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5000 Jahre nach einer Atom-Katastrophe, bei der die Erde fast ausgelöscht wurde, machen sich die Bewohner von Demeter – einer irdischen Kolonie – auf den Weg, um die eigenen Ursprünge zu erforschen. Arkwhil findet nach einer Bruchlandung die Menschheit auf der Stufe unwissenden Bauern vor, ohne Bildung oder gar dem Wissen um die Vergangenheit. Auffällig sind jedoch die Moby, amöbenartige Wesen, die die Funktion von Totengräbern einnehmen. Viele Fragen für den Abgesandten von Demeter, der bis zu seiner Rettung viel erfährt, ohne wirklich zu begreifen.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Reinhard Köhrer
Menschenspuren
Science-Fiction
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © Bärenklau Exklusiv mit einem Motiv von Vladimir Maneyukhin, 2023
Korrektorat: Bärenklau Exklusiv
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
Die Handlungen dieser Geschichten sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.
Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Prolog
Erstes Bild: Ein Gedankenspiel mit Folgen
Zweites Bild: Amöbenträume
Drittes Bild: Leben im Treibhaus
Erstes Kapitel: Die Botschaft des Propheten
Zweites Kapitel: Von Demeter nach Niedernbach
Drittes Kapitel: Der Angriff
Viertes Kapitel: Auf dem Weg zur Totenheide
Fünftes Kapitel: Der Mann aus dem Nichts
Sechstes Kapitel: Jenseits des Roten Flusses
Siebtes Kapitel: Mondfinsternis
Folgende Titel von Reinhard Köhrer sind ebenfalls erhältlich oder befinden sich in Vorbereitung
5000 Jahre nach einer Atom-Katastrophe, bei der die Erde fast ausgelöscht wurde, machen sich die Bewohner von Demeter – einer irdischen Kolonie – auf den Weg, um die eigenen Ursprünge zu erforschen. Arkwhil findet nach einer Bruchlandung die Menschheit auf der Stufe unwissenden Bauern vor, ohne Bildung oder gar dem Wissen um die Vergangenheit. Auffällig sind jedoch die Moby, amöbenartige Wesen, die die Funktion von Totengräbern einnehmen. Viele Fragen für den Abgesandten von Demeter, der bis zu seiner Rettung viel erfährt, ohne wirklich zu begreifen.
***
Menschenspuren
Etwas kündigt sich an
Die großen Veränderungen,
Von denen die Blätter berichten,
Und die Gerüchte in unser aller Munde – Sie meine ich nicht,
Auch nicht die kleinen Beunruhigungen, Von denen wir ungern sprechen:
Das stetige Rieseln des Putzes Selbst in den neuen Häusern,
Das häufige Bersten der Sicherung Und die gefährlichen Spiele der Kinder. Irgendetwas jedoch geschieht,
Wovon wir nicht wissen, was es bedeutet, Die Dinge sind in Bewegung geraten, Irgendetwas kündigt sich an – Und ist da:
Mitten in der Verwirrung,
Wenn sich der Nachrichtensprecher Mehrmals verspricht,
Oder im Schweben der Hand vor dem letzten Stich,
Wenn die Blicke der Spieler sich kreuzen, auch sonntags, am späten Mittag, Während der Himmel die Dächer siedet Und schwarz und rot ein Fetzen auffliegt, Schattenlos,
In den Arkaden
Der ausgestorbenen Stadt.
(Albert Arnold Scholl)
Anno 1974 erschien in Großbritannien die knapp bemessene Auflage eines schmalen Buches mit dem Titel Das Informationsnetz – Modell einer künftigen Gesellschaft (Clark C. Bennister/Lew Kubichiev, The Informational Network – Model of a Future Society. Published by Vaughan University Press Ltd., Cambridge 1974.). Als Verfasser zeichneten der Soziologe Clark C. Bennister und ein Informatiker russischer Abstammung namens Lew Kubichiev. Ihr Werk – eine typisch angelsächsische Mischung aus spröder Gelehrsamkeit und einem guten Schuss Skurrilität – avancierte zwar in einigen akademischen Zirkeln zum Geheimtipp, fand aber ansonsten kaum Beachtung. Zum Glück für die Nachwelt lebten Bennister und Kubichiev in einer recht sammelwütigen Epoche. Sorgsam behütet, aber ansonsten vergessen schlummerte ihr Buch in verstaubten Bibliotheksregalen, spukte durch wissenschaftliche Kataloge und führte ein digitales Dasein auf Festspeicherplatten und CD-ROMs. Erst neunzig Jahre später wurde das historische Dokument wieder ausgegraben, überprüft und neu berechnet, um sich zum Erstaunen der Experten als hieb- und stichfest zu entpuppen.
Das Szenario der beiden wackeren Denker war kompakt und überschaubar. Es begann mit der Binsenweisheit, dass ein Zusammenbruch der Zivilisation – aus welchen Gründen auch immer – zwangsläufig zu einer kulturellen Talfahrt führen musste. Binnen weniger Jahrzehnte würde die Menschheit, ihrer kulturellen Basis beraubt und von Hunger und Seuchen gepeinigt, in den Strudel des Wissensverlustes gerissen werden: Steinzeit ohne Ende.
Aus dieser Sackgasse wiesen Bennister und Kubichiev einen mit strengen Vorgaben gepflasterten Weg. So eliminierten sie zunächst sämtliche Errungenschaften technologischer Art. Fortschritt durch Beschränkung lautete ihre Devise, die lediglich zwei Ausnahmen zuließ: die Grundlagen von Ackerbau und Viehzucht, sowie die Information über das Wesen der Information. Ziel war eine simple, aber geordnete Agrargesellschaft, deren Mitglieder über ein annähernd gleiches Wissensniveau verfugten. Erhofftes Resultat: ein krisenfestes, demokratisch geprägtes Staatsgebilde, ohne Machtstrukturen und Sozialgefälle; freilich auch ein Staat, der seine Bürger in tiefster Abhängigkeit hielt. Denn für schöpferische Höhenflüge sollte ein vernetztes Computersystem sorgen, das das gesamte Kulturerbe verwaltete, um es wohlgeordnet und dosiert – als leichtverdauliche Informationshäppchen – der darbenden Menschheit zu verabreichen.
Naturgemäß fiel die Beschreibung dieses Kontrollorgans ziemlich vage aus: An der damaligen Computertechnik konnte sich die Fantasie der Autoren kaum entzünden, und so bildeten Entwicklungsdiagramme und Wachstumskurven die Schwerpunkte ihrer Arbeit. Das Planspiel mit der geringsten Ausgangspopulation – die sogenannte Minimalvariante – umfasste eine Bevölkerung von nur zwanzigtausend Menschen, die beharrlich das biblische Motto »Seid fruchtbar und mehret euch!« befolgen mussten, ehe der kybernetische Mentor achtzig Generationen später erste Wissenskeime über das kulturelle Brachland streuen konnte – nach fünftausend Jahren würde die Zivilisation laut Hochrechnung wieder zu voller Pracht erblühen.
Die Meinung der Experten war einhellig. Im Jahre 2063 attestierten sie der Theorie neben mathematischer Brillanz auch gute Praxischancen – dies dank eines Seitenzweigs der Computerentwicklung, des energieautarken Multivirtuell-Servers. Der kristalline Rechner trumpfte mit Wertbeständigkeit und narrensicherem Handling auf und wurde jeder Anforderung eines Jahrtausend-Projekts gerecht. Das Experimentierfeld jedoch, auf dem der Bennister-Kubichiev-Plan zu späten Ehren kam, war nicht die Erde, sondern der zweite Planet der gelbgrün strahlenden Sonne Tau Ceti.
Schon vor geraumer Zeit hatten spektrographische und interferometrische Messungen belegt, dass dieser 11,8 Lichtjahre entfernte Stern ein zwar bescheidenes, aber intaktes Planetensystem solaren Charakters besaß. Als schlagzeilenwürdig erwies sich Tau Ceti indes erst um 2040, als der Schlussstein in das bis dato unfertige Gebäude der Superstringtheorie eingesetzt wurde. Damit verfügten Teilchenphysiker und Kosmologen nach zäher Suche endlich über eine Theorie für alles, die nicht nur die vier Grundkräfte des Universums vereinte, sondern auch die rätselhafte Beziehung zwischen Quantengravitation und Vakuumenergie blitzartig erhellte. Das wiederum führte zu einer Flut von Fachartikeln, die sich zunehmend um einen atemberaubenden Gedanken drehten – der Möglichkeit interstellarer Raumflüge zum Spartarif, ohne astronomisch hohe Kosten und Energiemengen. Es begann eine Dekade intensiver Forschungen, die triumphal endete: Am 3. November 2052 startete eine robotische Sonde auf transdimensionalem Wege in Richtung Tau Ceti.
Die binnen weniger Wochen vorliegenden Ergebnisse gaben Anlass zu ungetrübtem Optimismus: nicht wegen der Entdeckung eines marsähnlichen Wüstenplaneten oder eines halb geschmolzenen Merkur-Verwandten, sondern vor allem wegen einer paradiesischen Welt, die den Namen Demeter erhielt: eine Zwillingsschwester der Erde, mit konstant mildem Klima und einer verschwenderischen Artenfülle an Pflanzen und Tieren. Nur intelligentes Leben fehlte, was aber in Anbetracht der wirtschaftlichen Perspektiven durchaus positiv bewertet wurde. Als eine zweite Expedition die Ungefährlichkeit der auf Demeter heimischen Mikroorganismen festgestellt hatte, entsann sich der Mensch seiner Fähigkeiten als Homo oeconomicus. Die Börsen erlebten eine Hausse mit Tau Ceti-Aktien, Bankenkonsortien verstreuten freizügig Kredite, die Großmächte lenkten wie ein Rudel freundlich gestimmter Kraken das merkantile Getümmel, und Demeter sah sich, kaum entdeckt, in Besiedelungszonen und Interessensphären zerstückelt. Proteste gegen den Milliarden-Deal verpufften wirkungslos.
Kühl kalkulierend entwarfen die zuständigen Gremien ein über Jahrzehnte laufendes Kolonisationsprogramm, in dessen Etat das weithin unbekannte Bennister-Kubichiev-Projekt ein Schattendasein fristete – niemand glaubte so recht an die Notwendigkeit eines Rettungsankers.
Dieser Irrtum infizierte auch jene Leute, die, gebeutelt von Zivilisationsfrust, freudig auf ihre bürokratisch verwaltete Erdexistenz pfiffen, um als freie Auswanderer, fernab einer zerrütteten Umwelt, ein Pionierleben ohne Steuererklärungen zu führen. Am 7. September 2067 landeten die ersten fünfhundert Kolonisten in ihrer neuen Heimat, wo sie nach dem Bau einer zentralen Siedlung namens New Hope die Urlandschaften der näheren Umgebung in ordentliche Agrarflächen verwandelten – eine perfekt organisierte Kommune mit Rechenzentrum, Ringstraßennetz und modernster Ausstattung, die allerdings jedes industriell gefertigte Produkt bis hin zur kleinsten Schraube von der Erde importieren musste.
Dieses Manko führte zwölf Jahre nach der Koloniegründung schnurstracks in die Katastrophe: Eines Tages traf das erwartete Frachtschiff nicht ein; es war und blieb verschollen, und dieses Schicksal teilte es mit der übrigen Nachschubflotte. Deprimiert brütete die auf zwanzigtausend Menschen angewachsene Kolonistengemeinde über den hinfällig gewordenen Logistikplänen, ehe man zähneknirschend die Vorräte rationierte und Krisenmanagement betrieb. Einige Wochen tuckerte der schmalbrüstige Motor der Tau Ceti-Zivilisation im Leerlauf dahin, dann kam er ruckartig zum Stillstand. Wie versteinerte Skelette blockierten Erntemaschinen die Straßen, die Kanalisation stank penetrant zum Himmel, Kühlhallen mutierten zu Treibhäusern, und nur in Kirchen und Tempeln herrschte reger Betrieb.
Doch die zahlreichen Bittgänger hofften vergebens auf ein Wunder. Die Erde schwieg – für immer. Also packten die Siedler ihre Habe einschließlich des Multivirtuell-Servers und strömten scharenweise in die Wildnis, wo sie nach Urväter-Sitte und im Schweiße ihres Angesichts Blockhütten zimmerten und den Umgang mit Pflug und Sense übten – der Schritt in die Bennister-Kubichiev-Kultur vollzog sich widerwillig, aber mit logischer Konsequenz.
Als die Biochemiker James D. Watson und Francis Crick acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs anhand von Röntgenstrukturanalysen das DNA-Modell der Doppelhelix schufen und damit den genetischen Vererbungscode entschlüsselten, bescherte ihnen diese Entdeckung den Nobelpreis und der übrigen Menschheit wachsende Probleme – auf der Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelte sich die Gentechnik. Ihren Durchbruch erzielte die neue Wissenschaft mit synthetisch produziertem Insulin und der praktischen Anwendung des »genetischen Fingerabdrucks«, der die Gerichtsmedizin revolutionierte. Parallel dazu fanden die DNA-Diagnostik und die Somatische Gentherapie zur Erkennung und Behandlung von Erbkrankheiten immer mehr Verbreitung. Auch die Versuche mit sogenannten transgenen Lebewesen sorgten zunehmend für Gesprächsstoff: Die Implantierung neuer Eigenschaften in Agrarpflanzen und Nutztiere war ein heiß und kontrovers diskutiertes Thema. Als schließlich auch manipulative Eingriffe am menschlichen Erbgut drohten, nahmen sich die Politiker der Sache an. Somit gelang es erst ziemlich spät, Verantwortung und Grenzen der Gentechnik umfassend zu regeln und die multinationalen Konzerne auf anerkannt humanitäre und umweltfreundliche Projekte einzuschwören. Eine solche Zielsetzung war auch bitter nötig: Das ökologische Gleichgewicht der Erde war Mitte des 21. Jahrhunderts so nachhaltig gestört, dass selbst dickfellige Zeitgenossen Unheil witterten. Überall auf dem Planeten schrillten die Alarmglocken, und es verging kaum ein Tag ohne Katastrophenmeldung.
Unter diesem Aspekt wurde der im Frühjahr 2078 mit erheblichem Medienrummel angekündigte Mobile Biolyse-Organismus bereits in der Planungsphase als Retter der Zivilisation gefeiert. Das Publikum reagierte weniger begeistert: Die angepriesene Züchtung präsentierte sich als abgrundtief hässliche Kreatur ohne Kopf und ohne Gliedmaßen, die mit geschmeidigen Streckbewegungen ihres wulstigen Körpers durch die Gegend floss und fatal an eine Riesenamöbe erinnerte. Doch unisono beschworen Ökonomen und Politiker den volkswirtschaftlichen Nutzen des Schwabbelwesens – ein in jeder Hinsicht erfolgreicher Propagandafeldzug. Erstens schrumpfte die zungenbrecherische Bezeichnung Mobiler Biolyse-Organismus zu einem schlicht-vertraulichen Moby, und zweitens zählte das Aufgabengebiet der massigen Geschöpfe bald zur Allgemeinbildung: Ihr genetisch verankertes Arbeitsprogramm verpflichtete sie dazu, Umweltgifte zu assimilieren und aufzuspalten, wo immer sie derartige Schadstoffe in größeren Mengen aufspürten.
Diese Fähigkeiten weltweit zu nutzen erforderte beileibe keine logistischen und finanziellen Kraftakte, da sich die Mobys wie am Fließband selbst produzierten. In freier Natur würden sie dank der dort angehäuften Futterberge ungehemmt wachsen, sich bei Erreichen ihrer Maximalgröße von fünfzig Zentimetern nach Amöbenmanier teilen und somit bald jeden Erdenwinkel bevölkern.
So geschah es, und vom Start weg überzeugten die mobilen Mägen durch eine fast unheimliche Effizienz. Rudelweise belagerten sie Müllhalden, okkupierten die Abwasserkanäle der wie Geschwüre wuchernden Ballungszentren, säuberten ölverseuchte Meeresküsten und suhlten sich in giftigstem Industrieschlick. Doch mitten in die hemmungslose Euphorie platzte die Kunde, dass die vermeintlich tumben Protoplasmafladen sonderbare mystische Kräfte besaßen: eine Erfahrung, die jeder auskosten konnte, der einen Moby mit bloßen Händen berührte. Dieser Kontakt öffnete das Tor zu einem schillernden Universum, das alles enthielt, was jemals auf Erden erlebt und empfunden worden war; eine Lawine aus Bildern und Gefühlen, verflochten zu einer gleißenden Kaskade – der mächtige, immerwährende Strom des Lebens.
Ernüchtert bestaunten die Gentechniker das Phänomen, und ihnen dämmerte, dass sie irrtümlich wandelnde Gehirne geschaffen hatten; ziemlich merkwürdige, auf verquere Art funktionierende Gehirne, die, ohne einen Funken eigener Intelligenz, Kontakte mit höheren Sphären pflegten – biologische Katalysatoren, von denen niemand wusste, woher sie ihre Informationen bezogen. Auch wenn man in Physikerkreisen von einer kosmischen Gedächtnismatrix sprach und die schon leicht antiquierte Theorie der morphischen Felder bemühte, blieb das Rätsel letztlich ungeklärt.
In einer restlos genormten, nach Sensationen gierenden Welt wirkten die metaphysischen Talente der Mobys verheerend. Im Laufe weniger Wochen wurde das Ganze zum Kult, zur verzehrenden Sucht; fast die gesamte Menschheit brach zu einer kollektiven Traumfahrt aus ihrem globalen Getto auf. Schwärmerische Naturen tauchten weit hinab in die Vergangenheit der Erde, wie Schmetterlinge von einer Epoche zur anderen flatternd, religiös Angehauchte glaubten die Schwingungen einer göttlichen Existenz zu erahnen, Verbitterte und Einsame schwammen in einem Ozean der Geborgenheit, und unübersehbar war das Heer derjenigen, die bis zur Erschöpfung in sexueller Ekstase schwelgten – eine mitreißende Multimediashow, wirkungsvoller als jede Rauschdroge, die Sinne mit Reizen förmlich betäubend.
Aufgrund dieser Besessenheit verödete das öffentliche Leben, soziale Bindungen zerbröckelten, die Konjunktur geriet auf Schlingerkurs, und im Getriebe der Zivilisation begann es bedenklich zu knirschen. Da Appelle und Verordnungen nichts fruchteten, entschlossen sich die Regierungen zu einer Radikallösung, und rund um den Erdball rückte man den lästig gewordenen Züchtungen mit Panzern und Flammenwerfern auf den massigen Leib. Die rigiden Maßnahmen weckten den erbitterten Widerstand der Moby-Verehrer, und das waren immerhin einige Milliarden.
Eine Weile herrschte das Chaos eines weltumspannenden Bürgerkriegs. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, irrten die versprengten Reste der Menschheit zerlumpt und hungernd umher, ohne Ziel, ohne Hoffnung, die Gewissheit einer sehr düsteren Zukunft vor Augen.
Während der Homo sapiens in der Krise steckte, verteidigten die Mobys hartnäckig ihren Platz in der Evolution. Nach etwa tausend Jahren entrannen sie jedoch nur knapp dem Artentod, als ihre natürlichen Nahrungsquellen versiegten. In dieser misslichen Lage erwiesen sich einzelne Exemplare als Überlebenskünstler: Auf der Suche nach einer neuen ökologischen Nische verwerteten sie statt chemischer Grundstoffe zunächst Protozoen, Algen und Schimmelpilze, um dann im folgenden Stadium komplexere Organismen zu assimilieren – sofern deren Vitalfunktionen erloschen waren. Parallel dazu kam es zu verzögerten Reproduktionsphasen und damit zu ungebremstem Riesenwuchs: In verblüffend kurzer Zeit wandelten sich die kompakten Kreaturen der Ursprungsform zu ehrfurchtgebietenden Drei-Meter-Monstern. Ob diese planungswidrige Mutation auf einer latenten Schwäche des Gen-Programms beruhte oder eine echte Anpassung an veränderte Umweltbedingungen darstellte, war in dem Zusammenhang ohne Bedeutung. Auch als Schwergewichte verursachten die Mobys weder Lärm noch größere Flurschäden und genossen deshalb weiterhin respektvolle Anerkennung.
Zusätzliche Sympathien konnten sie als Entwicklungshelfer verbuchen: Der Informationsstrom, den die Riesenamöben in die Köpfe neugieriger Leute projizierten, enthielt genügend alltagstaugliche Anreize, um der Erdbevölkerung steinzeitliche Verhältnisse zu ersparen. Somit bildeten die Mobys, obwohl maßgeblich am Ruin der Zivilisation beteiligt, nunmehr das Rückgrat der irdischen Kultur.
Dem Golfstrom, der Felsbarriere der Alpen sowie einem Bündel anderer Einflüsse verdankte Mitteleuropa das während seiner historischen Geschichte herrschende feucht-gemäßigte Klima, das sich, ebenso schnupfen- wie rheumaträchtig, zumeist durch Unbeständigkeit auszeichnete. Diese jahreszeitlichen Wechselbäder fanden ihren Niederschlag in unzähligen Liedern, Gedichten und Volksbräuchen; jede Generation bemühte sich stets aufs Neue darum, das Aufkeimen des Frühlings oder einen nebelverhangenen Herbsttag lyrisch zu bewältigen, in Verse zu flechten, mit religiösen Riten und Inhalten zu verknüpfen, in schlicht bäuerlicher Mundart zu schildern und, je nach künstlerischem Temperament, elegisch oder voll Pathos zu besingen.
Dennoch war ein großer Teil des abendländischen Kulturschaffens nichts anderes als die Verklärung einer geologischen Momentaufnahme, eine flüchtig hingetupfte Impression im Wandel der Zeiten. So schmückte sich noch im jüngeren Tertiär halb Europa mit lianendurchwirkten Wäldern, in denen die Urahnen der Schweine grunzten – ein sumpfiger Garten Eden, stilecht mit Schlangen und anderem Kriechgetier bestückt.
Einige Millionen Jahre später war die tropische Blütenpracht unwiederbringlich verschwunden. Wo einst Magnolien und Zypressen die alpinen Gebiete exotisch verfremdet hatten, regierte nun der ewige Winter. Vor den Stirnfronten zerklüfteter Gletscher wanderten Rentierherden umher, und Moschusrinder käuten das starrige Heidegras wider. Als die Eisfelder schließlich schmolzen, war das Schicksal der Tundrenbewohner besiegelt – der Klimawechsel hatte ihre Lebensräume zerstört.
In den folgenden Jahrtausenden stellten kühle Trockenzeiten und regenreiche Epochen die Anpassungsfähigkeit von Flora und Fauna abermals auf eine harte Probe. Dem Menschen blieb es vorbehalten, das Geschehen weiter zu komplizieren. Durch Brandrodungen und Trockenlegung der Hochmoore brachte er den Naturhaushalt zunehmend in Unordnung: Störungen, die im 20. Jahrhundert bedrohlich kulminierten und erregte Diskussionen über Luftverschmutzung, sauren Regen und das allmähliche Schwinden der Ozonschicht auslösten.
Als mit dem Zivilisationskollaps der Wissenschaftsdisput über das Klimathema erlosch, blieb nur die für jedermann spürbare Erkenntnis, dass die Erde einer rapiden Erwärmung unterworfen war – ein irreversibler, sich zum Selbstläufer entwickelnder Prozess. An den Polen schrumpften die Eiskappen, und eine Verlagerung der Passat- und Monsunströmungen veränderte das Gesicht der Kontinente: Während manche Regionen periodisch von Sintfluten heimgesucht wurden, verdorrten andere unter einer sengenden Hitzeglocke, und längs des Äquators fraßen sich Wüsten durch fruchtbares Ackerland.
In nördlichen Breiten herrschte ebenfalls die blanke Apokalypse. Dort sank als Folge des allgemeinen Waldsterbens der Grundwasserspiegel; ungehindert versickerte der Regen im lockeren Boden, und Flugsand erstickte die Lebensformen der Feuchtbiotope. In den Gebirgen verkarsteten die Hanglagen, und Erdrutsche donnerten in die Täler – gewaltige Schuttmengen, die von Flüssen und Bächen weiträumig im Flachland verteilt wurden.
Zusätzliche Turbulenzen erzeugten ein wetterbestimmend werdendes Festlandsklima sowie die Erwärmung des Nordatlantiks – nach fünftausend Jahren präsentierte sich Mitteleuropa als öde Steppe mit spärlich eingestreuten Buschinseln. Sommer und Winter im herkömmlichen Sinne gab es nicht mehr; regelmäßig erreichten die Temperaturen tropische Werte, ehe Wolkenbrüche oder Sandstürme für jähe Abkühlung sorgten.
Die Tau Ceti-Kolonisten hatten zu dieser Zeit ihr armseliges Bauerndasein längst überwunden. Während auf der Erde ungefederte Ochsenkarren als technologische Spitzenleistung galten, umfasste die Demeter-Zivilisation nunmehr eine Milliarde Menschen, die den Luxus von Eierkochern und Digitaluhren genossen. Mit beinahe religiösem Eifer folgten die Kolonisten den Vorgaben des Bennister-Kubichiev-Programms bis hin zum letzten Komplex des gespeicherten Wissens: dem Interstellar-Antrieb.
Obwohl in der pluralistischen Gesellschaft Demeters giftiges Parteiengezänk zur Tagesordnung gehörte, bewirkte das geplante Raumflugexperiment einen Solidaritätsschub durch alle Bevölkerungsschichten – war doch das Ziel die unvergessene, nostalgisch verklärte, von Mythen und Sagen umwobene Erde.
Mit ausgeprägter Unlust lauschte Marja dem wilden Stakkato des wolkenbruchartigen Regens, der auf die bemoosten Holzschindel des Geräteschuppens trommelte. Allmählich dämmerte der Tag, und durch die Ritzen des Türverschlags floss fahle Helligkeit in den fensterlosen Raum, die Umrisse zweier schiefbeiniger Hocker und eines roh gezimmerten Tisches aus dem Dunkel schälend. Die Luft in der Hütte war feucht und modrig, von Wasserdunst gesättigt, aber immer noch einen Rest jener sengenden, von keinem Windhauch gemilderten Hitze verstrahlend, unter der Land und Leute bis gestern gelitten hatten.
In den nahen Stallungen brüllten die Kühe, und Marja rümpfte abfällig die Nase. Sie hatte sich zäh gegen das Erwachen gesträubt, hatte sich unruhig auf der brettharten Strohmatte herumgewälzt und die entgleitenden Traumbilder festzuhalten versucht, doch nun, sich widerwillig der Wirklichkeit öffnend, lag sie ruhig atmend auf dem Rücken und haderte ausgiebig mit ihrem Schicksal: Die fade Akkordarbeit einer Melkmagd würde ihr auch heute nicht erspart bleiben.
Unter Protestgemurmel rollte sich die achtzehnjährige Nacktschläferin aus einer nach Schweiß und ungewaschenen Füßen riechenden Wolldecke, klaubte die verstreuten Teile ihrer Garderobe zusammen, um wenig später, nach sehr sparsamer Anwendung von Wasser und Seife, barfüßig und mit schlampig geschnürtem Kittel ins graue Frühlicht hinauszutappen. Schwere Tropfen prasselten in ihr Gesicht, und ein böiger, unangenehm frischer Wind zerrte am dünnen Leinenstoff ihrer Kleidung. Marja bekam eine Gänsehaut, verschränkte fröstelnd die Arme vor der Brust und flüchtete durch lehmigen Matsch unter das Giebeldach des Stalles. Dort ordnete sie ihre kastanienbraune Haarpracht und betrachtete gähnend die Niedernbacher Dorfidylle.
Über ihr brodelte ein sturmdurchtoster Gewitterhimmel. Immer noch ballten sich die Wolken zu düsteren Gebilden, und aus der Ferne, langsam verebbend, grummelte der Donner. Die nächtlichen Schauer hatten mit Blitz und Hagelschlag begonnen, im Handumdrehen die engen Gassen der Zweihundert-Seelen-Gemeinde überflutet und den Erdboden knöcheltief aufgeweicht. Von den grob verputzten Backsteinhäusern floss das Wasser in breiten Strömen herab, und zwischen Heustadel und Misthaufen war eine ausgedehnte Pfützenlandschaft entstanden.
Fast andächtig genoss Marja die in das stete Rauschen des Regens eingebettete Stille. Noch befand sie sich allein auf weiter Flur. Die Mitmenschen warteten klugerweise auf eine Wetterbesserung, und auch die Tiere verzichteten auf das übliche Morgenspektakel. Aufgeplustert hockten die Wellensittiche in Baumhöhlen und unter Dachvorsprüngen, die Schafe erduldeten schlammverschmiert den nassen Segen, und im Hühnerhof blieb die bedeutsame Frage der Hackordnung vorerst ungeklärt.
Marjas Blick streifte den Palisadenzaun, der Niedernbach in eine Festung verwandelte. Hufeisenförmig umschlossen die mannshohen Holzpfähle die Siedlung: stumme Zeugen einer Gefahr, die irgendwo im Verborgenen schwelte. Vor der Barriere lag das Flickenmuster der Viehweiden und Äcker. Der erntereife Mais leuchtete im flammenden Gelb des Sommers, in den Vorgärten gedieh ein Gemüsecocktail aus Tomaten, Zucchini und Paprika, und entlang der Feldraine standen Oliven und Feigenbäume einträchtig Spalier.
Jenseits des Ackerlandes erstreckte sich die macchiabewachsene Steppe nach Westen. Es war eine raue, beklemmend leere Karstwildnis voller Disteln und Sandverwehungen. Die ockerfarbene Einöde wirkte wie ausgestorben. Kein Vogelruf milderte das düstere Schweigen, und nicht einmal der Schatten einer Bewegung huschte durch das dürre Gras.
In entgegengesetzter Richtung bildete ein schmutzig-brauner Fluss die natürliche Grenze des Dorfes. Vom Gebirge her kommend quälte sich das Gewässer durch die hügelige Moränenlandschaft, schmiegte sich in sanfter Biegung an die Hüttenzeilen, um danach, als wisse es nicht so recht wohin, in verwirrenden Mäandern nordwärts davonzuströmen. An seinem sumpfigen Ufer endeten die beiden Pfahlreihen der Palisade in einem Dickicht aus Schilf und Unkraut. Die meiste Zeit des Jahres war der sogenannte Fluss eine mit Schlamm angereicherte Brackwasserrinne, die in heißen Sommern mitunter zu einem morastverklebten Wadi verkümmerte. Hingegen konnte das Rinnsal nach heftigen Gewittern binnen weniger Minuten zu einem reißenden Strom anschwellen, der ungebärdig aus seinem Bett schwappte, den Schafen auf der Weide nasse Beine bescherte und den Dorfplatz in einen Tümpel verwandelte.
Das architektonische Prunkstück der Siedlung war zweifellos die Balkenbrücke, die sich als Verlängerung des dörflichen Hauptweges über den Fluss spannte. Die kühne Holzkonstruktion besaß eine lichte Weite von fast elf Metern, und dicke Pfosten aus Steineichenstämmen garantierten auch bei Hochwasser die Stabilität des Bauwerks. Dank dieser Verkehrsplanung war Niedernbach für Besucher aus östlichen Regionen bequem erreichbar, und gleiches galt für die Viehherden, die ohne morastige Umwege zum Wiesengrund am anderen Ufer getrieben werden konnten. Ansonsten existierte nur noch ein Zugang: das doppelflügelige Westtor, ein knarrendes Ungetüm, breit genug für ein zweispänniges Ochsenfuhrwerk. Jeden Abend wurde die Pforte gewissenhaft verriegelt und verrammelt und in der übrigen Zeit so scharf bewacht, dass nicht einmal eine Maus unbemerkt ins Dorf gelangt wäre.
Die Frühaufsteherin wider Willen gähnte abermals, diesmal mit zufriedenem Unterton: Der Dauerregen tränkte nicht nur die knochentrockene Erde, sondern hinderte auch die Stare an der Plünderung der Obstbäume. Keine Kaninchen zerraspelten die Feldfrüchte, und sogar die gefürchteten Horden der Grauen hatten sich offenbar in ihre Höhlenverstecke verkrochen.
Vielleicht sind wir die Biester endlich los!, überlegte Marja.
Das war eine trügerische Hoffnung, und nachdenklich musterte sie die vernarbten Bissspuren auf ihrem linken Handgelenk – ein bleibendes Andenken an den Kampf vor knapp vier Wochen, als die Wellen der Grauen zum bisher letzten Mal gegen die Umzäunung gebrandet waren. Mit Beginn der Morgendämmerung hatte das Gekreische der Sittiche die Niedernbacher jäh aufgeschreckt, und zu ihrem eigenen Erstaunen war Marja an der Spitze der Verteidiger zur Palisade gerannt, wo sie wie im Rausch eine Axt in die Masse der struppigen Körper geschmettert hatte, die unter den Zaunpfählen hervorgequollen waren. Im Licht der aufgehenden Sonne hatten schließlich Hunderte der langschwänzigen Feinde die Erde bedeckt, selbst im Sterben noch umherschnappend.
Bis vor etwa dreißig Jahren waren die Grauen kaum lästiger als Waschbären oder Starenschwärme gewesen, ehe ihr jäh und heftig ausbrechender Hass auf alles Menschliche sie an das äußerste Ende der Beliebtheitsskala verbannt hatte. Eine vernünftige Erklärung für dieses merkwürdige aggressive Verhalten hatte noch niemand gefunden, und Marja verzichtete darauf, weitere Gedanken an dieses Rätsel zu vergeuden.
Entschlossen nahm sie den erstbesten Melkeimer aus der wetterdicht überdachten Stellage. Das Gefäß verblüffte durch sein ungewohntes Gewicht, und Marja versetzte dem Eimer einen unwilligen Stoß. Aus dessen Tiefe tauchte ein runder Kopf mit grün funkelnden Augen auf. Die Braunhaarige kannte den Holzkübelbewohner nur zu genau – schließlich hatte sie ihn eigenhändig aufgepäppelt, als seine Mutter bei einer Attacke der Grauen das Leben verloren hatte. Das war vor drei Jahren gewesen, und das verwaiste Wesen hatte sich rasch zu einem zehnpfündigen Prachtexemplar entwickelt. Was aber nichts an der Tatsache änderte, dass Marja ihr gestörtes Verhältnis zu ihren morgendlichen Pflichten auf die gesamte Umwelt ausdehnte.
»Felis!«, sagte sie gereizt. »Raus da, aber dalli! Verstreu deine Flöhe woanders!«
Der übellaunige Tonfall bewog den getigerten Kater dazu, den Unterschlupf schleunigst zu räumen und in der Hoffnung auf eine Milchmahlzeit dem Menschenwesen um die Beine zu streichen.
Marja ignorierte diese Gelüste genauso wie die Wellensittiche, die zusammen mit einigen Mauerseglern im Dachgebälk des Stalles umherschwirrten und ihr Erscheinen mit gellendem Gezeter quittierten. Das aus massivem Pinienholz errichtete Gebäude beherbergte zwei Dutzend Ochsen, Kühe und Kälber sowie einen unruhig schnaubenden Zuchtstier, der seine achtzehn Zentner Lebendgewicht hinter einem ausbruchssicheren Bretterverschlag umher wuchtete. Seufzend rückte Marja den dreibeinigen Melkschemel neben das pralle Euter einer Schecken. Sie stützte ihren Kopf an die weich atmende Flanke des Tieres, reinigte mit klarem Wasser die Zitzen, klemmte den Eimer zwischen die Knie und begann mit wütender Entschlossenheit zu melken. Warm und sahnig zischte der weiße Strahl in den Behälter.
Die junge Frau empfand eine diffuse Befriedigung, dass ihr das Ausmisten und Einstreuen erspart blieb. Dafür wurden aus gutem Grund möglichst vierschrötige Bauernburschen verpflichtet. Es war eine elende Schinderei, den zähflüssigen Dung mit Stroh zu vermischen und die manchmal noch dampfende Ladung auf der Mistgabel in Richtung Komposthaufen zu hieven. Im Vergleich dazu war das Melken das reinste Kinderspiel, obwohl auch diese Arbeit gewisse Tücken barg. Die Kühe hatten sämtlich ihre eigenen Dickschädel, jede wollte anders behandelt werden, und bei mancher floss die Milch trotz aufmunternder Worte nur tröpfchenweise. Somit dauerte es endlos, bis der Eimer halbwegs gefüllt war.
Allmählich begannen Marjas Unterarme zu schmerzen, und sie sehnte den Moment herbei, wo sie aufstehen und die Milch in eine der bauchigen Dreißig-Liter-Kannen umgießen konnte – langsam und vorsichtig, ohne den kleinsten Spritzer. Ein feinmaschiger Siebaufsatz verhinderte, dass Schmutzkrümel und ertrunkene Schmeißfliegen mitgeschwemmt wurden.
Eine Stunde später hatte Marja ihr Pensum fast geschafft. Mit zunehmender Hast erledigte sie die letzten Handgriffe, als ein monotones Gebrabbel an ihre Ohren drang. Irritiert blickte sie hoch – im Eingang zeichnete sich eine hagere Schattengestalt vor dem Hintergrund des Regenhimmels ab.
»Ich fass es nicht!«, krächzte die Gestalt mit brüchiger Stimme. »Beim größten Dreckswetter wird in Niedernbach geschuftet. Seid ihr noch zu retten?«
Marja stöhnte leise auf und verdrehte anklagend die Augen.
»Gevatter Eimar!«
»In voller Lebensgröße! Wie ich sehe, hat man dich zum Melken verdonnert.«
»Du siehst leider richtig.«
Eimar lachte meckernd.
»Ich werde dich aufheitern«, versprach er beflissen und mit ziemlich feuchter Aussprache. In seinem Bartgeflecht klebten Speichelfäden zwischen den Resten breiiger Mahlzeiten.
Marja wehrte erschrocken ab.
»Mich kann keiner aufheitern …« Sie unterbrach sich und sah Eimar misstrauisch an. »Was ist los? Hast du deinen Morgenumtrunk schon beendet?«
»Pflicht geht vor Suff«, tönte es würdevoll zurück. »Ich kann mich schließlich beherrschen …«
Marja ahnte Fürchterliches.
»Soll das etwa heißen …«
»Genau das heißt es. Ich habe eine Botschaft empfangen … eine sehr wichtige Botschaft. Willst du sie hören?«
Eimar schwankte näher. Er war in ein schmutziges Sackgewand gehüllt, das bis zum Boden wallte und nur einen kantigen Schädel mit wollgrasähnlichem Bart und schlafmützigen Augen freiließ. Trotz seiner sechzig Jahre galt Eimar als Sorgenkind der Dorfgemeinschaft. Laufend zerdepperte er Geschirr und Krüge, sein leichtfertiger Umgang mit dem Feuer beschwor stets die Gefahr von Großbränden, und während der Erntezeit sammelte er mit Vorliebe Brennnesseln und Vogelbeeren. Allein die Zubereitung von hochprozentigen Destillaten beherrschte er meisterhaft: eine Kunst, die er mit Eifer und Hingabe pflegte.
Seinen zweifelhaften Ruf verdankte er indes der anrüchigen Gabe des Hellsehens. Mehr oder minder regelmäßig bereicherte er den Dorfklatsch mit Reportagen von Ereignissen, die irgendwo auf dem weiten Erdenrund geschahen und die ein geheimnisvoller Prozess in sein Gehirn spiegelte. Leider mangelte es den Offenbarungen an der nötigen Klarheit. Es waren rätselhafte Fragmente, versponnen und wirr, die durch das alkoholische Hobby des Chronisten keinen Deut glaubwürdiger wurden. Marjas Miene drückte demzufolge schroffe Ablehnung aus.
»Deine Botschaft kannste dir wo hinklatschen.«
Eimar schüttelte vorwurfsvoll das Haupt, und seine Barthaare sträubten sich. »Wir leben in einer lausigen Zeit. Ich vergeude meine Worte an Tölpel und Ignoranten, und was ernte ich als Dank? Nichts als Ärger und Verdruss! Die Wahrheit wird erst dann erkannt, wenn es zu spät ist.«
Die weinerliche Klage verpuffte wirkungslos.
»Rutsch mir den Buckel runter!«
»Widerborstiges Luder!«, murrte Eimar, tauchte eine Hand in die kuhwarme Milch und leckte sich schmatzend die gichtkrummen Finger.
»Du gehst mir auf die Nerven!«, fauchte Marja und vertrieb eine Fliege von ihrer Nasenspitze. »Nimm gefälligst deine dreckigen Pfoten aus der Frischmilch! Ein Benehmen zum Fürchten …«
Eimar rülpste und entblößte höhnisch grinsend eine lückenhafte Kollektion verfaulter Zahnstümpfe. Seine verschlissene Kutte, seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gereinigt, stank nach Schweiß, Urin und Erbrochenem.
»Bei mir ist Hopfen und Malz verloren … ich brauch kein Benehmen.« Kichernd hockte er sich vor den Melkschemel, wie ein Rohr im Wind hin und her schwankend.
»Du wirst immer hübscher«, nuschelte er zutraulich und schielte mit Stielaugen unter Marjas Kittel. »Früher warst du eine dürre Bohnenstange, ewig hungrig und schrecklich neugierig. Erinnerst du dich, als wir damals die Buddel Pflaumenlikör niedergemacht haben? Eine uferlose Sauferei … muss wohl zehn Jahre her sein.«
»Und ob ich mich erinnere.«
»Du bist ganz grün im Gesicht geworden und hast mir die Bude vollgekotzt, und deine Mutter hat vertrottelter Suffkopf zu mir gesagt.«
»Da hatte sie ausnahmsweise recht – mir war tagelang speiübel.«
»Der kleine Schwips hat deiner Schönheit nicht geschadet.« Er leckte sich genießerisch die Lippen und rutschte zentimeterweise näher. »Dein Haar duftet wie frisches Gras, in deinen Augen schimmert der Glanz des Mondes, und dann diese Beine … zum Reinbeißen!«
Er legte seine Hände auf Marjas Knie, schob ihren Kittel zurück und vergrub den Kopf zwischen den Schenkeln der Angebeteten, eine Reihe schmatzender und reichlich unappetitlicher Küsse absondernd.
»Hau ab, du geiler Bock!« Wütend auskeilend rammte sie dem Zudringlichen den rechten Fuß in die Magengrube. Eimar schnappte nach Luft, verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten ins Stroh. »Du kannst die Kühe betatschen, aber bleib mir vom Leib!«
Der abgeblitzte Prophet schnäuzte sich lautstark in den Ärmel seiner Kutte und rappelte sich mühsam hoch.
»Du magst mich nicht«, jammerte er. »Niemand in diesem elenden Kaff hat ein Herz für den armen Eimar. Wenn ich ein bisschen nett sein will, werd ich geschimpft und gestoßen und für plemplem gehalten.«
Er begann zu schluchzen, leise und greinend wie ein verlassenes Kind. Marja presste die Lippen zusammen.
»Hör auf zu heulen«, sagte sie begütigend. »Ich hab’s nicht so gemeint. Außerdem bist du nicht plemplem, jedenfalls nicht völlig.«
Der Alte flennte hemmungslos weiter.
Marja seufzte abgrundtief.
»Also gut – erzähl’ deine Botschaft.«
»Darf ich wirklich?«
Sie nickte ergeben, und Eimars tränennasses Gesicht schwamm in Entzücken. »Du wirst es nicht bereuen«, krähte das bärtige Orakel und hob sendungsbeflissen den Zeigefinger. »In mir strahlt das Licht der Erleuchtung, nur wissen das diese Bierdimpfel nicht zu würdigen … ein Dorf voller Holzköpfe. Aber sie sollen nur spotten – das Lachen wird ihnen im Hals stecken bleiben. Wenn die Stimme des schwarzen Dämons über die Steppe hallt, ist Schluss mit lustig. Dann beginnt in Niedernbach das Zittern und Zähneklappern.«
Marja riss ungläubig die Augen auf.
»Ein schwarzer Dämon? So besoffen kann doch niemand sein!«
Doch Eimar war überraschenderweise nüchtern – ein seltenes und sehr befristetes Wunder.
»Ich bin nicht besoffen!«, protestierte er und stampfte zur Bekräftigung auf den Boden. Fluchtartig suchten die Sittiche das Weite, und Felis sträubte seine Rückenhaare. Der Prophet kümmerte sich nicht um die ablehnende Haltung der Tierwelt.
»Fern im Süden, wo die Erde glüht, ist der Dämon aus der Sonne gefallen«, deklamierte er feierlich. »Umhüllt von Feuer und Rauch hat er auf mächtigen Schwingen das Große Bitterwasser bezwungen. Bald wird er über die Gipfel des Felsgebirges fliegen und einem Sturmwind gleich nach Norden brausen. Wie die Ausgeburt eines bösen Traums jagt er näher, riesig und dunkel, und sein stinkender Atem verseucht das Land. Ihr werdet euch alle noch wundern!«
Nach diesem unwirschen Statement stapfte Eimar in den Regen hinaus, wo er mangels Publikum das verwirrte Hühnervolk mit seiner Vision beglückte.
Marja schluckte. Obwohl luftverpestende Scheusale in ihrem Weltbild keine tragende Rolle spielten, spürte sie eine nagende Furcht, und während sie den randvollen Milchkübel zum Abstellplatz schleppte, klangen die Worte des Propheten in ihrem Gedächtnis nach. Derart abgelenkt übersah sie den stämmigen Mann, der sich von draußen näherte. Frontal prallte sie zwischen Tür und Angel mit ihm zusammen, und die Milch schwappte literweise aus der Kanne.
Der Ankömmling war Mitte vierzig und breitschultrig, hatte behaarte Schraubstockhände, ein energisches Kinn und gutmütige Augen, in denen es allerdings gefährlich wetterleuchten konnte – so wie in diesen Sekunden. »Verdammt, Marja, pass doch auf!«
»Oh, hoppla – Onkel Josif! Bist du nass geworden?«
»Blöde Frage: Ich schwimme in dem Zeug!« Erbost strich das Opfer des Milchattentats über seine tropfenden Beinkleider. »Das sieht dir ähnlich: Nachts herumstrolchen und am Morgen Tomaten auf den Augen!«
»Na und?«, sagte Marja mit patzigem Beiklang. »Ich genieße mein Leben … soweit das in diesem schäbigen Nest möglich ist. Außerdem gibt’s Schlimmeres als schmutzige Hosen.«
»Zum Beispiel?«
»Eimars neueste Offenbarung – da zieht’s dir die Sandalen aus.«
Josif wandte dem Katastrophenapostel sein breitflächig-derbes Gesicht zu. Gestikulierend wandelte der Prophet am Rande einer Pfütze entlang, das Regenwasser nicht beachtend, das ihm vom Nacken unter die fleckige Pelerine rann. »Spar dir deine Ausreden – du bist und bleibst ein schusseliges Wesen.«
Er glaubte Marja zu kennen. Schließlich hatte er sich jahrelang um die Halbwaise gekümmert. Diesem nervenzermürbenden Kleinkrieg verdankte er einige Kratzer auf der Seele sowie zahlreiche graue Haare, und bis heute litt er unter der fixen Idee, irgendwann vor den Trümmern seiner pädagogischen Bemühungen zu stehen. Dabei war Marja nie ein rabiates Ekel gewesen, sondern lediglich eine aufgeweckte, frühreife Göre mit schnippischem Mundwerk. Schon früh gehörten bohrende Neugier, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und eine manchmal überschäumende Fantasie zu jenen Eigenschaften, mit denen sie die Erwachsenen nachhaltig verblüfft hatte. Diese Fähigkeiten waren in ihren Sturm und Drangzeiten nicht glattgeschliffen worden, sondern hatten sich im Laufe der Jahre eher noch verstärkt. Inzwischen galt das braunhaarige Temperamentsbündel als Sprachrohr der emanzipationswilligen Weiblichkeit, dem die ältere Generation einen mit Vorsicht gepaarten Respekt zollte. Nur Marjas mit Hingabe gepflegte Untugend, besonders missliebige Personen mit matschigen Tomaten zu bewerfen, hatte zu Josifs Verdruss alle Erziehungsmaßnahmen überlebt.
Das vermeintliche Problemkind grinste so schelmisch, als hätte es die Gedanken seines Pflegevaters erraten.
»Ehrlich, das war keine Ausrede! Erst ist mir Eimar an die Wäsche gegangen, und dann hat er einen Dämon beschworen. Der Unhold kommt von Süden, hegt finstere Absichten und soll Gift und Galle spucken.«
»Na prächtig!«, brummte Josif unbeeindruckt. »Als ob weiße Mäuse nicht genug wären. Den Quatsch verzapft der Kerl seit dreißig Jahren … ein Moby-Geschädigter, wie er leibt und lebt.«
»Du weißt genau, woher Eimar seinen Knacks hat. Die Mobys sind daran unschuldig.«
»So unschuldig wie du«, spottete Josif. »Mir ist schleierhaft, was an dem Gegrunze dieser wandelnden Kuhfladen schön sein soll.«
Josif mochte keine Mobys. Er war ein kantiger, realitätsverwurzelter Mann, der handfeste Genüsse bevorzugte und seine gestörte Beziehung zu den Riesenamöben mit einem Gleichnis zu erläutern pflegte: Als vierjähriger Knirps war er zur Regenzeit in den mächtig angeschwollenen Fluss gefallen, und von allen Seiten war Wasser herangebrandet, wild, schäumend, Sinne und Gedanken überschwemmend. Das Gefühl für Oben und Unten hatte sich aufgelöst, es hatte keine Orientierung mehr gegeben, keinen Halt, an dem man sich festklammern konnte. Die Welt war zu einem gewaltigen Strudel geworden, zu einer wirbelnden Masse, die ihn zu verschlingen drohte und die ihn wohl auch verschlungen hätte, wenn der triefende Nichtschwimmer von beherzten Helfern nicht rechtzeitig ans sichere Ufer gezogen worden wäre. Genauso verhielt es sich mit den Mobys: Sie waren das Chaos schlechthin. Josif liebte feucht-fröhliche Umtrunke, scharf gewürzte Speisen und ein geregeltes Sexualleben, aber mitnichten jähe Bewusstseinssprünge.
Marja hingegen kannte in dieser Beziehung keine Hemmungen, und mit missionarischem Eifer verteidigte sie den Zauber, den die Riesenamöben gleichsam aus dem Nichts schöpften.
»Grunzlaute erzeugen höchstens deine Zechbrüder. Die Mobys sind das Tor zu fernen Ländern und verflossenen Zeiten, und sie atmen den Strom des Lebens, ein Strom voller Klänge und seltsamer Bilder … als ob die Erde ein Lied singen würde.«
Josif bleckte grinsend sein kräftiges Pferdegebiss.
»Alles klar: Du schlampst durch Traumwelten, und um den Alltagsdreck dürfen sich andere kümmern. Die Spuren unserer nächtlichen Besucher hast du natürlich übersehen.«
»Och, lass doch die paar Waschbären in Frieden.«
»Sie sollen lieber uns in Frieden lassen! Aber nein, sie müssen Familienfeste feiern – und das mitten im Hühnerhof! Anscheinend sind die Halunken durch den Fluss geschwommen, herzlich empfangen von unseren Dorfkatzen. Wenn’s ums Eierklauen geht, hält das Pack wie Pech und Schwefel zusammen.«
Er schüttelte die Faust in Richtung von Marjas Kater, was diesem aber nur ein lässiges Blinzeln entlockte. Eimar reagierte wesentlich frustrierter. Er bezog Josifs drohende Geste auf sich, und schmollend trottete er zurück in seine Klause.
Ein etwas voreiliger Entschluss, denn nun erwachten seine potentiellen Zuhörer. Aus einem der Gehöfte perlte Kinderlachen, eine grauhaarige Matrone streckte gähnend den unfrisierten Kopf ins Freie, und durch die Gassen strich der Geruch von frisch gebrühtem Kräutertee und ofenwarmen Broten.
Während sich Niedernbach allmählich belebte, ruhte die Steppe noch immer. Der Regen hatte nachgelassen, und ein rötlicher Schimmer umflorte die Ränder der tiefhängenden Wolken. Doch unvermindert lastete das Schweigen auf den dunstverhangenen Grasmatten – ein leeres und unberührtes Land, das scheinbar nie von der Hand des Menschen verändert worden war.
Dieser Eindruck täuschte jedoch gewaltig: Von Flugsand überbacken und halb im Erdreich versunken prägten die Relikte der Vergangenheit gleich hässlichen Narben das Gesicht der sommerdürren Heidelandschaft. Zwar war im Laufe der Jahrtausende manches Erbe der Zivilisation zerfallen, zwar hatten die Sonne, der Wind und das unablässige Wirken des Wassers die stummen Zeugen der Vorzeit abgeschliffen und eingeebnet. Dennoch trotzten einige Reste den nagenden Kräften der Erosion: Orte wie die zerklüfteten Ruinenstädte oder die distelüberwucherten Schutthalden, in deren Höhlenlabyrinthen die Grauen hausten. Am seltsamsten aber waren die wie schroffe Felszinnen aufragenden Mauerfluchten, die als verschattete Festungen die Ufer mancher Flüsse beherrschten – Monumente einer erloschenen Kultur.
Josifs Interesse galt profaneren Themen.
»Frühstückszeit«, sagte er und schnüffelte erwartungsfroh in den Wind.
»Du solltest die Hosen wechseln«, empfahl Marja in einer Aufwallung hausmütterlicher Fürsorge.
»Nicht nötig. Die trocknen von selbst. Was macht die Arbeit? Bist du mit der Melkerei fertig?«
»Natürlich! Obwohl ich dauernd lästige Mannsbilder am … he!«
Geschickt wich sie dem Klaps aus, der auf ihr wohlgeformtes Hinterteil zielte, landete ihrerseits einen Volltreffer mit dem Ellenbogen in Josifs Rippen, und dann betraten sie einträchtig das Gemeindehaus. Das Gebäude hatte die gleichen Proportionen wie der Kuhstall, war aber im Unterschied dazu aus Backsteinen errichtet und besaß statt einer Giebelkonstruktion ein Flachdach. Der großzügig dimensionierte Hauptraum diente als Kindergarten, Grundschule und Tagungsstätte, vor allem aber als öffentliche Kantine. Trotz mehrerer Glasfenster herrschte in dem schmucklosen Saal stets Dämmerung, und selbst bei Sonnenschein mussten Talglampen das Zwielicht aufhellen. Dafür boten acht endlos lange Holztische reichlich Platz für alle Dorfbewohner und eventuell hinzukommende Gäste.
Während sich Josif unter wieherndem Gelächter zwischen seine Kumpane zwängte, beschlagnahmte Marja den ersten freien Schemel, grapschte nach Roggenbrot, Butter und Quittenmus und goss Kamillentee in eine schäbige Steinguttasse, andächtig das wärmende Getränk schlürfend.
Ein gestotterter Gruß blies ihre meditative Stimmung fort, und Marja schaute den Störenfried strafend an: Ihr gegenüber hockte Rasmus vor einer Schüssel matschiger Vollwertkost und schwang grinsend einen Holzlöffel. Der Müsli-Vertilger war siebzehn Jahre alt, großnasig, schlaksig und lang aufgeschossen, hatte Pubertätspickel auf der Stirn und schwärmte – als einer von vielen – mit verzweifelter Ausdauer für die sommersprossige Schönheit. Rasmus’ Eltern waren vor sechs Jahren bei einer Brandkatastrophe ums Leben gekommen, und seitdem galt er als leicht versponnener Außenseiter. Er hatte ein schmales, fast asketisches Gesicht mit melancholisch schimmernden Augen. Da er sich zu Höherem berufen fühlte, erledigte er die ihm aufgebürdeten Arbeiten mit stiller Verachtung, und dieser deutlich spürbare Missmut prägte inzwischen sein ganzes Wesen. Am Liebsten entzog er sich der Wirklichkeit durch eine Flucht in schillernde Fantasiewelten, deren Beschaffenheit sein sorgsam gehütetes Geheimnis blieb.
Über Marjas Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte: Obwohl sich das Benehmen ihres Verehrers wohltuend von der plumpen Anmache anderer Schürzenjäger unterschied, lehnte sie Flirts zu früher Morgenstunde grundsätzlich ab.
»Muss das sein?«, fragte sie unfreundlich.
»Äh – was?«
»Kamillentee mit Müsl … in meiner Tasse schwimmt dein halbes Frühstück!«
Rasmus lief rot an und legte das zweckentfremdete Essinstrument neben die Schüssel.
»Tut mir leid … entschuldige.«
»Mmpf!«
Damit endete die Konversation. An den übrigen Plätzen ging es bedeutend ungezwungener zu. Da die Niedernbacher Bauern ihre Arbeitsbereiche in regelmäßigem Wochenturnus wechselten, wurde von früh bis spät um die gerechte Verteilung der Planstellen gestritten: eine Debatte, die starke Nerven und noch mehr Gerissenheit verlangte. Dennoch hatte sich der Brauch bestens bewährt. Er lockerte nicht nur den Alltagstrott auf, sondern unterminierte auch sämtliche Herrschaftsansprüche. Die Karrieren von Volkstribunen, Ellenbogentypen und lokalpolitischen Größen versandeten jedenfalls mit schöner Regelmäßigkeit zwischen Jauchegrube und Komposthaufen, und selbst Randolf, der anerkannt klügste (und dickste) Mann in weitem Umkreis, verstreute neben geistreichen Bemerkungen klaglos Hühnerfutter.
Allein Sara, die Verwalterin der Kantine, durfte einen Sonderstatus beanspruchen. Niemand wollte die Kochtalente der rundlichen Patronin missen, die mit ihrem Los als allseits geschätzte Küchenmamsell durchaus zufrieden war. Leider trübte ein stiller Kummer ihr geschäftiges Dasein: die besorgniserregende Entwicklung ihrer einzigen Tochter. Diese verdrehte nicht nur der männlichen Landjugend gleich reihenweise die Köpfe, sondern hatte vor Kurzem sogar die mütterliche Wohnung im Gemeindehaus geräumt, um im Zuge ihrer Selbstverwirklichung einen Geräteschuppen zu besetzen – ein finster-muffiges Loch ohne jeden Komfort. Mit verzagter Geste legte Sara dem rebellischen Frauenzimmer eine Hand auf die Schulter.
»Marja, was ist los? Du guckst, als hättest du faule Eier gegessen.«
Die Angesprochene streifte die Berührung so hastig ab, als ob auf ihrer Schulter eine große Giftspinne säße, und klaubte mit spitzen Fingern einen weiteren Müslispritzer aus der Teetasse.
»Man sollte Morgenmuffel nicht zum Melken schicken«, höhnte eine piepsige Stimme vom Nebentisch.
Der hämische Kommentar stammte von der neunzehnjährigen Vrena: ein vollbusiges und derb sinnliches Bauernmädchen, dessen karottenroter Haarschopf wie eine Flamme zwischen den Charakterköpfen der sie umringenden Kavaliere hervorloderte. Vrena galt weit über Niedernbach hinaus als Skandalnudel, die den Zeitpunkt schon längst versäumt hatte, ihre diversen Beziehungskisten einigermaßen überschaubar zu ordnen. Das hinderte sie indes nicht daran, jede vermeintliche Rivalin mit spitzer Zunge bis zur Weißglut zu reizen.
Marjas Augen funkelten – am Liebsten hätte sie ihren Kamillentee in den offenherzigen Kleidausschnitt der Intimfeindin geschüttet.
»Du hast recht«, sagte sie mit vergifteter Freundlichkeit. »Ich habe zwei linke Hände, und als Stallmagd bin ich eine taube Nuss. Eine Kuh ist mir vorhin entlaufen … nun hockt das blöde Vieh im Gemeindehaus und lässt sich wie ein Weltwunder begaffen.«
Vrena zuckte bei der Anspielung auf ihre freizügig zur Schau gestellte Oberweite zusammen, und einige Leute kicherten anzüglich.
»Ist das arme Ding wenigstens gemolken?«, erkundigte sich ein verhutzeltes Männchen, das außer dem dörflichen Krautacker wenig zu bestellen hatte. »Wenn nicht, kann ich vielleicht …«
Das Kichern schlug in ein schamloses Gelächter um. Josif grölte am lautesten. »Alter, übernimm dich nicht – das ist eine Lebensaufgabe! Wenn du dabei schlapp machst, bin ich gerne bereit …«
Saras eisige Miene ließ ihn abrupt verstummen. Die resolute Köchin, mit der ihn ein inniges Bratkartoffelverhältnis verband, duldete in ihren Räumen keinerlei Frivolitäten. Josif erfasste blitzartig, dass er in einen Fettnapf größeren Ausmaßes getreten war, und kratzte sich verlegen das Stoppelkinn.
Marja rettete die Situation.
»Es gibt Neuigkeiten«, sagte sie leichthin. »He, ihr da hinten: Wollt ihr endlich den Schnabel halten? Also: Unser Hellseher erwartet Besuch. Und zwar einen Dämon, der durch die Lüfte braust und dabei wie ein kaputter Ofen qualmt. Wenn Eimars Zeitplan stimmt, fliegt die Erscheinung gerade über das Gebirge.«
Ausgemachter Schwachsinn!«, brummte Josif und warf seiner Pflegetochter einen dankbaren Blick zu. »Der alte Zausel ist bekanntlich nicht ganz dicht.« Rasmus reckte trotzig sein spitzes Kinn vor.
»Vielleicht enthält Eimars Geschichte einen wahren Kern. Er wird sich das Ganze kaum aus den Fingern gesogen haben.«
»Aus den Fingern nicht, aber aus der Flasche«, konterte Josif, sichtlich verärgert über Rasmus’ unorthodoxe Meinung. »Niemand bestreitet, dass früher die unmöglichsten Vehikel umhergeschwirrt sind. Früher, wohlgemerkt! Inzwischen rostet der ganze Schrott in der Erde, für alle Zeit zugeweht und begraben. Heutzutage fliegt nichts mehr durch die Gegend. Die Mobys haben dir gehörig die Sinne vernebelt – du solltest zur Abwechslung eine Woche Mist schaufeln.«
Der Kritisierte schluckte so hilflos, dass Marja fast Mitleid bekam, während Josif im Bewusstsein seines verbalen Erfolges ein Glas Buttermilch in einem Zug leerte. Doch der Zank hatte die Leute in zwei Lager gespalten, und hilfesuchend schielten sie zu Randolf hinüber – von ihm erwarteten sie einen klärenden Schiedsspruch. Doch das korpulente Dorfgenie kaute seelenruhig an einer honigbeschmierten Brotscheibe weiter, ehe es sich ächzend zurücklehnte und mit griesgrämigen Froschaugen in die Runde blinzelte.
»Wollt ihr mir den Appetit verderben?«, schimpfte er mit dünner Fistelstimme und leckte sich die Honigreste von den wulstigen Lippen. »Damit ihr es wisst: Ich habe verdammt wenig Lust, die Verrücktheiten dieser Säufergurgel zu deuten. Das wäre eine Zumutung für jeden vernünftigen Menschen. Und nun möchte ich endlich in Ruhe frühstücken!«
Marja musterte den Dicken mit spöttischem Lächeln. Randolf verstand es meisterhaft, seine wache Intelligenz mit biederem Aussehen zu tarnen. Er war klein und fett, hatte riesige Nasenlöcher und einen viel zu hohen Blutdruck, dem er sein cholerisches Temperament und permanente Schweißausbrüche verdankte. Zu seinen hervorstechenden Merkmalen gehörten ein stattlicher Bierbauch sowie ein schütterer Haarkranz, der einen runden Schädel mit rosigen Hamsterbacken und ausgeprägtem Doppelkinn säumte – ein viriler Vielfraß, grob und ungehobelt, der am einfachsten mit Bergen delikater Speisen zu besänftigen war.
Unter Protestgemurmel widmeten sich die Leute den Resten ihrer Morgenmahlzeit. Minutenlang herrschte in der Kantine eine höchst ungewöhnliche Stille, dann hoben die Dörfler verwundert die Köpfe. Ein seltsames Geräusch wehte von draußen herein, ein Geräusch, das an ein fernes Gewitter erinnerte – ein schwaches Grollen, fest an der Schwelle zur Wahrnehmung, mehr Ahnung als klares Erleben.
Marja lauschte mit angehaltenem Atem. Das Grummeln wurde deutlicher und stärker, beängstigend rasch schwoll es zu einem rollenden Donner an.
»Der Dämon!«, hauchte sie kreidebleich.
Wie auf ein geheimes Kommando stürzten die Menschen zum Ausgang. Stühle krachten um, und Rasmus wischte mit hektischer Bewegung sein Müsligeschirr vom Tisch. Niemand beachtete die verstreuten Scherben. Jeder wollte als erster ins Freie, jeder schrie, schob und gestikulierte, doch lauter, das Stimmengewirr mühelos übertönend, war das dumpfe Tosen, das aus allen Richtungen widerhallte und die Gläser und Schüsseln klirren ließ.
Marja nahm geistesgegenwärtig den kürzesten Weg. Sie huschte zum nächsten Fenster, riss es auf und kletterte geschmeidig über das Sims. Der brüllende Lärm hüllte sie ein und lastete als schmerzender Druck auf den Trommelfellen. Mit verzerrtem Gesicht schaute sie in den Himmel. Wie ein vorzeitliches Ungeheuer kurvte halbhoch im Südwesten ein schwarzer walzenförmiger Flugkörper über die Steppe, ein offenbar riesenhaftes Gebilde mit stumpfer Kegelnase und sichelförmig geschwungenen Tragflächen, das unterhalb der Regenwolken eine schlingernde, erdwärts geneigte Kurve beschrieb. Flammende Glutbälle schossen aus dem Heck des Undings, das sich beunruhigend rasch der Erdoberfläche näherte.
Ein Schwall stickig heißer Luft brodelte über Niedernbach hinweg, gefolgt von heftigen Windböen, die einen Blätterwirbel entfachten und zerstörerisch durch die Felder brausten. Dessen ungeachtet verfolgten die Menschen mehr staunend als verängstigt das Schauspiel. Im Tierreich herrschten dagegen panikartige Zustände. Mit eingezogenen Schwänzen flüchteten die Katzen in ihre Schlupfwinkel, und die Wellensittiche erstarrten reihum zu winzigen Salzsäulen. Derweil irrten die Hühner blindlings durch das Dorf, und das Oberhaupt des Federviehs hatte sich rettungslos im Geäst eines Uferstrauchs verheddert.
Hellauf begeistert sprang Eimar von einem Fuß auf den anderen und klatschte jauchzend in die Hände – erstmals erlebte er eine Prophezeiung in natura. Dass das seltsame Objekt erhebliche Triebwerksmängel hatte und geradewegs auf eine Bruchlandung zusteuerte, war für ihn von untergeordneter Bedeutung.
In einem Feuermantel gehüllt trudelte das Raumschiff nach Nordosten, streifte fast die Kuppen einer Hügelkette, schmierte im nächsten Moment über die linke Tragfläche ab und kippte steil nach unten, aus dem Blickfeld der Neugierigen verschwindend. Das Donnern verebbte, dafür hallte für Sekunden ein trockenes Splittergeräusch scharf und schneidend über das Ödland. Dann breitete sich unheimliche Stille aus.
Marja zog den Kopf ein. Sie befürchtete einen berstenden Knall mit einem Trümmerhagel im Gefolge. Nichts dergleichen geschah. Nur eine allmählich dünner werdende Qualmsäule stieg jenseits der Hügel nach oben.
»Wahnsinn!«, wisperte sie entgeistert. »Was war das denn?«
Josif schluckte hilflos.
»Ein Fest für alle Verrückten, würde ich sagen. Rasmus darf sich freuen.« Nachdenklich knetete Randolf seine Knollennase.
»Eine zweifelhafte Freude«, schnaufte er kurzatmig. Sich den Schweiß von der Stirn wischend, blickte er lauernd im Kreis herum, entdeckte in den Gesichtern der Mitmenschen blankes Unverständnis und sagte mürrisch: »Ich glaube, wir haben Besuch von den Sternen.«
»Von den Sternen?«, wiederholte Marja völlig verblüfft. »Wer, um Himmelswillen, sollte uns von dort besuchen?«
»Unsere außerirdische Verwandtschaft, zum Beispiel.«
»Unsere … wer!?«
»Putz dir die Ohren, wenn du schlecht hörst!«, brauste Randolf auf, und seufzend fugte er hinzu: »Ich habe die Geschichte stets für ein Ammenmärchen gehalten. Nun muss ich wohl umdenken – die Aussiedler sind zurückgekehrt.«
Auf diese Mitteilung hin verschlug es den Umstehenden gründlich die Sprache. Kosmische Dimensionen spielten im allgemeinen Bewusstsein eine sehr bescheidene Rolle, und selbst Marjas Fantasie hatte dieses exotische Terrain stets gemieden. Allerdings gab es einen uralten Mythos, gleichsam ein Echo aus ferner Vergangenheit, das immer wieder für Gesprächsstoff sorgte. Besonders zur Regenzeit, wenn Sturmfronten die kurzen Tage verfinsterten und Flugsand in dichten Wolken die Steppe verhüllte, saßen die Niedernbacher um ihre gemauerten Herde und lauschten beim Prasseln des Feuers der legendenhaft ausgeschmückten Erzählung von den wagemutigen Pionieren, die einst mit fliegenden Schiffen in die Tiefen des Weltraums aufgebrochen waren – eine abenteuerlich klingende Saga, die keiner so recht ernst nahm. Nur ein paar romantische Naturen hielten wortgetreu an der mündlichen Tradition fest, grenzenloses Vertrauen in die Fähigkeiten der Ahnen setzend. Einer der eifrigsten Anhänger dieser Glaubensrichtung war Rasmus.
»Es ist ein Traum!«, murmelte er mit leuchtenden Augen und sah Randolf gebannt an. »Und dieses Ding kommt tatsächlich von den Sternen?«
Der Dicke nickte verbiestert.
»Woher sonst, wenn nicht von dort? Aus einer Brühlfelder Hinterhofschmiede gewiss nicht. Offenbar empfinden gewisse Leute plötzlich Heimweh nach der Erde …«
Er zögerte einen Moment und fuhr dann wie im Selbstgespräch fort: »Ich hoffe nur, dass uns nicht etwas völlig Unbekanntes ins Haus flattert.«
»Etwas völlig Unbekanntes?«, wiederholte Rasmus großäugig. »Wie meinst du das?«
»Vergiss es! Die Lage ist schon verworren genug. Außerdem habe ich keine Haare mehr, die sich sträuben könnten.«
»He, ihr Witzbolde!«, unterbrach Marja und stemmte empört ihre Hände in die Hüften. »Wie lange wollt ihr noch als Vogelscheuchen herumstehen? Hinter den Hügeln hat es Bruch gegeben! Wir müssen hinfahren und helfen!«
»Aber Kind!«, entsetzte sich Sara. »Du kannst doch nicht …«
Das »Kind« konnte sehr wohl. Den mütterlichen Protest ignorierend redete Marja ohne Punkt und Komma weiter. Energisch forderte sie die Bereitstellung eines Ochsenfuhrwerks, verlangte nach Windlichtern, Wasserbeuteln und Verbandsmaterial, ernannte Randolf kurzerhand zum Expeditionsleiter, blockte Einwände und Bedenken souverän ab und überließ den organisatorischen Kleinkram großzügig ihrem leidgeprüften Pflegevater.
»… und nimm auf jeden Fall eine Lage Strohmatten mit!«, befahl sie zum Schluss. »Vielleicht müssen wir einige Verletzte durch die Gegend karren.«
»Zerbrich dir bitte nicht meinen Kopf«, sagte Josif genervt und flüchtete vom Schauplatz. Er wusste aus leidvoller Erfahrung, dass Marja das Temperament eines Wirbelsturms besaß und genau wie ein solcher mit Hindernissen kurzen Prozess machte.
Sara sperrte sich gegen diese Einsicht. Sie war klein, mollig und brünett und abgesehen davon, dass sie fast immer nach Zwiebeln und Küchendämpfen roch, eine durchaus ansehnliche Erscheinung. Leider war ihr mütterliches Zuwendungsbedürfnis derart ausgeprägt, dass Marja vor dieser gluckenhaften Fürsorge schließlich die Flucht ergriffen hatte.
»Du bist verrückt!«, klagte die Kantinenwirtin mit weinerlicher Stimme und hob beschwörend die Hände. »Es sind wildfremde Menschen. Wer weiß, was sie hier wollen.«
»Uns besuchen, was sonst?«, konterte Marja. »Wir sollten sie mit einer kräftigen Brotzeit empfangen. Oder ist die Gastfreundschaft in Niedernbach ausgestorben?«
Randolfs rundlicher Körper straffte sich.
»Beruhige dich, Sara. Die Bruchflieger dürften andere Sorgen haben, als hübsche Mädchen zu verfuhren. Josif und ich werden darauf achten, dass deiner Tochter kein Haar gekrümmt wird.«
»Ich begleite euch!«, presste Rasmus hervor. Sein Gesicht glühte vor Eifer Aufregung.
Marja musterte den Verehrer von oben herab.
»Du!? Solltest du heute nicht die Schafe hüten? Dein Betätigungsfeld ist die Südweide.«
Randolf gluckste erheitert.
»Willst du, dass Rasmus trübsinnig wird? Was hast du gegen seine Mithilfe? Die Schafe laufen ihm nicht davon. Außerdem hat das lange Elend mitunter ganz brauchbare Einfälle.«
»Hm«, sagte Marja einsilbig. Mit einiger Verspätung dämmerten ihr die Risiken dieser heiklen Mission, und sie spürte die Angst, die in ihr hochkroch. »Ich habe nichts gegen Rasmus. Vielleicht brauchen wir noch mehr Verstärkung.« Randolf zog drohend die Augenbrauen zusammen.
»Was soll das werden? Ein Massenaufmarsch, womöglich mit einem Haufen plärrender Kinder?«
»Aber …«
»Aber was? Wem nützt es, wenn halb Niedernbach zur Absturzstelle pilgert? Wir sind zu viert, das reicht. Das ist kein Volksfest, sondern ein ernsthaftes Unternehmen. Und damit du auf keine dummen Gedanken kommst: Dein Kater bleibt hier!«
*
Gemächlich holperte der von zwei Ochsen gezogene Pritschenwagen einen von Olivenbäumen gesäumten Feldrain entlang. Beiderseits des gewundenen Pfades lag nässeglitzerndes Ackerland, auf dem Dinkel, Hirse und Mais wuchsen. Zwischen den Pflanzungen schimmerten Pfützen, und in Bodenmulden und Flurgräben stand kniehoch das Wasser. Doch die Großwetterlage zeigte eine deutliche Tendenz zur Aufheiterung, und eine kräftige Höhenströmung schob auf breiter Front die Wolkenreste zusammen.
»Beim ersten Sonnenstrahl dampft die ganze Gegend«, sagte Josif missmutig. »Die reinste Waschküche.«
Wie hingegossen thronte er auf dem Kutschbock, die Zügel locker um das Handgelenk geschlungen. Marja saß mit aufreizend gerafftem Kittel daneben und ließ sich den warmen Südwind um die Nase wehen. Als fleischgewordenes Phlegma lag Randolf inmitten eines Bergs von landwirtschaftlichem Gerümpel gut gepolstert auf einigen Strohmatten, in schläfriger Ruhe die schaukelnde Fahrt erduldend. Abgesondert von den anderen hockte Rasmus am hinteren Ende der Ladepritsche, hellwach jene Stelle musternd, wo das Raumschiff hinter die Kuppen getaucht war. Der dunkle Qualm hatte sich verflüchtigt, und nichts deutete mehr auf das ungewöhnliche Ereignis hin.
Gleichmütig trotteten die Zugochsen in die offene Steppe hinaus. Die rissige Erde hatte den Regen begierig geschluckt, und die eisenbeschlagenen Speichenräder des Fuhrwerks sanken kaum in die dünne Humusschicht ein. Ohne Umwege steuerte Josif die drei Kilometer entfernte Hügelkette an, wobei er der übrigen Landschaft wenig Beachtung schenkte. Allein Marja genoss den heimlichen Zauber der Heide, die sich, einen Hauch kalter Endlosigkeit verströmend, wie ein struppiger Teppich zum Horizont dehnte. Weite Grasflächen wechselten mit Pinien und Zypressenhainen, dazwischen brach ausgewaschenes Karstgestein hervor, und an den Lee-Seiten mancher Wiesenbuckel waren Sanddünen entstanden, im Laufe der Zeit gehärtet und verkrustet, von Disteln und fleischigen Agavenstauden bewachsen. Darüber schwebte schwer und süß der Duft von Salbei, und allgegenwärtig, das Land wie ein Spinnennetz einwebend, war die Macchia, ein immergrünes Strauchdickicht, das mitunter zu kargen Buschgruppen verkümmerte, meist aber eine Mauer dicht verflochtener Ranken bildete. Aus allen Richtungen tönte der monotone Gesang der Zikaden, und Scharen von Wellensittichen wirbelten als flirrende Wolken von ihren Futterplätzen hoch. Marja jedenfalls fand ihre Heimat sehr schön und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand anderer Meinung war.
»Randolf«, sagte sie grübelnd und drehte den Kopf ein Stück nach hinten, »kannst du mir erklären, warum unsere Vorfahren die Erde verlassen haben und ins Unbekannte geflogen sind?«
Der Angesprochene öffnete widerwillig die Augen.
»Aus purer Neugierde und beflügelt von der Hoffnung auf fette Gewinne.«
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß es nicht, aber ich kenne die Menschen.«
Marja nickte nachdenklich und spann eifrig ihren Faden weiter.
»Warum sind die Auswanderer nicht früher erschienen?«
»Dafür gibt’s sicher triftige Gründe.«
Sie zuckte angesichts dieser wenig erhellenden Auskunft enttäuscht die Achseln und versuchte das Rätsel im Alleingang zu lösen. Das Vorhaben musste zwangsläufig scheitern, da ihrem Geschichtsbewusstsein ein entscheidender Faktor fehlte: die Zeit. Schuld an der Misere waren die Mobys, die die labyrinthisch verflochtene Fülle der irdischen Vergangenheit auf einer Ebene zusammenpressten, fein säuberlich in den Spektren des Lebens geordnet – eine unendliche Reihe säuberlich bewahrter Informationen, jedoch fast eindimensional, ohne Tiefe, ohne Verknüpfung. Natürlich fehlte die Zeit nicht ganz: Es gab sie in allen Gedanken, in jeder längst verwehten Empfindung, in zahllosen Geburten und Toden, aber nicht im eigentlichen und ursprünglichen Sinn als Gewebe von Ursache und Wirkung. Was einst fließende Entwicklung und verästelte Evolution gewesen war, präsentierte sich in den Träumen der Mobys als gleichförmige Folge von Abziehbildern. Marja wusste nicht, dass zwischen ihrer Gegenwart und der Zivilisationsepoche ein Abgrund von fünf Jahrtausenden klaffte, und wenn sie es gewusst hätte, wäre sie höchst verwirrt gewesen. Die mündlich tradierte Dorfhistorie von Niedernbach reichte nur wenige Generationen zurück, und was darüber hinausging, hatte eindeutig mythischen Charakter. Marja ließ sich von diesem Umstand nicht stören und entwickelte munter ihre eigenen Hypothesen.
»Vielleicht haben die Sternenflieger den Weg zur Erde nicht gefunden. Könnte doch sein, oder?«
Randolf schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht und gurgelte etwas Rachsüchtiges.
»Marja, du nervst mich!«
»Du mich erst! Liegt da wie ein ranziger Weichkäse und lässt sich jedes Wort aus der Nase ziehen.«
Randolf fuhr gereizt hoch, besann sich aber anders und sank resignierend ins Stroh zurück.
»Falls du mich mit blödsinnigen Fragen ärgern willst: Spar’ dir das für die Außerirdischen auf. Die sind gescheiter als ich.«
»Das hat ihnen nicht viel genützt«, brach Josif sein mürrisches Schweigen. Mit einer fast triumphierend wirkenden Geste wies er nach vorne. »Was sagt ihr dazu?«
Die Umgebung bot das vertraute Bild: Einige Krähen flogen mit rudernden Flügelschlägen durch die diesige Luft, und linker Hand reckte eine zwergenhafte Pinie ihr dürres Geäst zum Himmel – gleichsam die Vorhut der Macchia, die sich dicht dahinter zu einer mächtigen Pflanzeninsel ballte. Und von dort, aus westlicher Richtung, kam eine sonderbare Fährte, die, jäh nach Norden schwenkend, geradlinig die Hügelfront hinaufstrebte: der breite Abdruck eines tonnenschweren Körpers, der das Steppengras wie eine Walze geplättet hatte.
Randolf rappelte sich auf und spähte über die Ladekante.
»Ein Moby!«, sagte er tonlos. »Er hat Todesschwingungen empfangen.«
Marja schluckte.
»Die Spur fuhrt zur Absturzstelle …«
Sie verstummte, von trostlosen Gefühlen überwältigt.
Einige Minuten später erreichte der Wagen den Fuß der Hügelkette. Knirschend gruben sich seine Räder in den sandigen Boden, und die holpernde Fahrt stockte.
»Los, runter mit euch!«, schrie Josif. »Beeilung!«
Er sprang mit einem Satz vom Bock und lenkte das Gespann vom Stirnjoch. Ohne Zögern folgte die Reisegesellschaft seinem Beispiel, bereit, sich in die Speichen zu stemmen, falls die Kraft der Zugtiere erlahmte. Doch unverdrossen stapfte das Ochsenpaar vorwärts, alsbald jene Zone erreichend, wo die Strahltriebwerke des niedertorkelnden Raumschiffs die Vegetation eingeäschert hatten – eine brandig riechende Fläche, bis auf die bizarr verformten Strünke einiger Disteln völlig leer und verkohlt. Bei jedem Schritt wirbelte rußiger Staub hoch, der die Kleidung verdreckte und in die Atemwege drang.
Hustend erklommen die vier Niedernbacher die von Regenrinnen durchfurchte Kuppe, offenen Mundes die Flurschäden auf der anderen Seite bestaunend. Der massige Flugkörper war mit verhängnisvollem Schwung in die Nordflanke des Höhenzugs gedonnert, auf einer Strecke von siebenhundert Metern hatte er den Hang zerpflügt, einen Geröllhagel entfacht und hektarweise das Buschwerk abgemäht. Die Wucht des Aufpralls hatte sämtliche acht Landebeine aus ihren Verankerungen gesprengt und das Schiff zu einer polternden Rutschfahrt gezwungen – unzählige Schrammen und Dellen, ein klaffender Riss in Bugnähe sowie die geborstene Backbord-Tragfläche waren sichtbare Folgen der Havarie.
Am Talgrund hatte sich die hundert Meter lange Walze quer gestellt und ihre Nase nach Osten gedreht. Aus dem heckumspannenden Düsenkranz flockten feine, nahezu farblose Rauchkringel, und mittschiffs deuteten blasenartige Verwerfungen auf eine enorme Hitzeentwicklung hin.
Langsam schlingerte der Ochsenkarren neben dem trümmerübersäten Bremsweg bergab. Seit dem Aufbruch der Rettungsexpedition waren mehr als eineinhalb Stunden vergangen, und Josifs Wetterprognose erwies sich als Volltreffer: Hinter den zerfließenden Wolkenschleiern flammte die Augustsonne, die das regennasse Land rasch trocknete. Wasserdampf trübte die Sicht, und das Braun-grün der Wiesenmatten wirkte im Dunst fahl und verschwommen.
Randolf litt am meisten unter der Schwüle. Mit der Grazie eines Mehlsacks keuchte er hinter dem Karren her, was seine Redelust keineswegs dämpfte.
»Marja … warte!«, schnaufte er rotgesichtig und beschleunigte seinen Watschelschritt.
Sie musterte den Hitzegeschädigten mit flauem Interesse.
»Hm?«
»Ein solches Dampfbad ist unmenschlich«, murrte Randolf und lüftete den Rundkragen seines zerknautschten Kasacks. »Irgendwann trifft mich noch der Schlag.«
Marja bedachte den Dicken mit einem kritischen Blick.
»Du solltest wirklich abnehmen … ein halber Zentner weniger wäre das mindeste.«
Ein halber Zentner!
