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Drei Freunde, zwei Sommer und eine zweite Chance für die erste Liebe »Der Tag, an dem Simon Brown sich ein Herz fasste« ist eine spritzige, wunderbar britische romantische Komödie um beste Freunde, Rock'n'Roll und eine Fahrradtour in Sachen Liebe. Simon Brown ist seiner ersten großen Liebe Sylvie noch nie begegnet – bis ein Zufall die beiden digital zusammenführt. Diesmal will Simon alles richtig machen und seine Brieffreundin aus Teenager-Tagen endlich treffen. Doch mit 60 ist das Leben komplizierter als mit 16: Simons Tochter plant ihre Hochzeit, sein B&B ist voller anspruchsvoller Gäste, und dann steht auch noch sein theatralischer Jugendfreund Ian vor der Tür, der sich als David-Bowie-Double durchschlägt. Kurz entschlossen nimmt Simon Ian mit auf eine Reise in die Vergangenheit: mit den Fahrrädern von Bristol nach Bordeaux, wie damals als Teenager. Zwar haben sie inzwischen bessere Räder, doch trotz Google Maps ist der Weg nach Frankreich auch heute alles andere als direkt – und führt er wirklich zu Sylvie? Mit viel Herz und britischem Humor erzählt James Bailey eine sommerlich leichte romantische Komödie darüber, dass es für die (große) Liebe nie zu spät ist. Leser*innen von Emily Henry, Graeme Simsion oder Nick Hornby werden mit Simon mitfiebern und ihn ins Herz schließen. Entdecke auch den humorvollen Liebesroman »Du kannst kein Zufall sein« von James Bailey.
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Seitenzahl: 394
Veröffentlichungsjahr: 2024
James Bailey
Roman
Aus dem Englischen von Lene Kubis
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Simon Brown ist seiner ersten großen Liebe Sylvie noch nie begegnet – bis ein Zufall die beiden digital zusammenführt. Diesmal will Simon alles richtig machen und seine Brieffreundin aus Teenager-Tagen endlich treffen.
Doch mit sechzig ist das Leben komplizierter als mit sechzehn: Simons Tochter plant ihre Hochzeit, sein B&B ist voller anspruchsvoller Gäste, und dann steht auch noch sein theatralischer Jugendfreund Ian vor der Tür, der sich als David-Bowie-Double durchschlägt.
Kurz entschlossen nimmt Simon Ian mit auf eine Reise in die Vergangenheit: mit den Fahrrädern von Bristol nach Bordeaux, wie damals als Teenager. Zwar haben sie inzwischen bessere Räder, doch trotz Google Maps ist der Weg nach Frankreich auch heute alles andere als direkt – und führt er wirklich zu Sylvie?
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
11. KAPITEL
12. KAPITEL
13. KAPITEL
14. KAPITEL
15. KAPITEL
16. KAPITEL
17. KAPITEL
18. KAPITEL
19. KAPITEL
20. KAPITEL
21. KAPITEL
Von: Simon
22. KAPITEL
23. KAPITEL
Von: Sylvie
24. KAPITEL
25. KAPITEL
26. KAPITEL
27. KAPITEL
28. KAPITEL
29. KAPITEL
30. KAPITEL
31. KAPITEL
32. KAPITEL
Von: Sylvie
33. KAPITEL
34. KAPITEL
35. KAPITEL
36. KAPITEL
37. KAPITEL
Von: Sylvie
38. KAPITEL
39. KAPITEL
40. KAPITEL
41. KAPITEL
42. KAPITEL
43. KAPITEL
Von: Sylvie
44. KAPITEL
45. KAPITEL
46. KAPITEL
47. KAPITEL
48. KAPITEL
49. KAPITEL
50. KAPITEL
51. KAPITEL
52. KAPITEL
53. KAPITEL
54. KAPITEL
55. KAPITEL
56. KAPITEL
57. KAPITEL
58. KAPITEL
59. KAPITEL
Von: Sylvie
60. KAPITEL
DANKSAGUNG
Manchmal frage ich mich, ob sich alle anstrengenden Gäste heimlich verabreden, um dann gleichzeitig hier zu übernachten.
In unserem kleinen B&B, das in einem verschlafenen Dorf in Dorset liegt – in einem Reiseführer würde es wahrscheinlich eher als »malerisch« bezeichnet werden –, gibt es Wochen, in denen wir keinen einzigen nervigen Gast zu Gesicht kriegen, nur um dann alle auf einen Schlag serviert zu bekommen.
Und ich meine wirklich auf einen Schlag.
Gäste dürfen zwischen fünfzehn und neunzehn Uhr einchecken, aber nein, diese fünf Pärchen haben sich dafür entschieden, unabhängig voneinander alle um Punkt 18 Uhr 55 an der Rezeption aufzutauchen, wobei das letzte Pärchen sich gerade keuchend und schnaufend am Ende der Schlange eingefunden hat.
Das ist garantiert alles Teil des Plans!
Ja, heute ist es mal wieder so weit.
Der Tag begann schon nicht gut. Unsere Köchin Mrs Cook hatte während des Frühstücks einen ihrer üblichen Wutausbrüche. Dabei war ich aufgrund ihres Namens davon ausgegangen, dass der Job perfekt zu ihr passen würde. Aber mittlerweile habe ich den Eindruck, dass sie in Wahrheit gar nicht gerne kocht. Sie habe keine Zeit, sich um die individuellen Ernährungsformen der Gäste zu kümmern, sagt sie. Als sie heute Morgen also ein Ei auf den Teller eines unserer veganen Gäste knallte, musste ich in die Küche flitzen, um selbst eine Alternative zu zaubern.
Und dann tauchte unsere Reinigungskraft Daisy nicht auf. Wieder einmal.
Obwohl man sagen muss, dass das sogar von Vorteil sein kann. Wenn sie putzt, hinterlässt sie die Zimmer manchmal in einem noch unordentlicheren Zustand als die Gäste selbst. Ich habe ihr den Job nur gegeben, weil sie die Tochter von Sue aus der Post ist und Geld verdienen muss, ehe sie auf die Uni geht.
Meine Tochter Anna, mit der ich die Pension betreibe, hat sich das Wochenende freigenommen. Sie heiratet in ein paar Wochen, und sie und ihr Verlobter Ollie sind in die Stadt gefahren, um bei ein paar Blumenhändlern vorbeizuschauen. Da konnte ich sie wirklich nicht um Hilfe bitten.
Sobald ich das Frühstück gerettet und die Zimmer gereinigt hatte – das Pärchen in Zimmer 2 hatte mir netterweise Schlagsahne- und Ölspuren als Andenken hinterlassen –, traf eine Busladung Touristen ein, die ihren Nachmittagstee im Garten trinken wollten und Stein und Bein schworen, reserviert zu haben. Ich hatte nichts aufgeschrieben, also ließ mein Gedächtnis vielleicht langsam nach. Vielleicht haben sie die Buchung auch auf einer dieser modernen Websites gemacht, bei denen Anna uns angemeldet hat. Ich hatte Mrs Cook heute schon nach Hause geschickt, ich musste also alle vierundzwanzig Gäste allein versorgen – und hinterher den Abwasch machen.
Und da stehe ich jetzt und stelle fest, dass ich den ganzen Tag noch keine Gelegenheit hatte, mich hinzusetzen. Kein Wunder, dass ich immer mehr graue Haar bekomme!
»Willkommen im Castle Cottage B&B«, begrüße ich die Gäste seit dreißig Jahren wie im Schlaf mit den gleichen Worten. »Einen Moment bitte, ich checke Sie gleich ein. Hatten Sie eine angenehme Reise?«, sage ich, während ich hektisch versuche, den Computer zu starten und das Buchungssystem hochzufahren. Der PC schnauft und läuft sofort heiß angesichts all der gleichzeitig laufenden Programme, während die alte Mahagoni-Standuhr die Uhrzeit ein paar Minuten zu früh verkündet.
Ich blicke lächelnd auf, aber niemand antwortet. Stattdessen starren mich alle erwartungsvoll an. Niemand wirkt sonderlich glücklich über seinen bevorstehenden Urlaub. Es ist über zehn Jahre her, seit ich das letzte Mal verreist bin, aber ich könnte schwören, dass Urlaub früher mal ein Grund zur Freude war. Oder liege ich da falsch?
»Oh, bitte nicht jetzt«, murmele ich leise, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie einer unserer Stammgäste die Treppe herunterkommt. Mrs Leigh ist wirklich ganz reizend, aber gleichzeitig furchtbar taub. Deswegen ist mir in diesem Moment wirklich nicht nach einem Plausch mit ihr zumute.
»Meine Toilettenspülung funktioniert nicht!«, ruft sie allen zu, als hielte sie von der Treppe aus eine Willkommensrede.
»Das tut mir leid, Mrs Leigh. Ich schaue mir die Sache gleich an, sobald ich die neuen Gäste versorgt habe.« Ich lächle angespannt, um ihr zu signalisieren, dass es gerade nicht passt.
Leider kommt die Botschaft nicht bei ihr an.
»Nun, ich würde nicht …«
Die wartenden Gäste sehen alles andere als begeistert aus. Garantiert verfassen Mr Keuch und Mrs Schnauf am Ende der Schlange im Geiste schon vernichtende Bewertungen für TripAdvisor.
»Okay, Mrs Leigh, ich verstehe. Ich bin gleich bei Ihnen und bringe Ihnen dann auch Ihr Sandwich.«
Normalerweise servieren wir kein Abendessen, aber Mrs Leigh ist nun einmal Stammgast und verträgt den riesigen Teller Scampi und Pommes nicht, der im Pub um die Ecke serviert wird. Deswegen mache ich normalerweise eine Ausnahme und treibe abends ein Käsesandwich für sie auf.
»Entschuldigung, wo waren wir stehen geblieben?«, wende ich mich wieder an das Paar am Anfang der Schlange und versuche, mit meinem fröhlichsten Gesichtsausdruck und meiner muntersten Stimme gegen ihre finsteren Mienen anzukämpfen. Hoffentlich werden wir nicht wieder unterbrochen!
»Würden Sie mir bitte Ihre Namen verraten?«
»Mrs Jolly«, erwidert sie kurz angebunden.
Leider muss ich kurz prusten. Der Name, zu Deutsch »fröhlich«, passt aber auch wirklich wie die Faust aufs Auge!
»Ich dachte, Ihre Pension hätte vier Sterne?«, platzt es ganz schön direkt aus Mr Jolly heraus, während er auf das Drei-Sterne-Schild deutet, das hinter mir an der Wand hängt.
»Der vierte Stern bin ich«, sage ich grinsend, anstatt ihm die Feinheiten der unterschiedlichen Bewertungssysteme zu erklären.
Das findet er nicht besonders witzig. Seine Augenbrauen ziehen sich noch weiter zusammen.
Scheint nicht der richtige Moment für Späße zu sein.
»Ich bin Simon, und vielleicht begegnen Sie während Ihres Aufenthalts auch meiner Tochter Anna. Sollten Sie etwas brauchen, wenden Sie sich doch bitte an einen von …«
»Können wir die Speisekarte für den Zimmerservice bekommen?«, bellt er. Er ist so groß, dass er sich unter den dunklen Holzbalken, die nur wenige Zentimeter über seinem Kopf schweben, bücken muss und ein wenig fehl am Platz wirkt.
»Es tut mir leid, aber wir servieren kein Abendessen. Um die Ecke gibt es aber ein Pub, das sehr gutes Essen hat.«
»Aber Sie haben doch eben zu der Dame gesagt, dass Sie ihr ein Sandwich bringen?«
»Sie ist ein …« Ach, es hat keinen Sinn, es ihm zu erklären. Danke auch, Mrs Leigh! »Okay, ich kann Ihnen ein Sandwich machen, aber es wird nichts Besonderes. Käse, ja?«
»Prima.«
Danke.
»Sie sind in Zimmer 5, im obersten Stockwerk. Da hinten ist die Treppe.« Mit diesen Worten überreiche ich ihnen den Schlüssel.
»Gibt es einen Lift?«
Lift?! Das hier ist ein Cottage aus dem neunzehnten Jahrhundert!
»Nein, leider nicht.«
»Und einen Pagen?«
Heiliger Bimbam, wir sind doch hier nicht im Ritz.
»Tut mir leid. Hier gibt es nur mich.«
»Können Sie dann unsere Taschen nach oben tragen?«
Nur mit Mühe unterdrücke ich ein Seufzen.
»Ich bringe Sie Ihnen zusammen mit den Sandwiches, sobald ich die anderen Gäste empfangen habe, ja?«
Das Paar nickt unbeeindruckt, ehe es geräuschvoll die Treppe hinaufpoltert.
»Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt!«, rufe ich ihnen nach und weiß jetzt schon, dass sie hundertprozentig ein Problem mit dem Zimmer haben werden.
Nachdem ich die restlichen Gäste versorgt habe, hole ich die Tafel herein, die vor dem Cottage steht, und bewundere kurz die leuchtend pinken Blumen im Garten und die hügelige, sattgrüne Landschaft, die das Cottage umgibt – und nicht zuletzt natürlich den blauen Meeresstreifen, der zwischen den Hügeln hervorlugt.
Die Natur, die Thomas Hardy und später Ian McEwan inspiriert hat, lenkt mich immer wieder von meinen Aufgaben ab!
Während der Hochsaison im Sommer geht es in der alten Schlossruine auf dem Hügel zu wie in einem Ameisenhaufen. Auf der Suche nach den spektakulärsten Fotomotiven klettern die Touristen überall hinauf. Vom Schloss aus hat man einen herrlichen Blick auf die Jurassic Coast und den Chesil Beach. Heute Abend aber ist dort niemand zu sehen. Ich schaue zu der leeren Bank auf dem Hügel, die früher einmal mein und Carolines Platz gewesen ist. Von dieser Bank aus haben wir die Sonnenuntergänge beobachtet, als wir von Cheltenham nach Dorset gezogen sind. Wir sahen auf die Baustelle unten am Cottage hinab und planten unser neues Leben – ein friedlicher Moment fernab des Trubels. Und kurze Zeit später, früher als geplant, gesellte Anna sich zu uns auf die Bank. In jenen Jahren trug ich sie huckepack den Hügel hinauf und wirbelte sie durch die Luft, ließ sie über meinem Kopf regelrecht fliegen. Bis sie zu schwer wurde und sich einen Ast suchte, um ihn als Wanderstock zu benutzen, so, wie sie es bei meinem Vater gesehen hatte. Als Anna größer wurde, veranstalteten wir drei hier oben regelmäßig Picknicks. Wir waren eine glückliche Familie. Doch dann wurden aus dreien wieder zwei. Caroline ging von uns. Und wenn ich jetzt hinaus auf die Landschaft blicke, befürchtet ein selbstsüchtiger Teil in mir, dass ich nach Annas Hochzeit ganz alleine hier sitzen werde.
Als ich hineingehe, um die Sandwiches zu machen, fällt mein Blick auf den gerahmten Zeitungsausschnitt neben der Tür, der zusammen mit anderen Auszeichnungen und Erinnerungen, die wir über die Jahre hinweg angesammelt haben, dort hängt. Der Artikel zeigt Caroline und mich bei der Eröffnung des Castle Cottage vor dreißig Jahren und stammt von der Titelseite der örtlichen Gazette. Zugegeben: Auf der Titelseite dieser Zeitung zu landen ist nicht sonderlich schwer. Letzte Woche ging es dort exklusiv um die Schlaglöcher auf der Hauptstraße.
»Ich wette, du lachst dort oben über mich«, denke ich.
Das hier war alles Carolines Traum. Ihre Idee. Ihr leidenschaftliches Projekt. Der Umzug, die Gegend, das B&B. Alles.
Als sie noch da war, fanden wir all die anstrengenden Gäste, die Probleme und Missgeschicke lustig. Wir konnten uns darüber gemeinsam beschweren und herzlich lachen.
Aber vor einem Jahrzehnt ist sie gegangen und nie zurückgekommen, und jetzt bin nur noch ich da.
Allein in einem Haus voller Fremder.
Ist das Brot glutenfrei?«, fragt Mr Jolly, als er die Tür öffnet und auf die Käsesandwiches herabblickt, die ich gemacht habe.
Ich gebe zu, dass ich eine Sekunde lang versucht bin zu lügen.
Das ist mein dritter Gang die Treppe hinauf. Einmal habe ich mit ihren schweren Taschen gekämpft (Weiß der Himmel, was die da drin haben, sie bleiben doch nur zwei Nächte!), und einmal musste ich mich um Mrs Leighs Toilettenprobleme kümmern. Ein Anblick, auf den ich liebend gern verzichtet hätte. Vielleicht sollte sie auch mal über glutenfreie Ernährung nachdenken?
»Entschuldigung, von Ihrer Zöliakie haben Sie gar nichts erwähnt?«, frage ich.
»Wir ziehen glutenfreie Ernährung einfach vor. Haben wir das nicht gesagt?« Mr Jolly dreht sich zu seiner Frau um.
»Nein, haben Sie nicht«, seufze ich.
In der Hoffnung, dass sie mir einfach diese ollen Sandwiches abnehmen, sage ich nichts mehr. Tun sie aber nicht. Stattdessen starren sie mich an.
»Bekommen wir stattdessen zwei glutenfreie Sandwiches?«
Ein »bitte« wäre nicht verkehrt.
»Sicher.«
»Haben Sie auch Kekse?«, ruft Mrs Jolly.
»Ich fürchte, glutenfreie haben wir nicht.«
»Das ist schon okay. Was auch immer da ist.«
Als ich gehe, beiße ich mir auf die Unterlippe und stelle fest, dass ich morgen ihr Frühstück machen muss. Toll.
»Eine Sache noch«, ruft Mr Jolly mir nach, als ich schon an der Treppe angelangt bin. Soll ich einfach so tun, als hätte ich ihn nicht gehört? »Das WLAN scheint nicht zu funktionieren!«
»Ich kümmere mich drum!«, rufe ich und presche die Stufen hinab, ehe ein weiterer Gast den Kopf aus der Tür streckt und mir mit einem Problem kommt. Im Laufe der Jahre habe ich sie alle gehört. Da war dieser Mann, der sich darüber beschwerte, dass der Ausblick auf den Fotos schöner ausgesehen habe, und dem ich erklären musste, dass es momentan eben neblig sei. Oder die Familie, die mich bat, ihre Wand zu streichen, weil sie kein Gelb mochte. Die Frau, die im Namen ihres Hundes eine Kostenerstattung verlangte …
Allerdings hat Mr Jolly nicht ganz unrecht, was das Internet betrifft. Der Empfang in unserem kleinen B&B ist ziemlich unbeständig, und den Gästen – besonders denen, die sich aus London herausgewagt haben – scheint nicht klar zu sein, dass das hier ein isoliertes, verschlafenes Dörfchen auf dem Lande ist. Und auch nicht, dass ich nicht der Betreiber der British Telecom bin.
Ich stelle die zwei Teller auf dem Rezeptionstresen ab und wende die einzige Methode an, die ich kenne, um das WLAN zu reparieren: Ich schalte den Router aus und wieder an. Während ich darauf warte, dass das grüne Licht aufleuchtet, knabbere ich an den verschmähten Sandwiches. Mein Arzt wird noch an mir verzweifeln. Er hat mir bereits Statine verschrieben, um meinen Cholesterinspiegel zu senken, und heute habe ich wieder jede Menge zurückgewiesener Würste, Scones und nun auch noch dieses Käsesandwich verdrückt.
Kauend knipse ich die Schreibtischlampe an und sehe durch meine Brille hinab auf die leuchtend bunten Post-it-Zettel, die den Tisch zu überschwemmen drohen.
– Mrs Leighs Toilette reparieren
– Drei Käsesandwiches machen
– Taschen in Zimmer 5 bringen
– Tafel aus dem Garten reinholen
– Zeitung lesen!
Fast geschafft. Ich knülle die Zettel mit den erledigten Aufgaben zusammen und will den orangefarbenen Knäuel lässig in den Papierkorb werfen. Er prallt aber von der Kante ab und fällt auf den Boden. Ist das nicht eine prima Zusammenfassung meines heutigen Tages?
Schließlich wird das Licht endlich grün, und der Computer piept immer wieder lautstark, um den Eingang mehrerer E-Mails zu verkünden und zu beweisen, dass das WLAN funktioniert. Gott sei Dank. Immerhin eine Sache läuft.
Ehe ich Mr Jolly Bescheid gebe und die nächste Runde Sandwiches schmiere, überfliege ich rasch meine Mails. Der übliche Spam ist eingetroffen, außerdem ein paar Benachrichtigungen von booking.com und einige direkte Buchungen.
Es ist mal wieder Sale bei Ryanair – wann eigentlich nicht? Mein Energieversorger möchte den Zählerstand ablesen, und Facebook informiert mich über, nun ja, jedes Kinkerlitzchen.
Ich habe mich dort nur angemeldet, um Annas Fotos und Posts sehen zu können.
»Wünsch Genny einen schönen Geburtstag.«
Ich weiß nicht mal, wer das sein soll.
»Kurz-Und-Fündig Dorset: Secondhand-Drehstuhl im Sonderangebot!«
Nein danke.
»Neuer Post in der Gruppe QAB Schule Alumni.«
Ehe ich die Benachrichtigung lösche, fällt mein Blick auf einen Namen, den ich lang nicht mehr gelesen habe.
Der mir aber viel bedeutet.
Mein Herz bleibt stehen.
Wieder und wieder lese ich den Post, bis ich es kapiert habe.
»Raj Sharma, der die Schule von 1970 bis 1975 besuchte, starb am Freitag, den 26. April, unerwartet mit sechzig Jahren. Am Montag, den 6. Mai, findet im Haus der Familie eine Trauerfeier statt. Alle sind willkommen. Bitte tragt Weiß. Weitere Details findet ihr hier.
Raj.
Tot.
Ich kann es nicht fassen.
Damals
Wie weit ist es noch?«, ruft Raj Simon und Ian über den Verkehrslärm hinweg zu, während sie versuchen, einen weiteren steilen Hügel in Bristol nach oben zu strampeln. Ihre Beine schmerzen, sie sind fix und fertig.
Auch wenn der Rückweg angeblich immer kürzer erscheint, ist das hier nicht der Fall. Der Rückweg der Jungs von Bordeaux nach Hause kommt ihnen inzwischen wie eine halbe Ewigkeit vor, und die abgesagte Fährfahrt, ein Loch im Reifen und jede Menge Pech unterwegs haben es auch nicht besser gemacht. Die unpraktischen Glamrock-Outfits, in denen sie ihre Tour nach Frankreich vor drei Wochen begonnen haben, sehen jetzt schon viel weniger glamourös aus. Die glänzenden gestreiften Hosen sind jetzt matschbesprenkelt und müffeln. Tatsächlich ist das nasse und miese britische Sommerwetter, das ihnen jetzt ins Gesicht schlägt, ihre erste Dusche seit Tagen. Während sie im prasselnden Regen tapfer ihren Weg die Park Street hinauf zum Internat fortsetzen, suchen Fußgänger in den roten Telefonkabinen Schutz, und Frauen schubsen ihre Kinderwägen in die Läden. Jeder versucht, dem Wolkenbruch zu entkommen.
»Nur noch ein paar Minuten! Wenn wir uns beeilen, werden wir nicht erwischt! Los jetzt!« Simons Durchhalteparole wird von dem Knattern eines sie überholenden Mopeds übertönt. Das hektische Stadtzentrum bildet einen krassen Gegensatz zu der Stille des ländlichen Frankreichs.
»Wir dürfen uns nicht erwischen lassen …«, sagt Raj und versucht, Simons Tempo zu halten. Seine Stimme zittert, weil ein grüner Doppeldeckerbus durch eine der riesigen Pfützen rast und ihnen eine weitere Dusche verpasst. Der tiefschwarze ordentliche Seitenscheitel, den Raj normalerweise trägt, ist längst verschwunden. Stattdessen ist sein Haar jetzt genauso zerstrubbelt wie Simons und Ians lange Zotteln. Er ist klein, dünn und sieht am jüngsten aus, obwohl er der Älteste des Trios ist.
Ian Pratt – rothaarig und in jederlei Hinsicht massiv – bildet das Schlusslicht. Das Rad, das sie sich in der Schule »geborgt« haben, sieht unter ihm richtig winzig aus. Überhaupt eignen sich die Räder kaum für eine Fahrt durch die Stadt, geschweige denn für die um die tausend Kilometer, die sie gerade zurückgelegt haben.
Ihre Eltern denken, dass sie in Wales in dem Sommercamp der Schule waren. Die Schule denkt, dass sie vor drei Wochen nach Hause in die Ferien gefahren sind. Und in Wahrheit sind sie den ganzen beschwerlichen Weg nach Bordeaux geradelt, um Simons französische Brieffreundin zu besuchen.
Die Jungs haben die vergangenen Monate über die Korrespondenz zwischen Schule und Eltern abgefangen und abgewandelt und es so bis jetzt geschafft, sich mit ihrem raffinierten Plan durchzumogeln.
Sie dürfen nicht an der letzten Hürde scheitern!
Der erfolgreiche Abschluss ihrer Reise hängt davon ab, dass sie noch mittags im Internat ankommen und so genug Zeit bleibt, die Räder heimlich abzustellen und sich zu waschen. Sie haben ihre Eltern gebeten, sie um fünfzehn Uhr abzuholen, und gesagt, sie würden vor dem Schultor auf sie warten – um dann so zu tun, als hätte der Schulbus sie gerade abgesetzt. In Wirklichkeit soll der Bus um sechzehn Uhr ankommen, und um diese Zeit sind sie längst über alle Berge. Weder die Schule noch ihre Eltern werden je von dem Abenteuer erfahren!
Ein Klacks!
Wäre es nicht bereits zehn vor drei.
»Das wird echt knapp!«, ruft Raj nach einem Blick auf seine Uhr, nachdem sie endlich oben auf dem Hügel angekommen sind und an der Ampel halten müssen.
Die Schule – die Ziellinie – ist nur noch wenige Minuten entfernt.
»Wir sind fast da. Das kriegen wir hin!«, triumphiert Ian, als er heftig keuchend zu den anderen aufschließt. »Wir müssen nur schnell die Räder verstecken, dann wird niemand je davon erfahren.«
Er beginnt, David Bowies Rebel, Rebel zu summen, das die inoffizielle Hymne der Reise geworden ist. Sofort strahlen sich alle drei Jungs an, stolz, dass sie diese verrückte Reise zu Ende gebracht haben. Das ist für drei unsportliche sechzehnjährige Musiknerds, die noch nie zuvor das Land verlassen haben, eine gewaltige Leistung.
»Mach schon, doofe Ampel.« Simon starrt auf das rote Licht, das eine Ewigkeit braucht, um umzuspringen. Er fummelt an seiner großen Brille mit den dicken Gläsern herum und reibt an seinem Kinn, an dem die ersten Barthärchen sprießen.
Während sie warten, hören sie den lauten Auspuff eines Fahrzeugs, das sich ebenfalls den Hügel hinaufkämpft. Die schmutzige Abgasluft füllt ihre Lungen.
Simon dreht sich nach dem Fahrzeug um, das rechts neben ihnen zum Stehen kommt. Wohl wieder einer der vielen Lkws, die ihnen in den letzten Wochen auf den Straßen das Leben schwer gemacht haben.
»Shit.« Simons Gesichtszüge entgleisen.
»Das ist doch wohl ein Witz.«
Das kann nicht sein.
Leider doch.
Simon starrt seinen Klassenkameraden Mark Thompson an, der sie durch das Rückfenster des Schulbusses hindurch wissend angrinst.
Sobald es grün wird, fährt der Bus weiter, aber die Jungs bleiben wie angewurzelt stehen.
»War das …« Raj sieht dem Bus nach, der in der Ferne weiterzuckelt.
»Was macht der denn so früh hier?« Ian guckt perplex aus der Wäsche.
Simon hält sich die Hand an seine Stirn und sieht erst hinauf in den Himmel und dann hinüber zu den anderen.
»Wir. Sind. Im. Arsch.«
Sobald die Jungs am Schultor angekommen sind, strömen die anderen Schüler aus dem Bus und in die Autos ihrer Eltern.
Simon, Raj und Ian sehen einander an und wissen, dass sie aufgeflogen sind.
Sie steigen von den Rädern und schlurfen los, in Erwartung des anstehenden Donnerwetters. Simon schaut hinüber zu Raj und rechnet schon damit, ihn vor Sorge hyperventilieren zu sehen, aber er wirkt relativ gelassen.
»Ich würde sagen: Was auch immer jetzt passiert, es hat sich trotzdem gelohnt. Klar, es war nicht leicht, und wir haben öfter mal gestritten, aber ich danke euch für ein paar tolle Wochen. Das war vielleicht die beste Zeit meines Lebens. Also, na ja, vielen Dank«, nickt Raj Simon und Ian zu.
»Jepp, das finde ich auch. Ich hoffe, wir machen das eines Tages wieder«, sagt Ian eilig, während seine Blicke besorgt hin und her huschen.
»Ich hatte auch eine super Zeit. Danke, dass ihr mitgekommen seid. Allein hätte ich das nie geschafft!« Simon bringt ein Lächeln zustande, obwohl er weiß, was gleich passieren wird.
Als sie um die Ecke in die Schuleinfahrt biegen, linst Simon, der die Gruppe tapfer anführt, durch das Tor und sieht dort seine und Rajs Eltern mit dem Schulpersonal stehen.
»Pssst! Wartet!«, ruft er den anderen leise zu, woraufhin sie mitten im Schritt stehen bleiben. Sie lehnen ihre Räder vorn an die Schulmauer und lauschen den lauten Stimmen.
»Haben Sie etwa unsere Söhne verloren?«, fragt Rajs Dad besorgt.
»Nein, Mr Sharma. Gerade weiß ich nicht genau, wo sie sind, aber ich bin sicher, dass es eine logische Erklärung gibt und wir bald herausgefunden haben, wo sie stecken«, versucht der Schuldirektor die Situation zu entwirren.
»Haben Sie sie in Wales gelassen?«
»Nein, nein, selbstverständlich nicht! Sie sind definitiv nicht mit auf die Reise gegangen.«
»Aber wenn sie nicht dabei waren … Dann sind sie jetzt seit drei Wochen verschwunden?«
»Ich verstehe Ihre Sorge, aber ich bin sicher, dass sich bald alles aufgeklärt hat. Warten Sie doch bitte einen Moment, dann frage ich unsere Sekretärin nach unseren Akten.«
Simon späht erneut um die Ecke und sieht, wie der Direktor die Stufen hinaufeilt. Ob sie jetzt einfach auftauchen und reinen Tisch machen sollten?
»Deine Eltern sind noch nicht da«, flüstert Simon Ian zu.
»Typisch!« Ian verdreht die Augen, nicht sicher, ob er erleichtert oder enttäuscht sein soll. »Kann ich also einfach nach hinten gehen und mein Rad dort abstellen?«
»Was, und wir zwei sollen alles ausbaden? Das ist nicht fair!«
»Komm schon, Ian, wir haben das zusammen durchgezogen. Einer für alle, alle für einen …«, sagt Raj.
Ian sieht ihn skeptisch an.
Noch ehe sie sich selbst stellen können, hören sie, wie Mr Jones die steinernen Stufen wieder hinabeilt.
»Wir wurden informiert, dass die Jungs zum Ende des Schuljahres nach Hause …«, versucht Mr Jones zu erklären, doch er wird direkt unterbrochen.
»Nein, sie sind definitiv in das Camp gefahren. Das steht in den Briefen, ich habe das schwarz auf weiß«, erwidert Simons Vater wütend.
»Schauen Sie her, Mr Brown, Sie haben unterschrieben, dass Ihr Sohn zum Semesterende nach Hause fährt.«
»Wenn die Bengel aber nie zu Hause angekommen sind, wo stecken sie dann?«
Simon verzieht das Gesicht.
»Zeit, sich zu stellen?«
Zögernd laufen die Jungs durch das Tor und lassen die Fahrräder auf der Straße stehen.
»Brown! Sharma!«
Sobald die dröhnende Stimme des Direktors ertönt, sehen alle sofort zu den Jungs.
Simon fragt sich, weshalb Mr Jones nur zwei Namen genannt hat, und sieht sich um. Heiliger Bimbam, Ian hat sich aus dem Staub gemacht!
»Verdammter Mistkerl«, flüstert Simon.
»Gentlemen, wo waren Sie, wenn man fragen darf?«, erkundigt sich der Direktor, sobald sie näher kommen.
Simon und Raj sehen sich an und hoffen, dass dem anderen eine gute Erklärung einfällt. Aber es hat beiden die Sprache verschlagen. Aus der Nummer kommen sie so leicht nicht heraus.
Die Stille ist tausendmal unangenehmer, als drei Wochen auf einem zerklüfteten Fahrradsattel zu sitzen.
»Wir sind nach Frankreich gefahren«, murmelt Simon irgendwann, nachdem er sich mit einem Blick zu Raj die Erlaubnis für das Geständnis geholt hat.
Es ist nicht der Schuldirektor, vor dem er sich fürchtet. Viel mehr Angst hat er vor seinem Vater Reginald. Sein Gesicht ragt puterrot aus dem Anzug hervor. Doch er sieht nicht wütend aus, sondern, noch schlimmer, beschämt.
»Ihr wart wo?«
»In Frankreich.«
»Was zur Hölle wolltet ihr da?«
Reginald sieht auf Simon hinab.
»Wir wollten Sylvie besuchen.«
»Wer ist das?«, fragt Mr Sharma.
»Deine Brieffreundin?« Reginalds Gesichtsfarbe wechselt von Rot zu Violett. »Hatte ich dir nicht ausdrücklich untersagt, an diesem Austausch teilzunehmen? Ich habe doch mit deinem Lehrer Mr Sullivan darüber gesprochen. Wie kann es sein, dass er dich ohne meine Erlaubnis mitgenommen hat?«
»Die französische Austauschgruppe ist letzte Woche zurückgekehrt«, wirft der Direktor ein und sieht genauso verwirrt aus wie die Eltern.
»Wir … wir sind allein gefahren«, stammelt Raj.
»Was soll das heißen, ihr seid allein nach Frankreich gefahren?«, fragt Mr Sharma.
»Wir sind geradelt«, erwidert Simon und starrt auf den Boden.
Die vergangenen Wochen über haben sich die Teenager wie echte Erwachsene gefühlt – sie haben die Unabhängigkeit geschmeckt, die Welt erkundet –, aber jetzt, da sie in ihren durchnässten Klamotten in der Einfahrt stehen, kommen sie sich auf einen Schlag wieder wie ungezogene Kinder vor.
»Nur ihr zwei?«, fragt Mr Jones misstrauisch.
Die Jungs sehen sich an.
»Ja«, erwidern sie wie aus einem Munde.
»Solche Mätzchen hätte ich vielleicht von den anderen Schülern erwartet, aber nicht von euch.«
»Wie konnten Sie die Jungs bloß allein nach Frankreich fahren lassen? Bringen Sie ihnen hier überhaupt irgendetwas bei?!« Reginald dreht sich zum Schuldirektor um, der bis jetzt ruhig geblieben ist, nach dieser Provokation aber ebenfalls rot anläuft.
»Mr Brown, dieselbe Frage könnte ich Ihnen stellen. Ihr Sohn hat uns belogen. Er hat so viele Schulregeln gebrochen, dass ich sie nicht einmal alle aufzählen kann! Ich fürchte, für derart unehrliche Schüler ist an dieser Schule kein Platz.«
»Es tut mir sehr leid, wie Raj sich benommen hat, Mr Jones. Er wird bestraft werden und es im September wiedergutmachen«, entschuldigt sich Mr Sharma.
»Ich fürchte, dafür ist es zu spät. Keiner der beiden Jungs ist hier im September noch willkommen.«
»Was? Nein!«, keucht Simon. Er reißt den Blick von seinen Schuhen los und sieht hinüber zu Raj, der vollkommen fassungslos wirkt.
Mr und Mrs Sharma schütteln entsetzt den Kopf, während Reginald Simon anstarrt. Er ist sichtlich beschämt angesichts des Verhaltens seines Sohnes. »Pack deine Sachen und sei in fünf Minuten im Auto. Lass mich nicht warten«, sagt er in eisigem Tonfall.
Als Simon bedrückt in die Schule und in sein Zimmer trottet, um den Koffer zu holen, den er unter dem Bett versteckt hatte, bleibt ihm keine Zeit, in seinem Postfach nachzusehen. Er hat nicht einmal Gelegenheit, sich ordentlich von Raj zu verabschieden oder von Ian, wo auch immer der stecken mag.
Er geht zum letzten Mal aus der Schule und fragt sich, wie das alles nur so furchtbar schiefgehen konnte.
In dieser Nacht tue ich kaum ein Auge zu, weil in meinem Kopf immer wieder dieselben Worte herumwirbeln.
Raj. Tot.
Vollkommen fertig wache ich morgens auf und greife sofort nach meiner Brille, um einen Blick auf den Wecker zu werfen. Es ist erst sechs Uhr. Sofort laufen vor meinem inneren Auge die Jahre ab, die Raj und ich miteinander verbracht haben, und ich bin nicht sicher, ob ich schon so richtig wach bin oder noch schlafe.
Ich erinnere mich an Dinge, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Wieder und wieder, in Dauerschleife. Ich sehen ihn lächeln. Höre sein Lachen. Unser echtes Lachen. Das, das man nur in diesem Alter lacht.
Unsere Freundschaft wuchs während unserer fünf Jahre auf dem Internat, wo wir vierundzwanzig Stunden am Tag miteinander verbrachten, sieben Tage die Woche. Wir waren eher Brüder als Freunde.
Während ich mich anziehe, frage ich mich, ob ich überhaupt trauern darf. Immerhin habe ich Raj, seit unser Kontakt gezwungenermaßen abbrach, weder gesehen noch gehört. Dennoch macht die Nachricht von seinem Tod mich unendlich traurig.
Ich denke zurück an jene Reise. An die peinlichen Diskoabende in der Schule, an denen wir unbeholfen nebeneinanderstanden und von einem Fuß auf den anderen traten. An all die Diskussionen und Streits, an die Debatten über Musik, Bands und Künstler. Glamrock bildet den Soundtrack meiner Erinnerungen. Die Lyrics von T. Rex’ Teenage Dream erscheinen mir passender denn je.
Tot. Mit gerade einmal sechzig Jahren.
Wenn ich mir Raj vorstelle, dann kann ich dabei nur an die Teenagerversion denken, die ich kannte. Ich überlege, ob ich Anna anrufen soll, aber die ist wahrscheinlich noch nicht wach. Außerdem will ich sie nicht bei ihren aufregenden Hochzeitsplanungen stören. Stattdessen beschließe ich, etwas zu suchen, das meine Erinnerungen lebendiger macht.
Ich stehe auf, schlüpfe in irgendwelche wahllosen Klamotten und gehe hinunter zur Rezeption, wo ich eine Notiz für Mrs Cook hinterlasse – damit sie für Zimmer 5 ein glutenfreies Frühstück zubereitet. Ich hoffe, sie kriegt das hin, ohne die beiden zu beleidigen.
Ich schlendere an Daisy vorbei, die sich auf wundersame Weise von ihrer mysteriösen Krankheit erholt hat und gerade den Frühstücksraum vorbereitet. Weil sie Kopfhörer trägt, hört sie mich nicht, als ich ihr zu sagen versuche, dass ich auf den Dachboden gehe.
Im engen Flur des obersten Stockwerks des Cottage ziehe ich die weiße Falltür von der Decke und klappe die silberne Metallleiter herunter. Sie ist steil und wacklig, und ich schwanke ein bisschen, als ich hinaufsteige, sodass ich mich an der Wand abstützen muss. Anna wird garantiert sauer sein, dass ich allein auf den Dachboden gehe. Wir haben jenes Alter erreicht, in dem sich die Dynamik unserer Beziehung ziemlich verändert hat.
Als wir nach Dorset gezogen sind, haben wir unsere alten Leben auf dem Dachboden verstaut und sie nie wieder hervorgeholt. In all den Jahren bin ich allenfalls nach oben gegangen, um unseren Reisekoffer zu holen oder die Weihnachtsdeko nach unten zu bringen, mit deren Hilfe ich das Cottage in ein Winterwunderland verwandelte.
Jetzt ist der Koffer längst im Ruhestand und fristet sein Dasein an diesem dunklen, finsteren Ort statt an sonnigen, fernen Reisezielen. Und zu Annas großer Enttäuschung hole ich mittlerweile nur noch eine kleine Auswahl an Weihnachtsdeko nach unten. Eigentlich gehe ich bloß noch auf den Dachboden, um mich um die gefürchteten Mäuse zu kümmern.
Als ich oben angekommen bin, drücke ich rechts auf den Lichtschalter und sehe mich um. Beinahe zucke ich zusammen, als mein Blick auf die Sammlung von Weihnachtsmännern in sämtlichen Größen und Formen fällt, die zu mir herüberstarren. Man könnte damit eine ganze Shoppingmall dekorieren! Hinter dem Weihnachtsschmuck baumelt eine einzelne nackte Glühbirne von der Decke und wirft ihr mattes Licht auf eine Ansammlung von Kartons und Plastikkisten.
Ich weiß noch, dass mir der Dachboden in meinem Elternhaus als Junge immer wie ein mysteriöser Ort voller Geheimnisse erschien.
Heute ist die Situation ähnlich geheimnisvoll, weil ich keine Ahnung habe, ob die Beschriftungen auf den Kartons ihrem Inhalt tatsächlich entsprechen. Es ist eine Art Glücksspiel.
Ich hätte schon vor Jahren Ordnung schaffen sollen!
Ich schwinge meine Beine herum und stemme mich von den Stufen hinauf.
Autsch. Als ich mein Knie anstoße, stöhne ich auf und klemme mir beinahe einen Finger in einer Mäusefalle ein.
Ganz offensichtlich bin ich nicht mehr so fit wie früher. Extravorsichtig tappe ich über die Holzdielen. Während ich mich ganz auf den instabilen Boden konzentriere, vergesse ich mich zu bücken und stoße mir den Kopf an einem der niedrigen Holzbalken.
»Verdammt!«
Vielleicht war es keine gute Idee, hier hochzukommen.
Über mir höre ich die nervigen Möwen auf dem Dach herumhüpfen, und unten machen sich die ersten Gäste auf den Weg in den Frühstücksraum.
Ich öffne die erste Kiste und wische die Spinnweben und den Mäusedreck weg.
Darin befinden sich ein paar von Carolines Sachen. Irgendwie habe ich es nie übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen. Ich stemme die Kiste komplett auf und fahre mit den Händen über ihre Klamotten. Dann greife ich nach einem marineblauen Cardigan, einem ihrer liebsten Kleidungsstücke, und halte ihn in die Luft. Selbst nach all den Jahren treten mir dabei die Tränen in die Augen. Ich halte die Jacke an meine Nase und hoffe, dass sie noch ein klein wenig nach Caroline riecht, aber ihr Duft hat sich längst verflüchtigt.
Plötzlich frage ich mich, ob Raj verheiratet war und wie schmerzhaft die Situation für seine Ehefrau sein muss, falls es eine gibt.
Es ist ein Schmerz, der ein Leben lang nicht verschwindet.
Die nächste Kiste ist voll mit Sachen von Anna. Als ich ein Foto von ihr in ihrem Netzball-Outfit hervorziehe, muss ich lächeln. Mir ist, als hätte ich sie erst gestern in der Kinderkrippe abgegeben! Ich ziehe ihre Zeichenhefte aus der Mittelstufe hervor und bewundere ihr Talent, während ich durch Seiten voller Gebäude und Häuser blättere. Sie hat mein Händchen für Mathematik und Carolines künstlerisches Talent geerbt und wollte Architektin werden, bis der Tod ihrer Mutter alles veränderte.
Mit jeder geöffneten Kiste werde ich tiefer in die Vergangenheit katapultiert, an einen bestimmten Ort oder in einen Moment hinein – ausgelöst durch ein Bild, einen Geruch oder Gegenstand. Es ist, als wanderte ich durch ein Museum, das unserem Leben gewidmet ist. Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, aber ich darf mich nicht ablenken lassen.
Da die Dachbalken so niedrig sind, krieche ich jetzt auf allen vieren. Meine Knie schmerzen, während ich sie über den rauen Holzboden schiebe. Je tiefer ich in den Dachboden hineinkrabble, desto weiter reichen die Erinnerungen zurück. Schließlich greife ich nach den Kisten ganz hinten – jene, die wir bei unserem Einzug als erste verstaut haben.
Ich öffne einen Karton voll von meinen alten Melody Maker-Heften und frage mich, ob ich sie einem Sammler verkaufen sollte, ehe die Motten und Mäuse die Musikzeitschriften vollkommen ruiniert haben. Kurz bin ich versucht, in ihnen zu blättern und mich an die glorreichen Zeiten der Musik zu erinnern. Aber als ich gerade nach einem der Hefte greifen will, fällt mein Blick endlich auf die Kiste, nach der ich gesucht habe. Reichlich unelegant und mühsam manövriere ich mich unter den Spinnweben hindurch über die Dielen in die tiefsten Untiefen des Dachbodens hinein.
»Simons Schulsachen« steht an der Seite der Kiste, und dieses Mal stimmt die Beschriftung.
»Hab ich dich«, rede ich mit mir selbst und reiße das Klebeband ab, um den Karton zu öffnen. Eine Schatzkiste voller Erinnerungen aus meiner Jugend. Ich hole meine Schulkrawatte hervor, aber bei dem schwachen Licht lässt sich der restliche Inhalt der Kiste kaum erkennen. Also beschließe ich, sie mit nach unten zu nehmen, ehe der Frühstücksbetrieb in vollem Gang ist.
Als ich den Deckel schließe, fällt mir ein einzelnes Foto auf, das in der Seite klemmt. Ich halte es dichter vor meine Augen. Es ist ein Bild von mir, Raj und Ian auf unseren Rädern in Bordeaux.
Ich starre Raj an.
Das ist der Raj, an den ich mich erinnere.
Hier kommt die brandneue Single des heißesten Newcomers, der mit der Realityshow auf ITV berühmt wurde …«
»Alexa – mach die Musik aus!«, rufe ich meinem Amazon-Gerät quer durch die Küche zu, um das Radio abzuwürgen. Seit wann spielt Radio 2 die ganze Zeit dieses moderne Zeug? Warum läuft nicht was Ordentliches, ist ihnen nicht klar, wie alt ihre Hörer sind?!
Ich gehe an der Kiste vorbei, die ich vom Dachboden geholt habe und die noch immer unberührt an einer Seite des Raums steht. Seit ich wieder hinuntergekommen bin, hat das tägliche Aufgabenbombardement eingesetzt – zum Beispiel hatte einer der Gäste eine Flasche Rotwein ausgekippt und mir das netterweise erst nach dem Auschecken mitgeteilt, wodurch ich jetzt mit der Vorbereitung des Abendessens in Verzug bin.
Mittlerweile ist es Tradition, dass Anna und Ollie und ich jeden Sonntagabend zusammen essen. Es ist der ruhigste Abend der Woche in der Pension, sodass wir es uns meist ohne allzu viele Unterbrechungen gemütlich machen können. Ich genieße es, beim Abendessen nicht nur den Fernseher als Gesellschaft zu haben, und nach diesem Wochenende freue ich mich besonders auf den Abend.
Mein Rücken knackst, als ich mich hinabbeuge, um nach dem Cottage Pie im Ofen zu schauen – ich mache die Gäste dafür verantwortlich, die mich ihre zehn Tonnen schweren Koffer die Treppe hinaufschleppen lassen haben. Währenddessen plärrt die Musik weiter aus dem kleinen Lautsprecher.
»Alexa! Die Musik! Mach sie aus!«, rufe ich wieder, als ich mich langsam aufrichte. Autsch. Wann wurde eigentlich schon das simple Aufstehen schmerzhaft? Mit jedem Ausruf werde ich lauter und frustrierter.
Dann fällt mir auf, dass ich meinen grauen Wollpulli mit Dosentomaten bekleckert habe. Ich hätte mich vor dem Kochen umziehen oder wenigstens Carolines alte Schürze benutzen sollen, die immer noch im Schrank hängt. Jetzt muss ich den Pulli waschen, und das geht nur per Hand.
»O Sch…peisestärke«, sage ich und halte mich gerade noch vom Fluchen ab, als ich merke, dass Anna und Ollie in die Küche kommen. Ich weiß, dass sie viel schlimmere Ausdrücke auf Lager hat, aber das habe ich noch aus ihrer Kindheit so drin. Da hat sie mal mitbekommen, wie mir »Scheißkerl« rausrutschte, und hat das dann eine Woche lang bei jeder Gelegenheit fröhlich wiederholt. Caroline fand das erst ziemlich witzig, war aber nicht mehr so begeistert, nachdem wir einen Anruf von der Lehrerin bekommen haben.
»Alles okay bei dir, Dad?«, fragt Anna und lacht, weil ich mit mir selbst geredet habe. Jedes Mal, wenn sie lächelt, sehe ich Caroline vor mir. Anna hat ihr dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt eine Jeans und ein weißes T-Shirt. Kann sein, dass ich voreingenommen bin, aber sie ist immer wunderschön.
»Ich glaube, Alexa mag mich nicht«, sage ich entnervt und schulterzuckend zu Ollie, der mir ein mitfühlendes Lächeln schenkt. Er hat die Statur eines Rugbyspielers, ist aber ein freundlicher Riese und außerdem ein Genie. Ollie arbeitet im KI-Bereich oder macht Programmierung, irgendwas in der Art. Ich weiß nur, dass seine Firma Niederlassungen auf der ganzen Welt hat. Er hat Dutzende Male versucht, mir seinen Job zu erklären, aber normalerweise steige ich an dem Punkt aus, an dem es um Programmiersprache geht. Ich bin mir nicht sicher, ob Anna seine Arbeit so ganz versteht.
»Kein Wunder, wenn du sie die ganze Zeit anschreist!«, witzelt Anna.
»Alexa, mach das Radio aus«, versuche ich es erneut.
»Entschuldigung, diesen Befehl kenne ich nicht«, erwidert die digitale Stimme. Der blaue Ring oben auf dem Gerät leuchtet auf.
Ich sehe flehend zu Anna.
»Alexa, bitte mach das Radio aus«, sagt Anna ruhig und deutlich.
Stille senkt sich über den Raum, und ich kann endlich wieder meine eigenen Gedanken hören.
»Danke«, sage ich zu Anna. »Ich weiß nicht, wieso du mir dieses Alexa-Dings geschenkt hast. Irgendwie funktioniert das nie.«
Ich weiß, weshalb sie es mir gekauft hat. Damit ich jemanden zum Reden habe.
»Aber egal. Wie geht es euch? Ich würde euch ja umarmen, aber ich will euch nicht auch noch mit Tomate besudeln! Wie liefen eure Hochzeitsvorbereitungen dieses Wochenende?«
»Na, ich denke, gut! Wir haben alles geregelt, was wir wollten, oder?« Ollie sieht hinüber zu Anna, die ein wenig gedämpft wirkt. »Zugegeben, mir war nicht klar, dass man so viele Entscheidungen treffen muss. Ich habe an einem Wochenende mehr über Blumen gelernt als in meinem ganzen Leben.«
Die beiden sind jetzt schon seit fünf Jahren zusammen, und so ist Ollie eine Art Ersatzsohn für mich geworden. Ich weiß, dass Väter oft ein Problem mit ihrem Schwiegersohn haben, aber Ollie war für Anna stets ein Fels in der Brandung.
»Wollt ihr ein Glas Rotwein?«
»Gern! Brauchst du Hilfe?«, bietet Ollie an, während Anna einfach nickt. So still ist sie eigentlich nur, wenn sie mir etwas sagen will.
Ich werfe einen Blick auf die grünen Bohnen, ehe ich drei Gläser aus dem Schrank hole.
»War hier alles okay?«, erkundigt sich Anna.
»Ach, nur die übliche Ansammlung spezieller Gäste. Du hast nix Spannendes verpasst«, erwidere ich. »Ihr habt sicher Aufregenderes zu berichten! Was habt ihr denn außer der Blumenauswahl noch erledigt?«
Anna ist zu beschäftigt damit, in dem Kalender neben dem Kühlschrank herumzuschnüffeln, in den ich bereits Rajs Beerdigungstermin eingetragen habe. Abgesehen von einem überfälligen Gang zum Optiker ist das diesen Monat mein einziger Termin. Obwohl sie schon seit Jahren nicht mehr hier lebt, hat sie immer noch eine eigene Spalte im Kalender, in die ich ihre Termine eintrage. Ihre Spalte ist viel voller als meine.
»Anna und ich wollten übrigens mit dir über etwas …«
»Wer ist Raj?«, unterbricht Anna ihn mitten im Satz und sieht aus, als versuche sie, sich an seinen Namen zu erinnern, ehe sie Ollie einen strafenden Blick zuwirft.
»Das war einer meiner besten Freunde in der Schule.« Ich entkorke den Wein und gieße uns allen ein Glas ein. »Leider habe ich gestern erfahren, dass er gestorben ist.«
»Oh, warum hast du denn nichts gesagt? Das tut mir leid, Dad. Wo findet die Trauerfeier statt?«
»In Chepstow, seinem Heimatort. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, aber als Kinder standen wir uns sehr nah. Wir haben uns im Internat fünf Jahre lang ein Zimmer geteilt. Du weißt schon, das war einer der Freunde, mit denen ich nach Bordeaux geradelt bin.«
»Was? Du bist mit dem Rad nach Bordeaux gefahren?« Anna verzieht verwirrt das Gesicht.
»Komm schon, Anna, die Geschichte habe ich dir garantiert erzählt!«
»Nein, hast du garantiert nicht. Raj hast du mal erwähnt, glaube ich, aber du hast nie gesagt, dass du nach Bordeaux geradelt bist! Wusstest du das?« Sie wendet sich an Ollie.
»Nein, ich denke nicht«, sagt er und nimmt einen Schluck Wein.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dir davon erzählt habe, als ich dir das Radfahren beigebracht habe«, sage ich zu Anna.
»Da dürfte ich etwa vier gewesen sein, das ist vierundzwanzig Jahre her, Dad! Das weiß ich nun wirklich nicht mehr!«, erwidert sie munter.
Wie kann das bloß vierundzwanzig Jahre her sein?
»Wie dem auch sei. Raj, ich und Ian, ein weiterer Kumpel, sind mit fünfzehn oder sechzehn zusammen nach Frankreich geradelt«, erkläre ich.
»Ganz schön abenteuerlich!« Ollie wirkt beeindruckt.
»Mit fünfzehn hast du mich nicht mal allein ausgehen lassen, geschweige denn nach Frankreich! Hätte ich das doch bloß gewusst und als Druckmittel benutzen können«, scherzt Anna.
»Ehrlich gesagt hätten deine Großeltern mir das auch nicht erlaubt. Sie waren alles andere als begeistert, als sie davon erfahren haben.«
»Du bist gefahren, ohne es ihnen zu sagen?«, lacht Anna. »Warum wolltet ihr überhaupt nach Frankreich?«
Der Timer am Ofen piept.
»Das ist eine lange Geschichte«, sage ich, als ich ihn ausstelle und die Ofenhandschuhe überziehe, um vorsichtig den dampfend heißen Cottage Pie herauszuholen.
»Wir haben den ganzen Abend Zeit!«
Damals
Ist das die Straße?«
»Ja! Wir haben sie gefunden!« Simon blickt hinauf zum Straßenschild und dann wieder auf die gekritzelte Adresse auf dem zerfetzten Zettel in seiner Hand, um sicherzugehen, dass sie wirklich richtig sind. Die drei Jungs sind die letzte Stunde über durch das Zentrum von Bordeaux gekurvt, dreimal vorbei am Opernhaus und an der Kathedrale – und haben versucht, diese kleine Nebenstraße zu finden. Die Stadt ist schmuddeliger und dreckiger, als Simon es sich vorgestellt hatte, aber er hatte auch keine Ahnung, wie es in Frankreich aussieht. Schließlich war er vorher noch nie im Ausland.
»Gott sei Dank!« Ian springt vom Rad und läuft die schmale Gasse entlang. Kein Wunder, dass es so lang gedauert hat, sie zu finden. Die ruhige Straße liegt hinter der Hauptstraße, und auf beiden Seiten stehen nur ein paar Steinhäuser.
»Wir suchen die Nummer zwölf.« Simon konsultiert erneut seinen Zettel, den er fest umklammert hält. Seine feuchten Finger, ganz feucht vor Aufregung, drohen die Schrift zu verschmieren.
Die Jungs gehen die Hausnummern durch, und ihre Köpfe schnellen hin und her, als würden sie ein Tennismatch verfolgen.
»Das ist die fünf … und das die sieben«, sagt Ian laut.
Als sie näher kommen und an einem hübschen Haus mit lichtblauer Tür, weißen Fensterläden und Blumen im Fenster vorbeilaufen, schlägt Simons Herz vor Aufregung und Beklemmung immer schneller.
»Auf der Seite sind die ungeraden Zahlen, also sind hier die geraden. Acht … zehn … zwölf! Das ist es! Das ist ihr Haus. Wir haben es geschafft!«, ruft Raj aufgeregt, als er vor einem Haus mit dunkelgrauer Tür stehen bleibt.
Trotz des unglaublichen Erfolgs, es in einem Stück bis nach Bordeaux und zu Sylvies Haus geschafft zu haben, bleibt Simon ziemlich still. In seinen Augen steht die größte Herausforderung nämlich noch bevor!
Ian und Raj sehen ihn erwartungsvoll an.
Simon aber steht reglos da und versucht, langsamer zu atmen – um nur noch schneller zu schnaufen. Sein Herz hämmert sogar noch heftiger als beim Radfahren.
»Was wirst du zu ihr sagen?«, fragt Raj.
»Ich bin mir nicht sicher, hab nicht wirklich drüber nachgedacht«, antwortet Simon, was nicht ganz stimmt. In Wahrheit hat er die vergangenen Monate über kaum an etwas anderes gedacht. Aber jetzt und hier ist sein Kopf völlig leer.
Was soll er also sagen?
Sylvie weiß nicht einmal, dass er kommt.
Was, wenn sie sich gar nicht über seinen Überraschungsbesuch freut?
»Sie freut sich bestimmt, dich zu sehen!«, sagt Raj, als hätte er seine Gedanken gelesen.
»Ja … das hoffe ich. Na, dann wollen wir mal«, sagt Simon zögernd, als er sein Rad ablegt.
Er war so wild darauf anzukommen, aber jetzt würde er am liebsten einfach weiter durch die Stadt gurken, um sich zu beruhigen.
»Viel Glück, du schaffst das schon«, sagt Raj ermutigend.
»Mach uns keine Schande!«, ruft Ian, als sie zurücktreten und auf der anderen Straßenseite stolz auf Simons erste Interaktion mit dem Mädchen seiner Träume warten.
