Als Schisser um die Welt - Jan Kowalsky - E-Book

Als Schisser um die Welt E-Book

Jan Kowalsky

4,5
8,99 €

oder
Beschreibung

Pauschaltourismus, Strandurlaub und Stadtrundfahrten waren gestern – heute gehen wir Bergsteigen im Himalaya oder machen Hundeschlittenrennen in Alaska. Alles ist möglich, kein Ziel unerreichbar! Und doch gibt es Leute, die wollen gar nicht weg. Der Schisser zum Beispiel würde lieber zu Hause bleiben. Das Problem ist nur: Seine Frau liebt Abenteuerreisen. Und er liebt seine Frau. Also verbringt er seine Freizeit notgedrungen überall, nur nicht auf dem geliebten Sofa. Erspart bleibt ihm auf seinen unfreiwilligen Reisen rund um den Globus natürlich nichts: menschenfressende Riesenechsen, Wildwasserrafting mit Zahnverlust, Safari im Schweinsgalopp, auf dem Elefanten durch den Dschungel und dabei immer mit den Nerven zu Fuß. Dies ist die Geschichte von einem, der mitmusste ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 366

Bewertungen
4,5 (58 Bewertungen)
37
12
9
0
0



Das Buch

Wenn ein Freund gepflegter Langeweile auf eine reiselustige Frau trifft, die kein Abenteuer scheut, dann gibt es ein Problem. Weil aber der Schisser seine Sarah über alles liebt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Sofa gegen das Flugzeug einzutauschen und sie auf ihren Reisen rund um die Welt zu begleiten. Egal, ob Safari zu Pferd, eine kulinarische Tour de Force durch Japan, ein Wochenendtrip nach China oder mit Chaos durch Laos, dem Schisser bleibt unterwegs nichts erspart. Und so wird das, was für Sarah die Adventure-Tour ist, für ihn zur Tortur.

Dies ist die Geschichte von einem, der mitmusste.

JAN KOWALSKY

Als Schisser um die Welt

Die Geschichte von einem, der mitmusste

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Diese Erzählung beruht lose auf wahren Begebenheiten. Alle Personen wurden zum Schutze der Privatsphäre verfremdet, und in Anbetracht der Vielzahl der einschüchternden Eindrücke, die der fragile Autor auf seinen Reisen erleiden musste, kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Handlungen, Charaktere und Dialoge seiner Fantasie entsprungen sind.

8. Auflage

Originalausgabe Juli 2015

Copyright © 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Gestaltung des Umschlags und der Umschlagsinnenseiten:UNO Werbeagentur, München,

unter Verwendung von Motiven von Jan Kowalsky

Illustrationen im Innenteil: Jan Kowalsky

Lektorat: Doreen Fröhlich

DF · Herstellung: Str.

ISBN: 978-3-641-13038-1V002

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für meine Frau, die Reisen liebt.

Ich hasse sie.Die Reisen oder meine Frau?Manchmal beide.

»Das Leben ist wie eine Stulle.Nur eine Seite ist süß wie Marmelade, die andere trocken wie Brot.«

Väterlicher Rat

Inhalt

Prolog

I. Das Abenteuer beginntoder: der Anti-Malaria-Schlafanzug

II. Bali oder: der Baron von Biberegg und die Menschenfresser

III. Safari zu Pferd und mit den Nerven zu Fuß oder: eine afrikanische Tragödie

IV. Verlängertes Wochenende in China oder: ein Kurztrip ans andere Ende der Welt

V. Onsen, Oden oder roh, Insel-Ei im Kimonooder: eine kulinarische Tour de Force durch Japan

VI. Neurotisch durch New York oder: die geheimnisvolle PenistascheVII. Ohne Wasser, ohne Strom, ach herrje, wen kratzt das schon?oder: mit viel Chaos durch Laos

VIII. Der verlorene Zahnoder: Europa für Abenteurer

IX. In Sri Lanka geht es bergauf oder: durch den Höllenschlund des Löwenfelsens

X. Das Ende oder: Australiens Fauna, Traum oder Trauma?

Epilog

Danksagung

Prolog

Ich wurde 1976, im »Jahr des Drachen«, geboren. Passender wäre wohl das Jahr davor gewesen. 1975 gilt im chinesischen Kalender als das »Jahr des Hasen«. Denn ich muss zugeben: Ich bin ein Schisser.

Ich wittere Gefahr, wo keine ist, ich bin ein extrem penibler Kontrolleur (Stichwort »Herd aus?«) und Fan der entspannten Wiederholung: gleiches Urlaubsziel, gleicher Italiener, immer Spaghetti carbonara.

Dann traf ich meine Frau Sarah. Sie ist Ärztin und überhaupt kein Fan von wiederkehrenden Handlungsmustern. Denn sie liebt das Neue, das Aufregende, das »Abenteuer«. Sie will herumkommen und was von der Welt sehen. Seit wir uns kennen, lautet daher das Reisemotto: Sie hat Spaß und ich ein Problem.

Dies ist die Geschichte von einem, der mitmusste.

I.

Das Abenteuer beginntoder: der Anti-Malaria-Schlafanzug

Das Handy klingelte und riss mich unsanft aus meinen Träumen. Ich schreckte hoch. Wie ärgerlich, denn ich hatte es mir gerade auf der Couch, meinem Lieblingsplatz in unserer Wohnung, gemütlich gemacht. Widerwillig ging ich ran. Es war Sarah, meine Frau. Zwischen Autohupen und Motorenknattern konnte ich sie kaum verstehen. Offenbar machte sie, wie immer, mehrere Dinge gleichzeitig. Diesmal: Fahrrad fahren und telefonieren.

»Hallo, Sarah?«, rief ich in den Hörer.

»Hallo, Schatz!«, schrie sie gegen den Verkehr an. »Was machst du gerade?« Ohne auf meine Antwort zu warten, fuhr sie fort, und ihre Stimme überschlug sich dabei fast vor Begeisterung: »Ich hab eine Überraschung für dich!«

»So so«, antwortete ich ein bisschen reserviert, denn ich wusste, wenn Sarah das Wort »Überraschung« in den Mund nahm, war Vorsicht geboten. Im Gegensatz zu mir liebte meine Frau es, immer mal wieder etwas Neues auszuprobieren. Man wusste daher nie, wie viel potenzieller Stress sich hinter dem harmlos klingenden Wörtchen »Überraschung« verbarg. Zum Glück konnte sie das nie lange für sich behalten. Auch jetzt nicht.

»Halt dich fest, ich hab die Tickets!«, rief sie.

»Welche Tickets?«, brüllte ich zurück.

»Na, auf die einsame Insel! Du weißt doch, unser Geheimplan: nur wir beide am anderen Ende der Welt!«, hörte ich sie sagen.

Mir wurde sofort flau in der Magengegend. »Wie bitte?«, stotterte ich ins Telefon.

Meinte sie das wirklich ernst? Dunkel erinnerte ich mich an den Abend, von dem sie gerade sprach. Wir hatten viel gelacht, viel getrunken und noch mehr Blödsinn geredet. Den »Klassiker«, die Flucht aus dem Alltag auf eine einsame Insel, hatten wir scheinbar auch nicht ausgelassen. Ernst gemeint war das natürlich nicht gewesen. Offensichtlich hatte Sarah das anders verstanden.

»Na, unser großer Traum! Endlich mal weg von der Zivilisa­tion. Nur wir und das Meer, sonst nichts«, schwärmte Sarah, begleitet allerdings nicht vom Getöse der Wellen, sondern des Verkehrs.

»Halt mal …«, wollte ich antworten, wurde aber sofort unterbrochen.

»Schatz? Bist du noch dran?«, schrie meine Frau in den Hörer. »Ich kann dich so schlecht verstehen.« Die Verkehrsgeräusche nahmen zu und das Verbindungssignal ab.

»Hallo, hallo! Ja, ich bin noch hier. Und genau da würde ich auch ganz gerne bleiben!«, rief ich verzweifelt.

»Du, ich hör dich nicht mehr, ich erzähl dir alles, wenn ich zu Hause bin, ja? Bis gleich. Küsschen!«, sagte sie und legte auf.

Ich saß baff auf der Couch und starrte aufs Handy. Einsame Insel? Geht’s noch?, dachte ich. In meiner Fantasie sah ich mich bereits wie Tom Hanks in Cast Away: abgemagert bis auf die Knochen, nur bekleidet mit einem spärlichen Lendenschurz und im Gesicht ein langer, fusseliger Rauschebart. Dazu in der Hand ein Bambusspeer, an dem ein roher Fisch zuckte.

Nein, danke. Ohne mich, fuhr es mir durch den Kopf. Sollte Sarah doch Tom Hanks fragen. Ich verkroch mich tiefer in die Couch und zog mir die Decke über den Kopf.

Sarah fragte aber nicht Tom Hanks, sondern mich. Wir hatten nun schon eine ganze Weile heftig diskutiert, als sie mir den einen Satz an den Kopf knallte, der mich auf der Stelle außer Gefecht setzte.

»Stell dich nicht so an«, sagte sie, »mein Vater saß sogar schon mal in der Türkei im Gefängnis. Das war übel.« Das war ihre Art, mir zu verstehen zu geben, dass es Schlimmeres auf der Welt gab als die Reise, die uns bald bevorstand. Ich hingegen wusste nicht, was schlimmer war: dieser Satz oder die scheinbar ausweglose Situation, in der ich mich in diesem Moment befand.

Eigentlich waren meine Frau und ich frisch verliebt, frisch verheiratet, und dieser Trip sollte nun unser Glück besiegeln. Eine Reise auf eine einsame Insel klang ja irgendwie auch ganz romantisch, doch je mehr ich darüber nachdachte, desto kältere Füße bekam ich. Denn im Grunde wollte ich gar nicht weg; nicht ans andere Ende der Welt und ins Gefängnis schon gar nicht.

Aber das konnte ich ihr natürlich nicht sagen, denn Fernreisen waren Sarahs größte Leidenschaft. Bereits als Kind hatte ihr Vater vorgelebt, was auch sie regelmäßig in den Bann zog: Freiheit und Abenteuer.

Eben diese Abenteuerlust hatte ihren alten Herrn einst in der Türkei hinter Gitter gebracht. Er hatte dort einen Berg erklommen, dessen Aufstieg lebensgefährlich und deshalb verboten war. Für diesen Mut erntete er bis heute höchsten Respekt von seiner Tochter. Ich hingegen hatte dafür nichts als völlige Verständnislosigkeit übrig. Bergsteigen, Lebensgefahr und schwedische Gardinen fand ich nicht abenteuerlich, sondern ganz einfach lebensmüde.

In diesem trüben Moment des Zweifelns beugte sich Sarah zu mir rüber, sah mir tief in die Augen und flüsterte: »Ich hab’s nicht so gemeint. Die Reise wird wunderbar, vertrau mir.« Trotz ihrer Bestimmtheit, die sie oft an den Tag legte, hatte Sarah auch eine butterweiche, einfühlsame Seite. Ich schmolz dahin. Ich wusste, sie meinte es ernst, und vergaß für einen Moment sogar den Ernst der Lage.

Das sollte sich aber bald wieder ändern, denn unsere Reise rückte unaufhaltsam näher. Bald gab es kein Zurück mehr. Meine Nervosität stieg ins Unermessliche, denn ich war mir inzwischen sicher: Meine erste große Reise sollte zugleich auch meine letzte sein.

Dank einer fundierten Internetrecherche war ich über seltene Krankheiten, sehr seltene Krankheiten und die seltensten Krankheiten sowie deren Vorkommen informiert. Außerdem hatte ich die Verbreitung medizinischer Einrichtungen studiert, um zum gleichen Ergebnis zu kommen: Auch diese waren sehr selten.

Allein das Lesen solch düsterer Auskünfte machte mich krank. Vielleicht starb ich ja bereits vor der Reise an einer Herzattacke? Aber so einfach würde ich wohl nicht davonkommen. Wahrscheinlicher war es, dass ich von der Malaria gezeichnet wochenlang in irgendeiner Holzhütte dahinvegetieren würde. Mit Schweißperlen auf der Stirn würde ich in Sarahs Augen schauen und sagen: »Home is where the Arzt is.«

Neben Malaria und Knochenbrecherfieber machte mich eine Seuche mit dem Namen Japanische Enzephalitis besonders nervös. Es handelt sich dabei um eine unheilbare Nervenkrankheit mit schlechter Prognose, die erst zu neurologischen Ausfällen und dann zum Tod führen konnte. Dass die Krankheit nur in ländlichen Gebieten mit Schweinezucht und Reisanbau und zudem nur zur Regenzeit auftritt (wir hatten weder geplant, aufs Land zu reisen noch zur Regenzeit unterwegs zu sein), überlas ich geflissentlich. Auch das Infektionsrisiko von 1.000.000:1 ignorierte ich, schließlich war ich mir sicher, wen es erwischen würde: mich.

Also beschloss ich, aktiv zu werden und begab mich einige Tage vor Abflug in ein Outdoor-Fachgeschäft. Ich hatte die Hoffnung, dass es mich beruhigen würde, wenn ich mir erst mal die richtige Ausrüstung zulegte. Das genaue Gegenteil war der Fall. In dem Laden kam ich mir vor wie ein Vegetarier auf dem Schlachthof. Ich befand mich im Epizentrum der Reiselust, für mich ein Kabinett des Grauens. Die unterschiedlichsten Reiseutensilien hingen dort wie Folterinstrumente an den Wänden. Sie setzten die schrecklichsten Fantasien in mir frei und führten mir Reise­notfälle vor Augen, auf die ich von alleine gar nicht gekommen wäre: verletzt im Dschungel? Selbsthilfe mit Notkoffer für nur 29 EUR. Kein Wasser? Kein Problem: einfach selber destillieren mit dem Easy-Water-Katalysator (jetzt zum Aktionspreis!). Oder ganz aktuell im Angebot: Signal-Raketen. Damit bleibt keiner im Nirgendwo lange allein.

Panisch und gestresst irrte ich umher. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren, darum beschloss ich, mir Hilfe zu holen. Der Verkäufer, den ich ansprach, war standesgemäß in voller Montur unterwegs. Von Kopf bis Fuß war er in »Funktionskleidung« aus den eigenen Regalen gehüllt, er sah aus wie ein lebendiges Schweizer Messer. Lächerlich, dachte ich, fragte aber dennoch freundlich: »Entschuldigung, wo gibt es denn hier etwas gegen Japanische Enzephalitis?«

Das Schweizer Messer guckte mich irritiert an und sagte: »Japanische Hirnhautentzündung? Wissen Sie, wie selten die ist? Da gewinnen Sie eher zweimal nacheinander im Lotto. Außerdem ist der Impfstoff wahnsinnig teuer und muss per Kühlkette direkt aus Japan importiert werden. Den kriegen Sie, wenn überhaupt, nur im Tropeninstitut. Darf ich fragen, wo die Reise hingehen soll?«

»Bali«, antwortete ich, und das Schweizer Messer brach in schallendes Gelächter aus. Dann sagte es mit arrogantem Unterton: »Bali? Ich bitte Sie, da ist ja selbst Malaria selten!«

Das wusste ich natürlich besser, erwiderte aber nichts, denn ich war auf die Unterstützung des Klappmessers angewiesen. Es fügte hinzu: »Versuchen Sie es mal da drüben bei den Insektensprays. Ein guter Mückenschutz ist das, was Sie brauchen.«

Gesagt, getan. Umgehend fand ich mich vor einem Regal wieder, das mit einer Vielzahl von Sprays, Cremes, Lotionen und vielen weiteren Utensilien für den idealen Mückenschutz prall gefüllt war.

Ich fühlte mich vom Angebot und der entscheidenden Frage, welches das richtige Mittel für mich war, spontan überfordert. Eins hatten alle gemeinsam, jeden Tag musste man erneut sprühen, cremen und einreiben. Alle … bis auf eines. In der untersten Schublade sah ich ihn liegen. Mein Blick wurde magisch von ihm angezogen, und ich wusste sofort, ich musste ihn haben. Gewebt aus leichtem, aber festem Stoff und trotzdem luftig verarbeitet mit kurzen Hosen und kurzen Ärmeln. Ich griff ohne zu zögern zu. Und kaufte an diesem Nachmittag voller Stolz einen Anti-Malaria-Schlafanzug.

Nach meiner Ankunft zu Hause wurde der Schlafanzug von meiner Frau sofort als dümmster Kauf aller Zeiten erkannt. So dumm, dass sie unsere Nachbarn einlud, sich ebenfalls über meinen etwas überstürzten Einkauf auszulassen. Sarah schenkte Wein aus und bot Knabberzeug an, zwischendurch hielten sie den kurzärmeligen Pyjama hoch und schüttelten sich immer wieder vor Lachen. Ich bin mir sicher, selbst die Mücken hätten sich erst totgelacht – und dann den Tod gebracht.

Ich fand das alles gar nicht witzig. Warum war keinem die Gefahr bewusst, auf die wir zusteuerten? Nachdem die Gäste gegangen waren, verkroch ich mich auf meiner Couch und schrieb ihr ein Liebesgedicht:

Ode an die Couch

Oh Couch, du süßer Schatz,du bist und bleibst mein liebster Platz.

Ist die Ferne noch so weit,hier lieg ich in Sicherheit.

Und keiner kriegt mich hinfort an einen fremden, dunklen Ort.

Denn glücklich bin ich doch nur hier,liebe Couch, ganz nah bei dir.

Für einen richtigen Schisser, das wurde mir langsam klar, sind Reisen der größte anzunehmende Ernstfall. Denn im Grunde besteht Unterwegssein nur aus Stress. Angst haben kann man ja im Prinzip vor allem: dem Flug, den Tieren, Krankheiten, fremden Kulturen, fremdem Essen, fremden Menschen.

Das Wetter ist wahlweise zu heiß, zu kalt, zu feucht oder zu trocken. Am besten bleibt man gleich zu Hause. Oder fährt nach Dänemark.

Während Sarah bereits in jungen Jahren das Leben herausgefordert und ihre Pubertät in einer einfachen Hütte in Nicaragua verbracht hatte, war es in meiner Familie jeden Sommer immer schön über die Autobahn nach Norden gegangen. Fünfzehn Jahre der gleiche Ort, das gleiche Hotel. Getreu dem Motto: stresslos, Strand und kurze Strecke.

Warum auch nicht? Die einen suchen nach Ländern und Erfahrungen, die krass und krasser sind. Die anderen fahren in Länder, in denen »Krasser« lediglich der Name einer kulinarischen Eigenheit ist. In Dänemark zum Beispiel nennt man so einen Hotdog ohne Wurst.

Zu denen, die jetzt sagen werden, das Würstchen mache doch erst aus einem belegten Brötchen einen leckeren Hotdog, gehörte leider auch Sarah. Als sie das Stichwort »Dänemark« zum ersten Mal von mir gehört hatte, quittierte sie es mit einem milden Lächeln und legte es gedanklich unter Ablage »R« ab. »R« stand für Rente und bezog sich auf all jene Reiseziele, auf die man immer noch zurückgreifen konnte, wenn man erst einmal alt und grau war.

Statt nach Dänemark sollte es also auf eine Inselgruppe bei Bali in Indonesien gehen. Ich hatte mich bereits über die Anreise informiert, da ich mir sicher war, dass sie nicht ganz unproblematisch verlaufen würde. Und ich sollte recht behalten. Die Gili-Inseln waren mikroskopisch klein und nur recht umständlich zu erreichen: mit dem Flugzeug nach Bali (fünfzehn Stunden Flug plus zwei bis drei Stunden Umsteigezeit), dann mit dem Bus an die Küste (zwei Stunden) und weiter mit einer Fähre, die bis in die Abendstunden gemütlich vor sich hin schippert (noch mal circa sechs Stunden). Zu guter Letzt würden uns kleine Schlauchboote mit Sack und Pack an Land bringen. Nach wohlgemerkt fast dreißig Stunden auf den Beinen. Was für eine Tortur! Ich fühlte mich allein bei dem Gedanken daran alt, schlapp und grau. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, schon jetzt Ablage »R« zu aktivieren?

Leider war mir von vornherein klar, dass diese Idee naiv war. Denn niemals hätte Sarah Bali gegen Dänemark eingetauscht. Und ich würde nichts in der Welt gegen Sarah eintauschen. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mich meinem Schicksal zu fügen.

Nachdem an der Sache nun nichts mehr zu rütteln war, begab ich mich erneut auf die Suche nach dem idealen Malariaschutz. Ich recherchierte ausdauernd im Internet und stieß dabei auf einen interessanten Fakt: Während der Kolonialzeit in Indien war Gin Tonic zum Schutz vor Malaria getrunken worden. Das lag daran, dass das Getränk Chinin enthielt, einen Stoff, der erfolgreich zur Behandlung insbesondere der fiesesten Form, der Malaria tropica, eingesetzt wurde.

Ich war stolz wie Oskar. Endlich hatte ich eine Lösung gefunden, die auch noch schmeckte! Sofort begab ich mich in den Supermarkt, um die nötigen Zutaten zu besorgen. Wieder zu Hause angekommen reihte ich die Gin- und Tonic-Flaschen in der Küche auf und betrachtete meinen ansehnlichen Vorrat. Sarah hatte Nachtdienst und würde erst am Morgen zurückkehren, also beschloss ich, die Grundimmunisierung sofort an mir selbst vorzunehmen. Ich mixte die erste Impfung, garnierte diese mit einer Zitronenscheibe und genoss den Drink.

Im Internet hatte ich gelesen, dass die Menge an Chinin entscheidend war. Ich musste also nachlegen und mixte fröhlich vor mich hin. Im Laufe des Abends stellte sich mein Körper bereits auf Reise-Betriebstemperatur um, und ich fing mächtig an zu schwitzen. Ein weiterer netter Nebeneffekt war, dass mit dem Pegel auch mein Selbstbewusstsein zurückkehrte und ich mich immer mehr auf Sarahs Rückkehr freute. Diesmal würde ich sie mit einem Glas meiner neuen Wundermedizin überraschen. Leider konnte ich die gute Nachricht dann doch nicht persönlich überbringen. Als mich Sarah fand, schlief ich komplett angezogen auf meiner heißgeliebten Couch. Neben mir eine leere Flasche Gin.

Meine Frau war entsetzt und hielt mir eine ordentliche Standpauke für mein Gefasel von einer »Gin-Tonic-Malariaprophylaxe«, obwohl mir der fürchterliche Kater, der sich im Morgengrauen bereits ankündigte, als Strafe gereicht hätte.

Der Gin Tonic flog nicht mit, so viel war sicher.

Ich fühlte mich den ganzen Tag total elend. Jeder normale Mensch hätte das auf den Alkoholexzess zurückgeführt, aber ich vermutete natürlich sofort eine ernsthafte Erkrankung. Schon bei dem bloßen Gedanken daran verschlechterte sich mein Zustand. So konnte ich unmöglich auf die Reise gehen, das musste ich vorher abklären lassen!

Ich suchte meinen Hausarzt Dr. Hansen-Jansen auf, bei dem ich schon seit Jahren Patient war. Am Klingelschild musste ich jedes Mal über den Namen schmunzeln. Weder er noch seine Frau hatten bei der Hochzeit nachgeben wollen und sich daher für diese ungewöhnliche Doppelvariante entschieden. In gewisser Hinsicht teilten der Doktor und ich also ein Schicksal: Wir beide hatten eine willensstarke Frau an unserer Seite. Diese Gemeinsamkeit hatte ihn mir auf Anhieb sympathisch gemacht.

Als Stammgast genoss ich das Privileg einer bevorzugten Behandlung. Möglicherweise war der wahre Grund allerdings, dass die Abklärung meiner ungewöhnlichen Leiden oft nur ein kurzes Gespräch benötigte. Das war auch diesmal der Fall.

»Guten Morgen, junger Mann«, sagte der Doktor.

Erste Lüge, dachte ich, denn jung fühlte ich mich überhaupt nicht mehr. »Mir geht es gar nicht gut«, antwortete ich und erzählte ihm von Magenproblemen, Schweißausbrüchen und gesteigerter Nervosität. »Und morgen soll er losgehen, der große Trip«, beendete ich meine Selbstdiagnose.

Der Doktor kannte mich gut und wusste sofort, dass die Reise der eigentliche Schuh war, der drückte. Er entschied sich, das Spiel mitzuspielen und mich trotzdem zu untersuchen.

»Na, jetzt beruhigen Sie sich mal«, versuchte er mich aufzumuntern, »und strecken Sie bitte die Zunge raus.«

Ich tat wie befohlen. Dumm nur, dass ich mit dem weiten Öffnen meines Mundes den schalen Geruch meiner selbst verordneten »Gin-Tonic-Malariaprophylaxe« in der Praxis freisetzte.

»Meine Güte, kein Wunder, dass Sie sich krank fühlen!«, sagte er und versuchte, mit seiner Hand den unschönen Geruch wegzuwedeln.

»Das ist nur, weil«, stammelte ich los, »der Gin Tonic soll doch gut gegen Malaria sein. Und ich hab doch nichts anderes, weil ich den Anti-Malaria-Schlafanzug zurückbringen musste. Zum Klappmesser geh ich ganz bestimmt nicht noch mal, und morgen geht’s schon los. So helfen Sie mir doch!«, steigerte ich mich rein. Mir war die pure Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

»Gin Tonic, Klappmesser, Anti-Malaria-Schlafanzug? Wovon reden Sie denn eigentlich?«, fragte mich der nun sichtlich erstaunte und bereits leicht überforderte Doktor. Dann fügte er hinzu: »Setzen Sie sich mal hin, schließen Sie die Augen, und atmen Sie ruhig und tief ein und aus.«

Das tat gut. Der Doktor sprach weiter: »Sie sind nicht krank, nur ein bisschen nervös. Das ist vor jeder größeren Reise ganz normal. Ich gebe Ihnen jetzt ein paar Baldriantropfen zur Beruhigung mit.«

Die sonore Stimme von Dr. Hansen-Jansen beruhigte mich bereits, und dankbar nahm ich das Rezept entgegen. »Die Tropfen kann man ja sicherlich auch zu Hause ganz gut gebrauchen, wenn einem die Frau mal wieder auf der Nase herumtanzt«, witzelte ich und zwinkerte dem Doktor verschwörerisch zu. Ich merkte, mir ging es schon viel besser.

Er schaute irritiert. Auch wenn er es nicht zugab, bildete ich mir ein, dass er meine Anspielung ganz genau verstanden hatte. Pantoffelhelden mussten schließlich zusammenhalten! Dr. Doppelname verabschiedete sich hände- und kopfschüttelnd.

Es ging los! Nur noch diese eine Nacht, dann würde der Startschuss für unser großes Abenteuer fallen. Die Sachen waren gepackt, der Anti-Malaria-Schlafanzug zurückgebracht. Die Baldriantropfen hatte ich gut verstaut und mir einige davon auch bereits einverleibt.

Trotzdem war ich darauf eingestellt, in dieser letzten Nacht nicht viel Schlaf abzubekommen. Dafür war ich immer noch viel zu nervös und aufgeregt. Hinzu kam, dass ich am Abend noch einen Artikel über eine Frau gelesen hatte, die am balinesischen Flughafen wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde. Angeblich wurde ihr die Ware vom Zoll ins Gepäck geschmuggelt. Nun saß sie unschuldig im Knast. Das würde mir ohne jeden Zweifel auch passieren.

Ich sah mich schon neben ihr auf der harten Knastbank sitzen. Die kahle Zelle war an Tristesse kaum zu überbieten. Von all dem Dreck wurde mir ganz elend zumute. Auf der Bank gegenüber hockten weitere Häftlinge, brutale Schläger, die mich finster dreinblickend musterten. Auf einmal schaute mir einer direkt in die Augen. Mir wurde schlecht vor Angst. Doch als sein Blick nach unten wanderte, hellte seine Miene sich auf. Erst war ich irritiert, dann sah ich selbst an mir herunter und erkannte, was er so freudig ins Visier genommen hatte: Ich hielt ein Glas Gin Tonic in der Hand.

Ein Glück!, dachte ich, zumindest die Malaria ist unter Kontrolle!

Der Traum riss ab, und ich schlief entgegen meiner Erwartungen tief und fest ein.

Der nächste Morgen verlief hektisch, denn plötzlich überkam mich der Drang, unser Gepäck noch mal aus-, um- und wieder einzupacken. Ich wollte sichergehen, dass auch wirklich alles dabei war. Damit ging ich nicht nur Sarah auf die Nerven, sondern auch mir selbst. Denn diese Aktion klaute mir wertvolle Zeit.

Bei jedem Verlassen der Wohnung hatte ich nämlich ein Ritual etabliert – den Brandschutzkontrollgang. Der durfte natürlich besonders heute keinesfalls fehlen. Meine Kontrollrunde nahm jedes Mal geraume Zeit in Anspruch, immerhin musste mehrfach geprüft werden, ob jeder Stecker gezogen, jedes Fenster geschlossen und vor allem: ob der Herd auch wirklich abgeschaltet war!

Das Heimtückische war, dass sich das unsichere Gefühl, die Wohnung könnte bereits in Flammen stehen, immer erst dann einstellte, wenn ich schon unterwegs war und im Auto, der Bahn oder bereits im Büro saß. Dagegen war mir erst kürzlich etwas eingefallen: Neuerdings fotografierte ich die Herdknöpfe in Aus-Position und die gezogenen Stecker mit meinem Mobiltelefon und speicherte die Bilder im Ordner »Brandschutz« ab.

Einigermaßen beruhigt, die Beweisfotos ordnungsgemäß geknipst, ließ ich mich also in die Taxipolster sinken. Kaum waren wir jedoch um die nächste Ecke gebogen, überkam mich die Angst, ich könnte vielleicht die Wohnungstür offen gelassen haben. Unter dem Vorwand, ich hätte mein Handy auf dem Küchentisch vergessen, konnte ich das Taxi zum Umkehren bewegen. Sarah glaubte mir natürlich kein Wort, aber sie wusste, dass ich sonst keine Ruhe geben würde. Mit hochrotem Kopf kontrollierte ich ein drittes Mal die Wohnungstür und kehrte kleinlaut zum Taxifahrer und meiner Frau zurück.

Das Einchecken am Flughafen lief wider Erwarten problemlos, und schon bald saßen wir im Flugzeug. Als die Türen sich schlossen, schnürte sich auch mein Hals zu. Es ging los. Jetzt gab es kein Zurück mehr – und mich ergriff nun endgültig die Panik.

Der Flieger hob ab. Ich blickte aus dem Fenster und sah, wie sich meine geliebte Sicherheit immer weiter von mir entfernte. Das Lichtermeer der Großstadt wurde kleiner, immer unerreichbarer, und dann durchbrachen wir die Wolkendecke. Die Zivilisation wich vollkommener Dunkelheit. So sah es also aus, das Ende: eine schwarze, dunkle Unendlichkeit, die ins Nichts führte.

Mir stand der Angstschweiß auf der Stirn. Auch meine Hände waren klitschnass. Plötzlich berührte mich etwas Warmes, und ich zuckte erschrocken zusammen. Als ich bemerkte, dass es Sarahs Hand war, die nach meiner griff, atmete ich erleichtert auf. Ich schaute zu ihr hinüber. Sie lächelte mich an und sagte: »Ich freu mich so.«

Es war dieser typische, etwas firme Händedruck, der signalisieren sollte: »Alles wird gut.« Aber gut war hier überhaupt nichts, und das würde sich auch in den nächsten fünfzehn Stunden nicht ändern: Sitzplatz zu eng, Luft zu trocken und wir an Bord eines Fliegers, der an allen Ecken verdächtig knackte und knarrte.

Doch ich gab mir wirklich Mühe. Obwohl mein Gesicht von roten Flecken übersät war und mir die Schweißperlen wie Elefantentränen über die Wangen liefen, versuchte ich die Flucht nach vorn. Sarahs süßes »Ich freu mich so« parierte ich mit einem »Und ich erst, mein Schatz!«.

Meine reiselustige Frau schmiegte sich an mich und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Natürlich wusste sie, wie nervös ich war und wie viel mir diese Reise abverlangte. Es nicht anzusprechen war ihre Art, mir die Blamage zu ersparen und mich ihres Rückhalts zu versichern. Vielleicht war es auch besser so: Denn hätte sie gewusst, wie groß meine Angst wirklich war, wäre sie vermutlich selber in Panik geraten.

Das Anschnallzeichen erlosch. Für mich war das die Aufforderung, einen kleinen Kontrollgang durch den Flieger zu starten. Doch schon das Aufstehen wurde zu einer Herausforderung.

Die Sitzplätze waren nach dem Prinzip »Ergonomie der Enge« so knapp angeordnet, dass normal gewachsene Menschen nur den allernötigsten Platz hatten. Große Menschen – wie ich – demnach überhaupt keinen. Nur unter totaler Verbiegung der Gliedmaßen war eine sitzähnliche Position überhaupt möglich. Ich fühlte mich, als sei ich versehentlich in ein Tetris-Spiel geraten, denn wir Passagiere waren für die nächsten Stunden wie Bauklötze passgenau ineinandergeschoben und platzsparend verstaut worden.

Dieses System sah ein Aufstehen offensichtlich nicht vor. Aber nicht mit mir! Zum großen Missfallen der anderen Tetris-Klötze in meiner Reihe versuchte ich den Vorstoß gen Mittelgang. Dort angekommen folgte ich meiner Nase. Aus dem hinteren Bereich des Flugzeuges drang bereits der Essensgeruch aus der riesigen Stahlbox, die die Küche ersetzte. Ich inspizierte diese mit größter Bewunderung. Ihr Material erinnerte mich stark an Sarahs Utensilien im Krankenhaus, wo alles immer schön sauber und steril war. Doch was musste ich da sehen! Mein prüfender Blick fiel auf ein paar leicht geöffnete Alu-Boxen, die aus dem Stahlcontainer herausragten. Sehr suspekt. Das konnte doch nicht so hygienisch sein wie gedacht. Später würde ich den Verschluss meiner Box genau untersuchen müssen.

Als Nächstes nahm ich die Toiletten in Augenschein. Diese waren so klein und eng konstruiert, dass man Probleme hatte, sich zu bewegen, ohne ständig irgendwo anzustoßen. Trotzdem gelang es mir mit einigem Aufwand, meine bewährte »Toilettensitz-Papierfalttechnik« anzuwenden, um möglichst keimfrei meinem Anliegen nachzugehen. Leider hatte es sich meine Blase inzwischen anders überlegt. Also zog ich unverrichteter Dinge wieder ab und kehrte zu meiner Reihe zurück. Die anderen Tetris-Klötze guckten mich missmutig an. Wie im Computerspiel kam nun der schwerste Teil: Ich musste mich in die offene Lücke einfügen. Nach ein bisschen Geruckel, Geseufze und Gestöhne hatte ich das komplizierte Unterfangen hinter mich gebracht. Endlich saß ich wieder. In diesem Moment signalisierte mir meine Blase unmissverständlich, dass sie doch noch da war.

Wir waren nun schon seit Stunden unterwegs, und ich wartete schicksalsergeben auf meinen Bandscheibenvorfall. Sarah schlummerte seelenruhig neben mir und schien von den Strapazen des Fluges nicht viel mitzubekommen. Ich nutzte den Moment. Bei der Rückgabe des Anti-Malaria-Schlafanzugs hatte ich ein kleines Notizbuch erworben, das ich nun zur Hand nahm. Ich hatte es gekauft, um die Erlebnisse unserer ersten gemeinsamen Fernreise aufzuschreiben und Skizzen dazu anzufertigen. Schließlich sollte die Nachwelt mein Zeuge sein, wenn ich auf dieser Expedition mein jähes Ende fand. Ich hatte bereits den perfekten Namen für meinen neuen treuen Begleiter gefunden und schrieb ihn in großen Lettern auf die Vorderseite. Dann öffnete ich das Büchlein. Das weiße, unberührte Papier machte mir ausnahmsweise mal keine Angst. Na gut, ein bisschen Respekt hatte ich schon. Denn ich wusste, der Anfang war das Schwerste.

Eine erste, einfache Zeichnung sollte meinen Gemütszustand beschreiben:

Ich schloss das Notizbuch. Die Gewissheit, dass ich nun mein Schicksal mit der Welt teilte, beruhigte mich etwas, und ich döste ein. Als der Captain den Landeanflug durchsagte, schreckte ich hoch. Stimmt, da war ja noch was: Bali! Kickstart des Panikmotors. Von null auf hundert in unter drei Sekunden. Neue Bestzeit.

»Das ging jetzt aber doch recht schnell«, hörte ich mich sagen, während der Panikmotor auf volle Touren kam: Herzfrequenz maximal erhöht. Mund trockengelegt, Sonderschicht der Schweißproduktion.

Sarah hingegen öffnete nur langsam und verschlafen die Augen. Sie reckte und streckte sich.

»Zum Glück sind wir endlich da«, sagte sie. »Es ist ja schon spät, und wir müssen noch einen Schlafplatz organisieren …«

Hatte ich mich da eben verhört? »Wie bitte?«, fragte ich fast hysterisch. »Ich dachte, du hast schon etwas für die erste Nacht klargemacht?« Ich spürte, wie der Panikmotor nun so richtig heiß lief.

»Ach, Schatz!«, entgegnete sie, immer noch tiefenentspannt. »Nie hörst du richtig zu. Ich habe dir doch gesagt, dass es praktischer ist, wenn wir direkt vor Ort etwas suchen. Da kommen doch ständig Touristen an, da gibt es Tausende von Unterkünften.«

Ich sah sie entgeistert an, dann fuhr sie fort. »Aber stimmt schon«, sagte sie, »im Dunkeln etwas zu suchen, wäre vielleicht doch ziemlich doof. Hab ich nicht dran gedacht. Müssen wir uns halt beeilen.«

Von den angeblichen tausend Schlafplätzen hätte mir einer gereicht, der bereits gebucht war. Ich wollte keine Auswahl, ich wollte lebend ankommen. Bei dem Gedanken an die bevorstehende Jagd nach einer Unterkunft wurde mir schlecht. Motorschaden. Schluss, aus. Amen. Klappe zu, Affe tot.

Aber bevor ich mir in allen Einzelheiten ausmalen konnte, wie das denn werden würde, so ganz allein in der Nacht ohne Bleibe, den Mücken und Gangstern hilflos ausgeliefert, waren wir auch schon gelandet. Das Licht ging an und das Gedränge los.

Die Devise hieß augenscheinlich: Nach fünfzehn Stunden Flug wollten nun alle binnen fünfzehn Sekunden raus aus dem Flieger. Fortkommen war nur noch im Nanobereich möglich. Auf dem Gang drängten sich dicht an dicht die Tetris-Klötze. Doch es gelang mir, mich dazwischenzuquetschen. Sarah hörte ich laut gähnend dicht hinter mir. Als sie über meinen Platz kletterte, fiel ihr mein Büchlein in die Hände. Ich hatte es wohl versehentlich in der Ablage liegen gelassen. Sie schaute erst das Buch, danach mich an. Dann schüttelte sie den Kopf und steckte es unkommentiert in unser Handgepäck. Dabei sah ich noch einmal deutlich meine Handschrift auf dem Cover. Der Name war Programm. In großen Lettern stand dort:

»LOGBUCHDESTODES«.

II.

Bali oder: der Baron von Biberegg und die Menschenfresser

Heiße, feuchte Luft schlug mir auf dem Rollfeld entgegen. Fast wie zu Hause, wenn Sarah zu lange geduscht hatte. Willkommen auf Bali, dem Badezimmer. In Sekundenschnelle bildeten sich kleine Schweißperlen auf meiner Stirn, und das Hemd klebte mir am Rücken. Luftfeuchtigkeit plus, Lebensfreudigkeit minus, dachte ich, sagte aber nichts, um nicht gleich wieder die Stimmung zu vermiesen.

Besser, ich hielt meine Klappe. Auch als ich wenig später im Eingangsbereich einen Infrarotthermografen erspähte. Sie fragen sich jetzt vielleicht: »Was ist denn bitte ein Infrarotthermograf?« Ich als krankhafter Krankheitsbefürchter wusste natürlich aus dem Internet, dass es sich dabei um ein Gerät zur Messung erhöhter Körpertemperatur handelte. Zum Beispiel um festzustellen, ob jemand an Vogelgrippe erkrankt war. Damals war diese gemeinsam mit SARS ein akutes Problem, mit dem man sich als verantwortungsbewusster Reisender schon mal auseinandergesetzt haben sollte.

Dachte ich zumindest. Aber mit dieser Ansicht war ich anscheinend alleine. Außer mir schien es wie immer keine Sau zu interessieren, welche unsichtbaren Gefahren um einen herum lauerten. Die anderen bemerkten das Gerät nicht einmal, während ich bereits grübelte, ob nicht schon meine ständige Schwitzerei ein untrügliches Indiz für eine Infektion mit was auch immer war. Doch die Flut an Schweißtropfen, die an mir herunterrannen, schien nicht weiter aufzufallen, und ich war unsicher, ob mich das beruhigen oder beunruhigen sollte. Ich atmete erst auf, als man mich durchwinkte. Offenbar war ich kein Fall für die Quarantänestation.

Wir steuerten auf eine Rolltreppe zu, und ich war aufrichtig beeindruckt: Bali war fortschrittlicher, als ich in meinen Horror-szenarien befürchtet hatte. Bewundernd sah ich das Konstrukt an.

»Hallo Träumerli, hast du noch nie ’ne Rolltreppe gesehen, oder was?«, sagte Sarah neckisch, als sie bemerkte, wie ich vor mich hin starrte. Sie zog mich am Ärmel, und wir fuhren hinab.

»Sorry, hab wohl Jetlag«, entgegnete ich etwas peinlich berührt. Durch den Kopf ging mir allerdings: Mensch. Reiß dich zusammen. Dass es auf einem internationalen Flughafen Rolltreppen gibt, ist ja nun wirklich keine Überraschung.

Vor uns fuhren Mutter und Sohn. Die beiden hatte ich bereits im Flieger bemerkt, denn das Kind war mir negativ aufgefallen. Laut, uneinsichtig und rotzfrech hatte es erst seine Mutter und dann das Kabinenpersonal zur Weißglut getrieben. Trotz mehrfacher elterlicher Verwarnung hatte sich der Bengel die Finger an der heißen Alu-Box verbrannt, dann vor Wut das Essen auf den Gang geschmissen und lauthals geschrien. In dem Moment, als er Ruhe gab und vor Erschöpfung einschlief, fing er so laut an zu schnarchen, dass es für die restlichen Fluggäste mit der Nachtruhe vorbei war.