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Impressum
Als Jesus vom Kreuze stieg
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 1
Impressum
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ISBN Printausgabe: 978-3-7103-1441-4
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Als Jesus vom Kreuze stieg
Die Kathedrale war an diesem Tage besonders gefüllt. Der dunkle, nur durch einige Seitenfenster und viele, kleine Kerzen erleuchtete Raum war gefüllt bis zum letzten Platz mit alten, fast schon greisen Mönchen, die ihr Leben damit verbracht hatten, den Glauben und dessen Lehren zu studieren. Es war nicht etwa so, dass wir uns, wie nun wohl einige vermuten werden, im 15. oder 16. Jahrhundert in irgendeiner abgelegenen Abtei bewegen, nein, ganz im Gegenteil. Die Kirche St. Benno lag in einem zentral gelegenen Stadtteil Hamburgs, mitten im Zentrum. Und auch die Menschen, die hier in dieser Kirche beteten, waren nicht etwa hauptberuflich Mönch, nein, sie waren Missionare. Sie fühlten sich dazu berufen, den Glauben ihres Herrn, Jesus Christus, in die Welt zu tragen.
Angefangen hatte alles, als die ersten Missionare mit den Auswandererschiffen nach Amerika fuhren, um auch wirklich den „wahren“ Glauben, wie sie es nannten, durchzusetzen.
Heutzutage allerdings hatte sich die Aufgabe der selbsternannten „Missionare“ geändert. Sie waren nicht mehr für Amerika zuständig, nein, da hatten schon lange andere Leute das Steuer in die Hand genommen und hielten die Menschen beim wahren Glauben. Die Menschen, die hier und heute ihrem vor 2005 Jahren gekreuzigten Herrn gedachten, arbeiteten eigentlich mitten im Leben, bei Rauschgiftsüchtigen, bei Prostituierten und anderen Menschen, die niemand in der Gesellschaft haben wollte, oder besser niemand sehen wollte – bis auf diese gläubigen Menschen.
Sie allerdings waren an einem Punkt stehen geblieben, an dem sie an seiner Weisheit und Treue zweifelten. Sie hatten das Bild des gekreuzigten und toten Jesus so oft gesehen und es angebetet, dass sie vergessen hatten, dass auch er einmal bei den Armen und Kranken gewesen ist. Sie hatten vergessen, dass auch er einmal, zu seiner Zeit, zu den Geächteten gegangen war, um ihnen zu helfen. Dass er Aussätzige, Taube, Todkranke geheilt hatte, einfach, indem er für sie da gewesen ist.
Sie hatten all das vergessen.
Die große, schmiedeeiserne Tür, die am anderen Ende der großen Halle den Raum begrenzte, wurde langsam geöffnet.
Es knarrte widerlich, sodass sich jeder im Raum zu dem Störenfried umsah.
Der Schatten, der nun durch die Tür geworfen wurde, war so groß, dass jeder im Raum unwillkürlich für eine Minute den Atem anhielt. Es war, als sei Jesus noch einmal aus seinem Grab auferstanden und wollte nun zu den Menschen sprechen.
Ein kleines Mädchen, knapp 6 Jahre alt, betrat nun den Raum. Sie fühlte sich erst, ob der ungewohnten Blicke, unwohl. Sie wusste nicht, warum nun auf einmal all diese alten, ehrwürdigen Menschen sie anstarrten.
Schon kam ihre Mutter durch die Tür hinter dem kleinen Kind hinterher. Sie war eine ehemalige Drogenabhängige, die durch die Hilfe der Brüder nun clean geworden war und nun eigentlich ihre alten Freunde, wie sie sie nannte, besuchen wollte. Die Brüder des Ordens waren zuerst sehr aufgebracht ob dieser Störung, doch bald begriffen sie, wer dort vor ihnen stand, sodass ihr Zorn sich mehr und mehr in Verwunderung verkehrte. Allerdings konnte es doch nicht sein, dass ein so kleines Kind ihre Abtei schändete, nein, es gab ein Gebot, dass nur die Menschen in die Abtei durften, die auch dem Orden angehörten. Und dieses Kind gehörte nun wirklich nicht in eine so ehrwürdige Kirche wie diese.
Doch dieses Kind kannte dieses Gebot offensichtlich nicht.
Ohne sich mit Weihwasser zu bekreuzigen oder sonst in irgendeiner Weise zu zeigen, dass sie in einer Kirche sei, ging sie erhobenen Hauptes schnurstracks auf den Altar zu.
Die Männer forderten ihre Mutter dazu auf, das Kind doch zurückzuholen, doch bevor noch die Mutter das Kind erreicht hatte, war die Kleine schon dazu übergegangen, auf den Altar zu klettern.
Also für alles gab es ja Grenzen! DAS ging ja nun wirklich nicht! Die Mönche gerieten außer sich vor Zorn über diese Dreistigkeit, wagten es allerdings auch nicht, das Kind vom Altar herunterzuzerren, aus Angst, die wunderschöne Jesusfigur zu zerstören, die über dem Altar prangte.
Doch nun geschah etwas, was alle Mönche ringsumher den Atem anhalten ließ. Die Kleine berührte mit ihren unreinen Händen die Jesusfigur!
Einige Mönche fielen gar aus ihren Schuhen und ließen sich in die Bänke fallen, das war eindeutig zu viel für diese alten Greise, die nichts mehr wirklich vom Leben oder gar von ihrer eigenen Religion verstanden.
Doch damit noch nicht genug.
Jesus hob seinen Kopf, betrachtete das kleine Kind, nahm seine ausgestreckte Hand und ließ sich von dem kleinen Kind langsam vom Kreuz heben.
Die gesamte Kathedrale war totenstill. Niemand wagte zu atmen oder auch nur einen Laut von sich zu geben.
Das Kind, das scheinbar nicht verstand, was es aus Sicht der Mönche getan hatte, lächelte, nahm seinen neuen Freund an der Hand und ging in Richtung des Ausganges.
Der Mann, der da am Kreuz gehangen hatte, veränderte sich, mit jedem Schritt, den er tat.
Zuerst verlor er seine Dornenkrone. Sie war von einem Schritt auf den nächsten weg, einfach fort, als hätte er sie nie besessen.
Dann verheilten seine Wunden, nicht wie man es sich vorstellte, dass sie sich schlossen, sondern es war das gleiche Phänomen, das man bei der Dornenkrone feststellen konnte. Die Wunden waren von einem auf den nächsten Augenblick einfach verschwunden.
Dann verwandelte sich sein Äußeres. Seine Haare schnitten sich scheinbar von selbst, seine lange, ungepflegte Mähne verschwand, kurze, glatte Haare, mit ein wenig Gel in den Haaren, traten an deren Stelle. Der Körper nahm wieder eine Form an, die nicht mehr davon zeugte, welche unmenschlichen Qualen er erdulden musste, sondern er sah aus wie ein Fotomodell, ein gut aussehender, schlanker Mann, der jeder Frau den Kopf verdrehen konnte, wenn er wollte.
Das Kind, vollkommen unerschrocken von dieser Veränderung, ging weiterhin schnurstracks auf den Ausgang zu.
Erst, als beide den Ausgang erreicht hatten, wachten die Mönche aus ihrer Starre auf und versuchten, Jesus zu folgen, doch ehe sie es sich versahen, waren beide schon in der Menge verschwunden und konnten unter keinen Umständen wiedergefunden werden. Vorerst jedenfalls nicht.
Der Vorsteher der Kirche drehte sich nun zu seinen Untergebenen und sprach folgende Worte:
„Dieser Jesus KANN nicht unser Herr sein! DIESER Jesus MUSS der Teufel sein! Das Kind hat einen Dämon heraufbeschworen, der uns alle töten wird! Die sieben Posaunen werden bald erschallen, werden wir es nicht schaffen, diesen Dämon wieder an seinen Platz zu führen und zu bannen! Sucht ihn und findet ihn – oder sei des Todes!“
Bei den letzten Worten umwehte ihn ein solch kalter Hauch, dass keiner der hier anwesenden Mönche, auch nicht die Mutter des Kindes, die sich nur langsam vom Schock erholte, daran gezweifelt hätte, dass er seine Drohung auch ohne die angekündigte Offenbarung wahr machen würde.
In der Menge jedoch verhielt sich Jesus ganz und gar nicht danach, was die Mönche von ihm erwartet hatten, nein, es war vielmehr so, dass Jesus der geblieben war, der er immer gewesen ist, er war nur „moderner“ geworden. Er half immer noch alten Menschen, wieder zu gehen, er heilte Tumore, ohne dass die Geheilten dies überhaupt bemerkten.
Er vollbrachte ein Wunder nach dem anderen, schlichtete einige Streitereien und half, wo er nur konnte. Er tat das, was er schon vor 2005 Jahren getan hatte, doch dieses Mal folgte ihm kaum jemand nach, niemand erkannte, wen sie dort vor sich hatten, und obwohl er sich, auch in Kirchen, offen zu erkennen gab, glaubte ihm niemand.
Beinahe schien es, als sei die Botschaft, die er vermitteln wollte, nie bei den Menschen angekommen, sodass es nun überflüssig wurde, sein Werk zu vollenden.
Schon wollte er wieder heimkehren und das Kind mit sich nehmen, da kam ein Bettler auf ihn zu. Er bat ihn um etwas Geld, worauf das Kind neben Jesus erwartungsvoll den Kopf zu ihrem Heiland hob, in der Hoffnung, er würde wieder ein Wunder vollbringen. Doch Jesus war voll und ganz damit beschäftigt, über die Welt nachzusinnen, in die ihn sein Herrgott nun schon zum zweiten Mal geschickt hatte, und war gerade an dem Punkt angelangt, an dem er schon aufgeben und seinem Vater die traurige Botschaft bringen wollte, die Menschen seien zu schlecht, als dass man ihnen noch weiter helfen könnte, da nahm das kleine Mädchen, das ihn so tollkühn vom Kreuz geholt hatte, ein wenig Geld aus der Tasche, nahm den Mann sowie Jesus bei der Hand und ging mit beiden in ein Café, nicht weit von der Stelle entfernt, an der die Kirche stand, von der Jesus gekommen war.
Sie setzten sich ans Fenster und sahen hinaus. Es war heute einiges auf den Straßen los. So war es kaum verwunderlich, dass sie drei Ehepaare, zwei Frischverliebte sowie eine ganze Heerschar von Gläubigen erkannten, die zur Kirche hinpilgerten.
Jesus sah zur Kirche hin und erkannte, was das kleine Mädchen ihm hatte zeigen wollen:
Er musste nicht erst auf die Erde kommen und Wunder vollbringen, um die Menschen zu guten Menschen zu machen, sie taten dies allein, denn sie selbst waren das Wunder, sie selbst vollbrachten tagtäglich neue Wunder, indem sie sich liebten, indem sie füreinander da waren und indem sie einander Trost spenden. Sein Platz war nicht hier, sondern an dem Ort, an dem sie sich alle versammelten, um zusammen zu ihm aufzublicken, dort, an dem Kreuz, an dem er für sie alle da war, ob alt, ob jung, ob friedlich, ob verfeindet, ob böse, ob gut, er war für alle da und sollte auch weiterhin der bleiben, der er war: das Vorbild aller Gläubigen.
Kapitel 1
Eigentlich begann alles an einem ganz normalen Tag im August.
Ich lebte nun schon seit sehr langer Zeit allein und langsam war es an der Zeit, etwas mit meinen Freunden zu machen – den wenigen, die ich hatte.
Oh, Entschuldigung, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.
Mein Name ist Robert Gaven, und ich lebe seit einigen Jahren in einer kleinen 3-Zimmer-Wohnung in Berlin.
Ich arbeite in einer kleinen Agentur, die sich mit der Vermittlung von „einsamen Herzen“, also der Vermittlung von Singles, beschäftigt. Eine sehr anstrengende Arbeit, gerade auch, weil ich selbst diese Dienste nun schon selbst dringend bräuchte – meine Freundin hatte sich vor einigen Monaten von mir getrennt. Weil ich angeblich mit einer anderen Frau rumgemacht hätte – wenn es mal so gewesen wäre!
Na ja, und danach hatten mich meine „Freunde“ dazu überredet, ein Wochenende mal auf „Frauenjagd“ zu gehen, wie sie es nannten, und einfach mal in eine andere Stadt zu fahren und einmal auszuspannen – natürlich in irgendwelchen Cafés, die nach ihnen nur so von alleingelassenen Frauen wimmelten.
Es war allerdings alles nur ein einziger Reinfall – das Hotel, in dem ich wohnen sollte, war schon lange pleite und die Cafés, in die ich gehen sollte, waren zu dieser Zeit erst ab 8:00 Uhr abends geöffnet oder sie waren schon geschlossen – der Sommer war in diesem Zimmer ziemlich kurz und dieser August war verregnet, kalt und ich saß zu dieser Zeit alleine vor einer alten Kirche auf meinen Koffern und überlegte, was ich denn nun tun sollte.
„Aber bei so einem schlechten Wetter dürfen Sie doch nicht so alleine hier draußen sitzen! Sie erkälten sich doch!“
Als ich aufblickte, um zu sehen, wer sich denn so um mich sorgte, erwartete ich, den Priester dieser Kirche oder eine alte Dame zu sehen, die sich in einer Anwandlung von Nächstenliebe um ihren Mitmenschen sorgten, doch was ich sah, war das genaue Gegenteil.
Die Frau, die mich angesprochen hatte, war alles andere als eine alte, runzelige Frau, sondern eine Schönheit, die ich höchstens auf 18 oder 19 schätzte. Sie musterte mich zärtlich aus ihren braunen, warmen Augen. Ein Blick, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte – es waren nicht nur diese braunen, warmen Augen, es war alles an ihr, das mich vom ersten Moment an bezauberte: Es waren die langen, schwarzen Haare, die ihr bis auf die Schultern hinabfielen. Es war das wunderschöne Gesicht, das sie so makellos aussehen ließ. Doch etwas war in ihren Augen – aus ihnen sprach eine Weisheit, die dort nicht hätte sein sollen – es war, als ob, ja, als ob ich in die Augen einer hundert Jahre alten Frau blickte – in die Augen eines Menschen, der schon viel miterlebt hat …
„Nun, möchten Sie hier weiter herumsitzen, oder suchen Sie einen Platz, an dem Sie sich aufwärmen können? – Sie sehen aus, als wären Sie den ganzen Tag unterwegs gewesen!“
Diese Offenheit und diese gute Beobachtungsgabe überraschten mich, sodass ich zuerst nur ein einfaches „JA“ als Antwort herausbrachte.
Diese Frau war gefährlich – das spürte ich irgendwie, aber gerade das war es, was mich so an ihr reizte, ich durfte sie nicht mehr aus den Augen lassen – niemals durfte ich diese Frau verlieren.
„Na, meine Mutter hat eine kleine Pension unten am Schloss – wenn Sie möchten, wir haben noch einige Zimmer frei! Kommen Sie doch einfach mit – ich wollte sowieso gerade nach Hause!“
Schon hatte sie meine zwei Koffer genommen, sie sich über die Schulter geworfen und war losgegangen. Diese Frau überraschte mich immer mehr!
Kapitel 2
Wir waren durch ganz Potsdam gewandert, um zu ihrer Pension zu kommen. Es hatte mittlerweile aufgehört zu regnen und ich begann mich immer mehr zu fragen, warum sie denn einen wildfremden Mann, der allein vor einer Kirche sitzt, zu ihrer Mutter in die Pension bringt. Aber es war ja auch egal, Hauptsache war, dass ich erst einmal ein Quartier bekam und mich waschen konnte.
Die Pension war mir bei meinem ersten Gang durch Potsdam überhaupt nicht aufgefallen – obwohl sie doch nur 10 Minuten vom Schloss entfernt lag. Es war eine sehr große und schöne Pension – schon von außen sah man den verhaltenen Luxus, den die Pension ausstrahlte.
Es war in einem sehr alten Gebäude untergebracht, das wohl einmal einem Bediensteten des Schlosses gehört hatte – es war ein alter, weißer Backsteinbau im Stil des Barock errichtet, mit einigen Ornamenten verziert, die Fenster von Säulen eingerahmt. Die übergroßen Eingangstüren glichen großen Toren, durch die man nicht nur in ein anderes Haus, sondern auch in eine andere Welt eintrat – doch dieser Gedanke war ja Schwachsinn, dachte ich damals noch.
In den oberen Ecken der Tore waren zwei Wasserspeier auf kleinen Vorsprüngen aufgebaut, die mit ihren hässlichen Fratzen grinsend auf die Besucher sahen, die in das Haus gingen. Langsam flößte mir allein dieses Haus schon ein mulmiges Gefühl ein …