Der Weg der Erde - Reinhard Köhrer - E-Book

Der Weg der Erde E-Book

Reinhard Köhrer

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Innerhalb von mehreren Milliarden Jahren hatte sich das Leben auf der Erde stetig gewandelt: Eiszeiten wechselten mit Wüstenbildungen; Meteoriteneinschläge und andere schwere Katastrophen sowie völlige Zerstörung der Umwelt durch ihre Bewohner änderten die Lebensformen: Entstehung und Aussterben neuer, mehr oder minder intelligenter Arten, die sich an die jeweiligen natürlichen Gegebenheiten anzupassen wussten … die Erde überlebte das alles.
Die Vögel hatten inzwischen den Luftraum verlassen, kehrten zum Bodendasein zurück und erklommen die Stufe zur Intelligenz: die Skrill. Mit ihrer durchschnittlichen Körpergröße von hundertsechzig Zentimetern hatten sie eine Lebenserwartung von achtzig Jahren – sie hatten kaum natürliche Feinde. Beschaulich lebten sie zwischen Hochgebirge und ehemaligem Tiefseeboden vor sich hin, legten Eier, um sich fortzupflanzen, und einen Geschlechterkampf kannten sie nicht.
Ihrer Gemeinschaft standen ein Dorfvorstand und eine Schamanin vor. – Die Geschichte erzählt von Jok, einem jungen Skrill, den man den Träumer nennt; er ist anders als die übrigen Dorfbewohner, ein Außenseiter, der aufgrund seines Geburtsortes unterhalb des Felsens ungewöhnliche Fähigkeiten besitzt …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

Reinhard Köhrer

 

 

 

Weg der Erde

 

 

 

 

 

Science-Fiction

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv 

Cover: © Steve Mayer nach Motiven, 2023 

Korrektorat: Bärenklau Exklusiv 

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

 

Die Handlungen dieser Geschichten sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Prolegomena 

Der Träumer am Fuße des Felsens 

Die Macht in der Tiefe 

Die Rückkehr der Vergangenheit 

10 

11 

12 

Heimwege 

13 

14 

15 

16 

Epilog 

Folgende Titel von Reinhard Köhrer sind ebenfalls erhältlich oder befinden sich in Vorbereitung 

 

Das Buch

 

 

 

Innerhalb von mehreren Milliarden Jahren hatte sich das Leben auf der Erde stetig gewandelt: Eiszeiten wechselten mit Wüstenbildungen; Meteoriteneinschläge und andere schwere Katastrophen sowie völlige Zerstörung der Umwelt durch ihre Bewohner änderten die Lebensformen: Entstehung und Aussterben neuer, mehr oder minder intelligenter Arten, die sich an die jeweiligen natürlichen Gegebenheiten anzupassen wussten … die Erde überlebte das alles.

Die Vögel hatten inzwischen den Luftraum verlassen, kehrten zum Bodendasein zurück und erklommen die Stufe zur Intelligenz: die Skrill. Mit ihrer durchschnittlichen Körpergröße von hundertsechzig Zentimetern hatten sie eine Lebenserwartung von achtzig Jahren – sie hatten kaum natürliche Feinde. Beschaulich lebten sie zwischen Hochgebirge und ehemaligem Tiefseeboden vor sich hin, legten Eier, um sich fortzupflanzen, und einen Geschlechterkampf kannten sie nicht. Ihrer Gemeinschaft standen ein Dorfvorstand und eine Schamanin vor. – Die Geschichte erzählt von Jok, einem jungen Skrill, den man den Träumer nennt; er ist anders als die übrigen Dorfbewohner, ein Außenseiter, der aufgrund seines Geburtsortes unterhalb des Felsens ungewöhnliche Fähigkeiten besitzt …

 

 

***

 

 

 

Für »Miriam«

 

 

 

Weg der Erde

 

 

 

Prolegomena

 

 

DIE ZEIT: Das Alter der Erde beläuft sich auf fünf, das des Universums auf achtzehn bis zwanzig Milliarden Jahre. Die vorliegende Geschichte spielt zwei Milliarden Jahre in der Zukunft.

 

DIE ERDE: Es dauerte etwas mehr als eine Million Jahre, ehe die quartäre Eiszeit – unterbrochen von einigen Interglazialen – ihren Abschluss fand. Danach trat die Erde in ein Stadium großer Wüstenbildungen; dieser Ablauf erinnerte an den Einschnitt zwischen Karbon und Perm im Erdaltertum. In dem Maße, wie die Gletscher und Polkappen abschmolzen, stieg der Meeresspiegel, und die Ozeane überfluteten weite Landgebiete. Dieses Geschehen hatte auf die Kontinentalverschiebungen und Gebirgsbildungen keinen Einfluss. So vergrößerte sich der Atlantik in den nächsten fünfzig Millionen Jahren erheblich, und als Folge jener Bewegung nach Westen, die gegen die pazifische Scholle drückte, wurden die Anden weiter aufgefaltet – einzelne Berge erreichten Höhen über zwölftausend Meter. Zur selben Zeit zerbrach die Landenge von Panama, und schließlich verband eine viele Kilometer breite Meeresstraße den Atlantik mit dem Stillen Ozean.

Die afrikanische Platte hingegen wanderte nach Norden, schob das Mittelmeer zusammen, das zu einem immer kleineren Binnensee wurde, der allmählich verlandete. Der ostafrikanische Grabenbruch hatte sich unterdessen ständig verbreitert; die östlich von ihm gelegenen Landmassen drifteten in Richtung Südasien, während Australien nordwärts trieb und nach sechzig Millionen Jahren mit Neuguinea neben Indochina lag.

So wie die Erdteile einst aus relativ kleinen protokontinentalen Schilden entstanden, die zu größeren Gebilden anwuchsen, ging nun die Tendenz zu einer einzigen zusammenhängenden Landmasse. Immer mehr Blöcke verschmolzen im Laufe von mehreren hundert Millionen Jahren zu einer durchgehenden Landfläche, die infolge tektonischer Erschütterungen nicht immer Bestand hatte, aber nach achthundert Millionen Jahren eine endgültige Einheit bildete. An den Nahtstellen der Verbindungen wurden Gebirge aufgefaltet und abgetragen, Eiszeiten überrollten im 240-Millionen Jahre-Rhythmus den Planeten, niederstürzende Asteroiden verursachten tief greifende Umschichtungen mit stark erhöhtem Vulkanismus.

In der Zeit zwischen ein und zwei Milliarden Jahren später reduzierte sich die durch den Zerfall radioaktiver Elemente erzeugte Energiezufuhr aus dem Erdinneren, ohne dass eine Abkühlung erfolgte, da exotherme Reaktionen wie gravitative Verdichtung von Kern und Mantel diesen Verlust ausglichen. Zusätzlich nahm die Sonneneinstrahlung geringfügig zu; das Zentralgestirn blieb jedoch nach wie vor auf einem stabilen Platz in der Hauptreihe des Hertzsprung-Russell-Diagramms. Gebirgsbildungen und Vulkanismus ließen aufgrund des Fehlens von aufeinanderstoßenden Kontinentalschollen in ihrer Intensität erheblich nach, fanden aber weiterhin statt.

Nach zwei Milliarden Jahren hatte sich die Erdrotation durch die Bremswirkung der Gezeiten auf rund 32 Stunden verlangsamt, die Ozeane blieben vorhanden, und die Atmosphäre besaß auf Meeresniveau eine Dichte wie früher in 2300 Metern Höhe. Somit verkörperte die Erde auch in dieser Epoche einen in jeder Hinsicht intakten Planeten.

 

DAS LEBEN: Anfang des 21. Jahrhunderts war es der Menschheit gelungen, nach Ausrottung vieler Tierarten und Verschmutzung großer Teile der Erdoberfläche den Zusammenbruch der eigenen Kultur auszulösen. In Kriegen, Aufständen und Revolutionen – die in der Erhebung von 2037 kulminierten – sank die Zivilisation in Schutt und Asche. Die Begleiterscheinungen und Auslöser: Seuchen, vergiftetes Wasser, Mutationen, Überbevölkerung, Atomunfälle, ungenießbare Nahrung, verdreckte Luft, unfähige Politiker, nur Eigeninteressen verfolgende Wirtschaftsgruppen. Viele Millionen starben bei den Unruhen, weitere Millionen verhungerten oder siechten dahin. Das 21. Jahrhundert bildete im weiteren Verlauf eine permanente Apokalypse; zahllose Kriege – inzwischen eher Stammeskämpfe – dezimierten die Zahl der Menschen beständig. Das kulturelle Erbe geriet zwar nicht in Vergessenheit – doch bestanden Bibliotheken, Mikrofilmdepots und Datenspeicher –, aber eine Beschäftigung damit erübrigte sich vorerst, da Nahrungsbeschaffung und ein Wiederbeginn auf den Grundlagen präindustrieller Gesellschafts- und Wissenschaftsformen vordringlich waren.

Erst ab dem 25. Jahrhundert strebte die Kurve wieder nach oben, und es entstand eine technische Zivilisation, die es weiterbrachte als die vorherige: Im Jahre 2912 erfolgte der erste interstellare Raumflug. Im Laufe der nächsten Dezennien verließen mehr und mehr Menschen die Erde und besiedelten geeignete Himmelskörper in fernen Sonnensystemen. Die irdische Kultur blutete langsam aus; wiederum deutete sich ein Zusammenbruch an. Dieser trat ein – mit endgültiger Wirkung. Um 3400 wurde die verbliebene Erdbevölkerung innerhalb weniger Jahre von einer geheimnisvollen Krankheit dahingerafft. Die Kolonien verhängten über den Planeten eine Quarantäne, die damit zu einer verbotenen Welt wurde, die niemand mehr aufsuchte.

Es dauerte lange, ehe sich die Natur erholte. In den folgenden Jahrtausenden zerfielen die Städte zu Staub, die Meere überschwemmten Agrarflächen und Kulturlandschaften, die Straßennetze verschwanden durch Erosionseinflüsse unter der Erde, Maschinen und Geräte verrotteten, und Giftstoffe im natürlichen Kreislauf lösten sich in ungefährliche Bestandteile auf. Nur der radioaktive Müll in Salzstöcken, Bergen oder auf dem Meeresgrund strahlte noch lange weiter und verursachte gelegentlich biologische Katastrophen, wenn die sicheren Aufbewahrungsstätten im Laufe der Zeit diese Eigenschaft einbüßten.

Die Gletscher des fünften Eiszeitvorstoßes hobelten die letzten Zivilisationsrelikte nieder, und in der Tierwelt entstanden neue, der Kälte angepasste Formen. Als sich in der Folgezeit weite Wüstengebiete ausbreiteten, reagierten Flora und Fauna auch darauf mit entsprechenden Änderungen ihrer Physiologie.

Nach zehn Millionen Jahren waren neben den Delphinen die Fischotter die höchststehenden Wesen in Bezug auf Intelligenz, die Schlangenartigen blieben weiterhin erfolgreich, während die höheren Primaten aus dem biologischen Erscheinungsbild verschwanden. Die Erde erwärmte sich, das Klima wurde feuchter, treibhausähnlicher, und ausgedehnte Dschungelflächen begannen den Erdball zu überwuchern. In manchen Gegenden kam es zu einer Herrschaft der Raubameisen; in den Meeren entwickelten sich aus den drei Bartenwalarten, die den Menschen überlebt hatten, gigantische Tiere, die nach fünfzig Millionen Jahren achtzig Meter Länge aufwiesen. Die Delphine gerieten in eine evolutive Sackgasse und wurden auf wenige Brackwasserformen reduziert. In den Urwäldern gelangten die niederen Primaten auf ein höheres Niveau, doch alle Ansätze zur »Neuschöpfung« des Homo sapiens scheiterten.

Nach 135 Millionen Jahren stürzte ein Asteroid von einigen Kilometern Durchmesser auf die Erde; jahrelang war der Planet in Dampf und Staubwolken gehüllt, viele hochspezialisierte Arten starben aus, andere stießen in die freiwerdenden Lebensräume vor.

Weitere achtzig Millionen Jahre später verursachten die Strahlungsschauer einer nahen Supernova einen neuerlichen Umbruch, in der Pflanzenwelt tendierten fleischfressende Gewächse zum Riesenwuchs und bildeten raffinierte Fallen aus, die sich zum Fangen auch größerer Tiere eigneten.

Nach insgesamt fünfhundert Millionen Jahren fand der Mensch endlich Nachfolger: Eine hochstehende Zivilisation von Amphibienwesen existierte für kurze Zeit, ehe sie wieder zugrunde ging und die Insekten den Erdball eroberten. Jene gründeten differenzierte Staaten, die in gewissem Sinne intelligent geführt wurden, obwohl die einzelnen Individuen vorerst kein nennenswertes Gehirn aufwiesen. Diese Geschöpfe erlangten eine ähnliche Weltherrschaft wie die Saurier im Mesozoikum. Daneben konnten sich die Vögel mit 1300 Arten noch behaupten, während die Säugetiere stagnierten und die Reptilien mit Ausnahme der warmblütigen Formen ausstarben.

Ein zweiter Planetoidenabsturz lenkte die Entwicklung abermals in andere Bahnen. Dennoch blieben die Insekten über viele Jahrmillionen dominierend. Einige Gattungen gingen zur Lungenatmung über, konnten ihre Körper dadurch erheblich vergrößern, und bei einer Gruppe tauchte sogar Intelligenz auf.

Doch der Strudel der Ereignisse verschlang auch diese Geschöpfe. Die Insektenstaaten degenerierten, teilweise erlagen sie dem Konkurrenzdruck, den neue Tierarten ausübten. Symbiotisches Leben nahm vor allem im Pflanzenreich zu und führte zu einer Revolution in der Flora. Unterdessen verließen die Vögel den Luftraum und kehrten zum Bodendasein zurück – auch hier bereitete sich eine große Umwälzung vor. Nach zwei Milliarden Jahren strebte das Leben unvermindert weiter vorwärts, und erneuert erklommen Wesen die Stufe zur Intelligenz …

 

 

 

Der Träumer am Fuße des Felsens

 

Im Frühling Hunderte von Blumen, im Herbst der Mond.

Im Sommer eine kühle Brise und Schneefall im Winter.

Doch wenn nichts den Geist beeinflusst, das ist die beste Zeit.

(Wu-men)

 

 

 

1

 

 

Die Skrill-Mutter befand sich auf dem Heimweg. Sie kehrte vom Sammeln der seltenen, aber schmackhaften kiwiähnlichen Früchte zurück. Zuletzt beschleunigte sie ihre Schritte, da sie fühlte, dass der Zeitpunkt der Eiablage immer näher rückte. Die Tradition schrieb vor, dass das Ei auf dem Brutplatz des Dorfes abgelegt werden musste, einer Sandfläche von einem Viertelhektar Ausdehnung, die sich jenseits der letzten Hütten erstreckte. Zufrieden erkannte die Mutter, dass sie von ihrem Ziel nicht mehr weit entfernt war; schon sah sie – ihr Weg führte leicht bergab – in etwa tausend Metern Entfernung die paar Dutzend Rundhütten ihres Dorfes im Licht der untergehenden Sonne liegen.

Das Gefühl der Heimkehrfreude währte nur wenige Sekunden und schlug dann in Entsetzen um, als sie den Großen Wirbel bemerkte, der, in konzentrierter Unheimlichkeit von rechts auftauchend, sich mit geradezu aufreizender Behäbigkeit zwischen sie und das Dorf stellte. Die Mutter hatte in ihrem Leben den Großen Wirbel vielleicht schon hundertmal gesehen, nichtsdestoweniger hätte sie keine Macht der Welt dazu bewegen können, auch nur einen Meter weiter in Richtung der seltsamen, blau leuchtenden Trichterwolke zu gehen. Zwar war nie beobachtet worden, dass der Große Wirbel etwas zerstört oder auch nur beschädigt hatte, dennoch wirkte das fünfzig Meter hohe Gebilde auf alle Skrill äußerst bedrohlich. Und hatte nicht die Schamanin in ihrer schwer verständlichen Sprechweise gemurmelt, dass das Ding ein Gott sei, ein Vasall der Sonnen macht?

Krampfartige Schmerzen im Unterleib ließen die Mutter zusammenzucken. In ein paar Minuten würde es so weit sein, noch konnte sie es schaffen, aber …

Der Große Wirbel hatte nie erkennen lassen, dass er bestimmten Wegen oder Routen folgte, jedenfalls war für die Skrill nichts Derartiges ersichtlich. Meistens tauchte der »Gott« zu allen möglichen und unmöglichen Tages- und Nachtzeiten auf, verharrte kurz an manchen Orten, beschleunigte wieder, beschrieb Kreise, bog sich hin und her, kurz: vollführte mitunter die tollsten Kapriolen, die immer vollkommen überraschend kamen. Einmal war er sogar mitten durch das Dorf gewandert, hatte eine Hütte eingeschlossen in sein blaues Feuer (wobei die schockierten Insassen gerade noch entfliehen konnten), aber das Ergebnis überraschte – kein Brand, keine Beschädigung, nicht einmal der kleinste Halm am Grasdach war geknickt worden.

Im Augenblick schien der Wirbel Gefallen an einer rochierenden Bewegung zu finden; auf einer Strecke von zweihundert Metern Länge wanderte er permanent von links nach rechts und umgekehrt. Sein Fuß, das Trichterende, berührte dabei ohne Unterbrechung den Boden, während der lange Stiel, auf dem der elastische Trichter saß, sich elastisch bog, und das Oberteil folgte dieser Bewegung, neigte sich nach unten, verharrte kurz lotrecht und schwankte wieder auf und ab. Das Blau der absolut undurchsichtigen Wolke war nicht einheitlich, sondern vielfältig abgestuft: Die Wirbel-Oberfläche schien in dauernder Bewegung zu sein; ruhige, nachtdunkle Schatten flossen schlierenartig darauf herum, durchsetzt von winzigen Blitzen mit einem schmerzhaft hellen Unterton von Gelb, kleine Pünktchen und Lichtkügelchen flimmerten, hüpften und sprangen durcheinander und machten es schwierig, das Gebilde genau abzugrenzen – der Rand wirkte immer verschwommen.

Die Mutter hielt sich mit einer solch detaillierten Betrachtungsweise aber nicht auf, erbittert fixierte sie den Wirbel, der in hundert Metern Entfernung seine höhnische Bahn zog und partout nicht weichen wollte. Eine Umgehung würde einen enorm großen Bogen erfordert haben … nein, dafür reichte die Zeit nicht mehr aus. Die Mutter seufzte abgrundtief und sah sich in der näheren Umgebung um, während die Spannung in ihrem Leib ständig zunahm. Traditionen sind zwar sehr schön, dachte sie, aber nicht immer praktisch. In diesem Fall sogar ausgesprochen hinderlich. Pah – pfeif auf die Tradition! Sand gibt es überall … 

Der Blick der Frau blieb an einer Felszinne haften, die seitlich von ihr, kaum vierzig Meter entfernt, aufragte; und soweit die Schwangere im rötlichen Abendlicht erkennen konnte, hatte sich am Fuße des Felsens ein kleiner Sandhaufen gebildet, eine Aufschüttung, offensichtlich vom Wind herangetrieben und geformt.

Die Mutter piepste zufrieden: eine ideale Stelle und leicht wiederzufinden. Sie ging mit eiligen Schritten zu der grau-braun gesprenkelten Steinformation und durchwühlte mit flinken Fingern – vier an jeder Hand – den feinkörnigen, beinahe weißen Sand. Ein schöner Platz – geschützt, ruhig gelegen, direkt anheimelnd. Auch der Sand entsprach der benötigten Qualität: locker, wärmeleitend und sauber. Die Frau grub ein dreißig Zentimeter tiefes Loch und wartete in niedergekauerter Haltung. Manchmal stöhnte sie leise, aber ständig beobachtete sie den Großen Wirbel, der weiterhin wie ein Wachtposten seine Linie entlangdefilierte.

Langsam zog die Nacht auf. Wie glühende Nadelspitzen leuchteten die ersten Sterne durch die klare Erdatmosphäre. Unten im Dorf wurden – die Mutter konnte es deutlich erkennen – etliche Lagerfeuer entzündet. Die Skrill hatten keine Angst vor der Dunkelheit, obwohl ihnen als tagaktiven Wesen Helligkeit mehr behagte. So schlug das Herz der Mutter wieder gleichmäßig, der Wirbel flößte ihr, solange er da vorne verweilte, inzwischen keine Furcht mehr ein; und endlich – nach zehn Minuten – lag ein zwölf Zentimeter großes Ei in der Sandmulde.

Stolz betrachtete die junge Frau ihr Werk – es war ihr erstes Ei. Vorsichtig schob sie mit beiden Händen Sand darüber, strich die Oberfläche des Haufens sanft glatt und blickte auf – der Wirbel hatte sich so geräuschlos und plötzlich entfernt, wie er aufgetaucht war. Ein paar Augenblicke lang dachte die Mutter daran, das Ei auszugraben und heimlich auf dem dörflichen Brutfeld zu deponieren, aber sie schüttelte den Gedanken schnell ab. Sollte es da liegen bleiben, wo es jetzt ruhte. Schließlich konnte sie – grässliche Vorstellung! – unterwegs stolpern, oder der Wirbel erschien erneut … nein, lieber nicht!

Trotzdem drückte die Frau ein schlechtes Gewissen, als sie das Dorf erreichte. Als ein Wesen mit konservativer Grundhaltung behagte es ihr gar nicht, dass ihre gewissermaßen sittenwidrige Tat sie ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stellen würde. Es gab auch erwartungsgemäß einen größeren Auflauf, als sich die unkonventionelle Art der Eiablage in Windeseile herumsprach, wobei die Mutter – eine ehrliche Haut – keinen Versuch unternahm, ihr Verhalten in irgendeiner Weise zu beschönigen. Die Befürchtungen erwiesen sich jedoch als unbegründet: Ihr Mann schloss sie dankbar in die Arme, die Schamanin schwieg sich aus, und nur die Damenwelt tuschelte mit Hingabe.

Das letzte Wort besaß natürlich der Anführer (»Bürgermeister« wäre angesichts der sozialen Struktur dieser Wesen die vielleicht geeignetere Bezeichnung). Jener überlegte nicht lange und winkte ab, was Überraschung hervorrief, da der Dorfvorstand in Traditionsfragen als ausgesprochener Pedant verschrien war. Aber in seiner Jugend wäre der Chef im Walde – als er und eine Freundin eben das trieben was man im Wald mitunter so treibt – beinahe vom Wirbel verschluckt worden; das Duo hatte gerade noch auf die Seite rollen können, doch die Luft war sozusagen raus gewesen. Der Mann konnte seither den Wirbel nicht mehr ausstehen, brachte somit für die Ängste der Mutter volles Verständnis auf und erledigte seine Amtshandlung in großer Eile, wohl auch hoffend, dass dadurch die Schatten der Vergangenheit in ihre Verliese zurückkehren würden.

Die Mutter empfand ob der allgemeinen Entwicklung tiefe Befriedigung, und das Dorfleben kehrte wieder in normale Bahnen zurück. Jeden Tag machte sich die Frau – manchmal alleine, dann wieder in Begleitung anderer Mütter und Väter – auf den Weg zur Felsnadel und kontrollierte den Zustand des Sandhaufens. Eine dringende Notwendigkeit zur Überprüfung bestand nicht gerade, denn es gab zwar räuberische Lebensformen, aber keine hatte sich auf die Skrill oder gar auf deren Eier spezialisiert. In erster Linie beruhigte die Mutter auf diese Weise ihr Gewissen, und zweitens konnte sie ihre Neugierde nicht unterdrücken, was für ein besonderes Exemplar da einmal ausschlüpfen würde. Unterbewusst hatte sich bei ihr der Gedanke festgesetzt, dass ein Junges, welches so viel Interesse auf sich lenkte, kein gewöhnlicher Skrill werden konnte, vielleicht sogar ein bedeutender! Das ethologische System dieser Wesen war zwar etwas anders geartet als das der Menschen (eine direkte Eltern-Kind-Beziehung zum Beispiel existierte nicht), wodurch die Frau keine Vorahnung von Kinderliebe, wohl aber einen berechtigten Stolz empfand – immerhin stammte jenes besondere Ei unwiderlegbar von ihr!

Das mit so viel Bedeutung befrachtete Ei lag weiterhin unberührt in seinem Sandbett und wusste von alledem nichts. Die langen Stunden des Sonnenscheins – es herrschte der trockene, fast regenlose Sommer – erwärmte den Erdboden, und die Kühle der Nacht vermochte nicht so weit vorzudringen, um den Keim in seiner Entwicklung aufzuhalten. Und darüber wachte wie ein riesengroßer erhobener Finger der Felsen. Seine Höhe belief sich auf dreizehn Meter, oben verengte er sich zu einer Spitze, während die Grundfläche etwa sechzehn Quadratmeter umfasste. Aus der Ferne betrachtet wirkte das Gebilde ziemlich fragil, trat man aber näher, überraschte die feste, kristallinharte Struktur, die den Eindruck von Dauer und Beständigkeit hervorrief. Der Felsen war der einzige seiner Art und Gestaltung in weitem Umkreis; er ragte in einer leicht abschüssigen flachen Gegend auf, die außer niederen Sträuchern und vielfältig bunten Grasarten nichts besonders Auffälliges bot. Um den Felsen trat die nackte Erde ans Tageslicht, mit kleinen Steinen durchsetzt und von Sandanwehungen teilweise überdeckt. Der Felsen sah in dieser Landschaft einigermaßen deplatziert aus; den Skrill war dieses auch schon aufgefallen, aber sie machten sich darüber keine tieferen Gedanken. Und da das Gebilde unverrückbar zur gewohnten Umwelt gehörte, wurde es mehr ignoriert als neugierig betrachtet. Es konnte damit ja auch nichts Nützliches angestellt werden.

Die Skrill verkörperten einen sehr praktischen Typus; sie lebten in einer harmonischen Welt, ohne in einem Garten Eden zu sein: Nahrung musste mühsam gesucht und angebaut werden, der vom fernen Gebirge kommende Wildbach bedeutete die einzige Trinkwasserquelle, und wenn es auch kaum natürliche Feinde gab, so existierten doch Lebensformen, die nicht zögerten, einen solchen Vogelabkömmling zu verspeisen, wenn dieser so viel Unvorsichtigkeit entwickelte, ihnen in die Fänge zu laufen.

Bezogen auf Alltagsdinge besaßen die Skrill einen recht hohen Intelligenzgrad. Intellektuelle traten recht selten auf (obwohl die anderen deren Erfindungen und Verbesserungen nach einer Zeit des Widerstrebens immer ganz gerne übernahmen), und was die Metaphysik, die Götterwelt und das Leben nach dem Tod betraf, so nannten die Dörfer hauptamtlich bestallte Schamanen oder Zauberer ihr eigen, wobei die Mitteilungen und Auskünfte der Magier die Allgemeinheit jedoch nicht allzu stark beunruhigten.

Der Felsen hingegen bestand nur aus Gestein und kümmerte die Skrill nicht. Was wiederum den Felsen nicht beeindruckte. Der tat nichts und war nur da – an seiner Basis schlummerte das Ei. Das Ei lebte, sein Inhalt reifte heran und organisierte sich um; der Felsen bemerkte es und tat weiterhin nichts. Nur das Sein, das »Da-Sein«, des Gesteinsobelisken strahlte auf das embryonale Wesen ein und formte es. Der Felsen wurde zur Mutter, der Felsen wurde zum Vater – sogar mehr als das. Und das Ei wurde zu einem kleinen Skrill.

Als die Mutter am Morgen des 22. Tages nach der Ablage bei dem Steingebilde ankam, stand auf der Kuppe des Bruthügels ein nasses, verklebtes, einsames und trostlos anzusehendes Baby, das gottserbärmlich schrie.

 

 

 

2

 

 

Jok sprang mit vier anderen Skrill seines Alters im Gras herum; die Kinder hatten sich auf das Spiel »Steine-Weitwerfen« geeinigt und gingen nun dieser Beschäftigung unter unmäßig lauter Geräuschentwicklung nach. Steine fanden sich hier genügend, es gab sie in allen Größen; locker verstreut lagen sie inmitten der blühenden Grasmatten. Die Vegetation wirkte beinahe wie die einer Almwiese: sehr dicht, niedrig und struppig, aber wesentlich farbenprächtiger. Die Gewächse durchliefen alle Schattierungen von Grün und Blau, und Sternblumen, deren extrem kurze Stängel den Eindruck hervorriefen, als ob sie direkt auf dem Boden blühten, durchsetzten das Wiesengelände mit dem hellen Schimmer ihres sanften Rosa.

Jok hielt sich gerne hier auf. Mit seinen fünf Jahren hätte er dieses Empfinden zwar kaum in die richtigen Worte kleiden können, aber er war sich darüber vollkommen im Klaren, dass dieser Platz ihm mehr zusagte als jeder andere, den er kannte (und er wusste wie die Kinder aller Zeiten um die seltsamsten Aufenthaltsorte).

Jetzt war er mit dem Werfen an der Reihe. Mit einer tiefen Konzentration, die er gar nicht wahrnahm, griff Jok nach seinem Stein, fühlte dessen aufgeraute Oberfläche, empfand die Schwere des Brockens und ein vages Machtbewusstsein, als sich seine fein gegliederten Krallenfinger in plötzlicher Anspannung an den Wurfgegenstand drückten, ihn umschlossen und unbewusst erfühlten.

Ein langer, gerader Ast, auf den Boden gelegt, bildete die Linie, von der aus geworfen wurde. Jok trat mit einem schnellen Schritt auf die Markierung zu, holte mit dem linken Arm aus (er warf immer links) und schleuderte den Stein mit aller Kraft, die er aufbieten konnte, in die Luft. Der Junge hatte den richtigen Abflugwinkel gut erwischt; das Geschoss beschrieb eine schön geschwungene Parabel, wobei es sich träge um die Achse drehte. Trotzdem – innerhalb eines Sekundenbruchteils wusste es der Skrill – würde er Mart wieder nicht erreichen oder gar übertreffen können. Mart war ein kompakter Phlegmatiker, auch fünf Jahre alt, etwas langsam, aber sehr stark – der Champion seiner Altersstufe in allen Bereichen, wo es auf reinen Kraftaufwand ankam.

Mit einem satten Plumps landete Joks Stein zwei Meter hinter dem von Mart, fast gleichauf mit Jannas Bestmarke – immerhin, zwei Fingerbreiten weiter vorne. Janna und die beiden anderen Kinder waren Mädchen, und es hätte Jok nichts ausgemacht, vom weiblichen Geschlecht besiegt zu werden.

Obwohl die Skrill in ihrem Verhalten manchmal ziemlich menschenähnliche Merkmale aufwiesen, hatten sich im Laufe ihrer Evolution beträchtliche ethologische Unterschiede zum Homo sapiens herausgebildet, so zum Beispiel die absolute Geschlechtergleichheit, nicht nur im sozialen Rahmen, sondern als fest verankerte Komponente im Psychischen, gewissermaßen als archetypisches Muster. Die Skrill entstammten nicht dem Bereich der Säugetiere, bestimmte Aspekte von Mutter- oder Vaterrollen, ob nun patriarchalischer oder matriarchalischer Ausrichtung, entfielen somit gänzlich. Andererseits hatte dies nichts mit Sympathie oder deren Gegenteil zu tun. Die Mitglieder einer Skrill-Gemeinschaft handelten in ihren Beziehungen untereinander ganz so wie vor Urzeiten die Menschen; und Jok fand Janna (wie sie ihn) ziemlich unausstehlich, weshalb dem Jungen die paar Zentimeter Vorsprung einige Genugtuung bereiteten. Die beiden anderen Mädchen sahen ihre Niederlage als nicht besonders schmachvoll an, im Gegenteil: Sie freuten sich, bei dem Spiel mittun zu dürfen, waren sie doch knappe sechs Monate jünger als das andere Trio und gehörten daher noch nicht ganz zur Clique der Fünfjährigen.

Janna forderte lautstark einen neuen Wurfdurchgang – ihre Motive lagen klar auf der Hand –, aber Mart wollte vorher, der drängenden Stimme seines Magens nachgebend, eine Essenspause einlegen, und so hopsten die Kinder piepsend und pfeifend auf den Vater zu, der abseits im Gras ruhte und die Morgensonne in vollen Zügen genoss. Am Spiel seiner Schützlinge hatte der Erwachsene kaum Interesse gezeigt, obwohl er fast wehmütig an die Zeiten dachte, vor fünfzehn Jahren und mehr, als auch er auf eben dieser Wiese herumgetollt war. Dennoch war seine ungeteilte Aufmerksamkeit immer vorhanden gewesen, weniger auf den Nachwuchs als auf die Umgebung gerichtet. Der Vater spielte gerne Kindermädchen, es gab wesentlich unangenehmere Aufgaben – so sehr unangenehm allerdings nicht, da im Gesellschaftsgefüge der Skrill eine »rotierende Aufgabenteilung« praktiziert wurde. Spezialistenposten bestanden nur für die Bürgermeister und Schamanenplanstellen.

Der Vater wühlte in einem runden Flechtkorb aus einem strohähnlichen Material und förderte eine Handvoll Früchte zutage, die er gleichmäßig an die Kinder verteilte. Das sonst fast pausenlose Gepiepse der Jung-Skrill verstummte schlagartig; einträchtig saßen sie am Boden und kauten nahezu im Gleichtakt. Der Erwachsene freute sich, dass es allen schmeckte, blickte aber sofort wieder in die Ferne, um jede Gefahr frühzeitig ausmachen zu können. In seinem Rücken lag das Dorf, von dem schwach einige Geräusche herüberdrangen: das Klopfen und Klappern der Holzverarbeiter sowie die dumpfen, lang gezogenen Laute der Galaps, des einzigen Nutzviehs – schweinegroße Säugetiere, die an riesige kurzhaarige Goldhamster erinnerten.

Aus den Körpern dieser Geschöpfe gewann man Leder, Leim, Werkzeuge und Öl; verspeist wurden die Wesen jedoch nicht, sondern nur gemolken. Die vegetarischen Skrill tranken Milch mit Vorliebe, und allgemeinen Beifall fand auch eine Variante des Getränks: Durch Vergärung und zusätzliche Behandlung stellten die Dorfbewohner ihren geliebten Kefir her.

Westlich und nördlich der Ansiedlung befanden sich der Brutplatz, die Plantage mit ihren Fruchtbäumen und – in respektvollem Abstand – der Friedhof. Jener nahm im Vergleich mit den übrigen Arealen die meiste Fläche in Anspruch: Das Dorf gab es schon seit Jahrhunderten, Mehrfachbelegungen eines Grabes hingegen nicht, Feuerbestattung wurde als blasphemisch angesehen, und so konnte der Tag abgewartet werden, an dem der Begräbnisplatz an die Klippe stoßen würde. Niemand von den Skrill wusste, dass ihr Land nichts anderes als das Schelfgebiet eines längst verschwundenen Meeres darstellte; und der Abgrund, welcher zwei Kilometer nördlich des Dorfes begann, bedeutete einst den abrupten Übergang zur Tiefsee. Jetzt erstreckte sich dort eine endlos weite Steppe, die, tausend Meter unterhalb des Dorfniveaus liegend, bis zum Horizont und darüber hinaus reichte. Das Tiefland gehörte nicht zu den Regionen, worauf die Skrill einen Anspruch erhoben; die relativ steile Wand schreckte sie ab, rief die Vorstellung von – womöglich nutzloser – Mühe hervor, die seltsamen riesigen Wesen, die dort unten gelegentlich erspäht werden konnten, luden auch nicht besonders zu Exkursionen ein, und überhaupt: Skrill-Existenz und Abenteurertum schlossen einander gänzlich aus.

Nur der Bach (er bildete die Westgrenze der Ansiedlung, und eine Brücke führte darüber hinweg) stürzte mit Getöse, Gischt und Gestrudel die Klippe hinab, teilte sich unterwegs in mehrere Adern, welche am Fuß des Hanges zusammenflossen, einen kleinen See ergaben, aus dem der Bach wieder hervorperlte und gemächlich als weithin sichtbares glitzerndes Band dem Horizont entgegenströmte. Das Gewässer entsprang dem Gebirge, das als lang geschwungenes Zackenmassiv den gesamten Süden einrahmte. Schroff ragten einige weiße Gipfel empor, während die weniger exponierten in der leicht dunstigen Luft bläulich schimmerten. Auch die Berge reizten die Skrill nicht, und darum war ihnen das Vorhandensein von Schnee und Eis unbekannt, denn hier, im schmalen Gebiet zwischen Hochgebirge und ehemaligem Tiefseeboden – maximal sechzig Kilometer breit –, herrschten selbst im Winter noch annehmbare Witterungsverhältnisse: mäßig warmer Regen, aber kein Schneefall.

Auf diesem Streifen – Wüste, Wald und Steppe in bunter Reihenfolge – lebten die Skrill. In lockerem Abstand tauchten ihre Dörfer auf, manchmal nur durch ein paar Kilometer getrennt, dann in Entfernungen zueinander, die einem vollen Tagesmarsch entsprachen, einmal nahe am Absturz erbaut, sozusagen auf der Klippe balancierend, dann wieder mehr in das Landinnere zurückgesetzt, beinahe im Schatten der ersten Höhenzüge liegend – eine Anordnung, die über Hunderte von Kilometern hinweg völlig unverändert blieb.

War es ein Zufall, dass diese Gegend, in der vor einigen hunderttausend Jahren die Skrill Intelligenz entwickelt hatten, eine gewisse unheimliche Ähnlichkeit mit dem Ostafrika der ausgehenden Tertiärzeit besaß, der Wiege der Menschheit?

Natürlich traten die Unterschiede zu damals deutlich hervor, angefangen bei der Sonne, die ihre Strahlungsstärke (besser: ihren Durchmesser) nur minimal erhöht hatte, aber in Verbindung mit der dünneren Atmosphäre und der Reduzierung der Meere ganz andere klimatische Verhältnisse bewirkte. Hinzu kamen völlig unterschiedliche Tier- und Pflanzenentwicklungen sowie das Aufhören der Kontinentaldrift und das Nachlassen des Vulkanismus – all dies drückte der Umwelt seinen Stempel auf und schuf Kontraste zu früher, ohne die Ähnlichkeit indes verwischen zu können.

Und noch immer stammte alles Leben auf der Erde, die Skrill genauso wie einst der Mensch oder die, die ihm folgten in dem zweifelhaften Anspruch, Krone der Schöpfung zu sein, von ein und demselben Protobionten ab, der vor nunmehr fünf Milliarden Jahren in den blitzedurchzuckten Gewässern des Archaikums entstanden war.

Meere kannten die Skrill nicht, obwohl es sie noch gab: relativ flache Ozeane, jetzt gebändigt und keine beherrschende Gewalt mehr verkörpernd. Die Gefahren dieser Epoche lagen woanders; zum Beispiel in den Stürmen, Zyklonen und Sandhosen, die aufgrund der dünnen Lufthülle und der ausgedehnten Wüstenregionen schnell entstehen und sich raumgreifend entwickeln konnten. Die Erde würde nie so werden wie der Mars, aber sie ähnelte ihm in manchen Punkten inzwischen sehr stark.

Ein Sturm bildete eine der Gefahren, nach denen der Vater Ausschau hielt. Er kannte die Anzeichen: die fahlgelbe Tönung am Horizont, meistens im Norden aufscheinend; in dieser Richtung mussten gewaltige Sandflächen liegen. Ein aus nördlichen Bereichen kommendes Unwetter war furchtbar, wenn auch zum Glück selten. Im Süden wehrte das Gebirge einiges ab, doch ein lokales Gewitter, einige Fußstunden entfernt, vermochte rasch ein paar Tornados aufzubauen, die immer ziemlich plötzlich kamen.

Die Tierwelt musste ebenfalls beachtet werden. Dem Vater war nicht unbehaglich zumute, aber das lag hauptsächlich daran, weil er von manchen Lebensformen, die existierten, gar nichts wusste. Zudem schienen die Skrill das Glück in dieser Beziehung gepachtet zu haben: Ihre Heimat wurde von der Fauna nicht übermäßig stark frequentiert, und gerade die gefährlichsten Geschöpfe kamen in dem ehemaligen Schelfgebiet nicht vor.

Zwei Milliarden Jahre sind eine Menge Zeit, auch für die biologische Evolution. In diesem Abschnitt hatten Flora und Fauna viele Rückschläge erlitten und schwere Katastrophen hinnehmen müssen, ohne dass der Vorwärtsdrang des Lebendigen dadurch gestoppt werden konnte.

Nicht immer hatte die Höherentwicklung Intelligenz zur Folge gehabt, aber auch ohne Bewusstseinsausbildung waren verschiedene pflanzliche und tierische Organismen so umgestaltet worden, dass sie auf einem absolut unbegreiflichen Niveau standen.

Jok liebte die Wiese, das Gras – nur basierte das Gras auf einer Biologie, die mit den Formen früherer Zeiten nichts mehr gemein hatte: ein Unterschied wie zwischen einer altertümlichen Blaualge und einem fleischfressenden Urwaldgewächs. Es trug sehr zum Seelenfrieden der Skrill bei, dass ihnen bergbauliche Tätigkeiten nicht zusagten – in einigen Metern Tiefe ruhte der Ursprung des Blaugrases.

Das Leben wurde immer »gerissener« und organisierter, auch ohne Intelligenz. Dennoch war jene oft genug aufgeflackert, war wieder vergangen, oder blieb bestehen und hatte in solchen Fällen mitunter geistige Dimensionen erlangt, die ins Unfassbare reichten.

Da die Skrill davon nichts ahnten, hielt der Vater Ausschau nach hauptsächlich zwei Feinden: dem Schweber und dem Sanddrachen. Die Furcht vor dem Letzteren entsprang eher einer allgemeinen Psychose, denn wirkliche Gefahr drohte nur vom Lufträuber.

Doch der Vormittag zeigte sich von seiner besten Seite: fast kein Windhauch, das Dorf ruhte, hineingeschmiegt in seine Mulde, zufrieden in sich selbst, einige Bewohner brachen zum Früchtesammeln in den Wald auf oder arbeiteten in der Plantage, andere schöpften Wasser aus dem Bach, die Sonne verstrahlte eine milde Wärme, und keine Wolke trübte den Himmel. Der Vater spürte ein unbestimmbares, wenn auch wohliges Gefühl der Zufriedenheit über den Zustand – alles lebte in Frieden, keine Bedrohung erfolgte, keine Unterbrechung des leisen Zeitflusses fand statt, und die Kleinen saßen da und verzehrten mit Hingabe das Obst.

Der Blick des Mannes blieb für ein paar Sekunden an Jok hängen. Mit einem inneren Lächeln dachte der Skrill an die Aufregung damals vor fünf Jahren: die Sache mit der Eiablage am Felsen, die verwirrte Mutter und das Desinteresse des Bürgermeisters an diesem Fall.

Jok scheint ein ganz normaler Junge zu werden, überlegte der Vater. Vielleicht ein bisschen zu ernsthaft – was soll's? Jeder hat nun mal seine kleinen Eigenheiten. Mart beispielsweise wirkt immer ein bisschen langsam und steif, unter Umständen ein Anwärter auf den Bürgermeisterposten, irgendwann mal, und Janna neigt zum Jähzorn. Trotzdem – an Jok haftet etwas Seltsames, wie ein Schatten, kaum zu bemerken, aber vorhanden ist es – komisch! 

Jok hockte zufrieden im Gras und kaute das Fruchtfleisch seiner vierten Knolle. Das Essen schmeckte ihm herrlich, und da sein ganzer Mund im Saft schwamm, kleckerte er mitunter einige Tropfen auf sein grünes Fell.

Genau genommen entsprach »Fell» nicht ganz den wirklichen Umständen. Vor vielen Millionen Jahren hatten die Vorläufer der Skrill noch ein richtiges Gefieder besessen (es flogen zwar schon damals keine Vögel mehr; die Luft wurde zu dünn, und je dünner sie wurde, umso mehr wuchs der Konkurrenzvorteil der Schweber, bis sie eine Monopolstellung innehatten), im Laufe der Zeit wurde daraus eine sehr dichte und kurze Körperbehaarung, die wie ein echtes Säugetierfell aussah. Nur am Kopf wuchsen einige Federbüschel – lila gefärbt bei den Damen, die Herren trugen ein gelbes Ornament –, die eine Ritualfunktion in Form von Geschlechtssignalen erfüllten. Ansonsten konnten nicht mehr allzu viele Vogelmerkmale ausgemacht werden, auch der Kopf bildete dahingehend keine Ausnahme. Der Schnabel hatte sich vollkommen zurückgebildet und war zu einer lippenlosen Mundöffnung mit Hornschneiden anstelle von Zähnen geworden. Dem haarlosen Gesicht fehlte jede vogelhafte Starre, da eine gut ausgebildete Muskulatur ein reges Mienenspiel gestattete. Die großen, melancholisch wirkenden blauschwarzen Augen saßen in der Mitte des Gesichts, nicht mehr seitwärts versetzt, während eine schmale verhornte Erhebung oberhalb des Mundes die Nase formte. Die Ohren, welche keine externen Ausbildungen aufwiesen, lagen als kleine Höhlungen unter der Kopfbehaarung.

Auch der Körper sah auf den ersten Blick ziemlich anthropomorph aus. Die Vogelgattung, von der die Skrill abstammten, hatte relativ früh, vor etwa zweihundert Millionen Jahren, die alte Befruchtungsmethode aufgegeben und ihre männlichen Vertreter, wie schon im Tertiär bei den Lauf- und Flachbrustvögeln geschehen, mit einem Penis ausgestattet, und beim weiblichen Teil wurden – dies allerdings ein Novum – durch eine völlige Umgestaltung des Urogenitalsystems Kloake und Vagina getrennt. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern war beiden Damen der etwas größere Beckendurchmesser; diese biologische Notwendigkeit wurde im psychischen Bereich als Anreiz und ästhetischer Wert verankert.

Im Übrigen besaßen die Skrill je vier Finger und Zehen an den Extremitäten, erreichten eine durchschnittliche Größe von hundertsechzig Zentimetern und eine Lebenserwartung von achtzig Jahren. Die Natur holte also bei diesen Wesen gewisse Säugetierphysiologien nach, ohne jedoch vollständig die Eigenschaften der Klasse Aves aufzugeben – wobei ein Skrill eigentlich kaum mehr als Vogelartiger typisiert werden konnte: Der Mensch entsprang ja schließlich auch dem Reptilienbereich, ohne dass man ihn deshalb als Krokodil bezeichnet hätte.

Aus dem Ei geschlüpft entfalten die Skrill-Jungen sofort ihre körperlichen Aktivitäten, während sie psychisch dem Nesthockertyp entsprachen. Das bedeutete ein langes Jugendstadium; der Abschluss der Gehirnentwicklung und die Geschlechtsreife erfolgten mit rund vierzehn Jahren. Der Fortpflanzungstrieb bestand dann das ganze Jahr über, und Zweierbeziehungen (Ausnahmen bestätigten allerdings auch hier die Regel) bildeten die normale Form einer Skrill-Ehe. Die Aufzucht der Jungen übernahm die Gemeinschaft. Jedes Wesen, das damit betraut wurde, war von da an Vater oder Mutter, gleichgültig, für welches Kind oder ob man selbst schon Nachkommen in die Welt gesetzt hatte. Sehr oft geriet sogar die rein biologische Zugehörigkeit aus der Erinnerung; auf dem Brutfeld gab es diesbezüglich immer ein wüstes Durcheinander. Die Ablagestellen wurden nur im Hinblick auf ein vergrabenes Ei gekennzeichnet, hingegen verwies kein Vermerk auf die Eltern. Jok bildete da zwangsläufig eine Ausnahme, doch darauf achtete niemand.

Der Vater blickte von Jok wieder hoch und musterte die Umgebung – alles bestens. Die Kleinen hatten sich vollgestopft, und der Korb enthielt nur noch Luft. An Steinewerfen mochte jetzt niemand denken, auch Janna nicht, dazu empfand sie ihr Völlegefühl als entschieden zu ausgeprägt. Die Sattheit überlagerte alle anderen Regungen, machte müde und faul, und so gruppierten sich die fünf um den Vater und lagen platt und bewegungslos auf der Wiese. In diesem Augenblick schoss von Südwesten der Große Wirbel heran. Der Vater hatte das Ding sofort bemerkt, sobald dies für ihn theoretisch möglich war, aber die blaue Wolke schien es heute besonders eilig zu haben. Sie stürmte völlig geräuschlos im Hundert-Kilometer-Tempo über einige Bodenwellen auf die kleine Gruppe zu. Der Mann schrie auf, und in Windeseile erfassten die Kinder die Lage und stoben in alle Himmelsrichtungen auseinander. Erfolgte bislang der Weg des Wirbels ziemlich geradlinig, so bremste er nun abrupt auf Fußgängergeschwindigkeit ab und fiel in eine ausgeprägte Schlängelbewegung, wobei er genau auf den schreckensstarren Vater zuhielt.

Der Skrill sah das unheimliche Gebilde herankommen. Zuckend und mit biegsamer Geschmeidigkeit floss der Stiel des Wirbels auf das entsetzte Wesen zu; hoch oben schwankte der Trichter. Der Wirbelfuß wirkte wie der Saugnapf eines riesigen Lebewesens; amorphplastisch, mit beklemmender Lautlosigkeit, quoll er dem Vater entgegen. Dieser, wie aus einem Traum erwachend, wich zurück, versuchte, dem drei Meter durchmessenden Schlauch zu entkommen, dessen blau flirrende Unbeständigkeit ihn beinahe hypnotisierte.

Der Vater tappte einige Schritte rückwärts, trat auf einen Stein, stolperte, rutschte ab und rollte mit einem gurgelnden Laut ins Gras – direkt neben Marts Bestmarke. In plötzlicher Klarheit wusste der Skrill, dass er über Joks Stein gefallen war; ein heftiger Ärger brandete kurz in ihm auf. Und jetzt strömte der Wirbel wuchtig und geradlinig nach vorne, wogte auf die liegende Gestalt zu, die abwehrend beide Hände ausstreckte, und umstülpte sie mit einer raschen Bewegung.

---ENDE DER LESEPROBE---