ihres Lebens schlichte Kräutersammler blieben.

Da Hagun nicht wusste, wie er diesen Aufgabenkatalog bewältigen sollte, fiel er zunehmend dem Trübsinn zum Opfer, und auch das prächtige Herbstwetter vermochte seine Stimmung kaum aufzuheitern. Dabei hatte der Tag so vielversprechend begonnen: Kein einziges Wölkchen trübte den Himmel, die schneebedeckten Gipfel und Grate des Südgebirges leuchteten blendend hell durch die klare Luft, und die blaugrünen Wasseraugen des Sees schimmerten sanft und freundlich.

Garail wurde von anderen Gedanken bewegt. Er pfiff Bruchstücke einer holprigen Melodie, genoss den Anblick des sonnendurchfluteten Hochmoors, und ihn kümmerte es nicht, dass er seine Hände mit dem halb geronnenen Blut des Toten befleckte. Auch der Backenzahn, der seine Anwesenheit seit Neuestem durch ein drohendes Pochen und Ziehen bekundete, war angesichts der erfreulichen Witterung von untergeordneter Bedeutung.

Für Garail war der Herbst eine Offenbarung paradiesischer Zustände: kein Vergleich mit dem wankelmütigen Frühjahr, das mit Schneeschauern aufwartete, wenn sich die Wiesen schon mit Blüten schmückten; kein Vergleich auch mit den kurzen Sommern, die sich vor allem durch Wechselhaftigkeit auszeichneten. An den Winter wollte der Jäger lieber nicht denken, aber die düsteren Erinnerungen eroberten unaufhaltsam das Bewusstsein. Spätestens mit Beginn des übernächsten Neumonds würde es so weit sein: endlose Schneefelder, aus denen gelbe Stoppeln ragten; lange, frostklirrende Nächte, in denen der See zufror und Wolfsrudel um das Dorf strichen; das Wimmern kleiner Kinder, die krank und unterernährt in den Hütten dahinsiechten; der bitter scheußliche Geschmackvoll Baumrinden und Wurzeln, die als Notration herhalten mussten, wenn alle Vorräte verbraucht waren; die ausgemergelten Körper gebärender Mütter, die vielfach noch am selben Tag an Entkräftung starben; das Aufflammen des Reisighaufens bei der Totenfeier; die schreckliche, unwirkliche Stille, die das Land einhüllte, wenn die Sonne von schneebeladenen Wolken vertrieben wurde und nur ein geisterhaft fahles Zwielicht über das Dorf streute…

Garail bannte die deprimierenden Bilder aus dem Gedächtnis. Noch wölbte sich ein blauer Föhnhimmel über den Großen See, und dieses Geschenk wollte er in vollen Zügen genießen.

»He, Hagun, warum so verbiestert? Du wirst ein großer Zauberer, und das Wetter ist herrlich.«

»Lass mich in Ruhe!«

Der Jäger war keineswegs beleidigt. Er spürte, dass Hagun mitten in einer melancholischen Phase steckte und entsprechend mundfaul reagierte. Also betrachtete Garail die Umgebung und schwieg sich ebenfalls aus.

Hinter ihnen, im Osten, erstreckte sich ein Gürtel aus herbstlich gefärbten Laubbäumen, die jedoch keinen Wald, sondern einen lichten Hain bildeten, der zusammen mit der ockerfarbenen Steppe bis zum Horizont reichte. In der entgegengesetzten Richtung folgte ein Hochmoor, das erst am See endete. Birken, Riedgräser, Ampfer und Zwergweiden wucherten fast bis ans Ufer, wo sie von Schilf, Rohrkolben und Wassergarben verdrängt wurden. Nach Norden zu wurde die Gegend rauer und hügeliger. Über die zum Teil recht schroffen Hänge zog als dunkle Front ein dichter Föhrenwald, während das Land im Süden zwar flacher, aber dafür von unzähligen Sumpflöchern perforiert war. Das andere Ufer des Sees zeigte sich als geschwungener, halb vom Abenddunst verhüllter Saum. Das Gewässer hatte auf Höhe des Dorfes die durchaus überschaubare Breite von fünf Kilometern, aber in der Länge erreichte es für die Bewohner der Ansiedlung eine schier unendliche Ausdehnung.

Garail wusste, dass es im Westen, jenseits des Sees und seiner Moränenkuppen, weite Heideflächen gab, auf denen Pferde und Wisente grasten – Tiere, die in den Wild- und Moorgebieten fehlten. Dafür lebten im Schilfdickicht Fischotter und Wasservögel, an manchen Bächen erprobten Biber die Kunst des Staudammbaus, Wildschweine, Hirsche und Rehe bevölkerten die Laubmischwälder, und gelegentlich ästen sogar Elche an den Ufern morastiger Weiher. Eine etwas ambivalente Beziehung herrschte zu Bären und Wölfen, die zwar mythische Verehrung genossen, denen man aber gleichwohl eine Reihe zweifelhafter Eigenschaften zuschrieb.

Doch die Leute machten nur sehr sporadisch Jagd auf das Großwild, sondern nutzten vielmehr die reichen Fischgründe des Sees. Das war bedeutend kräfteschonender als eine mühsame Pirsch mit ungewissem Ausgang. An der Spitze der Beliebtheit standen Blaufelchen, die man von Einbäumen aus mit Netzen fing. Für kleinere Fische wie Bürschlinge und Lauben dienten die in Ufernähe aufgestellten Reusen, und die großen Räuber – Zander und Hecht – wurden im Frühling während der Laichzeit mit Speeren harpuniert, auf die knöcherne Widerhaken montiert waren. Diese Methode erforderte allerdings erhebliches Geschick und eine oft mehrjährige Übung. Eine zweite Grundnahrungsquelle bildeten Beeren und Gemüsepflanzen. Letztere ließen sich fast das ganze Jahr über ernten und wanderten ausnahmslos in die Steinkessel neben den Brandgruben, wo sie geputzt und zerkleinert zu einem leicht verdaulichen Brei verköchelten.

Der Totentransport hatte sich dem Dorf nun bis auf hundert Schritte genähert, und Haguns Handgelenke begannen zu schmerzen. Karuno war ein massiger, beleibter Mann gewesen, der mindestens einhundertsechzig Pfund gewogen hatte. Der Zauberer in spe sehnte den befreienden Moment herbei, die Last endlich absetzen zu können.

Langsam rückte das Fischerdorf näher. Es umfasste etwa dreißig Hütten, die sich in ziemlich willkürlicher Ordnung auf einem fast kahlen Plateau drängten. Nur das Wahrzeichen der Siedlung – eine mächtige dreistämmige Birke, die gut fünfzehn Meter hoch aufragte – spannte ihr Astwerk gleich einem Schirm über den Hauptplatz. Ursprünglich hatte man wohl die Mühe gescheut, das Prachtexemplar von einem Baum zu fällen, wenige Generationen später war die Birke bereits derart tabuisiert, dass schon der Gedanke an Abholzung reiner Frevel gewesen wäre. Da der Wasserspiegel des Großen Sees im Wechsel der Jahreszeiten oft schwankte, lag zwischen dem Westrand der Gemeinde und dem flachen Ufer ein Respektsabstand von mindestens zehn Metern. Der Strand war ein schmaler, mit Kieseln und Geröll übersäter Streifen, auf dem eine kleine Einbaum-Flotte ruhte. Zwischen den Booten waren Netze ausgebreitet, und auf niedrigen Holzrosten lagen säuberlich nach Größe und Arten sortiert die tagsüber gefangenen Fische. Einige Frauen waren damit beschäftigt, die Schuppentiere auszunehmen, und zwischen Ufer und Hütten herrschte ein reges Kommen und Gehen.

Jede Behausung bot bequem Platz für fünf oder sechs Menschen; in manchen wohnten mehrere Generationen unter einem Dach, während andere, wie Garails Junggesellenbude, reine Single-Unterkünfte waren. Nur ein Gebäude wies größere Dimensionen auf: Das sogenannte Feuerhaus als religiös-kulturelle Versammlungsstätte, das locker dreißig Leute beherbergen konnte, stellte das geistige Zentrum der Gemeinde dar und bildete auch optisch den Mittelpunkt des Dorfes. Unabhängig von den Ausmaßen waren alle Hütten stets nach demselben Muster errichtet: In einem Erdfundament steckten zwei Dutzend kreisförmig angeordneter Holzstreben, mit dicken Bündeln aus starrigem Schilfrohr verflochten. Ein architektonischer Clou war die Lehmversiegelung der Riedmatten: Die sonnengehärtete Kruste wehrte nicht nur Wind und Wetter ab, sondern sorgte in ihrer Eigenschaft als Isolierschicht auch für gleichmäßige Raumtemperaturen und damit für angenehme Wohnverhältnisse. Durch ein raffiniert konstruiertes Kaminloch konnte der Rauch der Brandgruben, ohne die Insassen zu vergiften, auf kürzestem Weg ins Freie abziehen.

Inzwischen war das Eintreffen von Hagun und Garail bemerkt worden. Von allen Seiten strömten die Fischer herbei und starrten sichtlich betroffen auf den Leichnam des Zauberers. Durch ein Spalier gaffender Leute trugen die beiden Freunde Karuno zum Feuerhaus und legten ihn quer vor dem Eingang nieder – eine symbolische Geste, die ausdrücken sollte: Ich bin zurück, doch nie mehr werde ich diesen Ort betreten.

Karuno ist tot!

Die Schreckensbotschaft machte in Windeseile die Runde. Die gesamte Bevölkerung – mit Ausnahme derer, die den Vermissten noch suchten – bildete vor dem Feuerhaus einen dichten Kordon, einen Wall aus reglosen Leibern, und die Kinder, in diesen Minuten jeder Aufsicht entzogen, krochen zwischen den Beinen der Erwachsenen hindurch und betrachteten verängstigt, verständnislos oder schlichtweg neugierig, manchmal einen Finger in die Nase steckend, den blutverkrusteten Körper. Aus der Kultstätte tönte ein dumpfer, schwerfälliger Trommelwirbel, und dann humpelte Atma, die Hüterin des Feuers, auf die Bildfläche: ein verschrumpeltes Weiblein, in ein ausnehmend schmutziges Fellgewand gehüllt, mit weißen, zerzausten Haaren, die ein Gesicht umrahmten, das an windgegerbtes Juchtenleder erinnerte. Der zahnlose Mund unterstrich den grotesken Charakter der Erscheinung, und nur die Augen – listig blinzelnd und von durchdringender Schärfe – liefen dem allgemeinen Eindruck zuwider.

Atma war die graue Eminenz des Dorfes, von allen verehrt, von vielen gefürchtet; ein abwertendes oder gar vernichtendes Urteil von ihr – mit krächzender, höhnischer Stimme geäußert – zog für die Betroffenen in der Regel eine gesellschaftliche Achtung nach sich. Als die Hüterin den Toten erblickte, reckte sie theatralisch die Arme gen Himmel, drehte sich schwerfällig um die eigene Achse und stieß ein klagendes Geheule aus. Etliche Frauen, die bei Bestattungen für die akustische Untermalung zuständig waren, stimmten aus reiner Gewohnheit in den monotonen Singsang mit ein. Nach zehn Umdrehungen brach Atma die ritualisierte Totenklage ab, zog einen Haselzweig aus ihrem Gürtel und strich damit über Karunos Brust.

»O Zauberer – du bist gegangen, bist gegangen heimwärts, hast uns verlassen, verlassen für immer. Wir begleiten dich, wir behüten dich, wir nehmen Anteil. Die Kraft des Zweiges bewahre dich vor den Geistern der Wölfe, den Geistern, die dich getötet haben. Verflucht seien die Wolfsgeister, verflucht seien ihre Zähne, ihre Klauen, verflucht seien sie, jetzt und immerdar.«

Atma hielt erschöpft inne und richtete sich auf.

»Vergiss die Wölfe«, sagte Garail respektlos in die Stille. »Es war ein Bär.«

»Ein Bär – ein Bär!«, tönte das furchtsame Echo aus der Menschenmenge. In Atmas Augen wetterleuchtete es. Ihr war klar, dass die grauenhaften Verletzungen keinesfalls von Wölfen stammten, aber schließlich durfte sie nicht öffentlich bekunden, dass der Bruder des Bären gewissermaßen von seinesgleichen zerfleischt worden war. Und nun fiel ihr dieser Trampel in den Rücken!

»Natürlich ein Bär!«, kreischte sie erregt und in dem Bewusstsein, dass der Schaden kaum mehr zu beheben war. »Aber ein echter Bär hätte das nie getan! Es waren die Wolfsgeister! Die Wolfsgeister haben den Bären besiegt und in ihren Bann geschlagen!«

Atma erkannte, dass ihr niemand zuhörte – zu stark wirkte Garails Mitteilung. Eine Verwünschung ausstoßend verschwand sie im Feuerhaus, begann drinnen die Handtrommel zu bearbeiten und kehrte damit an die Öffentlichkeit zurück. Hagun erbleichte. Er wusste, was ihn erwartete. Atma streifte die resigniert dastehende Gestalt mit einem schielen Blick und reichte dem Zauberer-Anwärter das tambourinähnliche Instrument. Hagun ergriff das Zeichen seiner künftigen Würde und überlegte. Im Grunde war alles ganz einfach: Akzeptierte er, kam eine mittlere Katastrophe auf die Bevölkerung zu, lehnte er ab, konnte er sein weiteres Leben ähnlich charakterisieren.

Er schnaufte hörbar und schlug mit der flachen Hand dreimal auf das straff gespannte Fell – Ausdruck seiner Zustimmung. Das Publikum nahm die Entscheidung kommentarlos zur Kenntnis. Es gab wenige, die dem bisherigen Zauberlehrling seinen Aufstieg missgönnten, aber die meisten wollten abwarten, wie dieser mit der Verantwortung zurechtkam. Noch lastete auf jedem der Schock von Karunos Tod, somit standen die Eigenschaften und Fähigkeiten seines Nachfolgers vorläufig nicht zur Debatte.

Einige Männer packten den Leichnam und schleppten ihn zum Verbrennungsplatz, der außerhalb des Dorfes in einer Bodensenke lag. Dort betteten sie den Körper auf die Erde, warfen ein Fell darüber und fixierten dieses mit großen Steinen. Der genaue Zeitpunkt der Totenfeier musste von Kundar, dem Oberhaupt des Dorfes, festgelegt werden. Doch der Anführer war seit Stunden nicht mehr gesichtet worden, da er offenbar noch immer den verschollenen Karuno suchte.

Die Menschen verstreuten sich in alle Winde, und Atma widmete sich wieder der Bewachung des heiligen Feuers. Garail versetzte dem missgelaunten Freund einen kumpelhaften Schlag auf den Rücken.

»Du schaffst das schon! Hast du Hunger? In meiner Hütte wartet ein knusprig gebratenes Blässhuhn.«

»Später vielleicht«, sagte Hagun und winkte zögernd ab. »Zuerst will ich meine Gedanken ordnen.«

Wie ein Schlafwandler schritt er zum Wasser hinunter. Die Sonnenscheibe berührte den Kamm der Hügelkette am anderen Ufer, schüttete blinkende Lichtmuster über den See und beschwor eine friedliche Abendstimmung. Das Gewässer lag da wie ein unwirklich schimmernder Spiegel, der Wind war abgeflaut, winzige Wellen schwappten kaum hörbar auf den Geröllstrand, aus dem Dorf wehten gedämpfte Kinderstimmen oder das Klappern von Holzgeräten. Die Naturgeräusche verebbten ebenfalls. Gelegentlich sprang ein Fisch aus dem Wasser oder Vögel schüttelten im nahen Schilf ihr Gefieder, doch ansonsten atmete die Erde lautlos die aufziehende Nacht ein.

Hagun saß traurig inmitten der Uferkiesel, wippte mit den Zehen und beobachtete das allmähliche Hinschwinden der Sonne. Der junge Mann liebte den See; für ihn besaß das Murmeln und Flüstern der Wellen die gleiche Faszination wie die meterhohen Wogen nach Ausbruch der Frühlingsstürme, wenn der Schnee schmolz und berstende Eisplatten ein dröhnendes Konzert veranstalteten. In seiner Fantasie sah Hagun die Jahreszeiten über das Moor streichen; er hörte die schrillen Stimmen der Zugvögel, die in dichten Wolken herabflatterten, er gewahrte die zahlreichen Pflanzen am Ufer, fühlte ihr Aufblühen, Wachsen und Verdorren, er sah sich selbst am See stehen, allein, vor Jahren – ein Kind, das mit staunenden Augen die endlose Wasserfläche betrachtete, die mit ihren grauen Nebelbänken, über denen die Morgensonne aufglühte, an eine Traumlandschaft erinnerte, er fühlte die plötzliche Spannung, wenn sich an schwülen Sommertagen die flirrende Luft zu Gewittertürmen ballte, er spürte das pulsierende Leben, das noch in den unscheinbarsten Tümpeln brodelte, er dachte an die Menschen am See, an ihre Freuden und Leiden; hier lachten sie, hier starben sie – und er, Hagun, gehörte zu ihnen. In diesem Dorf war er vor neunzehn Jahren geboren worden.

Dass der Zauberer über sein genaues Alter Bescheid wusste, lag darin begründet, dass Atma manche Geburten zum Anlass nahm, sogenannte Lebensweiser herzustellen: mit magischer Bedeutung beladene Hirschknochen, in die jedes Jahr ein weiterer Strich graviert wurde. Haguns Lebensweiser, mit vierzehn anderen im Feuerhaus ruhend, zeigte zudem einen Kreis mit einem dichten Punktmuster in der linken Hälfte. Rechts daneben folgten mehrere horizontale Kerben, und den Abschluss bildete eine Linie mit scharfem Knick nach unten. Somit erhielten nachfolgende Generationen davon Kunde, dass Hagun an einem diesigen Tag zu Beginn des Winters zur Welt gekommen war und dass seine Mutter die Entbindung nicht überlebt hatte. Auch von seinem Vater besaß der Zauberer nur eine vage Vorstellung. Undeutlich entsann er sich des nasskalten Herbstmorgens vor sechzehn Jahren, als der an einer Lungenkrankheit Leidende nach qualvoll verbrachter Nacht beim Versuch aufzustehen zusammengebrochen war, um wenige Minuten später zu sterben. Diese Schicksale bildeten keine Einzelfälle – die durchschnittliche Lebenserwartung innerhalb der Dorfgemeinschaft betrug kaum fünfunddreißig Jahre.

Haguns Gedanken wanderten zu Ulha, seiner bislang einzigen Freundin, einer unkomplizierten jungen Frau mit schwarzem Wuschelhaar, großen Kulleraugen und einer zur Molligkeit neigenden Figur. Ihre Beziehung hatte recht harmonische Züge aufgewiesen, bis Hagun im Herbst letzten Jahres zu Karunos Nachfolger bestimmt worden war. Dies hatte das Aus für ihre Freundschaft bedeutet. Der Zauberer versuchte, das aufkeimende Selbstmitleid einzudämmen, trotzdem blieb eine tiefe Verbitterung: Seit seiner Initiation sah Ulha in ihm ein unbegreifliches Wesen, fremdartig und furchterregend. Das Mädchen lebte in einer Vorstellungswelt, die wenig Platz für magische Einflüsse bot; alles musste verständlich sein, ordentlich und überschaubar, und Hagun war mit seiner schüchternen Unbeholfenheit eine glänzende Verkörperung dieses Ideals gewesen – bis zu jenem Zeitpunkt, an dem Ulha die vermeintlichen Abgründe in der Seele ihres Gefährten zu erkennen geglaubt hatte. Für sie bedeutete Haguns Weg einen Aufbruch ins Nichtgeheure, ein Bündnis mit finsteren Mächten, auf das ihr Gemüt mit Angst und Ablehnung reagierte. Seitdem mied sie den Zauberer wie eine ansteckende Krankheit.

Hagun seufzte. Die Trennung lag schon ein Jahr zurück, doch die Wunde schmerzte immer noch.

»Du schaust aber traurig!«, piepste hinter ihm ein dünnes Stimmchen.

»Nati! Ich hab dich gar nicht kommen hören!«

Hagun drehte den Kopf und nickte dem achtjährigen Mädchen zu, das wie ein unterernährter Engel in einem viel zu kurzen Kleid dastand und ihn mit bezauberndem Lächeln anstrahlte. Nati besaß schulterlanges braunes Haar, ein schmales Gesicht und ausdrucksvolle Blauaugen. Hagun schämte sich fast, weil er die Kleine bei seinen Betrachtungen ausgespart hatte. Dabei war Nati auch eine Freundin, genau genommen seine einzige und treueste. Der Zauberer und das Mädchen unterhielten einen regen Gedankenaustausch, erzählten sich von ihren jeweiligen Sorgen und vertrauten einander völlig.

Nati stakste barfüßig über den Schotter und setzte sich neben ihn.

»Du stinkst«, sagte sie naserümpfend. »Brauchst irgendwann ein neues Fell. Sieh mal, die Sonne is’ weg! Ihr Großen stinkt wirklich furchtbar! Ihr wollt nich’ baden und ich darf nich’ … dabei is’ der See fast warm. Muss immer heimlich ins Wasser gehen. Und du bist jetzt ein echter Zauberer, ja? Das ist toll! Wenn du Kräuter brauchst, helf’ ich dir. Ich kenn’ sehr viele Kräuter – die Bitterwurzel und die Staubblüten und die Dingsda. Ich helf’ dir beim Sammeln … seh’ nämlich mehr als du. Och, hätt’ ich nich’ sagen sollen, tut mir leid. Stimmt aber trotzdem. Ich seh’ halt mal besser. Und ich helf’ dir auch gerne. Darf zwar nich’ allein ins Moor, mach’ ich eben heimlich. Ui, ein Stern! Is’ der nich’ schön? Hagun, sag’ doch auch mal was!«

Der Trübsinn des Zauberers war wie fortgeblasen.

»Nati, kleiner Schatz! Du sollst aber nicht allein ins Moor. Denk an Karuno! Dennoch vielen Dank – du bist ganz lieb.«

Nati empfing das Kompliment mit leichter Rührung und griff nach Haguns Hand, die sie andächtig festhielt.

»Bist auch lieb! Ich will dir helfen … vielleicht kannste mich mal ins Moor mitnehmen. Mama sagt immer: Nati, tu das nicht – Nati, bleib hier – Nati, wo warst du … puh! Nur wenn sie Bär und Wolf spielen, schicken sie mich weg«

»Was spielen die?«

Die Kleine blinzelte überrascht. Nach ihrer Meinung sollte ein Zauberer eigentlich wissen, was die Leute so trieben.

»Na, ich sag’ halt Bär und Wolf, weil’s so aussieht. Sie rollen am Boden rum, und Kandor schmatzt und will Mama auffressen. Mama is’ der Wolf, drum schnauft sie so heftig: brch – hrch – brch. Eigentlich find’ ich das Spiel richtig doof. Oder macht’s etwa Spaß?«

»Spaß macht’s schon … normalerweise.«

»Du, wenn ich groß bin, werd’ ich deine Frau. Wie find’st du das?«

»Find ich toll! Du bist ganz anders als die meisten Mädchen, die sich erst einen Mann angeln und ihn dann erziehen wollen. Du sagst schon Jahre vorher, dass ich stinke. Und Angst hast du auch keine, obwohl ich nun ein Zauberer bin.«

»Siehste!« Sie lehnte ihren Kopf an Haguns Schulter. »Bist doch ein netter Zauberer! Du hast eine große Nase, aber das macht nichts. Schau, lauter Sterne! Heute war’n schöner Tag.«

»Stimmt.«

»Ich glaub’, es war deshalb so schön, weil’s so selten ist. Wenn’s dauernd schön wäre, wär’s langweilig.«

»Du bist ein kluges Mädchen.«

Für diese Aussage erhielt Hagun einen Kuss auf die Wange.

»Mama sagt immer, ich bin anstrengend. Dabei ist Mama selbst anstrengend.« Nati hustete und zupfte an ihrem Minikleid herum, das allerdings durch diese Maßnahme keinen Millimeter länger wurde. »Mama rennt hinter den Männern her. Is’ ja recht, wenn’s Spaß macht. Macht doch Spaß, oder? Aber sie könnt’ mir dennoch was Neues nähen. Atma hat gesagt, ich wachse so schnell. Magst du Atma?«

»Eigentlich schon. Sie ist ein bisschen seltsam, aber sie weiß unheimlich viel. Außerdem hat sie für mich einen Lebensweiser gefertigt. Wozu der gut sein soll, bleibt ihr Geheimnis, doch weil das Ding offenbar wichtig ist, behandelt sie mich beinah’ freundlich … Du hustest ja schon wieder! Pass auf, dass du nicht krank wirst! Morgen früh bekommst du einen Kräutertrank. Was heißt hier Bäh? Du wirst mein erster Heilerfolg. Und wegen deines Kittels mach’ dir keine Sorgen. Soll ich mit deiner Mutter reden?«

Das Mädchen schüttelte ängstlich den Kopf.

»Bitte nicht! Mama ist immer so aufgeregt. Sie hat gesagt, du bist ein … Nichtsnutz! Hat sie wirklich gesagt!«

Natis Augen funkelten zornig, während Hagun melancholisch lächelte. Das abfällige Urteil der Frau berührte ihn kaum. Viel wichtiger war das Jetzt, ihr Zusammensein am nächtlichen See, und wichtig war auch, dass ihn jemand gernhatte, ohne Vorbehalte und Einschränkungen.

»Deine Mutter redet viel, wenn der Tag lang ist. Eine neue Kleidung bekommst du auf jeden Fall. Und baden werde ich demnächst auch.«

»Oh!«

Nati starrte ihn aus großen Augen an. Sie konnte es kaum fassen, dass ihre Wünsche so rasch in Erfüllung gingen. Jedoch hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil Hagun ihr zuliebe Dinge tun wollte, die er vielleicht ablehnte.

»Brauchst nich’ zu baden«, beeilte sie sich zu sagen. »Du stinkst gar nich’ so schlimm.«

Er lachte und stand auf.

»Das Bad ist beschlossen. Ich werde sauber und der See schmutzig.«

Nati kicherte und legte ihre dünnen Arme um Haguns Hals. Ohne Anstrengung hob er sie hoch und trug sie über den Schotter zu jener Hütte, in der die Mutter der Kleinen mit ihrem derzeitigen Freund wohnte.

»Vergiss es nicht«, flüsterte er. »Morgen früh stehst du auf der Matte – dein Hustensaft wartet.«

Nati nickte ergeben, hauchte einen Gute-Nacht-Gruß und schlüpfte durch den fellverhangenen Eingang nach innen.

Wesentlich entspannter als vor einer halben Stunde betrat Hagun das Feuerhaus, das seinem Namen der großen Grube verdankte, in der das ganze Jahr über die Flammen loderten. Den meisten Leuten hätte es keine Schwierigkeiten bereitet, ihre Brandstellen mit Funkensteinen oder Holzbohrern selbst zu entzünden, doch war eine solche Eigenmächtigkeit streng verpönt. Jeder, der Wert auf ein wärmendes Feuer legte, musste sich zuerst ein Schälchen voller Glut aus Atmas Hütte besorgen – eine Tradition, auf deren Beachtung großer Wert gelegt wurde. Niemand wusste, dass diese Gepflogenheit aus jenen Tagen stammte, als die Vorfahren der Fischer in den eiszeitlichen Tundrengebieten den Rentierherden nachstellten. Damals war ein fester Lagerplatz mit einem ständig brennenden Feuer von lebenswichtiger Bedeutung gewesen. Nun hatten sich die Gletscher in höhere Gebirgsregionen zurückgezogen, und die Rentiere waren längst verschwunden. Dennoch wurde der alte Brauch immer noch gepflegt.

Hagun sah, dass er von den Anwesenden aufmerksam gemustert wurde. Kundar, der Anführer, der seine ergebnislose Suche inzwischen beendet hatte, brach sein Gespräch mit Atma beim Erscheinen des neuen Zauberers unvermittelt ab. Zwei Mädchen – die Gehilfinnen der Alten – hockten dicht bei der Brandgrube und warfen in regelmäßigen Abständen Äste und Reisigbündel in die Glut. Meringa saß ebenfalls beim Feuer: Meringa, die Einwanderin, für Hagun so ziemlich das rätselhafteste weibliche Geschöpf, das er kannte. Vor drei Jahren war die damals Fünfzehnjährige überraschend in dieser Gegend aufgetaucht, hatte sich schnell in die Gemeinschaft eingefügt und innerhalb kurzer Zeit aufgrund großen Fleißes, gepaart mit ausgefuchster Geschäftstüchtigkeit, einen schwunghaften Kräuterhandel initiiert. Niemand kannte sich mit Heil- und Gemüsepflanzen besser aus als Meringa, und selbst Karuno hatte sich nicht gescheut, einen erheblichen Teil seines Bedarfes bei ihr zu erwerben. Die Frau war mittelgroß, hatte Sommersprossen auf der Nase, und ihr kurz geschnittenes Haar widersetzte sich trotzig der herrschenden Mode. Meringa besaß ein offenes und freundliches Wesen, das dank einer flinken Zunge ausgiebig mit der Umwelt korrespondierte. Allerdings konnte ihr frühlingshaftes Gemüt durch unbedachte Äußerungen seitens der Mitmenschen als Reminiszenz an die verflossene Eiszeit rasch unter einer dicken Schicht Raureif verschwinden.

Kundar nickte Hagun zu – ziemlich lässig und mit einer Andeutung herablassender Ironie.

»Ah, unser neuer Zauberer! Wo hast du dich herumgetrieben?«

»Am Ufer, ein wenig Seeluft schnuppern. Gibt’s was Neues?«

Der Anführer sah mit maskenhaft starrer Miene in die Flammen. Er hatte die Gabe, jede Gefühlsregung im Gestrüpp seines schwarzen Vollbarts zu verbergen, bis zur Perfektion entwickelt.

»Eigentlich nicht. Dass du Karunos rechtmäßiger Nachfolger bist, hast du inzwischen wohl begriffen. Der Tote wird bei der Geburt des nächsten Vollmonds dem Geisterreich übergeben, und danach findet das Fest deiner Weihe statt. Das war ein Tag voller Überraschungen … für jeden von uns.«

Haguns Lächeln fiel etwas verkrampft aus.

»Ich versuche gerade, mich an meine Aufgaben zu gewöhnen.«

»Nur nichts überstürzen«, sagte Kundar eine Spur zu väterlich. »Morgen besprechen wir die Einzelheiten.«

Er wandte sich wieder an Atma, die den Dialog schweigend verfolgt hatte. Der Dreißigjährige wirkte nicht unbedingt wie das typische Oberhaupt eines mittelsteinzeitlichen Fischer-Clans. Zwar hatte er einen schlanken und durchtrainierten Körper, verfügte jedoch über eine kieksende, brüchige Stimme und Krampfadern an den Beinen. Zudem litt er nicht selten unter nervösen Erschöpfungszuständen, weshalb er Konflikte ungern mit Brachialgewalt zu lösen pflegte. Kundar redete viel und gerne, bemühte sich dabei um diplomatische Unverbindlichkeit, aber es gab keine Zweifel, dass er seine exponierte Stellung notfalls mit List und Tücke und allerlei schmutzigen Tricks verteidigen würde. Hagun war von der politischen Spitze stets wohlwollend behandelt worden – aber nur deshalb, weil der Lange bis dato als harmloser Mitläufer galt. Das hatte sich im Laufe eines einzigen Nachmittags gründlich geändert.

Da Kundar sichtlich Wert darauf legte, dass ernsthafte Gespräche zwischen ihm und Hagun ohne störende Zuhörerschaft erfolgten, wandte sich Letzterer, die Gelegenheit nutzend, an Meringa.

»Grüß dich«, nuschelte er und plumpste etwas ungeschickt neben die junge Frau.

Meringa fixierte ihn mit ihren braunen Augen teils überlegen, teils gelangweilt und rutschte zehn Zentimeter zur Seite. Hagun biss sich auf die Lippen. Am liebsten hätte er das Weite gesucht.

»Entschuldige, wenn ich störe. Aber ich brauche verschiedene Kräuter und Wurzeln. Die Vorräte Karunos reichen nicht ewig. Ich möchte dir einen Tauschhandel vorschlagen.«

Meringa heftete den Blick auf den Boden und ließ sich mit der Erwiderung Zeit. Dann nickte sie bedächtig.

»Einen Tauschhandel? Was hast du anzubieten?«

»Hm … was hat dir Karuno gegeben?«

Hagun war fast erschrocken, als er bemerkte, welche Folgen die harmlose Frage zeitigte. Meringa zuckte zusammen, knetete nervös die Hände, zog die Schultern hoch, und ihr Gesicht rötete sich. Der Zauberer witterte sofort das Naheliegendste: Karuno hatte keine Frau gehabt, und Meringa war ebenfalls ledig. Doch er verwarf die Vermutung wieder – die beiden waren niemals Opfer des Dorfklatsches gewesen, der schon beim geringsten Anlass aufblühte. Also musste es einen anderen Grund für Meringas Verunsicherung geben. Hagun wagte nicht, sich danach zu erkundigen, und brachte stattdessen ein Angebot vor. Gerade rechtzeitig war ihm Garail eingefallen, der ihm schon des Öfteren aus einer materiellen Klemme geholfen hatte.

»Ich kann Fleisch beschaffen … Rehe, Enten, Hühner. Und falls du an einer Krankheit leidest, wirst du umsonst behandelt.«

Die Frau schwieg, doch ihre Miene drückte Missbilligung aus. Hagun fand es erstaunlich, mit welcher Deutlichkeit Meringas Gesicht ihre Gedankengänge spiegelte, die da ungefähr lauteten: Ich mag kein Fleisch … Gemüse and Früchte sind mir lieber. Außerdem bin ich nicht krank, und wenn, ließe ich den Kerl nicht an mir herumfingern!

Der Zauberer gab nicht auf, obwohl es in ihm zu brodeln begann.

»Felle?«, fragte er hoffnungsvoll. »Eine schöne Auswahl an Fellen, fast neuwertig und noch ungetragen. Bald kommt der Winter … etwas Warmes zum Anziehen ist nie zu verachten.«

Hagun kam sich richtig blöd vor. Er hasste nichts mehr als das permanente Gefeilsche um kleinste Vorteile, das die Bevölkerung wie eine Seuche befallen hatte. Alle priesen in den höchsten Tönen ihre Waren an, und jeder versuchte mit Schlitzohrigkeit und dummen Sprüchen ein winziges Plus herauszuschinden. Immerhin: Nun zeigte Meringa ein gewisses Interesse.

»Für Felle hätte ich Verwendung«, sagte sie zögernd. »Über die Austauschmengen müssen wir reden. Du kannst dir mal bis morgen ein Angebot überlegen.«

Du kannscht dir mal bisch morgen …!, äffte Hagun im Geheimen den Dialekt der Kräuterdame nach. Dieser war ein Mitbringsel aus ihrer Heimat nordwestlich des Sees. Die dort ansässigen Leute neigten zum übermäßigen Gebrauch des sch – ein Umstand, der im Dorf oft und gern bespöttelt wurde. Allerdings wagte kaum jemand, dies in Gegenwart von Meringa zu tun.

»In Ordnung«, sagte Hagun in möglichst geschäftsmäßigem Ton. »Vertagen wir das Ganze auf morgen. Eine Bitte: Im Nähen von Fellen habe ich zwei linke Hände, und da wollte ich fragen, ob du …«

Er verstummte, als er Meringas schockierte Miene bemerkte.

Spinn ich?, dachte die Frau empört. Das lange Elend soll seine Fetzen selbst zusammenflicken! Als ob ich nicht genug Arbeit am Hals hätte … 

»Es ist nicht für mich«, schob der Zauberer rasch nach, »sondern für Nati. Die Kleine wird von ihrer Mutter ziemlich vernachlässigt, rennt halbnackt durch die Gegend und hustet dauernd. Vielleicht könntest du dem Mädchen helfen.«

Meringa war sofort Feuer und Flamme. Im Handumdrehen entwickelte sie einen Tatendrang, der ihrem Gesprächspartner fast unheimlich wurde.

»Klar helfe ich! Warum hast du mich nicht eher gefragt?«

»Ähm …«

Ehe sich Hagun zu einer klaren Antwort durchringen konnte, wurde er erneut zum Spielball von Meringas verbaler Energie.

»Bei mir liegen einige gegerbte Häute, aus denen etwas Brauchbares zu machen wäre. Ich fange mit dem Nähen noch heute Abend an. Die arme Nati kann sich ja eine furchtbare Erkältung holen. Es ist eine Schande, wie manche Leute ihre Kinder behandeln!«

Meringa schüttelte aufgebracht den Kopf, und ihre Augen schimmerten verräterisch. Hagun ahnte, dass die Kräuterhändlerin von unangenehmen Erinnerungen verfolgt wurde. Niemand wusste genau, warum die Frau ihre Heimat vor drei Jahren verlassen hatte. Der dörflichen Gerüchteküche zufolge war ein Zerwürfnis mit ihrem Familienclan der Anlass für die Luftveränderung gewesen. Da der Zauberer davor zurückschreckte, diesbezüglich neugierige Fragen zu stellen, wollte er wenigstens etwas Nettes sagen. Er gab den Vorsatz sofort auf, als er gewahrte, welch wütende Blicke Atma in den Raum schleuderte. Der Alten behagte es gar nicht, dass in der Nähe des heiligen Feuers profane Gespräche über Pelzhandel und Kindererziehung geführt wurden.

Hagun tippte Meringa vorsichtig auf die Schulter und deutete mit einer leichten Neigung des Kopfes in Richtung Atma. Die Kräuterhändlerin verstand den Wink und sah mit unschuldiger Miene zu den verräucherten Holzstreben des Feuerhauses empor. Dass Hagun der kleinen Nati helfen wollte, imponierte ihr. Offenbar besaß der Lange einige innere Werte, die ihr bisher verborgen geblieben waren – was nichts daran änderte, dass sein hygienisches Erscheinungsbild jeder Beschreibung spottete.

Er muffelt! Und eine große Nase hat er auch!, dachte Meringa und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Hüterin des Feuers, die sich brummelnd und stöhnend hochrappelte und zur Brandstelle hinüberschlurfte.

Das Innere des Feuerhauses ähnelte einem schlampig verwalteten Naturkundemuseum. Es enthielt ein unglaubliches Sammelsurium an verschiedenen Dingen, manche so selten und antik, dass ihre Herkunft längst vom Nebel des Vergessens umhüllt war. Zwischen Hirsch und Wisentfellen hingen Knochenharpunen, Steinbeile und Holzspeere, in einer Ecke lagen bunt durcheinander Feuersteinknollen in allen Formen und Größen, uralt, verwittert, übersät mit kaum mehr erkennbaren Zeichen und Markierungen. Manche Gegenstände wurden wie Reliquien verehrt – so das schwärzlich verfärbte Bruchstück eines Mammut-Stoßzahns oder das Rentiergeweih, das Erinnerungen an die sagenumwobene Zeit weckte, als die Tiere in riesigen Herden im Steppengebiet zwischen den Vorlandgletschern im Süden und dem skandinavischen Eisschild umhergezogen waren.

Jeden Abend pflegte Atma einen Vortrag zu halten, weniger aus Vergnügen oder zur Unterhaltung, sondern mit dem Zweck, die Geschehnisse der Vergangenheit zu bewahren und an nachfolgende Generationen weiterzureichen. Atma: das Gedächtnis des Dorfes – ihr Wissen, seit grauer Vorzeit von einer Hüterin auf die nächste vererbt, bildete den Ursprung jener Mythen, die später, in künftigen Jahrtausenden, zum kulturellen Erbe der Menschheit werden sollten.

Die Alte sprach von der langen Dunkelheit, von den Jahren des Todes; sie erzählte mit verklärenden Worten vom freien, ungebundenen Leben der Urväter, die ausschließlich von der Jagd lebten; sie trauerte den Zeiten nach, als die Frauen das Schicksal der Nomadengemeinschaften bestimmten; sie beschrieb Riesen, Geister, Fabeltiere, schreckliche und unheimliche Geschöpfe, hinter denen sich oftmals nur schemenhafte Erinnerungen an Mammuts, Wollnashörner und Höhlenbären verbargen.

Hagun kannte diese und viele andere Geschichten inzwischen fast auswendig. Schon als Kind hatte er an öden Winterabenden den wunderbaren und geheimnisvollen Schilderungen Atmas gelauscht. Und auch Meringa hörte den Berichten fasziniert zu, obwohl diese in ihren Ohren eher wie Märchen klangen. Die meisten Dorfbewohner empfanden ähnlich: Der fassbare Kern rückte allmählich in den Hintergrund, verlor sich in ungewisser Vergangenheit, doch selbst Atma – fest vom Wahrheitsgehalt der ehrwürdigen Traditionen überzeugt – ahnte kaum, wie viel historische Wirklichkeit in den alten Legenden schlummerte.

Die Hüterin ergriff eine Trommel und intonierte einen holprigen Takt. In den nächsten Minuten erschienen fünf weitere Leute, die zur Begrüßung schweigend in die Runde nickten und dann auf den ausgebreiteten Strohmatten Platz nahmen. Unablässig bearbeitete Atma das Schlaginstrument und krächzte dazu mit rauer Stimme eine abgehackte Melodie. Die beiden Mädchen am Feuer – ungefähr vierzehn Jahre alt – beobachteten jede Handbewegung ihrer Lehrmeisterin, sogen jede Äußerung fast begierig auf und versuchten, alle Nuancen von Gebärden und Aussprache zu erfassen. Eine von ihnen würde nach Atmas Tod die neue Hüterin werden, würde Wort für Wort das Gelernte wiederholen, würde dafür sorgen, dass die endlose Überlieferungskette nicht abriss.

---ENDE DER LESEPROBE---